Dom Guéranger zum Sonntag Quinquagesima (2/3)

Zur Messe.

Die Station ist in der Basilika des heiligen Petrus auf dem Vatican. Der Abt Rupert bemerkt in seinem Werke über den Gottesdienst, daß man diese Kirche zu einer Zeit gewählt zu haben scheine, wo man noch an diesem Sonntage die Erzählung des dem Moses gegebenen Gesetzes las. Die ersten Christen Roms betrachteten nämlich Moses als das Vorbild des heiligen Petrus, und es war daher natürlich, daß man für eine solche Lesung auch die Peterskirche als Stationskirche wählte. Später kam an Stelle der Geschichte Moses’ die Berufung Abrahams, und die erstere wurde in die Fastenzeit zurückgeschoben. Die Station in Rom blieb indeß in der Basilika des Apostelfürsten, und dies konnte auch um so unbedenklicher fortwährend so gehalten werden, als ja auch Abraham in seiner Eigenschaft als Vater der Gläubigen ein Vorbild Petri ist.

Der Introitus schildert uns die Gefühle des gleich dem Armen von Jericho blinden verlassenen Menschen, der das Mitleid des Erlösers anfleht. Und dieser wird sich auch würdigen, ihm Führer und Ernährer zu sein.

Introitus.

Sei mir ein beschirmender Gott, und ein Haus der Zuflucht, daß Du mir helfest, denn meine Stärke und meine Zuflucht bist Du und um deines Namens willen wirst Du mich führen und ernähren.

Auf Dich, Herr, hoff’ ich, laß mich nimmermehr zu Schanden werden. Nach deiner Gerechtigkeit erlöse mich und rette mich. Ehre sei dem Vater. Sei mir ein beschirmender Gott.

Collecte.

Erhöre, wir bitten Dich, o Herr, unser Gebet und löse zuvor alle Bande unserer Sünden in Gnaden auf, und bewahre uns sodann vor aller Trübsal, durch unseren Herrn Jesum Christum. Amen.

Man fügt dann noch die anderen Collecten bei, wie in der Messe von Septuagesima […].

Epistel.

Lesung des Briefes des seligen Apostels Paulus an die Corinther 1. Cap. 13.

Brüder, wenn ich die Sprache der Menschen und Engel redete, aber die Liebe nicht hätte, wäre ich wie ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich die Gabe der Weissagung hätte und wüßte alle Geheimnisse, und besäße alle Wissenschaft, und wenn ich alle Glaubenskraft hätte, so daß ich die Berge versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht: so wäre ich nichts, und wenn ich alle meine Güter zur Speisung der Armen austheilte, und wenn ich meinen Leib dem Verbrennen hingäbe, hätte aber die Liebe nicht, so nützte es mir nichts. Die Liebe ist geduldig, ist gütig; die Liebe beneidet nicht, sie handelt nicht unbescheiden, sie ist nicht aufgeblasen, sie ist nicht ehrgeizig, sie ist nicht selbstsüchtig, sie läßt sich nicht erbittern, sie denkt nichts Arges, sie freuet sich nicht der Ungerechtigkeit, hat aber Freude an dem, was recht ist. Sie erträgt Alles, sie glaubt Alles, sie hofft Alles, sie duldet Alles. Die Liebe hört nie auf, wenn auch die Weissagungen aufhören, wenn die Sprachen ein Ende nehmen und die Wissenschaft vergeht. Denn Stückwerk ist unser Erkennen und Stückwerk unser Weissagen. Wenn aber das Vollkommene kommt, dann wird das Stückwerk aufhören. Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, hatte Einsicht wie ein Kind, dachte wie ein Kind; als ich aber Mann ward, legte ich ab, was kindisch war. Jetzt sehen wir durch einen Spiegel räthselhaft; alsdann aber von Angesicht zu Angesicht; jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, so wie auch ich erkannt bin. Jetzt aber bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei; aber das größte unter diesen ist die Liebe.

Mit Recht stellt uns heute die Kirche das edle Lob vor Augen, das der heilige Paulus der Liebe spendet. Diese Tugend, welche die Liebe zu Gott und dem Nächsten umfaßt, ist eigentlich das Licht unserer Seelen. Entbehren sie derselben, so tappen sie in der Finsterniß, und alle ihre Werke sind unfruchtbar. Selbst die Gewalt, Wunder zu wirken, könnte einen Menschen, der die Liebe nicht hätte, keineswegs über sein ewiges Heil beruhigen. Ohne sie sind auch die anscheinend heroischsten Handlungen nicht nur ohne Werth, sondern sind eben so viele Schlingen, welche der Teufel unserer Eitelkeit und Selbstüberschätzung legt. Bitten wir den Herrn um dieses Licht, und merken wir es uns, in wie großer Fülle es uns auch der Herr hienieden gewährt, in der Ewigkeit werden wir es ohne jedes Maß besitzen. Der glänzendste Tag auf dieser Welt ist nicht einmal Dämmerung, er ist dunkle Nacht neben der himmlischen Klarheit. Vor der Wirklichkeit der Thatsache, die wir dann sehen und begreifen, schwindet der Glaube und mit dem Augenblicke, da wir in den Besitz gelangen, endet auch die Hoffnung. Die Liebe aber wird bleiben; sie wird herrschen und deßhalb ist sie größer, als Glaube und Hoffnung, welche sie nur durch dies irdische Leben zu geleiten haben. Solcher Art ist die Bestimmung des von Christus wieder erkauften und erleuchteten Menschen; kann man sich da wundern, wenn er Alles verläßt, um diesem Meister zu folgen? Aber das kann uns billig Wunder nehmen, daß es in diesem Glauben und dieser Hoffnung getaufte Christen gibt, Christen, welche also die Voraussetzungen dieser Liebe empfangen, und sich gleichwohl, namentlich in diesen Tagen, in einen Strudel gemeiner Luft stürzen. Nichts beweist so sehr unseren tiefen Fall. Man meint, sie wollten Alles aufbieten, in sich selbst das göttliche Licht bis zum letzten Funken zu ersticken, als ob sie einen Bund mit der Finsterni gemacht hätten. Wenn die Liebe in uns herrscht, so muß uns dieselbe sehr empfindlich gegen die Schmach machen, welche man Gott anthut, und sie muß und gleichzeitig dazu drängen, seine Barmherzigkeit über diese Verblendeten, die trotz allem unsere Brüder sind, anzuflehen.

Im Graduale und im Traktus preist die Kirche die Güte Gottes gegen seine Auserwählten. Er hat sie vom Joche der Welt befreit, indem er sie mit seinem Lichte erleuchtet; sie sind sein Volk und die glücklichen Schäflein seiner Weide.

Graduale.

Du bist Gott, der Wunder thut allein, hast kund gethan unter den Völkern deine Kraft.

Hast erlöset durch deinen Arm dein Volk, die Söhne Israels und Joseph!

Traktus.

Jubelt Gott alle Lande, dienet Gott dem Herrn mit Freuden!

Kommet vor sein Angesicht mit Jubel, wisset, daß der Herr, Er, Gott ist.

Er hat uns gemacht und nicht wir uns selbst, wir sind sein Volk und die Schäflein seiner Weide.

Evangelium.

Fortsetzung des heililgen Evangeliums nach Lukas Cap. 18.

In der Zeit nahm Jesus die Zwölf zu sich und sprach zu ihnen: Siehe, wir gehen nach Jerusalem, und es wird Alles in Erfüllung gehen, was durch die Propheten über den Menschensohn geschrieben ist. Denn er wird den Heiden überliefert, verspottet, gegeißelt und angespieen werden, und nachdem sie ihn werden gegeißelt haben, werden sie ihn tödten und am dritten Tage wird er wieder auferstehen. Sie aber verstanden nichts von diesen Dingen; es war diese Rede vor ihnen verborgen und sie begriffen nicht, was damit gesagt ward. Und es geschah, als er sich Jericho näherte, saß ein Blinder an dem Wege und bettelte. Und da er das Volk vorbeiziehen hörte, fragte er, was das wäre? Sie aber sagten ihm, daß Jesus von Nazareth vorbei komme. Da rief er und sprach: Jesu, Sohn Davids, erbarme Dich meiner! Und die vorangingen, fuhren ihn an, daß er schweigen solle. Er aber schrie noch viel mehr: Sohn Davids, erbarme Dich meiner. Da blieb Jesus stehen und befahl, denselben ihm zuzuführen. Und als er sich genähert hatte, fragte er ihn und sprach: Was willst du, daß ich dir thun soll? Er aber sprach: Herr, daß ich sehend werde. Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich ward er sehend, und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott.

Eben hat sich die Stimme Christi, dessen schmerzliches Leiden verkündigend, vernehmen lassen, und die Apostel, welche diese vertraulichen Mittheilungen ihres Herrn und Meisters empfingen, haben noch nichts begriffen. Sie kleben eben noch zu sehr am Irdischen, um die Sendung des Heilandes fassen zu können; doch verließen sie ihn wenigstens nicht, sondern blieben an seiner Seite. Aber um wie Vieles verblendeter sind die falschen Christen, welche in diesen Tagen, weit entfernt, daran zu denken, daß ein Gott sein Blut und Leben für sie hingegeben, ihre Kräfte anstrengen, Alles, was noch Gottähnliches an ihnen ist, aus ihrer Seele zu reißen! Beten wir voll Liebe die göttliche Barmherzigkeit an, welche uns wie Abraham aus der Mitte eines preisgegebenen Volkes hervorgezogen. Wie der Blinde von Jericho, wollen wir zu dem Herrn rufen, daß sein Licht uns mehr und mehr durchdringe. „Herr, mache, daß ich sehe!“ das war sein Gebet. Uns hat nun Gott sein Licht gegeben, aber dasselbe würde uns wenig nützen, wenn es nicht in uns die Sehnsucht entflammte, immer heller und heller zu sehen. Er verhieß einst Abraham, ih den Ort zu zeigen, den er ihm aufbehalten; möge er auch uns dies Land der Lebendigen schauen lassen; aber vor Allem wollen wir nach einem schönen Gedanken des heiligen Augustinus ihn bitten, sich uns zu zeigen, damit wir ihn lieben, und dann möge er unser eigenes Bild uns schauen lassen, damit wir aufhören, uns selbst zu lieben.

Im Offertorium erfleht die Kirche für ihre Kinder das Licht des Lebens, welches in der Erkenntniß des göttlichen Gesetzes besteht. Unsere Lippen sollen seine Lehre und die vom Himmel gebrachten göttlichen Gebote verkünden lernen.

Offertorium.

Gebenedeit seist Du, Herr, lehre mich deine Satzungen; mit meinen Lippen spreche ich aus alle Rechte meines Mundes.

Stillgebet.

Laß, o Herr, diese Opfergabe, wir bitten Dich, unsere Sünden auslöschen, und Leib und Seele deiner Diener heiligen, damit sie in würdiger Weise das Opfer darbringen, durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Dazu kommen noch die anderen Stillgebete, wie am Sonntage Septuagesima […].

Die Antiphon der Communion erinnert an das Manna, das die Nachkommen Abrahams in der Wüste nährte. Aber diese Nahrung, wenn sie auch vom Himmel kam, konnte doch den Tod nicht abwenden. Aber das vom Himmel herabgestiegene lebendige Brod verleiht den Seelen das ewige Licht, und wer dasselbe würdig genießt, wird nicht sterben.

Communion.

Sie aßen und wurden übersatt, und der Herr gab ihnen nach ihren Gelüsten, und sie wurden nicht beraubt ihres Gelüstens.

Schlußgebet.

Wir bitten Dich, allmächtiger Gott, laß uns, die wir diese himmlische Nahrung empfangen haben, durch dieselbe vor allen Widerwärtigkeiten bewahrt bleiben, durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Dazu kommen noch die übrigen Schlußgebete, wie am Sonntage Septuagesima […].

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Vierter Band: Die heilige Vorfastenzeit (Septuagesima); Mainz 1876; S. 204-212]

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