Dom Guéranger zum Sonntag Sexagesima (2/3)

Zur Messe.

In Rom ist die Station in der Basilika des heiligen Paulus außerhalb der Mauern. Um das Grab des Lehrers der Nationen, des Ausbreiters des göttlichen Samens, des geistlichen Vaters so vieler Völker, die er durch seine Predigt gewann, versammelt die römische Kirche ihre Kinder an dem Tage, wo sie ihnen in das Gedächtnis rufen will, daß der Herr die Erde geschont hat, damit sie sich mit wahren Gläubigen und Anbetern seines Namens bevölkere.

Der Introitus, eine Stelle aus den Psalmen, erfleht die Hilfe des Herrn. Die Menschheit liegt im Todeskampfe, das Leben ist im Begriffe, zu erlöschen, und sie fleht deshalb ihren Schöpfer an, dasselbe zu erneuern. Die Kirche nimmt diesen Hilferuf auch ihrerseits auf, und bittet den göttlichen Heiland, wie in den alten Tagen, die Kinder des Wortes zu vervielfältigen.

Introitus.

Wach’ auf, warum schläfst Du, Herr? Wache auf und verwirf uns nicht auf immer. Warum wendest Du ab dein Angesicht, vergissest unsere Armuth und unsere Trübsal? An der Erde klebet unser Leib; wach’ auf, Herr, hilf uns und erlöse uns um deines Namens willen.

Gott, mit unseren Ohren haben wir’s gehöret, unsere Väter haben es uns erzählt. Ehre sei dem Vater. Wach’ auf.

In der Collecte drückt die Kirche ihr Vertrauen auf die Fürbitte des großen Apostels der Völker, des heiligen Paulus, aus; denn er, ein mächtiger Säemann des göttlichen Samens, hat an seiner Verbreitung unter den Heiden mehr gewirkt, als alle Anderen.

Collecte.

O Gott, Du siehst, daß all’ unser Thun uns keine Zuversicht gewährt; so laß Du uns denn bei Dir Gnade finden, und kraft der Fürbitte des Völkerlehrers, vor allem Widrigen bewahrt werden. Durch unseren Herrn Jesum Christum. Amen.

Dazu kommen denn noch die anderen Collecten, wie bei der Messe auf Septuagesima […].

Als Epistel wird eine überaus schöne Stelle aus den Briefen des großen Apostels gelesen. Die Ehre und der große Erfolg seines Wirkens zwang ihn, sich gegen seine Feinde zu vertheidigen, und er schildert uns daher, um welchen Preis die apostolischen Männer den Samen des göttlichen Wortes in die dürren Felder der heidnischen Welt streuten und deren Wiedergeburt bewirkten.

Epistel.

Lesung des Briefes des seligen Apostels Paulus an die Corinther Cap. 11.

Brüder! Ihr traget ja gerne die Thörichten, da ihr selbst weise seid. Denn ihr traget es, wenn einer euch unterjocht, wenn einer euch aufzehrt, wenn einer (von euch) nimmt, wenn einer sich erhebt, wenn einer euch in’s Angesicht schlägt. Zu meiner Unehre sage ich es: dazu war ich zu schwach; (doch) worauf einer pocht, darauf, ich rede in Thorheit, poche auch ich. Sie sind Hebräer, auch ich; sie sind Israeliten, auch ich; sie sind Nachkommen Abrahams, ich auch; sie sind Diener Christi (ich rede, wie ein Thörichter), mehr bin ich’s; mehr Müheseligkeiten hab’ ich erduldet, mehr Gefängnisse, Mißhandlungen über die Maßen, Todesgefahren häufig. Von den Juden habe ich fünf Mal die neun und dreißig Streiche bekommen. Drei Mal bin ich mit Ruthen gestrichen, ein Mal gesteinigt worden, drei Mal hab’ ich Schiffbruch erlitten, einen Tag und eine Nacht bin ich auf der hohen See herumgeworfen worden. Oft bin ich auf Reisen gewesen, in Gefahren auf Flüssen, in Gefahren vor Räubern, in Gefahren vor meinem Volke, in Gefahren vor Heiden, in Gefahren in Städten, in Gefahren in der Wüste, in Gefahren auf dem Meere, in Gefahren vor falschen Brüdern, in Müheseligkeit und Elend, in vielfältigen Nachtwachen, in Hunger und Durst, in vielem Fasten, in Kälte und Blöße. Zu diesem, was von außen ist, kommt noch der Andrang meiner täglichen Geschäfte, die Sorgfalt für alle Gemeinden. Wer leidet, und ich leide nicht mit? Wer wird geärgert, ohne daß ich brenne? Wenn es gerühmt sein soll, will ich meiner Schwachheit mich rühmen, Gott und der Vater unseres Herrn Jesu Christi, der gepriesen ist in Ewigkeit, weiß, daß ich nicht lüge! Als zu Damascus der Landpfleger des Königs Aretas die Stadt der Damascener bewachen ließ, um mich zu ergreifen, wurde ich aus einem Fester in einem Korbe die Mauer hinabgelassen und entkam so seinen Händen. Wenn es gerühmt sein soll (es nützet zwar nicht), will ich auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn kommen. Ich kenne einen Menschen in Christo; vor vierzehn Jahren, ob mit dem Leibe, ich weiß es nicht, ob außer dem Leibe, ich weiß es nicht. Gott weiß es, war derselbe entrückt bis in den dritten Himmel; ich weiß, daß dieser Mensch (ob mit dem Leibe, ob außer dem Leibe, ich weiß es nicht, Gott weiß es) in das Paradies verzückt ward, und geheime Worte hörte, die ein Mensch nicht aussprechen darf. Dessen könnte ich mich rühmen, meiner aber will ich mich nicht rühmen, außer meiner Schwachheiten. Wenn ich mich aber auch rühmen wollte, so wäre ich nicht thöricht, denn ich würde die Wahrheit sagen; ich enthalte mich aber dessen, damit Niemand mich höher schätze, als er an mir sieht oder von mir hört. Und damit ich mich nicht der hohen Offenbarungen wegen erhebe, wurde mir ein Stachel in mein Fleisch gegeben, ein Engel des Satans, daß er mir Faustschläge gäbe. Und deßwillen habe ich drei Mal den Herrn gebeten, daß er von mir weichen möchte. Er aber sprach zu mir: Es genügt dir meine Gnade; denn die Kraft wird in der Schwachheit vollkommen. Gerne will ich darum meiner Schwachheiten mich rühmen, damit in mir wohne die Kraft Christi.

Im Graduale erfleht die Kirche die Hilfe des Herrn gegen diejenigen, welche sich ihrer Aufgabe aus den Verehrern des wahren Gottes ein neues Volk zu erwecken, widersetzen.

Graduale.

Mögen die Heiden es wissen, daß dein Name Gott ist, daß Du der Höchste allein bist auf der ganzen Erde.

Mein Gott, mach’ sie wie ein Rad und wie Spreu vor dem Winde her!

Während die Erde zuckt, während gewaltsame Umwälzungen im Schoße der Nationen die schrecklichen Auftritte einer zweiten Sündfluth erneuern, betet die Kirche für ihre treuen Kinder, daß sie verschont bleiben und die Hoffnung der Welt in ihnen nicht zu Grunde gehe. Dies der Gegenstand des dem Evangelium vorhergehenden Traktus.

Traktus.

Du hast das Land bewegt, Herr, und es erschüttert.

Heile seine Brüche, denn es ist zerrüttet.

Beschütze die Flucht deiner Geliebten vor dem Bogen, auß daß sie gerettet werden.

Evangelium.

Fortsetzung des heiligen Evangeliums nach Lukas Cap. 8.

Zu der Zeit, da viel Volk zusammen gekommen und aus den Städten zu Jesu herbeigeeilt war, sprach er in einem Gleichnisse: Ein Säemann ging aus, seinen Samen zu säen, und da er säete, fiel Einiges an den Weg und wurde zertreten, und die Vögel des Himmels fraßen es. Ein Anderes fiel auf steinichten Grund und da es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte. Ein Anderes fiel unter die Dornen, und die Dornen, die mit aufwuchsen, erstickten es. Ein Anderes fiel auf gute Erde und ging auf und gab hundertfältige Frucht. Als er dies gesagt hatte, rief er: Wer Ohren hat zu hören, der höre! Es fragten ihn aber seine Jünger, was dieses Gleichniß bedeute. Und er sprach zu ihnen: Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu verstehen. Den Uebrigen aber werden Gleichnisse gegeben, damit sie sehen und doch nicht sehen, hören und nicht verstehen. Das Gleichniß aber bedeutet dieses: Der Same ist das Wort Gottes. Die am Wege das sind die, welche es hören, dann kommt der Teufel und nimmt das Wort aus ihrem Herzen, damit sie nicht glauben und selig werden. Die auf dem steinichten Grund, das sind die, welche das Wort mit Freuden aufnehmen, wenn sie es hören; aber weil sie keine Wurzeln haben, nur eine Zeit lang glauben, und zur Zeit der Versuchung abfallen. Das, was unter die Dornen fiel, das sind die, welche gehört haben, aber dann hingehen, und in den Sorgen, Reichthümern und Wollüsten des Lebens ersticken und keine Frucht bringen. Was aber auf gute Erde fiel, das sind die, welche das Wort hören in den guten und sehr guten Herzen behalten und Frucht bringen in der Geduld.

Der heilige Gregor der Große hebt mit Recht hervor, daß das eben gelesene Gleichniß einer Erklärung nicht bedarf, da die ewige Weisheit es selbst übernahm, den Schlüssel zu demselben zu geben. Wir haben also nur noch aus einer so kostbaren Belehrung Nutzen zu ziehen, und als gutes Erdreich den aus der Hand des göttlichen Säemannes auf uns fallenden himmlischen Samen aufzunehmen. Wie oft haben wir ihn unter die Füße der Vorübergehenden fallen lassen? Wie oft haben ihn die Vögel des Himmels hinweggetragen? Wie oft ist er nicht auf dem Felsen unseres Herzens verdorrt oder unter unseligen Disteln erstickt? Wir hörten das Wort, und die Beruhigung, die es uns gewährte, war uns angenehm; wir haben es vielleicht sogar freudig und begierig aufgenommen; aber wenn es in uns keimte, wie oft hat es da nicht das Unkraut überwuchert, so daß es nicht weiter wachsen konnte! Aber es muß größer werden, es muß Früchte bringen; die Kraft des uns anvertrauten Körnleins ist so groß, daß der göttliche Heiland hundertfältige Ernte erwartet. Wenn das Erdreich unseres Herzens gut ist, wenn wir Sorge tragen, es zu bebauen, wozu die heilige Kirche uns ihre Hilfe anbietet, dann wird eine reichliche Ernte an dem Tage vorhanden sein, wo der Heiland, siegreich aus seinem Grabe hervorgehend, seine treuen Gläubigen im Glanze seiner Auferstehung um sich schaart.

Von dieser Hoffnung beseelt, voll Vertranen auf ihn, der neuen guten Samen auf dieser so lange widerspenstigen Erde auszustreuen sich würdigt, singen wir mit der Kirche im Offertorium die schönen Worte des königlichen Propheten, mit welchen sie Festigkeit und Standhaftigkeit für uns erfleht.

Offertorium.

Mach’ standhaft meinen Wandel auf deinen Wegen, daß meine Tritte nicht ausgleiten. Neige dein Ohr zu mir und erhöre meine Worte. Erzeige deine wunderbare Barmherzigkeit, der Du rettest, die auf Dich hoffen, o Herr.

Stillgebet.

Das Dir dargebrachte Opfer, o Herr! belebe und stärke uns allezeit, durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Dem fügt man noch die übrigen Stillgebete, wie am Sonntage Septuagesima, bei […].

Die Heimsuchung des Herrn im Sacramente seiner Liebe ist das große Mittel, durch welches unsere Seele bebaut und fruchtbar gemacht wird. Darum lädt uns auch in der Antiphon der Communion die Kirche ein, daß wir uns dem Altare Gottes nähern; dort nur wird unser Herz seine Kraft und seine Jugend wiederfinden.

Communion.

Ich will hinzutreten zum Altare Gottes, zu Gott, der meine Jugend erfreut.

Postcommunio.

Wir bitten Dich, allmächtiger Gott, verleihe denen, welche Du durch deine Sakramente gestärkt, daß sie durch einen Dir wohlgefälligen Lebenswandel in würdiger Weise Dir dienen, durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Daran schließen sich die übrigen Postcommunionen, wie […] beim Sonntage Septuagesima.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Vierter Band: Die heilige Vorfastenzeit (Septuagesima); Mainz 1876; S. 164-172]

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