Dom Guéranger zum Sonntag Septuagesima (2/3)

Zur Messe.

In Rom ist die Station in der Kirche des heiligen Laurentius außerhalb der Mauern. Die alten Liturgisten heben besonders die Beziehungen hervor, welche zwischen dem gerechten Abel, dessen von Bruderhand vergossenes Blut in den Responsorien der heutigen Matutin erwähnt wird, und dem muthigen Martyrer obwalten, auf dessen Grabe die römische Kirche die Vorfastenzeit eröffnet.

Der Introitus der Messe schildert die Todesschrecken, deren Beute Adam und sein ganzes Geschlecht nach dem Sündenfalle ist. Und doch erschallt mitten in dieser hochgehenden Fluth von Trübsal ein Hoffnungsruf. Adam und sein Geschlecht können immer noch die himmlische Barmherzigkeit anflehen; denn am Tage ihrer Verwerfung ward ihnen eine Verheißung gegeben. Mögen sie daher demüthig ihr Elend bekennen, und der Gott, den sie beleidigt haben, wird sie erlösen.

Introitus.

Es haben mich umrungen die Schmerzen des Todes, die Schmerzen der Hölle umgaben mich: In meiner Trübsal schrie ich zu dem Herrn, und er erhörte meine Stimme in seinem heiligen Tempel.

Ich will Dich lieben, Herr, meine Stärke, Herr, meine Veste, und meine Zuflucht und mein Erretter. Ehre sei dem Vater. Es haben mich.

In der Collecte erkennt die Kirche an, daß ihre Kinder die Züchtigungen, welche der Sünde folgten, wohl verdient haben; und bittet für sie um Barmherzigkeit und Erlösung.

Collecte.

O Herr, laß das Flehen deines Volkes Gnade und Erhörung vor Dir finden, damit wir, wie wir jetzt um unserer Sünden willen nach Gerechtigkeit gezüchtigt werden, um der Ehre deines Namens willen von allen Strafen nach der Fülle deiner Barmherzigkeit errettet werden. Durch unseren Herrn Jesum Christum. Amen.

Zweite Collecte.

Behüte uns wir bitten Dich, o Herr, vor allen Gefahren des Leibes und der Seele, und auf die Fürbitte der seligen und glorreichen, allzeit jungfräulichen Gottesgebärerin Maria, des seligen Joseph, deiner seligen Apostel Petrus und Paulus, des seligen N. (Schutzpatron der Kirche) und aller Heiligen, schenke uns gnädig Heil und Frieden, auf daß deine Kirche nach Ueberwindung aller Hemmnisse und Irrthümer in ungestörter Freiheit Dir zu dienen vermöge.

Der Priester füght nun noch eine dritte Collecte nach eigener Wahl bei.

Epistel.

Lesung des Briefes des heiligen Apostels Paulus an die Corinther Cap. 9.

Brüder, wisset ihr nicht, daß die, so in der Rennbahn laufen, zwar Alle laufen, aber nur Einer den Preis erlangt? Laufet so, daß ihr ihn erlanget. Und Jeder, der sich im Wettkampfe übt, enthält sich von Allem, und diese (thun’s), um eine vergängliche Krone zu empfangen, wir aber um eine unvergängliche. Ich laufe nun ebenso nicht auf etwas Ungewisses; ich kämpfe so, nicht um Luftstreiche zu thun, sondern ich züchtige meinen Leib und bringe ihn in Dienstbarkeit, damit ich nicht, nachdem ich Anderen gepredigt, selbst verworfen werde. Denn, Brüder! ich will euch nicht vorenthalten, daß unsere Väter alle die Wolke zur Führerin hatten und Alle durch das Meer gingen, und Alle durch Moses in der Wolke und in dem Meere getauft wurden, und Alle dieselbe geistige Speise aßen, und Alle denselben geistigen Trank tranken (sie tranken nämlich aus dem geistigen Fels, der ihnen folgte, der Fels aber war Christus); aber an Mehreren von ihnen hatte Gott kein Wohlgefallen.

Die großen Erinnerungen, welche sich an diesen Tag knüpfen, haben unsere Herzen mächtig erregt, und die kräftigen Worte des Apostels sind ganz geeignet, die Bewegung, welche sich unserer bemächtigt, zu verstärken. Er sagt uns ja, daß diese Welt eine Rennbahn ist, in welcher man eben laufen muß, daß aber der Preis nur dem zukommt, dessen Lauf rasch ist und durch keine unnütze Last aufgehalten wird. Beladen wir uns also nicht mit nebensächlichen Dingen, auf daß uns die Krone nicht entgehe. Geben wir uns darüber keiner Täuschung hin. Wir haben über gar nichts Brief und Siegel, bevor wir am Ziele unseres Laufes angekommen sind. Unsere Bekehrung mag so aufrichtig gewesen sein, wie die des heiligen Paulus, unsere Werke ebenso fromm und vielleicht noch verdienstlicher, als die seinigen; und doch: er selbst gesteht zu, daß die Furcht, verworfen zu werden, in seinem Herzen nicht völlig erloschen ist. Er züchtigt seinen Leib und bringt ihn in Dienstbarkeit. Der Mensch hat in seinem jetzigen Zustand nicht mehr die Willenskraft, die dem Adam vor dem Sündenfalle inne wohnte, und doch hat dieser von der Freiheit seines Willens einen so unheilvollen Gebrauch gemacht. Ein blinder Hang zieht uns zum Bösen, und wir können in unserem Willen das Gleichgewicht nur dadurch herstellen, daß wir das Fleisch dem Geiste zum Opfer bringen. Diese Lehre scheint gar Vielen allzu hart, und sie werden deßhalb am Ziele ihrer Laufbahn nicht ankommen, sie werden keinen Theil an der Belohnung haben, welche Gott auch ihnen bestimmt hatte. Wie die Israeliten, von denen der Apostel spricht, werden sie in der Wüste begraben, und das gelobte Land nicht zu Gesichte bekommen. Dieselben Wunder, deren Zeugen damals Josua und Caleb waren, vollziehen sich noch heute; aber nichts vermag ein verhärtetes Herz zu heilen, wenn einmal dasselbe darauf erpicht ist, auf die Güter dieses Lebens seine Hoffnung zu setzen, obwohl deren Eitelkeit sich fast stündlich von selbst offenbart.

Wessen Herz aber auf Gott vertraut, wessen Herz in dem Gedanken Kraft sucht, daß die göttliche Hilfe nie denen fehlt, welche sie anrufen, der kann, ohne zu wanken, die Rennbahn dieses Lebens durcheilen, und er wird glücklich am Ziele ankommen. Das Auge des Herrn ist auf den gerichtet, der arbeitet und der leidet. Und diese Gedanken sind im Graduale niedergelegt:

Graduale.

Ein Helfer zu gelegener Zeit in der Trübsal ist der Herr; und es hoffen auf Dich, die deinen Namen kennen; denn Du verlässest nicht, die Dich suchen, o Herr!

Denn nicht bis ans Ende wird vergessen sein der Arme, nicht verloren bis ans Ende die Geduld des Armen. Steh’ auf, o Herr, es erstarke nicht der Mensch.

Der Traktus sendet aus der Tiefe des Abgrundes einen Schrei zu Gott empor. Tief erniedrigt ist der Mensch durch seinen Sturz; aber er weiß, daß Gott voll Barmherzigkeit ist, daß seine unendliche Güte es zuläßt, unsere Missethaten so zu behandeln, wie sie es verdienen; denn wer von uns könnte sonst auf Gnade hoffen?

Traktus.

Aus den Tiefen rufe ich zu Dir, o Herr: Herr, erhöre meine Stimme

Laß Acht haben dein Ohr auf die Stimme meines Flehens.

Wenn Du Acht haben wolltest auf die Missethaten, Herr, o Herr, wer könnte dann bestehen?

Aber bei Dir ist Versöhnung und um des Gesetzes willen harre ich auf Dich, o Herr!

Evangelium.

Fortsetzung des heiligen Evangeliums nach Matth. Cap. 20.

In derselben Zeit trug Jesus seinen Jüngern dieses Gleichniß vor: Das Himmelreich ist gleich einem Hausvater, der am frühesten Morgen ausging, um Arbeiter in seinen Weinberg zu dingen. Als er mit den Arbeitern auf einen Zehner Taglohn überein gekommen war, sandte er sie in seinen Weinberg. Und um die dritte Stunde ging er (wieder aus), und sah Andere müßig auf dem Markte stehen und sprach zu ihnen: Gehet auch ihr in meinen Weinberg, so werde ich euch gegeben, was recht ist. Und sie gingen hin. Abermal ging er aus um die sechste und neunte Stunde, und machte es ebenso. Und als er um die eilfte Stunde ausging, fand er (wieder) Andere dastehen, und sprach zu ihnen: Warum stehet ihr hier den ganzen Tag müßig? Sie antworteten ihm: Es hat uns Niemand gedungen: Da sprach er zu ihnen: So gehet auch ihr in meinen Weinberg. Als es nun Abend geworden war, sprach der Herr des Weinberges zu seinem Verwalter: Laß die Arbeiter kommen, und gib ihnen den Lohn, von den Letzten angefangen, bis zu den Ersten. Da nun die kamen, welche um die eilfte Stunde eingetreten waren, erhielt Jeder einen Zehner. Als aber auch die Ersten kamen, meinten sie, mehr zu erhalten; aber auch von ihnen erhielt Jeder einen Zehner. Sie nahmen ihn an, murrten aber zugleich wider den Hausvater, und sprachen: Diese, die Letzten, haben nur eine Stunde gearbeitet, und Du hast sie uns gleich gehalten, die wir die Last und Hitze des Tages getragen haben. Er aber antwortete Einem aus ihnen und sprach: Freund, ich thue dir nicht Unrecht; bist du nicht auf einen Zehner mit mir einig geworden? Nimmm, was dein ist, und gehe hin; ich will aber diesem Letzten auch geben, wie dir. Oder darf ich nicht thun, was ich will? Ist dein Auge schalkhaft, weil ich gut bin? Also werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein; denn Viele sind berufen, aber Wenige auserwählt.

Es ist von großer Wichtigkeit, daß man diese berühmte Evangelienstelle wohl erfaßt, und die Gründe würdigt, welche die Kirche bewogen haben, sie gerade für diesen Tag auszuwählen. Erwägen wir zuerst die Umstände, unter welchen der Heiland dies Gleichniß erzählte, sowie den Zweck, den er bei dieser Lehre im Auge hatte. Den Juden sollte darüber ein Wink gegeben werden, daß der Tag nahe sei, an welchem ihr Gesetz fallen werde, um dem christlichen Gesetze den Platz zu räumen. Zugleich wollte er sie auf den Gedanken vorbereiten, daß auch die Heiden zum Bunde mit Gott berufen würden. Der Weinberg, von welchen hier die Rede ist, bedeutet die Kirche, die Großen und Ganzen; die verschiedenen Stunden der großen Zeitabschnitte bis zu dem Augenblicke, da Gott selbst kam, um unter den Menschen zu wohnen und in sichtbarer bleibender Form die Genossenschaft derer zu gründen, die an ihn glauben. Der frühe Morgen geht von Adam bis Noe, die dritte Stunde von da bis Abraham, die sechste beginnt mit Abraham und reicht bis Moses, die neunte umfaßt die Zeit der Propheten bis zur Ankunft des Herrn. In der eilften Stunde endlich kam der Messias, als die Welt unaufhaltsam ihrem Untergange entgegen zu eilen schien. Dieser letzten Periode, während welcher sich durch die Predigt der Apostel das Heil auch über die Heiden ausdehnen sollte, waren die höchsten Gnaden vorbehalten. Gerade mit diesem letzten Geheimniß will Jesus Christus den jüdischen Hochmuth vernichten. Er deutet darum das Widerstreben der Pharisäer und Schriftgelehrten an, womit sie die Annahme aller Völker als Kinder Gottes betrachten würden. Sie sind es, denen der Heiland jene selbstsüchigen Vorstellungen in den Mund legt, welche die Arbeiter der ersten Stunden vor dem Hausvater zu erheben gewagt. Diese Anmaßung wird nach Gebühr bestraft werden. Israel, welches vor uns arbeitete, wird wegen der Verstocktheit seines Herzens verworfen, und wir Heiden, die wir die Letzten waren, werden die Ersten, Glieder jener allgemeinen Kirche, welche die Braut des Sohnes Gottes ist.

Das ist die Deutung, welche die heiligen Väter, namentlich der heilige Augustinus und der heilige Gregor der Große, diesem Gleichnisse geben; aber dasselbe hat neben diesem auf die Kirche im Allgemeinen gerichteten Sinn noch eine auf jeden Einzelnen gehende Bedeutung. Dies sagen ebenmäßig die beiden genannten großen Kirchenlehrer. Es liegt nämlich in diesem Gleichnisse der göttliche, an jeden Einzelnen gerichtete Ruf, durch seine frommen Werke in diesem Leben den Lohn des ewigen Lebens sich zu erwerben. Es soll Jeder in dem Weinberge des Herrn arbeiten. Dann bedeutet der frühe Morgen die Kindheit; um die dritte Stunde – selbstverständlich nach der Art wie die Alten die Stunden des Tages zählten – stand bereits die Sonne ziemlich hoch am Himmel und stieg noch höher. Das ist die Zeit der Jugend. Die sechste Stunde ist die gegenwärtige Mittagsstunde; hier ist der Tag am hellsten, die Sonne am höchsten, ein Bild des kräftigsten männlichen Alters; in der eilften Stunde endlich hat sich die Sonne länst zum Untergange geneigt, und eine kurze Weile noch, so wird sie vom Himmel verschwinden. Es ist das Greisenalter. Der Familienvater beruft nun seine Arbeiter zu verschiedenen Zeiten, die Einen schon von früher Kindheit an, die Anderen erst später. An ihnen ist es nun, sich in den Weinberg zu begeben, und dort zu arbeiten, wenn sie den Ruf vernommen. Die schon am frühen Morgen die Stimme des Herrn vernommen, dürfen nicht warten wollen, bis er vielleicht wieder kommt, und nochmals ruft. Wer weiß, ob der Herr sie zum zweiten Male ruft, wenn er kommt? Wer weiß, ob sie noch die Stunde erleben werden, da der Herr auf’s Neue ausgeht? Wer die dritte Stunde hat schlagen hören, ist er etwa versichert, daß er auch die sechste hören wird? Der Herr wird zu den späteren Stunden vielleicht nur die in seinen Weinberg senden, welche er neu auf dem Markte der Welt antrifft; aber wie groß auch seine Barmherzigkeit ist, keiner darf insoweit auf sie zählen, daß der Herr zum zweiten Male kommen wird, ihn zur Arbeit anzunehmen, wenn er das erste Mal seinen Ruf gehört und denselben mißachtet hat.

Im Offertorium lädt die Kirche uns ein, Gottes Lob zu singen. Der Herr hat gewollt, daß die seiner Herrlichkeit geltenden Gesänge in diesem Thal der Thränen unser Trost seien.

Offertorium.

Gut ist’s, den Herrn bekennen, und Lob singen deinem Namen, Allerhöchster!

Stillgebet.

Wir bitten Dich, o Herr, Du wollest, nachdem Du unsere Gaben und unser Flehen angenommen, uns durch himmlische Geheimnisse reinigen und uns gnädig erhören. Durch unseren Herrn Jesum Christum. Amen.

Zweites Stillgebet.

Erhöre uns, o Gott, unser Heil, schütze uns durch die Kraft dieses Sacramentes vor allen Gefahren des Leibes und der Seele, gewähre uns in diesem Leben deine Gnade und im künftigen deine Herrlichkeit.

Der Priester fügt dann noch ein drittes Stillgebet nach eigener Wahl bei.

In der Communion-Antiphon bittet die Kirche, daß der Mensch, durch die himmlische Nahrung gestärkt, seine Aehnlichkeit mit Gott – nach dessen Bild und Gleichniß er im Anfange geschaffen – wiederfinde. Je größer unser Elend ist, um so zuversichtlicher müssen wir auf Den hoffen, der bis zu unserer Tiefe herabgestiegen, um uns bis zu seiner Höhe emporzuheben.

Communion.

Laß dein Angesicht leuchten über deinen Knecht; errette mich nach deiner Barmherzigkeit. Herr, laß mich nicht zu Schanden werden; denn ich habe Dich angerufen.

Postcommunio.

Laß deine Gläubigen, o Gott, durch deine Gaben gestärkt werden, so daß sie zugleich nach deren Empfang streben, und nach ihrem Streben sie für die Ewigkeit empfangen werden, durch unseren Herrn Jesum Christum. Amen.

Zweite Postcommunio.

Die Darbringung dieses göttlichen Sacramentes reinige und schütze uns, wir bitten Dich, o Herr; und auf die Fürbitte der allezeit jungfräulichen Gottesgebärerin Maria, des heiligen Joseph, deiner heiligen Apostel Petrus und Paulus, des heiligen N. und aller Heiligen, gereiche sie uns zur Erlösung von aller Widerwärtigkeit.

Eine dritte Postcommunio fügt dann noch der Priester nach eigener Wahl bei.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Vierter Band: Die heilige Vorfastenzeit (Septuagesima); Mainz 1876; S. 129-139]

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