Dom Guéranger zum vierten Fastensonntag (2/3)

Zur Messe.

Die siebenzig Jahre der Gefangenschaft werden bald vorüber sein; noch eine kurze Zeit, so kehren die Verbannten nach Jerusalem zurück; dieser Gedanke der Kirche geht durch die ganze Messe. Sie wagt noch nicht geradezu, das göttliche Alleluja anzustimmen; aber gleichwohl dringt ein Ton des Jubels aus ihrem Herzen; denn sie weiß, daß binnen Kurzem das Haus des Herrn seines Schmerzes ledig und in vollem Glanze wieder prangen wird.

Introitus.

Freue dich, Jerusalem, und versammelt euch Alle, die ihr es liebt; seid mit ihr fröhlich, in Freuden, Alle, die ihr über sie trauert; damit ihr sauget und satt werdet von den Brüsten ihres Trostes.

Ich freue mich, wenn man mir sagt: Lasset uns gehen zum Hause des Herrn. Ehre sei dem Vater. Freue dich.

In der Collecte bekennt die Kirche, daß ihre Kinder die Buße, welche sie sich auferlegen, verdient haben; aber sie erfleht für sie die Gunst, heute ein wenig aufathmen und sich der Hoffnung auf die ihnen bevorstehenden Tröstungen freuen zu dürfen.

Collecte.

Verleihe uns, wir bitten Dich, allmächtiger Gott! daß wir, die wir unter dem Drucke der Sünden nach Verdienst leiden, durch die Tröstungen deiner Gnade Erleichterung finden mögen. Durch unseren Herrn Jesum Christum. Amen.

Die zweite und dritte Collecte siehe […] beim ersten Fastensonntag […].

Epistel.

Lesung des Briefes des seligen Apostels Paulus an die Galather Cap. 4.

Brüder, es stehet geschrieben: Abraham hatte zwei Söhne, einen von der Magd und einen von der Freien. Aber der von der Magd war dem Fleische nach und der von der Freien kraft der Verheißung geboren. Das hat eine höhere Bedeutung; denn es bedeutet die zwei Testamente, das eine nämlich, auf dem Berge Sinai, welches zur Dienstbarkeit gebiert, welches die Agar ist. Der Sinai ist ein Berg in Arabien, der in Verbindung mit dem jetzigen Jerusalem ist, das mit seinen Kiindern dient, jenes Jerusalem von oben aber ist die Freie und unsere Mutter; davon steht geschrieben: Freue dich, du Unfruchtbare, die du nicht gebärest, frohlocke und jauchze, die du keine Geburtswehen hast; denn viele Kinder hat die Verlassene, mehr als die den Mann hatte. Wir nämlich, Brüder, sind wie Isaak, Kinder der Verheißung. Aber so wie damals der nach dem Fleische Geborene den verfolgteder es dem Geiste nach war: so geschieht es auch jetzt. Aber was sagt die Schrift: Treib aus die Magd und ihren Sohn, denn der Sohn der Magd soll nicht Erbe sein mit dem Sohne der Freien! Demnach, Brüder, sind wir nicht Kinder der Magd, sondern der Freien! und mit dieser Freiheit hat Christus uns befreiet.

Freuen wir uns denn, Kinder Jerusalems, nicht mehr Kinder des Sinai! Die Mutter, die uns geboren, die heilige Kirche, ist keine Magd, sie ist frei und für die Freiheit hat sie uns zur Welt gebracht. Israel diente dem Herrn in Zittern; sein dem Götzendienste allezeit zugeneigtes Herz bedurfte der Furcht, die es unaufhörlich zusammenschnürte und das Joch drückte seine Schultern wund. Glücklicher als Israel dienen wir in Liebe; uns ist daher das Joch süß und die Bürde leicht [Matth. 11, 30]; wir sind keine Erdenbürger, wir sind nur Erdenpilger, und unser einziges Vaterland ist das himmlische Jerusalem. Das Irdische lassen wir dem Juden, der nur an irdischen Dingen Gefallen findet und dessen Hoffnungen so niedrig waren, daß er Christum nicht kennt und sich anschickt, ihn zu kreuzigen. Allzu lange schon klebten wir mit ihm an der Erde, die Sünde hielt uns in Banden und je schwerer die Sklaverei auf uns lastete, um so freier glaubten wir zu sein. Nun ist die günstige Stunde da, die Tage des Heils sind angebrochen und dem Rufe der Kirche gehorsam, haben wir das Glück gehabt, den Geist und die Uebungen dieser heiligen vierzig Tage aufzunehmen. Heute erscheint uns bereits die Sünde als das drückendste Joch, das Fleisch als eine gefährliche Bürde, die Welt als ein erbarmungsloser Tyrann; wir beginnen aufzuathmen und die Erwartung baldiger Erlösung läßt unser Herz jubeln. Sagen wir vor Allem unserem Erlöser Dank, der uns aus der Knechtschaft Agars hervorzieht, uns von den Schrecken des Sinai befreit und indem er uns an die Stelle seines alten Volkes setzt, durch sein Blut die Pforten des himmlischen Jerusalems öffnet.

Das Graduale verleiht der Freude der Heiden Ausdruck, welche berufen werden, im Hause des Herrn, das von nun an unter ihnen steht, Platz zu nehmen. Der Traktus preist den göttlichen Schutz der Kirche und das neue Jerusalem, welches nicht wie das erste erschüttert wird. Diese heilige Stadt theilt ihren Kindern die Sicherheit, deren sie sich selbst erfreut, mit; denn der Herr wacht über sein Volk, wie über sie selbst.

Graduale.

Ich freue mich, wenn man mir sagt: Lasset uns gehen im Hause des Herrn.

Es werde Friede in deiner Kraft und Ueberfluß in deinen Thürmen.

Traktus.

Die auf den Herrn vertrauen, sind wie der Berg Sion; es wanket nicht in Ewigkeit, der wohnet zu Jerusalem.

Rings herum sind Berge und der Herr rings um sein Volk, von nun an bis in Ewigkeit.

Evangelium.

Fortsetzung des heiligen Evangeliums nach Johannes Cap. 6.

In derselben Zeit fuhr Jesus über das galiläische Meer, an welchem die Stadt Tiberias liegt. Und es folgte ihm eine große Menge Volkes nach, weil sie die Wunder sahen, die er an den Kranken wirkte. Da ging Jesus auf den Berg und setzte sich daselbst mit seinen Jüngern nieder. Es war aber das Osterfest der Juden sehr nahe. Als nun Jesus die Augen aufhob und sah, daß eine sehr große Menge Volkes zu ihm gekommen sei, sprach er zu Philippus: Woher werden wir Brod kaufen, daß diese essen? Das sagte er aber, um ihn auf die Probe zu stellen, denn er wußte wohl, was er thun wollte. Philippus antwortete ihm: Brod für zweihundert Zehner ist nicht hinreichend für sie, daß Jeder nur etwas Weniges bekomme. Da sprach einer von seinen Jüngern, Andreas, der Bruder des Simon Petrus: Es ist ein Knabe hier, der fünf Gerstenbrode und zwei Fische hat; allein was ist das unter so Viele? Jesus aber sprach: Lasset die Leute sich setzen! Es war aber viel Gras an dem Orte. Da setzten sich die Männer, gegen fünftausend an der Zahl. Jesus aber nahm die Brode und nachdem er gedankt hatte, theilte er sie denen aus, welche sich niedergesetzt hatten, deßgleichen auch von den Fischen so viel sie wollten. Als sie aber satt waren, sprach er zu seinen Jüngern: Sammelt die übrig gebliebenen Stücklein, damit sie nicht zu Grunde gehen. Da sammelten sie und füllten zwölf Körbe mit Stücklein von den fünf Gerstenbroden, welche denen, die gegessen hatten, übrig geblieben waren. Da nun diese Menschen das Wunder sahen, welches Jesus gewirkt hatte, sprachen sie: Dieser ist wahrhaftig der Prophet, welcher in die Welt kommen soll! Als aber Jesus erkannte, daß sie kommen und ihn mit Gewalt nehmen würden, um ihn zu ihrem Könige zu machen, floh er abermals auf den Berg, er allein.

Die Menschen, welche der Heiland mit so viel Liebe und so wunderbarer Macht gesättigt, hatten nur einen Gedanken: sie wollten ihn zu ihrem Könige ausrufen. Sie erachteten Jesum, welcher eine solche Macht und Güte in sich vereinigte, würdig, über sie zu herrschen. Was sollen nun wir thuen, wir Christen, denen die Macht und Güte des Heilandes um Vieles besser bekannt ist, als diesen armen Juden? Das Geringste ist, daß auch wir ihn berufen, von heute an in uns zu herrschen. In der Epistel haben wir gesehen, daß er uns die Freiheit gebracht, indem er uns aus den Händen unserer Feinde riß. Diese Freiheit können wir nur unter seinem Gesetz uns bewahren. Jesus ist kein Tyrann wie die Welt oder das Fleisch; sein Reich ist sanft und friedlich, und wir sind mehr seine Kinder, als seine Unterthanen. An dem Hofe dieses großen Königs dienen heißt herrschen; bei ihm vergessen wir unsere ganze vergangene Sklavenzeit und wenn einige Ketten uns noch drücken, brechen wir sie; denn Ostern ist das Fest der Erlösung, und bereits dämmert der große Tag herauf. Gehen wir, ohne zu wanken, diesem Ziele entgegen. Jesus wird uns Ruhe gewähren, er wird uns, wie das Volk des heutigen Evangeliums, auf den Rasen niedersitzen heißen und über dem Brode, das er uns bereitet hat, werden wir bald die Mühen des Weges vergessen.

Im Offertorium fährt die Kirche fort, mit den Worten Davids den Herrn zu loben. Heute preist sie ganz besonders dessen Güte und Macht.

Offertorium.

Lobet den Herrn, denn gut ist der Herr; lobsinget seinem Namen, denn er ist lieblich; Alles, was er will, macht der Herr im Himmel und auf Erden.

Das Stillgebet erfleht für das gläubige Volk, daß durch die Verdienste des eben dargebrachten Opfers, welches die Quelle des Heiles ist, seine Frömmigkeit zunehme.

Stillgebet.

Siehe, wir bitten Dich, o Herr, huldvoll auf das Opfer herab, welches wir Dir jetzt darbringen, damit es uns zur Vermehrung der Andacht und zum Heile gereiche. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Das zweite und dritte Stillgebet siehe […] beim ersten Fastensonntag […].

In der Antiphon der Communion preist die Kirche die Herrlichkeit des himmlischen Jerusalem, welche durch die erhabene Basilika des heiligen Kreuzes mit dem geheimnißvollen Beinamen versinnbildet wird. Sie besingt die Freude der Schaaren des Herrn, die sich im Umkreise dieses Tempels sammeln, um unter dem anmuthigen Bilde der Rose den göttlichen Bräutigam der menschlichen Natur zu betrachten, der die Gläubigen durch seinen Wohlgeruch anzieht.

Communion.

Jerusalem ist gebaut wie eine Stadt und ist zur Gemeinschaft zusammengefügt. Da wallen die Stämme hinauf, die Stämme des Herrn, um deinen Namen zu loben, o Herr!

An diesem Tage, da das göttliche Geheimniß des Lebensbrodes unserem Glauben und unserer Liebe vorgestellt wird, erfleht die Kirche für uns in der Postcommunion die Gnade, daß wir stets an demselben mit der Ehrfurcht und der Vorbereitung theilnehmen, welche einem so erhabenen Geheimnisse gebühren.

Postcommunio.

Verleihe uns, wir bitten Dich, allmächtiger Gott, daß wir deine heiligen Geheimnisse, mit welchen wir unablässig genährt werden, mit aufrichtiger Ehrerbietung behandeln und mit gläubigem Herzen allzeit genießen. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Die zweite und dritte Postcommunio wie am ersten Fastensonntag […].

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Fünfter Band: Die heilige Fastenzeit; Mainz 1877; S. 352-359]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s