Dom Guéranger zum Passionssonntag (1/3)

Der Passionssonntag.

Heute, wenn ihr die Stimme des Herrn höret, verhärtet eure Herzen nicht!

Mit diesen inhaltsschweren Worten des königlichen Propheten beginnt heute die Kirche die Matutin. Ehedem erachteten es die Gläubigen als eine Pflicht, mindestens an Sonn- und Festtagen diesem nächtlichen Gottesdienste beizuwohnen; sie hielten darauf, nicht von den ernsten Unterweisungen zu verlieren, welche die heilige Liturgie gibt. Aber manches Jahrhundert schon ward das Haus Gottes nicht mehr mit dem Eifer besucht, welcher die Freude unserer Väter war und nach und nach hat auch der Klerus aufgehört, einen Gottesdienst öffentlich abzuhalten, der nicht mehr besucht wurde. Außer den Kapiteln und Klöstern tönt nicht mehr im harmonischen Gesang des Lob Gottes und die Wunder der Liturgie sind den Gläubigen kaum noch unvollständig bekannt.

Dies veranlaßt uns, die Aufmerksamkeit unserer Leser auf gewisse Punkte des Gottesdienstes zu lenken, welche sonst vielleicht ihrer Beachtung entgehen dürften. Was gibt es wohl Geeigneteres, das Herz zu bewegen, als die feierliche Aufforderung, welche heute die Kirche David entlehnt, um sie an uns zu richten, und welche sie bis zum Gründonnerstage jeden Morgen wiederholen wird? „Sünder,“ sagt sie uns an diesem Tage, da die klagende Stimme des Erlösers beginnt, sich vernehmbar zu machen, „seid nicht so sehr Feinde eurer selbst, daß ihr euer Herz in der Verhärtung lasset. Der Sohn Gottes schickt sich an, euch das beste und lebendigste Zeichen seiner Liebe zu geben, welche ihn antrieben, vom Himmel herabzusteigen; sein Tod ist nahe: bereits bereitet man das Holz zum Opfer des neuen Isaak; halten darum Einkehr in euch selbst und gebt nicht zu, daß euer vielleicht einen Augenblick bewegtes Herz in seine gewohnte Verhärtung zurückfalle.“ Darin läge die denkbar größte Gefahr; diese rührenden Jahresgedächtnisse haben die Kraft, die Seelen derer zu erneuern, welche der ihnen dargebotenen Gnade willig entgegenkommen; aber sie machen auch Diejenigen verstockter, welche sie vorübergehen lassen, ohne sich zu bekehren. „Wenn ihr also heute die Stimme des Herrn höret, so verhärtet eure Herzen nicht!“

Im Laufe der letzten Woche haben wir die Bosheit der Feinde des Heilandes von Tag zu Tag steigen sehen. Seine Anwesenheit, sein bloßer Anblick erregt schon ihren Groll und man fühlt, daß dieser zusammengepreßte Haß nur des günstigen Augenblickes wartet, um sich Luft zu machen. Die Güte, die Sanftmuth Jesu ziehen fortwährend einfache, rechtliche Seelen zu ihm, während die Niedrigkeit seines Lebens und die unbeugsame Reinheit seiner Lehre den stolzen Juden, der einen welterobernden Messias erwartet, und den Pharisäer, der an einem göttlichen Gesetze so lange herumdeutelt, bis es sich zum Werkzeuge seiner Leidenschaften gebrauchen läßt, immer mehr abstößt. Unterdessen fährt Jesus fort, unbeirrt Wunder zu wirken; seine Worte tragen ein neues energisches Gepräge; seine Vorherverkündigungen sind Drohungen gegen die Stadt und den Tempel, von welchem auch nicht ein Stein auf dem anderen bleiben soll. Die Schriftgelehrten sollten doch zum Mindesten nachdenken, sie sollten einer sorgfältigen Prüfung die Wunderthaten unterziehen, welche ein so glänzendes Zeugniß von dem Sohne Davids ablegen; sie sollten die Fülle göttlicher Vorhersagungen wieder und wieder lesen, welche alle in ihm ihre bis in’s Kleinste gehende Erfüllung fanden. Ach, sie schickten sich eben an, daß diese Prophezeiungen bis an ihr äußerstes und letztes Ende Wahrheit werden. Auch nicht einen einzigen Zug der Demüthigungen und Leiden des Messias haben David und Isaias vorher verkündigt, den diese Verblendeten nicht eifrig ihm zuzufügen bestrebt waren.

An ihnen erfüllt sich also das schreckliche Wort: „Wer wider den Heiligen Geist redet, dem wird weder in dieser, noch in der zukünftigen Welt vergeben werden [Matth. 12, 32].“ Die Synagoge eilt ihrem Fluche entgegen. Hartnäckig in ihrem Irrthume beharrend, will sie nichts hören und nichts sehen; ihre eigene Urtheilskraft hat sie ihrem Hasse zu gefallen verdunkelt; das Licht des Heiligen Geistes hat sie in sich erstickt und so sehen wir sie denn von Verirrung zu Verirrung taumeln, bis sie in den geöffneten Abgrund hineinstürzt. Beklagenswerthes Schauspiel, dem man nur allzu häufig auch in unseren Tagen bei jenen Sündern begegnet, welche dem göttlichen Lichte mit Gewalt Widerstand leisten, bis sie eine entsetzlich trügerische Ruhe in der Finsterniß finden. Staunen wir nicht, wenn wir in anderen Menschen Zügen begegnen, die wir an den schuldigen Urhebern des furchtbaren Dramas von Jerusalem beobachten. Die Leidensgeschichte des Sohnes Gottes wird uns mehr als eine Lehre über die traurigen Geheimnisse des menschlichen Herzens und seiner Leidenschaften geben; es könnte nicht anders sein; denn was sich in Jerusalem zuträgt, ereignet sich auch im Herzen des sündigen Menschen; dies Herz ist ein Calvarienberg, auf welchem, wie der Apostel sagt, Jesus Christus nur zu oft gekreuzigt wird; es ist dieselbe Undankbarkeit, dieselbe Verblendung, dieselbe Wuth: nur mit dem Unterschiede, daß der Sünder, wenn er vom Lichte des Glaubens erleuchtet ist, Denjenigen kennt, den er kreuzigt, während die Juden, wie uns der heilige Paulus belehrt, nicht wie wir diesen Herrn der Herrlichkeit [1. Corinth. 2, 8], den wir an das Kreuz heften, erkannt haben. Wenn wir die nun Tag für Tag folgenden Erzählungen aus dem Evangelium betrachten, so möge daher unsere sehr gerechtfertigte Entrüstung sich nicht ausschließlich gegen die Juden, sondern auch gegen uns selbst und unsere Sünden kehren. Weinen wir mit heißen Thränen über die Leiden unseres Opfers; denn unsere Sünden sind es, die dasselbe nothwendig gemacht haben!

Alles, was wir sehen, ist darauf berechnet, uns schmerzlich zu berühren; selbst auf dem Altare ist das Kreuz mit einem düsteren Schleier verhüllt; die Kirche ist in der Erwartung des größten Unglückes. Nicht mehr mit der Buße des Gottmenschen unterhält sie uns; sie zittert bei dem Gedanken an die ihn bedrohenden Gefahren. In wenig Augenblicken lesen wir im Evangelium, daß der Sohn Gottes auf dem Punkte stand, als Gotteslästerer gesteinigt zu werden; aber seine stunde war noch nicht gekommen. Er mußte fliehen und sich verbergen. Um diese unerhörte Erniedrigung des Sohnes Gottes uns recht augenfällig zu zeigen, hat die Kirche das Kreuz verhüllt. Ein Gott, der sich verbirgt, um dem Zorn der Menschen zu entgehen! Welche entsetzliche Verkehrtheit! Soll das Schwäche oder Furcht vor dem Tode bedeuten? Der bloße Gedanke daran wäre eine Lästerung; bald genug werden wir ihn seinen Feinden entgegen gehen sehen. Jetzt aber entzieht er sich der Wuth der Juden, weil noch nicht Alles, was über ihn vorausgesagt wurde, erfüllt ist. Ueberdies soll er nicht gesteinigt werden; kein Leben soll er am Baume der Verwünschung aushauchen, der von da an der Baum des Lebens wird. Demüthigen wir uns, wenn wir den Schöpfer Himmels und der Erde so weit gekommen sehen, daß er sich den Blicken der Menschen entzieht, um ihrer Wuth zu entgehen. Denken wir an jenen beklagenswerthen Tag der ersten Sünde, da Adam und Eva schuldbewußt sich verbargen, um sie der Verzeihung zu versichern, und siehe da, auch er verbirgt sich; nicht weil er nackt ist, er, der für seine Heiligen das Kleid der Heiligkeit und Unsterblickeit ist, sondern weil er sich schwach gemacht hat, um uns unsere Stärke wiederzugeben. Unsere Stammeltern suchten sich den Blicken Gottes zu entziehen; er verbirgt sich vor dem Auge der Menschen; aber dies wird nicht immer so bleiben: es wird der Tag kommen, wo die Sünder, vor denen er heute zu fliehen scheint, Felsen und Berge anflehen werden, daß sie über sie fallen und sie seinem furchtbaren Anblicke entrücken; aber vergebens wird ihr Flehen sein; sie werden den Menschensohn kommen sehen in den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit [Matth. 24, 30].

Dieser Sonntag heißt Passionssonntag, weil die Kirche heute beginnt, sich ganz besonders mit dem Leiden des Erlösers zu beschäftigen; man nennt ihn auch Judica vom ersten Worte des Introitus der Messe; endlich Sonntag der Neomenie, d. h. des österlichen Neumonds, weil er stets auf den Neumond folgt, nach welchem sich das Osterfest richtet.

In der griechischen Kirche hat er keinen besonderen Namen, sondern wird nur als der fünfte Fastensonntag bezeichnet.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Sechster Band: Die Passions- und die Charwoche; Mainz 1877; S. 107-112]

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