Priester, warum nicht auch ich? (2/2)

Überhaupt hat mir der jahrelange Umgang mit Berufungsgeschichten gezeigt, wie unterschiedlich diese verlaufen. Da gibt es diejenigen, die schon als kleine Ministrantenbuben den Wunsch verspürten, einmal selbst am Altar zu stehen. Durch die Jahre der Jugend hindurch ist der Wunsch vielleicht nicht immer gleich lebendig geblieben, doch schlußendlich hat er sich, vertieft durch ein wachsendes Verständnis des Glaubens und angereichert durch weitere wichtige Beweggründe, durchgesetzt. Andere sind erst spät auf den Gedanken gekommen, zum Priester berufen zu sein. Sie haben einerseits die Irr- und Abwege der Gegenwart, die namenlose Traurigkeit der Gottferne wahrgenommen, andererseits die unüberbietbare Freude der Versöhnung mit Gott, die heilsamen Auswirkungen Seiner Wahrheit und Gnade an sich und anderen erfahren. Und so fragten sie sich: „Sollte ich mich nicht als Werkzeug in die Hände Gottes legen, damit Er durch mich möglichst vielen Menschen Seine Schätze zugänglich machen kann? Das wäre doch ein sinnvoller Lebenseinsatz …“

Beide Anziehungspunkte: Altar und Apostolat, können auf einen jungen Katholiken wie starke Magneten wirken. Gerade wer wie Du die Heilige Messe in ihrer traditionellen Gestalt kennt und liebt, weil darin die Darbringung des Erlösungsopfers so deutlich zum Ausdruck kommt, dürfte diesen Drang verspüren. Und wer den Schrei nach Erlösung vernimmt, der heute von überallher an unser Herz dringt, der will doch sicherlich Hilfe bringen. Es gibt aber keine wichtigere, wirksamere Hilfe als die Verkündigung der Heilsbotschaft und die Ausspendung der Heilsmittel, vor allem der Wiedergeburt in der Taufe und der Sündenvergebung in der Beichte. Und werfe bitte auch einen Blick auf unsere krisengeschüttelte Kirche, auf diese Verunsicherung und Verwirrung im Glauben, die Entstellung des Gottesdienstes und die Führungslosigkeit der Menschen: Was könnte hier denn mehr gebraucht werden als gute, glaubenstreue und hingebungsvolle Priester?

Mein lieber Freund, ich schreibe das alles, um Dir Mut zu machen. Man muß nicht perfekt sein, um sich für berufen halten zu dürfen, sondern darf mit Gottes Gnade nach und nach in die Aufgabe hineinwachsen. Es steht auch nirgendwo geschrieben, daß z. B. die Entscheidung für den zölibatären Stand ohne Schwierigkeiten zu sein hat. Aber der Herr macht sie mit Seiner Gnade leicht und läßt den Berufenen immer besser deren Sinn erkennen. Wer sich aufrichtig um eine tiefe persönliche Beziehung zu Jesus Christus bemüht und dabei auch die Hilfe Seiner Diener im Bußsakrament und geistlicher Führung in Anspruch nimmt, der wird mit Sicherheit nicht scheitern. Das können Dir viele, die schon lange als Priester wirken, bezeugen.

Ich hätte Dir noch vieles zu sagen, muß jetzt aber zum Ende meines Schreibens kommen. Daher möchte ich Dir noch eine warme Empfehlung aussprechen: Vom 5. bis 9. Februar 2018 finden in St. Pelagiberg, einem schönen und abgelegenen Wallfahrtsort im Schweizer Kanton Thurgau, Berufungsexerzitien statt. Es geht in diesen Tagen genau um die Fragen, die Dich mit Recht bewegen: um das apostolische Priestertum in seinen vielfältigen Facetten und um die Berufung dazu, um deren Kennzeichen und um die Wege, die zur Verwirklichung führen. Ob Du Dir die Teilnahme nicht überlegen willst?

Auf jeden Fall empfehle ich Dich und Dein ganzes Leben der Gottesmutter. Bei ihr hat sich Jesus Christus selbst auf Seine Sendung zu den Menschen und Seine Erlöseraufgabe vorbereitet. Unter ihrer Führung wirst Du Deinen Weg ganz gewiß finden. So grüße ich Dich von Herzen und bleibe Dir im Gebet verbunden!

Dein P. Bernward Deneke FSSP

[Quelle: Informationsblatt der Priesterbruderschaft St. Petrus (Januar 2018); S. 6-7]

Priester, warum nicht auch ich? (1/2)

Brief an einen namenlosen, jungen Mann, der über seine Berufung nachdenkt

Mein lieber Freund,

für Deine Zeilen danke ich Dir. Nein, es ist kein schlechtes Zeichen, wenn Dich die Frage einer eventuellen Priesterberufung beschäftigt, sogar umtreibt, beunruhigt und zuweilen aufwühlt. Eigentlich sollte sich jeder Katholik irgendwann einmal diese Frage gestellt haben. Schade, wenn es viele niemals oder nur sehr oberflächlich tun!

Ich bin mir sicher: Wer als junger Mann daran glaubt, daß Gott mit uns Menschen bestimmte Pläne hat; wer die Liebe erkennt, die sich in dem persönlichen Anruf Jesu Christi ausdrückt; wer die wunderbaren Gaben betrachtet, die durch die Weihe verliehen werden, und die großen Aufgaben anschaut, die besonders heute auf den Priester warten; und wer einsieht, daß in der Erfüllung des Willens Gottes unser wahres Glück liegt, der kann sich über das Thema „Priesterberufung“ kein Denkverbot auferlegen. Er wird in sich gehen, sich fragen „Warum nicht auch ich?“ und die Sache immer wieder im Gebet vor den Herrn tragen.

Das hast Du, wie Du schreibst, schon öfters getan, aber niemals Klarheit gefunden. Im Gegenteil, die Einwände gegen eine solche Möglichkeit hätten sich jedesmal meterhoch vor Dir aufgetürmt: Welche Vermessenheit für einen sündigen und schwachen Menschen wie Dich, sich auch nur Gedanken über das Priestertum zu machen! Und wie furchtbar wäre ein Scheitern gerade in diesem Beruf … Auch sei Dir eingefallen, wie einfach die Berufungen im Neuen Testament geschildert werden: Andreas und Petrus, Jakobus und Johannes, ebenso der Zöllner Levi und sogar der Christenverfolger Paulus vernahmen ganz eindeutig die Weisung, Jesus nachzufolgen und zu dienen. Davon könne in Deinem Fall überhaupt nicht die Rede sein.

Das ist auch gar nicht verwunderlich, mein lieber Freund. 2000 Jahre nach Seinem irdischen Wirken wird man natürlich nicht mehr von Jesus auf der Straße oder am Strand angesprochen wie Seine Zeitgenossen damals. Und solche außerordentlichen Ereignisse wie die Christusvision des Paulus vor Damaskus hat es zwar zu allen Zeiten gegeben, aber sie bleiben eben außerordentliche Ereignisse, mit denen wir nicht ohne weiteres rechnen dürfen. Besuche einmal unser Priesterseminar in Wigratzbad und sprich mit den Kandidaten. Du wirst feststellen, daß es nur sehr wenige sind, deren Berufung sich auf derart ungewöhnliche Weise abgespielt hat. Die meisten von ihnen befanden sich in einer Lage ganz ähnlich der Deinen. Sie haben das Für-und-wider im Gebet vor Gott, im Gespräch mit Geistlichen und anderen Menschen ihres Vertrauens abgewogen und sind schließlich zu einer Sicherheit gelangt, die zwar nicht von der Art mathematischer Gewißheit ist, die aber für eine wichtige Lebensentscheidung völlig ausreicht.

[Quelle: Informationsblatt der Priesterbruderschaft St. Petrus (Januar 2018); S. 6]

Bischof Huonder zu Gast in Wigratzbad

Bischof Vitus Huonder von Chur in der schönen Schweiz verweilt jedes Jahr einige Tage im Allgäuer Priesterseminar der Priesterbruderschaft St. Petrus in Wigratzbad. Auch in diesem Jahr war dies gegen Ende des Wintersemesters der Fall.

Zelebration der „stillen“ heiligen Messe:

Konsekration einer ganzen Reihe von Kelchen und Patenen:

Einige wenige weitere Bilder sind auf dem französischsprachigen Blog des Priesterseminars zu finden.

Dom Guéranger zum Sonntag Septuagesima (3/3)

Zur Vesper.

[…]

Antiphon zum Magnificat.

Der Hausvater sprach zu seinen Arbeitern: Warum stehet ihr hier den ganzen Tag müßig? Sie aber antworteten ihm und sprachen: Es hat uns Niemand gedungen. So gehet auch ihr in meinen Weinberg, ich werde euch geben, was recht ist.

Gebet.

O Herr, laß das Flehen deines Volkes Gnade und Erhörung vor Dir finden, damit wir, wie wir jetzt um unserer Sünden willen nach Gerechtigkeit gezüchtigt werden, um der Ehre deines Namens willen von allen Strafen nach der Fülle deiner Barmherzigkeit errettet werden. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Vierter Band: Die heilige Vorfastenzeit (Septuagesima); Mainz 1876; S. 139-140]

Dom Guéranger zum Sonntag Septuagesima (2/3)

Zur Messe.

In Rom ist die Station in der Kirche des heiligen Laurentius außerhalb der Mauern. Die alten Liturgisten heben besonders die Beziehungen hervor, welche zwischen dem gerechten Abel, dessen von Bruderhand vergossenes Blut in den Responsorien der heutigen Matutin erwähnt wird, und dem muthigen Martyrer obwalten, auf dessen Grabe die römische Kirche die Vorfastenzeit eröffnet.

Der Introitus der Messe schildert die Todesschrecken, deren Beute Adam und sein ganzes Geschlecht nach dem Sündenfalle ist. Und doch erschallt mitten in dieser hochgehenden Fluth von Trübsal ein Hoffnungsruf. Adam und sein Geschlecht können immer noch die himmlische Barmherzigkeit anflehen; denn am Tage ihrer Verwerfung ward ihnen eine Verheißung gegeben. Mögen sie daher demüthig ihr Elend bekennen, und der Gott, den sie beleidigt haben, wird sie erlösen.

Introitus.

Es haben mich umrungen die Schmerzen des Todes, die Schmerzen der Hölle umgaben mich: In meiner Trübsal schrie ich zu dem Herrn, und er erhörte meine Stimme in seinem heiligen Tempel.

Ich will Dich lieben, Herr, meine Stärke, Herr, meine Veste, und meine Zuflucht und mein Erretter. Ehre sei dem Vater. Es haben mich.

In der Collecte erkennt die Kirche an, daß ihre Kinder die Züchtigungen, welche der Sünde folgten, wohl verdient haben; und bittet für sie um Barmherzigkeit und Erlösung.

Collecte.

O Herr, laß das Flehen deines Volkes Gnade und Erhörung vor Dir finden, damit wir, wie wir jetzt um unserer Sünden willen nach Gerechtigkeit gezüchtigt werden, um der Ehre deines Namens willen von allen Strafen nach der Fülle deiner Barmherzigkeit errettet werden. Durch unseren Herrn Jesum Christum. Amen.

Zweite Collecte.

Behüte uns wir bitten Dich, o Herr, vor allen Gefahren des Leibes und der Seele, und auf die Fürbitte der seligen und glorreichen, allzeit jungfräulichen Gottesgebärerin Maria, des seligen Joseph, deiner seligen Apostel Petrus und Paulus, des seligen N. (Schutzpatron der Kirche) und aller Heiligen, schenke uns gnädig Heil und Frieden, auf daß deine Kirche nach Ueberwindung aller Hemmnisse und Irrthümer in ungestörter Freiheit Dir zu dienen vermöge.

Der Priester füght nun noch eine dritte Collecte nach eigener Wahl bei.

Epistel.

Lesung des Briefes des heiligen Apostels Paulus an die Corinther Cap. 9.

Brüder, wisset ihr nicht, daß die, so in der Rennbahn laufen, zwar Alle laufen, aber nur Einer den Preis erlangt? Laufet so, daß ihr ihn erlanget. Und Jeder, der sich im Wettkampfe übt, enthält sich von Allem, und diese (thun’s), um eine vergängliche Krone zu empfangen, wir aber um eine unvergängliche. Ich laufe nun ebenso nicht auf etwas Ungewisses; ich kämpfe so, nicht um Luftstreiche zu thun, sondern ich züchtige meinen Leib und bringe ihn in Dienstbarkeit, damit ich nicht, nachdem ich Anderen gepredigt, selbst verworfen werde. Denn, Brüder! ich will euch nicht vorenthalten, daß unsere Väter alle die Wolke zur Führerin hatten und Alle durch das Meer gingen, und Alle durch Moses in der Wolke und in dem Meere getauft wurden, und Alle dieselbe geistige Speise aßen, und Alle denselben geistigen Trank tranken (sie tranken nämlich aus dem geistigen Fels, der ihnen folgte, der Fels aber war Christus); aber an Mehreren von ihnen hatte Gott kein Wohlgefallen.

Die großen Erinnerungen, welche sich an diesen Tag knüpfen, haben unsere Herzen mächtig erregt, und die kräftigen Worte des Apostels sind ganz geeignet, die Bewegung, welche sich unserer bemächtigt, zu verstärken. Er sagt uns ja, daß diese Welt eine Rennbahn ist, in welcher man eben laufen muß, daß aber der Preis nur dem zukommt, dessen Lauf rasch ist und durch keine unnütze Last aufgehalten wird. Beladen wir uns also nicht mit nebensächlichen Dingen, auf daß uns die Krone nicht entgehe. Geben wir uns darüber keiner Täuschung hin. Wir haben über gar nichts Brief und Siegel, bevor wir am Ziele unseres Laufes angekommen sind. Unsere Bekehrung mag so aufrichtig gewesen sein, wie die des heiligen Paulus, unsere Werke ebenso fromm und vielleicht noch verdienstlicher, als die seinigen; und doch: er selbst gesteht zu, daß die Furcht, verworfen zu werden, in seinem Herzen nicht völlig erloschen ist. Er züchtigt seinen Leib und bringt ihn in Dienstbarkeit. Der Mensch hat in seinem jetzigen Zustand nicht mehr die Willenskraft, die dem Adam vor dem Sündenfalle inne wohnte, und doch hat dieser von der Freiheit seines Willens einen so unheilvollen Gebrauch gemacht. Ein blinder Hang zieht uns zum Bösen, und wir können in unserem Willen das Gleichgewicht nur dadurch herstellen, daß wir das Fleisch dem Geiste zum Opfer bringen. Diese Lehre scheint gar Vielen allzu hart, und sie werden deßhalb am Ziele ihrer Laufbahn nicht ankommen, sie werden keinen Theil an der Belohnung haben, welche Gott auch ihnen bestimmt hatte. Wie die Israeliten, von denen der Apostel spricht, werden sie in der Wüste begraben, und das gelobte Land nicht zu Gesichte bekommen. Dieselben Wunder, deren Zeugen damals Josua und Caleb waren, vollziehen sich noch heute; aber nichts vermag ein verhärtetes Herz zu heilen, wenn einmal dasselbe darauf erpicht ist, auf die Güter dieses Lebens seine Hoffnung zu setzen, obwohl deren Eitelkeit sich fast stündlich von selbst offenbart.

Wessen Herz aber auf Gott vertraut, wessen Herz in dem Gedanken Kraft sucht, daß die göttliche Hilfe nie denen fehlt, welche sie anrufen, der kann, ohne zu wanken, die Rennbahn dieses Lebens durcheilen, und er wird glücklich am Ziele ankommen. Das Auge des Herrn ist auf den gerichtet, der arbeitet und der leidet. Und diese Gedanken sind im Graduale niedergelegt:

Graduale.

Ein Helfer zu gelegener Zeit in der Trübsal ist der Herr; und es hoffen auf Dich, die deinen Namen kennen; denn Du verlässest nicht, die Dich suchen, o Herr!

Denn nicht bis ans Ende wird vergessen sein der Arme, nicht verloren bis ans Ende die Geduld des Armen. Steh’ auf, o Herr, es erstarke nicht der Mensch.

Der Traktus sendet aus der Tiefe des Abgrundes einen Schrei zu Gott empor. Tief erniedrigt ist der Mensch durch seinen Sturz; aber er weiß, daß Gott voll Barmherzigkeit ist, daß seine unendliche Güte es zuläßt, unsere Missethaten so zu behandeln, wie sie es verdienen; denn wer von uns könnte sonst auf Gnade hoffen?

Traktus.

Aus den Tiefen rufe ich zu Dir, o Herr: Herr, erhöre meine Stimme

Laß Acht haben dein Ohr auf die Stimme meines Flehens.

Wenn Du Acht haben wolltest auf die Missethaten, Herr, o Herr, wer könnte dann bestehen?

Aber bei Dir ist Versöhnung und um des Gesetzes willen harre ich auf Dich, o Herr!

Evangelium.

Fortsetzung des heiligen Evangeliums nach Matth. Cap. 20.

In derselben Zeit trug Jesus seinen Jüngern dieses Gleichniß vor: Das Himmelreich ist gleich einem Hausvater, der am frühesten Morgen ausging, um Arbeiter in seinen Weinberg zu dingen. Als er mit den Arbeitern auf einen Zehner Taglohn überein gekommen war, sandte er sie in seinen Weinberg. Und um die dritte Stunde ging er (wieder aus), und sah Andere müßig auf dem Markte stehen und sprach zu ihnen: Gehet auch ihr in meinen Weinberg, so werde ich euch gegeben, was recht ist. Und sie gingen hin. Abermal ging er aus um die sechste und neunte Stunde, und machte es ebenso. Und als er um die eilfte Stunde ausging, fand er (wieder) Andere dastehen, und sprach zu ihnen: Warum stehet ihr hier den ganzen Tag müßig? Sie antworteten ihm: Es hat uns Niemand gedungen: Da sprach er zu ihnen: So gehet auch ihr in meinen Weinberg. Als es nun Abend geworden war, sprach der Herr des Weinberges zu seinem Verwalter: Laß die Arbeiter kommen, und gib ihnen den Lohn, von den Letzten angefangen, bis zu den Ersten. Da nun die kamen, welche um die eilfte Stunde eingetreten waren, erhielt Jeder einen Zehner. Als aber auch die Ersten kamen, meinten sie, mehr zu erhalten; aber auch von ihnen erhielt Jeder einen Zehner. Sie nahmen ihn an, murrten aber zugleich wider den Hausvater, und sprachen: Diese, die Letzten, haben nur eine Stunde gearbeitet, und Du hast sie uns gleich gehalten, die wir die Last und Hitze des Tages getragen haben. Er aber antwortete Einem aus ihnen und sprach: Freund, ich thue dir nicht Unrecht; bist du nicht auf einen Zehner mit mir einig geworden? Nimmm, was dein ist, und gehe hin; ich will aber diesem Letzten auch geben, wie dir. Oder darf ich nicht thun, was ich will? Ist dein Auge schalkhaft, weil ich gut bin? Also werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein; denn Viele sind berufen, aber Wenige auserwählt.

Es ist von großer Wichtigkeit, daß man diese berühmte Evangelienstelle wohl erfaßt, und die Gründe würdigt, welche die Kirche bewogen haben, sie gerade für diesen Tag auszuwählen. Erwägen wir zuerst die Umstände, unter welchen der Heiland dies Gleichniß erzählte, sowie den Zweck, den er bei dieser Lehre im Auge hatte. Den Juden sollte darüber ein Wink gegeben werden, daß der Tag nahe sei, an welchem ihr Gesetz fallen werde, um dem christlichen Gesetze den Platz zu räumen. Zugleich wollte er sie auf den Gedanken vorbereiten, daß auch die Heiden zum Bunde mit Gott berufen würden. Der Weinberg, von welchen hier die Rede ist, bedeutet die Kirche, die Großen und Ganzen; die verschiedenen Stunden der großen Zeitabschnitte bis zu dem Augenblicke, da Gott selbst kam, um unter den Menschen zu wohnen und in sichtbarer bleibender Form die Genossenschaft derer zu gründen, die an ihn glauben. Der frühe Morgen geht von Adam bis Noe, die dritte Stunde von da bis Abraham, die sechste beginnt mit Abraham und reicht bis Moses, die neunte umfaßt die Zeit der Propheten bis zur Ankunft des Herrn. In der eilften Stunde endlich kam der Messias, als die Welt unaufhaltsam ihrem Untergange entgegen zu eilen schien. Dieser letzten Periode, während welcher sich durch die Predigt der Apostel das Heil auch über die Heiden ausdehnen sollte, waren die höchsten Gnaden vorbehalten. Gerade mit diesem letzten Geheimniß will Jesus Christus den jüdischen Hochmuth vernichten. Er deutet darum das Widerstreben der Pharisäer und Schriftgelehrten an, womit sie die Annahme aller Völker als Kinder Gottes betrachten würden. Sie sind es, denen der Heiland jene selbstsüchigen Vorstellungen in den Mund legt, welche die Arbeiter der ersten Stunden vor dem Hausvater zu erheben gewagt. Diese Anmaßung wird nach Gebühr bestraft werden. Israel, welches vor uns arbeitete, wird wegen der Verstocktheit seines Herzens verworfen, und wir Heiden, die wir die Letzten waren, werden die Ersten, Glieder jener allgemeinen Kirche, welche die Braut des Sohnes Gottes ist.

Das ist die Deutung, welche die heiligen Väter, namentlich der heilige Augustinus und der heilige Gregor der Große, diesem Gleichnisse geben; aber dasselbe hat neben diesem auf die Kirche im Allgemeinen gerichteten Sinn noch eine auf jeden Einzelnen gehende Bedeutung. Dies sagen ebenmäßig die beiden genannten großen Kirchenlehrer. Es liegt nämlich in diesem Gleichnisse der göttliche, an jeden Einzelnen gerichtete Ruf, durch seine frommen Werke in diesem Leben den Lohn des ewigen Lebens sich zu erwerben. Es soll Jeder in dem Weinberge des Herrn arbeiten. Dann bedeutet der frühe Morgen die Kindheit; um die dritte Stunde – selbstverständlich nach der Art wie die Alten die Stunden des Tages zählten – stand bereits die Sonne ziemlich hoch am Himmel und stieg noch höher. Das ist die Zeit der Jugend. Die sechste Stunde ist die gegenwärtige Mittagsstunde; hier ist der Tag am hellsten, die Sonne am höchsten, ein Bild des kräftigsten männlichen Alters; in der eilften Stunde endlich hat sich die Sonne länst zum Untergange geneigt, und eine kurze Weile noch, so wird sie vom Himmel verschwinden. Es ist das Greisenalter. Der Familienvater beruft nun seine Arbeiter zu verschiedenen Zeiten, die Einen schon von früher Kindheit an, die Anderen erst später. An ihnen ist es nun, sich in den Weinberg zu begeben, und dort zu arbeiten, wenn sie den Ruf vernommen. Die schon am frühen Morgen die Stimme des Herrn vernommen, dürfen nicht warten wollen, bis er vielleicht wieder kommt, und nochmals ruft. Wer weiß, ob der Herr sie zum zweiten Male ruft, wenn er kommt? Wer weiß, ob sie noch die Stunde erleben werden, da der Herr auf’s Neue ausgeht? Wer die dritte Stunde hat schlagen hören, ist er etwa versichert, daß er auch die sechste hören wird? Der Herr wird zu den späteren Stunden vielleicht nur die in seinen Weinberg senden, welche er neu auf dem Markte der Welt antrifft; aber wie groß auch seine Barmherzigkeit ist, keiner darf insoweit auf sie zählen, daß der Herr zum zweiten Male kommen wird, ihn zur Arbeit anzunehmen, wenn er das erste Mal seinen Ruf gehört und denselben mißachtet hat.

Im Offertorium lädt die Kirche uns ein, Gottes Lob zu singen. Der Herr hat gewollt, daß die seiner Herrlichkeit geltenden Gesänge in diesem Thal der Thränen unser Trost seien.

Offertorium.

Gut ist’s, den Herrn bekennen, und Lob singen deinem Namen, Allerhöchster!

Stillgebet.

Wir bitten Dich, o Herr, Du wollest, nachdem Du unsere Gaben und unser Flehen angenommen, uns durch himmlische Geheimnisse reinigen und uns gnädig erhören. Durch unseren Herrn Jesum Christum. Amen.

Zweites Stillgebet.

Erhöre uns, o Gott, unser Heil, schütze uns durch die Kraft dieses Sacramentes vor allen Gefahren des Leibes und der Seele, gewähre uns in diesem Leben deine Gnade und im künftigen deine Herrlichkeit.

Der Priester fügt dann noch ein drittes Stillgebet nach eigener Wahl bei.

In der Communion-Antiphon bittet die Kirche, daß der Mensch, durch die himmlische Nahrung gestärkt, seine Aehnlichkeit mit Gott – nach dessen Bild und Gleichniß er im Anfange geschaffen – wiederfinde. Je größer unser Elend ist, um so zuversichtlicher müssen wir auf Den hoffen, der bis zu unserer Tiefe herabgestiegen, um uns bis zu seiner Höhe emporzuheben.

Communion.

Laß dein Angesicht leuchten über deinen Knecht; errette mich nach deiner Barmherzigkeit. Herr, laß mich nicht zu Schanden werden; denn ich habe Dich angerufen.

Postcommunio.

Laß deine Gläubigen, o Gott, durch deine Gaben gestärkt werden, so daß sie zugleich nach deren Empfang streben, und nach ihrem Streben sie für die Ewigkeit empfangen werden, durch unseren Herrn Jesum Christum. Amen.

Zweite Postcommunio.

Die Darbringung dieses göttlichen Sacramentes reinige und schütze uns, wir bitten Dich, o Herr; und auf die Fürbitte der allezeit jungfräulichen Gottesgebärerin Maria, des heiligen Joseph, deiner heiligen Apostel Petrus und Paulus, des heiligen N. und aller Heiligen, gereiche sie uns zur Erlösung von aller Widerwärtigkeit.

Eine dritte Postcommunio fügt dann noch der Priester nach eigener Wahl bei.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Vierter Band: Die heilige Vorfastenzeit (Septuagesima); Mainz 1876; S. 129-139]

Dom Guéranger zum Sonntag Septuagesima (1/3)

Der Sonntag Septuagesima.

Die Kirche versammelt heute ihre Kinder um sich, um denselben die Erzählung des ersten Sündenfalles zu Gemüthe zu führen. Ein so unheilvolles Ereigniß erweckt in uns bereits das Vorgefühl, daß das sterbliche Leben des menschgewordenen Sohnes Gottes ein höchst opfervolles sein müsse; denn er hat ja diese schmachvolle Abirrung und all’ das Entsetzliche, was ihr entsprang, zu sühnen auf sich genommen. Wollen wir nun irgend einen Maßstab des Heilmittels haben, so ist das Erste und Unumgänglichste, daß wir die Wunde untersuchen, und die Schwere der ersten Sünde, das ganze Gefolge der Uebel, das sie nach sich gezogen, ist daher für diese Woche der Gegenstand der Erwägungen der Kirche.

Ehedem las dieselbe zur Matutin des Sonntags die einfache und erhabene Schilderung, durch welche Moses allen künftigen Geschlechtern dies traurige Ereigniß verkündet. Jetzt sind die Dispositionen der Liturgie so getroffen, daß die Erzählung des Sündenfalles erst am Mittwoch an die Reihe kommt, während an den vorhergehenden Tagen die Schöpfungsgeschichte gelesen wird. Nichtsdestoweniger stellen wir heute schon diese wichtige Lesung hierher; denn sie bildet immerhin den Mittelpunkt und die Grundlage aller Betrachtungen während der Woche.

Aus dem ersten Buche Moses Cap. 3.

Aber die Schlange war listiger, als alle Thiere der Erde, die Gott, der Herr, gemacht hatte. Diese sagte zum Weibe: Warum hat Gott geboten, nicht zu essen von allen Bäumen des Gartens? Das Weib antwortete ihr: Wir essen von den Früchten der Bäume, die im Garten sind; aber von der Frucht des Baumes, der in der Mitte des Gartens ist, hat uns Gott geboten, daß wir nicht davon essen, ihn auch nicht berühren, damit wir nicht etwa sterben. Die Schlange aber sprach zum Weibe: Keineswegs werdet ihr sterben; denn Gott weiß, daß, an welchem Tage ihr davon esset, eure Augen sich aufthun und ihr wie Gott werdet, erkennend Gutes und Böses. Und das Weib sah, daß der Baum gut zu essen und schön für die Augen, und daß es eine Lust sei, ihn anzuschauen; und nahm von seiner Frucht und aß, und gab ihrem Manne, der auch aß. Da wurden beiden die Augen aufgethan.

Und als sie merkten, daß sie nackt wären, flochten sie Feigenblätter und machten sich Schürzen; und da sie die Stimme Gottes des Herrn hörten, der bei der Kühle nach Mittag im Garten wandelte, verbarg sich Adam und sein Weib vor dem Angesichte Gottes, des Herrn, unter den Bäumen des Gartens. Und Gott, der Herr, rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? Der sprach: Ich habe deine Stimme im Garten gehört und mich gefürchtet, weil ich nackend bin, und habe mich verborgen. Und Gott sprach zu ihm: Wer hat dir gesagt, daß du nackend bist, als weil du von dem Baume gegessen, wovon ich dir geboten, nicht zu essen. Und Adam sprach: Das Weib, das Du mir zugesellet, hat mir vom Baume gegeben und ich aß. Und Gott der Herr sprach zum Weibe: Warum hast du das gethan? Sie antwortete: Die Schlange hat mich betrogen und ich aß.

Und Gott, der Herr, sprach zu der Schlange: Weil du dies gethan, bist du verflucht unter allem Vieh und unter allen Thieren der Erde; auf deiner Brust sollst du gehen und Erde fressen alle Tage deines Lebens. Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe; zwischen deinem Samen und ihrem Samen; sie wird deinen Kopf zertreten, und du wirst ihrer Ferse nachstellen; und zum Weibe sprach er: Ich will die Beschwerden deiner Schwangerschaft mehren; in Schmerzen sollst du Kinder gebären und sollst unter der Gewalt des Mannes sein, und er wird über dich herrschen. Zum Adam aber sprach er: Dieweil du Gehör gegeben der Stimme deines Weibes und vom Baume gegessen, von dem ich dir geboten: Esse nicht davon; so sei die Erde verflucht in deinem Werke; mit vieler Arbeit sollst du essen von ihr alle Tage deines Lebens. Dörner und Distel soll sie dir tragen, und du sollst das Kraut der Erde essen. Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brod essen, bis zu zur Erde wiederkehrest, von der du genommen bist. Denn du bist Staub und sollst zum Staube wiederkehren.

Dies also ist jene schreckliche Seite in der Geschichte der Menschheit. Sie allein erklärt uns die gegenwärtige Lage des Menschen auf Erden. Sie sagt uns, wie wir uns Gott gegenüber zu verhalten haben. Auf diesen unheilvollen Vorfall werden wir in den nächsten Tagen noch öfter Gelegenheit haben, zurückzukommen. Für jetzt muß er den Hauptgegenstand unserer Betrachtungen bilden. Gehen wir nun in der liturgischen Erklärung des heutigen Tages weiter.

In der griechischen Kirche heißt der Sonntag, den wir mit dem Namen Septuagesima bezeichnen, Prosphonesime, d. h. Verkündigung, weil an diesem Tage das nun alsbald beginnende österliche Fasten dem Volke verkündet wurde. Auch nannte man ihn den Sonntag vom verlorenen Sohn. Denn dies in den Evangelien enthaltene Gleichniß wurde heute als Aufforderung an die Sünder, zur göttlichen Barmherzigkeit ihre Zuflucht zu nehmen, gelesen. Auffallend ist dabei, daß der Sonntag Prosphonesime als der letzte Tag der mit dem gleichen Namen bezeichneten Woche gilt. Dieselbe beginnt nämlich mit dem Montage, und ganz das Gleiche ist auch – immer in der griechischen Liturgie – bei den beiden darauf folgenden Wochen der Fall.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Vierter Band: Die heilige Vorfastenzeit (Septuagesima); Mainz 1876; S. 125-128]

Weihbischof Schneider über die Piusbruderschaft

Kürzlich hat Edward Pentin, Vatikankorrespondent des „National Catholic Register“, ein Interview mit Weihbischof Athanasius Schneider ORC von Astana (Kasachstan) geführt, in dem es auch um die Priesterbruderschaft St. Pius X. ging. Jene Frage wurde allerdings nicht auf der Internetseite des „National Catholic Register“ veröffentlicht, sondern lediglich auf der privaten Internetseite von Edward Pentin. Im Folgenden finden Sie den Auszug aus dem Interview in einer ersten deutscher Übersetzung.

Edward Pentin: Was ist Ihre Sicht der Priesterbruderschaft St. Pius X.? Haben Sie Sympathie für ihre Position?

Bischof Athanasius Schneider ORC: Papst Benedikt XVI. und Papst Franziskus haben zu verschiedenen Anlässen mit Verständnis über die FSSPX gesprochen. Es war besonders zu seiner Zeit als Kardinal von Buenos Aires, dass Papst Franzsikus der FSSPX in einigen Verwaltungsangelegenheiten geholfen hat. Papst Benedikt XVI. Sagte einmal über Erzbischof Marcel Lefebvre: „Er war ein großer Bischof der katholischen Kirche.“ Papst Franziskus hält die FSSPX für katholisch und hat dies mehrfach öffentlich zum Ausdruck gebracht. Daher sucht er eine pastorale Lösung, und er hat großzügige pastorale Regelungen getroffen, die den Priestern der FSSPX die ordentliche Vollmacht geben, Beichte zu hören, und die eingeschränkte Vollmacht, die kanonische Eheschließung zu feiern. Je mehr die lehrmäßige, moralische und liturgische Verwirrung im Leben der Kirche wächst, desto mehr wird man die prophetische Mission von Erzbischof Marcel Lefebvre in einer außerordentlich dunklen Zeit der allgemeinen Kirchenkrise verstehen.

Vielleicht wird die Geschichte eines Tages die folgenden Worte des heiligen Augustinus auf ihn anwenden: „Auch erlaubt die göttliche Vorsehung oft sogar guten Männern, durch turbulente Verführungen sinnlicher Menschen aus der Gemeinde Christi gejagt zu werden. Wenn sie um des Friedens der Kirche willen geduldig diese Beleididung oder Schädigung ertragen und keine Neuheiten im Sinne von Häresie oder Schisma erproben, werden sie die Menschen lehren, wie man Gott mit wahrer Gesinnung sowie mit großer und aufrechter Liebe dienen soll. Die Intention derartiger Männer ist es, zurückzukehren, wenn der Aufruhr nachgelassen hat. Aber wenn das nicht erlaubt ist, weil der Sturm andauert oder weil ein heftigerer [Sturm] nach ihrer Rückkehr aufkommt, halten sie an ihrer Absicht fest, auf das Gute auch jener zu schauen, die für den Aufruhr und die Unruhe, die sie verjagt hat, verantwortlich sind. Sie bilden keine eigenständigen heimlichen Versammlungen, sondern verteidigen bis zum Tode den Glauben, von dem sie wissen, dass er in der katholischen Kirche gepredigt wird, und helfen durch ihr Zeugnis dafür.“ (De vera religione 6,11)

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