Dom Guéranger zum Sonntag Sexagesima (1/3)

Der Sonntag Sexagesima.

Im Laufe der heute beginnenden Woche lenkt die Kirche unsere Aufmerksamkeit auf Noe, beziehungsweise die Sündfluth. Man hätte denken sollen, daß nach den Vorfällen im Paradiese, welche doch Adam und Eva ihren Nachkommen nicht vorenthielten, die Menschen gelernt hätten, Gott zu fürchten. Aber es trat das gerade Gegentheil ein. Der erste Fall hatte die menschliche Vernunft derart verdüstert, daß die ungeheuere Mehrzahl sich von Gott lossagte, und es mußte daher eine neue schreckliche Züchtigung über die Menschheit hereinbrechen. Nur einen gerechten Mann fand Gott damals, und mit ihm schließt er seinen Bund für das künftige Geschlecht. Vorher aber will er zeigen, daß Er der höchste Herr ist, und daß, wenn es Ihm gefällt, der auf sein erborgtes Dasein so stolze Mensch mit all’ seinen irdischen Werken in Schutt und Trümmer sinkt.

Wir legen den Betrachtungen und Erwägungen dieser Woche einige Verse des ersten Buches Moses zu Grunde, welche die Kirche in der Matutin des heutigen Tages liest, und welche wir daher hier anführen.

Aus dem ersten Buche Moses Cap. 6.

Als aber Gott sah, daß der Menschen Bosheit groß war auf Erden, und alles Dichten ihres Herzens immerdar zum Bösen gerichtet; da reuete es ihn, daß er den Menschen gemacht auf Erden, und that ihm innerlich im Herzen leid und sprach: Ich will den Menschen, den ich geschaffen, von der Erde vertilgen, vom Menschen bis zum Vieh, vom Gewürm bis zu den Vögeln des Himmels; denn es reuet mich, daß ich sie gemacht. Noe aber fand Gnade vor dem Herrn.

Dieses ist das Geschlecht Noes; Noe war ein gerechter und vollkommener Mann in seinem Geschlechte; er wandelte mit Gott und zeugte drei Söhne: Sem, Cham und Japhet. Aber die Erde war verderbt vor Gott und mit Ungerechtigkeit erfüllt. Und da Gott sah, daß die Erde verderbt sei, denn alles Fleisch hatte seinen Weg verderbt auf Erden, sprach er zu Noe: das Ende alles Fleisches ist bei mir gekommen; die Erde ist mit Ungerechtigkeit erfüllt von ihnen und ich will sie mit der Erde verderben.

Die alsbald über das Menschengeschlecht hereinbrechende Katastrophe war immer noch eine Folge der Sünde; zum mindesten fand sich jedoch ein gerechter Mann, und durch ihn und seine Familie wurde die Welt vor völligem Untergange bewahrt. Nachdem Gott mit ihm seinen Bund erneuert, ließ er es zu, daß sich die Erde auf’s Neue bevölkere, und die drei Kinder Noes werden die Stammväter der drei großen Menschenrassen, welche dieselbe bewohnen.

Dies Geheimniß liegt dem Officium der ganzen Woche zu Grunde, und dies tritt, wie ganz natürlich, am entschiedensten in der Messe hervor. In moralischem Sinne ist die Erde mit einer wahren Sündfluth von Lastern und Irrthümern überschwemmt. Sie muß sich auf’s Neue mit Menschen bevölkern, welche, wie Noe, Gott fürchten. Dieses neue Geschlecht soll das Wort Gottes, dieser Same wahren Lebens, erwecken. Es bringt die glücklichen Kinder hervor, von welchen der Liebesjünger sagt, daß sie nicht aus dem Geblüte oder dem Willen des Fleisches, noch aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind [Joh. 1, 13]. Bieten wir unsere ganze Kraft auf, um in dieser Familie Aufnahme zu finden, und wenn wir sie gefunden, dann hüten wir sorgsam dies Glück. Denn in diesen Tagen handelt es sich darum, den Wogen der Sündfluth zu entgehen und eine Zufluchtsstätte in der Arche des Heils zu finden; es handelt sich darum, gutes Erdreich zu sein, auf welchem der Same hundertfältige Frucht bringt. Denken wir darauf, wie wir dem Zorn des Gerichtes entfliehen, – sonst gehen wir mit dem Sünder zu Grunde; zeigen wir uns darum recht begierig nach dem Worte des Herrn, das den Augen leuchtet und die Seelen bekehrt [Psalm 18].

Bei den Griechen ist dieser Sonntag der siebente Tag in der Woche Apokreos, da diese Woche nicht wie gewöhnlich mit dem Sonntage, sondern mit dem, unserem Sonntag Septuagesima folgenden Montage beginnt. Apokreos heißt sie, weil von jetzt an bis Ostern der Genuß des Fleisches untersagt ist.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Vierter Band: Die heilige Vorfastenzeit (Septuagesima); Mainz 1876; S. 162-164]

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