Dom Guéranger zum Aschermittwoch (1/2)

Der Aschermittwoch.

Gestern wälzte sich noch die Welt in ihren Vergnügungen; selbst die Kinder der Verheißung gaben sich unschuldigen Genüssen hin. Mit Beginn des heutigen Tages erscholl die heilige Posaune, von welcher der Prophet spricht […]. Sie verkündet uns die feierliche Eröffnung des vierzigtägigen Fastens, die Zeit der Buße, das Herankommen der großen Jahresgedächtnisse unseres Heilswerkes. Erheben wir uns denn, Christen, bereiten wir uns vor, die Kämpfe des Herrn mitzukämpfen.

Aber in diesem Kampfe des Geistes gegen das Fleisch müssen wir gerüstet sein, wir müssen auch unsere Waffen zu gebrauchen verstehen. Und deßhalb beruft uns die heilige Kirche in ihre Gotteshäuser, damit wir uns in diesem geistigen Kriegsdienste üben. Was die Waffenrüstung anlangt, so hat uns schon der heilige Paulus alle einzelnen Stücke derselben bezeichnet. „Stehet denn,“ so sagt er, „eure Lenden umgürtet mit Wahrheit und angethan mit dem Panzer der Gerechtigkeit, und beschuhet an den Füßen mit der Bereitschaft für das Evangelium des Friedens; vor Allem ergreifet den Schild des Glaubens und nehmet den Helm des Geistes [Ephes. 6, 14-16].“ Und der Apostelfürst sagt uns: „Da nun Christus im Fleische gelitten hat, so waffnet auch ihr euch in demselben Sinne [1. Petr. 4, 1].“ Diese Lehren aus dem Munde der Apostel ruft uns heute die Kirche in das Gedächtniß. Und sie fügt eine nicht minder beredte Lehre hinzu, indem sie uns zwingt, bis zum Tage des Sündenfalles zurückzukommen, welcher alle diese zu liefernden Kämpfe, alle die zu vollbringenden Sühnungen verursacht hat.

Zwei Arten von Feinden sind gegen uns entfesselt: die Leidenschaften in uns, der Teufel außer uns. Diese ganze Unordnung ist eine Folge des Hochmuthes. Der Mensch hat Gott den Gehorsam verweigert; gleichwohl hat ihn Gott verschont, aber unter der harten Bedingung, daß er dem Tode unterworfen sein solle. Er hat gesagt: „Mensch, du bist Staub und sollst zum Staube wiederkehren [Genes. 3, 19].“ O warum haben wir diesen Wink vergessen! Er hätte genügen müssen, damit wir stets vor uns selbst auf der Hut wären. Wären wir stets vom Gefühle unseres Nichts durchdrungen gewesen, wir hätten nie gewagt, das göttliche Gesetz zu brechen. Jetzt hat uns die göttliche Gnade wiederum zum Guten geführt, wollen wir aber darin beharren, dann müssen wir uns demüthigen; wir müssen den Spruch annehmen, und dürfen fürder unser irdisches Leben nicht anders betrachten, denn als einen mehr oder minder kürzeren Weg, an dessen Ende ein Grab steht. Von diesem Gesichtspunkte aus erscheint uns Alles in neuem, hellem Lichte. Die unendliche Güte Gottes, der selbst den dem Tode geweihten Wesen seine Liebe nicht entzieht, scheint uns noch bewundernswerther; unsere Auflehnung, unser Undank gegen ihn, welchen wir schon in den wenigen uns gehörenden Augenblicken zeigten, erscheinen uns noch schwärzer und beklagenswerther; die Genugthuung aber, welche wir leisten können, und welche Gott anzunehmen sich würdigt, noch um Vieles gerechtfertigter und heilsamer.

Gerade in Berücksichtigung dessen erachtete es vor mehr als tausend Jahren die Kirche angemessen, den Beginn der Quadragesimalfasten noch um vier Tage vorzurücken. Sie eröffnet schon mit dem heutigen Tage diese heilige Zeit, indem sie die Stirne ihrer Kinder mit Asche bezeichnet, und einem Jeden die schrecklichen Worte des Herrn wiederholt, die uns dem Tode weihen. Aber der Gebrauch der Asche als Symbol der Demuth und der Buße ist schon viel älter. Wir finden denselben bereits im Alten Bunde, ja selbst im Heidenthum. Schon Job bestreute sein von der Hand Gottes geschlagenes Fleisch mit Asche und flehte die Barmherzigkeit des Herrn an; das ist jetzt länger, als viertausend Jahre [Job 16, 16]. Später wengte der königliche Prophet in der glühenden Zerknirschung seines Herzens Asche unter das bittere Brod, das er aß [Psalm 101, 10]; und ähnliche Beispiele finden sich noch manche sowohl in den historischen, wie in den prophetischen Büchern des alten Testamentes. Man fühlte unwillkürlich die Aehnlichkeit zwischen den Staubresten eines Gegenstandes, den die Flamme verzehrt hat, und einem sündigen Menschen, dessen Körper unter dem Feuer der göttlichen Gerechtigkeit in Staub zerfällt. Um doch die Seele vor der rächenden Flamme des Himmels zu retten, eilte der Sünder zur Asche; in der Erkenntniß, daß er ihr gleiche, fühlte er ein Schutzmittel vor dem Zorne dessen, der den Stolzen widersteht und den Demüthigen gnädig ist.

Ursprünglich wurden am Aschermittwoch nicht alle Gläubigen mit Asche bezeichnet; er gab vielmehr gewisse Sünden, für welche die Kirche eine öffentliche Buße verhängte, und nur solche Sünder erhielten die Asche. Vor der Messe dieses Tages erschienen die Schuldigen in der Kirche, woselbst alles Volk versammelt war. Die Priester empfingen das Bekenntniß ihrer Sünden, darauf zogen sie härene Bußgewänder den Sündern an und streuten Asche auf die Häupter derselben. Nachdem dies geschehen, warfen sich Geistliche und Volk auf die Erde und man betete laut die sieben Bußpsalmen. Hierauf ordnete sich die Procession, an welcher die Büßer mit nackten Füßen Theil nahmen. Nachdem die Procession vorüber, wurden sie feierlich vom Bischofe aus der Kirche vertrieben, der ihnen zurief: „Hiermit treiben wir euch aus dem Umkreis der Kirche wegen euerer Sünden und Missethaten, wie Adam, der erste Mensch, wegen seiner Uebertretung aus dem Paradiese verwiesen wurde.“ Der Klerus sang dann einige der Genesis entnommene Responsorien; dieselben enthielten die Worte des Herrn, welche den Menschen verurtheilen, im Schweiße seines Angesichtes der von nun an verfluchten Erde sein Brod abzuringen. Endlich wurden die Kirchenthüren hinter den Vertriebenen geschlossen, und sie durften nicht eher mehr die Schwelle überschreiten, als am Gründonnerstage, an welchem sie die feierliche Absolution empfingen.

Nach dem eilften Jahrhundert begann diese öffentliche Buße in Wegfall zu kommen. Dafür jedoch wurde der Gebrauch, sich mit Asche zu bestreuen, immer allgemeiner, und hat heute seine Stelle unter den wesentlichen Ceremonien der römischen Liturgie. Früher ging man barfuß, wenn man dies feierliche Zeichen menschlicher Nichtigkeit empfing. Noch im zwölften Jahrhundert zog selbst der Papst von der Kirche der heiligen Anastasia zur Kirche der heiligen Sabina, woselbst Station ist, ohne irgend welche Fußbekleidung zu tragen, ebenso auch die Cardinäle, die ihn begleiteten. Nach und nach hat allerdings diese äußere Strenge nachgelassen; die Kirche zählt aber darum nicht weniger auf die innerlichen Wirkungen, welche ein so imposanter Ritus auf alle Fälle hervorbringen muß.

In Rom ist also, wie eben bemerkt, die Station an diesem Tage in der Kirche der heiligen Sabina auf dem aventinischen Hügel; und unter dem Schutze dieser heiligen Martyrin beginnt die vierzigtägige Fastenzeit.

Der Gottesdienst beginnt mit der Segnung der Asche, womit alsbald die Kirche ein Kreuz auf unsere Stirne zeichnet. Um diese Asche zu erhalten, werden die am Palmsonntag des vorhergehenden Jahres geweihten Zweige verbrannt. Die Segnung, welche über sie in dieser neuen Form ausgesprochen wird, soll sie zur Bezeichnung des Geheimnisses der Reue und Demuth würdiger machen.

Der Chor beginnt mit der folgenden Antiphon, welche die göttliche Barmherzigkeit anfleht.

Antiphon.

Erhöre uns, o Herr, denn gnädig ist dein Erbarmen; nach der Fülle deiner Erbarmungen schaue herab auf uns, o Herr!

Rette mich, o Gott, denn die Wasserwogen haben sich aufgethürmt bis an meine Seele. Ehre sei dem Vater. Erhöre uns.

Der Priester am Altar, der die geheimnißvolle Asche in seiner Nähe liegen hat, verrichtet nun die folgenden Gebete, mit welchen er Gott anfleht, aus dieser Asche ein Mittel unserer Heiligung zu machen.

Gebet.

Allmächtiger ewiger Gott, verschone die Reuigen, sei gnädig den Bittenden und sende deinen heiligen Engel vom Himmel herab, welcher weihe und segne diese Asche, auf daß sie sein möge eine heilsames Mittel Allen, welche anflehen deinen heiligen Namen, in Demuth des Herzens, welche im Bewußtsein ihrer Vergehungen sich selbst anklagen, und vor dem Angesichte deiner göttlichen Huld ihre Missethaten beseufzen; und deine erheiternde Liebe mit kühnen Wünschen und Bitten bestürmen; und verleihe durch die Anrufung deines allerheiligsten Namens, daß Alle, welche mit dieser Asche bestreuet werden, zur Erlösung von ihren Sünden, die Gesundheit des Körpers und den Schutz der Seele erhalten mögen, durch Jesum Christum unseren Herrn. Amen.

Gebet.

Gott, der Du nicht den Tod des Sünders, sondern seine wahre Buße verlangst, siehe mit Milde herab auf die Gebrechlichkeit der menschlichen Natur, und segne diese Asche, welche wir jetzt im Geiste der Demuth und aus Begierde nach Sündenvergebung auf unsere Häupter wollen streuen lassen, damit wir, eingedenk, daß wir Staub sind, und wegen unserer Verdorbenheit wieder in den Staub zurückkehren, die Nachlassung unserer Sünden und der den Büßern verheißenen ewigen Seligkeit würdig werden mögen, durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Gebet.

Gott, der Du Dich durch Demuth und durch Buße versöhnen lässest, neige dein Ohr liebevoll zu unseren Gebeten und ströme auf das Haupt deiner Diener, welche mit dieser Asche bestreut werden, die Gnade deiner Segnungen, so daß Du sie sowhl mit dem Geiste der Zerknirschung erfüllst, als auch ihre Bitten gewährest, und bestimmst, daß das, was Du ihnen gespendet hast, ewig und unantastbar in ihnen verbleiben möge, durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Gebet.

Allmächtiger ewiger Gott, der Du den in Sack und Asche büßenden Niniviten Mittel der Vergebung dargereicht hast: verleihe gnädigst, daß wir denselben so nachahmen, daß auch wir uns der Erlösung und der Barmherzigkeit erfreuen, durch Jesus Christum, unseren Herrn. Amen.

Nach diesen Gebeten besprengt der Priester die Asche mit Weihwasser und beräuchert sie mit Weihrauch. Ist dies geschehen, so wird er zuerst mit dme Aschenkreuz auf die Stirne bezeichnet, und zwar thut dies der oberste oder älteste Geistliche, der an der betreffenden Kirche angestellt ist. Dasselbe thut hierauf der celebrirende Priester diesem, hierauf folgen die Ministranten, die übrigen Kleriker und dann das gläubige Volk.

Wenn nun der Priester sich euch naht, euere Stirne mit dem Zeichen der Buße zu bezeichnen, so nehmet voll Demuth das Todesurtheil an, das Gott über euch verkünden wird: „Gedenke, o Mensch, daß du Staub bist und in den Staub zurückkehrst.“ Demüthigt euch, erinnert euch, daß dieser Spruch deßhalb euch trifft, weil ihr sein wolltet, wie Gott. Weil ihr eueren Willen über den Willen des Herrn der Schöpfung gesetzt, darum traf euch das Loos, sterben zu müssen. Und wir wollen dabei auch der langen Reihe von Sündern gedenken, welche wir der Sünde Adams beigefügt, und die Gnade Gottes bewundern, die sich für so viele Empörungen mit einem einzigen Tode begnügt.

Während der Priester mit der Asche das Zeichen des Kreuzes auf die Stirne der Gläubigen macht und dabei die angeführten Worte spricht, singt der Chor die folgenden beiden Antiphonen nebst dem beigefügten Responsorium.

Antiphon.

Wandeln wir unser Gewand in Sack und Asche; lasset uns Fasten halten und weinen vor dem Herrn; denn reich ist an Erbarmen unser Gott, die Sünden zu vergeben.

Antiphon.

Zwischen Vorhalle und Altar sollen weinen die Priester, des Herrn Diener, und sagen: Schone, Herr, schone deines Volkes, und verschließ den Mund derer nicht, die Dir singen, o Herr!

Responsorium.

Lasset uns gut machen, was wir in unserer Verblendung gesündigt, damit wir nicht von dem Tage des Todes plötzlich überrascht für die Buße Zeit suchen und nicht finden können. Merke auf uns, o Herr, und erbarme Dich unser; denn wir haben gesündigt vor Dir.

Hilf uns Gott, unser Heiland, und um der Ehre deines Namens willen erlöse uns, Herr. Merke auf uns. Ehre sei dem Vater. Merke auf uns.

Wenn Alle mit der Asche bezeichnet sind, verrichtet der Priester das folgende Gebet.

Gebet.

Verleihe uns, o Herr, mit heiligen Fasten den christlichen Kampf zu beginnen, und da wir gegen die List der Feinde unseres Heiles streiten, durch die Hilfe der Enthaltsamkeit gekräftigt zu werden, durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Vierter Band: Die heilige Vorfastenzeit (Septuagesima); Mainz 1876; S. 222-230]

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