Dom Guéranger zum zweiten Fastensonntag (2/3)

Zur Messe.

Im Introitus will die Kirche unser Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes erwecken. Er will uns von unseren Feinden erlösen, wenn wir ihn recht von Herzen anrufen. Zwei Wohlthaten haben wir von ihm in der Fastenzeit zu erwarten: die Verzeihung für unsere Sünden und seinen Schutz, damit wir nicht wieder in dieselben fallen.

Introitus.

Gedenke, Herr, deiner Erbarmungen und deiner Gnaden, die von Anbeginne her sind. Laß fürder nicht unsere Feinde herrschen über uns; erlöse uns, Gott Israels, aus all’ unserer Drangsal.

Zu Dir, Herr, hab’ ich erhoben meine Seele; mein Gott, auf Dich vertraue ich, laß mich nicht zu Schanden werden. Ehre sei dem Vater. Gedenke.

In der Collecte flehen wir Gott an, uns Alles zu geben, dessen wir innerlich und äußerlich bedürftig sind. Gott wird uns das Eine und das Andere in hinreichendem Maße gewähren, vorausgesetzt, daß unser Gebet demüthig und aufrichtig ist; er wird über unsere leiblichen Bedürfnisse wachen, wie auch unsere Seelen gegen die Schlingen des bösen Feindes schützen, welcher, wenn er ncihts Anderes vermag, wenigstens in Gedanken uns zu verunreinigen suchen wird.

Collecte.

Gott! Du siehst, wie kraftlos und ohnmächtig wir sind! Behüte Du unser Inneres und Aeußeres, damit der Leib von allen Leiden frei und die Seele von allen bösen Gedanken rein werde. Durch unseren Herrn Jesum Christum. Amen.

Die zweite und dritte Collecte wolle man […] beim ersten Fastensonntag […] ersehen.

Epistel.

Lesung des ersten Briefes des seligen Apostels Paulus an die Thessalonicher Cap. 4.

Brüder! Wir bitten und ermahnen euch im Herrn Jesu, daß ihr so, wie ihr von uns unterrichtet worden seid, zu wandeln und Gott zu gefallen, auch wirklich wandelt, damit ihr immer vollkommener werdet. Denn ihr wisset, welche Vorschriften ich euch gegeben habe im Auftrage des Herrn Jesu. Denn das ist der Wille Gottes, daß ihr heilig lebet, daß ihr euch enthaltet von der Unzucht, daß ein Jeder von euch seinen Körper heilig und bei Ehren zu erhalten wisse, nicht in leidenschaftlicher Lust wie auch die Heiden, die Gott nicht kennen; daß Keiner übervortheile und seinen Bruder im Geschäfte nicht überliste; denn der Herr ist Rächer von allem diesem, wie wir euch schon mündlich gesagt und bezeugt haben. Denn nicht hat uns Gott berufen zur Unlauterkeit, sondern zur Heiligung in Christo Jesu unserem Herrn.

In dieser Epistelstelle besteht der Apostel auf der Heiligkeit der Sitten, welche das ganze christliche Leben durchleuchten soll. Die Kirche, welche uns heute diese Worte vorstellt, gibt damit den Gläubigen einen Wink, daß sie aus der gegenwärtigen Zeit Nutzen ziehen; sie sollen das Gottesbild, welches die Taufgnade in ihnen hervorgebracht, in seiner vollen Reinheit wieder herstellen. Der Christ ist gleichsam ein Ehrengefäß, welches die Hand Gottes bereitet und verschönert hat. Er muß sich also vor jedem Schmutze, vor jedem Makel, der dies Gefäß verunreinigen oder entstellen würde, hüten. Denn er würde sonst verdienen, zerbrochen und mit anderem Unrath zum Dünger geworfen zu werden. Darin besteht eben der Ruhm des Christenthums, den Menschen so hoch erhoben zu haben, daß sein Leib der Heiligkeit der Seele theilhaftig wird; aber es lehrt uns auf der anderen Seite auch, daß die Heiligkeit der Seele durch den Schmutz des Leibes getrübt und befleckt wird. Wir müssen also unseren ganzen Menschen in dieser vierzigtägigen Gnadenzeit zu erheben trachten. Reinigen wir daher unsere Seelen durch das Bekenntniß unserer Sünden, durch die Zerknirschung des Herzens und die Liebe Gottes, des Barmherzigen; die Reinigkeit unseres Leibes stellen wir dadurch her, daß wir ihn das Joch der Sühne tragen lassen, so daß er inskünftige der Knecht und das folgsame Werkzeug der Seele sei, bis zu dem Tage, wo die letztere im Besitze eines Glückes ohne Ende und ohne Grenze mit der Ueberfülle ihrer Wonne auch den Leib verklären wird.

Im Graduale schreit der Mensch beim Anblick der ihm drohenden Gefahren zu dem Herrn, der allein ihn retten und ihm den Sieg über den inneren Feind geben kann; nur zu oft fällt der Mensch dessen Angriffen zur Beute.

Im Traktus ist das Vertrauen auf die göttliche Barmherzigkeit ausgedrückt; zugleich liegt darin eine Bitte der Kirche zu Gunsten des ungläubigen Volkes an ihren Bräutigam, er möge dasselbe heimsuchen und bei dem bevorstehenden großen Feste erlösen. Dies Fest ist allerdings noch entfernt; aber dennoch nähern wir uns ihm von Tag zu Tag.

Graduale.

Die Trübsale meines Herzens sind vielfältig geworden; aus meinen Nöthen errette mich, o Herr!

Siehe an meine Demüthigung und meine Beschwerden und vergib alle meine Sünden.

Traktus.

Lobet den Herrn, denn er ist gut; denn in Ewigkeit währet seine Barmherzigkeit.

Wer kann aussprechen die Großthaten des Herrn, verkünden all’ sein Lob?

Glückselig sind, die in Acht haben das Gericht und Recht thun zu aller Zeit.

Gedenke unser, o Herr, im Wohlgefallen an deinem Volke; such’ uns heim mit deinem Heile.

Evangelium.

Fortsetzung des heiligen Evangeliums nach Matthäus Cap. 17.

Zu jener Zeit nahm Jesus den Petrus, Jakobus und dessen Bruder Johannes mit sich und führte sie beiseits auf einen hohen Berg. Da ward er vor ihnen verklärt: und sein Angesicht glänzte wie die Sonne, seine Kleider aber wurden weiß wie der Schnee. Und siehe, es erschien ihnen Moses und Elias: die redeten mit ihm. Petrus aber nahm das Wort und sprach zu Jesu: Herr, hier ist gut sein für uns! Willst Du, so wollen wir hier drei Hütten machen, Dir eine, dem Moses eine und dem Elias eine. Als er noch redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke. Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach: Dieser ist mein geliebter Sohn, an welchem ich mein Wohlgefallen habe: diesen sollt ihr hören. Da die Jünger dieses hörten, fielen sie auf ihr Angesicht und fürchteten sich sehr. Und Jesus trat hinzu, berührte sie und sprach zu ihnen: Stehet auf und fürchtet euch nicht! Als sie aber ihre Augen aufhoben, sahen sie Niemand, als Jesum allein. Und da sie von dem Berge herabstiegen, befahl ihnen Jesus und sprach: Saget Niemanden dies Gesicht, bis der Sohn des Menschen von den Todten auferstanden sein wird.

So kam also der Heiland seinen Aposteln unmittelbar am Tage vor der Prüfung zu Hilfe, und suchte sein glorreiches Bild tief in das Auge ihres Geistes für den Tag zu prägen, da ihr leibliches Auge nichts an ihm erblicken würde, als Schwachheit und Schmach. O Vorsehung der göttlichen Gnade, welche dem Menschen nie mangelt und stets die Güte und Gerechtigkeit Gottes rechtfertigt! Wie die Apostel, haben auch wir gesündigt; wie sie, haben wir die Hilfe vernachlässigt, die uns vom Himmel geschickt worden ist; wir haben freiwillig die Augen vor dem Lichte verschlossen, wir haben seinen Glanz, der uns anfangs zur Begeisterung hinriß, vergessen; und so sind wir gefallen. Wir sind nicht über unsere Kräfte versucht worden [1. Corinth. 10, 13], und unsere Sünden werden daher mit Recht uns angerechnet. Die drei Apostel waren an dem Tage, da ihr Meister seine ganze Größe verloren zu haben schien, einer überaus heftigen Versuchung ausgesetzt; allein sie brauchten sich auch nur jenes herrliche Ereigniß, dessen Zeuge sie kürzlich gewesen, vor’s Auge zu halten, so würde ihnen diese Vorstellung die nöthige Kraft gegeben haben. Doch weit entfernt davon, lassen sie sich niederschlagen; sie denken nicht einmal daran, neue Kraft im Gebete zu sammeln und die glücklichen Zeugen auf dem Berge Tabor benehmen sich am Oelberge feig und treulos. Es blieb ihnen nichts Anderes mehr übrig, als die Gnade ihres Herrn anzurufen, nachdem er über seine verächtlichen Feinde den Sieg davongetragen, und sein großes Herz gewährte ihnen die erbetene Verzeihung.

Nun sind wir es, die seine grenzenlose Barmherzigkeit anflehen. Wir haben die göttliche Gnade mißbraucht; wir haben sie durch unsere Treulosigkeit fruchtbar gemacht; aber die Quelle dieser Gnade, welche aus dem Blute, dem Tode des Erlösers hervorsprudelt, ist für uns, so lange wir noch in dieser Welt leben, nicht versiegt; bereiten wir uns also, aus ihr von Neuem zu schöpfen. Sie ist schon da; sie ist es ja, welche uns zur Besserung unseres Lebens antreibt. Sie strömt während dieser heiligen Zeit in und durch die Uebungen derselben in überreichlichem Maße auf uns herab. Steigen wir auf den Berg zu Jesus; bis auf diese Höhen dringt nicht der Lärm der Erde; dort bei Elias und Moses wollen wir für vierzig Tage unser Zelt aufschlagen, bei ihnen, welche wie wir und vor uns diese Zahl durch ihr Fasten geheiligt haben. Wenn dann der Menschensohn von den Todten auferstanden sein wird, dann werden auch die Gnaden kund werden, welche er uns auf dem Tabor gewährt hat.

Im Offertorium ermahnt uns die Kirche, die göttlichen Vorschriften zu betrachten. Möchten wir sie doch lieben, wie sie der königliche Prophet geliebt hat, dessen Worte wir hier wiederholen.

Offertorium.

Ich will betrachten in deinen Geboten, die ich liebe, und aufheben meine Hände zu deinen Geboten, die ich liebe.

Schöpfen wir dadurch, daß wir dem heiligen Meßopfer beiwohnen, jene Hingebung, welchem dasselbe entspringt. Die Kirche erfleht es für uns im Stillgebet. Diese Hostie, welche sich alsbald zum Opfer darbietet, ist gleichzeitig das Unterpfand und das Lösegeld unseres Heils; durch sie werden unsere wohlvorbereiteten Herzen Alles empfangen, dessen sie noch zu ihrer Versöhnung mit dem Herrn bedürfen.

Stillgebet.

Schaue, o Herr, wir bitten Dich, gnädig auf das gegenwärtige Opfer, damit es uns zur Vermehrung der Andacht und zum Heil gereiche. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Das zweite und dritte Stillgebet wolle man […] am ersten Fastensonntag […] ersehen.

Angesichts ihres Heilandes und Richters, welcher in diesem unaussprechlichen Geheimnisse zugegen ist, ruft die reuige Seele zu ihm voll Gluth und Vertrauen. Dies ist der Sinn des Wortes des Psalmisten, welche die Antiphon der Communion bilden.

Communion.

Merke auf mein Geschrei, hab’ Acht auf die Stimme meines Gebetes, mein König und mein Gott; denn zu Dir will ich beten, o Herr.

In der Postcommunio empfiehlt die Kirche diejenigen ihrer Kinder, welche an dem eben dargebrachten Opfer Theil genommen, ganz besonders die Gnade Gottes. Jesus hat sie mit seinem eigenen Fleische genährt; es ist daher billig, daß sie ihn durch Erneuerung ihres Lebens ehren.

Postcommunio.

Wir bitten Dich demüthig, allmächtiger Gott, verleihe uns, daß wir, welche Du mit deinen Sakramenten stärkest, Dir auch mit wohlgefälligen Sitten dienen. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Die zweite und dritte Postcommunio wie […] am ersten Fastensonntag […].

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Fünfter Band: Die heilige Fastenzeit (Septuagesima); Mainz 1877; S. 210-218]

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