Dom Guéranger zum ersten Fastensonntag (1/3)

Der erste Fastensonntag.

Dieser Sonntag, der erste dieser heiligen vierzigtägigen Zeit, gilt als einer der wichtigsten Feiertage des Jahres. Gleich dem Passionssonntag und dem Palmsonntag, weicht er keinem anderen Feste; nicht einmal dem des Kirchenpatrons, des Titularheiligen der Kirche oder der Kirchweihe. In den alten Kalendern heißt er „Invocabit,“ nach dem ersten Worte des Introitus der Messe. Im Mittelalter nannte man ihn Feuersonntag, weil die jungen Leute, welche sich allzu sehr dem Carneval hingegeben hatten, an diesem Tage mit einer Fackel in der Hand in der Kirche erscheinen mußten, um für ihre Ausschreitungen öffentlich Genugthuung zu leisten.

Heute erscheinen denn auch die Fasten in ihrem vollen feierlichen Ernste. Bekanntlich wurden die vier vorhergehenden Tage seit dem heiligen Gregor beigesetzt, um so die vierzig Tage des Fastens voll zu machen und auf Aschermittwoch sind die Gläubigen nicht gehalten, die heilige Messe zu hören. Nun aber sieht die heilige Kirche ihre Kinder versammelt; sie richtet daher in der Matutin an dieselben das Wort und sie bedient sich hierzu der beredten und würdevollen Sprache des heiligen Leo des Großen.

„Da ich im Begriffe stehe, euch, Geliebteste!“ so heißt es dort, „das heiligste und größte Fasten zu verkündigen, mit welchem passenderen Eingang könnte ich beginnen, als mit dem Ausspruche des Apostels, aus welchem Christus redete, und daß ich euch wiederhole, was soeben vorgelesen worden: „Siehe! jetzt ist die gnadenreiche Zeit, siehe! jetzt ist der Tag des Heiles.“ Obgleich uns aber zu jeder Zeit die göttliche Gnade in reichlicher Fülle angeboten wird und uns stets der Zutritt zur Barmherzigkeit Gottes, vermöge seiner unendlichen Liebe zu uns gestattet ist, so müssen doch die Gemüther aller Christen mit größerem Eifer zu geistlichen Fortschritten aufgelegt und mit höherer Zuversicht erfüllt werden, wenn die Wiederkehr jenes Tages, an dem wir erlöst wurden, zu allen Uebungen der Gottseligkeit uns einladet, damit wir das über Alles herrliche Geheimniß des Leidens unseres Herrn mit unbeflecktem Herzen und reinem Leibe feiern können.

„Es gebührte zwar diesen erhabenen Ereignissen eine solche unaufhörliche Andacht und stets fortwährende Ehrfurcht, daß wir vor dem Angesichte Gottes immer so verharrten und erscheinen, wie es sich ziemt, daß wir am Osterfeste erfunden werden. Weil aber solche standhafte Ausharrung die Sache der Wenigsten ist und die strengere Beobachtung durch die Gebrechlichkeit des Fleisches nachläßt und geschwächt wird und durch die mannigfachen Geschäfte dieses Lebens der Eifer erkaltet, endlich auch fromme Herzen von dem Staube der Welt befleckt werden müssen: so wurde durch die göttliche Einsetzung die heilsame Vorkehrung getroffen, daß eine vierzigtägige Uebung an der Erneuerung der ersten Reinheit unserer Seelen arbeiten solle, auf daß die Schuld der übrigen Tage durch die guten Werke und das reinigende Fasten versöhnt würde.

„Geliebteste! da wir nun diese geheimnißvollen Tage antreten, welche die heilsame Absicht haben, unseren Leib und unsere Seele zu reinigen, so seien wir besorgt, den Vorschriften des Apostels nachzukommen, indem wir uns von allen Befleckungen des Geistes und Leibes reinigen, auf daß, nachdem wir den Streit, welcher sich zwischen diesen beiden Theilen unseres Wesens stets erhebt, beschwichtig haben, unser Geist, der ein nach Gottes Anordnung gebildeter Führer seines Körpers sein soll, die Würde seiner Oberherrschaft erlange und behaupte, und wir sohin „Niemand irgend einen Anstoß geben,“ und wir uns nicht dem Tadel der Verläumder aussetzen. Denn mit Recht müßten wir den Tadel der Ungläubigen entgegennehmen, und durch unsere Schuld müßten sich die Zungen der Gottlosen zur Herabwürdigung der Religion waffnen, wenn die Sitten der Fastenden mit der Lauterkeit der vollkommenen Enthaltsamkeit im Widerspruche ständen. Denn unser Fasten enthält nicht seinen einzigen Werth von der Entziehung der Nahrung, ja ohne heilsame Wirkung versagten wir unserem Leibe die Speise, wenn der Geist nicht von der Bosheit abgewöhnt würde.“

Jeder Fastensonntag bringt eine Lesung aus den heiligen Evangelien, worin die Kirche die sie an diesem Tage beseelenden Gefühle offenbart. Heute nun stellt sie unserer Betrachtung die Versuchung Jesu Christi in der Wüste vor. Und in der That, es kann nichts Geeigneteres geben, um uns gleich im Anfange der Fastenzeit über deren Bedeutung zu belehren und in deren Beobachtung uns zu stärken.

Wir bekennen, daß wir Sünder sind; wir wollen ja gerade die von uns begangenen Sünden sühnen; aber wie sind wir in die Sünde gefallen? Der Teufel hat uns eben versucht und wir haben die Versuchung nicht zurückgewiesen. Wir sind in die Schlingen des bösen Feindes gefallen und so haben wir Böses begangen. Das ist in zwei Worten unsere ganze Geschichte der Vergangenheit, und die Zukunft wird genau ebenso verlaufen, wenn wir nicht aus der Lehre, die uns heute der Erlöser gibt, Nutzen ziehen.

Es ist nicht ohne Grund, wenn der Apostel uns die unaussprechliche Barmherzigkeit des göttlichen Trösters der Menschen auseinander setzt, und er weist darauf hin, daß er in allen Stücken uns ähnlich sein wollte, ja daß er sogar wie wir versucht wurde [Hebr. 4, 15]. Er hat uns damit ein Zeichen seiner grenzenlosen Hingebung gegeben und es ist zugleich ein für uns höchst belehrendes Beispiel, das er uns gibt. Der Heiligste der Heiligen sträubt sich nicht dagegen, daß der elende Feind alles Guten ihm nahet, nur zu dem Zwecke, um uns zu lehren, wie man ihn überwindet.

Satan hatte voll Besorgniß die in Jesus glänzende unvergleichliche Heiligkeit bemerkt. Die Wunder, welche seine Geburt begleiteten, die Engel, welche die Hirten zu seiner Krippe riefen, die Weisen, welche ein Stern aus dem Morgenlande herbeiführte, der auffallende Schutz, welcher das Kind vor dem Mörderschwerte des Herodes bewahrte, das Zeugniß, welches Johannes der Täufer von dem neuen Propheten ablegte und noch manches Andere stand in einem auffallenden Gegensatze zu der Niedrigkeit und Dunkelheit der Geburt, welche in den ersten Jahren das nazarenische Kind zu bedecken schien. Das beunruhigte den Fürsten der Finsterniß; er wußte, daß die Zeit gekommen; aber das unaussprechliche Geheimniß der Menschwerdung war, ohne daß seine gottesschänderische Blicke dasselbe entweiht, eine Thatsache geworden; die Jungfräulichkeit Marias ist ihm ein Geheimniß und er weiß daher auch nicht, daß sie die von Isaias vorhergekündigte Jungfrau sei, welche den Emmanuel gebären sollte [Isaias 7, 14]; auf der anderen Seite aber weiß er, daß die letzte Woche Daniels begonnen hat; er weiß, daß selbst die heidnische Welt aus Judäa einen Erlöser erwartet. In seiner Verwirrung wagt er sich an Jesus heranzutreten. Er hoffte, seinem Munde wenigstens eine Aeußerung zu entlocken, aus welcher er einen Schluß ziehen könnte, ob Jener der Sohn Gottes ist oder nicht; er suchte ihn zum Mindesten auf einer Schwäche zu ertappen, die ihm sagen könnte, daß dieser Gegenstand des Schreckens aus nichts weiter sei, als ein sterblicher und sündiger Mensch.

Der Feind Gottes und der Menschen sollte in seiner Erwartung sich getäuscht finden; er nähert sich allerding dem Erlöser, aber die Antworten, die er von ihm erhält, können seine Verwirrung nur vermehren. Mit der Einfachheit und Majestät des Gerechten weist Jesus alle Angriffe Satans ab; aber er spricht kein Wort, aus welchem der böse Geist die himmlische Abkunft desselben vermuthen könnte. Der Engel des Abgrundes zieht sich zurück, ohne berechtigt zu sein, Jesus für etwas Anderes, als einen dem Herrn getreuen Propheten zu halten. Bald sieht er auch noch, wie er verachtet und geschmäht wird, er sieht die Verfolgung, welche ringsum das Haupt des Menschensohnes bedroht. Seine Anstrengungen, ihn zu verderben, scheinen von dem besten Erfolge zu sein und so verblendet er sich in seinem Hochmuthe immer mehr und mehr; erst wenn der Augenblick gekommen, da Jesus, überhäuft mit Schmach und Leiden, am Kreuze sein Leben verhauchen wird, erst dann wird er fühlen, daß das Opfer nicht ein Mensch, sondern ein Gott ist und daß alle Wuth, die er gegen den Gerechten heraufbeschworen, nur dazu gedient hat, die göttliche Barmherzigkeit, die den Menschen rettet, und die göttliche Gerechtigkeit, welche die Macht der Hölle zerschmettert, in das hellste Licht zu setzen.

Das war der Plan der Vorsehung, als sie es zuließ, daß der Geist des Bösen durch seine Gegenwart die stille Zurückgezogenheit des Gottmenschen beschmutzte, daß er an ihn das Wort richten und seine gottlosen Hände ihn berühren durften; betrachten wir darum alle Umstände dieser dreifachen Versuchung näher; denn Jesus hat dieselbe nur über sich ergehen lassen, um uns zu belehren und zu ermuthigen.

Wir haben dreierlei Feinde zu bekämpfen und unsere Seele ist auf drei Seiten verwundbar; darum sagt der Liebesjünger: „Alles, was in der Welt ist, das ist die Begierlichkeit des Fleisches, die Begierlichkeit der Augen und die Hoffart des Lebens. [1. Joh. 2, 16].“ Unter der Begierlichkeit des Fleisches muß man alle Art Sinnenlust verstehen, Alles, was dem Fleische schmeichelt und den Geist bestrickt. Die Begierlichkeit der Augen bedeutet die Liebe zu den Gütern dieser Welt, zu Reichthümern u. s. w., kurz zu Allem, was uns, wie man ja im Volke sehr charakteristisch es bezeichnet, in das Auge sticht, ehe es unser Herz verführt. Die Hoffart des Lebens endlich ist jenes Selbstvertrauen, welches uns eitel und aufgeblasen macht und vergessen läßt, daß Alles, was wir sind und haben, ein Geschenk Gottes ist.

Es gibt keine Sünde, welche nicht aus einer dieser drei Quellen entspränge; es gibt keine Versuchung, welche nicht auf die Befriedigung der Begierlichkeit des Fleisches oder der Begierlichkeit der Augen oder der Hoffart des Lebens hinausliefe. Der Heiland, der ja in allen Dingen unser Vorbild sein wollte, hat sich denn auch diesen dreierlei Prüfungen unterworfen.

Zuerst versucht ihn Satan mit dem Fleische; er legt ihm den Gedanken nahe, seine übernatürliche Gewalt dazu anzuwenden, daß er sich ohne Verzug die Qual des ihn belästigenden Hungers erleichtere. Sage, daß diese Steine Brod werden, so räth der Teufel dem Sohne Gottes und will dabei sehen, ob Jesus es wirklich so eilig hat, seinem leiblichen Bedürfnisse abzuhelfen; das würde ihm selbstverständlich einen schwachen und begehrlichen Menschen verrathen haben. Wenn der Teufel sich an uns, die wir traurige Erben der Begierlichkeit Adams sind, wendet, dann haben wohl soche verfänglichen Rathschläge vielfachen Erfolg. Es fällt dem Teufel häufig nicht schwer, die Seele durch den Leib zu beflecken; aber die höchste Heiligkeit des fleischgewordenen Wortes verlangte, daß Satan nicht über den Anfang des Versuches hinauskomme, wenn er Gott verlocken wollte, wie er die Menschen verlockt. Ohne daß sich daher Jesus auf irgend Etwas einläßt, weißt er ihn mit einer Lehre über die Mäßigkeit ab. Diese Lehre gilt eigentlich mehr uns, als dem Teufel; die Mäßigkeit ist die Grundlage der Reinigkeit und ein unmäßiger Mensch wird sehr bald dahin kommen, daß er seine empörten Sinne nicht mehr zu bändigen vermag.

Die zweite Versuchung war die der Hoffart. „Stürze dich hier hinab; denn die Engel werden dich auf ihren Händen tragen.“ Der böse Feind, der in Jesus immer nur einen Propheten erblickt, will sehen, ob die Gunst des Himmels in der Seele Jesu nicht eine Ueberhebung hervorgebracht; es ist dies bei den Menschen eine sehr leicht eintretende Folge. In undankbarem Selbstvertrauen will das Geschöpf sich selbst zuschreiben, was es Gott verdankt; es vergißt seinen Wohlthäter, um sein eigenes Ich auf den Thron zu setzen. Abermalige Täuschung; die Hoffart des rebellischen Engels ergreift Entsetzen vor der Demuth des Erlösers.

Aber er macht noch eine letzte Anstrengung. Vielleicht, so denkt er, wird das Haschen nach Reichthum ihm, der sich seither so mäßig und demüthig bewiesen hat, zum Falle gereichen. „Siehe da alle Reiche der Welt in ihrem Glanze und ihrer Herrlickeit; diese alle will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.“ Dies schmähliche Anerbieten weist Jesus mit Verachtung zurück; er jagt den Fürsten der Welt, diesen verfluchten Verführer vor seinem Angesichte fort und lehrt uns durch sein Beispiel, wie wir alle irdischen Reichthümer verschmähen sollen, wenn wir sie nur durch Uebertretung des göttlichen Gesetzes und durch eine dem Teufel dargebrachte Huldigung erlangen oder erhalten können.

Wie nun hat der Erlöser die Versuchung zurückgewiesen? Hört er die Reden des Versuchers an? Läßt er ihm Zeit, vor seinen Augen Alles schön ausmalen zu können? Nur zu häufig machen wir es so und finden dann fast regelmäßig, daß wir in der Schlinge sitzen, ehe wir sie fallen gesehen haben. Jesus thut das nicht; er hält den ersten Worten sofort den Schild des unbeugsamen Gesetzes entgegen: „Es steht geschrieben,“ sagt er, „der Mensch lebt nicht allein vom Brod. Es steht geschrieben, du sollst den Herrn deinen Gott nicht versuchen. Es steht geschrieben, den Herrn deinen Gott sollst du anbeten und nur ihm allein dienen.“ Diese große Lehre wollen wir befolgen. Eva und mit ihr das ganze Menschengeschlecht unterlag nur deßhalb, weil sie sich mit der Schlange in eine Unterhaltung eingelassen hatte. Wer mit der Versuchung spielt, wird ihr unterliegen. In diesen heiligen Tagen ist allerdings das Herz aufmerksam auf sich selbst, die Gelegenheiten sind seltener, wir haben unsere Gewohnheiten unterbrochen; durch Gebet, Fasten und Almosen geläutert, werden unsere unsere Seelen mit Jesus Christus zu neuem Leben auferstehen; aber ob sie auch dies neue Leben bewahren? Das ist die Frage! Die Beantwortung derselben wird davon abhängen, wie wir uns in Versuchungen verhalten. Gleich beim Beginn der heiligen vierzig Tage stellt uns die Kirche die Erzählung des Evangeliums vor Augen; sie will dadurch Beispiel und Lehre verknüpfen. Lassen wir es nicht an Treue und Aufmerksamkeit fehlen, dann wird diese Lesung in uns Früchte bringen und zur Zeit des Osterfestes werden wir dann so wachsam, so mißtrauisch gegen uns selbst sein, daß wir darin wie im Gebete und in der nie fehlenden göttlichen Hilfe eine Bürgschaft für unsere Beharrlichkeit erblicken dürfen.

Die griechische Kirche läßt bekanntlich während der Fastenzeit keine Feste zu; gleichwohl begeht sie heute einen ihrer höchsten Feiertage; sie nennt das heutige Fest Orthodoxie, und es ist dem Gedächtniß der Wiederaufstellung der heiligen Bilder in Konstantinopel und im ganzen oströmischen Kaiserreiche gewidmet. Die Kaiserin Theodora hatte nämlich im Jahre 842 mit Hilfe des heiligen Patriarchen Methodius der abscheulichen Verfolgung der Bilderstürmer ein Ende gemacht und ließ nun in allen Kirchen die heiligen Bilder, welche die Wuth der Irrlehrer hinweggebracht hatte, wieder aufstellen.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Fünfter Band: Die heilige Fastenzeit (Septuagesima); Mainz 1877; S. 131-140]

Ein Kommentar zu „Dom Guéranger zum ersten Fastensonntag (1/3)

  1. Vielen Dank für Ihre Mühe, die Texte Dom Guerangers online zu stellen.

    Katholische „Meckerseiten“ gibt es zu Hauf. Und man muss sich die Pathologie auch klarmachen, sozusagen eine gute Diagnose stellen.

    Aber viel wichtiger ist eine aufbauende Therapie, die sie hier mit diesen Texten in lobenswerter Weise erbringen.

    Werde mich mühen, Ihre Seite weiterzuempfehlen. Nochmals vielen Dank.

    liebe Grüße aus den katholischen Katakomben!!!

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