Dom Guéranger zum Sonntag Quinquagesima (1/3)

Der Sonntag Quinquagesima.

Die Berufung Abrahams bildet den Gegenstand, den die Kirche unseren Betrachtungen heute vorstellt. Als die Wasser der Sündfluth sich verlaufen und das Menschengeschlecht von Neuem sich ausgebreitet hatte, da begann wiederum jene Verderbtheit der Sitten, welche die rächende göttliche Vergeltung über das Geschlecht herabgerufen, und der Götzendienst, eine eigene Art der Auflehnung gegen Gott, welche man in vorsündfluthlichen Zeiten nicht gekannt, kam noch der immer wachsenden Unsittlichkeit zu Hilfe. Der Herr, welcher in seiner göttlichen Fürsehung vorher wußte, daß der Niedergang der Völker unter solchen Umständen unaufhaltsam sei, beschloß, ein Volk auszuwählen, das ihm besonders ergeben sei und in dessen Schoß die heiligen Wahrheiten erhalten würden, welche bei den Heiden zu Grunde gehen mußten. Dieses neue Vok sollte mit einem eigenen Stammvater beginnen, einem Vorbilde und Muster der Gläubigen. Abraham, ein Mann voll des Glaubens und Gehorsams gegen den Herrn, war berufen, dieser Stammvater der Kinder Gottes zu werden, und zu seiner geistigen Nachkommenschaft, deren Stammesoberhaupt er ist, gehören alle Auserwählten, sowohl des alten Bundes, wie auch der christlichen Kirche, bis ans Ende der Zeiten.

Wir müssen also Abraham als unser Haupt und unser Vorbild anerkennen. Sein ganzes Leben faßt sich in den Begriff der Gottestreue zusammen. Allen Befehlen Gottes unterwarf er sich, Alles gab er preis und brachte es zum Opfer, um dem heiligen Willen Gottes Genüge zu leisten. Darin liegt auch das charakteristische Kennzeichen eines Christen, und wir können daher aus dem Leben dieses großen Mannes die Lehren, die es enthält, als unsere Richtschnur ansehen.

Der Test der Genesis, welchen wir jetzt anführen, bildet die Grundlage alles dessen, was wir über Abraham zu sagen haben. Die heilige Kirche liest denselben heute in der Matutin.

Aus dem ersten Buche Moses Cap. 12.

Der Herr aber sprach zu Abram: Geh’ aus deinem Lande, und aus deiner Verwandtschaft, und aus deines Vaters Hause, und komme in das Land, das ich dir zeigen will; und ich will dich zum großen Volke machen und dich segnen, und will deinen Namen groß machen, und du sollst gesegnet sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen, und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde. Da ging Abram aus, wie ihm der Herr befohlen hatte; und Lot zog mit ihm; fünf und siebenzig Jahre war Abram alt, da er aus Haran zog; und er nahm Sarai, sein Weib, und Lot, seines Bruders Sohn, und alle ihre Habe, die sie besaßen, und die Seelen, die sie gezeugt hatten zu Haran; und sie zogen aus, um ins Land Chanaan zu gehen; und als sie hinein kamen, durchzog Abram das Land bis zum Orte Sichem, bis zum berühmten Thale; es waren aber damals die Chanaaniter im Lande. Da erschien der Herr Abram und sprach zu ihm: Deinem Samen will ich dies Land geben; und er baute einen Altar daselbst dem Herrn, der ihm erschienen war, und er zog von dannen zu dem Berge, der morgenwärts von Bethel war, schlug daselbst sein Zelt auf, Bethel gegen Abend und Hai gegen Morgen, baute auch einen Altar allda dem Herrn und rief seinen Namen an.

Welch lebendigeres Bild eines Jüngers Christi läßt sich denken, als dasjenige, welches der heilige Patriarch uns bietet. Er grübelt nicht, er wägt nicht, wo es sich darum handelt, der Stimme Gottes zu folgen, die ihn ruft. Mit Recht sagen von ihm bewundernd die heiligen Väter: „Welch wahrhaft christlicher Mann vor Christus! Welch evangelischer Mann vor dem Evangelium! Welch apostolischer Mann vor den Aposteln!“ Auf den Ruf des Herrn verläßt er Alles: Heimath, Familie, Vaterhaus, und zieht in ein ihm unbekanntes Land. Ihm ist es genug, daß Gott sein Führer ist, und er überläßt sich voll Vertrauen, ohne umzublicken, seiner Leitung. Haben selbst die Apostel mehr gethan? Aber auch welche Belohnung: „In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde!“ In den Adern dieses Chaldäers rollt das Blut, das einst die Welt erlösen wird. Wohl wird er die Augen schließen, ehe der Tag anbricht, an welchem viele Jahrhunderte später einer seiner Enkel, aus einer Jungfrau geboren und eins mit dem göttlichen Worte, alle vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Geschlechter wieder erkaufen wird; aber bis sich der Himmel dem Erlöser und der Schaar der Gerechten, die bereits die Krone erlangt haben, öffnet, werden die Ehren Abrahams am Orte der Erwartung seiner Tugend und seiner Verdienste würdig sein. In seinem Schoße [Luk. 16, 22], das heißt bei ihm, haben unsere ersten, durch die Buße gereinigten Stammeltern, ebenso Noe, Moses, David, kurz alle Gerechten den Vorgeschmack der Ruhe, des Glückes gekostet, welche sie auf die ewige Seligkeit vorbereiten sollte. So lohnt Gott die Liebe und Treue seines Geschöpfes.

Als die Fülle der Zeiten gekommen war, verkündete der Sohn Gottes, gleichzeitig auch der Sohn Abrahams, die Macht seines Vaters. Ein neues Geschlecht von Kindern Abrahams sollte selbst aus den Steinen der heidnischen Welt hervorgehen. Wir Christen sind dies neue Geschlecht. Aber sind wir auch unseres Vaters würdig? Hören wir, was der Apostel der Heiden sagt: „Durch den Glauben gehorchte jener, der Abraham genannt wird, auszuwandern nach dem Orte, welchen er zum Erbe erhalten sollte: und er wanderte aus, ohne zu wissen, wohin er käme. Durch den Glauben hielt er sich im Lande der Verheißung, wie in einem fremden, auf, wohnend in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung; denn er erwartete die festgegründete Stadt, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist.“ [Hebr. 11, 8-2]

Wenn wir nun Kinder Abrahams sind, so müssen wir uns auch, wie das die heilige Kirche sagt, auf dieser Erde als Fremde betrachten; wir müssen schon durch die Hoffnung und Liebe in jenem einzigen Vaterland wohnen, aus welchem wir eben zwar verbannt sind, dem wir uns aber von Tag zu Tag nähern, wenn wir, wie Abraham, im Glauben den Weg ziehen, welchen der Herr uns wandeln heißt. Gott will, daß wir diese Welt brauchen, als brauchten wir sie nicht [1. Cor. 7, 31], wir sollen uns jederzeit bewußt sein, daß wir hier keine bleibende Statt haben [Hebr. 13, 14], daß vielmehr unser größtes Unglück, unsere höchste Gefahr darin bestehe, wenn wir vergessen, daß der Tod uns gewaltsam von allem Vergänglichen trennt.

Wie weit also sind die Christen, welche sich unter dem Vorwande, daß jetzt bald die Fastenzeit beginne, an diesem und den beiden folgenden Tagen allen Ausschweifungen überlassen, davon entfernt, wahre Kinder Abrahams zu sein? Man nimmt die naiven Sitten unserer Väter zu Hilfe, um diese Ausbrüche wilder Lust mit der christlichen Strenge zu versöhnen. Sie sollen das Lebewohl sein, das man einem gemächlichen Leben vor dem Eintritte der harten Fastenzeit zuruft. Man führt da noch weiter an, daß ja auch die Osterfreude Aehnliches ausdrücken soll, weil jetzt diese harte Fastenzeit vorüber. Aber was haben solche Dinge mit den unschuldigen Freuden gemein, welche die Kirche ihren Kindern nicht blos gestattet, sondern selbst gewährt! Wie viele von diesen Ausgelassenen kümmern sich denn eigentlich um die Fastenzeit? Wie viele unter ihnen empfangen am Schlusse derselben die heiligen Sakramente, welche die Herzen reinigen und das Leben der Seele erneuern? Und die, welche eiligst nach Dispensen laufen, um der Verpflichtung des Kirchengebotes mehr oder minder enthoben zu sein, brauchen sie durch lärmende Feste eine Zeit zu eröffnen, während welcher sie vielleicht die Last ihrer Sünden vergrößern, statt dieselbe zu verringern?

Möchten sich doch christliche Seelen von solchen Täuschungen etwas weniger befangen lassen! Möchten sie doch zur Freiheit der Kinder Gottes zurückkehren, nicht zur Freiheit des Fleisches, sondern zur Freiheit der Banden von Fleisch und Blut; denn diese Freiheit begründet allein die ursprüngliche Würde des Menschen. Vergessen wir doch nie, daß wir in einer Zeit leben, während welcher sich sogar die Kirche den Jubelgesang des Alleluja versagt. Wir sollen ja gerade die Härte des Joches fühlen, welches das unheilige Babylon uns auflegt! Wir sollen da die eigentliche Lebenskraft, nämlich den christlichen Geist, der leider in der Masse immer schwächer wird, in uns wieder stärken und aufrichten! Wenn eine Pflicht oder unabweisbare gesellschaftliche Rücksichten während dieser Tage die Jünger Christi in den Strudel weltlicher Vergnügungen ziehen, so sollten sie darüber wenigstens nicht das Höhere vergessen. Sie sollten dem Beispiele der heiligen Cäcilia folgen, und wenn irdische Musik an ihr Ohr klingt, in ihrem Herzen Gott lobsingen. Sie sollten die Worte dieser bewunderungswürdigen Braut des Erlösers wohl beherzigen: „Halte uns rein, o Herr, daß nichts die Heiligkeit und Würde, welche stets in uns wohnen soll, trübe.“ Und vor Allem möge man doch diese ausschweifenden Tanzvergnügungen, welche das Grab der Schamhaftigkeit und der Gegenstand eines furchtbaren Richterspruches für ihre Theilnehmer und Begünstiger sind, nicht gestatten und nicht besuchen. Der heilige Franz von Sales sagt in seiner Einleitung zu einem gottergebenen Leben: „Während der thörichte Rausch weltlicher Luft jedes andere Gefühl außer dem eines flüchtigen und nur zu häufig gefährlichen Vergnügens erstickt zu haben scheint, büßen unzählige Seelen ie bei ähnlichen Gelegenheiten begangenen Sünden ewig in den Flammen der Hölle; Diener und Dienerinnen Gottes kürzen sich zu derselben Zeit den Schlaf, um Gottes Lob zu singen und seine Barmherzigkeit über Alle herabzuflehen; Tausende eures Gleichen wälzen sich in Noth und Elend auf ihrem dürftigen Lager; und Gott und seine Engel schauen auf euch von des Himmels Höhen herab; bedenket, es verrinnt die Zeit des Lebens, und in jeder Sekunde naht sich der Tod euch um einen Schritt, und keinen thut er zurück.“

Es war billig, wir geben das zu, wenn die Kirche Vorkehrungen getroffen, die drei ersten Tage der Quinquagesima, die letzten vor Eintritt der strengen Fastenzeit, nicht vorübergehen zu lassen, ohne der von mancherlei Sorgen gequälten Seele eine Erfrischung zu bieten. In ihrer mütterlichen Liebe hat sie dieses Bedürfnisses gedacht. Aber selbstverständlich begegnet sie demselben nicht mit eitlen Genüssen, nicht mit weltlichen Vergnügungen. Denjenigen ihrer Kinder, in welchen der Glaube noch mächtig ist, hat sie eine edlere und höhere Freude vorbehalten, eine Freude, zugleich geeignet, den göttlichen Zorn zu besänftigen, den so viele Uebertretungen seiner Gebote gerade in diesen Tagen herausfordern. Während derselben ist das Lamm, das die Sünden der Welt hinwegnimmt, auf den Altären ausgesetzt. Vom Throne der Barmherzigkeit herab empfängt es die Huldigungen derer, welche kommen, es anzubeten und als ihren König zu erkennen. Voll Gnade nimmt es die Reue derer an, welche zu seinen Füßen beweinen, daß sie allzulange einem anderen Meister, als ihm gefolgt sind; es opfert sich seinem Vater für die Sünder, welche, nicht zufrieden seine Wohlthaten zu vergessen, entschlossen zu sein scheinen, ihn während dieser Tage mehr als zu jeder anderen Zeit zu schmähen und zu beschimpfen.

Der Erzbischof von Bologna, der fromme Cardinal Gabriel Paleotti, ein Zeitgenosse des heiligen Carl Borromäus, mit der er bezüglich seines Hirteneifers um die Palme rang, hatte zuerst den heiligen und glücklichen Gedanken, die Person des göttlichen Mittlers zwischen Himmel und Erde dem erzürnten Auge des Vaters entgegen zu stellen. Der heilige Carl Borromäus ergriff denselben sofort und führte ihn auch in seiner Diöcese durch. Später, im 18. Jahrhunderte, saß Prosper Lambertini auf dem erzbischöflichen Stuhle von Bologna, und es lag ihm sehr am Herzen, diese fromme Ueberlieferung seines Vorgängers Paleotti recht in Aufnahme zu bringen. Als er nachmals als Benedict XIV. den Stuhl des heiligen Petrus bestiegen, öffnete er die Gnadenschätze der Kirche, und gewährte allen denen, welche in diesen Tagen den Herrn im heiligen Geheimniß der Liebe besuchen und seine Gnade für die Sünder erflehen, einen Ablaß. Ursprünglich war diese Gunst auf die Kirchen des römischen Staates beschränkt, Clemens XIII. dehnte sie jedoch 1765 auf alle Kirchen der Erde aus, so daß jetzt dieser Act der Anbetung eine der feierlichsten Bezeugungen katholischer Frömmigkeit ist. Seien wir ja darauf bedacht, an demselben Theil zu nehmen. Gleich Abraham wollen wir uns aller irdischen Einflüsse entkleiden und nur den Herrn, unseren Gott, suchen. Halten wir einige Augenblicke irdische Zerstreuungen ferne von uns, und erflehen wir zu den Füßen des Heilandes die Gnade, daß wir, so weit dieselben unvermeidlich sind, hindurch gelangen, ohne daß unser Herz daran kleben bleibt.

Erwägen wir nun der Reihe nach die Geheimnisse des Sonntags Quinquagesima. Die Evangelienstelle, welche die Kirche heute liest, enthält die Worte Jesu Christi an seine Apostel, in welchen er ihnen sein bevorstehendes Leiden in Jerusalem ankündigt. Die Zeit naht, in welcher wir das Gedächtniß des bitteren Leidens und Sterbens feierlich begehen. Es ist daher ein schöner Gedanke, diese Weissagung unmittelbar vor derselben unter den Evangelien zu wählen. Wir müssen dieselbe aufmerksam und dankbar in unsere Herzen aufnehmen. Diese müssen wir vom Irdischen losreißen und sie nach dem Vorbilde Abrahams Gott darbringen; und die Vorherverkündigung dessen, was Christus leiden mußte, wird uns in unseren Anstrengungen unterstützen. An diese Weissagung schließt sich im Evangelium das Wunder am Blinden von Jericho. Die alten Liturgisten heben nun hervor, daß dieser Blinde in seiner Blindheit den Sündern gleiche, welche in diesen Tagen die Bachanalien der heidnischen Welt im Schoße der christlichen erneuerten. Dieser Blinde fand aber sein Augenlicht wieder, weil er sein Uebel fühlte, und das Verlangen hatte, zu sehen. Die heilige Kirche will nun, daß wir das gleiche Verlangen in uns wach rufen sollten, und sie verheißt uns, daß unserem Verlangen die Erfüllung folgen werde.

Bei den Griechen heißt dieser Sonntag Tyrophagie. Es ist dies nämlich der letzte Tag, an welchen es ihnen gestattet ist, „weiße Speisen“ zu nehmen. Mit diesem Ausdrucke bezeichnen sie Milchspeisen. Dieser dürfen sie sich bis heute noch bedienen. Von Morgen an ist aber auch das ihnen untersagt, und es beginnen die österlichen Fasten in der vollen Strenge, womit dieselben bei den Orientalen beobachten werden.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Vierter Band: Die heilige Vorfastenzeit (Septuagesima); Mainz 1876; S. 195-204]

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