Dom Guéranger zum Sonntag Septuagesima (1/3)

Der Sonntag Septuagesima.

Die Kirche versammelt heute ihre Kinder um sich, um denselben die Erzählung des ersten Sündenfalles zu Gemüthe zu führen. Ein so unheilvolles Ereigniß erweckt in uns bereits das Vorgefühl, daß das sterbliche Leben des menschgewordenen Sohnes Gottes ein höchst opfervolles sein müsse; denn er hat ja diese schmachvolle Abirrung und all’ das Entsetzliche, was ihr entsprang, zu sühnen auf sich genommen. Wollen wir nun irgend einen Maßstab des Heilmittels haben, so ist das Erste und Unumgänglichste, daß wir die Wunde untersuchen, und die Schwere der ersten Sünde, das ganze Gefolge der Uebel, das sie nach sich gezogen, ist daher für diese Woche der Gegenstand der Erwägungen der Kirche.

Ehedem las dieselbe zur Matutin des Sonntags die einfache und erhabene Schilderung, durch welche Moses allen künftigen Geschlechtern dies traurige Ereigniß verkündet. Jetzt sind die Dispositionen der Liturgie so getroffen, daß die Erzählung des Sündenfalles erst am Mittwoch an die Reihe kommt, während an den vorhergehenden Tagen die Schöpfungsgeschichte gelesen wird. Nichtsdestoweniger stellen wir heute schon diese wichtige Lesung hierher; denn sie bildet immerhin den Mittelpunkt und die Grundlage aller Betrachtungen während der Woche.

Aus dem ersten Buche Moses Cap. 3.

Aber die Schlange war listiger, als alle Thiere der Erde, die Gott, der Herr, gemacht hatte. Diese sagte zum Weibe: Warum hat Gott geboten, nicht zu essen von allen Bäumen des Gartens? Das Weib antwortete ihr: Wir essen von den Früchten der Bäume, die im Garten sind; aber von der Frucht des Baumes, der in der Mitte des Gartens ist, hat uns Gott geboten, daß wir nicht davon essen, ihn auch nicht berühren, damit wir nicht etwa sterben. Die Schlange aber sprach zum Weibe: Keineswegs werdet ihr sterben; denn Gott weiß, daß, an welchem Tage ihr davon esset, eure Augen sich aufthun und ihr wie Gott werdet, erkennend Gutes und Böses. Und das Weib sah, daß der Baum gut zu essen und schön für die Augen, und daß es eine Lust sei, ihn anzuschauen; und nahm von seiner Frucht und aß, und gab ihrem Manne, der auch aß. Da wurden beiden die Augen aufgethan.

Und als sie merkten, daß sie nackt wären, flochten sie Feigenblätter und machten sich Schürzen; und da sie die Stimme Gottes des Herrn hörten, der bei der Kühle nach Mittag im Garten wandelte, verbarg sich Adam und sein Weib vor dem Angesichte Gottes, des Herrn, unter den Bäumen des Gartens. Und Gott, der Herr, rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? Der sprach: Ich habe deine Stimme im Garten gehört und mich gefürchtet, weil ich nackend bin, und habe mich verborgen. Und Gott sprach zu ihm: Wer hat dir gesagt, daß du nackend bist, als weil du von dem Baume gegessen, wovon ich dir geboten, nicht zu essen. Und Adam sprach: Das Weib, das Du mir zugesellet, hat mir vom Baume gegeben und ich aß. Und Gott der Herr sprach zum Weibe: Warum hast du das gethan? Sie antwortete: Die Schlange hat mich betrogen und ich aß.

Und Gott, der Herr, sprach zu der Schlange: Weil du dies gethan, bist du verflucht unter allem Vieh und unter allen Thieren der Erde; auf deiner Brust sollst du gehen und Erde fressen alle Tage deines Lebens. Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe; zwischen deinem Samen und ihrem Samen; sie wird deinen Kopf zertreten, und du wirst ihrer Ferse nachstellen; und zum Weibe sprach er: Ich will die Beschwerden deiner Schwangerschaft mehren; in Schmerzen sollst du Kinder gebären und sollst unter der Gewalt des Mannes sein, und er wird über dich herrschen. Zum Adam aber sprach er: Dieweil du Gehör gegeben der Stimme deines Weibes und vom Baume gegessen, von dem ich dir geboten: Esse nicht davon; so sei die Erde verflucht in deinem Werke; mit vieler Arbeit sollst du essen von ihr alle Tage deines Lebens. Dörner und Distel soll sie dir tragen, und du sollst das Kraut der Erde essen. Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brod essen, bis zu zur Erde wiederkehrest, von der du genommen bist. Denn du bist Staub und sollst zum Staube wiederkehren.

Dies also ist jene schreckliche Seite in der Geschichte der Menschheit. Sie allein erklärt uns die gegenwärtige Lage des Menschen auf Erden. Sie sagt uns, wie wir uns Gott gegenüber zu verhalten haben. Auf diesen unheilvollen Vorfall werden wir in den nächsten Tagen noch öfter Gelegenheit haben, zurückzukommen. Für jetzt muß er den Hauptgegenstand unserer Betrachtungen bilden. Gehen wir nun in der liturgischen Erklärung des heutigen Tages weiter.

In der griechischen Kirche heißt der Sonntag, den wir mit dem Namen Septuagesima bezeichnen, Prosphonesime, d. h. Verkündigung, weil an diesem Tage das nun alsbald beginnende österliche Fasten dem Volke verkündet wurde. Auch nannte man ihn den Sonntag vom verlorenen Sohn. Denn dies in den Evangelien enthaltene Gleichniß wurde heute als Aufforderung an die Sünder, zur göttlichen Barmherzigkeit ihre Zuflucht zu nehmen, gelesen. Auffallend ist dabei, daß der Sonntag Prosphonesime als der letzte Tag der mit dem gleichen Namen bezeichneten Woche gilt. Dieselbe beginnt nämlich mit dem Montage, und ganz das Gleiche ist auch – immer in der griechischen Liturgie – bei den beiden darauf folgenden Wochen der Fall.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Vierter Band: Die heilige Vorfastenzeit (Septuagesima); Mainz 1876; S. 125-128]

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