Dom Guéranger zum Fronleichnamsfest (3/3)

Die Prozession.

Wer ist sie, die aus der Wüste der Welt heraufsteigt wie eine Rauchsäule von Spezereien aus Myrrhen und Weihrauch und allerlei Gewürz? Von selbst ist heute die Braut erwacht. Voll Verlangen und Sehnen umgibt die Kirche die goldene Sänfte, woselbst der Bräutigam in seiner Herrlichkeit erscheint. Um ihn sind gereiht die Starken Israels, Priester und Leviten des mächtigen Herrn. Ihr Töchter Sions, gehet heraus, ihm entgegen; schauet den wahren Salomo mit der Krone, womit ihn seine Mutter gekrönet am Tage seiner Vermählung und am Tage der Freude seines Herzens [Hohel. 3, 5-11]. Diese Krone ist das Fleisch, welches das göttliche Wort aus der reinsten Jungfrau angenommen, als er die Menschheit zur Braut nahm [Greg. in Cantic.]. Durch diesen vollkommenen Leib, durch dieses heilige Fleisch setzt sich täglich im heiligen Mahre die geheimnißvolle Vermählung des Menschen mit der ewigen Weisheit fort. Für den wahren Salomon ist also jeder Tag ein Tag der Freude des Herzens und der Vermählung. Was läßt sich da Angemesseneres denken, als daß die Kirche wenigstens einmal im Jahre ihrem Entzücken über den unter dem Sakrament der Liebe verborgenen Bräutigam freien Lauf läßt? Darum hat heute der Priester zwei Hostien consecrirt. Nachdem er die eine sumirt, stellt er die andere in die strahlende Monstranz, die jetzt in seiner vor Ehrfurcht zitternden Hand unter der Absingung von Triumphliedern durch die bewegten Reihen der knieenden Menge getragen wird.

Diese feierliche Demonstration gegenüber der heiligen Hostie ist, wie wir bereits bemerkt, jüngeren Datums, als das Fest selbst. Urban IV. spricht in seiner Einsetzungsbulle im Jahre 1264 nichts davon. Zweiundzwanzig Jahre später, 1286, schrieb Durand von Mende sein Rationale, in welchem er an verschiedenen Stellen die in der Kirche üblichen Prozessionen behandelt. Auch er erwähnt die Frohnleichnamsprozession nicht. Dagegen liefern die […] Constitutionen Martin’s V. und Eugen’s IV. vom 26. Mai 1429 und 26. Mai 1433 den Beweis, daß diese Prozession damals bereits üblich war; denn beide gewähren den Theilnehmern Ablässe. Der Mailänder Donat Bossius berichtet in seiner Chronik, daß „am Donnerstag den 29. Mai 1404 zum ersten Male feierlich der Leib Christi in den Straßen von Pavia umhergetragen wurde, wie dies seitdem üblich geworden ist.“ Daraus wollten nun Einige schließen, daß die Frohnleichnamsprozession von Pavia aus ihre Verbreitung genommen, und zwar vom Jahre 1404 an. Aber das geht weit über den Text hinaus, der, wie dies bei einem Chronisten fast selbstverständlich, nur ein lokales Ereigniß im Auge hat. Er beweist nur, daß in diesem Jahre die Prozession zum ersten Male in Pavia abgehalten wurde, und sich dann dort erhielt; es ist aber damit durchaus nicht behauptet, daß die Prozession nicht schon in anderen Diöcesen bestand.

Thatsächlich wird denn auch anderswo die Prozession schon früher erwähnt; so namentlich auf einem handschriftlichen Titel der Kirche von Chartres aus dem Jahre 1330; in einem Acte des Kapitels von Tournai vom Jahre 1325, auf dem Concil von Paris 1325, auf dem Concil von Sens 1320. Durch die beiden Concile werden Indulgenzen für Abstinenz und Fasten am Vigiltage vor Frohnleichnam gewährt, und dann heißt es weiter: „Was die feierliche Prozession anlangt, die am Donnerstag des Festes unter Mittragung des göttlichen Sakramentes stattfindet, so wollen wir, da dieselbe durch eine Art göttlicher Eingebung in unseren Tagen eingeführt wurde, für die Gegenwart nichts bestimmen, sondern Alles dies der Frömmigkeit des Clerus und des Volkes überlassen [Labbe].“ Ueberhaupt scheint bei dieser Einführung die Initiative großentheils vom Volke ausgegangen zu sein, und wie ein aus Frankreich stammender Papst das Fest einsetzte, so scheint auch die Prozession in Frankreich zuerst enstanden zu sein und sich von da aus über den ganzen Westen Europas verbreitet zu haben.

Wahrscheinlich wurde bei dieser Prozession die heilige Hostie nicht offen, wie heutzutage, mitgetragen, sondern in einer Kapsel oder einem kostbaren Schreine verschlossen. So war es auch seit dem elften Jahrhundert in gewissen Orten bei der Prozession am Palmsonntag und am Auferstehungsmorgen üblich. Wir haben an anderem Orte bereits von diesen Kundgebungen gesprochen, die übrigens weniger das göttliche Sakrament zu verehren, als vielmehr das Geheimniß des Tages lebendiger auszudrücken bezweckten. Wie dem nun auch sein möge, der Gebrauch der Ostensorien oder Monstranzen – letzterer Ausdruck findet sich zuerst in den Acten des Concils von Köln 1452 – kam nach der Einführung dieser neuen Prozession auf. Anfangs hatten sie die Gestalt eines durchbrochenen Thurmes. So findet sich in einem handschriftlichen Missale aus dem Jahre 1374 eine Initiale D, aus welcher dies hervorgeht. Die Collecte der Messe am Frohnleichnamstage beginnt mit den Worten: „Deus, qui nobis,“ also mit dem Anfangsbuchstaben D. Solche Anfangsbuchstaben wurden oft mit Wappen, Emblemen und bedeutsamen Bildern verziert. In diesem D nun, ist ein Bischof mit zwei Akolythen gezeichnet, und zwar trägt dieser Bischof die Hostie des Heils in einem goldenen Thurme, der vier Oeffnungen hatte. Bald fand der christliche Sinn ein schöneres Symbol. Man setzte das erhabene Sakrament in eine Sonne von Crystall, die rings mit goldenen Strahlen umgeben war. Eine derartige Abbildung finden wir in einem Graduale aus der Zeit Ludwigs XII. (1498-1515). Da zeigt der erste Buchstabe des Introitus vom heutigen Festtage, eine Sonne, die bereits unseren Monstranzen ähnlich ist; sie wird von zwei mit dem Pluviale bekleideten Männern auf den Schultern getragen und von einem König, sowie mehreren Cardinälen und Prälaten geleitet [Thiers. De l’Exposition du S. Sacr. Liv. II. ch. 2].

Der damals auftauchende Protestantismus behandelte diese natürliche Entwickelung des vom Glauben und der Liebe eingegebenen katholischen Cultus als Neuerung, als Aberglauben, als schändlichen Götzendienst. Das Concil von Trient verhängte das Anathem über diese sectirerischen Beschuldigungen [Sess. XIII, can. 6], und rechtfertigte die Kirche in einem besonderen Kapitel. wir halten uns für verpflichtet, die betreffende Stelle wörtlich mitzutheilen. Es heißt dort: „Das heilige Concil erklärt als sehr fromm und sehr heilig den in der Kirche eingeführten Gebrauch, daß alljährlich ein besonderes Fest gefeiert wird, um in jeder Weise das erhabene Sakrament zu preisen, wie auch dasselbe in Prozession mit aller Pracht und Ehre über die Straßen und öffentlichen Plätze zu tragen. Es ist in der That wohl recht, daß bestimmte Tage eingesetzt seien, an welchen die Christen durch eine feierliche und ganz besondere Kundgebung Zeugniß davon ablegen, daß sie voll Dank und Ehrfurcht gegen den gemeinsamen Herrn und Erlöser der unaussprechlichen Wohlthat gedenken, welche uns den Sieg und den Triumph seines Todes vor das Auge führt. So mußte die siegreiche Wahrheit über Lüge und Irrthum triumphiren, auf daß ihre Gegner entweder vor einem solchen Glanze und einer so großen Freude der ganzen Kirche den Muth verlieren und sich in Aerger verzehren, oder beschämt und verwirrt endlich zur Erkenntniß kommen [Ebendas. cap. 5].“

Aber wir Katholiken, gläubige Anbeter des Sakramentes der Liebe, „mit welcher Freude“ – so ruft der eben so fromme als beredte Pater Faber – „müssen wir nicht diese glänzende und unermeßliche Wolke von Herrlichkeit betrachten, welche die Kirche um diese Stunde zu Gottes Thron emporsteigen läßt! Ja, man möchte glauben, daß die Welt noch im ursprünglichen Zustande der Glut und Unschuld sich befinde! Sehet diese herrlichen Prozessionen, welche mit ihren in der Sonne erglänzenden Bannern über die Plätze reicher Städte, über die mit Blumen bestreuten Wege christlicher Dörfer, unter den ehrwürdigen Gewölben alter Basiliken, längs der Gärten frommer Stätten dahin ziehen! In dieser Völkerfülle sind die Unterschiede an Farbe und Sprache nur neue Beweise für die Einheit jenes Glaubens, den alle mittels des großartigen römischen Rituale zu bekennen sich freuen. Auf wie vielen Altären von verschiedenster Bauart, alle mit den schönsten Blumen geschmückt, in einem Lichtmeere strahlend, von Weihrauchwolken umwogt, wird heute unter heiligen Gesängen vor einer knieenden, fromm gesammelten Menge das heilige Sakrament erhoben, um die Anbetung der Gläubigen zu empfangen! Auf wie viele steigt es vom Himmel nieder, um sie zu segnen! Wie viele Acte des Glaubens und der Liebe, des Triumphes und der Genugthuung sind in alledem enthalten! Die ganze Welt ist voll Freudenlieder; die Gärten werden ihrer schönsten Blumen beraubt, und fromme Hände streuen sie auf den Weg, auf welchem ihr unter der sakramentalen Gestalt verhüllter Schöpfer vorüberzieht. In die Ferne hinaus schallt feierliches Glockengeläute, der Donner der Geschütze weckt das Echo der Berge von den Anden bis zu den Apenninen; mit glänzendem Flaggenschmuck gezierte Schiffe geben auch dem Meere ein festliches Aussehen, und königliche wie republikanische Heere huldigen im Waffenglanze dem König der Könige. Der Papst auf seinem Throne, wie das Bauernmädchen im stillen Dörfchen, die Nonne in ihrer Clausur, wie der einsame Eremit, Bischöfe, Prälaten, Priester, Kaiser, Könige und Fürsten, alle sind heute von dem Gedanken an das allerheiligste Sakrament erfüllt. Die Städte sind festlich erleuchtet, die Wohnungen der Menschen hallen von Ausbrüchen der Freude wieder. So groß ist die allgemeine Lust, daß sich die Menschen ihr hingeben, ohne auch nur sich Rechenschaft darüber abzulegen. Sie sprudelt über alle Herzen, wo Trübsal herrscht, über die Armen, über die Gefangenen. All’ die Millionen Seelen, welche zur königlichen Familie oder zum geistigen Stamme Petri gehören, sind heute mehr oder minder mit dem heiligen Sakramente beschäftigt, so daß durch die ganze streitende Kirche ein einziger Freudeschauer zuckt, gleich dem rauschenden Gewoge eines bewegten Meeres. Die Sünde scheint vergessen, selbst die Thräne eher dem Uebermaß des Glückes, als der Reue erpreßt. Es ist ein Rausch, als ob die Seele in den Himmel einzöge; ja, man möchte sagen, daß die Erde in den Himmel zieht, so groß ist die Freude, womit das allerheiligste Sakrament sie überfluthet [Faber, Das heiligste Sakrament. Bd. 1].“

Während der Prozession singt man die Hymnen des Tagesofficiums: das Lauda Sion, das Te Deum und, je nach Länge des Weges, den Benedictus, das Magnificat oder andere liturgische Stücke, welche auf den Gegenstand des Festes Bezug haben. In die Kirche zurückgekehrt, schließt die gottesdienstliche Handlung wie bei gewöhnlichen Segen mit dem Tantum ergo, dem Versikel und Gebet vom allerheiligsten Sakramente. Nach dem feierlichen Segen aber wird die Hostie nicht von dem Diakon verschlossen, sondern er stellt sie auf den Thron, um welchen die frommen Gläubigen während der folgenden acht Tage eifrige Wacht halten.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Zehnter Band: Die Zeit nach Pfingsten; Mainz 1881; S. 296-302]

Dom Guéranger zum Fronleichnamsfest (2/3)

Zur Messe.

Die Prozession, welche bei allen andern Festen unmittelbar auf die Terz folgt, findet diesmal erst nach dem Schlusse des Meßopfers statt. Christus selbst soll diese Prozession führen, und wir müssen daher warten, bis die heilige Handlung die Himmel geneigt hat [Psalm 17, 10], woselbst er seinen Thron aufgeschlagen. Bald wird er unter der geheimnißvollen Wolke bei uns sein. Er hat seine Auserwählten mit dem Waizenkorne genährt, das in die Erde gefallen und durch das mystische Opfer auf allen Altären vervielfältigt wurde. Heute kommt er, um unter den Seinigen seinen Triumph zu feiern; er will die dem Gotte Jakobs gewidmeten Freudenrufe hören. Alles dies drückt die Kirche in dem feierlichen Introitus aus, mit welchem sie ihre Gesänge eröffnet. Derselbe ist dem schönen 80. Psalm entnommen […].

Introitus.

Er speiste sie mit dem Marke des Waizens, Alleluja, und sättigte sie mit dem Honig aus dem Felsen. Alleluja, Alleluja, Alleluja.

Frohlocket Gott, unserm Helfer; frohlocket dem Gott Jakobs!

Ehre sei dem Vater etc.

Er speiste sie etc.

In der Collecte erinnert die Kirche an die Absicht des Herrn bei Einsetzung des Sakramentes der Liebe, am Tage vor seinem Tode. Dasselbe sollte ein Gedächtniß des bittern Leidens sein, dem er sich bald unterziehen mußte. Diese wahre Absicht sollen wir bei den Ehren, die wir dem göttlichen Leibe und Blute zollen, nicht aus dem Auge lassen, und so bittet die Kirche, daß uns die Wirkung seines Opfers zu Theil werden möge.

Collecte.

O Gott, welcher Du uns unter dem wunderbaren Sakramente ein Andenken an dein Leiden hinterlassen hast: wir bitten Dich, gewähre uns, daß wir die heiligen Geheimnisse deines Leibes und Blutes so feiern, daß wir die Frucht deiner Erlösung stets in uns empfinden. Der Du lebst und regierst mit Gott dem Vater in Einigkeit des Heiligen Geistes, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Epistel.

Lesung des ersten Briefes des seligen Apostels Paulus an die Corinther. Cap. 11.

Brüder! Ich habe ja vom Herrn empfangen, was ich euch auch überliefert habe, daß der Herr Jesus Christus in der Nacht, in welcher er verrathen wurde, das Brod nahm, und dankte, es brach und sprach: „Nehmet hin und esset, das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird; dieses thut zu meinem Andenken.“ Desgleichen nahm er nach dem Nachtmahle auch den Kelch und sprach: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blute; thut dies, so oft ihr ihn trinket, zu meinem Andenken.“ Denn so oft ihr dieses Brod esset und diesen Kelch trinket, sollet ihr den Tod des Herrn verkündigen, bis er kommt. Wer nun unwürdig dieses Brod ißt, oder den Kelch des Herrn trinket, der ist schuldig des Leibes und Blutes des Herrn. Der Mensch aber prüfe sich selbst, und so esse er von diesem Brode und trinke aus diesem Kelche. Denn wer unwürdig ißt und trinkt, der ißt und trinkt sich das Gericht, indem er den Leib des Herrn nicht unterscheidet.

Die allerheiligste Eucharistie bildet als Opfer und Sakrament den wesentlichen Mittelpunkt der christlichen Religion; auch wollte der Herr, daß die Thatsache der Einsetzung auf einem vierfachen Zeugnisse beruhe. Der heilige Matthäus, der heilige Markus, der heilige Lukas erzählen alle in übereinstimmender Weise diese Einsetzung, und so eben haben wir den heiligen Paulus gehört, der sich in seinem den Evangelisten entsprechenden Berichte auf das eigene Zeugniß des Herrn beruft. Denn der Heiland war ihm erschienen und hatte ihn nach seiner Bekehrung über Alles unterrichtet.

Der Apostel hebt namentlich die Vollmacht hervor, welche der Heiland seinen Jüngern gegeben hatte, nämlich dasselbe, was er eben gethan, zu erneuern. Er sagt uns insbesondere, daß der Priester, so oft er den Leib und das Blut Jesu Christi consecrirt, den Tod des Herrn verkündigt. In diesen Worten ist deutlich ausgedrückt, daß das Opfer am Kreuze und das Opfer auf dem Altar dasselbe ist. Durch dieses Opfer des Erlösers am Kreuze ist auch, wie wir alsbald im Evangelium lesen werden, das Fleisch des Gotteslammes für uns wahrhaftig eine Speise und sein Blut wahrhaftig ein Trank geworden. Der Christ möge das selbst nicht in diesem Tage des Triumphes vergessen. Die Collecte der Kirche ist die vorzüglichste Form, die ihr zum treuen Ausdrucke ihrer Gebete und Gedanken dient, und was sie darin heute sagt, und im Laufe der ganzen Octave unaufhörlich wiederholt, will ncihts anderes, als die letzte rührende Empfehlung des Herrn: „So oft ihr diesen Kelch des neuen Bundes trinkt, thuet dies zu meinem Angedenken,“ – tief in die Seele ihrer Söhne einprägen. Die Wahl der Epistel, jener Briefstelle des großen Heidenapostels, soll den Christen lehren, daß dies göttliche Fleisch, das seine Seele nährt, auf dem Calvarienberge bereitet worden ist. Es soll ihn lehren, daß das Lamm, obzwar heute lebendig und unsterblich, durch einen schmerzhaften Tod unsere Speise geworden ist. Der versöhnte Sünder wird voll Zerknirschung jenen heiligen Leib empfangen, dessen Blut er durch seine vielfachen Missethaten vergossen. Der Gerechte wird voll Demuth an demselben Mahle Theil nehmen; denn er wird sich erinnern, daß auch er einen allzugroßen Antheil an den Leiden des Lammes hat: wenn er auch heute das Leben der Gnade in sich fühlt, wird er doch nie vergessen, daß er dasselbe dem Blute des Opferlammes verdankt, dessen Fleisch ihm als Speise gereicht worden ist.

Aber fürchten wir vor Allem den verwegenen Gottesraub, vor welchem der Apostel so eindringlich warnt. Ja, wer solches thäte, würde sich nicht scheuen, dem Urheber des Lebens bei dem um den Preis seines Blutes erkauften Mahle auf’s Neue den Tod zu geben. „Der Mensch prüfe sich selbst,“ sagt der heilige Paulus, „und so esse er von diesem Brode und trinke aus diesem Kelche.“ Diese Prüfung findet für Jeden, der sich einer schweren, noch nicht bekannten Sünde bewußt ist, im Sakramente der Buße statt. Wenn man auch noch so sehr seine Sünde bereut hat, wenn auch in Folge der vollkommenen Reue die Versöhnung mit Gott zur Thatsache geworden ist: so darf man sich doch nach der Vorschrift des Apostels, wie dieselbe durch die beständige Uebung der Kirche und auch conciliare Entscheidungen erkärt worden ist [Conc. Trid. Sess. XIII, cap. VII, can. XI], dem heiligen Tische nicht nahen, bevor die Sünde der Schlüsselgewalt unterworfen worden ist.

Das Graduale und der Vers Alleluja bieten auf’s Neue ein Beispiel, wie die beiden Testamente parallel laufen. […] Der Psalmist (Ps. 144, 15 und 16) preist darin die unendliche Güte des Herrn, von welchem jedes lebendige Wesen Speise erwartet; und der Heiland stellt sich darin (Joh. 6, 56. 57)uns als die wahre Speise dar.

Graduale.

Aller Augen warten auf Dich, Herr, und du gibst ihnen Speise zu rechter Zeit.

V. Du thust auf deine Hand uns sättigest alles Lebendige mit Segen.

Alleluja. Alleluja.

V. „Mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise und mein Blut ist wahrhaft ein Trank: wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm.“

Es folgt nun die Sequenz, eine berühmte und ganz eigenthümliche Dichtung des Doctor angelicus. Die Kirche, das wahre Sion, offenbart ihre Begeisterung. Sie läßt ihre Liebe zu dem lebendigen und belebenden Brode in Ausdrücke scholastischer Kürze und Genauigkeit ausströmen; man sollte annehmen, daß sie gar nicht in eine poetische Form gebracht werden könnten. Das eucharistische Geheimniß wird darin in seiner ganzen Vollständigkeit und einfachen Majestät entwickelt, dabei mit einer bestimmten Kürze, deren Geheimniß nur dem Engel der Schule zu eigen war. Diese wesentliche Auseinandersetzung über den Gegenstand des Festes, wozu dann noch eine mit dem Texte in vollständigem Einklang stehende Gesangsweise kommt, macht die Begeisterung sehr begreiflich, welche die Absingung stets in den Seelen des Volkes hervorrief und noch heute hervorruft.

Sequenz.

Deinem Heiland, deinem Lehrer,
Deinem Hirten und Ernährer,
Sion! stimm’ ein Loblied an!

Preis’ nach Kräften seine Würde,
Da kein Lobspruch, keine Zierde
Seiner Größe gleichen kann!

Dieses Brod sollst du erheben,
Welches lebt und gibt das Leben,
Das man heut’ den Christen weist;
Dieses Brod, mit dem im Saale
Christus bei dem Abendmahle
Seine Zwölfe hat gespeist.

Unser Lob soll laut erschallen,
Und das Herz in Freude wallen;
Denn der Tag hat sich genaht,
Da der Herr zum Tisch der Gnaden
Uns zuerst hat eingeladen,
Und das Mahl gestiftet hat.

Von des neuen Königs Speise
Wird des alten Passah’s Weise
Durch ein Neues abgethan;
Und der Wahrheit muß das Zeichen,
Und die Nacht dem Lichte weichen,
Und das Neue fanget an.

Was vom Herrn beim Mahl geschehen,
Hieß er uns auch so begehen,
Und zu feiern seinen Tod;
Zu dem Opfer, ihn zu ehren
Nach der Vorschrift seiner Lehren,
Wird verwandelt Wein und Brod.

Doch wie uns der Glaube lehret,
Wird das Brod in Fleisch verkehret,
Und in Christi Blut der Wein.
Was dabei das Aug’ nicht siehet,
Dem Verstande selbst entfliehet,
Sieht der feste Glaube ein.

Wundergroßes ist enthalten
Unter zweierlei Gestalten,
Die jedoch nur Zeichen sind:
Blut und Fleisch zu Trank und Speise,
Da sich doch in beider Weise
Christus ungetheilt befind’t.

Wer zu diesem Gastmahl eilet,
Nimmt ihn ganz und unzertheilet,
Unzerbrochen, unversehrt.
Einer kommt, und Tausend kommen,
Keiner hat doch mehr genommen,
Und er bleibt doch unverzehrt.

Fromme kommen, Böse kommen,
Uns sie haben ihn genommen,
Die zum Leben, die zum Tod.
Bösen wird er Straf’ und Hölle,
Guten ihres Heiles Quelle:
Wie verschieden wirkt das Brod!

Wird die Hostie auch gespalten,
Zweifle nicht an Gottes Walten,
Daß die Theile das enthalten,
Was das ganze Brod enthält.
Niemals kann das Wesen weichen,
Nur gebrochen wird das Zeichen,
Sach’ und Wesen sind die gleichen,
Beide bleiben unentstellt.

Seht! die hehre Engelspeise,
Brod der Pilger auf der Reise,
Wahres Brod dem Kinderkreise:
Nicht den Hunden wirf es hin!
Schon in Isaak’s Opfertode,
In des Osterlamms Gebote,
In der Väter Mannabrode
Wies auf es ein tiefer Sinn.

Guter Hirte, Brod der Seelen!
Dein Erbarmen laß nicht fehlen,
Dich als Hirt und Schützer wählen,
Woll’ im Land des Lebens zählen
Uns zu deinen Seligen!
Du, der Alles weiß und leitet,
Der die Menschenkinder weidet
Und an seinem Mahle leidet,
Setz’ uns, wenn die Seele scheidet,
In den Kreis der Heiligen!
Amen. Alleluja.

Evangelium.

Fortsetzung des heiligen Evangeliums nach Johannes. Cap. 6.

In jener Zeit sprach Jesus zu dem Volke der Juden: „Mein Fleisch ist wahrhaftig eine Speise, und mein Blut ist wahrhaftig ein Trank. Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm. Gleichwie mich der lebendige Vater gesandt hat, und ich durch den Vater lebe: so wird auch der, welcher mich ißt, durch mich leben. Dies ist das Brod, welches vom Himmel herabgekommen ist, nicht wie das Manna, das eure Väter gegessen haben und gestorben sind. Wer dieses Brod ißt, wird ewig leben.“

Der Liebesjünger konnte unmöglich sich dem Geheimniß der Liebe gegenüber schweigend verhalten. Als er indessen sein Evangelium schrieb, war die Einsetzung des göttliches Sakramentes von den drei ihm vorausgegangenen Evangelisten und dem Apostel Paulus hinreichend klar erzählt. Er kann daher nicht mehr auf dieses Ereigniß selbst zurückkommen, vervollständigte aber den Bericht der drei andern insofern, als er die feierliche Verheißung dieses Sakramentes meldet, welche der Heiland ein Jahr vor dem letzten Abendmahle am Ufer des See’s Tiberias gegeben.

Der zahlreichen Menge, welche das erst kürzlich stattgehabte Wunder der Vervielfältigung der Brode und der Fische um ihn versammelt hatte, stellte Jesus sich als das wahre vom Himmel herabgekommene Lebensbrod vor, welches vor dem Tode bewahrt, im Gegensatze zum Manna, das von Moses ihren Vätern gegeben wurde. Das Leben ist das erste Gut, wie der Tod das letzte Uebel. Das Leben hat in Gott seinen Sitz und seine Quelle [Ps. 35, 10]; er allein kann es mittheilen, wenn er will, und wer es verloren hat, dem kann er es wiedergeben. Durch seine Gnade hat er den Menschen zum Leben geschaffen; durch die Sünde unterlag er dem Tode. Aber Gott liebt die Welt also, daß er für die verlorene Welt seinen eingeborenen Sohn dahin gab [Joh. 3, 16], mit dem Auftrage, den Menschen in seinem ganzen Wesen auf’s Neue zu beleben. Seiner Natur nach wahrer Gott vom wahren Gott, Licht vom Licht, ist er ebenso wahres Leben vom wahren Leben, und wie der Vater Diejenigen, welche in der Finsterniß sind, durch den Sohn, sein Licht, erleuchtet, ebenso gibt er den Todten durch den Sohn, sein lebendiges Abbild, das Leben [Cyrill. Al. in Johan. Lib. IV, cap. 3]. Das Wort Gottes ist demnach unter die Menschen gekommen, damit sie das Leben hätten und überflüssig hätten [Joh. 10, 10]. Und da es das Eigenthümliche der Speise ist, daß sie das Leben vermehrt und unterhält, so hat er sich zur Speise gemacht, zur lebendigen und belebenden Speise, die vom Himmel herabgekommen ist. Des ewigen Lebens theilhaft, das er aus dem Schooße des Vaters schöpft, theilt das Fleisch des Sohnes dies Leben dem mit, der es ißt. Was seiner Natur nach dem Verderben unterworfen ist, sagt der heilige Cyrillus von Alexandria, kann nur durch körperliche Vereinigung mit dem Leibe dessen, der seiner Natur nach das Leben ist, belebt werden. Wie zwei Stücke Wachs, in der Flamme geschmolzen, nur noch Eines sind, so werden wir mit Christus, durch die Theilnahme an seinem kostbaren Leibe und Blute, Eins. Dies in dem Fleische des Wortes, das in uns selbst das unserige geworden, wird nicht mehr in uns von dem Tode überwunden werden; es wird vielmehr, an dem bezeichneten Tage, die Banden des alten Feindes abschütteln, und über die Verwesung in unseren unsterblichen Leibern triumphiren [Cyrill. Al. in Johan. Lib. X, cap. 2]. In ihrer bräutlichen Feinfühligkeit und ihrer mütterlichen Zärtlichkeit hat die Kirche die betreffende Stelle aus Johannes zum Evangelium der Messe üfr die Verstorbenen erwählt, indem sie die Thränen der Lebenden über Jene sammelt, welche nicht mehr die heilige Hostie, die Quelle des wahren Lebens, den sicheren Mittelpunkt ihrer gemeinsamen Hoffnungen, umgeben.

So mußte es eintreten, daß nicht allein die Seele durch die Berührung mit dem Worte erneuert wurde, sondern selbst der irdische Leib einen verhältnißmäßigen Antheil an der Kraft des lebendigmachenden Geistes – wie sich der Herr ausdrückt [Joh. 6, 64] – bekam. „Diejenigen, denen durch die Hinterlist eines Feindes Gift beigebracht worden ist“ – so sagt in trefflicher Weise der heilige Gregor von Nyssa – „ersticken den Giftstoff in sich durch ein Gegenmittel. Aber wie dies bei dem tödtlichen Tranke geschehen, so muß auch der Heiltrank in die Eingeweide eingeführt werden, damit er von da aus die Heilkraft über den ganzen Organismus verbreitet. Wir nun, die wir die Todesfurcht gekostet, wir brauchen auch ein Heilmittel, welches in uns das gestörte Gleichgewicht unserer Elemente wiederherstellt, und bis in unser innerstes Wesen dringend, die Gewalt des Giftes durch eine Gegengewalt neutralisirt. Was soll dies nun sein? Nichts Anderes, als jener Leib, der sich mächtiger bewiesen, als der Tod, und der daher für uns eine Quelle des Lebens ist. ‚Ein wenig Sauerteig durchsäuert den ganzen Teig,‘ sagt der Apostel [1. Cor. 5, 6]; ebenso wandelt Christi Leib den unserigen in den seinigen um. Aber nichts kommt so körperlich in uns, wie Speise und Trank, und das ergibt denn auch die unserer Natur angemessene Weise, wie die belebende Kraft selbst unsern Körper durchdringt [Greg. Nyss. Orat. catech. Cap. XXXVII].“

Das Offertorium ist dem Leviticus entnommen (21, 6); der Herr empfiehlt an jener Stelle den Priestern des alten Bundes, daß sie heilig sein sollten, im Hinblick auf das Opfer, das sie Jehova mit dem symbolischen Weihrauch und den Schaubroden zu bringen hatten. So hoch nun das Priesterthum des neuen Bundes über das Amt des vorbildlichen Gesetzes emporragt, so hoch sollen auch an Heiligkeit über die Hände Aarons Diejenigen emporragen, welche das wahre Himmelsbrod dem göttlichen Vater darbringen.

Offertorium.

Die Priester des Herrn opfern Gott Weihrauch und Brod, und darum sollen sie ihrem Gotte heilig sein, und sie werden seinen Namen nicht beflecken. Alleluja.

In dem Stillgebet erfleht der Priester die Einheit und den Frieden, welche eine besondere Gnade des göttlichen Sakramentes sind. Dies folgerten schon die Väter aus der Zusammensetzung der heiligen Gaben; denn ein Brod ist gebildet aus zahlreichen in der Mühle zermahlenen Körnern, und der eine Wein besteht aus vielen in der Kelter gepreßten Traubenbeeren.

Daran schließt sich die Präfation, als welche für heute und die ganze Octave die Weihnachtspräfation dient. Sie soll uns den innigen Zusammenhang der beiden Geheimnisse ins Gedächtniß rufen, der auch in anderer Weise zu Tage tritt. Schon der Name der Geburtsstätte ist in dieser Beziehung bezeichnend. In Bethlehem, dem Hause des Brodes, ist Jesus, das wahre Brod des Lebens, vom Himmel herabgekommen.

Stillgebet.

O Herr, wir bitten Dich, gib gnädig deiner Kirche die Gaben der Einheit und des Friedens: welche geheimnißvoll unter den dargebrachten Opfern angedeutet sind. Durch Jesum Christum, unsern Herrn. Amen.

Präfation.

Wahrlich ist es würdig und recht, billig und heilsam, daß wir Dir immer und überall Dank sagen, o heiliger Herr, allmächtiger Vater, ewiger Gott: – Denn durch das Geheimniß des fleischgewordenen Wortes ist ein neues Licht deiner Klarheit den Augen unseres Geistes erschienen: so daß wir unseren Gott sichtbar erkennen und zugleich durch diesen zur Liebe der unsichtbaren Dinge fortgerissen werden. Und deßhalb singen wir mit den Engeln und Erzengeln, mit den Thronen und Herrschaften, und mit dem ganzen Kriegsheer der himmlischen Schaaren den Lobgesang auf deine Herrlichkeit, indem wir ohne Ende rufen: Heilig, heilig, heilig etc.

Treu der Vorschrift Christi, welche der Apostel in der Festepistel auf’s Neue einschärft, erinnert die Kirche in der Antiphon zur Communion ihre Söhne daran, daß sie, so oft sie den Leib des Herrn empfangen, seinen Tod verkünden, und daß sie in heiliger Furcht sich davor bewahren, unwürdig den Geheimnissen des Heils zu nahen.

Communion.

So oft ihr dieses Brod esset und diesen Kelch trinket, sollet ihr den Tod des Herrn verkündigen, bis er kommt. Wer nun unwürdig dieses Brod ißt, oder den Kelch des Herrn trinket, ist schuldig des Leibes und Blutes des Herrn. Alleluja.

Zum Schlusse der heiligen Handlung erfleht die Kirche für die Ewigkeit die unverhüllte Vereinigung mit dem göttlichen Worte, deren Unterpfand und Vorbild die Theilnahme an der wirklichen Wesenheit des kostbaren Leibes und Blutes ist.

Postcommunion.

O Herr, wir bitten Dich, laß uns von dem eiwgen Genusse deiner Gottheit gesättigt werden: welcher durch den zeitlichen Empfang deines kostbaren Leibes und Blutes vorgebildet ist. Der Du lebst und regierst. Amen.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Zehnter Band: Die Zeit nach Pfingsten; Mainz 1881; S. 282-295]

Dom Guéranger zum Fronleichnamsfest (1/3)

Das Fest des allerheiligsten Sakramentes des Altars.

(Fronleichnamsfest.)

Lasset uns anbeten Christum, den König, den Beherrscher der Völker: der Fülle des Geistes schenkt Allen, die ihn grüßen!

Ein großer Festtag ist über der Welt aufgegangen. Gottes Fest haben ihn unsere Väter genannt; und er ist in Wahrheit ein Fest Gottes, aber auch ein Fest des Menschen; denn er ist das Fest Christi, des Mittlers, der in der Hostie gegenwärtig ist, um Gott dem Menschen und den Menschen Gott zu geben. Mit Gott Eins zu werden, darin liegt das ganze Sehnen der Menschheit, und diesem Sehnen hat Gott sogar hienieden schon durch eine Erfindung des Himmels entsprochen. Der Mensch feiert heute dieses göttliche Wunder.

Gegen dies FEst und seinen göttlichen Gegenstand haben die Menschen allezeit den schon sehr alten Einwand erhoben: „Wie kann das sein [Joh. 6, 53]?“ Und die Vernunft schien auch zu rechtfertigen, was sie gegen die thörichten Anmaßungen des Menschenherzens – wie sie meinten – vorbrachten.

Jedes Wesen dürstet nach dem Glück; gleichwohl oder vielmehr gerade deßhalb strebt es nur nach dem Gute, wofür es empfänglich ist. Denn das ist ja die Vorbedingung des Glückes, daß es dem Verlangen dessen, der es erstrebt, vollkommen Genüge leiste. Darum eben setzte die göttliche Weisheit, als sie die Himmel bereitete, die Abgründe grub, der Erde ihre Bahn vorzeichnete und Alles mit Allmacht schuf, jedes geschaffene Wesen mit den verschiedenen Zwecken der Geschöpfe in vollkommenen Einklang, indem sie Bedürfniß, Instinkt und Verlangen eines jeden nach seiner eigenen Natur bemaß, und nur solche Triebe in die einzelnen Wesen legte, denen sie Befriedigung verschaffen konnten. Sollte nun das Streben nach dem Guten und Schönen, das Suchen nach Gott, ein unabweisbares Gesetz jeder vernünftigen Natur, durch die Schranken aufgehalten werden, welche dieser Natur gesetzt sind? Würde da nicht das Glück derselben in einem Genusse außerhalb der ihnen angeborenen Fähigkeiten und darum für sie unerreichbar liegen?

So eigenthümlich auch eine solche Anomalie erscheint, so ist sie doch thatsächlich vorhanden: die wahre Psychologie, die Wissenschaft der menschlichen Seele, bezeugt das. Wie Alles, was um ihn lebt, dürstet auch der Mensch nach Glück, und gleichwohl er allein auf dieser Erde fühlt in sich ein Sehnen, das unermeßlich die Grenzen seiner gebrechlichen Natur überschreitet. Der Schöpfer der Welt hat das Scepter derselben in seine Hände gelegt, und alle die bescheidenen Gäste seiner königlichen Wohnung finden das volle Genügen aller ihrer Triebe; nur er, der König der Schöpfung, kann in der Welt kein Gegengewicht finden gegen den unwiderstehlichen Trieb, der ihn über die Grenzen seines Reiches, über die Grenzen der Zeit nach der Unendlichkeit hinzieht. Gott hat sich ihm durch seine Werke in einer seiner geschaffenen Natur angepaßten Weise offenbart; er kann Gott als den ersten Grund und das allgemeine Ziel, als die Vollkommenheit ohne Grenzen, als die unendliche Schönheit, als die höchste Güte erkennen; aber das genügt dem Menschen nicht. Dies Geschöpf aus Nichts verlangt nach dem Unendlichen in seiner Wesenheit, er sehnt sich nach dem Antlitze des Herrn selbst, nach der Versenkung in sein innerstes Leben. Die Erde ist ihm nur eine Wüste ohne Ausgang, ohne Wasser, seinen brennenden Durst zu löschen; von der Frühe wacht seine Seele, hungernd nach Gott, der allein sein Sehnen stillen kann; selbst sein Fleisch dürstet nach ihm [Psalm 62, 2]. „Wie der Hirsch verlangt nach Wasserquellen,“ ruft er aus, „also verlangt meine Seele nach Dir, o mein Gott. Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem starken lebendigen Gott; wann werd’ ich hinkommen und erscheinen vor Gottes Angesicht? Meine Thränen sind meine Speise Tag und Nacht, da man täglich zu mir sagt: Wo ist dein Gott? Daran denk’ ich und schütte in mir aus mein Herz; denn ich will hinüber an den Ort des wunderbaren Zeltes gehen, bis zum Hause Gottes unter Jubel und Lobgesang und fröhlichem Klang. Warum bist du traurig, meine Seele, und warum betrübst du mich? Hoffe auf Gott, denn ich werde ihm noch danken; er ist das Heil meines Angesichts und mein Gott [Psalm 41, 2-7].“

Das ist gewiß eine eigenthümliche Begeisterung für die kalte Vernunft; ihr erscheint das als thörichtes Gebahren; diese Anschauung Gottes, dies göttliche Leben, dies Festmahl, bei welchem Gott selbst Speise wäre, geht das nicht Alles unendlich über die Kräfte der menschlichen, wie überhaupt jeder geschaffenen Natur hinaus? Ein Abgrund trennt den Menschen von dem Gegenstande seines glühenden Verlangens, ein Abgrund, dessen Tiefe dem erschreckenden Mißverhältnisse des Nichts zum Sein gleicht. Ein schöpferischer Act allein könnte, trotz der Allmacht, diesen Anspruch nicht ausfüllen; und damit dies Mißverhältniß fürder kein Hinderniß mehr für die erstrebte Vereinigung sei, mußte Gott selbst den Raum durchbrechen, und dem Sprößling des Nichts seine eigene Thatkraft mittheilen. Aber was ist denn eigentlich der Mensch, daß das höchste Wesen, dessen Herrlichkeit die Himmel nicht fassen, von seiner Höhe zu ihm sich erniedrige?

Aber wer hat denn im menschlichen Herzen diesen gähnenden Schlund, den nichts auszufüllen vermag, gechaffen? Die Himmel erzählen die Herrlichkeit des Herrn, und die Werke seiner Hände verkünden die Weisheit und Macht ihres Schöpfers [Psalm 18, 2], woher dann im Menschen ein solcher Mangel an Harmonie? Zahl, Maß und Gewicht hätten allein bei ihm den höchsten Acten gemangelt [Weish. 11, 21]? Und er, der das Hauptwerk der Schöpfung werden sollte, wie er deren Krönung und König ist, wäre nur eines jener Pfuschwerke, welche durch ihre Mängel die Nachlässigkeit oder Ohnmacht des Arbeiters anklagen? Ferne von uns sei eine solche Lästerung! Gott ist die Liebe [1. Joh. 4, 8], sagt uns der heilige Johannes. Und die Liebe ist der Knoten des Räthsels, welches der auf ihre eigenen Kräfte beschränkten Philosophie ebenso unvermeidlich, wie unlösbar erscheint.

Gott ist die Liebe; und das Wunder liegt nicht darin, daß wir Gott geliebt, sondern daß er selbst uns zuvor geliebt [1. Joh. 4, 10]. Aber die Liebe verlangt Vereinigung, und die Vereinigung setzt Wesen voraus, die sich einander gleichen. Welcher Reichthum der göttlichen Natur! In ihr gelangen Macht, Weisheit und Liebe zu gleich unendlicher Entfaltung. In ihren höchsten Beziehungen bilden sie die erhabene Dreifaltigkeit, die seit dem Sonntag uns mit ihren Flammenstrahlen übergießt. Welche Tiefe des göttlichen Rathes! Was die grenzenlose Liebe will, dafür findet die unendliche Weisheit erhabene Mittel, deren Ausführung die Herrlichkeit der Allmacht verkünden!

Ehre vorab Dir, o Heiliger Geist, dessen kaum begonnenes Reich unser sterbliches Auge mit solchem Glanze erfüllt, daß es im Stande ist, die ewigen Beschlüsse zu erfassen! Am Tage deiner Pfingsten hat ein neues Gesetz voll Klarheit das alte mit seinen Schatten ersetzt. Der Erzieher, der auf die wahre Wissenschaft vorbereitete und die Welt in ihrer Kindheit lenkte, hat unser Lebewohl empfangen; das Licht ist durch die Predigt der heiligen Apostel erglänzt, und die Söhne des Lichts, der Kindheit entwachsen, Gott kennend und von ihm gekannt, entfernen sich täglich mehr von der schwachen und dürftigen Kindheitslehre [Gal. 3 und 4]. Kaum ist, o göttlicher Geist, die triumphirende Octave verflossen, in welcher die Kirche mit deiner Ankunft ihre eigene Geburt feierte, so sehen wir Dich bereits am Werke, die Sendung zu erfüllen, die Du übernommen. Du wolltest die Braut an Alles erinnern, was der Herr gesagt [Joh. 14, 26], und alsbald zeigst du ihrem gläubigen Auge die erhabene und strahlende Dreifaltigkeit, deren Betrachtung die in Anbetung und Lob ausgegossene Seele entzückt. Aber das erste unserer großen Glaubensgeheimnisse, das unergründliche Dogma der allerheiligsten Dreifaltigkeit, erschöpft mit nichten die ganze Fülle der göttlichen Offenbarung. Eifrig warst Du bestrebt, mit dem Felde deiner Unterweisungen auch die Gesichtskreise für den Glauben der Völker zu erweitern.

Die Erkenntniß Gottes in seinem Wesen und seinem inneren Leben forderte als ihre Ergänzung auch die Erkenntniß seines Wirkens nach Außen un der Beziehungen, welche er zwischen sich und seinen Geschöpfen aufrichten wollte. Und siehe da, schon in dieser Woche beginnen wir unter deiner Leitung das unaussprechliche Verzeichniß der kostbaren Geschenke, welche der Bräutigam, als er zum Himmel auffuhr, in unseren Händen zurückgelassen hat. An diesem Donnerstag, der uns an den heiligsten Donnerstag erinnert, da der Herr das letzte Abendmahl mit seinen Jüngern gehalten, an diesem Donnerstage bietest Du unserem jubelnden Herzen den wunderbaren Gesammtinhalt der Werke Gottes, der da Eins ist nach seiner Natur und dreifach in den Personen; das erhabene Gedächtniß [Psalm 110, 4] der Wunder, welche durch den vollkommenen Einklang der Allmacht, Weisheit und Liebe gewirkt worden sind. Die allerheiligste Eucharistie offenbart uns aus sich allein den göttlichen Weltplan. Sie stellt die Entwickelung in der Zeit, den fortschreitenden Gang der von der unendlichen Liebe eingegebenen göttlichen Entschlüsse in helles Licht; sie zeigt dieselben bis an ihr Ende, das sie selbst ist. Alle vorhergegangenen göttlichen Acte krönt sie, sie setzt dieselben voraus und erklärt sie.

Das Verlangen des Menschen nach der Vereinigung mit Gott, das über seine Natur hinausgeht und doch auch wieder unlöslich mit derselben verwachsen ist, hat uns auf die einzig mögliche Ursache desselben, auf Gott, den Schöpfer dieser Natur, zurückgeführt. Er allein hat diesen Abgrund im menschlichen Herzen gegraben; er allein kann und will ihn auch ausfüllen.

Ebenso wie der allmächtige VAter in dem Einen Worte, das göttliche Weisheit ist, alle Dinge sieht, bevor sie noch da sind, ebenso will er im Heiligen Geiste, daß alle da seien. Allerdings ist die Hervorbringung den drei Personen gemeinsam; aber die Ursache des Schaffens liegt im Heiligen Geiste. Im großen Rathe hat er das eröffnende Wort gesprochen: „Lasset uns den Menschen machen nach unserem Ebenbild und Gleichniß [1. Mos. 1, 26].“ – „Und Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbilde: nach dem Ebenbilde Gottes schuf er ihn [Ebend. 1, 27],“ ein Abbild seines Wortes, des höchsten Urbildes. Mit Vernunft und Willen begabt, wie Derjenige, dessen Abbild er ist, wird er die ganze Schöpfung für Gott beleben, und diese Schöpfung wird durch ihn zu ihrem Schöpfer huldigend sich emporschwingen. Aber die unaussprechlichen Pläne des Geistes der Liebe gehen unendlich weiter.

Der Heilige Geist will für den Menschen auch noch ein Ziel, das jenseits der Zeit liegt. Er soll in der klaren Anschauung der göttlichen Wesenheit an ihrem eigenen Leben Antheil haben. Ja, das irdische Leben der Söhne Adams ist schon im Voraus mit der Würde dieses höheren Lebens umkleidet, so daß das letztere nur als die Frucht, als die regelmäßige Weiterentwickelung des ersteren erscheint. Und damit das hinfällige Wesen des Geschöpfes nicht unter einer solchen Bestimmung bleibe, damit der Mensch dem Sehnen seiner Liebe genügen könne, bewirkt der Heilige Geist beim Schöpfungsacte, daß die drei göttlichen Personen ihm ihre eigenen Eigenschaften eingießen und auf seine endlichen und beschränkten Kräfte die Kräfte der göttlichen Natur pfropfen. Es ist dies eine Bestimmung, die über der Natur liegt, es sind dies Kräfte, welche den natürlichen Fähigkeiten beigemischt werden, um dieselben umzuwandeln, ohne sie zu zerstören und so das vorgesetzte Ziel zu erreichen.

Vergebens gibt eine hochmüthige Philosophie, die sich selbst als unabhängig und für sich bestehend erklärt, vor, sich an natürliche Dogmen, an rein menschliche Tugenden halten zu wollen. Nicht minder als der wunderbare Aufschwung gläubiger Seelen, beweisen die entsetzlichen Verirrungen der empörten Geister auf dem Wege des Irrthums und des Lasters in ihrer Weise, daß die Natur kein Standpunkt mehr ist, auf dem sich der Mensch aufrecht erhalten kann; ja, daß sie nie einen solchen Standpunkt bot. Denn wie sollte sich der Mensch den göttlichen Absichten entziehen können? Indem uns Gott einen übernatürlichen Beruf gab, hat er einen Akt der Liebe gethan, aber ebenso einen Act der Autorität. Seine Wohlthat schafft für uns eine Pflicht.

Das ist ein Adel ohne Gleichen, daß der Mensch nicht blos zum Ebenbilde Gottes, sondern zu seinem Gleichniß wird [1. Mos. 1, 26]. Zwischen dem Unendlichen, dem Ewigen und dem, der eben Nichts war und stets ein Geschöpf bleiben wird, sind Freundschaft und Liebe von nun an mögliche Dinge. DAs hat eben der Geist der Liebe bewirkt. Das Seufzen des Menschen nach seinem Gott, das Dürsten selbst seines sterblichen Fleisches nach ihm [Ps. 62, 1], waren also nicht die plötzlichen Ausbrüche einer sinnlosen Begeisterung. Das verzehrende Sehnen nach dem starken, dem lebendigen Gotte, nach dem Festmahle der Vereinigung mit ihm, war kein eitles Traumgebilde. Was Wunder, wenn der Mensch, in Gemeinschaft mit der göttlichen Natur [2. Petr. 1, 4], sich dieser Gemeinschaft bewußt wird, und sich von der unerschaffenen Flamme zum Herde ziehen läßt, von welchem aus sie bis zu ihm strahlt? Ein berechtigter zeuge seiner eigenen Werke, ist der Geist da, um das zu bestätigen, dessen wir uns bewußt geworden sind, und unserem Geiste Zeugniß zu geben, daß wir Kinder Gottes sind [Röm. 8, 16]. Es ist derselbe Geist, der im Innnersten unseres Seins sein Liebeswerk aufrecht erhält und zu gutem Ende führt, der bald in plötzlichem Lichtstrahle dem Auge unseres Herzens die Horizonte künftiger Herrlichkeit erschließt [Ephes. 1, 17. 18], bald in jenen unaussprechlichen Seufzern [Röm. 8, 26] spricht, in jenen Liedern der Verbannung voll heißen Thränen einer Liebe, welche den Augenblick der Vereinigung nicht erwarten kann. Wie sollen wir die siegreiche Süßigkeit der unvergleichlichen Harmonien schildern, welche aus dem Innern der vom göttlichen Zuge getroffenen Seele von der Erde zum Himmel emporsteigen? In der That, siegreich sind jene Seufzer; und wenn auch die ewige Vereinigung mit den Tagen der Pilgerschaft und der Prüfung unvereinbar ist, so hat darum das Thal der Thränen doch seine unaussprechlichen, seine beseligenden Geheimnisse.

In diesem Zusammenwirken des Heiligen Geistes und der Seele, weiß Derjenige, der die Herzen durchforscht, was der Geist begehrt. Denn, so sagt uns der Apostel, nach Gottes Wohlgefallen begehrt er für die Heiligen [Ebend. 8, 27]. Es ist dies ein Begehren, allmächtig wie Gott selbst; ein neues Begehren, insoweit es den Menschen betrifft, der erst von gestern stammt, ein ewiges Begehren, da es von dem Geiste ausgeht, der bereits vor dem Beginne der Zeit, ewig derselbe, ausgegangen ist. Diesem von den unergründlichen Tiefen seiner Ewigkeit her gestellten Begehren gegenüber, hat Derjenige, für welchen Alles besteht und den kein sterbliches Auge gesehen hat, noch sehen kann [1. Tim. 6, 16], beschlossen, sich in der Zeit zu offenbaren und sich mit dem Menschen, noch während seiner Pilgerfahrt, zu vereinigen, nicht zwar durch sich selbst, sondern in seinem Sohne, dem Abglanz seiner Herrlichkeit, dem Ebenbilde seines Wesens [Hebr. 1, 3]. Gott hat so sehr die Welt geliebt [Joh. 3, 16], daß er ihr sein Wort dahin gab, daß er die göttliche Weisheit schon im Schoße des Vaters dem Menschengeschlechte verpfändete. Dieser Schoß des Vaters, der sein Abbild im Schoße Abrahams findet, jenem geheimnißvollen Sammelplatze der Gerechten im Alten Bunde, dem Ruheorte der heiligen Seele, bis dem auserwählten Volke der Weg zum Heiligthume geöffnet wurde, dieser Schoß des Vaters ist die bräutliche Kammer, von welcher David singt [Ps. 18, 6], aus welcher der Bräutigam hervorgeht, wenn er zur bezeichneten Stunde die Höhen des Himmels verläßt, um seine Braut zu suchen und sie dort hinzuführen zur ewigen Hochzeitsfreude. Das ist ein triumphirender Zug des Bräutigams in seiner Schönheit [Ps. 44, 5], von welchem der Prophet Michäas gesagt, als er Bethlehem pries, daß sein Ausgang von Ewigkeit her sei [Mich. 5, 2]. So ist nach den erhabenen Lehren der katholischen Theologie ein enger Zusammenhang zwischen der ewigen Erzeugung der göttlichen Personen und ihrer Sendung in der Zeit. Dieselbe Ewigkeit vereinigt beide in Gott; von Ewigkeit her schaut die erhabene Dreifaltigkeit die unaussprechliche Geburt des einzigen Sohnes aus dem Schoße des Vaters und ebenso von Ewigkeit her sieht sie ihn als den Bräutigam aus demselben väterlichen Schoße hervorgehen.

Wenn wir nun die ewigen Rathschlüsse unter sich vergleichen, so ist es nicht schwierig herauszufinden, was eigentlich die Hauptsache ist und was sich darum auch als der schöpferische Gedanke in allem anderen ausprägt. Gott der Vater hat Alles gethan wegen dieser Vereinigung der menschlichen Natur mit seinem Sohne. Und diese Vereinigung ist so innig, daß sie für einen Menschen bis zur persönlichen Identificirung mit dem eingeborenen Sohne gehen sollte. Sie ist aber auch so allgemein, daß kein einzelner Mensch von der göttlichen Hochzeit mit der im Schönsten unter den Menschenkindern offenbar gewordenen ewigen Weisheit ausgeschlossen sein sollte, es sei denn, daß er selbst nicht wolle. So hat Gott, welcher befahl, daß aus Finsterniß Licht leuchtete, unsere Herzen erleuchtet, das Licht der Erkenntniß Gottes strahlen zu lassen in Christo Jesu Antlitz [2. Cor. 4, 6]. So ist auch das Hochzeitgeheimniß das Weltgeheimniß, so endlich gleicht das Himmelreich einem Könige, der seinem Sohne Hochzeit hielt [Matth. 22, 2].

Wo aber soll hienieden der Fürst seiner Braut begegnen? Wo soll diese wunderbare Vereinigung stattfinden? Wer wird uns die Mitgift der Braut, wer das Hochzeitsgeschenk nennen? Wer ist der Ordner des hochzeitlichen Mahles? Welche Gerichte werden den Gästen vorgesetzt? Lauter höchst wichtige Fragen, deren triumphirende Antwort erschallt, so weit der Himmel die Erde überspannt. An der Gewalt dieser erhabenen Töne erkennen wir das göttliche Wort. Die anbetungswürdige Weisheit hat die Schwelle der Tempel überschritten und predigt draußen; sie läßt ihre Stimme hören auf den Gassen, an der Spitze der Volkshaufen rufet sie, an den Eingängen der Throne rdet sie ihre Worte [Spr. Sal. 1, 20. 21]. Auf den Höhen, auf den höchsten Gipfeln, auf dem Wege mitten auf der Landstraße redet sie zu den Menschenkindern [Ebend. 8, 2-4]. Und um dieselbe Zeit eilen ihre Mägdlein, einzuladen auf das Schloß und in die Mauern der Stadt, und sie bringen die Botschaft: „Kommet und esset mein Brod, trinket den Wein, den ich für euch gemischt habe. Denn die Weisheit baute sich ein Haus, das auf sieben Säulen ruht; sie opferte ihre Schlachtopfer, mischte den Wein und richtete ihren Tisch zu [Ebend. 9, 1-5]. Alles ist bereit, kommet zu Hochzeit [Matth. 22, 4].“

O Weisheit, die Du hervorgegangen aus dem Munde des Allerhöchsten. von einem Ende zum andern reichest, und Alles ordnest in Kraft und Schönheit [Erste Antiphon aus den großen Antiphonen des Advents.]; in der Zeit des Advents, der Ankunft in Bethlehem, dem Hause des Brodes, haben wir Dich angefleht: Du warst das erste Sehnen unserer unter der Erwartung der Jahrhunderte pochenden Herzen. Der Festtag deiner glorreichen Erscheinung machte das Geheimniß der Hochzeit wie auch den Bräutigam offenbar. Die Braut wurde in den Fluthen des Jordan bereitet, die Weisen eilten mit Geschenken zu der königlichen Hochzeitsfeier, und über den aus Wasser umgewandelten Wein frohlockten die Hochzeitsgäste [Ant. Epiph. ad Benedictus]. Aber dieses in Wein verwandelte Wasser, welches die geringe Fruchtbarkeit des Weinbergs ergänzen konnte, stellte noch viel größere Wunder in Aussicht. Der wahre Weinstock, dessen Reben wir sind [Joh 15, 5], hat seine herrlichen Blüthen, seine lieblichen Früchte gegeben [Eccli. 24, 23]. Die Thäler haben Ueberfluß an Korn; Alles lobsinget [Psalm 64, 14]; denn diese Stärke des Volkes (Getreide) wird im Lande auf den Gipfeln der Berge sein, dessen Frucht wird übertreffen den Libanon [Psalm 71, 16].

Edle, erhabene Weisheit, deren göttliche Reize von der Kindheit an die nach der wahren Schönheit [Weish. 8, 2] verlangenden Herzen hinreißen! So ist denn der Tag des wahren Hochzeitsfestes gekommen. Wie eine ehrwürdige Mutter, wie eine jungfräuliche Braut, eilst Du herbei, um uns mit dem Brode des Lebens zu nähren und den Trank des Heiles uns zu reichen [Eccli. 15, 2. 3]. Besser ist deine Frucht, als Gold und Edelgestein, und dein Wesen besser, als auserlesenes Silber [Spr. Sal. 8, 19]. Die Dich essen, hungern immer, und die Dich trinken, dürften immer [Eccli. 24, 29]; denn dein Umgang hat nichts Bitteres, deine Gesellschaft nichts Widriges, sondern Lust und Freude [Weish. 8, 16], Reichthum, Ehre und Gerechtigkeit [Spr. Sal. 8, 18].

In diesen Tagen, wo Du auf den Säulen der Wolken [Eccli. 24, 7] deinen Thron in der Versammlung der Heiligen errichtest, wollen wir deine Wunder verkünden, und mit Dir, o Weisheit, dein Lob singen im Angesichte der Heerscharen des Allerhöchsten [Ebend. 24, 1-4]. Oeffne denn unsern Mund, erfülle uns mit deinem Geiste, göttliche Weisheit, damit unser Lob seines Gegenstandes würdig und sie selbst, nach der Verheißung der heiligen Schrift, in dem gläubigen Munde deiner Anbeter reichlich sei [Ebend. 15, 5. 10].

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Zehnter Band: Die Zeit nach Pfingsten; Mainz 1881; S. 211-225]

Athanasisches Glaubensbekenntnis

Wer auch immer selig werden will, der muss vor allem den katholischen Glauben festhalten; wer diesen nicht vollständig und unverletzt bewahrt, wird ohne Zweifel auf ewig verlorengehen. Dies aber ist der katholische Glaube, dass wir den einen Gott in der Dreifaltigkeit und die Dreifaltigkeit in der Einheit verehren, weder vermengend die Personen noch trennend die Wesenheit. Eine andere nämlich ist die Person des Vaters, eine andere die des Sohnes, eine andere die des Heiligen Geistes. Aber Vater und Sohn und Heiliger Geist haben nur eine Gottheit, gleiche Herrlichkeit, gleich ewige Majestät. Wie der Vater, so der Sohn, so der Heilige Geist. Unerschaffen ist der Vater, unerschaffen der Sohn, unerschaffen der Heilige Geist. Unermesslich ist der Vater, unermesslich der Sohn, unermesslich der Heilige Geist. Ewig ist der Vater, ewig der Sohn, ewig der Heilige Geist. Und doch sind es nicht drei Ewige, sondern ein Ewiger, wie auch nicht drei Unerschaffene und nicht drei Unermessliche, sondern ein Unerschaffener und ein Unermesslicher. Ebenso ist allmächtig der Vater, allmächtig der Sohn, allmächtig der Heilige Geist, und doch sind es nicht drei Allmächtige, sondern ein Allmächtiger. So ist der Vater Gott, der Sohn Gott, der Heilige Geist Gott, und doch sind es nicht drei Götter, sondern nur ein Gott. So ist der Vater Herr, der Sohn Herr, der Heilige Geist Herr, und doch sind es nicht drei Herren, sondern es ist nur ein Herr. Denn wie wir durch die christliche Wahrheit gedrängt werden, jede einzelne Person als Gott und Herrn zu bekennen, so verbietet uns doch auch der katholische Glaube, drei Götter oder Herren anzunehmen. Der Vater ist von niemandem gemacht, noch geschaffen, noch gezeugt. Der Sohn ist vom Vater allein, nicht gemacht, noch geschaffen, sondern gezeugt. Der Heilige Geist ist vom Vater und vom Sohn, nicht gemacht, noch geschaffen, noch gezeugt, sondern hervorgehend. Es ist also ein Vater, nicht drei Väter, ein Sohn, nicht drei Söhne, ein Heiliger Geist, nicht drei Heilige Geister. Und in dieser Dreieinigkeit ist nichts früher oder später, nichts größer oder kleiner, sondern alle Personen sind gleich ewig und gleich groß, so dass in allem, wie bereits gesagt wurde, sowohl die Einheit in der Dreifaltigkeit als auch die Dreifaltigkeit in der Einheit zu verehren ist. Wer daher selig werden will, muss dies von der heiligsten Dreifaltigkeit glauben.

Aber zum Heil ist es notwendig, treu auch an die Menschwerdung unseres Herrn Jesus Christus zu glauben. Das ist also der rechte Glaube, dass wir glauben und bekennen, dass unser Herr Jesus Christus, der Sohn Gottes, Gott und Mensch ist. Gott ist er aus der Wesenheit des Vaters von Ewigkeit gezeugt, und Mensch ist er aus der Wesenheit der Mutter in der Zeit geboren. Vollkommener Gott, vollkommener Mensch, bestehend aus einer vernünftigen Seele und einem menschlichen Leib. Dem Vater gleich der Gottheit nach, geringer als der Vater der Menschheit nach. Da er nun Gott ist und Mensch zugleich, so sind doch nicht zwei, sondern nur ein Christus. Einer aber, nicht als ob die Gottheit in Fleisch verwandelt worden wäre, sondern weil Gott die Menschheit angenommen hat. Einer ganz und gar, nicht durch Vermengung der Wesenheit, sondern durch die Einheit der Person. Denn wie die vernünftige Seele und der Leib nur einen Menschen ausmachen, so ist auch Gott und Mensch nur ein Christus, der gelitten hat um unseres Heils willen, abgestiegen ist zur Unterwelt, am dritten Tage wieder auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel, sitzet zur Rechten Gottes des allmächtigen Vaters, von dort wird er kommen zu richten die Lebendigen und die Toten. Bei seiner Ankunft werden alle Menschen in ihren Leibern auferstehen und Rechenschaft ablegen über ihre eigenen Handlungen. Und jene, die Gutes getan haben, werden eingehen zum ewigen Leben, die aber Böses getan haben, ins ewige Feuer. Dies ist der katholische Glaube. Wer ihn nicht treu und fest glaubt, kann nicht selig werden.

[Quelle: Diurnale Romanum; Thalwil 2011; S. S. 246T-249T]

Dom Guéranger zum Fest der allerheiligsten Dreifaltigkeit (3/3)

Zur Vesper.

Antiphon.

Ehre sei Dir, in Allem sich gleiche Dreifaltigkeit, Eine Gottheit, die Du warst vor allen Zeiten, bist und bleibst in alle Ewigkeit!

109. Psalm.

Es sprach der Herr.

[…]

Antiphon.

Lob und ewige Ehre Gott, dem Vater und dem Sohne und auch dem Heiligen Geiste, dem Tröster, nun und in alle Ewigkeit!

110. Psalm.

Lobsingen will ich Dir.

[…]

Antiphon.

Verherrlichung und Lob ertöne aus Aller Munde dem Vater und dem von Ihm gezeugten Sohne; ewiger Preis werde auch gesungen dem Heiligen Geiste!

111. Psalm.

Glückselig der Mann.

[…]

Antiphon.

Ehre sei Gott dem Vater und seinem Ihm gleichen Sohne! und Dir, o Heiliger Geist! singe unaufhörlich Lob unser Mund und die ganze Ewigkeit!

112. Psalm.

Lobet den Herrn.

[…]

Antiphon.

Von Ihm und durch Ihn und in Ihm ist Alles, Ihm sei Ehre in Ewigkeit!

113. Psalm.

Als Israel auszog.

[…]

Capitulum.

(Röm. 11.)

O Tiefe des Reichthums der Weisheit und Erkenntniß Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und wie unerforschlich seine Wege!

Hymnus.

Schon weicht der Sonne Flammenstrahl;
O selige Dreieinigkeit,
Du Licht, das ewig uns erfreut,
Sei uns’re Sonn’ im dunklen Thal!

Dir singen wir des Morgens Preis
Und wann erscheint das Abendroth,
Laß gnädig uns nach unserm Tod
Dir singen in der Heil’gen Kreis.

Um diese Gnade flehen wir,
O Vater, Sohn und Heil’ger Geist,
Den Mensch und Engel ewig preist,
Mit Mund und Herz empor zu Dir!
Amen.

V. Gepriesen seist Du, o Herr, am Firmamente des Himmels.

R. Der Du lobwürdig und herrlich bist in Ewigkeit.

Antiphon zum Magnificat.

Dich Gott, den ungezeugten Vater, Dich, den eingebornen Sohn, Dich, den Heiligen Geist, den Tröster, die heilige und unzertheilte Dreifaltigkeit, preisen und bekennen wir aus ganezm Herzen und Munde; Dich loben und benedeien wir! Dir sei Ehre in Ewigkeit!

Gebet.

Allmächtiger und ewiger Gott! Der Du uns die Gnade ertheilt hast, daß wir im Bekenntnisse des wahren Glaubens die Herrlichkeit der ewigen Dreifaltigkeit erkennen und in der Macht der Majestät die Einheit anzubeten vermochten! Laß uns nun die Festigkeit desselben Glaubens zum Schilde werden, der uns vor allen widrigen Anfällen schützt. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Commemoration des Sonntags.

Antiphon.

Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! Denn mit welchem Urtheil ihr richtet, mit dem werdet ihr auch gerichtet werden.

Versikel.

V. Es steige auf, o Gott, mein Gebet,

R. Wie Weihrauch vor deinem Angesicht.

Gebet.

Gott! Der Du Aller, die auf Dich trauen, Macht und Stärke bist! Erhöre gnädig unser Flehen! und weil die Schwachheit der Sterblichen ohne Dich nichts vermag, so stütze uns durch deine helfende Gnade, damit wir in Erfüllung deiner Gebote durch unser Wollen und unser Thun Dir wohlgefällig werden. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Das Mittelalter hat uns für das Fest der allerheiligsten Dreifaltigkeit mehrere Sequenzen überliefert. Sie sind mit metaphysischen Ausdrücken überladen und im Ganzen von nur geringem poetischem Werth. Man hört daraus die Schulsprache hervor, die zudem eckig ist, so daß sie kaum dem Geschmack der heutigen Leser entspricht. Wir bringen nur eine von Adam von St. Victor herrührende; trotz ihrer scholastischen Form bewahrt sie immer noch jenen majestätischen Wohlklang, welcher allen Compositionen dieses großen geistlichen Dichters eigen ist.

Sequenz.

Lasset uns den Einen Gott preisen und zugleich die Dreifaltigkeit verehren; lasset uns drei göttliche Personen bekennen, welche nach den persönlichen Eigenthümlichkeiten sich unterscheiden.

Drei sind es den persönlichen Beziehungen nach, aber Eines sind sie der Natur nach, und es sind nicht drei Wesen. Obgleich es drei sind, so ist es doch nur Eine Natur, keine dreifache Wesenheit.

Einfach ist ihr Sein, einfach ihre Macht, einfach ihr Wollen, einfach ihre Weisheit, Alles in ihnen ist einfach. Die Macht Einer Person ist nicht kleiner als die Macht zweier oder dreier Personen.

Vater, Sohn und Heiliger Geist sind Ein Gott; aber diese drei Personen haben ihre Eigenthümlichkeiten; sie sind Eine Kraft, Eine Gottheit, Ein Glanz, Ein Licht, und was die eine Person ist, das ist auch die andere.

Der Sohn ist dem Vater gleich; aber dies hebt den persönlichen Unterschied Beider nicht auf. Dem Vater und dem Sohne ist der Heilige Geist gleich, der von Beiden ausgeht.

Die menschliche Vernunft kann nicht die göttlichen Personen, noch ihren Unterschied erfassen. Denn da ist keine Ordnung der Zeit nach, kein Rang, noch ein Raum, der sie umgebe.

Nichts ist in Gott außer Gott, kein Urheber außer Ihm, welcher die Ursache der erschaffenen Dinge ist. Gott ist die Ursache, die erschafft und bildet, er ist das Endziel, aber niemals ist er der Stoff des Erschaffenen.

Von den göttlichen Personen nach Gebühr zu reden, übersteigt die Kraft der Vernunft und überragt des Geschöpfes Geistesschärfe. Bekennen muß ich, daß ich es nicht erfasse, was es heiße, erzeugt werden und ausgehen; doch mein Glaube zweifelt nicht.

Wer da glaubt, sei nicht voreilig und weiche nicht hoffährtig ab von dem königlichen Pfade. Er bewahre den Glauben, regle die Sitten und neige nicht hin zu den Irrlehren, welche die Kirche verdammt.

Wir wollen uns allzeit im Glauben rühmen, und in der Beharrlichkeit des Glaubens einmüthig singen: Preis sei der Dreieinigkeit, Ehre der Dreifaltigkeit in Ewigkeit.

Amen.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Zehnter Band: Die Zeit nach Pfingsten; Mainz 1881; S. 133-138]

Dom Guéranger zum Fest der allerheiligsten Dreifaltigkeit (2/3)

Zur Messe.

Das Meßopfer wird allezeit zu Ehren der allerheiligsten Dreifaltigkeit dargebracht. Heute aber verherrlicht die Kirche in ihren Gesängen, Gebeten und Lesungen, ganz besonders dies große Geheimniß, auf welchem der christliche Glaube beruht. Man thut indessen auch des ersten Sonntags nach Pfingsten Erwähnung, um die liturgische Reihenfolge nicht zu unterbrechen. Die Kirche wendet heute die weiße Farbe an, sowohl als ein Zeichen der Freude, wie auch um die Einheit und Reinheit der göttlichen Natur anzudeuten.

Der Introitus ist nicht aus der heiligen Schrift entnommen. Er besteht vielmehr aus einer diesem Tage eigenthümlichen Verherrlichungsformel. Die heilige Dreifaltigkeit ist darin als die göttliche Quelle aller Barmherzigkeit, die den Menschen erwiesen worden ist, dargestellt.

Introitus.

Gepriesen sei die heilige Dreifaltigkeit und unzertheilte Einheit; wir wollen sie preisen, weil sie an uns Barmherzigkeit gethan.

Herr, unser Herr, wie wunderbar ist dein Namen auf der ganzen Erde!

Ehre sei dem Vater etc.

Gepriesen sei etc.

In der Collecte erfleht die heilige Kirche für uns die Festigkeit im Glauben, durch welchen wir in Gott die Einheit und die Dreifaltigkeit bekennen. Es ist das die erste Bedingung des Heils, das erste Band mit Gott. Mit diesem Glauben werden wir unsere Feinde überwinden und über alle Hindernisse triumphiren.

Collecte.

Allmächtiger, ewiger Gott, welcher Du deinen Dienern im Bekenntniß des wahren Glaubens verliehen hast, die Herrlichkeit der ewigen Dreifaltigkeit zu erkennen, und in der Macht und Majestät die Einheit anzubeten; wir bitten Dich, daß wir durch die Festigkeit eben dieses Glaubens stets vor allen Widerwärtigkeiten beschützt werden. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Commemoration des ersten Sonntags nach Pfingsten.

O Gott, Du Stärke der auf Dich Hoffenden, erhöre huldreich unsere Gebete: und weil die menschliche Schwäche ohne Dich Nichts vermag, so gewähre uns den Beistand deiner Gnade, damit wir in der Vollziehung deiner Gebote Dir mit dem Willen und mit der That gefallen. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Epistel.

Lesung des Briefes des heiligen Apostels Paulus an die Römer Cap. 11.

O Tiefe des Reichthumes der Weisheit und Erkenntniß Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und wie unerforschlich seine Wege! Denn wer hat den Sinn des Herrn erkannt? Oder wer ist sein Rathgeber gewesen? Oder wwer hat ihm zuerst Etwas gegeben, daß es wieder vergolten werde? Denn von ihm und durch ihn und in ihm ist Alles. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.

Wir können unsere Gedanken nicht auf die göttlichen Rathschlüsse richten, ohne eine Art Schwindel zu empfinden. Das Ewige und Unendliche blendet unsere schwache Vernunft, und diese Vernunft erkennt die göttlichen Rathschlüsse an und bekennt sie. Wenn nun schon die Rathschlüsse Gottes über seine Geschöpfe unsere Fassungskraft schwindeln machen, wie soll da erst die innerste Natur und Wesenheit Gottes erkannt werden? Und dennoch unterscheiden und verherrlichen wir in dieser unerschaffenen Wesenheit den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Das rührt daher, daß der Vater sich uns selbst offenbarte, indem er uns den Sohn, den Gegenstand seines ewigen Wohlgefallens, sendete; der Sohn offenbarte uns seine Persönlichkeit, indem er unser Fleisch annahm, was der Vater und der Heilige Geist mit ihm nicht angenommen haben. Es rührt ferner daher, daß der von dem Vater und dem Sohne gesendete Heilige Geist herabgekommen ist, um in uns die ihm von Beiden übertragene Sendung zu erfüllen. So taucht unser sterbliches Auge voll Ehrfurcht in die heiligen Tiefen, und unser Herz schlägt in zitternder Rührung bei dem Gedanken, daß wir die Erkenntniß Gottes seinen Wohlthaten verdanken, und die erste Wohlthat besteht darin, daß er uns den Begriff dessen, was er ist, beibrachte. Hüten wir diesen Glauben mit Liebe, erwarten wir vertrauensvoll den Augenblick, wo der Glaube schwindet, um der ewigen Anschauung dessen Platz zu machen, was wir hienieden geglaubt.

Das Graduale sammt dem Versikel „Alleluja“ athmen Freude und Bewunderung in Gegenwart jener erhabenen Majestät, welche sich gewürdigt hat, ihre Strahlen bis in den Schoß unserer Finsterniß herabzusenden.

Graduale.

Gepriesen bist Du, o Herr, der Du Abgründe durchschauest und auf Cherubinen sitzest.

Gepriesen bist Du, o Herr, am Himmelszelt und lobenswerth in Ewigkeit.

Alleluja, Alleluja.

Gepriesen bist Du, o Herr, Gott unserer Väter, und lobenswerth in Ewigkeit. Alleluja.

Evangelium.

Fortsetzung des heiligen Evangeliums nach Matthäus Cap. 28.

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: „Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie Alles halten, was ich euch befohlen habe; und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an’s Ende der Welt.“

Das Geheimniß der allerheiligsten Dreifaltigkeit offenbart sich in der Sendung des Sohnes Gottes, der auf diese Welt kam, und in der Verheißung der demnächstigen Sendung des Heiligen Geistes. Den Menschen wurde das förmlich und unzweideutig in den feierlichen Worten mitgetheilt, welche Jesus sprach, bevor er in den Himmel auffuhr. Er sagte: „Wer da glaubt und sich taufen läßt, der wird selig werden [Mark. 16, 16].“ Dann aber fügte er bei, daß die Taufe im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes gespendet werden solle. Der Mensch darf darum von jetzt an nicht mehr blos die Einheit Gottes bekennen, indem er der Vielgötterei abschwört, sondern er muß auch die Dreifaltigkeit der Personen in der Einheit der Wesenheit anbeten. Das große Geheimniß des Himmels ist jetzt eine Wahrheit geworden, welche über der ganzen Erde verbreitet wird.

Wenn wir aber in aller Demuth Gott so erkennen, wie er in sich ist, dann müssen wir auch die Huldigung ewiger Dankbarkeit der glorreichen Dreifaltigkeit darbringen. Nicht nur hat sie sich gewürdigt, ihre göttlichen Züge unserer Seele aufzudrücken, die ja nach ihrem Vorbilde geschaffen ist, sondern in der übernatürlichen Ordnung hat sie sich unseres Wesens bemächtigt, und dasselbe zu einer unermeßlichen Größe erhoben. Der Vater hat uns in seinem menschgewordenen Sohne an Kindesstatt angenommen, das Wort erleuchtet unseren Verstand mit seinem Lichte, der Heilige Geist hat uns zu seiner Wohnung auserwählt. Das Alles liegt in der Form der heiligen Taufe. Durch jene Worte, welche bei der Ausgießung des Wassers über uns gesprochen werden, hat die ganze Dreifaltigkeit von ihrem Geschöpfe Besitz ergriffen. An dieses erhabene Wunder gedenken wir jedesmal, wenn wir beim heiligen Kreuzzeichen die drei göttlichen Personen anrufen. Wenn unsere sterblichen Ueberreste in das Haus Gottes gebracht werden, um da die letzten Segnungen und das Lebewohl der irdischen Kirche zu empfangen; dann wird der Priester den Herrn anflehen, nicht mit seinem Diener in’s Gericht zu gehen; und um auf diesen bereits in die Ewigkeit eingegangenen Christen das Auge der göttlichen Barmherzigkeit zu lenken, wird er dem höchsten Richter vorstellen, daß dieses Glied des Menschengeschlechts mit dem Siegel der heiligen Dreifaltigkeit bezeichnet war. Halten wir dieses erhabene Merkmal in Ehren; es wird ewig sein. Selbst die Verwerfung könnte es nicht austilgen. Es sei darum unsere Hoffnung, unser schönster Titel, und so mögen wir leben für die Herrlichkeit des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Im Offertorium leitet die Kirche das sich vorbereitende Opfer damit ein, daß sie bei Darbringung der Opfergaben die Namen der drei göttlichen Personen anruft und die göttliche Barmherzigkeit verkündet.

Offertorium.

Gepriesen sei Gott der Vater, und der eingeborene Sohn Gottes, und auch der Heilige Geist; denn er hat an uns seine Barmherzigkeit gethan.

Die heilige Kirche erfleht im Stillgebet, daß die Huldigung, welche wir in diesem Opfer der göttlichen Dreifaltigkeit darbringen, nicht auf heute beschränkt bleibe, sondern daß sie durch unsere Aufnahme in den Himmel, wo wir den einen Gott in drei Personen unverhüllt schauen werden, sich verewige.

Stillgebet.

Herr, unser Gott, wir bitten Dich, heilige durch die Anrufung deines heiligen Namens diese Opfergabe: und mache durch dieselbe aus uns selbst ein ewiges Opfer für Dich. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Commemoration des Sonntags.

O Herr, wir bitten Dich, nimm gnädig an das Dir geweihte Opfer: und laß es uns zum ewigen Schutzmittel gedeihen. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

In der Antiphon zu Communion fährt die Kirche fort, die Barmherzigkeit Gottes zu erheben, der seine eigenen Wohlthaten dazu benutzte, um uns aufzuklären und über sein unerforschliches Wesen uns zu unterrichten.

Communion.

Wir preisen den Herrn des Himmels, und vor allen Lebendigen wollen wir ihn loben; denn er hat an uns seine Barmherzigkeit gethan.

Zwei Dinge sind uns nothwendig, um zu Gott zu gelangen: das Licht des Glaubens, wodurch unser Verstand ihn erkennt, und die göttliche Speise, die uns mit ihm vereint. Die heilige Kirche erfleht nun in der Postcommunion, daß das eine wie das andere uns zum glücklichen Ziele unserer Erschaffung hinleiten möge.

Postcommunion.

O Herr, unser Gott, der Empfang dieses Sakramentes gereiche uns zum Heil an Leib und Seele: und ebenso das Bekenntniß der ewigen und heiligen Dreifaltigkeit, die zugleich unzertheilte Einheit ist. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Commemoration des Sonntags.

O Herr, nachdem Du uns mit so hohen Gütern gesättigt hast, bitten wir Dich: daß wir die heilbringenden Gaben nicht blos empfangen, sondern auch in deinem Lobe nie lässig werden. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Als letztes Evangelium wird heute nicht der Anfang des Evangeliums Johannis, sondern statt desselben das Evangelium des ersten Sonntags nach Pfingsten gelesen.

Evangelium.

Fortsetzung des heiligen Evangeliums nach Lukas Cap. 6.

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Richtet nicht, so werdet ihr nicht gerichtet werden; verdammet nicht, so werdet ihr nicht verdammet werden; vergebet, so wird euch vergeben werden. Gebet, so wird euch gegeben werden, ein gutes, ein eingedrücktes, gerütteltes und aufgehäuftes Maß wird man in euern Schoß geben; denn mit demselben Maße, womit ihr messet, wird euch wieder gemessen werden.“ Er sagte ihnen aber auch ein Gleichniß: „Kann wohl ein Blinder einen Blinden führen? Fallen sie nicht Beide in die Grube? Der Jünger ist nicht über den Meister; Jeder aber wird vollkommen sein, wenn er wie sein Meister ist. Warum siehst du den Splitter in deines Bruders Auge; des Balkens aber in deinem Auge wirst du nicht gewahr? Oder wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Bruder, laß mich den Splitter aus deinem Auge ziehen, da du selbst den Balken in deinem Auge nicht siehst? Heuchler, zieh’ zuvor den Balken aus deinem eigenen Auge; dann magst du sehen, daß du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehest.“

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Zehnter Band: Die Zeit nach Pfingsten; Mainz 1881; S. 123-131]

Dom Guéranger zum Fest der allerheiligsten Dreifaltigkeit (1/3)

Das Fest der allerheiligsten Dreifaltigkeit.

Am Pfingsttage haben wir die Ausgießung des Heiligen Geistes über die Apostel gesehen, und treu den Befehlen des Herrn, gingen sie bald darauf in die Welt, um alle Völker zu lehren und die Menschen im Namen der heiligen Dreifaltigkeit zu taufen [Matth. 28, 19]. Es schien daher passend, daß die Feier, welche dem einzigen Gott in drei Personen gewidmet werden muß, unmittelbar dem Pfingstfeste folgt, mit welchem es durch ein geheimnißvolles Band verkettet ist. Indeß verstrichen Jahrhunderte, bis dies Fest in den Kirchenkalender eingeschrieben wurde; denn derselbe ergänzt sich nur ganz allmählich, im Laufe langer Zeiten.

Alle Huldigungen, welche in der Liturgie Gott gezollt werden, haben die göttliche Dreifaltigkeit zum Gegenstande. Ihr gehört die Zeit wie die Ewigkeit; sie ist das letzte Ziel unserer ganzen Religion. Jeder Tag, jede Stunde gehört ihr. Alle Feste zum Gedächtniß unserer Heilsgeheimnisse zielen stets auf sie. Die Feste der allerseligsten Jungfrau und der Heiligen sind ebenso viele Wege, um uns zur Verherrlichung des seiner Wesenheit Einen und in den Personen dreifaltigen Herrn hinzuleiten. Insbesondere der Gottesdienst für den Sonntag bringt allwöchentlich eine besondere Formel, die der Anbetung und der Unterwerfng unter dies Geheimniß Ausdruck verleiht. Ist dasselbe ja doch ein Fundamentalgeheimniß unseres Glaubens und die Quelle aller und jeder Gnade.

Man begreift nach dem Gesagten, wie es kam, daß die Kirche so lange zögerte, bevor sie ein besonderes Fest zu Ehren der heiligen Dreifaltigkeit einsetzte. Der gewöhnliche Grund der Einsetzung eines Festes fehlte hier gänzlich. Ein Fest ist ja doch das Gedächtniß einer Thatsache, die sich in der Zeit ereignet hat, und deren Erinnerung und Einfluß gerade dadurch dauernd erhalten werden soll. Doch die ganze Ewigkeit hindurch, vor aller Schöpfung, lebt und regiert Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist. Da war kein besonderes Ereigniß zu feiern, das sich abgrenzen ließ, und es konnte die Einführung dieses Festes nur die Bedeutung haben, daß die Christen an einem Tage im Jahre in der gewissermaßen unmittelbar ausgesprochenen Absicht sich vereinten, um das Geheimniß der Einheit und Dreifaltigkeit in derselben göttlichen Natur feierlich zu verherrlichen.

Der erste Gedanke daran tauchte in einigen frommen Seelen auf. Oft haben solche Seelen von oben eine Vorahnung jener Dinge, welche der Heilige Geist künftig in der Kirche wirken wird. Im Beginn des achten Jahrhunderts glaubte der gelehrte Mönch Alcuin, von dem Geiste der heiligen Liturgie erfüllt, wie seine Schriften bezeugen, den Augenblick gekommen, eine Votivmesse zu Ehren der heiligen Dreifaltigkeit zu verfassen. Es scheint sogar, daß er damit einem Verlangen des berühmten Apostels von Deutschland, des heiligen Bonifacius, nachgekommen sei. Diese einfache Votivmesse diente damals nur der Privatfrömmigkeit, und nichts ließ ahnen, daß aus derselben später ein Fest sich entwickeln werde. Indessen fand die Messe allmählich Anklang, sie drang aus einer Diöcese in die andere, und im Jahre 1022 sehen wir dieselbe durch das Concil von Seligenstadt für ganz Deutschland angenommen.

Um diese Zeit wurde auch schon ein eigentliches Fest der heiligsten Dreifaltigkeit in einer belgischen Diöcese eingeführt; und zwar war dies dieselbe Diöcese, welche durch die Gnade Gottes vorher bestimmt war, mit einem weiteren glänzenden Feste das Kirchenjahr zu bereichern. Der Bischof von Lüttich, Stephan, setzte in seiner Kirche um’s Jahr 920 feierlich das Fest der allerheiligsten Dreifaltigkeit ein und ließ ein vollständiges Officium zu Ehren dieses Geheimnisses anfertigen. Die Bestimmung des gemeinen Rechtes, welche heute dem apostolischen Stuhle die Einführung neuer Feste vorbehält, bestand damals noch nicht, und der Nachfolger Stephans auf dem Stuhle von Lüttich, Riquier, behielt das Fest seines Vorgängers bei.

Allmählich breitete sich dasselbe aus, und es scheint, daß namentlich die Klöster für die Ausbreitung wirksam waren; denn schon in den ersten Jahren des elften Jahrhunderts beschäftigte sich der Abt Bernon von Reichenau eifrig mit seiner Verbreitung. Auch in Cluny wurde das Fest schon im Anfang desselben Jahrhunderts eingeführt. Denn das aus dem Jahre 1091 stammende Ordinarium dieses berühmten Klosters erwähnt das Fest als eine lang hergebrachte Einrichtung.

Unter dem Pontifikate Alexanders II., der von 1061 bis 1073 den römischen Stuhl inne hatte, wurde bezüglich der Einführung in die römische Kirche eine Entscheidung getroffen. Bekanntlich hat diese Kirche ja häufig das sanctionirt und allgemein eingeführt, was schon früher in einzelnen Kirchen bräuchlich war. In einem Decretale hat nun der Papst, nachdem er die bereits große Verbreitung des Festes constatirt hatte, erklärt, daß die römische Kirche dasselbe nicht angenommen hat, weil schon ohnedies täglich durch die oft wiederholten Worte: Gloria Patri et Filio et Spiritui Sancto, sowie durch eine große Zahl anderer Gebete, die anbetungswürdige Dreifaltigkeit angerufen wurde [De feriis. Cap. Quoniam. Dies Decretale wird irrthümlich Alexander III. zugeschrieben].

Indessen fuhr das Fest gleichwohl fort, sich auszubreiten, wie dies das Mikrologium bezeugt. In der ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts ließ sich bereits der gelehrte Abt Rupert, den man mit guten Grunde einen Fürsten der liturgischen Wissenschaft nennen kann, über das Wohlangebrachte dieser Einrichtung aus, und er bedient sich dabei folgender sehr bemerkenswerther Ausdrucksweise: „Alsbald, nachdem wir die Ankunft des Heiligen Geistes gefeiert, besingen wir die Herrlichkeit der heiligen Dreifaltigkeit in dem folgenden Sonntagsofficium. Und diese Anordnung ist eine wohlbegründete. Denn alsbald nach der Herabkunft dieses göttlichen Geistes begannen die Predigt und der Glaube, und in der Taufe der Glaube und das Bekenntniß des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes [De divinis Officiis. Lib. I. Cap. I].“

In England wurde das Fest der allerheiligsten Dreifaltigkeit von dem heiligen Thomas von Canterbury, dem glorreichen Martyrer, eingeführt. Im Jahre 1162 wurde es zum ersten Male in seiner Kirche feierlich begangen. Es diente gleichzeitig als Gedächtnißtag seiner bischöflichen Consecration, die am ersten Sonntag nach Pfingsten stattgefunden. In Frankreich finden wir es im Jahre 1260. Ein Concil in Arles unter dem Vorsitze des Erzbischofs Florentinus führte das Fest in seinem sechsten Canon feierlich ein, und verband mit demselben eine Octave. Schon vom Jahre 1230 an hatte der in ganz Europa verbreitete Cistercienser-Orden es in allen seinen Häusern eingeführt. Aus dem Rationale des Durand von Mende läßt sich schließen, daß die meisten lateinischen Kirchen im Laufe des dreizehnten Jahrhunderts es feierlich begingen. Einige derselben feierten es nicht am ersten, sondern am letzten Sonntage nach Pfingsten; andere begingen es doppelt: einmal am ersten Sonntag nach Pfingsten und einmal am Sonntage vor Beginn des Advents. Letzteres war namentlich der Fall bei den Kirchen von Mans, von Narbonne und von Auxerre.

Angesichts dieser Umstände war es nicht schwer vorauszusehen, daß schließlich der heilige Stuhl eine Einrichtung sanctioniren würde, deren allgemeine Einführung offenbar die ganze Christenheit herbei sehnte. Johannes XXII., der den Stuhl Petri bis zum Jahre 1334 inne hatte, kam denn auch diesem Wunsche durch ein Dekret nach, in welchem die römische Kirche das Fest der allerheiligsten Dreifaltigkeit annahm und auf alle Kirchen ausdehnte.

Sucht man nun nach dem Grunde, warum die in allen Dingen vom Heiligen Geiste geleitete Kirche einen besonderen Tag im Jahre bezeichnete, um der göttlichen Dreifaltigkeit eine feierliche Huldigung zu zollen, während doch all’ unsere Anbetung, all’ unsere Danksagungen, all’ unsere Gebete jederzeit ihr gelten, so findet man diesen Grund in einer allmählichen Veränderung, welche sich im Kirchenkalender vollzog. Bis gegen das Jahr 1000 waren allgemeine Heiligenfeste sehr selten. Aber mit der Zeit wuchs ihre Zahl, und nach dem genannten Zeitpunkte wurden dieselben um Vieles häufiger. Das konnte auch nie anders werden; alte Feste wurden nicht abgeschafft und neue kamen stets dazu. So mußte einmal eine Zeit eintreten, wo der Sonntagsgottesdienst, der ganz besonders der heiligsten Dreifaltigkeit gewidmet ist, häufig den Heiligenfesten im Laufe des Jahres die Stelle räumen mußte. Das war denn doch eine Unzuträglichkeit, bezüglich deren ein Ausweg gefunden werden mußte. Man fand ihn in der That darin, daß man einen Sonntag im Jahre voll und ganz der Anbetung dieses Geheimnisses widmete, und wurde dadurch, wenn man sich so ausdrücken darf, freier in der Verehrung der Diener Gottes an den übrigen Sonntagen, welche eigentlich der höchsten Majestät ausschließlich galten. An diesem Einen Sonntage aber beten wir Gott ganz besonders in seiner unaussprechlichen Einheit und seiner ewigen Dreipersönlichkeit an.

Die Erkenntniß und Anbetung des Einen Gottes in drei Personen ist dem christlichen Glauben ganz wesentlich. Aus diesem Geheimnisse fließen alle anderen; es ist das vorzüglichste Nährmittel unseres Glaubens, bis die ewige Anschauung uns unendlich selig macht. Darum hat es dem höchsten Herrn gefallen, so weit dies unserer beschränkten Vernunft möglich ist, uns dies Geheimniß zu bestätigen, während er dabei fortfährt, in seinem unzugänglichen Lichte zu wohnen [1. Tim. 6, 16]. Die menschliche Vernunft kann das Dasein Gottes, als des Schöpfers aller Wesen, erkennen; sie kann aus der Betrachtung seiner Werke einen Schluß auf seine Vollkommenheit ziehen; aber die Kenntniß des innersten Wesens Gottes konnte nur durch die Offenbarungen zu uns gelangen, die er selbst uns zu machen sich würdigte.

Der Herr wollte uns in seiner Barmherzigkeit sein Wesen offenbaren, damit wir uns desto enger mit ihm vereinigen könnten; er wollte uns so gewissermaßen auf die Anschauung vorbereiten, die er uns in der Ewigkeit von Angesicht zu Angesicht gewährt. Darum hat er uns allmählich von Licht zu Licht geführt, bis wir hinreichend erleuchtet waren, um die Einheit in der Dreifaltigkeit und die Dreifaltigkeit in der Einheit zu erkennen und anzubeten. In den Jahrhunderten, welche der Menschwerdung des ewigen Wortes vorangingen, scheint Gott hauptsächlich darauf bedacht, den Menschen die Idee seiner Einheit zu erhalten; denn die Vielgötterei wurde nach und nach das eigentliche Uebel des Menschengeschlechtes, und sogar die Kenntniß der geistigen und einzigen Ursache aller Dinge wäre auf Erden erloschen, wenn Gott nicht beständig für ihre Erhaltung wirksam gewesen wäre.

Damit soll indessen keineswegs behauptet werden, daß die Bücher des alten Bundes über die drei göttlichen Personen, deren unaussprechlichen Beziehungen ja in Gott von Ewigkeit her sind, gänzlich stumm geblieben wären. Aber diese heiligen Bücher waren der Masse des Volkes unzugänglich, während bei uns jedes Kind von sieben Jahren, wenn es gefragt wird, antwortet, daß in Gott drei göttliche Personen in derselben Natur in derselben Gottheit sind. In der Genesis spricht Gott in der Mehrzahl: „Lasset uns den Menschen machen nach unserem Ebenbild und Gleichniß [Gen. 1, 26].“ Der Isarelit beugt sich und glaubt, ohne zu verstehen; der Christ, im Besitze der vollkommenen Offenbarung, unterscheidet in der Anbetung die drei Personen, die bei der Schaffung des Menschen wirksam waren. Wenn dann das Licht des Glaubens seine Gedanken erleuchtet, so erkennt er sogar ohne besondere Mühe das Gleichniß in sich selbst: Macht, Einsicht, Willen sind in ihm, alle drei verschieden, und doch ist es nur ein einziges Wesen.

In den Sprüchen Salomons, im Buche der Weisheit, im Ecclesiasticus ist in großartiger Weise von der ewigen Weisheit die Rede. Ihre göttliche Wesenseinheit und persönliche Verschiedenheit treten da häufig und erhaben zu Tage; aber wer soll den Schleier lüften? Isaias hörte die Stimme der Seraphin um den Thron Gottes, und sie riefen mit ewigem Jubel einander zu: „Heilig, Heilig, Heilig ist der Herr [Is. 6, 3]!“ Wer soll den Menschen das dreifache „Heilig“ dieses Lobgesangs erklären, dessen Wiederhall bis in die irdischen Regionen herabklingt? In den Psalmen, in den Schriften der Propheten zuckt es häufig wie ein Blitz vom Himmel; ein dreifacher Glanz blendet den Blick des Menschen; aber bald ist es wieder dunkel, und im Grund der Seele bleibt ihm nur das Gefühl der göttlichen Einheit mit dem Gefühle, daß er das höchste Wesen nicht begreifen könne.

Die Fülle der Zeiten mußte erst gekommen sein; dann wird Gott seinen einzigen Sohn, den er von Ewigkeit gezeugt, senden. Diese Absicht seiner göttlichen Gnade hat er erfüllt; „das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt [Joh. 1, 14].“ Indem wir seine Herrlichkeit sehen, als die des eingeborenen Sohnes vom Vater [Ebend.], haben wir erkannt, daß in Gott Vater und Sohn ist. Die Sendung des Sohnes auf die Erde lehrte uns, indem er selbst den Vater offenbarte, daß Gott von Ewigkeit her Vater ist; denn Alles, was in Gott ist, ist ewig. Ohne diese barmherzige Offenbarung, die uns schon im Voraus über das Licht bringt, was wir erst nach diesem Leben schauen sollen, würde unsere Kenntniß Gottes allzu unvollkommen geblieben sein. Es mußte doch zwischen dem Lichte des Glaubens und der uns vorbehaltenen Anschauung eine engere Beziehung stattfinden; und darum genügte es fürder nicht mehr, wenn der Mensch nur die Einheit Gottes weiß.

Jetzt kennen wir den Vater, von welchem nach den Worten des Apostels alle Vaterschaft selbst auf Erden herkommt [Eph. 3, 15]. Uns ist der Vater nicht mehr eine bloße schöpferische Kraft, die alle Wesen außer ihm hervorbringt; unser ehrfürchtiges Auge dringt, vom Glauben geleitet, in das Innerste der göttlichen Wesenheit. Wir sehen den Vater den ihm wesensgleichen Sohn erzeugen. Um uns das zu lehren, ist der Sohn bis zu uns herabgestiegen. Er sagt uns ausdrücklich: „Niemand kennt den Vater, als der Sohn, und der, dem es der Sohn offenbaren will [Matth. 11, 27].“ Ehre sei dem Sohne, der sich gewürdigt hat, uns den Vater zu offenbaren, Ehre sei dem Vateer, der den Sohn uns offenbart hat!

So ist uns also die tiefere Kenntniß Gottes durch den Sohn zugekommen, welchen der Vater in seiner Liebe uns gegeben hat [Joh. 3, 16]. Und damit unsere Gedanken sich bis zu seiner göttlichen Natur aufschwingen könnten, hat sich dieser Sohn Gottes in der Menschwerdung mit unserer menschlichen Natur umkleidet und uns gelehrt, daß er und der Vater Eins sind, daß sie verschieden in den Personen, aber einer und derselben Wesenheit sind. Der Eine erzeugt, der Andere wird erzeugt. Der Eine ist Macht, der Andere Weisheit, Einsicht. In dem unendlich vollkommenen Wesen kann es keine Weisheit geben, ohne Macht und keine Macht, ohne Weisheit; aber Beide weisen noch auf ein Drittes hin.

Der von dem Vater gesendete Sohn ist mit seiner menschlichen Natur, welche auf ewig mti seiner göttlichen vereint ist, in den Himmel aufgefahren; Vater und Sohn senden nun den Menschen den Geist, der von Beiden ausgeht. Durch dieses neue Geschenk gelangt der Mensch zu der Erkenntniß, daß Gott, der Herr, dreipersönlich ist. Der Geist, das ewige Band zwischen den beiden Ersten, ist der Wille, die Liebe in der göttlichen Wesenheit. In Gott ist also die Fülle des Seins, ohne Anfang, ohne Aufeinanderfolge, ohne Fortschritt; denn Nichts mangelt ihm.

Die heilige Liturgie hat die Verherrlichung Gottes und die Erinnerung an seine Werke zum Gegenstande. Sie folgt alljährlich den erhabenen Phasen, in welchen der Allerhöchste sein ganzes Wesen einfachen Sterblichen erklärt hat. In den düsteren Adventsfarben haben wir die Zeit der Erwartung durchschritten, während welcher die glänzende Dreiheit nur wenige Strahlen durch das Gewölke dringen ließ. Die Welt erflehte einen Befreier, einen Messias, und der eigene Sohn Gottes sollte dieser Befreier, dieser Messias sein. Damit wir die Vorhersagungen, die ihn ankündigten, vollständig verstanden, mußte er auch thatsächlich kommen. „Ein Kind ist uns geboren worden [Is. 9, 6],“ und wir hatten den Schlüssel der Prophezeiungen. Indem wir den Sohn anbeten, haben wir auch den Vater angebetet, der uns denselben im Fleische sandte und der ihm wesensgleich ist. Das Wort des Lebens, das wir in seiner Menschheit gesehen, das wir gehört, das wir mit Händen betastet haben, hat uns überzeugt, daß es in Wahrheit eine Person und von dem Vater verschieden ist; denn der Eine sendet, der Andere ist gesandt. In dieser zweiten göttlichen Person sind wir dem Mittler begegnet, der die Schöpfung mit ihrem Schöpfer vereinigt hat, dem Erlöser unserer Sünden, dem Lichte unserer Seelen, dem Bräutigam, nach welchem alle Seelen sich sehnen.

Nachdem die Reihe der ihm eigenthümlichen Geheimnisse vorüber, haben wir die Ankunft des Geistes, des Heiligmachers, gefeiert, welcher angekündigt war, um das Werk des Sohnes Gottes zu vollenden. Wir haben ihn angebetet und als verschieden von Vater und Sohn erkannt, welche uns denselben mit dem Auftrage sendeten, bei uns zu bleiben [Joh. 14, 16]. Er hat sich in dem ihm eigenthümlichen göttlichen Wirken offenbart. Denn dies Wirken ist eben der Grund seiner Herabkunft. Er ist die Seele der heiligen Kirche, er erhält sie in der Wahrheit, welche der Sohn gelehrt hat. Er ist die Quelle der Heiligung in unseren Seelen, woselbst er seine Wohnung aufschlagen will. Kurz, das Geheimniß der allerheiligsten Dreifaltigkeit ist für uns nicht nur ein unseren Gedanken vertrauter, durch die Offenbarung kundgewordener Glaubenssatz, sondern eine jener Wahrheiten, die wir durch die unerhörte Gnadenfülle Gottes an uns selbst praktisch werden fühlen: wir sind von dem Vater an Kindesstatt angenommen, Brüder und Miterben des Sohnes, innerlich bewegt und bewohnt vom Heiligen Geiste.

[…]

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Zehnter Band: Die Zeit nach Pfingsten; Mainz 1881; S. 107-118]

Katechismus: Lektion 5 (3/3)

Überlege: Wie nennen wir Gott, weil er immer der gleiche bleibt?

8. Warum sagen wir: Gott ist wahrhaftig?

Wir sagen: Gott ist wahrhaftig, weil er immer die Wahrheit sagt; er kann nicht irren und nicht lügen.

9. Warum sagen wir: Gott ist getreu?

Wir sagen: Gott ist getreu, weil er hält, was er verspricht.

10. Warum sagen wir: Gott ist ewig?

Wir sagen: Gott ist ewig, weil er immer war und immer sein wird; Gott hat keinen Anfang und kein Ende.

Für mein Leben: Ich will immer die Wahrheit sagen und mein Versprechen halten, weil Gott, mein himmlischer Vater, wahrhaftig und getreu ist.

Wort Gottes: „Beim Herrn ist ein Tag wie tausend Jahre, und tausend Jahre sind wie ein Tag“ (2 Petr. 3, 8). – „Bei Gott ist kein Wechsel und kein Schatten von Veränderlichkeit“ (Jak. 1, 17).

Aus der Lehre der Heiligen: „Bedenke wohl, wie schnell die Menschen sich ändern und wie wenig man sich auf sie verlassen kann. Darum halte dich fest an Gott, der unveränderlich ist“ (Theresia von Avila).

Aufgaben: 1. Suche in der Bibel Beispiele dafür: a) daß Gott etwas verspricht und daß er sein Versprechen hält, b) daß er etwas androht und daß er seine Drohung ausführt! 2. In welchen Gebeten der heiligen Messe ist von dem ewigen Gott die Rede?

Wie Du warst vor aller Zeit, so bleibst Du in Ewigkeit.

[Quelle: Katholischer Katechismus der Bistümer Deutschlands. Ausgabe für das Bistum Aachen; Mönchengladbach 1955; S. 13]

Katechismus: Lektion 5 (2/3)

Gott sagt immer die Wahrheit. Menschen können sich irren und andere belügen. Gott aber kann nicht irren und nicht lügen. „Gott ist Licht, und in ihm ist keine Finsternis“ (1 Joh. 1, 5). Gott ist wahrhaftig.

Gott hält, was er verspricht. Er hat den Erlöser gesandt, den er im Alten Bunde versprochen hatte. Er wird auch halten, was er uns versprochen hat. Gott ist getreu.

Gott führt aus, was er androht, wenn die Menschen nicht auf ihn hören wollen. Er hatte die Sündflut, die ägyptischen Plagen und andere Strafen angedroht und ließ sie über die Menschen hereinbrechen, als sie sich nicht bekehrten. Er wird auch uns bestrafen, wenn wir sündigen und nicht Buße tun. „Gott läßt seiner nicht spotten“ (Gal. 6, 7).

Die Welt und die Menschen waren einmal nicht. Gott aber ist immer. Er ist immer gewesen und wird immer sein. Er hat keinen Anfang und kein Ende; für ihn gibt es kein Gestern und kein Morgen. Gott ist ewig. „Ehe die Berge geboren wurden, hervorgebracht Erde und Welt, von Ewigkeit her zu Ewigkeit hin, o Gott, bist Du“ (Ps. 89, 2).

Die Welt und die Menschen wandeln sich. Gott aber bleibt immer der gleiche: er altert nicht und wandelt sich nicht. Gott ist unwandelbar. „Himmel und Erde vergehn, Du aber bleibst, und wie ein Kleid muß alles veralten. Wie ein Gewand, so wechselst Du sie, und sie wandeln sich, Du aber bist der gleiche, und Deine Jahre enden nicht“ (Ps. 101, 27-28).

[Quelle: Katholischer Katechismus der Bistümer Deutschlands. Ausgabe für das Bistum Aachen; Mönchengladbach 1955; S. 12-13]