Priester, warum nicht auch ich? (1/2)

Brief an einen namenlosen, jungen Mann, der über seine Berufung nachdenkt

Mein lieber Freund,

für Deine Zeilen danke ich Dir. Nein, es ist kein schlechtes Zeichen, wenn Dich die Frage einer eventuellen Priesterberufung beschäftigt, sogar umtreibt, beunruhigt und zuweilen aufwühlt. Eigentlich sollte sich jeder Katholik irgendwann einmal diese Frage gestellt haben. Schade, wenn es viele niemals oder nur sehr oberflächlich tun!

Ich bin mir sicher: Wer als junger Mann daran glaubt, daß Gott mit uns Menschen bestimmte Pläne hat; wer die Liebe erkennt, die sich in dem persönlichen Anruf Jesu Christi ausdrückt; wer die wunderbaren Gaben betrachtet, die durch die Weihe verliehen werden, und die großen Aufgaben anschaut, die besonders heute auf den Priester warten; und wer einsieht, daß in der Erfüllung des Willens Gottes unser wahres Glück liegt, der kann sich über das Thema „Priesterberufung“ kein Denkverbot auferlegen. Er wird in sich gehen, sich fragen „Warum nicht auch ich?“ und die Sache immer wieder im Gebet vor den Herrn tragen.

Das hast Du, wie Du schreibst, schon öfters getan, aber niemals Klarheit gefunden. Im Gegenteil, die Einwände gegen eine solche Möglichkeit hätten sich jedesmal meterhoch vor Dir aufgetürmt: Welche Vermessenheit für einen sündigen und schwachen Menschen wie Dich, sich auch nur Gedanken über das Priestertum zu machen! Und wie furchtbar wäre ein Scheitern gerade in diesem Beruf … Auch sei Dir eingefallen, wie einfach die Berufungen im Neuen Testament geschildert werden: Andreas und Petrus, Jakobus und Johannes, ebenso der Zöllner Levi und sogar der Christenverfolger Paulus vernahmen ganz eindeutig die Weisung, Jesus nachzufolgen und zu dienen. Davon könne in Deinem Fall überhaupt nicht die Rede sein.

Das ist auch gar nicht verwunderlich, mein lieber Freund. 2000 Jahre nach Seinem irdischen Wirken wird man natürlich nicht mehr von Jesus auf der Straße oder am Strand angesprochen wie Seine Zeitgenossen damals. Und solche außerordentlichen Ereignisse wie die Christusvision des Paulus vor Damaskus hat es zwar zu allen Zeiten gegeben, aber sie bleiben eben außerordentliche Ereignisse, mit denen wir nicht ohne weiteres rechnen dürfen. Besuche einmal unser Priesterseminar in Wigratzbad und sprich mit den Kandidaten. Du wirst feststellen, daß es nur sehr wenige sind, deren Berufung sich auf derart ungewöhnliche Weise abgespielt hat. Die meisten von ihnen befanden sich in einer Lage ganz ähnlich der Deinen. Sie haben das Für-und-wider im Gebet vor Gott, im Gespräch mit Geistlichen und anderen Menschen ihres Vertrauens abgewogen und sind schließlich zu einer Sicherheit gelangt, die zwar nicht von der Art mathematischer Gewißheit ist, die aber für eine wichtige Lebensentscheidung völlig ausreicht.

[Quelle: Informationsblatt der Priesterbruderschaft St. Petrus (Januar 2018); S. 6]

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