Dom Guéranger zum vierten Sonntag nach Ostern (1/3)

Der vierte Sonntag nach Ostern.

V. In deiner Auferstehung, o Christe, Alleluja.

R. Freuen sich Himmel und Erde, Alleluja.

Wir haben gesehen, wie Jesus seine Kirche gründete und als ein anvertrautes Gut die Wahrheiten unseres Glaubens in die Hände seiner Apostel niederlegte. Es gibt noch ein für die Welt nicht minder wichtiges Werk, dem er die letzten Tage seines Aufenthaltes auf Erden widmete: es ist dies die definitive Einsetzung der Sakramente. Es genügt noch nicht, zu glauben, wir müssen auch gerechtfertigt, das heißt der Heiligkeit Gottes gemäß werden; die Gnade, eine Frucht der Erlösung, muß in uns einkehren, muß sich in uns verkörpern. Nur auf diese Weise werden wir lebendige Glieder unseres göttlichen Hauptes, und damit auch die Miterben seines Reiches. Mittels der Sakramente nun bewirkt Jesus dies Wunder der Rechtfertigung in uns; das sind die Mittel, die er in seiner Macht und Weisheit angeordnet hat, um die Verdienste seiner Menschwerdung und seines Opfertodes uns zuzuwenden.

Da er der höchste Herr der Gnade ist, so kann er auch vollkommen frei die Quellen wählen, durch welche er sie uns zukommen lassen will; an uns ist es, sich seinem Willen zu fügen. Jedes Sakrament wird demnach ein Gesetz der Religion bilden, und kein Mensch kann auf die Wirkungen, die es hervorbringen soll, einen Anspruch erheben, wenn er sich nicht herbeilassen will oder es verabsäumt, die Bedingungen zu erfüllen, die dasselbe an ihn stellt. Es ist das eine bewundernswerthe Oekonomie, welche einerseits die demüthige Unterwerfung des Menschen und andererseits die verschwenderischste Fülle göttlicher Freigebigkeit in demselben Acte zusammenfaßt.

Vor wenigen Tagen haben wir gezeigt, wie die Kirche zugleich eine geistige und eine sichtbare, äußere Gesellschaft ist, weil ja der Mensch, für den sie bestimmt, ebenfalls aus Leib und Seele besteht. Als nun Jesus seine Sakramente einsetzte, schuf er auch für jedes derselben einen wesentlichen Ritus, und dieser Ritus ist ein äußerer, mit den Sinnen wahrnehmbarer. Als das Wort Fleisch geworden, da machte er das letztere in seinem Leiden am Kreuze zum Werkzeuge unseres Heiles. Mit dem Blut seiner Adern hat er uns wiedererkauft. Im weiteren Verfolg dieses geheimnißvollen Planes gebraucht er nun die Elemente der physischen Natur auch zum Werke unserer Rechtfertigung; er erhebt sie über die natürliche Ordnung und macht aus ihnen die treuen und mächtigen Leiter seiner Gnade bis in das Innerste unserer Seelen. So wendet er bis in seine weitesten Folgen das Geheimniß der Menschwerdung an, welches bezweckte, uns durch sichtbare Dinge zur Kentniß und zum Besitz unsichtbarer Dinge zu erheben. So wird auch der Hochmuth Satans gebrochen, der die menschliche Creatur verachtete, weil sie die Materie mit der geisten Größe verband, und welcher zu seinem ewigen Unheil das Knie vor dem menschgewordenen Worte zu beugen sich weigerte.

Gleichzeitig bilden die göttlichen Sakramente durch ihr äußeres Zeichen ein neues Band zwischen den Gliedern der Kirche, die bereits durch ihre Unterwerfung unter Petrus und die von ihm gesendeten Hirten, sowie durch das Bekenntniß desselben Glaubens unter sich geeint sind. Der Heilige Geist sagt uns in der Schrift, daß „eine dreifache Schnur nicht so leicht reißt [Eccl. 4, 12];“ eine solche aber hält uns in der glorreichen Einheit der Kirche: Hierarchie, Dogma und Sakramente. Von Nord bis Süd, von Ost bis Westen verkünden die Sakramente die christliche Brüderschaft. Sie sind allerorts ihr Erkenntnißzeichen, sowie ihr unterscheidendes Merkmal von den Ungläubigen. Deßhalb sind auch die Sakramente bei allen getauften Völkern dieselben, mögen auch die liturgischen Formen ihrer Ausspendung verschieden sein: überall ist der Grund derselbe und dieselbe Gnade wird unter den nämlichen wesentlichen Zeichen hervorgebracht.

Unser göttlicher Heiland wählte die Zahl Sieben als Zahl der Sakramente. Diese Siebenzahl sehen wir in großen und heiligen Dingen häufig wiederkehren. Wir finden sie schon in der Wocheneintheilung, dem Bilde der Weltschöpfung, die Gott in sechs Tagen schuf, an welche sich der siebente als Ruhetag anschloß. Der Sohn Gottes, die ewige Weisheit des Vaters, offenbart uns schon im Alten Testament, daß er sich ein Haus bauen wolle, die heilige Kirche, das auf sieben Säulen ruhen solle [Sprüchw. 9, 1]. Diese Kirche ist auch im Bundeszelte Mosis vorgebildet, und da traf Gott die Anordnung, daß ein prachtvoller siebenarmiger Leuchter, dessen Arme mit Blumen und Früchten geziert sein solle, Tag und Nacht das Heiligthum erleuchte [Exod. 25, 37]. Als der Heiland den Liebesjünger in den Himmel verzückte, da zeigte er sich ihm umgeben von sieben Leuchtern, in seiner Hand sieben Sterne [Offenb. 1, 12. 16]; als er sich im Bilde des siegreichen Lammes schauen ließ, hatte dasselbe sieben Hörner als Zeichen seiner Kraft und sieben Augen als Zeichen seiner unendlichen Wissenschaft [Ebend. 5, 6]. Neben ihm liegt die Buchrolle, dieselbe ist mit sieben Siegeln verschlossen und nur das Lamm kann sie öffnen [Ebend. 5, 5]. Vor dem Throne der göttlichen Majestät gewahrt der Jünger sieben selige Geister, wie sieben Lampen brennend [Ebend. 4, 5], stets bereit, das geringste Wort Jehova’s an die äußersten Enden der Schöpfung zu tragen.

Werfen wir jetzt unsere Blicke nach dem Reiche der Finsterniß, so sehen wir den Geist der Bosheit am Werke, die That Gottes in ihr Gegentheil zu kehren; wir finden auch die Siebenzahl, die wir als heilig erkannten. Hier aber erscheint sie n ur, um diese Heiligkeit zu beschmutzen, indem sie dem Uebel geweiht wird. Wir haben da vor Allem die sieben Hauptsünden, das Werkzeug seines Sieges über den Menschen; und der Herr belehrt uns: wenn Satan in seiner Wuth sich auf eine Seele stürzt, nimmt er die sieben boshaftesten Geister des Abgrundes mit sich. Wir wissen, daß Magdalena, die glückselige Büßerin, das Leben der Seele erst wiederfand, nachdem der Herr sieben Teufel aus ihr ausgetrieben. Diese Herausforderung seitens des Geistes der Bosheit wird nun auch den auf die sündige Welt fallenden göttlichen Zorn veranlassen, sich ebenfalls an die Siebenzahl zu halten. Der heilige Johannes sagt uns, daß sieben Posaunen, von sieben Engeln geblasen, die letzten Zuckungen des Menschengeschlechtes ankündigen werden [Offenb. 8, 2]; und daß darauf sieben andere Engel die sieben Schaalen des göttlichen Zornes über die schuldige Erde ausgießen werden [Ebend. 15, 1].

Wir, die wir gerettet werden, die wir in diesem Leben der Gnade, im künftigen der seligen Anschauung unseres göttlichen Wiederauferstandenen uns freuen wollen, wir grüßen voll Ehrfurcht und Dankbarkeit die barmherzige Siebenzahl der Sakramente. Unter dieser heiligen Zahl faßt er alle Formen seiner Gnade zusammen. Durch die Taufe und die Buße erweckt er uns vom Tode zum Leben; durch die Firmung, das Sakrament des Altars und die letzte Oelung erhält und kräftigt er in uns das übernatürliche Leben; durch die Priesterweihe und die Ehe sorgt er für den Dienst und die Ausbreitung seiner Kirche. Es gibt kein Bedürfniß der Seele, keine Noth der christlichen Gesellschaft, denen er nicht durch diese für uns eröffneten und unaufhörlich fließenden Quellen der Wiedergeburt und des Lebens Genüge geleistet hätte. Die sieben Sakramente genügen Allem. Eines weniger, so wäre die Harmonie gebrochen. Die seit so vielen Jahrhunderten von der katholischen Einheit getrennten orientalischen Kirchen bekennen mit uns sieben Sakramente; und der diese heilige Zahl antastende Protestantismus hat eben dadurch, wie durch seine anderen angeblichen Reformen gezeigt, daß der christliche Sinn ihm abging. Das wundert uns durchaus nicht. Alle sieben Sakramente drängen sich förmlich dem Glauben auf. Die demüthige Unterwerfung des Gläubigen muß denselben, als von dem höchsten Herrn kommend, annehmen; und wenn dann seine göttliche Größe und Wirksamkeit sich der Seele offenbaren, dann begreifen wir, weil wir geglaubt haben. Credite et intelligetis.

Heute nun widmen wir Bewunderung und Dank dem ersten Sakramente, der Taufe. Die österliche Zeit zeigt uns dasselbe in seiner ganzen Herrlichkeit. Wir haben am Charsamstag gesehen, wie es die Sehnsucht des glücklichen Katechumenen stillt, und ganze Völker für das himmlische Vaterland wiedergebiert. Aber dieses göttliche Geheimniß hat auch eine gewisse Vorbereitung haben müssen. Am Feste der Erscheinung des Herrn beteten wir unseren göttlichen Emmanuel an, der in die Fluthen des Jordans stieg und dem Elemente des Wassers durch die Berührung mit seinem heiligen Leibe die Kraft verlieh, alle Flecken der Seele abzuwaschen. Der Heilige Geist, die mystische Taube, ruhte auf dem Haupte des Gottmenschen und befruchtete das Element, welches das Werkzeug unserer Wiedergeburt werden sollte, während die Stimme des Vaters in den Wolken ertönte und die Annahme aller Getauften an Kindesstatt in seinem Sohne Jesus Christus, dem Gegenstande seines ewigen Wohlgefallens, verkündete.

Während seines irdischen Lebens spricht sich der Erlöser schon vor einem Schriftgelehrten über seine Absichten aus: „Wenn Jemand nicht wiedergeboren wird aus dem Wasser und dem Heiligen Geiste, so kann er nicht in das Reich Gottes eingehen [Joh. 3, 5].“ Fast durchgängig kündigt Jesus voraus an, was er einmal thun werde; aber er vollbringt es nicht sofort. Wir erfahren da nur, weil unsere erste Geburt nicht rein gewesen, werde er uns eine zweite heilige bereiten, und diese soll durch das Wasser bewerkstelligt werden.

In diesen Tagen aber ist der Augenblick gekommen, wo unser Emmanuel die dem Wasser verliehene Gewalt förmlich erklärt: es soll in uns die durch den Vater gewollte Annahme an Kindesstatt hervorbringen. Jesus wendet sich an seine Apostel, und mit der Majestät eines Königs, der das Grundgesetz seines Reiches verkündet, sagt er: „Gehet hin und lehret alle Völker, und taufet sie im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes [Matth. 28, 19].“ Das Heil durch’s Wasser, unter Anrufung der glorreichen Dreifaltigkeit, ist die Grundwohlthat, die er der Welt verkündet. „Denn,“ so sagt er weiter, „wer da glaubt und sich taufen läßt, der wird selig werden [Mark. 16, 16].“ Welch’ eine Offenbarung voll Barmherzigkeit für das Menschengeschlecht! Es ist das gewissermaßen die Einführung aller Sakramente durch die Erklärung des ersten, welches nach der Sprache der heiligen Väter die Pforte aller übrigen ist!

Auch wir verdanken ihm das Leben unserer Seele! Wir verdanken ihm das ewige geheimnißvolle Siegel, das uns zu Gliedern Jesu macht. Grüßen wir voll Liebe dies erhabene Geheimniß! Ludwig der Heilige, der aus den bescheidenen Quellen von Poissy getauft wurde, unterzeichnete sich sehr gerne als Louis von Poissy. Er betrachtete die Taufquelle als eine Mutter, die ihn zu dem himmlischen Leben geboren; und er vergaß seine königliche Geburt, um sich daran zu erinnern, daß er als Kind Gottes geboren wurde. Unsere Gefühle sollten dieselben sein, wie die dieses heiligen Königs.

Voll Ehrfurcht bewundern wir auch, wie sich der göttliche Heiland dem Bedürfnisse anbequemte, als er dies unerläßlichste aller Sakramente einsetzte. Der Stoff, den er wählte, ist der allerverbreitetste, der allerzugänglichste. Brod, Wein, Olivenöl sind nicht überall auf der Erde zu haben; das Wasser aber fließt aller Orten; ohne Wasser gibt es keine Menschen; die göttliche Vorsehung hat es selbst in vielerlei Weise gegeben, damit an dem vorherbestimmten Tage die Quelle der Wiedergeburt jedem sündigen Menschen zugänglich sei.

Die übrigen Sakramente hat der Heiland dem Priesterthume anvertraut, um sie auszuspenden. Mit der Taufe ist es anders. Sie kann jeder Gläubige ausspenden, ohne Unterschied des Geschlechtes, ohne Rücksicht darauf, ob er sich im Zustande der Gnade befindet oder nicht. Ja, noch mehr: jeder Mensch, selbst wenn er nicht einmal ein Glied der christlichen Kirche wäre, kann durch das Wasser und die Anrufung der heiligen Dreifaltigkeit die Taufgnade, die nicht in ihm ist, einem Anderen übertragen, unter der einzigen Bedingung, daß er ernstlich das thun will, was die heilige Kirche thut, wenn sie das Sakrament der Taufe spendet.

Und selbst das ist nicht Alles. Der Spender des Sakramentes kann dem Menschen im Augenblicke des Todes fehlen; die Ewigkeit kann sich vor ihm öffnen, ohne daß die Hand eines Anderen sich ausstrecke, um das reinigende Wasser über sein Haupt zu gießen; aber der göttliche Einsetzer der Wiedergeburt der Seelen verläßt den Menschen nicht in diesem entscheidenden Augenblick. Wenn er glaubt, wenn er mit aller Gluth seiner Seele die Taufe verlangt, wenn das Gefühl der Zerknirschung und der Liebe, das der Täufling zur Taufquelle mitbringen muß, ihn beseelt, dann mag er ruhig sterben: die Pforte des Himmels öffnet sich auch der Begiertaufe.

Doch das Kind, welches den Gebrauch seiner Vernunft noch gar nicht erlangt hat und welches der Tod vielleicht wenige Stunden nach seiner Geburt hinwegmähen wird, – sollte das bei dieser allgemeinen Gnadenaustheilung vergessen sein? Jesus hat gesagt: „Wer da glaubt und sich taufen läßt, der wird selig werden;“ wie soll nun dies schwache Wesen, das mit der Erbsünde belastet ist, dessen Leben in wenigen Augenblicken erlischt, Heil erlangen? Es ist ja noch gar nicht fähig, zu glauben! Beruhigt euch! Auch es kann der Gnadenwirkungen der heiligen Taufe theilhaftig werden. Der Glaube der Kirche, welche das Kind für sich verlangt, gilt auch für es. Man gieße nur Wasser über sein Haupt unter Anrufung der drei göttlichen Personen, und es ist dann Christ für immer. Im Glauben der Kirche getauft, ist dieser Glaube jetzt, wenn auch ihm unbewußt, in ihm, und dazu auch noch die Hoffnung und die Liebe. Dies ist eben ein durch das sakramentale Wasser hervorgebrachtes Wunder. Wenn jetzt auch dieser zarte Sprosse des menschlichen Geschlechtes stirbt: das Himmelreich gehört ihm.

Solche Wunder, o Erlöser, hast Du durch das erste Sakrament gewirkt kraft jenes aufrichtigen Willens, womit Du willst, daß Alle selig werden [1. Tim. 2, 4]. Diejenigen aber, bei welchen dieser dein aufrichtiger Wille nicht seine Verwirklichung findet, entgehen der Gnade der Wiedergeburt nur durch die früher begangene Sünde, die Erbsünde; und deine ewige Gerechtigkeit gestattet Dir nicht, in allen Fällen der Sünde zuvor zu kommen oder deren Folgen wieder aufzuheben. Aber gleichwohl ist deine Barmherzigkeit zu Hilfe gekommen. Sie hat ihre Netze ausgeworfen und unzählige Auserwählte sind in dieselben gefallen. Das heilige Wasser träufelte auf die Stirne des im Arme seiner heidnischen Mutter sterbende Kind, und die Engel öffneten ihre Reihen, den glücklichen Flüchtling aufzunehmen. Beim Anblick so großer und mannichfaltiger Wunder, was bleibt uns da übrig, als mit dem Psalmisten zu rufen: „Wir, die leben, preisen den Herrn.“

Der vierte Sonntag nach Ostern heißt in der griechischen Kirche der Sonntag der Samaritanerin, weil man an demselben die Evangelienstelle liest, in welcher das Zusammentreffen des göttlichen Heilandes mit diesem Weibe geschildert wird.

Die römische Kirche beginnt heute in ihrem Nocturn die Lesung der sogenannten canonischen Briefe, die sie bis zum Pfingstfeste fortsetzt.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Achter Band: Die österliche Zeit; Mainz 1879; S. 194-204]

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