Dom Guéranger zum dritten Sonntag nach Ostern (1/3)

Der dritte Sonntag nach Ostern.

Schutzfest des heiligen Joseph.

Die Feier der eigentlichen österlichen Geheimnisse wird heute unterbrochen. Ein anderer Gegenstand zieht auf einen Augenblick unsere Augen auf sich. Die heilige Kirche fordert uns auf, den heutigen Tag der Verehrung des Gatten Marias, des Nährvaters Jesu Christi, zu widmen. Am 19. März haben wir ihm bereits unsere alljährliche Huldigung dargebracht. Es ist auch heute nicht eigentlich ein Fest, das seiner Person gilt. Es handelt sich vielmehr darum, daß die Frömmigkeit des christlichen Volkes Joseph in seiner Eigenschaft als Beschützer der Gläubigen, ein Denkmals des Dankes errichte. Denn er ist in der That die Zuflucht und der Schirm Aller, die ihn vertrauensvoll anrufen. Durch eine Menge Wohlthaten hat er diese Huldigung verdient, und so lenkt denn gerade die Kirche im Interesse ihrer Kinder deren Vertrauen auf eine so mächtige und geeignete Hilfe.

Die dem heiligen Joseph gewidmete Verehrung war der neueren Zeit vorbehalten. Allerdings liegt der Keim derselben schon im Evangelium; aber er sollte sich nicht schon in den ersten christlichen Jahrhunderten entwickeln. Das ist nun freilich nicht so zu verstehen, als ob die Gläubigen, welche die bei der Menschwerdung dem heiligen Joseph zugefallene erhabene Aufgabe würdigten, irgend ein Hinderniß gefunden hätten, ihm diejenigen Ehren zu erweisen, die sie ihm erweisen wollten. Aber die göttliche Vorsehung hatte ihre geheimnißvollen Gründe, um den Augenblick noch hinaus zu schieben, da die Liturgie die alljährlichen Huldigungen vorschreiben sollte, welche dem Gemahle Marias zu erweisen wären. In der besonderen Verehrung des heiligen Joseph ging, wie das auch bei verschiedenen anderen Anlässen der Fall war, der Osten dem Westen voran. Aber im fünfzehnten Jahrhundert hatte die lateinische Kirche den Cultus vollständig angenommen, und seitdem ist ein beständiger Fortschritt in den Herzen der Katholiken ersichtlich. Die Größe und Würde des heiligen Joseph betrachteten wir am 19. März. Auf diesen unerschöpflichen Gegenstand ist also heute nicht zurückzukommen. Der heutige Festtag ist vielmehr aus einem besonderen Grunde eingesetzt worden, und diesen müssen wir vor Allem kennen lernen.

Die Güte Gottes und die treue Erfüllung der Verheißungen des Erlösers treten von Jahrhundert zu Jahrhundert immer fester vereint auf, um in dieser Welt den Funken übernatürlichen Lebens zu erhalten, der ja bis zum letzten Tage nicht erlöschen darf. Um diesem barmherzigen Zwecke zu dienen, erwärmt eine ununterbrochene Kette hilfreicher Handlungen so zu sagen jede Generation, und bringt derselben neue Beweggründe, um ihr Vertrauen auf die göttliche Erlösungsthat zu kräftigen. Seit dem Ende des dreizehnten Jahrhunderts, zu welcher Zeit nach der eigenen Erklärung der Kirche diese zunehmende Kälte der Welt zum ersten Male sich fühlbar machte [Frigescente mundo, in der kälter werdenden Welt heißt es im Gebete am Feste der Wundmale des heiligen Franciscus.], sah jede Epoche eine neue Gnadenquelle sich öffnen. So war es zuerst das Fest des allerheiligsten Sakramentes, das dann in seiner Entwickelung die feierliche Frohnleichnamsprozession, die Aussetzungen, die Segen, das vierzigstündige Gebet mit sich brachte. Dann kam die Verehrung des heiligsten Namen Jesu, dessen Hauptapostel der heilige Bernhardin von Siena war, endlich die Verehrung des via crucis, des Kreuzweges, welche so viele Seelen zur Reue und Zerknirschung führte. Das sechzehnte Jahrhundert sah ein wiedererwachtes Erglühen für den Empfang der heiligen Communion unter dem mächtigen Einflusse des heiligen Ignatius von Loyola und seines Ordens. Im siebenzehnten Jahrhundert wurde der Cultus zum heiligsten Herzen Jesu eingeführt, der sich dann im Laufe des folgenden Jahrhunderts weiter entwickelte und befestigte. Im neunzehnten Jahrhundert hat die Verehrung der allerseligsten Jungfrau einen solchen Aufschwung, eine solche Bedeutung genommen, daß wir diese als das übernatürliche Charakteristicum unserer Zeit bezeichnen dürfen. Der heilige Rosenkranz, das heilige Scapulir hatten bereits frühere Zeiten uns übermacht; fast in Vergessenheit gerathen, wurden sie wiederum zu ihren alten Ehren erhoben; die Pilgerfahrten zu den Heiligthümern der Mutter Gottes, welche in Folge jansenistischer und rationalistischer Vorurtheile erschlafft waren, begannen auf’s Neue; die Erzbruderschaft zum heiligen Herzen Mariä hat ihre Fäden über die ganze Erde gezogen; zahlreiche Wunder belohnten den neu verjüngten Glauben; endlich haben unsere Tage den Triumph der unbefleckten Empfängniß gesehen, der bereits in minder begünstigten Jahrhunderten vorbereitet und erwartet wurde.

Aber die Verehrung Marias konnte sich nicht entwickeln, ohne einen mächtigen Rückschlag auf die Verehrung des heiligen Joseph zu wirken. Maria und Joseph haben an dem Geheimnisse der Menschwerdung einen gemeinsamen und zu innigen Antheil: die Eine als die Mutter des Sohnes Gottes, der Andere als der Schützer der Ehre der Jungfrau und der Nährvater des göttlichen Kindes, als daß man Beide von einander trennen könnte. Eine besondere Verehrung des heiligen Joseph hat daher umgekehrt auch stets einen erneuten Aufschwung der Verehrung der allerseligsten Jungfrau zur Folge gehabt. Aber die Verehrung des Gemahls der Maria ist nicht nur ein gerechter Tribut, den wir seinen erhabenen Vorrechten zollen. Der Sohn Gottes hat auch in die Hände des heiligen Joseph eine große Gewalt gelegt, und er ist seinen Verehrern ein mächtiger Helfer. Hören wir, was die heilige Kirche in der begeisterten Sprache ihrer Liturgie sagt:

Joseph, Zier der Himmelsbürger,
Feste Stütze dieser Welt!
Unsre Hoffnung in dem Leben
[[…] Laudeshymne am Schutzfeste des heiligen Joseph].

Welche Macht in diesen Bezeichnungen! Wo ist aber auch ein Mann auf Erden, der mit dem Sohne Gottes in so nahen Beziehungen gestanden, wie bisher? Jesus würdigte sich, dem Joseph hienieden unterworfen zu sein. Im Himmel ist es sein Wille, den zu verherrlichen, von welchem er auf Erden abhängig sein wollte, dem er seine eigene Kindheit sammt der Ehre seiner Mutter anvertraute. Es gibt keine Grenzen für die Macht des heiligen Joseph, und heute lädt uns die Kirche ein, mit unbedingtem Vertrauen uns an die Hilfe dieses allmächtigen Schützers zu wenden. Mitten unter den schrecklichen Wirren, denen die Welt zur Beute fällt, mögen ihn die Gläubigen anrufen, sie werden Schutz finden. In allen Nöthen der Seele und des Leibes, und allen Prüfungen und Unglücksfällen, welche der Christ zu bestehen haben kann, in der zeitlichen wie in der geistlichen Ordnung, stets möge man zum heiligen Joseph flüchten und unser Vertrauen wird nicht getäuscht werden. Der König von Aegypten sagte seinen hungernden Völkern: „Gehet zu Joseph!“ Der König des Himmels sagt uns dasselbe, und der treue Hüter der Maria gilt mehr bei ihm, als der Hüter der Kornkammern von Memphis je bei dem Pharao gegolten hat.

Bei Offenbarung dieser neuen Zuflucht unserer Tage verfuhr Gott, wie er in ähnlichen Fällen früher verfuhr. Sie wurde zuerst einigen bevorzugten Seelen mitgetheilt, welche dieselben als einen kostbaren Keim behüten und entwicken sollten. Ganz dasselbe geschah, als es sich um die Einsetzung des Festes des heiligen Altarssakramentes, des heiligen Herzens Jesu handelte, sowie auch bei anderen Gelegenheiten. Im sechzehnten Jahrundert empfing die heilige Theresia, deren Schriften sich über die ganze Welt ausbreiten sollten, während einer Verzückung göttliche Mittheilungen über diesen Gegenstand, und sie legte ihre Empfindungen und Wünsche in dem von ihr selbst verfaßten Lebensabriß nieder. Wir brauchen uns nicht darüber zu wundern, daß Gott gerade Diejenige zur Verbreitung der Verehrung des heiligen Joseph wählte, welche er auch als sein Werkzeug zur Reformation des Ordens vom Berge Carmel benützte. Denn gerade unter dem Einflusse der Carmeliter wurde im dreizehnten Jahrhundert der Cultus des heiligen Joseph in unsere Gegend gebracht. Schon seit Jahrhunderten widmeten sich die Einsiedler auf dem Berge Carmel der Verehrung der allerseligsten Jungfrau. So konnte denn auch namentlich ihnen das verknüpfende Band zwischen den Ehren, auf welche die heilige Mutter Gottes ein Recht hat, mit den Ehren, welche wir ihrem jungfräulichen Gemahle zu zollen verpflichtet sind, nicht entgehen. In jedem Lande, woselbst sich das Geheimniß der Menschwerdung vollzog, ist es für den Gläubigen gerade nicht schwierig, das Auge in dessen Tiefen zu versenken. Von so vielen unaussprechlichen Erinnerungen umgeben, begreift der Christ alsbald, wenn der Sohn Gottes, um die menschliche Natur anzunehmen, einer Mutter bedurfte, so bedurfte auch diese Mutter eines Schützers. Und daraus folgt doch, daß Jesus, Maria und Joseph nach verschiedenen Richtungen und in verschiedenem Grade die Gesammtheit der Beziehungen umfaßten, in welchen das unaussprechliche Geheimniß der Menschwerdung zu sich selbst, wie auch zu der Menschheit stand und noch steht.

Folgender Maßen drückt sich die seraphische Theresia darüber aus: „Ich nahm zum Fürsprecher und Schützer den glorreichen heiligen Joseph, und ihm empfahl ich mich auf das Dringendste. Seine Hilfe trat in sichbarlichster Weise zu Tage. Dieser zärtliche Vater meiner Seele, dieser heißgeliebte Schützer zog mich eiligst aus dem Zustande, in welchem mein Körpfer hinsiechte; wie er mich auch größeren Gefahren anderer Art entrissen hat, die meine Ehre und mein ewiges Heil bedrohten. Um mein Glück auf den Gipfel zu erheben, erhörte er mich noch über das Maß meiner Gebete und Hoffnungen hinaus. Ich erinnere mich nicht, daß ich bis auf diesen Tag je etwas verlangt hätte, das er mir nicht gewährte. Welches Bild müßte ich entwerfen, wenn es mir gegeben wäre, die ausgezeichneten Gnaden zu zeichnen, womit Gott mich überhäuft, sowie die Gefahren der Seele und des Leibes, aus denen er mich durch Vermittelung dieses glückseligen Heiligen entriß! Der Allerhöchste gewährt anderen Heiligen nur die Gnade, uns in diesem oder jenem Falle zu Hilfe zu kommen. Aber die Macht des glorreichen heiligen Joseph, das weiß ich aus Erfahrung, erstreckt sich auf alle Fälle. Unser Herr will uns dadurch zu verstehen geben, daß er ebenso, wie er auf dieser Erde der Verbannung ihm unterwürfig war, indem er ihm die Gewalt eines Nährvaters und Lenkers zuerkannte, es ihm auch gefällt, im Himmel seinen Willen zu thun, indem er alle seine Bitten erfüllt. Das haben gleich mir auch andere Personen aus Erfahrung kennen gelernt, denen ich anrieth, sich diesem unvergleichlichen Schützer zu empfehlen. Auch beginnt die Zahl seiner Verehrer groß zu werden, und die glücklichen Erfolge seiner Fürbitte bestätigen täglich die Wahrheit meiner Worte.“

Dieses Zeugniß und mehrere andere, die ebenso eingehend und gewichtig sind, fanden ein Echo in den Seelen. Sie streuten zu ihrer Zeit den Samen aus; dieser keimte langsam, aber sicher. Von der ersten Hälfte des siebenzehnten Jahrhunderts an geht es wie eine Vorahnung durch die Herzen der Verehrer Josephs, daß einmal die Kirche in ihrer Liturgie die Gläubigen auffordern werde, zu diesem mächtigen Schützer ihre Zuflucht zu nehmen. In einem frommen Werke, welches im Jahre 1645 zu Dijon herauskam, stehen folgende Worte, die man geradezu als inspirirt betrachten könnte: „ Liebliche Sonne, du Mutter des Tages! Beschleunige deinen Lauf; lasse rasch die glückliche Stunde erscheinen, in welcher die Vorhersagungen der Heiligen erfüllt werden müssen, wonach bei der Neige der Welt die ganze Größe des heiligen Joseph in voller Pracht erstrahlen werde; jene Vorhersagungen, sie versichern uns, daß Gott selbst den Vorhang wegziehen und den Schleier zerreißen werde, der uns seither verhindert hat, die Wunder der Heiligkeit in der Seele Josephs offen zu sehen; sie sagen uns, daß der Heilige Geist unausgesetzt die Herzen der Gläubigen bewegen werde, um sie zur Verherrlichung dieses Himmelsbürgers anzutreiben, indem sie ihm fromme Häuser weihen, Kirchen bauen und Altäre errichten; sie verkünden, daß man durch das ganze Reich der streitenden Kirche diesen Heiligen als den besonderen Schützer der Kirche anerkennen wird, eine Würde, welche ihm von Jesus, dem Gründer dieses Reiches, übertragen worden ist; sie erwecken in uns die Hoffnung, daß die Päpste, auf einen geheimen Antrieb des Himmels, die feierliche Begehung des Festes dieses großen Patriarchen, soweit die geistliche Gewalt des heiligen Petrus reicht, anordnen werden; sie sagen, daß die Weisesten auf Erden die in dem heiligen Joseph verborgenen göttlichen Gaben erforschen, und daß sie darin Gnadenschätze entdekcen werden, die unvergleichlich kostbarer und umfangreicher sind, als sie der bessere Theil der Auserwählten im alten Bunde, im Laufe von vier Jahrtausenden, je besaß [Die Herrlichkeit des heiligen Joseph von P. Johannes Jacquinot aus der Gesellschaft Jesu.].“

Solches glühende Sehnen wurde erfüllt. Seit bereits länger als einem Jahrhundert ist ein Officium zu Ehren der Schutzherrlichkeit des heiligen Joseph von den Carmelitern dem heiligen Stuhle zur Approbation vorgelegt worden; dasselbe wurde angenommen. Seitdem hat eine große Zahl von Kirchen die Ausdehnung desselben auf ihr Gebiet erbeten und erhalten. Zur Feier dieses frommen Festes wurde ein Sonntag gewählt; denn die Kirche wollte nicht dem Volke die Theilnahme am Feste des heiligen Joseph durch eine besondere Pflicht auferlegen; und durch die Verlegung auf einen Sonntag wurde derselbe Zweck einer lebendigen Theilnahme Aller erreicht. Nun fällt aber dieser Sonntag stets in die Fastenzeit, und in dieser Zeit, in welcher alle Sonntage privilegirt sind, hatte das seine Unzukömmlichkeiten. Er konnte unbemerkt verstreichen, und dies mußte für das neue Fest vermieden werden. Aus diesem Grunde wurde der dritte Sonntag nach Ostern ausersehen. In ihm vereinigen sich die Osterfreuden mit den Tröstungen und den Hoffnungen, welche dies Fest bringt. Die neue Feier verbreitete sich langsam von Ort zu Ort. Da erschien plötzlich unterm 10. September 1847 ein apostolisches Decret, welches das Fest in der ganzen Christenheit einführt. Am Vorabende der großen Kirchwirren wollte Pius IX. auf eine offenbar übernatürliche Eingebung den mächtigen Schützer, der nie so große Uebel zu bekämpfen, so viele Plagen abzuwenden hatte, zur Hilfe der ihm anvertrauten Heerde herbeirufen.

Setzen wir denn unser Vertrauen in die Macht Josephs, des erhabenen Vaters des christlichen Volkes, der nur deßhalb so hoch steht, damit er in größerem Maße, als die übrigen Heiligen, den Einfluß des Geheimnisses der Menschwerdung, an welchem er nächst Maria den hervorragendsten Antheil hat, uns fühlbar mache.

In der griechischen Kirche heißt der dritte Sonntag nach Ostern der Sonntag des Gichtbrüchigen, weil derselbe in hervorragender Weise dem Gedächtniß des bekannten Wunders des Heilands geweiht war.

Die römische Kirche beginnt heute in der Matutin mit der Lesung der Apokalypse des heiligen Johannes.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Achter Band: Die österliche Zeit; Mainz 1879; S. 127-136]

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