Dom Guéranger zum Sonntag Quasimodo (2/3)

Die Messe.

Der Introitus führt die lieblichen Worte des heiligen Petrus in der gestrigen Epistel an, die er an die Neugetauften richtet. Sie sind die zarten Kinder, welche begierig an der Brust der heiligen Kirche die geistige Milch des Glaubens trinken; und diese Milch wird sie stark machen und treu.

Introitus.

Seid als neugeborene Kinder, Alleluja, begierig nach der geistigen, unverfälschten Milch, Alleluja, Alleluja, Alleluja.

Frohlocket Gott, unserem Helfer, frohlocket dem Gott Jakobs.

Ehre sei dem Vater.

Seid als neugeborene etc.

An diesem letzten Tage einer so hochfestlichen Octave nimmt die Kirche in der Collecte gewisser Maßen Abschied von den eben vollendeten Feierlichkeiten, und bittet Gott, daß der unendlich erhabene Gegenstand derselben in dem Leben und den Sitten ihrer Kinder sich auspräge.

Collecte.

Wir bitten Dich, verleihe uns, o allmächtiger Gott, daß wir, die wir die Osterfeier vollendet haben, dieselbe durch deine Gnade in unseren Sitten und unserem Leben festhalten. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Epistel.

Lesung aus dem ersten Briefe des heiligen Apostels Johannes Cap. 5.

Geliebteste, Alles, was aus Gott geboren ist, überwindet die Welt; und das ist der Sieg, welcher die Welt überwindet, unser Glaube. Wer ist es, der die Welt überwindet, als der, welcher glaubt, daß Jesus der Sohn Gottes ist? Dieser ist es, der durch Wasser und Blut gekommen ist, Jesus Christus, nicht durch das Wasser allein, sondern durch das Wasser und durch das Blut. Und der Geist bezeuget, daß Christus die Wahrheit ist. Denn Drei sind, die Zeugniß geben im Himmel: der Vater, das Wort und der Heilige Geist, und diese Drei sind Eins. Und Drei sind, die Zeugniß geben auf Erden: der Geist und das Wasser und das Blut, und diese Drei sind Eins. Wenn wir der Menschen Zeugniß annehmen, so ist das Zeugniß Gottes größer; dies aber ist das Zeugniß Gottes, welches größer ist, daß er von seinem Sohne bezeugt hat. Wer an den Sohn Gottes glaubt, der hat Gottes Zeugniß in sich.

Der heilige Apostel Johannes preist in dieser Stelle das Verdienst und die Vortheile des Glaubens. Er stellt uns denselben als einen Sieg dar, welcher die Welt unter unsere Füße legt, und zwar nicht blos die Welt, welche uns umgibt, sondern auch die Welt in unserer eigenen Brust. Der Grund, warum die Kirche gerade diesen Text aus dem heiligen Johannes zur heutigen Lesung auswählt, ist leicht begreiflich, wenn wir im Evangelium dieses Sonntags hören, wie Christus selbst den Glauben empfiehlt. „An Jesus Christus glauben,“ so sagt uns der Apostel, „das heißt die Welt überwinden.“ Der hat also nicht einen wahrhaften Glauben, welcher denselben dem Joche der Welt unterwirft. Wir wollen aufrichtigen Herzens glauben, wir wollen uns glücklich fühlen, wie Kinder, gegenüber der göttlichen Wahrheit, und allezeit bereit sein, das Zeugniß Gottes liebevoll aufzunehmen. Dies göttliche Zeugniß wird in uns einen um so lebhafteren Widerhall finden, je sehnlicher wir verlangen, es immer mehr und mehr zu hören. Johannes sah die Binden und Linnen, in welche der Körper seines Herrn eingewickelt war und glaubte; Thomas hatte mehr als Johannes, er hatte das Zeugniß der Apostel, welche Jesum bereits gesehen hatten, und glaubte nicht. Er hatte damals noch nicht die Welt überwunden; denn der Glaube war noch nicht in ihm.

Die beiden Alleluja-Versikel sind Stellen aus der heiligen Schrift, welche zu der Auferstehung in Beziehung stehen. Der letztere namentlich ist der Schilderung des heute im Abendmahlsaale stattgehabten Auftrittes entnommen.

Alleluja, Alleluja.

„Am Tage meiner Auferstehung, spricht der Herr, werde ich euch nach Galiläa vorangehen,“ Alleluja.

Nach acht Tagen, da die Thüren verschlossen waren, stand Jesus in der Mitte seiner Jünger und sprach: „Der Friede sei mit euch!“ Alleluja.

Evangelium.

Fortsetzung des heiligen Evangeliums nach Johannes Cap. 20.

In jener Zeit, als es an demselben Tage, am ersten nach dem Sabbate, Abend war, und die Thüren des Orts, wo die Jünger sich versammelt hatten, aus Furcht vor den Juden verschlossen waren, kam Jesus, stand in ihrer Mitte und sprach zu ihnen: „Friede sei mit euch.“ Und als er dieses gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und die Seite. Da freuten sich die Jünger, daß sie den Herrn sahen. Er sprach abermal zu ihnen: „Friede sei mit euch. Wie mich der Vater gesendet hat, so sende auch ich euch.“ Da er dies gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: „Empfanget den Heiligen Geist, welchen ihr die Sünden nachlassen werdet, denen sind sie nachgelassen; und welchen ihr sie behalten werdet, denen sind sie behalten.“ Thomas aber, einer von den Zwölfen, der Zwilling genannt, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Darum sprachen die andern Jünger zu ihm: „Wir haben den Herrn gesehen.“ Er aber sagte zu ihnen: „Wenn ich nicht an seinen Händen das Mal der Nägel sehe, und meine Finger in den Ort der Nägel, und meine Hand in seine Seite lege, so glaube ich nicht.“ Und nach acht Tagen waren seine Jünger wieder darin, und Thomas mit ihnen. Da kam Jesus bei verschlossenen Thüren, stand in ihrer Mitte und sprach: „Friede sei mit euch.“ Dann sagte er zu Thomas: „Lege deinen Finger herein und siehe meine Hände und reiche her deine Hand und lege sie in meine Seite; und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!“ Thomas antwortete und sprach zu ihm: „Mein herr und mein Gott!“ Jesus sprach zu ihm: „Weil du mich gesehen hast, Thomas, hast du geglaubt; selig, die nicht sehen und doch glauben! Jesus hat zwar noch viele andere Zeichen vor den Augen seiner Jünger gethan, welche nicht in diesem Buche geschrieben sind. Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubet, Jesus sei Christus, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habet in seinem Namen.“

Wir haben nun genugsam über die Ungläubigkeit des heiligen Thomas gesprochen. Es ist jetzt an der Zeit, auch den Glauben dieses Apostels zu verherrlichen. Sein Mangel an Glauben hat uns Gelegenheit geboten, an die geringe Tiefe unseres eigenen Glaubens den Maßstab anzulegen; seine Umkehr soll uns nun darüber belehren, was wir zu thun haben, um wahrhaft gläubig zu werden. Thomas hat den Heiland, der aus ihm eine Säule seiner Kirche machen wollte, gezwungen, sich bis zur Vertraulichkeit mit ihm herabzulassen. Aber kaum hatte er den verwegenen Finger in die Wundmale seines Meisters gelegt, als er sich sofort unterworfen fühlte. Er fühlt das Bedürfniß, durch einen feierlichen Akt des Glaubens die Thorheit wieder gut zu machen, die er begangen, indem er sich klug und weise wähnte: er bricht in einen Ruf aus und dieser Ruf ist das glühendste Glaubensbekenntniß, das ein Mensch ablegen kann: „Mein Herr und mein Gott!“ Bemerken wir wohl: er sagt nicht nur, daß Jesus sein Herr, sein Meister ist; er sagt nicht, daß das derselbe Jesus ist, dessen Jünger er war; das wäre noch kein Akt des Glaubens; denn das ist kein Glaube mehr, wenn man eine Sache mit Händen greift. Thomas hätte den Glauben an die Auferstehung gehabt, wenn er durch das Zeugniß seiner Brüder überzeugt worden wäre. Aber jetzt, da Jesus, der am Kreuze gestorben, der in einem Garten in der Nähe von Golgatha begraben wurde, lebendig vor ihm steht, da er mit dem Finger die Male der Nägel berührt, ist das kein Glaube mehr, er sieht ihn, er macht die Erfahrung, daß es so ist. Worin aber liegt nun das Glaubensbekenntniß? Das liegt darin, daß er in diesem Augenblicke bezeugt, daß sein Herr Gott ist. Sehen kann er Jesum nur als Mensch und gleichwohl verkündet er plötzlich die Gottheit seines Meisters. Mit einem einzigen Aufschwung ist seine ehrliche und reuige Seele zur Einsicht der ganzen Größe Jesu gelangt. Du bist mein Gott, sagt er ihm. O Thomas! Anfangs ungläubig, verehrt die heilige Kirche deinen Glauben und stellt ihn an dem dir geweihten Festtage ihren Kindern als mustergiltig auf. Das Bekenntniß, welches du heute abgelegt hast, steht würdig neben den Worten Petri, die er an Jesus richtete: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Durch dies Bekenntniß, das nicht Fleisch und Blut ihm geoffenbart, verdiente er, der Fels zu werden, auf den Christus seine Kirche baute; auch dein Bekenntniß hat mehr gethan, als daß es deinen Fehler wieder gut machte; es stellte dich einen Augenblick über deine Brüder, welche in der Freude, ihren Herrn wiederzusehen, über die sichtbare Herrlichkeit seiner menschlichen Natur den Eindruck des unsichtbaren Charakters seiner göttlichen Natur kaum empfunden hatten.

Das Offertorium besteht aus einer geschichtlichen Evangelienstelle über die Auferstehung des Heilands.

Offertorium.

Der Engel des Herrn stieg vom Himmel und sprach zu den Frauen: „Den ihr suchet, der ist auferstanden, wie er gesagt hat.“ Alleluja.

Im Stillgebet drückt die Kirche die Begeisterung aus, deren Quelle in ihr das Ostergeheimniß ist. Sie bittet, daß diese Wonne sich in die Wonne der ewigen Ostern umwandeln möge.

Stillgebet.

Wir bitten Dich, o Herr, nimm an die Geschenke deiner frohlockenden Kirche, und da Du ihr die Ursache so großer Freude gewährt hast, so verleihe ihr auch die Frucht der ewigen Seligkeit. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Bei Austheilung der göttlichen Speise an die Neophyten und das übrige gläubige Volk wiederholt die Kirche in der Antiphon zur Communion die Worte Jesu an Thomas. Dieser Apostel legte seinen Finger an die heiligen Glieder des Erlösers; in dem allerheiligsten Sakramente des Altars gibt sich uns Jesus zu einer viel innigeren Verbindung hin; aber um von diesem Wohlwollen eines so liebeerfüllten Meisters Nutzen zu ziehen, müssen wir auch den lebendigen, muthvollen Glauben besitzen, den er seinem Apostel empfiehlt.

Communion.

Lege deine Hand hinein und erkenne die Male der Nägel, Alleluja, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig, Alleluja, Alleluja.

Zum Schlusse der Messe bittet die Kirche, daß dies zur Stärkung unserer Schwachheit eingesetzte Geheimniß für die Gegenwart und die Zukunft ein wirksames Mittel sei, um uns die Gnade der Beharrlichkeit zu erwerben.

Postcommunio.

O Herr, unser Gott, wir bitten Dich, daß die hochheiligen Sakramente, welche Du uns zur Bestärkung in der Erneuerung gewährt hast, uns zum Heilmittel in der Gegenwart und Zukunft gereichen. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Siebenter Band: Die österliche Zeit; Mainz 1878; S. 395-402]

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