Dom Guéranger zum dritten Fastensonntag (1/3)

Der dritte Fastensonntag.

Die heilige Kirche hat uns am ersten Fastensonntag die Versuchung Jesu Christi in der Wüste als den Gegenstand unserer Betrachtungen bezeichnet. Wir sollten uns über die Natur unserer eigenen Versuchungen und über die Art und Weise, sie zu überwinden, klar werden. Heute nun hat die Kirche eine Evangelienstelle aus dem heiligen Lukas auserwählt, welche die Unterweisung über die Macht und Kunstgriffe unserer unsichtbaren Feinde vervollständigen soll. Während der ganzen Dauer der Fastenzeit muß das Bestreben des Christen darauf gerichtet sein, die Vergangenheit wieder gut zu machen und die Zukunft sicher zu stellen. Er würde aber von der ersteren nicht einmal sich Rechenschaft ablegen, geschweige denn die zweite wirksam schützen können, wenn er nicht eine gesunde Vorstellung über die Natur der Gefahren hätte, denen er unterlegen, sowie auch derer, die ihn noch bedrohen. Die alten Liturgisten haben denn auch in der Wahl des heutigen Evangeliums, das gleichsam den Mittelpunt aller Tagesunterweisungen bildet, einen Zug mütterlicher Weisheit und Fürsorge der Kirche erkannt.

Wir wären gewiß die verblendetsten und unglücklichsten der Menschen, wenn wir von Feinden, die nach unserem Verderben dürsten und uns an Kräften und Listen überlegen sind, umgeben, nicht dazu gekommen wären, deren Dasein zu vermuthen und vielleicht niemals ernstlich darüber nachzudenken. Und doch ist dies gerade der Zustand, in welchem eine ungeheuere Anzahl Christen unserer Tage dahinlebt. So sehr mindert sich die Wahrheit unter den Menschenkindern [Psalm 11, 2]. Dieser Zustand der Sorglosigkeit und des Vergessens auf einen Gegenstand, welchen die heilige Schrift fast auf jeder Seite uns vorhält, ist so verbreitet, daß man nicht selten Leuten begegnet, in deren Augen die fortwährende Thätigkeit der Hölle rings um uns nur ein alter Volksaberglaube ist, welcher ihrer Ansicht nach gar nicht zu den Dogmen der Religion gehört: Alles, was darüber die Geschichte der Kirche und das Leben der Heiligen erzählt, ist für sie gar nicht vorhanden und sie meinen, Satan sei im Grunde nur eine abstrakte Idee, welche man im Laufe der Zeit zu einer Person umgewandelt habe; er sei eigentlich nichts, als die Personification des Bösen.

Handelt es sich darum, die Sünde in ihnen selbst oder in anderen zu erklären, so sprechen diese Leute von dem Hange, den wir zum Bösen haben, von dem übeln Gebrauche unserer Freiheit, ohne auch nur darüber nachgedacht zu haben, woher denn eigentlich dieser unter allen Umständen unvernünftige Hang rührt; sie wollen nicht einsehen, daß die christliche Lehre unter Anderem uns in unserer Halsstarrigkeit die Einwirkung einer thätigen bösen Kraft offenbart, deren Gewalt so groß ist, wie der Haß, den sie gegen uns hegt, und doch wollen diese Leute gläubige Christen sein. Sie müssen aber doch glauben, daß Satan mit unseren Stammeltern gesprochen, daß er sich ihnen in der Gestalt einer Schlange zeigte und sie in dieser Gestalt zum Bösen verführte. Sie müssen auch glauben, daß derselbe Satan den menschgewordenen Sohn Gottes zu versuchen gewagt, daß er ihn durch die Lüfte auf die Tempelzinne und dann auf einen hohen Berg geführt; sie lesen auch im Evangelium und müssen es daher glauben, daß einer der unglücklichen Besessenen, welche der Heiland befreite, eine ganze Legion höllischer Geister in sich hatte, daß diese dann auf erhaltene Erlaubniß hin in eine Heerde Schweine fuhren, worauf die Thiere sich in den See Genesareth stürzten. Diese und noch viele andere Thatsachen sind ein Gegenstand ihres Glaubens und trotz alledem scheint ihnen, was sie über die Existenz der Dämonen, über ihre Wirksamkeit, über ihre Gewandtheit in Verführung der Seele hören, fabelhaft. Sind sie keine Christen mehr oder haben sie den Verstand verloren? Man weiß eigentlich nicht, was man darauf antworten soll, vorab wenn man das Gebahren dieser Leute gerade in unseren Tagen näher betrachtet. Sie klopfen da mit leichtfertigem Finger an die Geisterwelt. Aus den Zeiten des heidnischen Götzendienstes holen sie sich wiederum die Mittel herauf, um den Teufel zu beschwören und Fragen an ihn zu richten; sie scheinen gar nicht daran zu denken, ja nicht einmal mehr zu wissen, daß sie damit ein Verbrechen begehen, welches Gott im alten Bunde mit dem Tode bestrafte und welches auch die Gesetzgebung aller christlichen Völker lange Jahrhunderte hindurch mit den schärfsten Strafen belegte.

Wenn es aber eine Zeit des Jahres gibt, in welcher die Gläubigen erwägen sollen, was Glaube und Erfahrung uns über das Dasein und die Wirksamkeit der Geister der Finsterniß lehren, so ist dies ganz bestimmt die Zeit, in welcher wir gegenwärtig leben. Gerade während der Fastenzeit sollen wir ja über die Ursache unserer Sünden, über die Gefahren unserer Seelen, sowie über die Schutz- und Vorbeugungsmittel gegen neue Angriffe nachdenken. Hören wir also das heilige Evangelium; dasselbe sagt uns vorab, daß der Teufel sich eines Menschen bemächtigt hätte und daß in Folge dieser Besitzergreifung der Mensch die Sprache verloren habe. Jesus befreit diesen Unglücklichen und im Augenblicke, da er den bösen Geist vertreibt, ist auch der früher Besessene der Sprache wieder mächtig. So ist also die Besessenheit nicht blos ein Denkmal der unerforschlichen Gerechtigkeit Gottes; sie kann selbst physische Wirkungen auf den Besessenen äußern. Die Austreibung des bösen Geistes gibt ja dem Besessenen die Sprache wieder. Wir wollen hier nicht weiter die thörichte Bosheit der Feinde des Heilandes entwickeln, welche seine Gewalt über die Teufel der Beihilfe des obersten Teufels zuschreiben wollten; wir wollen nur die Macht höllischer Geister über den Körper beweisen und durch den Text der heiligen Schrift den Rationalismus gewisser Christen widerlegen. Mögen sie doch daraus die Macht unserer Gegner erkennen lernen und durch diese Erkenntniß verhüten, daß dieselben mittelst des Hochmuthes unserer Vernunft Besitz von uns ergreifen.

Seit der Verkündigung des Evangeliums ist die Macht Satans über die Leiber in christlichen Ländern durch die Kraft des Kreuzes beschränkt; aber sie wächst, wenn der Glaube und die Werke christlicher Frömmigkeit abnehmen. Daher denn all’ dieser Teufelsspuck, welcher unter verschiedenen, mehr oder minder wissenschaftlichem Namen zuerst ganz im Geheimen vor sich geht und endlich sonst ehrbare Leute ansteckt. Das würde schließlich zum Umsturz der Gesellschaft führen, wenn nicht Gott und die Kirche dem einen Damm setzten. Gedenket, ihr Christen, unserer Tage, daß ihr dem Teufel abgeschworen habt. Hütet euch, daß nicht eine schuldbare Unwissenheit euch dazu bringt, diesen Schwur zu brechen. Nicht einem Wesen, das nur in der Einbildung existirt, habt ihr in der Taufe Absage geleistet, es ist ein wirkliches Wesen, ein furchtbares Wesen, von dem Jesus Christus uns sagt, es sei von Anbeginn an ein Menschenmörder [Joh. 8, 41].

Aber wenn wir an der furchtbaren Gewalt nicht zweifeln dürfen, die der Teufel über die Leiber ausübt; wenn wir daher sorgfältig jede Berührung mit ihm vermeiden und all’ den Kniffen, in denen er Meister ist, ausweichen müssen, so haben wir doch noch viel mehr seinen Einfluß auf unsere Seelen zu fürchten. Welchen Kampf mußte nicht die göttliche Gnade bestehen, um unsere Seelen seinen Klauen zu entreißen! In diesen Tagen bietet uns die Kirche ihre ganzen Mittel, um über ihn zu triumphiren: das Fasten im Verein mit Gebet und Almosen. Ihr werdet euch bis zum Frieden durchringen und euer gereinigtes Herz wird wiederum der Tempel Gottes werden. Aber glaubet deßhalb nicht, daß ihr auch eueren Feind vernichtet habt. Er ist geschlagen; die Buße hat ihn schmählich vom Throne seiner Herrschaft in euch vertrieben; aber er hat geschworen, Alles aufzubieten, um diesen Thron wieder einzunehmen. Fürchtet, daß ihr wiederum in eine Todsünde zurückfallt und um in euch diese heilsame Furcht zu stärken, so erwäget aufmerksam die Worte des heutigen Evangeliums.

Der Heiland belehrt uns darin, daß jener unreine Geist, den er aus einer Seele vertrieben, an einsamen und wüsten Orten umherirre; dort verzehrte ihn das Bewußtsein seiner Ohnmacht, und er fühlte im Voraus die Qualen der Hölle, die er überall hin mit sich trägt und deren er sich, wenn er dies könnte, durch den Mord der von Jesus Christus wiedererkauften Seelen entziehen möchte. Schon das alte Testament sagt uns, daß die ausgetriebenen Geister in ferne Wüsten flohen; der Erzengel Raphael bannte den höllischen Geist, der die sieben Männer Saras [Tob. 8, 3] umgebracht, in die Wüsten Oberägyptens; aber der Menschenfeind bescheidet sich nicht, alle Zeit von der Beute, nach der er lüstern ist, fern zu bleiben. Ihn treibt der Haß, wie beim Anfange der Welt, und er sagt sich: „Ich muß in mein Haus zurückkehren, aus welchem ich ausgegangen bin.“ Aber er kommt nicht allein; er will ja siegen und zu diesem Behufe bringt er, wenn nöthig, sieben andere Teufel mit, die noch listiger, noch verschlagener sind, als er. Welcher Anprall steht da der armen Seele bevor, wenn sie nicht auf der Hut und gekräftigt ist. Wehe ihr, wenn der Friede, den Gott ihr wieder geschenkt, etwas Anderes, als ein bewaffneter Friede wäre! Der Feind kundschaftet die Zugänge zur Veste aus; mit scharfem Auge späht er nach allen Veränderungen, die während seiner Abwesenheit vorgenommen worden sind. Was gewahrt er nun in dieser Seele, in welcher er vordem seine Wohnung aufgeschlagen hatte? Der Herr sagt es uns: der Teufel findet sie ohne Schutzwehr, ganz geneigt, ihn wiederum zu empfangen; keine Waffe ist gegen ihn gerichtet, ja, es scheint, daß die Seele seine neue Heimsuchung erwartete. Dann hat der böse Feind, um seiner Eroberung desto sicherer zu sein, seine Verstärkung; das Zeichen des Kampfes ist gegeben, nirgends ein ernster Widerstand und bald, statt eines höllischen Geistes, beherbergt die arme Seele einen ganzen Haufen und die letzten Dinge, fügt der Heiland bei, werden schlimmer sein, als die ersten.

Begreifen wir den Wink, den uns die heilige Kirche gibt, wenn sie uns heute diese furchtbare Stelle des Evangeliums sehen läßt! Allenthalben kehrt man zu Gott zurück, nach hundert Millionen zählen die Seelen, die sich mit dem Herrn aussöhnen und Gott ist im Verzeihen ganz unerschöpflich. Aber werden auch Alle in dieser Versöhnung beharren? Wenn wiederum nach einem Jahr die Fastenzeit die Christen zur Buße aufruft, haben dann wohl alle Jene, welche in diesen Tagen gefühlt, wie ihre Seele der Gewalt Satans entrissen wurde, dieselbe von dem früheren Joche frei gehalten? Eine traurige Erfahrung läßt die Kirche leider sich nicht einer solchen Hoffnung hingeben. Gar Viele werden wieder, wenn sie kaum befreit sind, in die Bande der Sünde zurückfallen. O, wenn sie in einem solchen Zustande durch die Gerechtigkeit Gottes ergriffen würden? Und sicher trifft Einige, vielleicht Viele, dies Loos. Fürchten wir daher den Rückfall, harren wir aus; denn ohne dies Ausharren würde es uns wenig nützen, wenn wir einige Tage im Zustande der Gnade gelebt hätten; wachen wir darum, beten wir, vertheidigen wir die Zugänge zu unserer Seele, zeigen wir uns zum Kampfe gerüstet und der Feind, über unsere Haltung außer Fassung gebracht, wird davon gehen, um seine Schmach und seine Wuth anderswo hinzutragen.

Der dritte Fastensonntag heißt Oculi vom ersten Worte des Introitus der Messe. In den ersten Zeiten der Kirche nannte man ihn auch den Sonntag der Scrutinien. An diesem Sonntag begann nämlich die Prüfung der Katechumenen, welche in der Osternacht getauft werden sollten. Alle Gläubigen waren eingeladen, zur Kirche zu kommen, um über das Leben und die Sitten derer, welche in christliche Heerschaar aufgenommen werden wollten, Zeugniß abzulegen. In Rom waren diesen Prüfungen, denen man den Namen Scrutinien gab, sieben Sitzungen gewidmet; es fand sich nämlich immer eine große Zahl, welche nach der Taufe begehrte; das Hauptscrutinium aber fand am Mittwoch der vierten Fastenwoche statt. […]

Das römische Sacramentarium des heiligen Gelasius hat uns noch die Form aufbewahrt, in welcher die Zusammenberufung der Gläubigen zu dieser Versammlung stattfand; dieselbe lautete: „Geliebte Brüder! Ihr wisset, daß die Tage des Scrutiniums, an welchem unsere Auserwählten die göttliche Lehre empfangen sollen, herannaht; kommt also eifrig am … dieser Woche zur Sext zusammen, damit wir mit Gottes Hilfe in der Lage seien, das himmlische Mysterium, das die Pforte des Himmelreichs öffnet und den Teufel mit all’ seinem Glanze vernichtet, ohne Irrthum zu vollziehen.“ Diese Einladung wurde, wenn nöthig, an jedem folgenden Sonntage wiederholt; an dem heutigen hatte das Scrutinium einer gewissen Anzahl Candidaten die Zulassung bereits gewährt. Deren Namen, sowie die ihrer Pathen, wurden auf den Altartafeln aufgezeichnet und beim Canon der Messe erwähnt.

Die Station findet noch bis auf den heutigen Tag in der Basilika des heiligen Laurentius außerhalb der Mauern statt. Durch die Wahl dieses, einem der berühmtesten Martyrer Roms gewidmeten Heiligthums, wollte man die Katechumenen daran erinnern, welche Opfer der christliche Glaube von ihnen zu fordern berechtigt sei.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Fünfter Band: Die heilige Fastenzeit; Mainz 1877; S. 272-280]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s