Versteht Gott nur Latein? (1/2)

Ein Beitrag von Pater Dr. Sven Leo Conrad FSSP:

Ein Plädoyer für die Kirchensprache hat es nicht leicht. Von nicht wenigen Gläubigen wird sie als ein Hindernis für die Mitfeier der Liturgie wahrgenommen. Theologisch behauptet man, sie sei ein Rest von Klerikalismus. Zugegeben, Gott ist der Herr aller Völker und Nationen, die mit ihren Gaben zum Gottesdienst berufen sind. Dennoch wollen wir ein Plädoyer für die Kirchensprache wagen. Die große Erforscherin des christlichen Lateins, Christine Mohrmann (1903-1988), betont, daß Sakralsprachen natürliche Reaktionen des Menschen auf die Begegnung mit dem Göttlichen sind. „Wir sehen in den verschiedensten Kulturen und Sprachen, daß überall, wo der Mensch in Kontakt mit dem Göttlichen tritt, sich seine Sprache von der Alltagssprache differenziert. Es ist, als ob sich seine Sprache in diesem Kontakt heiligt.“ Eine Sakralsprache ist also zunächst einmal Ausdruck der Heiligkeit des Gottesdienstes. Christliche Liturgie muß dieses allgemein-religionsphilosophische Konzept aber vertiefen, um ihrem eigenen Wesen gerecht zu werden. Christliche Liturgie ist Ausübung des Priesteramtes Christi. Insofern unterscheidet sie sich grundlegend vom persönlichen Gebet. Wenn wir privat beten, dann stehen wir als Individuen vor Gott und sprechen aus dem Kontext unseres Lebens heraus. Wir sind von einer ganz konkreten Stimmung geprägt (Traurigkeit, Freude, Dank, Sorge) und empfehlen uns und das Unsrige bis hin zu dieser Welt, aber aus unserem Blickwinkel heraus, Gott. Anders ist das Beten der Kirche, über die Gertrud von Le Fort sagen kann: „Denn du läßt dich nicht ins Joch der Menschen beugen und leihest deine Stimme nicht ihrer Vergängnis.“ Liturgisches Beten übersteigt die Vergänglichkeit des einzelnen, es verbindet die Zeiten, ja sogar Zeit und Ewigkeit. Die heilige Liturgie ist das Gebet des ganzen Mystischen Leibes. In ihr stehen wir mit dem Herrn vor dem Vater. Liturgisches Beten ist „Beteiligung am Gebet, das Christus im Hl. Geist an den Vater richtet.“ (KKK 1073). Die Kirchenväter haben bemerkt, daß der Pfingsttag ein Anti-Babel ist. Hatte der Turmbau die Zerstreuung und die Entfremdung durch die Sprachverwirrung zur Folge, so eint der Hl. Geist an Pfingsten die Nationen im Verständnis seiner Sprache. Die eine Sprache der Liturgie bringt genau dies zeichenhaft zum Ausdruck. Sie bezeichnet diese neue, vom Hl. Geist gewirkte Einheit der Kirche in Christus.

[Quelle: Informationsblatt der Priesterbruderschaft St. Petrus (April 2018); S. 8]

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