Dom Guéranger zum Passionssonntag (2/3)

Zur Messe.

In Rom ist die Station in der Basilika des heiligen Petrus. Die Wichtigkeit dieses Sonntages, der keinem anderen Feste, welches auch immer dessen Rang sei, weicht, fordert, daß die Gläubigen in einem der erhabensten Gotteshäuser der heiligen Stadt sich versammeln.

Als Introitus dient der Anfang des zweiundvierzigsten Psalms. Der Messias erfleht darin das Urtheil Gottes und legt Verwahrung gegen den Spruch ein, welchen die Menschen über ihn fällen wollen. Zugleich verleiht er der Hoffnung auf die Hilfe seines Vaters Ausdruck, der nach überstandener Prüfung ihn triumphiren lassen wird.

Introitus.

Schaffe mir Recht, o Gott, und entscheide meinen Handel wider das unheilige Volk; von dem ungerechten und arglistigen Manne rette mich; denn Du, o Gott, bist meine Stärke.

Sende dein Licht und deine Wahrheit, sie werden mich leiten und führen auf deinen heiligen Berg und in deine Hütten. Schaffe mir Recht.

„Ehre sei dem Vater“ wird nicht mehr gesagt, außer bei Messen an Festtagen; der Introitus wird jedoch wie gewöhnlich wiederholt.

In der Collecte erfleht die Kirche für ihre Kinder jene vollständige Umwandlung, welche die heilige Fastenzeit hervorbringen soll und deren es bedarf, um die Sinne dem Geiste zu unterwerfen und den letzteren vor den Vorspiegelungen und Gelüsten zu bewahren, deren Beute er bis dahin allzu häufig geworden ist.

Collecte.

Wir bitten Dich, allmächtiger Gott! siehe gnädig auf deine Gemeinde herab und verleihe, daß sie mit deiner Hilfe die Gelüste des Leibes zähme und unter deinem Schutze die guten Gesinnungen der Seele bewahre. Durch unseren Herrn Jesum Christum. Amen.

Dazu fügt man eines der beiden folgenden Gebete.

Gegen die Verfolger der Kirche.

Nimm, o Herr, wir bitten Dich, die Gebete deiner Kirche gnädig an, damit sie nach Ueberwindung aller Widerwärtigkeiten und Irrthümer Dir in Sicherheit und Freiheit diene.

Für den Papst.

O Gott, Du Hirt und Regierer aller Gläubigen, siehe gnädig herab auf deinen Diener N., den Du zum obersten Hirten deiner Kirche gesetzt hast; gib ihm, wir bitten Dich, daß er mit Wort und Beispiel, denen er vorsteht, nütze und zugleich mit der ihm anvertrauten Heerde zum ewigen Leben gelange. Durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.

Epistel.

Lesung des Briefes des seligen Apostels Paulus an die Hebräer Cap. 9.

Brüder! Da Christus als Hoherpriester der zukünftigen Güter gekommen ist, ging er durch ein höheres und vollkommeneres Zelt, das nicht von Menschenhänden gemacht, nämlich nicht von dieser Welt ist, auch nicht durch Blut von Böcken und Stieren, sondern mit seinem eigenen Blute, ein für alle Mal in’s Heiligthum des Himmels ein, und hat eine ewige Erlösung zu Stande gebracht. Doch wenn das Blut der Böcke und Stiere und die Bestreuung mit der Kuhasche die Verunreinigten heiligt, so daß sie leiblich rein werden: wie viel mehr wird das Blut Christi, der im Heiligen Geiste sich selbst als unbeflecktes Opfer dargebracht hat, unser Gewissen von todten Werken reinigen, damit wir Gott, dem Lebendigen, dienen. Und darum ist er des neuen Bundes Mittler, damit durch den Tod, welcher zur Erlösung von den Uebertretungen unter dem ersten Bunde erfolgte, Diejenigen, so berufen sind, das verheißene und ewige Erbe erhielten in Christo Jesu, unserem Herrn.

Nur durch Blut kann der Mensch wiedererkauft werden; die beleidigte göttliche Majestät läßt sich nur durch die Austilgung des rebellischen Geschöpfes versöhnen und sein Blut, das mit seinem Leben zur Erde fließt, muß Zeugniß seiner Reue und seiner vollständigen Unerwerfung unter den Willen dessen, gegen den es sich empört, ablegen. Andernfalls geschieht der Gerechtigkeit Gottes durch den ewigen Tod des Sünders Genüge. Alle Völker haben dies begriffen und Blut floß der göttlichen Gerechtigkeit von den Lämmern Abels bis zu den Hetakomben Griechenlands und den zahllosen Opfern, womit Salomon seinen Tempel einweihte. Gleichwohl sagt Gott: „Höre, mein Volk Israel, dein Gott bin ich, um deiner Opfer willen strafe ich dich nicht; denn deine Brandopfer sind ja stets vor mir; aber ich bedarf nicht deiner Farren noch deiner Heerden; denn mein ist alles Wild des Waldes, das Vieh auf den Bergen und die Ochsen. Wenn mich hungerte, würde ich dir’s nicht zu sagen brauche; denn mein ist der Erdkreis und was ihn erfüllt. Soll ich denn das Fleisch der Stiere essen und das Blut der Böcke trinken [Psalm 49].“ So befiehlt Gott blutige Opfer und erklärt zugleich, daß sie vor seinen Augen nichts sind; liegt darin ein Widerspruch? Nein. Gott will dem Menschen begreiflich machen, daß er einerseits nur durch Blut wiedererkauft werden kann und daß andererseits das Blut der Thiere zu niedrig ist, diesen Wiederkauf zu bewerkstelligen. Soll es also das Blut des Menschen sein, das die göttliche Gerechtigkeit besänftigen wird? Abermals nein; das Blut des Menschen ist unrein und schmutzig. Wäre es aber selbst rein, so ist es ohnmächtig, die einem Gott zugefügte Schmach zu sühnen; es bedarf dazu eines göttlichen Blutes, darum schickt sich Jesus an, das seinige zu vergießen.

Darin erfüllt sich nun das Größte, was im alten Bunde vorbildlich dargestellt war; einmal im Jahre betrat der Hohepriester das Allerheiligste, um für das Volk Fürbitte einzulegen. Er ging hinter den Vorhang und stand angesichts der heiligen Arche; aber diese höchste Gunst war ihm nur unter der Bedingung gewährt, daß er, wenn er in das heilige Asyl trat, in seinen Händen das Blut des Opfers trug, das er soeben geschlachtet. In diesen Tagen nun geht der Sohn Gottes, der ewige Hohepriester, in den Himmel ein und nach ihm werden auch wir dahin kommen; aber auch er muß das Blut darbringen, und dies Blut kann kein anderes sein, als sein eigenes. Wir stehen im Begriffe, ihn diese göttliche Vorschrift erfüllen zu sehen. Oeffnen wir daher unsere Seelen, damit dies Blut, wie wir eben von dem Apostel gehört, „sie von todten Werken reinige und wir von nun an dem lebendigen Gotte dienen.“

Das Graduale ist dem Psalter entnommen. Der Erlöser bittet darin, von seinen Feinden befreit und der Wuth eines gegen ihn empörten Volkes entzogen zu werden. Zugleich aber will er den Willen seines Vaters vollbringen, durch welchen er gerächt werden wird.

Der Traktus ist aus derselben Quelle geschöpft. Der Messias beklagt sich unter dem Namen Israel über die Wuth der Juden, die ihn von seiner Jugend an verfolgt und die eben sich anschicken, eine grausame Geißelung über ihn zu verhängen; er verkündet zugleich die Züchtigungen, welche der Gottesmord auf sie herabziehen wird.

Graduale.

Entreiße mich, Herr, meinen Feinden, lehre mich deinen Willen thuen.

Du mein Erretter von den zornigen Völkern, Du wirst mich erlösen über die, so sich auflehnen über mich, vom ungerechten Manne mich erlösen.

Traktus.

Oft drängten sie mich von meiner Jugend auf.

So sage nun, Israel: Oft drängten sie mich von meiner Jugend auf.

Aber sie konnten mir nicht an, auf meinen Rücken schlugen die Sünder mir Striemen.

Sie machten’s lang mit ihrer Bosheit; aber der Herr war gerecht, zerhieb der Sünder Nacken.

Evangelium.

Fortsetzung des heiligen Evangeliums nach Johannes Cap. 8.

In derselben Zeit sagte Jesus zu den Juden: Wer aus euch kann mich einer Sünde beschuldigen? Wenn ich euch die Wahrheit sage, warum glaubet ihr mir nicht? Wer aus Gott ist, der höret auf Gottes Wort; darum höret ihr nicht darauf, weil ihr nicht aus Gott seid. Da antworteten die Juden und sprachen zu ihm: Sagen wir nicht recht, daß Du ein Samaritan bist und einen Teufel hast? Jesus antwortete: Ich habe keinen Teufel, sondern ich ehre meinen Vater; ihr aber entehret mich. Doch ich suche meine Ehre nicht, es ist Einer, der suchet und richtet. Wahrlich, wahrlich sage ich euch, wenn Jemand meine Worte hält, wird er in Ewigkeit den Tod nicht sehen. Da sprachen die Juden: Nun erkennen wir, daß Du einen Teufel hast. Abraham und die Propheten sind gestorben und Du sagst: Wenn Jemand meine Worte hält, der wird in Ewigkeit den Tod nicht kosten! Bist Du denn größer, als unser Vater Abraham, der gestorben ist? Und die Propheten sind gestorben. Was machest Du aus Dir selbst? Jesus antwortete: Wenn ich mich selbst ehre, so ist meine Ehre nichts; mein Vater ist es, der mich ehret, von welchem ihr saget, daß er euer Gott sei. Doch ihr kennet ihn nicht; ich aber kenne ihn und wenn ich sagen würde: ich kenne ihn nicht, so wäre ich ein Lügner, gleichwie ihr. Ich kenne ihn und halte seine Worte. Abraham, euer Vater, hat frohlockt, daß er den Tag meiner Ankunft sehen werde: er sah ihn und freute sich. Da sprachen die Juden zu ihm: Du bist noch nicht fünfzig Jahre alt und hast Abraham gesehen? Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, wahrlich sage ich euch, ehe denn Abraham war, bin ich. Da hoben sie Steine auf, um auf ihn zu werfen. Jesus aber verbarg sich und ging hinweg aus dem Tempel.

Man sieht es, die Wuth der Juden hat ihren Höhepunkt erreicht und Jesus ist in die Nothwendigkeit versetzt, vor ihnen zu fliehen. Bald werden sie ihn sterben lassen. Aber wie verschieden ist ihr Loos von dem seinigen: aus Gehorsam gegen die Rathschlüsse seines himmlischen Vaters, aus Liebe zu den Menschen überlieferte er sich ihren Händen und sie bringen ihn zum Tode; aber siegreich wird er aus dem Grabe auferstehen. Er wird zum Himmel auffahren und dort seinen Platz zur Rechten seines Vaters einnehmen. Sie dagegen, nachdem ihre Wuth gesättigt, werden ohne Gewissensbisse bis zu dem schrecklichen Erwachen schlafen, das ihnen bereitet worden ist. Man fühlt, daß die Verwerfung dieser Menschen eine unwiderrufliche ist. Mit welcher ernsten Strenge sagt ihnen der Heiland: „Ihr höret nicht auf Gottes Wort, weil ihr nicht aus Gott seid.“ Und doch gab es eine Zeit, wo auch sie aus Gott waren; denn der Herr gibt seine Gnade Allen; aber sie haben diese Gnade unbenützt gelassen und so treiben sie sich in der Finsterniß umher und werden das Licht nicht mehr schauen, das sie zurückgewisen haben.

„Ihr saget, daß der Vater euer Gott ist, doch ihr kennet ihn nicht.“ Eben weil sie den Messias mißkannten, kam die Synagoge schließlich dahin, daß sie auch den wahren und einzigen Gott, auf dessen Verehrung sie so stolz war, nicht mehr kannte; in der That, hätte sie den Vater gekannt, würde sie den Sohn nicht zurückgestoßen haben. Moses, die Psalmen, die Propheten sind ihnen versiegelte Bücher und die heiligen Schriften werden bald in die Hände der Heiden übergehen, welche sie lesen und verstehen werden. „Wenn ich sagen würde, ich kenne den Vater nicht, wäre ich ein Lügner, gleichwie ihr.“ Aus diesen harten Worten Jesu fühlt man schon den Grimm des Richters heraus, welcher am jüngsten Tage herabsteigen wird, um die Köpfe der Sünder an der Erde zu zerschellen. Jerusalem hat nicht die Zeit der Heimsuchung erkannt; der Sohn Gottes kam in die heilige Stadt der Juden und sie wagt ihm zu sagen, „daß er von einem Teufel besessen ist!“ Sie sagt dem Sohne Gottes, dem ewigen Worte, das seine göttliche Abstammung durch die glänzendsten Wunder beweist, daß Abraham und die Propheten mehr sind, als er, Seltsame Verblendung, eine Ausgeburt des Hochmuthes und der Herzensverhärtung! Ostern ist nahe; diese Menschen werden, genau der religiösen Vorschrift folgend, das figürliche Lamm essen; sie wissen, daß dies Lamm nur vorbildlich ist, daß dies Vorbild sich verwirklichen soll; das wahre Lamm wird durch ihre gottesräuberischen Hände geschlachtet und sie erkennen es nicht! Sein auch für sie vergossenes Blut wird sie nicht retten. Ihr Unglück läßt uns an so viele verhärtete Sünder denken, für deren Bekehrung die Ostern dieses Jahres ebenso unfruchtbar sein wird, wie die Ostern der vergangenen Jahre; verdoppeln wir unsere Gebete für sie; bitten wir, daß das göttliche Blut, das sie mit Füßen treten, nicht gegen sie vor dem Throne des himmlischen Vaters um Gerechtigkeit schreie.

Im Offertorium entnimmt der Christ voll Vertrauen auf die Verdienste des Blutes, das ihn wiedererkauft, Davids Worte, um Gott zu loben und ihn als den Urheber dieses neuen Lebens anzuerkennen, dessen unversiegliche Quelle der Opfertod Jesu Christi ist.

Offertorium.

Lobsingen will ich Dir, Herr, von meinem ganzen Herzen. Thue Gutes deinem Knechte, so will ich leben und bewähre deine Reden. Belebe mich nach deinem Worte, o Herr.

Das Opfer des makellosen Lammes hat zwei Wirkungen auf den sündigen Menschen hervorgebracht: es hat seine Ketten gebrochen und ihn wieder zum Gegenstand des Wohlgefallens des himmlischen Vaters gemacht. In dem Stillgebet bittet nun die Kirche, daß das Opfer, das sie eben darbringt und welches kein anderes ist, als das Opfer am Kreuze, auch für uns dieselben günstigen Erfolge habe.

Stillgebet.

Wir bitten Dich, o Herr, laß dies Opfer sowohl die Bande unserer Bosheit zerbrechen, als auch die Gabe deiner Barmherzigkeit uns zuwenden. Durch unseren Herrn Jesum Christum. Amen.

Für die Kirche.

Beschirme uns, o Herr, da wir deinen Geheimnissen dienen, damit wir, göttlichen Dingen hingegeben, Dir mit Leib und Seele dienen. Durch unseren Herrn Jesum Christum. Amen.

Für den Papst.

Durch die dargebrachten Gaben, wir bitten Dich, o Herr! laß Dich versöhnen und leite deinen Diener N., welchen Du zum Hirten deiner Kirche aufgestellt hast, mit immerwährendem Schutze. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Die Antiphon der Communio bilden die eigenen Worte Jesu Christi, welche derselbe bei der Einsetzung des eben gefeierten heiligen Meßopfers gesprochen. Priester und Gläubige nehmen heute zum Gedächtnisse seines bitteren Leidens und seines unendlichen Verdienstes an demselben Theil.

Communion.

Dies ist mein Leib, der für euch hingegeben wird, dies ist der Kelch des neuen Bundes in meinem Blute, sagt der Herr; so oft ihr dieses nehmt, thuet dies zu meinem Andenken.

In der Postcommunio bittet die Kirche Gott, den Gläubigen die Früchte der Heimsuchung, deren er sie durch die Theilnahme an den heiligen Geheimnisse gewürdigt, zu bewahren.

Postcommunio.

Stehe uns bei, Herr, unser Gott, und schütze durch deine beständige Hilfe Diejenigen, welche Du durch deine Geheimnisse gestärkt hast. Durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.

Für die Kirche.

Wir bitten Dich, o Herr, unser Gott, daß Du Diejenigen keinen irdischen Gefahren erliegen lässest, denen Du deiner göttlichen Gnadenerweisung sich zu erfreuen gewährst.

Für den Papst.

Dieser Empfang des hochheiligen Sakramentes, wir bitten Dich, o Herr, beschütze uns und erhalte stets und bestärke deinen Diener N., den Du zum Hirten deiner Kirche aufgestellt hast, sammt der ihm anvertrauten Heerde. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Sechster Band: Die Passions- und die Charwoche; Mainz 1877; S. 112-123]

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