Dom Guéranger zum Sonntag Quasimodo (1/3)

Der Sonntag Quasimodo.

[…]

Gestern haben wir unsere Neophyten ihre Auferstehungsoctave schließen sehen. Vor uns nahmen sie an dem wunderbaren Geheimniß der Auferstehung Christi Theil; und vor uns mußten sie auch ihr Fest vollenden. Für uns, die wir die Feier jenes Geheimnisses nicht auf den Abend des Samstags verschoben, ist heute der achte Tag seit Ostersonntag. Wir finden darum im heutigen Sonntag die Spuren aller Freude und Größe dieses einzigen festlichen Sonntags wieder, welcher die ganze Christenheit mit demselben Gefühle des Triumphes durchdrang. Es ist der Tag des Lichtes, der für allezeit den alten Sabbat verdrängt; von nun an ist der erste Tag der Woche der heilige Tag, dem der Sohn Gottes zweimal den Stempel seiner Allmacht aufgedrückt. Ostern wird demnach stets an einem Sonntage gefeiert, und wie wir dies oben in der Mystik der österlichen Zeit auseinander gesetzt, wird jeder Sonntag einen österlichen Charakter an sich tragen.

So wollte der wiedererstandene Heiland dies Geheimniß von seiner Kirche aufgefaßt haben; und darum wartete er bis zum folgenden Sonntage, bevor er sich seinen versammelten Jüngern zum zweiten Male zeigte. Während der ganzen Woche ließ er Thomas eine Beute seines Zweifels sein. Erst heute wollte er ihm dadurch zu Hilfe kommen, daß er sich diesem Apostel in Gegenwart der Anderen offenbarte und ihn zwang, seine Ungläubigkeit vor der handgreiflichsten Thatsache abzulegen. So erhält der Sonntag heute von Seite Christi noch einen letzten Anspruch auf besondere Herrlichkeit, bis der Heilige Geist vom Himmel kommt, ihn mit Flammenzungen erleuchtet, und darauf diesen schon so hoch begünstigten Tag noch zum Gründungstage der christlichen Kirche erhebt.

Die Erscheinung des Heilands vor der kleinen Schaar der Elfe und der Sieg, den er über den Unglauben eines Jüngers errang, bilden heute den besonderen Gegenstand der gottesdienstlichen Lesungen der heiligen Kirche. Diese Erscheinung, welche sich an die vorhergehende anschließt, ist die siebente. Mit dieser Erscheinung schwindet der letzte Zweifel. Jetzt ist der Glaube der Jünger an Jesus ein vollständiger. Die Würde, die Geduld, die Milde des Heilands während dieses ganzen Auftrittes ist ein neues Zeugniß seiner Gottheit. Unsere menschlichen Gedanken können es nicht fassen, wenn wir sehen, wie Christus dem Ungläubigen Zeit läßt; wir meinen da gleich, er müsse entweder die Verblendung des Unglücklichen sofort aufklären, oder aber den verwegenen Zweifler züchtigen. Aber Jesus ist die unendliche Weisheit, er ist die unendliche Güte. In seiner Weisheit stellt er durch alle die Einzelheiten, welche der Auftritt mit sich führte, einen neuen geradezu unwiderlegbaren Beweis der Wirklichkeit seiner Auferstehung her. In seiner Güte weiß er es so zu leiten, daß der ungläubige Jünger aus vollem Herzen seinen Zweifel durch ein erhabenes Bekenntniß seiner Reue, seiner Demuth und seiner Liebe wieder sühnt. Wir wollen hier an dieser Stelle den Auftritt nicht beschreiben, welchen die Erzählung des Evangeliums so wunderbar schön schildert; die heilige Kirche liest ja diese Erzählung alsbald vor. Wir wollen uns hier darauf beschränken, dem frommen Leser die Lehre zu entwickeln, welche Jesus heute dem heiligen Thomas und in seiner Person uns Allen gibt. Das ist gerade die Unterweisung, welche wir dem Sonntag der Osteroctav verdanken; es ist wichtig für uns, daß wir sie nicht vernachlässigen; denn sie offenbart uns, wie wenig andere, den wahren Sinn des Christenthums, sie gibt uns Klarheit über die Ursache unserer Schwächen und über das Heilmittel in unserem Kränkeln.

Jesus sagte dem Thomas: „Weil du mich gesehen hast, Thomas, hast du geglaubt; selig sind, die nicht gesehen und doch geglaubt haben!“ Das sind Worte voll göttlicher Autorität, ein heilsamer Wink nicht bloß für Thomas, sondern für alle Menschen, welche zu Gott in Beziehung treten und ihre Seele retten wollen. Was wollte denn eigentlich Jesus von seinem Jünger? Hatte derselbe nicht eben laut den Glauben bekannt, der von nun an unerschüttert bei ihm stehen wird? Lud denn Thomas wirklich eine so schwere Schuld auf sich, als er verlangte, daß er sich persönlich überzeugen müsse, ehe er ein so erstaunliches Wunder annehme? Mußte er sich denn, um seinen Herrn nicht zu beleidigen, auf Petrus und die Anderen berufen? War es nicht vielmehr ein Beweis der Klugheit, wenn er seine Ueberzeugung so lange nicht endgiltig feststellte, als ihm nicht die triftigsten Beweise dafür geliefert wurden, daß sich die Thatsache auch so verhielt, wie seine Brüder es ihm erzählten? Ja, Thomas war ein weiser Mann, ein kluger Mann, der nicht übermäßiges Vertrauen schenkte. Er war würdig, vielen Christen, welche denken und urtheilen wie er, zum Muster zu dienen! Wie beschämend ist aber gleichwohl in seiner zum Herzen dringenden Sanftmuth der Vorwurf Jesu! Er gibt sich mit einer unerklärlichen Willfährigkeit dem geradezu maßlosen Verlangen des Apostels hin, und als dieser nun zitternd vor dem nun klar erkannten göttlichen Charakter des Auferstandenen, bis in das Herz bewegt, ausrief: „Mein Herr und mein Gott!“ da erließ ihm Jesus die Lehre nicht, die er verdient hatte. Diese Verhärtung, diese Ungläubigkeit bedurfte einer Züchtigung, und dieselbe bestand darin, daß der Jünger aus dem Munde Jesu die Worte hören mußte: „Du hast geglaubt, Thomas, weil du mich gesehen hast!“

Aber war denn Thomas wirklich verpflichtet zu glauben, bevor er gesehen hatte? – Und wer möchte daran zweifeln? Nicht nur Thomas, sondern alle Apostel waren gehalten, an die Auferstehung ihres Herrn zu glauben, bevor noch derselbe ihnen erschienen war. Waren sie nicht drei Jahre lang seine Gefährten gewesen? Hatten sie nicht die auffälligsten Wunder gesehen, die ihn als den Messias und den Sohn Gottes beglaubigten? Hatte er ihnen nicht seine Auferstehung am dritten Tage nach seinem Tode vorausgesagt? Und was die Demüthigung und die Schmerzen seines bitteren Leidens betrifft, hatte er ihnen da nicht vor Kurzem erst auf dem Wege nach Jerusalem gesagt, daß er jetzt von den Juden ergriffen, den Heiden überliefert, gegeißelt, angespieen und getödtet würde [Luk. 18, 32. 33]?

Offenen Herzen, die überhaupt geneigt gewesen wären, zu glauben, hätte es da keine größere Mühe gekostet, zu glauben, wenn das erste Gerücht über das Verschwinden des Leibes Christi an ihr Ohr gedrungen. Johannes war eine solche Natur. Er trat nur in das Grab, sah die Linnen und alsbald begriff er Alles; er begann zu glauben. Aber der Mensch ist selten so aufrichtig. Er bleibt auf halbem Wege stehen, als ob er Gott verpflichten wollte, ihm nochmals ein wenig entgegen zu kommen. Und Jesus beweist ihm ein solches weiteres Entgegenkommen. Er zeigte sich Magdalenen und ihren Genossinnnen, die eigentlich nicht ungläubig waren; aber in der Aufregung einer von irdischen Schlacken noch nicht vollständig gereinigten Liebe, in dem dadurch hervorgerufenen ungeheuren Schmerze war ihnen Alles aus dem Gedächtniß gekommen. Die Apostel in ihrer Gesammtheit waren schon viel ungläubiger; ihrer Ansicht nach war das Zeugniß weiter nichts, als das Gerede einiger Frauen, die ihre Einbildung verwirrt gemacht hatte. Jesus mußte selbst kommen, er mußte sich in Person diesen widerspenstischen Männern zeigen, deren Hochmuth eine ganze Vergangenheit, die ihnen mehr als genügend sein mußte, um die Gegenwart zu erklären. Wir sagen wohlbedacht: „Hochmuth.“ Denn der Glaube hat kein anderes Hinderniß, als dieses Laster. Wäre der Mensch wirklich von Herzen demüthig, sein Glaube würde zu einer Kraft und Größe emporwachsen, daß er Berge versetzen könnte.

Thomas hat nun Magdalena gehört und ihr Zeugniß mißachtet; er vernahm Petrus und auch seine Autorität hat er abgelehnt; endlich hörte er seine übrigen Brüder, selbst die Jünger von Emmaus, und Allem gegenüber blieb er taub; er wollte sich auf Nichts verlassen, als auf das Zeugniß seiner eigenen Sinne; und selbst da wollte er nicht einmal seinen Augen trauen; seine Finger wollte er erst in die Wundmale legen, ehe er glaube. Sonst hat das Wort eines Anderen, wenn es ernst gemeint, er selbst ein glaubwürdiger Mann und bei seiner Aussage weiter kein eigenes persönliches Interesse im Spiele ist, die Wirkung, daß es bei einem vernünftigen Menschen Glauben findet. Aber sobald es etwas Uebernatürliches bezeugen soll, geht bei vielen Leuten diese Wirkung verloren. Es ist das eine tiefe Wunde, welche die Sünde unserer Natur geschlagen hat. Nur zu häufig geht es uns wie Thomas: wir möchten statt zu glauben, selbst die betreffenden Erfahrungen machen, und dieser geheime Wunsch genügt schon, um uns der Fülle des Lichtes zu berauben. Wir trösten uns freilich mit Thomas, der trotz seines tiefgehenden Zweifels immer noch ein Jünger Christi blieb; denn er hatte ja mit seinen Brüdern, den übrigen Aposteln, nicht gebrochen; nur empfand er nicht ein gleiches Glück wie sie, die bereits glaubten. Dies Glück, dessen Zeuge er war, erweckte in ihm nur ein gewisses Gefühl des Mitleids und das Bewußtsein, daß er die Freude der Apostel nicht zu theilen vermöge.

Später wurde der Apostel Thomas gerade so gläubig, wie die Anderen; er hat mit demselben Eifer, wie sie, das Evangelium den Völkern gepredigt und schließlich wie seine Brüder seinen Glauben mit seinem Blute besiegelt. Aber in diesem Augenblick, wo der Zweifel in ankränkelte, wo er in kalter Berechnung die triftigsten, handgreiflichsten Beweise suchte, um glauben zu können, ist er gewisser Maßen das Musterbild jener in unserer Zeit leider so häufigen Christen, welche vom Rationalismus angefressen sind. Wohl glaubt ein solcher Christ, aber nur, weil seine Vernunft ihn zu glauben nöthigt; er glaubt mit dem Verstande, nicht mit dem Herzen. Sein Glaube ist ein wissenschaftlich begründeter Kettenschluß, nicht ein Sehnen nach Gott und dem übernatürlichen Leben. Wie kalt, wie ohnmächtig ist dieser Glaube! Er schränkt sich auf das Aeußerste ein und fürchtet, sich etwas dadurch zu vergeben, daß er zu viel glaubt! Wenn man sieht, wie er sich zufrieden darein ergibt, daß die Wahrheit sich mindert [Psalm 11, 2] unter der Last einer trügerischen Vernunft, statt daß er mit entfalteten Flügeln, wie der Glaube der Heiligen, zum Höchsten sich aufschwingt, möchte man fast sagen, daß dieser Glaube sich seiner selbst schäme. Er tritt leise auf, er fürchtet, sich lächerlich zu machen; und wenn er sich zeigt, wagt er dies nur unter dem Ceckmantel menschlicher Gedanken, welche ihm für die Welt als Geleitsbrief dienen. Ein solcher Mann wird sich um eines Wunders willen nie dem Gespötte aussetzen; denn er hält die Wunder für unnütz und würde Gott nie gerathen haben, solche zu wirken. Vor den Wundern der Vergangenheit wie der Gegenwart empfindet er einen wahren Schrecken, und es kostet ihm genug Mühe, an diejenigen zu glauben, die er unbedingt annehmen muß. Das Leben der Heiligen, ihre Heldentugenden, ihre erhabene Aufopferung, erfüllen ihn mit Unruhe. Jedes thatkräftige Eingreifen des Christenthums in die Gesellschaft, in die Gesetzgebung, scheint ihm die Rechte derer zu verletzen, die an seine Wahrheiten nicht glauben. Auch dem Irrthum, auch dem Bösen soll freier Spielraum vorbehalten bleiben, und dabei gewahrt er nicht einmal, wie jeder Fortschritt der Welt gehemmt ist, seitdem Jesus Christus nicht mehr als König auf Erden anerkannt wird.

Für diese nun, deren Glaube so schwach ist und so nahe an den Rationalismus streift, fügt Jesus den vorwurfsvollen Worten, die er an Thomas richtete, noch den weiteren Satz bei, welcher nicht blos den Apostel, sondern die Menschen aller Zeiten angeht: „Selig sind, die nicht gesehen und doch geglaubt haben.“ Thomas sündigte, weil er nicht bereitwillig im Glauben war. Wir würden uns ebenfalls einer Sünde gleich ihm aussetzen, wenn wir nicht Sorge trügen, daß der Glaube unser ganzes Wesen erfülle. Er muß Allem beigemischt sein; so nur lohnt ihn Gott mit ganzen Fluthwellen von Licht, so nur kann er das Herz erwärmen und mit Freude erfüllen. Sind wir einmal als Glieder in die Kirche eingetreten, dann haben wir auch die Pflicht, Alles vom übernatürlichen Gesichtspunkte aus zu betrachten. Wir brauchen nicht zu fürchten, daß uns dieser Gesichtspunkt zu weit führe. Denn wir haben in der Kirche eine heilige Autorität, deren Unterweisungen uns stets im richtigen Geleise erhalten. Aber „der Gerechte lebt aus dem Glauben [Röm. 1, 17];“ darin liegt seine beständige Nahrung. Das natürliche Leben ist in ihm umgewandelt, so lange er seinem Taufgelübde treu bleibt. Bedenken wir doch! Hätte wohl die Kirche bei der Unterweisung ihrer Neophyten eine so große Sorgfalt darauf verwendet, sie durch so mannigfache Gebräuche und Uebungen in die Gedanken und Gefühle des übernatürlichen Lebens einzuführen, wenn sie dieselben einen Tag später jenem gefährlichen System hätte preisgeben wollen, das den Glauben in irgend einen Winkel des Verstandes, des Herzens oder des täglichen Lebens zurück drängt, damit nur der natürliche Mensch in seinem Handeln desto ungebundener sei? Nein, das ist gewiß nicht der Fall. Erkennen wir also unseren Irrthum, wie Thomas; bekennen wir mit ihm, daß bis hierher unser Glaube kein vollkommener gewesen. Sprechen wir, wie er, zu Jesus: „Mein Herr und mein Gott! Ich habe oft gedacht und gethan, als ob Du nicht in Allem mein Herr und mein Gott seiest; von nun an will ich glauben, ohne gesehen zu haben; denn ich will zu Denen gehören, die Du selig gepriesen hast.“

Gewöhnlich wird dieser Sonntag der Sonntag Quasimodo genannt; er heißt jedoch auch der Sonntag in albis, der Sonntag in weißen Kleidern, der weiße Sonntag; jedoch wird darunter nicht verstanden, als ob man an diesem Sonntag in weißen Kleidern erschiene, sondern gerade das Gegentheil; denn genauer heißt er in albis depositis, in abgelegten weißen Kleidern, weil an diesem Tage die Neophyten wiederum zum ersten Male in ihren gewöhnlichen Kleidern erschienen; daß also bei uns an diesem Tage fast allenthalben die Kinder zur ersten heiligen Communion gehen und die Mädchen dabei in weißen Kleidern erscheinen, ist ein rein zufälliges Zusammentreffen und steht mit dem Namen „Weißer Sonntag“ in keiner Beziehung. Im Mittelalter nannte man ihn auch „Schlußostern,“ weil mit diesem Tage die Osteroctave schließt. Dieser Sonntag wird in der Kirche so hehr gehalten, daß derselbe nicht nur duplex ist, sondern überhaupt keinem Feste weicht, mag dasselbe sein, welches es wolle.

In Rom ist die Station in der Basilika des heiligen Pancratius an der Via Aurelia. Wir haben keine Nachrichten darüber, warum gerade diese Kirche gewählt wurde, um die Gläubigen an diesem Tage zu vereinigen. Vielleicht ist es das jugendliche Alter des Martyrers, dem sie geweiht. Derselbe zählte erst vierzehn Jahre, und dieser Umstand steht in gewissen Beziehungen zu der Jugend der Neophyten, welche letzteren ja auch heute noch ein Gegenstand der Muttersorge für die Kirche sind.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Siebenter Band: Die österliche Zeit; Mainz 1878; S. 385-395]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s