Dom Guéranger zum heiligen Ostertag

Zur Messe.

Die Stunde der Terz hat alles Volk in der Basilika versammelt. Die Sonne, die am heiteren Himmel aufgegangen, scheint ein glänzenderes Licht auszuströmen; das Pflaster der Kirche ist mit Blumen bestreut. Oberhalb der Mosaiken an der Absis, deren Email in neuem Glanze funkelt, sind die Mauern mit kostbaren Teppichen bekleidet; Laubgewinde hängen von dem Triumphbogen herab, schlingen sich um die Säulen des Hauptschiffes, und laufen von da aus in die Seitenschiffe. Zahlreiche Lampen, mit dem reinsten Oele gefüllt, brennen um den Altar, umgeben das Ciborium. Auf der schlanken Säule flammt die Osterkerze, die seit den ersten Stunden des gestrigen Abend ihr glänzendes Licht verbreitet, und die Wohlgerüche ausduftet, womit der Docht imprägnirt worden ist. Als geheimnißvolles Bild Christi, des Lichtes der Welt, erfreut ihr Licht das Auge der Gläubigen und scheint uns allen zu sagen: „Alleluja! Christus ist erstanden!“

Mehr als alles Andere aber erregt die zahlreiche Schaar der Neubekehrten die Theilnahme der heiligen Versammlung. In ihren glänzenden weißen Kleidern gleichen sie den beiden Engeln am Grabe. Gerade in diesen jungen, edeln Neugeworbenen spiegelt sich das Geheimniß des aus dem Grabe erstandenen Heilandes am lebendigsten. Gestern noch waren sie von den Todesbanden der Sünde umstricht, jetzt sind sie voll Leben, und zwar voll jenes neuen Lebens, das dem Siege des Erlösers über den Tod seine Quelle verdankt. Gewiß, es war ein glücklicher Gedanke der heiligen Kirche, daß sie, als den Zeitpunkt der Wiedergeburt, gerade den Tag wählte, an welchem der Gottmensch die Unsterblichkeit für uns errungen hat.

In Rom war früher die Station in der Basilika von Santa Maria Major. Diese Königin der zahlreichen der Mutter Gottes in der heiligen Stadt gewidmeten Kirchen hatte man für den heutigen Tag gewählt und in dieser Wahl eine bewundernswerthe Zartheit bekundet. Rom huldigte damit am Ostertage ihr, die mehr als irgend ein anderes Geschöpf einen Anspruch auf den rings um sie ertönenden Jubel hatte. Denn welche Schmerzen hatte ihr mütterliches Herz erduldet? Mit welcher Hingebung hatte sie nicht in den langen Stunden, da ihr göttlicher Sohn die Demüthigung des Grabes ertrug, den Glauben an die Auferstehung bewahrt? Später wurde die Feier der päpstlichen Messe in die Peterskirche verlegt. Es geschah das mit Rücksicht auf die unzählige Menge, welche an den Ostertagen in Rom zusammenfluthete, und welche in den ungeheueren Räumlichkeiten der Peterskirche besser Platz fand. Gleichwohl jedoch ist die Kirche Santa Maria Major heute noch im römischen Missale als die Stationskirche bezeichnet, und alle Diejenigen, welche an dem Gottesdienste in dieser Kirche Theil nehmen, erlangen dieselben Indulgenzen, wie früher.

Es ist die Stunde der Terz (neun Uhr Morgens). Das Officium beginnt, welches dieser Tagesstunde entspricht und welches stets dem Hochamte vorhergeht. […] Aber heute und während der ganzen Woche wird Hymne, Capitulum und kurzes Responsorium weggelassen. Die Kirche verfolgt dabei die Absicht, so viel als möglich die alte Form der Osterfeier beizubehalten. Nach der Recitation der Psalmen fügt man noch die triumphirende Antiphon bei, welche die Kirche während der Festoctave bei jeder Gelegenheit anstimmt:

Das ist der Tag, den der Herr gemacht; wir wollen frohlocken und uns freuen an ihm.

Den Schluß der Terz bildet die Collecte der Messe […].

Ausnahmsweise wird das Weihwasser zur Aussprengung heute nicht gesegnet. Es ist ja kaum einige Stunden her, daß der Bischof unter den erhabensten Gebräuchen dies Element geweiht, bevor er mit demselben die Neophyten getauft. Das Wasser zur Aussprengung wird nun dieser Quelle entnommen, welcher sie Alle in glänzender Weise entstiegen sind. Während der Aussprengung über die Gläubigen singt der Chor folgende Antiphon:

Antiphon.

Ein Wasser sah ich fließen aus dem Tempel auf der rechten Seite, Alleluja; und Alle, zu welchen jenes Wasser gelangte, sind gerettet und rufen: Alleluja, Alleluja.

Danket dem Herrn, denn er ist gut, denn in Ewigkeit währet seine Barmherzigkeit.

Ehre sei dem Vater.

Ein Wasser sah ich.

V. Erzeige, o Herr, uns deine Huld, Alleluja.

R. Und dein Heil verleihe uns, Alleluja.

Gebet.

Erhöre uns, o heiliger Herr, allmächtiger Vater, ewiger Gott! und schicke gnädig deinen heiligen Engel vom Himmel, damit er alle an diesem Orte Versammelten beschütze und hege, bewahre, besuche und vertheidige. Durch Christum, unseren Herrn.

R. Amen.

In den Kirchen Galliens und anderer Gegenden des Abendlandes sang man lange Zeit zu der der Messe vorhergehenden Prozession ein herrliches Lied von Venantius Fortunatus, dem berühmten Bischofe von Poitiers. Wir rücken das Lied hier ein, überzeugt, daß wir dadurch einem Wunsche unserer frommen Leser entgegenkommen. Denn diese prachtvollen Strophen sind sehr geeignet, uns in den Geist dieses großen Festes einzuführen, uns aus diesem Grunde haben sie auch unsere Väter gesungen. Wir finden dort dieselbe Begeisterung, der wir auch in dem Hymnus „Vexilla regis“ und in dem Hymnus des heiligen Chrisams begegnen. Es ist dieselbe Sprachweise, fest, kräftig, etwas hart; ebenso dieselbe Frömmigkeit und derselbe Reichthum an Bildern und Gefühl. Auch die Melodie ist mit dem Manuscripte bis auf uns gekommen. Sie athmet den Geist der Majestät und Salbung.

Osterlied in den Kirchen Galliens.

Sei gegrüßt, du festlicher Tag, für alle Zeiten ehrwürdig, an welchem der Gottmensch die Hölle besiegt und des Himmels Herrscher wird.

Siehe, die Freude der wiedergeborenen Welt bezeugt, daß mit dem Herrn Alles ihr wiedergegeben ist.

Sei gegrüßt, o festlicher Tag.

Christus, dem Sieger über das finstere Grab, jubelt entgegen der Wälder Grün, der Wiesen Blüthenschmuck.

Sei gegrüßt, o festlicher Tag.

Ihn, der das Gesetz des Todes vernichtet und über die Gestirne auffährt, loben als ihren Gott das Licht, der Himmel, die Gefilde, das Meer.

Sei gegrüßt, o festlicher Tag.

Siehe, der gekreuzigt war, herrscht allerwärts und alle Geschöpfe spenden dem Schöpfer Lob.

Sei gegrüßt, o festlicher Tag.

O Christus, Du Heil der Welt, Du gütiger Schöpfer und Erlöser; o eingeborener Sohn des göttlichen Vaters.

Sei gegrüßt, o festlicher Tag.

Da Du das Menschengeschlecht tief gesunken sahest, bist Du, um die Menschen zu retten, ebenfalls Mensch geworden.

Sei gegrüßt, o festlicher Tag.

Du wolltest nicht allein dem Leibe nach geboren werden, sondern auch sterben im Fleische, in welchem Du geboren wurdest.

Sei gegrüßt, o festlicher Tag.

Du duldest, daß man Dich zur Erde bestattet, Urheber des Lebens und Schöpfer des Erdkreises; Du betrittst des Todes Weg und gewährest uns die Hilfe deines Heils.

Sei gegrüßt, o festlicher Tag.

Die traurigen Bande des Todes haben aufgehört und der Abgrund erbebte, als der Glanz des Lichtes ihn durchdrang.

Sei gegrüßt, o festlicher Tag.

Es schwindet die Finsterniß, vom Lichte Christ verscheucht, und die dichten Schleier der ewigen Nacht fallen nieder.

Sei gegrüßt, o festlicher Tag.

Erfülle nun die gegebene Verheißung, o göttliche Allmacht; des dritten Tages Licht ist wiedergekehrt, erstehe, mein begrabener Heiland.

Sei gegrüßt, o festlicher Tag.

Es dürfen nicht in geringem Grabe deine Gebeine verborgen bleiben, damit nicht werthloses Gestein den Preis der Welt bedecke.

Sei gegrüßt, o festlicher Tag.

Nimm die Linnen weg, ich bitte, und laß im Grabe die Schweißtücher; nur Du allein genügest uns und ohne Dich ist Alles nichts.

Sei gegrüßt, o festlicher Tag.

Erlöse die gefangenen Seelen aus dem Kerker der Unterwelt und führe herauf, was in den Abgrund gefallen ist.

Sei gegrüßt, o festlicher Tag.

Gib uns wieder dein Antlitz, damit die Welt das Licht schaue; gib uns wieder den Tag, der bei deinem Tode von uns floh.

Sei gegrüßt, o festlicher Tag.

Du hast Alles treu erfüllt, o liebreicher Sieger, da Du wieder zur Erde emporstiegest; die Hölle liegt überwunden und ihre Rechte hat sie nicht mehr.

Sei gegrüßt, o festlicher Tag.

Unersättlich hat die Hölle ihren weiten Rachen geöffnet, und sie, die allzeit geraubt hat, wird deine Beute, o Gott.

Sei gegrüßt, o festlicher Tag.

Das Ungeheuer hat zitternd das verschlungene Volk zurückgegeben und aus dem Rachen des Wolfes hat das Lamm die Schafe gezogen.

Sei gegrüßt, o festlicher Tag.

Heilige König, sieh’, dein Triumph erstrahlet gar weit, da die heiligen Fluthen die reinen Seelen beglücken.

Sei gegrüßt, o festlicher Tag.

Eine weiße Schaar geht aus den reinen Wassern hervor und hat die alte Sündenmakel in der erneuerten Fluth abgewaschen.

Sei gegrüßt, o festlicher Tag.

Das weiße Gewand bezeichnet den Glanz ihrer Seelen und der gute Hirt freut sich der weißen Schaar.

Sei gegrüßt, o festlicher Tag, für alle Zeiten ehrwürdig, an welchem der Gottmensch die Hölle besiegt und des Himmels Herrscher wird.

Wenn alle Einleitungen zum Meßopfer getroffen, ertönt auf’s Neue die volle Stimme der Sänger. Sie singen den feierlichen Introitus, während dessen der Bischof, von Priestern, Diakonen und untergeordneteren Gehilfen geleitet, seine Schritte zum Altare lenkt. Der Introitus ist der Ruf des aus dem Grabe hervorgehenden Gottmenschen, der seinem himmlischen Vater die Huldigung des Dankes darbringt.

Introitus.

Ich steh’ auf und bin noch bei Dir, Alleluja; Du legtest auf mich deine Hand, Alleluja; wunderbar ist dein Wissen, Alleluja, Alleluja.

Herr, Du erforschest mich und kennest mich; Du kennest mein Sitzen und mein Aufstehen.

Ehre sei dem Vater etc.

Ich steh’ auf etc.

In der Collecte preist die Kirche die Wohlthat der Unsterblichkeit, welche dem Menschen durch den Sieg des Erlösers über den Tod zu Theil wurde; und sie bittet, daß Gott die Wünsche ihrer Kinder immer mehr und mehr auf diese erhabene Bestimmung hinlenke.

Collecte.

O Gott, welcher Du heute durch deinen Eingeborenen nach Besiegung des Todes uns das Himmelsthor wieder geöffnet hast, befördere und erfülle unsere Wünsche, welche deine zuvorkommende Gnade in uns erweckt. Durch eben denselben Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Epistel.

Lesung des Briefes des heiligen Apostels Paulus an die Corinther I. Cap. 5.

Brüder, feget aus den alten Sauerteig, damit ihr ein neuer Teig seid, wie ihr denn auch ungesäuert seid. Denn unser Osterlamm, Christus, ist geopfert. Lasset uns also Ostern halten nicht im alten Sauerteige, nicht im Sauerteige der Bosheit und Schalkheit, sondern im ungesäuerten Brode der Reinheit und Wahrheit.

Gott hatte den Israeliten befohlen, das Osterlamm mit ungesäuertem Brode zu essen, d. h. mit Brod ohne Sauerteig. Unter diesem Bilde will er sie belehren, daß sie, ehe sie dies geheimnißvolle Mahl zu sich nähmen, auf ihr seitheriges Leben verzichten müssen, dessen Unvollkommenheiten im Sauerteige angedeutet waren. Wir Christen werden nun zu dem neuen Leben durch Christus zugezogen; er hat uns dadurch, daß er als der Erste auferstand, den Weg dahin gebahnt. Wir müssen nun auch in demselben nach reinen Werken, nach heiligen Handlungen streben. Diese geistige Richtung ist für uns das ungesäuerte Brod zu dem göttlichen Osterlamm, welches heute unsere Speise werden soll.

Das Gradulae besteht aus den freudigen, dem 117. Psalm entnommenen Worten, welche die Kirche zu allen Stunden des Tages bei der Osterfeier wiederholt. Heute ist die Freude eine Pflicht für jeden Christen; Alles nöthigt uns dieselbe geradezu auf: sowohl der Triumph unseres heißgeliebten Erlösers, wie auch die großen Güter, welche er für uns erkämpft hat. Heute Trübsal zu empfinden, wäre eine sündhafte Verleugnung der Wohlthaten, womit Gott in seinem Sohne uns überhäuft hat; denn dieser hat sich nicht nur gewürdigt, für uns zu sterben, er wollte auch für uns auferstehen.

Graduale.

Das ist der Tag, den der Herr gemacht hat; laßt uns frohlocken und uns freuen an ihm.

Danket dem Herrn, denn er ist gut: denn in Ewigkeit währet seine Barmherzigkeit.

Der Versikel Alleluja führt uns ein Motiv an, welches heute unser Herz vor Freude beben lassen soll. Ein Festmahl ist für uns hergerichtet; das Lamm ist zubereitet. Dies Lamm ist der geopferte und von jetzt an lebendige Jesus: geopfert, damit wir durch sein Blut wieder erkauft wurden; lebendig, um uns der von ihm erkämpften Unsterblichkeit theilhaftig zu machen.

Alleluja, Alleluja!

V. Unser Osterlamm, Christus, ist geopfert.

Um die Freude der Gläubigen noch zu erhöhen, fügt die Kirche heute den gewöhnlichen Gesängen noch eine Sequenz bei, eine Dichtung, welche die lebendigste Begeisterung für den aus dem Grabe hervorgehenden Erlöser athmet. Sie ist, man möchte sagen, ein fortgesetztes Alleluja.

Sequenz.

Auf Christen, in fröhlichen Weisen
Des Osterlamms Ehre zu preisen!

Das Lamm hat errettet die Schafe:
Die Unschuld leidet die Strafe;
Versöhnt hat Christus die Sünder,
Mit ihrem Vater die Kinder.

Der Tod, das Leben, sie beide,
O Wunder! waren im Streite.
Des Lebens Führer gestorben,
Hat lebend die Herrschaft erworben.

Zum Grabe wolltest du gehen,
Maria; was hast du gesehen?

Das Grabmal schaute ich leere,
Des Auferstandenen Ehre.

Als Zeugen Engel am Rande,
Das Schweißtuch, Todtengewande.

Mein Hort, der Herr ist erstanden,
Befreit aus den finsteren Banden.
Vor euch sollt selber ihr sehen
Ihn in Galiläa hergehen.

Wir wissen, von Todesbanden
Ist herrlich der Heiland erstanden.
Siegreicher König, wir flehen:
Erbarm’ Dich, verzeih’ die Vergehen. Amen.

Alleluja.

Die Kirche entnimmt heute vor jedem anderen Evangelisten dem heiligen Markus die Erzählung der Auferstehung. Derselbe war bekanntlich ein Schüler des heiligen Petrus, und schrieb sein Evangelium in Rom unter den Augen des Apostelfürsten. Es schien daher angemessen, daß man bei einer solchen Feier gewissermaßen die Stimme dessen vernahm, den der wiederauferstandene Sohn Gottes als den Grundfelsen seiner Kirche und den Hirten der Schafe und Lämmer erklärte.

Evangelium.

Fortsetzung des heiligen Evangeliums nach Markus Cap. 16.

In jener Zeit kauften Maria Magdalena, Maria, des Jakobus Mutter, und Salome Spezereien, hinzugehen und Jesum zu salben. Und sie kamen am ersten Tage der Woche in aller Frühe zum Grabe, da die Sonne eben aufgegangen war. Und sie sprachen zu einander: „Wer wird uns wohl den Stein von der Thüre des Grabes wegwälzen?“ Als sie aber hinblickten, sahen sie, daß der Stein weggewälzt war. Er war nämlich sehr groß. Und da sie ins Grab hineingingen, sahen sie einen Jüngling zur Rechten sitzen, angethan mit einem weißen Kleide: und sie erschracken. Dieser aber sprach zu ihnen: „Fürchtet euch nicht, ihr suchet Jesum von Nazareth, den Gekreuzigten: er ist erstanden, er ist nicht hier; sehet den Ort, wo sie ihn hingelegt hatten. Gehet aber hin, saget seinen Jüngern und dem Petrus, daß er euch vorangehe nach Galiläa; daselbst werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.“

„Er ist auferstanden; er ist nicht hier!“ Ein Todter, den fromme Hände auf dieser Steintafel in der Grotte ausgestreckt, erhob er sich plötzlich, und ohne auch nur den Stein zu verrücken, der sein Grab schloß, schwang er sich zum Leben empor, das nun kein Ende mehr haben darf. Niemand hat ihm Hilfe geleistet; kein Prophet, kein göttlicher Bote hat sich über seinen Leichnam gebeugt, um das Leben in denselben zurückzurufen. Er selbst, in eigener Kraft, ist auferstanden. Für ihn ist der Tod keine Nothwendigkeit gewesen; er hat ihn über sich ergehen lassen, weil er es so gewollt; er hat seine Bande abgeschüttelt, als er es wollte. O Jesus, der Du des Todes spottetest, Du bist der Herr, unser Gott! Wir beugen das Knie vor diesem leeren Grab, das dein Aufenthalt während weniger Stunden für allezeit geheiligt hat. „Sehet den Ort, wo sie ihn hingelegt hatten!“ Da sind die Linnen, die Binden, die ihn nicht zurückhalten konnten, und die es bezeugen, daß Du freiwillig unter dem Joche des Todes hindurchschreiten wolltest.

Der Engel sagte noch weiter den Frauen: „Ihr suchet Jesum von Nazareth, den Gekreuzigten.“ Beweinenswerthes Gedächtniß! Vorgestern trug man seine entseelten, zerfleischten, blutigen Ueberreste hierher! Diese Grotte, deren Stein von der Hand des Engels gewaltsam weggeschleudert wurde, deren Inneres jetzt im Glanze des himmlischen Geistes strahlte, wölbte sich damals über einer trostlosen Mutter; in ihr ertönten die lauten Klagen des Johannes und der beiden Jünger, das Jammern Magdalenas und ihrer Gefährtinnen. Die Sonne verschwand am Himmel, und der erste Tag, da Jesus im Grabe lag, begann. Aber schon der Psalmist hatte vorhergesagt: „Am Abende kehrt Weinen ein, und am Morgen Freude [Psalm 29, 6].“ Wir sind jetzt an diesem glücklichen Morgen; und groß ist unsere Freude, o Erlöser; denn wir sehen, daß dasselbe Grab, wohin wir Dich mit heißem Schmerze geleiteten, nichts mehr ist, als ein Denkmal deines Sieges. Sie sind geheilt, diese heiligen Wunden, die wir voll Liebe küßten, während wir uns Vorwürfe machten, daß wir sie verursacht. Du selbst lebst glorreicher als je, unsterblich; und weil wir unseren Sünden sterben wollten, während Du starbst, um sie zu sühnen, wolltest Du, daß wir mit Dir ewig leben sollten, daß dein Sieg der unsere sei, daß der Tod für uns, wie für Dich, nur einen Uebergang bedeute, und daß er einst unberührt und strahlend den Leib uns zurückgebe, welchen das Grab nur als ein anvertrautes Pfand erhalten hat. Ehre sei Dir, Ehre und Liebe, o ewiger Sohn Gottes, der Du Dich gewürdigt hast, nicht nur für uns zu sterben, sondern auch für uns aus dem Grabe wieder aufzuerstehen!

Im Offertorium hören wir die Worte, in welchen David das Erdbeben vorher verkündigte, das den Augenblick der Auferstehung des Gottmenschen bezeichnete. Dieser Erdball ist Zeuge der erhabensten Offenbarungen über die Macht und Güte Gottes gewesen, und mehrfach hat der Schöpfer gewollt, daß er mit einem außerhalb der gewöhnlichen Gesetze stehenden Erdbeben die göttlichen Thaten begleite, deren Schauplatz er war.

Offertorium.

Die Erde zitterte und ward stille, als zum Gerichte Gott aufstand, Alleluja.

Das ganze heilige Volk will sich zum Ostermahle niederlassen. Das göttliche Lamm lädt alle Gläubigen ein, sich von seinem Fleische zu nähren; der Altar ist mit Hostien bedeckt, die ihm aufgeopfert worden sind, und die heilige Kirche erfleht im Stillgebet für die glücklichen Gäste die Gnaden, welche ihnen die glückselige Unsterblichkeit sichern, deren Unterpfand sie zu empfangen im Begriffe stehen.

Stillgebet.

Wir bitten Dich, o Herr, nimm an die Bitten deines Volkes nebst den Ofergaben, damit sie, geweiht durch die österlichen Geheimnisse, uns durch dein Walten zum Heilmittel für die Ewigkeit gereichen. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Im Mittelalter traten bei der päpstlichen Messe, während der Papst das Stillgebet verrichtete die beiden jüngsten Cardinaldiakonen aus den Reihen der Uebrigen hervor und stellten sich, mit weißen Dalmatiken angethan, rechts und links an dem äußersten Ende des Altares auf, indem sie das Gesicht dem Volke zukehrten. Sie stellten die beiden Engel dar, welche das Grab des Heilandes bewachten, und den heiligen Frauen erschienen, um ihnen die Auferstehung des Herrn zu verkünden. Die beiden Diakonen verharrten schweigend in ihrer Haltung bis zum Agnus Dei, da der Papst den Altar verließ, um seinen Thron zu besteigen, woselbst er die heilige Communion vollziehen mußte.

Zu Santa Maria Major beobachtete man noch einen anderen, nicht minder rührenden Gebrauch. Wenn nämlich der Papst, nachdem er die Hostie zerbrochen, sich an seine Umgebung wendete, um derselben mit den gewohnten Worten: Pax Domini sit semper vobiscum, den Frieden zu wünschen, antwortete der Chor nicht in der ebenfalls gewohnten Weise: Et cum spiritu tuo, sondern schwieg still. Die Ueberlieferung erzählt darüber, daß einmal der heilige Gregor der Große an demselben Festtage in derselben Kirche das heilige Meßopfer dargebracht. Wie er nun die Worte gesprochen, daß der Geist des Friedens über die Versammlung herabkommen möge, da habe ihm ein Chor von Engelsstimmen geantwortet, die so herrlich geklungen, daß die Stimmen der irdischen Sänger verstummten und nicht wagten, sich mit den himmlischen Lauten zu vermischen. Im folgenden Jahre habe man nun abermals nicht gewagt, zu antworten, sondern gewartet, ob nicht auf’s Neue die Engelsstimmen ertönten. Dies Harren dauerte mehrere Jahrhunderte hindurch; aber das Wunder, durch welches Gott einmal seinen Diener Gregor auszeichnete, erneuerte sich nicht wieder.

Endlich ist der Augenblick gekommen, an welchem die Menge der Gläubigen am göttlichen Mahle Theil nehmen soll. Die alte gallische Kirche richtete vorher noch einen erhabenen Aufruf an die nach dem Brode des Lebens verlangende Menge. Diese Antiphon voll lyrischen Schwunges erhielt sich in den Hauptkirchen des Frankenreiches auch, nachdem die römische Liturgie von Pipin und Karl dem Großen eingeführt worden, und kam erst in Folge der Neuerungen des letzten Jahrhunderts völlig in Abgang. Die ihn begleitende Weise athmet die Majestät der Geheimnisse: wir können nur den Text geben, und wir thun dies, damit die Gläubigen noch mit desto größerer Ehrfurcht sich dem heiligen Tische nahen, auf welchem das göttliche Osterlamm bereit ist, sich ihnen hinzugeben.

Aufruf an das Volk vor der Communion.

Kommt, ihr Völker, zum heiligen und unsterblichen Geheimnisse und zur Feier des Opfers.

In Furcht und Glaube laßt uns hinzutreten mit reinen Händen und an der Frucht der Sühne theilnehmen; denn das Lamm Gottes ist wegen unser als Opfer dem himmlischen Vater dargestellt.

Ihn allein laßt uns anbeten, ihn verherrlichen, und mit den Engeln laßt uns rufen: Alleluja.

Während die heilige Speise vertheilt wird, preist die Kirche in der Antiphon zur Communion das wahre Osterlamm, dessen mystische Opferung auf dem Altare stattgefunden. Dieses Osterlamm verlangt von denen, die sich von ihm nähren, ein reines Herz, wie solches bildlich in dem ungesäuerten Brode dargestellt ist, unter dessen Gestalt es sich verschleiert.

Communion.

Unser Osterlamm, Christus, ist geopfert, Alleluja; lasset uns also Ostern halten im ungesäuerten Brode der Reinheit und Wahrheit, Alleluja, Alleluja, Alleluja.

Das letzte Gebet der Kirche für ihr Volk, das eben die göttliche Speise erhalten, erfleht für alle Theilnehmer des heiligen Mahles den Geist der Bruderliebe, der zugleich der Ostergeist ist. Als der Sohn Gottes durch die Menschwerdung unsere Natur annahm, machte er uns zu seinen Brüdern; als er für uns Alle sein Blut am Kreuze vergoß, einigte er uns durch das Band der Erlösung, und da er heute auferstand, einigte er uns auch in der Unsterblichkeit.

Postcommunio.

O Herr, gieß’ ein in uns den Geist deiner Liebe, damit Du Diejenigen, welche Du mit den österlichen Sakramenten gesättigt hast, durch deine Milde Eins in Eintracht machest. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Nach dem Segen entfernt sich die Menge, Gott preisend, bis die feierliche Vesper mit ihrer ungewohnten Prachtentfaltung sie wieder zusammenführt.

In Rom steigt der Papst von seinem Throne herab und nimmt, die dreifache Krone auf dem Haupte, auf seinem Tragsessel, der sogenannten Sedia gestatoria, Platz. So wird er auf den Schultern von Dienern des Palastes nach dem großen Schiffe getragen. An einer bezeichneten Stelle steigt er herab, und kniet demüthig nieder. In diesem Augenblicke zeigen von der Höhe der Kuppeltribünen Priester, die mit der Stola bekleidet sind, dem Papste und dem Volke das heilige Kreuzesholz und das Schweißtuch der Veronika, auf welchem die entstellten Züge des nach dem Calvarienberge ziehenden Heilandes sich abdrückten. Diese Erinnerung an die Schmerzen und Demüthigungen des Gottmenschen, in dem Augenblicke, wo sein Sieg über den Tod mit solchem Glanze verkündet worden, läßt die Herrlichkeit und Macht des Auferstandenen in einem desto helleren Lichte erscheinen, und erweckt in der Brust eines Jeden den Gedanken an die Liebe und Treue, womit er seine zu unserem Heile übernommene Mission ausführte. Sagt er ja doch selbst heute den Jüngern zu Emaus: „Mußte nicht Christus dies leiden und so in seine Herrlichkeit eingehen [Luk. 24, 26]?“ In der Person ihres erhabenen Hauptes zollt die ganze Christenheit in diesem Augenblicke diesen Leiden und dieser Herrlichkeit die ihnen gebührende Huldigung. Nach dieser demüthigen Verehrung empfängt der Papst auf’s Neue die dreifache Krone, besteigt die Sedia wieder und wird dann nach der Loggia getragen, von wo aus er dem aus allen Theilen der Welt auf dem Petersplatze zusammengeströmten christlichen Volke den päpstlichen Segen unter demselben großartigen Ceremoniell ertheilt, wie wir dies am Gründonnerstage beschrieben haben [Seit dem Einzuge der Piemontesen in Rom unterbleibt die Spendung des Segens.].

Als der Papst noch im Lateran wohnte, und die österlichen Funktionen in der Basilika Santa Maria Major vollzog, begab er sich zu Pferde nach dieser Kirche. Er ritt dabei einen Zelter, der eine weiße Decke trug. Der Papst selbst war im Pluviale und hatte die Tiara auf dem Haupte. Nachdem er von der Messe zurückgekehrt, begab er sich in einen Festsaal, das sogenannte Triclinium leonianum, eine weite, von dem heiligen Leo III. erbaute Halle, mit prachtvollen Mosaiken, die Bilder Christi, des heiligen Petrus, Constantin’s und Karl’s des Großen darstellend. Dort war eine Tafel hergerichtet, an welcher neben dem Papste fünf Cardinäle, fünf Diakonen und der Kapitelälteste der Lateranensischen Basilika als geladene Gäste Platz nahmen. In der Nähe des päpstlichen Tisches stand noch ein zwölfter Schemel, welcher für den sogenannten Basilicarius [Basilicarius, Bezeichnung für die Diener des Papstes oder Bischofs in den Basiliken.] bestimmt war. Die Diener brachten alsdann das gebratene Osterlamm auf einer großen Platte. Der Papst segnete die Speise, deren Natur andeutete, daß das strenge Abstinenzgesetz seine Giltigkeit verloren hatte. Dann zerlegte er selbst das Lamm, und ließ den Gästen ihren Antheil an der Fleischnahrung auftragen. Vorher aber schnitt er ein Stück ab, das er in den Mund des Basilicarius legte, dessen Platz, etwas abseits, gerade nicht als ein Ehrenplatz betrachtet werden konnte. Außerdem wurde diese Speisereichung mit Worten begleitet, welche sehr hart klingen würden, wenn nicht ein Beisatz die darin enthaltene Anspielung auf den Verräther Judas wieder berichtigte. Der Papst sprach nämlich: „Was du thun willst, thue rasch; aber dies Wort, das zur Verdammniß gesprochen wurde, richte ich an Dich zur Nachlassung.“ Eine ernste und milde Freude herrschte bei diesem Festmahle, das ohne Lesung begonnen wurde. Aber während es im Gange war, gab der Archidiakon ein Zeichen, worauf ein Diakon vortrat und eine Zeitlang eine Betrachtung oder Derartiges las. Dann wurden die Sänger der Curie eingeführt, und trugen nach streng römischer Weise eine jener schönen Sequenzen vor, die so reichlich zu Gebote standen. Der Papst selbst bezeichnete diejenige, die er hören wollte. Dann wurden die Vortragenden zum Fußkusse zugelassen, und der Papst füllte Jedem ein Glas Wein von seinem Tische bis zum Rande. Dann empfing noch Jeder als Belohnung einen Byzantiner-Thaler aus den Händen des Schatzmeisters.

Solcher Art waren die naiven Sitten des Mittelalters; aber der Gebrauch, am Ostertage das Fleisch eines Lammes segnen zu lassen und dasselbe zu genießen, hat sich bis auf unsere Tage in den Gegenden erhalten, wo das Fastengebot gegenüber der von Jahr zu Jahr mehr um sich greifenden beklagenswerthen Erschlaffung seine Strenge bewahrt hat. An anderen Orten würde es in der That kaum erklärlich sein, wenn man im Triumph ein Gericht auf den Tisch bringen wollte, das kaum einige Tage von demselben verbannt war. Nichtsdestoweniger wollen wir hier als Ergänzung der österlichen Riten das Gebet anführen, dessen sich die Kirche bei der Segnung des Osterlammes bediente. Der fromme Gläubige wird gerne die alte Formel lesen, welche uns in eine andere Zeit versetzt. Er wird dann Gott um die Rückkehr dieser Einfalt und dieses in’s Leben greifenden Glaubens bitten, welche selbst geringfügigen Vorfällen im Leben unserer Vorfahren einen so tiefen Sinn und eine so festgegründete Größe verliehen.

Segnung des Osterlammes.

O Gott, der Du durch deinen Diener Moses bei der Befreiung deines Volkes aus Aegypten geboten hast, daß ein Lamm getödted werde als Vorbild Jesu Christi, unseres Herrn, und der Du die Vorschrift gabst, daß die beiden Thürpfosten der Häuser mit dem Blute dieses Lammes bestrichen werden sollten, segne und weihe dieses Geschöpf aus Fleisch, welches wir, deine Diener, zu deinem Lobe genießen wollen, – durch die Auferstehung desselben Jesu Christi, unseres Herrn, der mit Dir lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Das Fleisch der Thiere ist nicht das einzige Gericht, welches das Fastengebot dem Christen untersagt. Ebenso verbietet das Gesetz auch den Gebrauch der Eier, weil dieselben ebenfalls thierische Nahrung sind. Diese Vorschrift ist immer noch in Kraft; und es ist daher jedes Jahr eine Dispens nöthig, die dann mehr oder minder weit gefaßt ist, um den Gebrauch solcher Nahrungsmittel zu gestatten, welche von den ersten Zeiten an während der heiligen vierzigtägigen Fastenzeit verboten waren. Im Orient haben die Kirchen ihre alte Disciplin besser bewahrt, und man kennt dort derartige Dispensen nicht. In der kindlichen Freude, welche sie darüber empfanden, daß ihnen auf’s Neue ein Nahrungsmittel gestattet war, dessen Entbehrung ihnen durchaus nicht leicht fiel, haben die Gläubigen der Kirche den Wunsch ausgedrückt, daß sie auch die ersten Eier segne, welche auf den Ostertisch kamen, und diesem Verlangen hat die Kirche mit folgendem Gebet entsprochen.

Segnung der Ostereier.

Die Gnade deines Segens, wir bitten Dich, o Herr, komme über diese Eier, deren Schöpfer Du bist, daß sie seien eine heilsame Speise für deine Gläubigen, welche sie mit Danksagung genießen werden, – durch die Auferstehung Jesu Christi, unseres Herrn, der mit Dir lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Möge denn das Osterfest, geweiht durch die Kirche, unsere Mutter, uns Freude bringen! Möge sie durch ihre heilige Freiheit die Freude dieses großen Festes noch vermehren! Religiöse Feste sollen bei den Christen Familienfeste sein; aber in dem ganzen Kirchenjahr kann sich keines mit diesem vergleichen, das wir so lange, in solcher Trübsal erwartet, und welches uns die Barmherzigkeit des verzeihenden Herrn in demselben Augenblicke mit der Hoffnung auf die Unsterblichkeit gebracht hat.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Siebenter Band: Die österliche Zeit; Mainz 1878; S. 183-205]

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