Dom Guéranger zum zweiten Sonntag nach Ostern (1/3)

Der zweite Sonntag nach Ostern.

V. In deiner Auferstehung, o Christe, Alleluja.

R. Freuen sich Himmel und Erde, Alleluja.

Dieser Sonntag wird vielfach im Volksmunde der Sonntag vom guten Hirten genannt. Die Kirche liest nämlich in der Messe die Evangelienstelle aus Johannes, in welcher sich der Heiland selbst diesen Namen beilegt. Zwischen diesem Evangelientexte und der Zeit, iin welcher wir uns befinden, besteht ein geheimnißvolles Band. Denn gerade in diesen Tagen, in welchen der Heiland seine Kirche gründete und festigte, begann er damit, für die Menschen den Hirten einzusetzen, der sie bis ans Ende der Zeiten lenken sollte.

Nach den ewigen Rathschlüssen Gottes soll der sichtbare Wandel des Gottmenschen auf Erden in wenigen Tagen ein Ende nehmen. Die Welt wird ihn erst am Ende der Zeiten wiedersehen, wenn er kommt, um die Lebendigen und die Todten zu richten. Wie könnte er indeß das Menschengeschlecht preisgeben, nachdem er einmal am Kreuze sich für dasselbe geopfert und es durch seine glorreiche Auferstehung am Tode und an der Hölle gerächt hatte? Allerdings wird er im Himmel stets das Oberhaupt der Menschen bleiben; allein wer soll auf Erden seine Gegenwart ersetzen? Wir werden wohl die Kirche haben. Ihr hat er alle Gewalt über uns zurückgelassen; in die Hände der Kirche hat er alle Wahrheiten, welche er gelehrt, niedergelegt; die Kirche hat er eingesetzt als die Spenderin aller Heilsmittel, welche er für die Menschen bestimmte.

Diese Kirche ist eine weite Gesellschaft, in welche alle Menschen einzutreten berufen sind; die Gesellschaft selbst zählt zweierlei Mitglieder: die Einen regieren, die Anderen werden regiert; die Einen lehren, die Anderen werden belehrt; die Einen heiligen, die Anderen werden geheiligt. Diese unsterbliche Gesellschaft ist die Braut Christi; sie ist die Mutter seiner Auserwählten, ihre einzige Mutter; außer ihrem Schoße könnte für Niemanden Heil sein.

Aber wie soll nun diese Kirche bestehen? Wie soll sie alle Jahrhunderte bis zum Ende der Welt überdauern? Wer soll ihr Einheit und Zusammenhalt geben? Welches sichtbare Band wird sich um ihre Glieder schlingen? An welchem greifbaren Zeichen soll man sie, als die wahre Braut Christi, erkennen, wenn etwa andere Gesellschaften trügerischer Weise dieselben Ehren für sich in Anspruch nehmen wollten? Wenn Jesus unter uns geblieben wäre, dann wäre kein Zweifel möglich gewesen; wo er ist, da ist die Wahrheit und das Leben. Aber er selbst sagt uns, daß er von hinnen gehe; und wir können ihm noch nicht folgen. Höret also und merket, welches Zeichen er gesetzt, um daran die Rechtmäßigkeit seiner einzigen Braut zu erkennen.

Während seines irdischen Lebens befand sich Jesus einmal in der Gegend von Cäsarea-Philippi. Seine Jünger waren um ihn und er richtete die Frage an dieselben, für wen sie ihn eigentlich hielten. Da ergriff einer von ihnen, Simon, der Sohn des Johannes oder Jonas und der Bruder des Andreas, das Wort und sprach: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Jesus nahm voll Güte dieses Zeugniß auf, welches kein menschliches Ahnen dem Simon eingegeben, sondern das ihm in diesem Augenblicke göttlich offenbart wurde; und er erklärte diesem Apostel, daß er von nun an nicht mehr Simon, sondern Petrus (Felsen) sein sollte. Christus selbst war von den Propheten mit dem symbolischen Charakter eines Felsen bezeichnet worden [Isaias 28, 16]; indem er nun dieses unterscheidende Merkmal des Messias in so feierlicher Weise auf seinen Jünger übertrug, deutete er zugleich an, daß zwischen ihm, dem Heilande, und diesem Apostel eine Beziehung bestehen würde, welche mit den Anderen nicht bestand. Aber damit nicht genug. Nachdem Jesus gesagt: „Du bist Petrus,“ fügte er noch bei: „Und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen.“

Prüfen wir die Worte des Sohnes Gottes: „Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen.“ Er hat also einen Plan: er will eine Kirche bauen. Diese Kirche soll nicht jetzt im Augenblicke gebaut werden; er will sie ja erst bauen. Es wird dieser Bau also erst in einiger Zeit beginnen. Aber das wissen wir jetzt schon mit Sicherheit, daß die Kirche auf Petrus gebaut wird. Petrus also wird das Fundament sein und wer daher nicht auf Petrus ruht, wird auch kein Theil der Kirche sein. Hören wir weiter: „Und die Pforten der Hölle sollen meine Kirche nicht überwältigen.“ Nach der jüdischen Ausdrucksweise versteht man unter „Pforte“ die Gewalten; die Kirche Jesu wird also unzerstörbar sein trotz aller Anstrengungen der Hölle. Warum? Weil ihr eben Jesus ein unerschütterliches Fundament gegeben hat. Der Sohn Gottes fährt dann fort: „Und dir will ich die Schlüssel des Himmelreiches geben.“ Auch hier ist der Sprachgebrauch wohl in Erwägung zu ziehen. Die Schlüssel besitzen hieß bei den Juden so viel, als die Herrschaft haben. Mit dem Worte Himmelreich oder Reich Gottes aber wird in der parabolischen Sprache des Evangeliums die Kirche bezeichnet, welche durch Christus gegründet werden soll. Wenn er nun zu Petrus, der nicht mehr Simon heißen soll, sagte: „Dir will ich die Schlüssel des Himmelreichs geben,“ so bedeutet das nichts Anderes, als ob Jesus gesagt hätte: „Dich will ich zum König dieser Kirche machen, deren Fundament du gleichzeitig sein sollst.“ Mit größerer Klarheit konnte man das gar nicht ausdrücken; aber wir dürfen dabei nicht aus dem Auge verlieren, daß alle diese Verheißungen sich auf die Zukunft bezogen [Matth. 16].

Was bei Cäsarea-Philippi noch Zukunft war, ist am See von Tiberias Gegenwart geworden. Wir sind jetzt in den letzten Stunden des Verweilens Jesu auf Erden. Der Augenblick ist daher gekommen, wo er seine Verheißung erfüllen und das Reich Gottes gründen muß; er muß demnächst jene versprochene Kirche auf Erden bauen. Gehorsam den Befehlen, welche die Engel ihnen gebracht, haben sich sämmtliche Apostel nach Galiläa begeben. Der Herr zeigte sich ihnen an den Ufern des Sees von Tiberias, und nach einem geheimnißvollen Mahle, das er ihnen bereitet, während Alle seinen Worten aufmerksam lauschen, wendet er sich plötzlich mit der Frage an Petrus: „Simon, Sohn des Jonas, liebst du mich?“ Vor Allem fällt hier auf, daß Christus den Petrus nicht mit dem Namen anredet, den er ihm doch selbst gegeben. Vielmehr ist seine Anrede genau so wie damals, als er zu ihm sagte: Simon, Sohn des Jonas, du bist Petrus. Offenbar will er seine Jünger an den damaligen Auftritt erinnern. Schon durch diese Anrede will er sagen, daß sich das jetzt Geschehende an den früheren Vorfall anschließt, daß er jetzt erfüllen wolle, was er damals verheißen hatte. Mit seinem gewohnten Ungestüm erwiederte Petrus: „Ja, Herr, Du weißt, daß ich Dich liebe.“ Jesus nimmt darauf wiederum das Wort und kraft seiner Autorität sagte er ihm: „Weide meine Lämmer.“ Abermals wiederholte Jesus seine Frage: „Simon, Sohn des Jonas, liebst du mich?“ Petrus war wohl erstaunt, daß sein Herr und Meister so sehr auf dieser Frage bestand. Doch antwortete er in derselben Einfalt: „Ja, Herr, Du weißt, daß ich Dich liebe.“ Und nach dieser Antwort wiederholte Jesus die Einsetzungsworte: „Weide meine Lämmer.“

Die Jünger hörten voll Ehrfurcht diesem Zwiegespräche zu. Sie begriffen sofort, daß hier etwas Besonderes vorging; sie sahen, daß Petrus hier Etwas übertragen wurde, was ihnen nicht gleichzeitig gemeinsam sei. Wenn sie nicht sogleich an Cäsarea-Philippi gedacht, so mußte ihnen doch jetzt die Erinnerung daran kommen, zumal Petrus auch von diesem Tage an der Gegenstand einer besonderen Berücksichtigung Christi geworden. Indessen war man noch nicht zu Ende; denn zum dritten Male fragte Jesus den Petrus: „Simon, Sohn des Jonas, liebst du mich?“ Diese dreifache Anfrage, ob er ihn liebe, fiel nun auch selbst dem Petrus auf. Er gedachte seiner dreifachen Verleugnung in dem Hause des Kaiphas, und hielt die Frage Christi für eine Anspielung auf diese erst jüngst vorgekommene Treulosigkeit. Er wurde traurig und die Antwort, die er jetzt gab, zeugt von größerer Zerknirschung als Sicherheit. „Herr,“ sagte er, „Du weißt Alles; Du weißt, daß ich Dich liebe.“ Darauf setzte der Herr den letzten Siegel auf die Autorität des Petrus, indem er die schwer wiegenden Worte zu ihm sprach: „Weide meine Schafe.“

So ist denn Petrus zum Hirten von Demjenigen eingesetzt, der von sich selbst sagte: „Ich bin der gute Hirte.“ Zuerst übertrug der Herr seinem Jünger und zwar zu zwei verschiedenen Malen, die Sorge um die Lämmer. Da war er noch nicht als Hirte eingesetzt. Als er ihn aber beauftragte, auch die Schafe zu weiden, da hat er die ganze Heerde seiner Autorität unterstellt. Jetzt mag denn die Kirche ins Leben treten, sie mag ihr Panier aufpflanzen und sich immer weiter und weiter ausdehnen. Simon, der Sohn des Jonas, ist als ihr sichtbares Oberhaupt proclamirt. Ist diese Kirche ein Gebäude? Er ist das Fundament. Ist sie ein Reich? Er besitzt die Schlüssel, d. h. den Scepter. Ist sie eine Hürde? Er ist der Hirte.

Ja, sie ist eine Hürde, diese Kirche, welche Jesus eben organisirt und die sich am Pfingsttage offenbaren wird. Das Wort Gottes ist vom Himmel herabgekommen, „damit es die zerstreuten Kinder Gottes in Eins zusammen brächte [Joh. 11, 52],“ und es naht der Augenblick, „wo nur ein Schafstall und ein Hirte sein werde [Joh. 10, 16].“ Wir preisen Dich und danken Dir, unserem göttlichen Hirten! Durch Dich besteht und dauert alle Zeit hindurch jene Kirche, welche Du in diesen Tagen gegründet! Sie sammelt und rettet alle Seelen, welche sich ihr anvertrauen! Von Dir, ihrem allmächtigen und allbarmherzigen Hirten, stammt ihre Rechtmäßigkeit, ihre Kraft, ihre Einheit. Preis und Dank Dir, o Jesus, dessen weise Vorsehung diese Rechtmäßigkeit, diese Kraft, diese Einheit uns sicherte, indem Du uns Petrus, als deinen Stellvertreter, Petrus, als unseren Hirten, in Dir und durch Dich, Petrus, dem Lämmer und Schafe Gehorsam schulden, Petrus, in welchem Du, unser göttliches Haupt, sichtbar bleibst bis an’s Ende der Zeiten, gegeben hast.

In der griechischen Kirche heißt der zweite Sonntag nach Ostern, den wir „zum guten Hirten“ nennen, der Sonntag der heiligen Myrophoren oder Balsamträger. Man preist da vorzüglich die Frömmigkeit der heiligen Frauen, welche kostbare Spezereien zum Grabe trugen, um den Leichnam des Herrn einzubalsamiren. Ebenso hat Joseph von Arimathia seinen Antheil an den Gesängen, welche während dieser Woche das Officium der griechischen Kirche bilden.

Die römische Kirche liest vom letzten Montag an bis zum dritten Sonntag nach Ostern ausschließlich die Apostelgeschichte in ihrer Matutin.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Achter Band: Die österliche Zeit; Mainz 1879; S. 72-78]

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