Dom Guéranger zum Palmsonntag (5/5)

Zur Vesper.

[…]

Capitulum.

Brüder, ihr sollet so gesinnt sein, wie auch Jesus Christus gesinnt war, welcher, da er in Gottes Gestalt war, es für keinen Raub hielt, Gott gleich zu sein; aber sich selbst entäußerte, Knechtsgestalt annahm, dem Menschen gleich und im Aeußeren wie ein Mensch befunden ward.

[…]

Antiphon zum Magnificat.

Es steht geschrieben: Ich will den Hirten schlagen und die Schafe der Heerde werden zerstreut werden; wenn ich aber werde auferstanden sein, werde ich euch voraus gehen nach Galiläa, dort werdet ihr mich sehen, spricht der Herr.

Gebet.

Allmächtiger, ewiger Gott! der Du dem menschlichen Geschlechte in der Menschwerdung und in dem Kreuztode deines Sohnes, unseres Erlösers, ein Beispiel der Demuth zur Nachfolge aufgestellt hast; verleihe gnädig, daß wir seine Geduld thätig nachahmen und uns würdig machen, an seiner Auferstehung Theil zu nehmen. Durch denselben Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Schließen wir diesen Tag des Erlösers in Jerusalem, indem wir an unserer Seele die anderen ihn bezeichnenden Ereignisse vorüber ziehen lassen. Der heilige Lucas erzählt uns, daß Jesus, als er sich bei seinem feierlichen Einzuge der Stadt näherte, über dieselbe weite und in die klagenden Worte ausbrach: „Wenn doch auch du es erkenntest, und zwar an diesem deinem Tage, was dir zum Frieden dient; nun aber ist es vor deinen Augen verborgen. Denn es werden Tage über die kommen, wo deine Feinde dich mit einem Walle umgeben, dich ringsum einschließen und von allen Seiten dich bekämpfen werden; sie werden dich und deine Kinder, die in dir sind, zu Boden schmettern und in dir keinen Stein auf dem anderen lassen, weil du die Zeit deiner Heimsuchung nicht erkannt hast [Lucas 9, 41-44].“

Vor wenig Tagen zeigte uns das heilige Evangelium, wie Jesus am Grabe des Lazarus weinte; heute sehen wir ihn neue Thränen über Jerusalem vergießen. In Bethanien weinte er bei dem Gedanken an den leiblichen Tod, die Folge und die Strafe der Sünde; aber für diesen Tod gibt es ein Heilmittel. Jesus ist „die Auferstehung und das Leben; wer an ihn glaubt, wird leben, wenn er auch gestorben ist [Joh. 11, 25].“ Aber der Zustand des ungläubigen Jerusalem, das ist der Tod der Seele; bei diesem Tode gibt es keine Auferstehung, wenn die Seele nicht in der Zeit zum Urheber des Lebens zurück kehrt. Darum sind eben die Thränen Jesu, die derselbe heute vergießt, so bitter. Mitten unter den freudigen Zurufen, die seinen Einzug in die Stadt Davids begleiten, ist sein Herz betrübt; denn er weiß nur zu genau, daß gar Viele unter ihren Bewohnern die Zeit der Heimsuchung nicht erkennen. So lasset uns denn das Herz des Erlösers trösten und ihm ein gläubiges Jerusalem sein.

Die evangelische Erzählung sagt uns weiter, daß Jesus nach seinem Einzuge in die Stadt sich sofort in den Tempel begeben und die Händler aus demselben hinaus gejagt habe [Matth. 21, 12]. Es war zum zweiten Male, daß er im Hause seines Vaters sein Hausrecht übte, und Niemand wagte ihm dabei Widerstand zu leisten. Die Hohenpriester und Pharisäer murrten zwar und beklagten sich bei ihm über den Tumult, den sein Einzug erregt habe; aber sie wurden in der gebührenden Weise abgewiesen und mußten beschämt verstummen. Ganz der gleiche Vorgang wiederholt sich in der Weltgeschichte: wenn wir da zu verschiedenen Epochen sehen, wie Gott seinen Sohn und die Kirche seines Sohnes verherrlichen will, dann hören wir auch, wie seine und ihre Feinde im Grimme ihres Herzens Einsprache erheben; aber das kann die Bahn des Triumphwagens nicht aufhalten. Sobald es dagegen der göttlichen Vorsehung gefällt, nach den Stunden der Herrlichkeit Tage der Verfolgungen und der Prüfungen herein brechen zu lassen, dann kriechen alle diese feigen Feinde, von den Instinkten des Hasses getrieben, aus ihren Verstecken hervor und geben nicht eher Ruhe, bis sie einen Theil des Volkes, das dem Sohne Davids Hosanna rief, in ihren Netzen gefangen, so daß es in das Verlangen ausbricht: er solle ihm überliefert und gekreuzigt werden. Aber Jesus und seine Kirche haben darum noch nicht ihr Reich eingebüßt; scheint auch ihre sichtbare Herrschaft einen Augenblick gebeugt oder gebrochen zu sein, plötzlich entfalten sich wieder die Schwingen derselben um so reiner und strahlender und dies dauert in fortwährendem Wechsel der Verherrlichung und der Schmach so lange, bis endlich das Reich des Bräutigams und der Braut als ein ewiges auf den Trümmern der Welt verkündet wird, welche die Zeit ihrer Heimsuchung nicht erkannt hat.

Wir erfahren ferner von dem heiligen Matthäus, daß der Heiland diesen Tag in Bethanien beschloß [Matth. 21, 17]. Er wollte durch seine Gegenwart die mütterliche Sorge Marias besänftigen, sowie auch die fromme Familie des Lazarus beruhigen. Andererseits war auch in Jerusalem Niemand zu ihm gekommen, der ihm seine Gastfreundschaft angeboten hätte; wenigstens thut das Evangelium darüber nirgendwo Erwähnung. Dieser Umstand ist solchen, welche das Leben unseres Herrn mit frommem Herzen betrachtet, aufgefallen und sie haben daraus den Schluß gezogen, daß dies niecht ohne tiefer liegende Absicht geschehen sei. Jesus, der am Morgen mit einem feierlichen Triumphe geehrt worden, sieht sich am Abende genöthigt, Nahrung und Obdach außerhalb der Stadt zu suchen, die ihn mit solch’ jubelnder Begeisterung aufgenommen hatte. In den Klöstern der Carmeliterinnen von der Regel der heiligen Theresia gesteht ein rührender Gebrauch, dessen Zweck darauf hinaus läuft, dem Heilande eine Sühne für die Ungastlichkeit der Bewohner Jerusalems anzubieten. Es wird mitten im Refectorium eine Tafel hergerichtet und auf derselben eine Mahlzeit aufgetragen; nachdem die klösterliche Genossenschaft gespeist, wird dies dem Heilande dargebotene Mahl unter die Armen vertheilt, welche ja seine Glieder sind.

Wir schließen den Tag mit einigen Strophen, die wir einer Hymne der griechischen Liturgie für den Palmsonntag entnehmen. Der Verfasser derselben ist der berühmte Hymnograph Cosmus von Jerusalem.

[…]

Gott, der in der Höhe über den Cherubim thront, siehe, er kommt mit Macht und Herrlichkeit, und Alles wird mit seinem göttlichen Lobe erfüllt. Friede sei über Israel und Heil den Völkern.

Es haben voll Freude die Seelen der Gerechten gerufen: Nun wird ein neuer Bund für die Welt bereitet, und das Volk wird erneuert durch die Besprengung mit dem göttlichen Blute.

Das Volk sammt den Jüngern beugte freudig die Kniee und rief mit den Palmen in den Händen dem Sohne Davids Hosanna zu: Hochgelobt bist Du, o Herr, Gott unserer Väter, Du bist gebenedeit.

Das Volk mit einfältigem Herzen und die jugendliche Schaar der Kinder hat Dir göttliche Ehre gezollt und Dich, o König Israels und der Engel gepriesen: Hochgelobt bist Du, o Herr, Du Gott unserer Väter, Du bist gebenedeit.

Auf einem jungen Füllen sitzend, ist Christus, dein König, o Sion, zu Dir gekommen. Er ist genaht, um den thörichten Götzendienst zu vernichten und die unbändige Leidenschaft aller Völker zu unterdrücken, auf daß sie singen: Preiset, ihr Werke, den Herrn und erhebt ihn über Alles in Ewigkeit.

Christus, dein Gott, herrschet in Ewigkeit. Er kommt, wie geschrieben steht, sanftmüthig und als Retter, als unser gerechter Erlöser, auf einem Füllen reitend, damit er die Hoffart der Feinde verderbe, welche nicht rufen wollen: Preiset den Herrn, seine Werke, und erhebt ihn über Alles in Ewigkeit.

Zerstreut wird die gottlose Versammlung derer, die im heiligen Tempel Gott lästern; denn sie haben das Haus Gottes und des Gebetes zu einer Räuberhöhle gemacht und aus ihrem Herzen den Erlöser verbannt, dem wir zurufen: Preiset den Herrn, seine Werke, und erhebt ihn über Alles in Ewigkeit.

Er ist Gott der Herr und ist uns erschienen; ordnet einen Festtag an und kommt frohlockend; laßt uns Christum verherrlichen und mit Palmen und Zweigen in den Händen ausrufen: Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn, unseres Retters.

Ihr Völker, warum tobet ihr gegen die Schrift? und ihr Priester, warum sinnet ihr Eitles, indem ihr sprechet: Wer ist dieser, dem die Knaben mit Palmen und Zweigen in den Händen unter Lobliedern zurufen: Gepriesen, der da kommt im Namen des Herrn, unseres Retters?

Ihr Lasterhaften, warum gebt ihr Aergernisse, welche die Wege bedecken? Flink sind euere Füße, das Blut des Herrn zu vergießen. Aber er wird auferstehen, um Alle zu retten, welche rufen: Gepriesen, der da kommt im Namen des Herrn, unseres Retters.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Sechster Band: Die Passions- und die Charwoche; Mainz 1877; S. 251-257]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s