Dom Guéranger zum Palmsonntag (1/5)

Der Palmsonntag.

Heute, wenn ihr die Stimme des Herrn höret, verhärtet eure Herzen nicht!

Am Morgen dieses Tages ließ Jesus seine Mutter Maria, die beiden Schwestern Martha und Maria Magdalena sammt Lazarus in Bethanien zurück, und richtete seine Schritte in Gesellschaft seiner Jünger nach Jerusalem. Die Mutter der Schmerzen bebte, als sie sah, wie ihr Sohn sich wiederum seinen Feinden näherte, welche auf nichts dachten, als auf seine Ermordung; indeß will heute Jesus nicht den Tod in Jerusalem suchen, sondern im Gegentheil den Triumph. Ehe der Messias an’s Kreuz geschlagen wird, muß er in Jerusalem vom Volke zum König ausgerufen werden; angesichts der römischen Adler, unter den Augen der vor Wuth und Furcht stummen Hohenpriester und Pharisäer, muß sich die Stimme der Kinder mit dem Freudenrufe der Bürger mischen, um das Lob des Sohnes Davids von der Erde bis zum Himmel erschallen zu lassen.

Der Prophet Zacharias hatte diese von Ewigkeit her dem Menschensohne unmittelbar vor seiner Schmach bereitete Huldigung vorher gesagt: „Freue dich hoch, du Tochter Sions! Juble, du Tochter Jerusalems! Siehe, dein König kommt zu dir, gerecht und als Heiland; er ist arm und reitet auf einer Eselin, auf dem jungen Füllen einer Eselin [Zacharias 9, 9].“ Da Jesus sah, daß die Stunde der Erfüllung dieser Prophezeiung gekommen, sandte er zwei Jünger ab und befahl ihnen, eine Eselin und deren Füllen, das sie in einiger Entfernung finden würden, ihm vorzuführen. Der Heiland war zu dieser Zeit bereits in Bethphage auf dem Oelberge angekommen. Die beiden Jünger beeilten sich, den Auftrag ihres Meisters auszuführen und alsbald stand die Eselin sammt dem Füllen für Jesus bereit.

Die heiligen Väter haben uns den Schlüssel zu den Geheimnissen dieser beiden Thiere gegeben. Die Eselin stellt das jüdische Volk dar, welches bereits seit Langem unter dem Joche des Gesetzes stand; das Füllen, auf welchem nach dem Evangelium noch kein Mensch gesessen hatte [Marcus 11, 2], bedeutet das Heidenthum, welches bis dahin noch Niemand gebändigt. Das Loos beider wird sich in wenig Tagen entscheiden. Weil es den Messias zurückgestoßen, wird das jüdische Volk preisgegeben und an seiner Stelle nimmt Gott die Nationen an Kindesstatt an, welche jetzt zwar noch wild sind, dann aber an ihn glauben und seinen Willen befolgen werden.

Die Jünger breiten ihre Kleider über den Rücken des Füllens, darauf besteigt Jesus, um die Prophezeiung zu erfüllen, das Thier, und schickt sich so an, seinen Einzug in die Stadt zu halten. Gleichzeitig verbreitet sich in Jerusalem das Gerücht von dem Herannahen Jesu. Auf Antrieb des Heiligen Geistes macht sich die Menge der Juden, welche von allen Seiten zur Feier des Osterfestes in Jerusalem zusammen geströmt war, auf, um ihm entgegen zu gehen. Sie rissen Palmzweige von den Bäumen und erfüllten die Luft mit lautem Jubelrufe. Die Leute, welche bereits ziemlich zahlreich im Gefolge Jesu waren, und die begeisterte Menge, die ihm entgegen zog, stoßen endlich wie zwei mächtige Volkswogen aufeinander. Die Schaaren vermischen sich, und nun erreicht die Begeisterung ihren Gipfel; die Einen breiten ihre Kleidungsstücke auf den Weg, über welchen Christus reitet, die Anderen werfen Palmzweige darüber oder schwingen sie jubelnd in den Händen: Hosanna! Hosanna! tönt es von Mund zu Mund, von Schaar zu Schaar, und der Stadt verkündet der Jubelruf, daß ihr König Jesus, der Sohn Davids, seinen feierlichen Einzug in dieselbe halte.

So wollte Gott, der die Herzen der Menschen wie Wasserbäche lenkt, seinem Sohne einen Triumph in derselben Stadt bereiten, die wenige Tage darauf mit wildem Geschrei das Blut des göttlichen Messias fordert. Dieser Tag war ein Augenblick der Herrlichkeit für Jesus, und die heilige Kirche will, daß wir alljährlich das Gedächtniß dieses Triumphes des Gottmenschen erneuern. Zur Zeit der Geburt des Emmanuel sahen wir die Weisen tief aus dem Morgenlande kommen, wie sie in Jerusalem nach dem Könige der Juden suchten und forschten, denn sie wollten ihm ihre Huldigungen und ihre Gaben darbringen; heute ist es Jerusalem selbst, das sich wie ein Mann erhebt, um vor ihm her zu ziehen. Beide Thatsachen beziehen sich auf denselben Zweck, sie sollten die königliche Würde Jesu Christi anerkennen: die erstere von Seiten der Heiden, die zweite von Seiten der Juden; die erstere zur Zeit seiner Geburt, die zweite unmittelbar vor seinem Tode. Christus war geborener König, er war bis zu seinem Tode König, ehe er in den Tod ging, mußte seine königliche Würde von Juden und Heiden anerkannt werden, und als er am Kreuze hing, ließ der Vertreter der höchsten irdischen Gewalt in Jerusalem zu seinen Häupten die Inschrift anbringen: Jesus von Nazareth, König der Juden; und so starb er auch als König. Vergebens boten die Feinde Jesus alles auf, um die Worte dieser Inschrift zu ändern; er habe sich als König der Juden ausgegeben, sollte Pilatus schreiben; aber so feig und erbärmlich dieser römische Höfling sich sonst zeigte, hier blieb er fest: „Was ich geschrieben, habe ich geschrieben,“ und damit brachte er, ohne es zu wissen, eine Prophezeiung zur Erfüllung. Heute verkündigt Israel Jesus als seinen König; bald wird Israel zerstreut zur Strafe für seine Empörung gegen den Sohn Davids; aber Jesus, den es einmal als König verkündigt hat, bleibt König auf immer. So erfüllt es sich buchstäblich, was der Engel zu Maria gesprochen, als er ihr die Größe des Sohnes, den sie gebären sollte, verkündigte: „Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben und er wird herrschen im Hause Jakobs ewiglich [Lucas 1, 32].“ Heute tritt Jesus seine Herrschaft über die Erde an, und wenn der erste Israel sofort sich wiederum seinem Scepter entzieht, dann wird ein neuer Israel vereint mit dem treugebliebenen Theile des alten alsbald sich erheben; alle Völker der Erde werden ihn bilden und sie werden Christus ein Reich anbieten, größer als je ein Eroberer es anzustreben gewagt hatte.

Das ist im Schmerze dieser bitteren Woche das glorreiche Geheimniß dieses Tages. Die heilige Kirche will, daß ein Augenblick der Freude unsere Herzen erleichtere und daß Jesus von uns heute als König gegrüßt werde. Sie hat daher den Gottesdienst an diesem Tage so angeordnet, daß er zugleich Freude und Trauer ausdrückt: Freude, indem sie in den Jubel einstimmt, von welchem die Stadt Davids widerhallt, Trauer, indem sie der bevorstehenden Leiden ihres göttlichen Bräutigams eingedenk bleibt. Der ganze Gottesdienst dieses Tages ist gleichsam in drei genau zu unterscheidende Abschnitte eingetheilt, deren Geheimnisse und Absichten wir nun in dem Folgenden näher erläutern werden.

Die Palmweihe ist der erste Ritus, dem wir anwohnen und aus der Feierlichkeit, welche die Kirche bei dieser Gelegenheit entfaltet, läßt sich ein Schluß auf die Wichtigkeit ziehen, die sie demselben beilegte. Der Beginn gleicht fast ganz einem Meßopfer, welches ausschließlich in der Intention dargebracht wird, das Jahresgedächtniß des feierlichen Einzugs in Jerusalem zu begehen. Introitus, Collecte, Epistel, Graduale, Evangelium folgen einander wie gewöhnlich in der Messe; es ist selbst eine Präfation vorhanden; aber nach dem dreifachen Rufe: Heilig, Heilig, Heilig! wird der gewöhnliche Luaf der Ceremonien unterbrochen und der celebrirende Priester schreitet nun zur eigentlichen Weihe der vor ihm liegenden geheimnißvollen Zweige. Die dabei angewendeten Gebete sind voll beredter Unterweisungen. Die Buchszweige, die der Gegenstand des ersten Theiles der gottesdienstlichen Verrichtungen sind, erhalten durch diese Gebete, wozu noch die Beräucherung mit Weihrauch und die Besprengung mit Weihwasser kommt, eine Kraft, welche sie über die natürliche Ordnung erhebt und geeignet macht, zur Heiligung der Seele und zum Schutze des Leibes und der Wohnung beizutragen. Die Gläubigen müssen daher diese Zweige voll Ehrfurcht während der Prozession und bei der Messe, während die Passion gesungen wird, in den Händen tragen und ihnen dann im Hause einen würdigen Platz anweisen. Sie dienen dort als ein Zeichen ihres Glaubens und als eine gewährte Hoffnung auf die göttliche Hilfe.

Wir haben nicht nöthig, dem Leser des Weiteren auseinander zu setzen, daß die Palmen und Oelzweige, welche eben die Weihe der Kirche empfangen, zum Andenken Jener getragen werden, welche das Volk von Jerusalem zu Ehren des triumphirenden Einzugs Jesu trug; aber wir müssen einige Worte über das Althergebrachte dieses Gebrauches sagen. Derselbe begann bereits sehr früh im Orient und zwar wahrscheinlich, seitdem die Kirchenverfolgungen aufgehört, in Jerusalem. Schon im vierten Jahrhundert bezeugt der heilige Cyrillus, der Bischof dieser Stadt, daß der Palmbaum, von welchem das vor Christus herziehende Volk die Zweige genommen, noch in dem Kedronthale stand [Cateches. X]; nichts war natürlicher, als daß man daraus Gelegenheit nahm, ein Jahresgedächtniß dieses großen Ereignisses einzusetzen. Im folgenden Jahrhundert findet man diesen Gebrauch schon nicht mehr ausschließlich in den Kirchen des Orients, sondern auch in den Klöstern, welche zahlreich in den syrischen und ägyptischen Wüsten vorhanden waren, eingeführt. Beim Eintritt in die Fastenzeit erlangten viele heilige Mönche von ihrem Abte die Erlaubniß, sich in die Wüste zurück zu ziehen und diese Zeit in tiefer Zurückgezogenheit zu verbringen; aber am Palmsonntag mußten sie, wie das Leben des heiligen Euthymius, das sein Schüler Cyrillus beschrieb, zeigte [Act. SS. XX. Januarii], in das Kloster zurückkehren. Im Abendland ging es mit diesem Ritus nicht so rasch; die erste Spur davon finden wir im Sacramentarium des heiligen Gregor, welches vom Ende des sechsten oder anfangs des sieben Jahrhunderts stammt. In dem Maße, als der Glaube im Norden vordrang, wurde es sogar nicht einmal mehr möglich, die Gedächtnißfeier in ihrer ganzen Integrität zu begehen; denn in jenen Climaten kam die Palme oder der Oelbaum nicht fort. Man mußte sie daher durch Baumzweige anderer Art ersetzen; aber die Kirche erlaubte nicht, an den für die Weihe derselben vorgeschriebenen Gebeten Etwas zu ändern, weil die Geheimnisse, auf welche diese schönen Gebete hinweisen, durch den Oelbaum und die Palme der evangelischen Erzählung gesinnbildet werden; ihre Vertreter sind denn bei uns Buchs und Lorbeer.

Der zweite Ritus dieses Tages ist die berühmte Prozession, welche der feierlichen Palmweihe folgt. Sie bedeutet den Einzug des Heilandes nach Jerusalem. Damit nichts der Darstellung des im heiligen Evangelium erzählten Ereignisses fehle, so werden die eben geweihten Palmen von Allen an dieser Prozession Theilnehmenden getragen. Bei den Juden galt es als ein Zeichen der Freude, wenn man grüne Baumzweige in den Händen trug. Gott hatte im Leviticus, als er das Laubhüttenfest einsetzte, gesagt: „Am ersten Tage sollet ihr Früchte von den dickbelaubten Bäumen nehmen und Palmzweige, und Aeste von dickbelaubten Bäumen und Bachweiden und sollet fröhlich sein vor dem Herrn, euerm Gott [Levit. 23, 40].“ Es geschah also in der Absicht, ihre freudige Begeisterung über den Einzug Jesu Christi in ihren Mauern zu bezeugen, wenn die Bewohner von Jerusalem, bis auf die Kinder herab, an dieser Demonstration sich betheiligten. So gehen auch wir vor unserem Könige her, Hosanna rufend dem Ueberwinder des Todes, dem Befreier seines Volkes.

Im Mittelalter trug man in vielen Kirchen in feierlicher Weise das Evangelienbuch mit dieser Prozession. Dasselbe stellte dann Jesus Christus dar, dessen Worte es enthält. An einem als Station bezeichneten und vorbereiteten Orte machte die Prozession Halt; der Diakon öffnete alsdann das heilige Buch und sang die Stelle, an welcher der Einzug Jesu in Jerusalem erzählt wird. Man enthüllte sodann das Kreuz, welches bis dahin bedeckt geblieben war. Der ganze Klerus nahte sich feierlich, um es zu verehren und Jeder legte zu seinen Füßen ein Stück des Zweiges, den er in der Hand trug. Dann zog die Prozession unter Vorantragung des Kreuzes weiter, welches bis zur Rückkehr in die Kirche unverhüllt blieb. In England und in der Normandie fand seit dem elften Jahrhundert ein Ritus statt, welcher noch um Vieles lebendiger das große Ereigniß dieses Tages darstellte. Die heilige Hostie nämlich wurde im Triumph mit der Prozession getragen. Die Irrlehre Berengars gegen die wirkliche Gegenwart Jesu Christi in dem allerheiligsten Sakramente des Altars brach gerade um diese Zeit aus; und dieser Triumph der heiligen Hostie deutete bereits, wenn auch nur von ferne, die künftige Einsetzung des Frohnleichnamsfestes an.

Ein rührender Gebrauch fand noch besonders in Jerusalem gelegentlich dieser Prozession statt. Auch er läuft darauf hinaus, den im Evangelium erzählten Vorfall dieses Tages zu erneuern. Die ganze Genossenschaft der Franziskaner, in deren Hut sich die heiligen Stätten befinden, begab sich am frühen Morgen nach Betphage; dort bestieg der Pater Quardian in bischöflichen Gewändern das Füllen einer Eselin, welches man mit Kleidungsstücken bedeckt hatte. So hielt er, begleitet von den Mönchen und Katholiken von Jerusalem, welche Alle Palmen trugen, seinen Einzug in die Stadt und stieg an der Pforte der Kirche des heiligen Grabes ab. Dort wurde die Messe mit der größten Feierlichkeit gelesen. Seit etwa zwei Jahrhunderten haben die türkischen Behörden von Jerusalem diese schöne Ceremonie, welche bis zu den Zeiten des lateinischen Königthums hinauf reichte, untersagt.

Wir haben hier, wie gewöhnlich, die verschiedenen Thatsachen zusammen gestellt, welche die Seele des Gläubigen in die Geheimnisse der Liturgie einzuführen geeignet sind. Diese Offenbarungen des Glaubens zeigen ihnen die Absichten, welche die Kirche bei Gelegenheit dieser Prozession hegt. Sie will, daß wir Jesum Christum verehren, als ob er bei dem heute ihm bereiteten Triumphe zugegen sei. Suchen wir also in Liebe den demüthigen und süßen Heiland, der die Tochter Sions heimsucht. Er ist da, mitten unter uns; ihm gilt die Huldiung unserer Palmen; verbinden wir mit derselben auch die Huldigung unserer Herzen. Er will unser König sein; nehmen wir ihn als solchen auf und brechen wir in den Ruf aus: Hosanna, dem Sohne Davids!

Das Ende der Prozession wird durch eine äußerst schöne und sinnige Ceremonie bezeichnet. Wenn dieselbe in die Kirche zurückkehrt, findet sie die Pforten geschlossen. Die Prozession muß Halt machen; aber die Freudengesänge verstummen keinen Augenblick. Eine besondere Hymne auf Christus, den König, wird angestimmt, während welcher der Subdiakon mit dem Kreuzstocke an die Pforte schlägt, bis diese geöffnet wird, worauf sodann, unter Vortritt des Klerus, die ganze Menge in die Kirche strömt, ihn preisend, der allein die Auferstehung und das Leben ist.

Dieser geheimnißvolle Gebrauch soll an den Einzug des Heilandes in das andere Jerusalem, dessen Abbild das irdische ist, erinnern. Dies Jerusalem ist das himmlische Vaterland, wozu uns Jesus den Eingang verschafft hat. Die Sünde des ersten Menschen hatte dessen Pforten verschlossen; aber Jesus, der König der Herrlichkeit, hat dieselben durch die Kraft seines Kreuzes, dem sie nicht zu widerstehen vermochten, wieder geöffnet. Folgen wir also immer den Schritten des Sohnes Davids; denn er ist zugleich auch der Sohn Gottes und er lädt uns ein, an seinem Reiche Theil zu nehmen. So erhebt die heilige Kirche in der Palmenprozession, die in erster Linie nur die Gedächtnißfeier des heutigen Ereignisses ist, unsere Seele zum glorreichen Geheimniß der Himmelfahrt, durch welches im Himmel die Sendung des göttlichen Sohnes auf Erden ihr Ende findet. Aber ach, die Tage, welche diesen einen Triumph von dem anderen trennen, sind nicht lauter Freudentage; und kaum ist die Prozession zu Ende, so beginnt wieder, nachdem sie einen Augenblick unter der Last der Trübsal aufgeathmet, die Klage der Kirche.

Der dritte Abschnitt der täglichen gottesdienstlichen Verrichtungen dieses Tages ist die Darbringung des heiligen Meßopfers selbst. Alle dasselbe begleitenden Gesänge tragen bereits wieder den Charakter der Trostlosigkeit und um den höchsten Schmerz zu bezeichnen, dem der ganze übrige Tag gewidmet ist, wird heute schon die Leidensgeschichte des Erlösers in der Versammlung der Gläubigen gelesen. Seit fünf oder sechs Jahrhunderten ist in der Kirche eine ganz besondere Art und Weise aufgekommen, wie diese Erzählung des heiligen Evangeliums vorgetragen wird. Es ist ein feierliches Drama, das von drei Diakonen recitirt wird; der erste trägt die eigentliche Erzählung vor, der zweite die Reden Jesu, der dritte die Reden der übrigen Personen. Die Erzählung hat eine ernste pathetische Weise; die Worte Jesu klingen ebenso sanft als erhaben und unterscheiden sich merklich und ergreifend von dem hohen und spitzen Tone der übrigen Sprecher und den Ausrufen des jüdischen Volkes. Während die Leidensgeschichte gesungen wird, haben alle Anwohnenden die Palmzweige in den Händen, um durch dieses Zeichen des Triumphes gegen die entwürdigende Behandlung, welcher der Erlöser von Seiten seiner Feinde unterzogen wurde, Einsprache zu erheben. Gerade in dem Augenblick, wo er aus Liebe zu uns sich unter die Füße der Sünder treten läßt, müssen wir ihn um so lauter als unseren Gott und als unseren höchsten König verkünden.

Dies sind im Allgemeinen die Riten dieses großen Tages; wir werden nun, wie gewöhnlich, die Gebete und heiligen Lesungen mittheilen und bei dieser Gelegenheit die zum Verständnisse nöthigen Einzelheiten noch beifügen.

Außer seinem liturgischen und volksthümlichen Namen Palmsonntag, heißt dieser Sonntag auch der Sonntag Hosanna wegen des Triumphrufes, womit die Juden die Ankunft Jesu grüßten; früher hieß er auch lange Zeit der Sonntag der Osternblüthe, weil Ostern nur noch acht Tage entfernt ist und Palmsonntag wie eine Blüthe erscheint, als deren Frucht oder Vollendung Ostern, das Fest der glorreichen Auferstehung, sich darstellen würde. Von jetzt an können auch überall die Gläubigen ihre jährliche Communion halten [in einzelnen Diözesen kann dies auch früher geschehen]. Dieser Bezeichnung Osternblüthe verdankt auch Florida, der große Nachbarstaat Mexikos, den die Spanier am Palmsonntag des Jahres 1513 entdeckten, seinen Namen. Eine weitere Bezeichnung heißt Capitilavium, d. h. Sonntag der Kopfwaschung; dieser Name stammt daher, weil im Mittelalter die in den vorhergehenden Monaten geborenen Kinder, wenn nicht Gefahr auf dem Verzug stand, am Charsamstag getauft wurden und die Eltern am heutigen Tage in Vorbereitung dessen den Kindern den Kopf wuschen, damit sie sauber seien, wenn sie mit dem heiligen Chrisam gesalbt würden. Zu einer noch ferneren Periode nannte man in einigen Kirchen diesen Sonntag: Ostern der Zuständigen, Ostern der Competenten; Competenten nannte man nämlich diejenigen Katechumenen, welche zwar die Taufe noch nicht empfangen, aber bereits zur Taufe zuständig, competent, waren. Sie versammelten sich an diesem Tage in der Kirche und man hielt ihnen einen besonderen Vortrag über das Glaubensbekenntniß, welches sie im vorhergehenden Scrutinium empfangen hatten. In der gothischen Kirche Spaniens wurde ihnen sogar erst das Glaubensbekenntniß mitgetheilt. Bei den Griechen endlich trägt dieser Sonntag die Bezeichnung Baïphore, d. h. Palmträger.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Sechster Band: Die Passions- und die Charwoche; Mainz 1877; S. 204-216]

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