Dom Guéranger zum vierten Fastensonntag (1/3)

Der vierte Fastensonntag.

Dieser Sonntag heißt von dem ersten Worte des Introitus der Messe „Lätare“ und ist einer der gefeiertsten des Jahres. Die Kirche unterbricht an diesem Tage die heilige Fastentrübsal; alle Gesänge der Messe athmen Freude und Trost, der Diakon trägt wieder die Dalmatika und der Subdiakon die Tunika. Im Advent fand etwas Aehnliches am dritten Sonntage, dem Sonntage „Gaudete,“ statt. Wenn die Kirche so lebhaft heute ihre Freude ausdrückt, so liegt der Grund davon in der Absicht, die Gläubigen zu ermuthigen, daß sie in der Gluth ihrer heiligen Uebungen nicht nachlassen. Schon am vergangenen Donnerstag, dem Tage, an welchem die zweite Hälfte der Fastenzeit beginnt, haben wir davon gesprochen; das kirchliche Fest aber mußte, weil eine allzu große Freiheit den Geist der Fastenzeit beeinträchtigen könnte, auf den folgenden Sonntag verschoben werden; heute nun hat die Freude der Gläubigen keinerlei Hinderniß mehr und die Kirche selbst lädt sie dazu ein.

In Rom ist die Station in der Basilika des heiligen Kreuzes in Jerusalem; sie ist eine der sieben Hauptkirchen in der heiligen Stadt. Gebaut wurde sie im vierten Jahrhundert durch Constantin an der Stelle, wo früher die Villa des Sessorius stand und darum hieß sie auch sie sessorianische Basilika; die heilige Helena, die aus ihr ein römisches Jerusalem machen wolle, bereicherte sie mit den kostbarsten Reliquien. In der genannten Absicht ließ sie eine große Quantität Erde vom Calvarienberge nach diesem Heiligthume bringen. Auch die Inschrift des Pilatus, welche, während Christus am Kreuze hing, zu seinen Häupten angeheftet war, brachte sie dorthin. Man verehrt dieselbe heute noch unter dem Namen des Kreuztitels. Der Name Jerusalem, der sich an diese Basilika knüpft, hat schon im christlichen Alterthum die Päpste bewogen, dieselbe für die heutige Station auszuersehen; denn dieser Name erweckt alle Hoffnungen des Christen, da er ihn an das himmlische Vaterland, das wahre Jerusalem, erinnert, von welchem wir immer noch verbannt sind. Bis zu der Zeit, wo die Päpste ihren Aufenthalt in Avignon nahmen, fand auch in ihrem Umkreis die Ceremonie der goldenen Rose statt, welche später und bis heute in dem Palaste, wo der Papst eben residirt, vorgenommen wird.

Die Segnung der goldenen Rose gehört also ebenfalls zu den besonderen Riten des vierten Fastensonntags und man nennt ihn darum auch den Sonntag der Rose. An diese Blume knüpft sich eine Fülle von Gedanken, welche in Einklang mit den die Kirche beselenden Absichten stehen. Sie will heute diese Gedanken ihren Kindern einflößen, welchen das freudige Osterfest bald einen geistigen Frühling eröffnen soll, dessen schwaches Abbild der natürliche ist. Dies lag so nahe, daß wir das betreffende Fest schon zu den Zeiten des heiligen Leo IX. finden; wir haben sogar noch eine Rede über die goldene Rose, die der große Innocenz III. an diesem Tage in der Basilika des heiligen Kreuzes in Jerusalem hielt. Im Mittelalter, als der Papst noch im lateranensischen Palaste seinen Sitz hatte, fand dort die Segnung der Rose statt. Hierauf stieg der Papst zu Pferde und begab sich, die Mitra auf dem Haupte, gefolgt von dem ganzen heiligen Colleg, nach der Kirche der Station, wobei er immer die symbolische Blume in der Hand trug. In der Kirche angekommen, hielt er eine Ansprache über die Geheimnisse, welche in der Farbe, der Schönheit und dem Wohlgeruche der Rose bildlich dargestellt sind. Hierauf wurde die Messe gelesen, nach deren Beendigung der Papst ebenso, wie er gekommen, wieder in den Lateran zurückkehrte. Auch jetzt trug der die geheimnißvolle Blume, über deren Anblick das römische Volk stets große Freude empfand, in der Hand. Wenn sich nun im Gefolge des Papstes ein Fürst befand, so kam es demselben zu, bei der Ankunft am Palaste den Steigbügel des Papstes zu halten und ihm beim Absteigen vom Pferde behilflich zu sein. Als Belohnung dieses Dienstes, welchen der Fürst dem Papste leistete, wie das Kind dem Vater, erhielt er dann diese Rose, den Gegenstand so großer Ehre und so großer Freude.

Heute ist die Feierlichkeit um Vieles einfacher; aber die Hauptzüge der Riten hat man beibehalten. Der Papst segnet die goldene Rose im Saale der Paramente; er salbt sie mit dem heiligen Chrisma und streut nach dem alten Gebrauche ein wohlriechendes Pulver darüber; wenn die Zeit des Hochamtes gekommen, begibt er sich in die Palastkapelle. Während des heiligen Meßopfers wird die Rose auf den Altar gestellt und zwar an einen goldenen Rosenstock, der zu diesem Behufe hergerichtet ist; nach Schluß der Messe bringt man sie dem Papste, der dann wieder die Kapelle verläßt und die Rose in den Saal der Paramente trägt. In der Regel ist es üblich, daß dann der Papst die Rose einem Fürsten oder einer Fürstin übersendet, denen er damit eine Ehre erweisen will; sonst erhält auch zuweilen eine Stadt oder eine Kirche diese Auszeichnung.

Wir wollen hier die Uebersetzung des schönen Gebetes geben, mittelst dessen der Heilige Vater die goldene Rose segnet. Die Leser werden daraus noch besser das Geheimniß dieser Ceremonie ersehen, welche zur glänzenden Feier des vierten Fastensonntags einen so erheblichen Beitrag liefert. Die Segnung lautet wie folgt. „O Gott, dessen Wort und Macht Alles erschaffen haben, dessen Wille alle Dinge regiert, der Du die Freude und Wonne aller Gläubigen bist, wir flehen deine Majestät an, daß sie diese durch Ansehen und Wohlgeruch so angenehme Rose, welche wir zum Zeichen geistiger Freude heute in unseren Händen tragen, segnen und heiligen wolle, damit das Dir geweihte Volk, durch die Gnade deines einzigen Sohnes, des Ruhmes und der Freude Israels, dem Joche der babylonischen Gefangenschaft entrissen, aufrichtigen Herzens die Freude des höheren Jerusalems, unserer Mutter, empfinde. Und wie deine Kirche beim Anblick dieses Symbols wegen der Herrlichkeit deines Namens vor Glück aufjauchzt, so gewähre Du ihr, o Herr, ein wahrhaftes und vollkommenes Genüge. Nimm die demüthige Verehrung wohlwollend auf, verzeihe die Sünden, vermehre den Glauben, heile durch dein Wort, schütze durch deine Barmherzigkeit, zerstöre die Hindernisse, bewahre alle Güter, auf daß dieselbe Kirche Dir die Frucht guter Werke darbiete, indem sie dem Dufte der Wohlgerüche jener Blume folgt, welche, aus dem Reis Jesse hervorgegangen, mystisch die Blume der Felder und die Lilie der Thäler genannt wird; und daß diese Kirche im Schoße der himmlischen Herrlichkeit eine unendliche Freude zu kosten verdiene in Gesellschaft aller Heiligen mit jener göttlichen Blume, die da lebt und regiert mit Dir in der Einheit des Heiligen Geistes von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Der heutige Sonntag trägt noch einen dritten Namen, welcher von der Lesung des heutigen Evangeliums herrührt. In mehreren alten Documenten kommt er unter der Bezeichnung der Sonntag der fünf Brode vor und das Wunder, an welches dieser Name erinnert, vervollständigt sowohl der Cyclus der vierzigtägigen Unterweisungen, wie es auch die Freuden dieses Tages vermehrt. Einen Augenblick verlieren wir das bevorstehende Leiden des Sohnes Gottes aus dem Auge, um uns mit seiner größten Wohlthat zu beschäftigen; denn unter der Gestalt dieser durch die Macht Jesu vermehrter materieller Brode muß unser Glaube das Brod des Lebens, welches vom Himmel herabgekommen und der Welt das Leben gibt [Joh. 6, 33], erkennen. Das Osterfest ist nahe, sagt unser Evangelium, und in wenig Tagen wird der Heiland selbst uns sagen: „Ich habe ein großes Verlangen gehabt, dieses Osterlamm mit euch zu essen [Luc. 22, 15].“ Bevor er aus dieser Welt zu seinem Vater geht, will er die Menge, die seinen Schritten gefolgt ist, sättigen. Er greift deßhalb zu seiner Allmacht. Ihr verwundert euch mit Recht über die schöpferische Macht, welcher fünf Brode und zwei Fische genügen, um 5000 Menschen zu speisen, so daß nach dem Mahle noch zwölf Körbe übrig blieben. Ein so glänzendes Wunder genügt zweifellos, die Sendung Jesu zu beweisen; sehet aber darin nur ein Zeichen seiner Macht, nur ein Bild dessen, was er zu thun sich anschickt. Nich ein- oder zweimal, sondern alle Tage bis an die Vollendung der Jahrhunderte, nicht blos zu Gunster der 5000 Personen, sondern für die unzählige Menge seiner Gläubigen. Zählet auf der Oberfläche der Erde die Millionen Christen, welche am österlichen Mahle theilnehmen werden. Er, dessen Geburt wir in Bethlehem, im Hause des Brodes, gesehen, will selbst uns als Nahrung dienen, und diese göttliche Nahrung wird sich niemals erschöpfen. Ihr werdet gesättigt werden, wie eure Väter gesättigt worden sind, und die Geschlechter, die euch folgen, werden, wie ihr, berufen, zu kosten, wie süß der Herr ist.

Aber übersehet nicht, daß Jesus die Menschen, welche hier das Bild der Christenheit sind, in der Wüste geführt hat. Dies ganze Volk verließ das Geräusch der Stadt, um Jesus zu folgen; im Eifer, sein Wort zu hören, fürchtete es weder Hunger noch Müdigkeit und sein Muth wurde belohnt. So wird der Herr die Mühen unseres Fastens und unserer Abstinenz am Schlusse dieser heiligen Zeit, von welcher schon über die Hälfte vorüber ist, krönen. Freuen wir uns also und verbringen wir diesen Tag guten Muthes im Hinblick, daß das Ende der Bußzeit herannaht. Es kommt der Augenblick, wo unsere von Gott gesättigte Seele nicht mehr die Mühsale des Leibes beklagen wird, welche in Verbindung mit der Zerknirschung des Herzens ihr einen Ehrenplatz bei dem unvergänglichen Festmahle errungen haben.

Schon in der ersten Zeit hatte die Kirche nicht ermangelt, das glänzende Wunder der Brodvermehrung als ein Bild der unerschöpflichen eucharistischen Speise den Gläubigen vorzustellen; man findet es darum auch häufig auf den Gemälden der Katakomen und den Basreliefs alter christlicher Grabmale dargestellt. Die sammt den Broden als Nahrung gegebenen Fische erst finden sich ebenfalls auf den alten Denkmalen unseres Glaubens; die ersten Christen stellten nämlich gerne den Heiland unter dem Bilde des Fisches dar, weil das Wort Fisch im Griechischen fünf Buchstaben, ἰχθύς, zählt, die Anfangsbuchstaben von fünf Wörtern, welche in deutscher Uebersetzung heißen: Jesus Christus, Gottes Sohn, Heiland.

Die griechische Kirche feiert noch ganz besonders diesen Sonntag, welcher nach ihrer Art die Tage der Fastenzeit zu zählen, der Haupttag der Woche Mesonestime ist. An diesem Tage findet die feierliche Verehrung des Kreuzes statt und gegen ihre Regel, keinerlei Heiligenfeste während der Fastenzeit zuzulassen, verehren die Griechen heute das Andenken des heiligen Johannes Climmachus, eines berühmten Abtes vom Kloster des Berges Sinai, der im sechsten Jahrhundert lebte.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Fünfter Band: Die heilige Fastenzeit; Mainz 1877; S. 345-351]

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