Dom Guéranger zum fünften Sonntag nach Ostern (1/3)

Der fünfte Sonntag nach Ostern.

Noch vier Tage, und der göttliche Auferstandene, dessen Wandel hienieden uns so theuer und kostbar war, wird von der Erde verschwunden sein. Durch diese Ankündigung scheint uns der fünfte Sonntag nach dem freudigen Osterfest auf die Trennung vorbereiten zu wollen. Der folgende Sonntag wird dann die lange Reihe jener eröffnen, die sich einander folgen, bis er wieder kommt, um die Welt zu richten. Bei diesem Gedanken schnürt sich das Herz des Gläubigen zusammen. Er weiß, daß er seinen Heiland nur nach diesem Leben wiedersehen wird, und ihn befällt dasselbe Gefühl der Trauer, wie die Apostel beim letzten Abendmahle, als er zu ihnen das Wort sprach: „Noch eine kleine Weile, so werdet ihr mich nicht mehr sehen [Joh. 16, 16].“

Aber wie groß mußte nicht erst die Beklemmung jener bevorzugten Männer nach der Auferstehung werden, da sie nun endlich begriffen, wer eigentlich ihr Meister sei, als sie gewahrten, wie die so rasch verschließende glückliche vierzigtägige Zeit ihrem Ende sich nahte. Nachdem sie so zu sagen mit dem verherrlichten Jesus gelebt, nachdem sie die Wirkungen seiner göttlichen Herablassung, seiner unaussprechlichen Vertraulichkeit gefühlt, nachdem sie aus seinem Munde alle Unterweisungen empfangen, die sie in den Stand setzten, seinen Willen zu erfüllen, und auf Erden jene Kirche zu gründen, die er als seine Braut wählte; und nun sich plötzlich sich selbst überlassen, seiner sichtbaren Gegenwart beraubt zu sehen, seine Züge nicht mehr zu schauen, seine Stimme nicht mehr zu hören, mit solchen Erinnerungen ihr Leben zu vollenden: das war das Loos, das der Apostel harrte und das sie anzunehmen hatten.

Wir werden etwas Aehnliches empfinden, was sie empfinden mußten, wenn wir uns unserer Mutter, der heiligen Kirche, recht fest angeschlossen haben. Zu unserem Heile hat uns die Kirche durch alle Regungen hindurch geführt, die sie selbst jedes Jahr beseelen, wenn sie alle die erhabenen Jahresgedächtnisse von der Geburt ihres Emmanuel bis zu dessen glorreicher Himmelfahrt an ihrem Geiste vorüberziehen läßt. Haben wir da nicht auch in Gemeinschaft mit ihrem göttlichen Bräutigam gelebt, der zugleich auch unser Erlöser ist? Und wenn wir ihm nun nmit dem aufmerksamen Auge des Glaubens in allen Freuden und Leiden gefolgt sind, sollte uns da nicht auch in dem Augenblicke, da wir ihn entschwinden sehen, eine ähnliche Bewegung überkommen, wie damals die Apostel?

Aber noch weilt am Vorabende des Tages, da Jesus die Erde verlassen soll, um gegen Himmel aufzufahren, auf dieser Erde ein Geschöpf, dessen Gefühle wir nie ergründen, noch beschreiben können; es ist Maria, die ihren Sohn wieder gefunden und den Augenblick nahen sieht, wo er sich abermals entfernt. Nie war ein Herz ergebener in den Willen seines höchsten Herrn; nie aber auch wurde ein ähnliches Opfer einem Geschöpfe zugemuthet. Jesus will, daß die Liebe Maria’s immer noch wachse und deßhalb unterwirft er sie der Prüfung seiner Abwesenheit. Er will außerdem ihre Mitwirkung bei der Gründung der Kirche; sie soll die Hand in diesem großen Werke haben, das sich nur mit ihrer Beihilfe erheben sollte. Darin zeigt sich abermals die Liebe Jesu zu seiner Mutter; er verlangt für sie das höchste Verdienst, um ihr die kostbarste Krone auf’s Haupt zu setzen, wenn sie am Himmel erscheinen soll, um dort den Thron einzunehmen, der für sie über der ganzen verherrlichten Schöpfung bereitet wurde.

Allerdings wird kein Schmerzensschwert mehr das Herz Maria’s durchdringen; das Feuer einer Liebe, die keine Zunge zu schildern vermag, wird es in glühender und dabei wonniger Sehnsucht verzehren, bis sie einmal zusammenbricht, wie die reife Frucht vom Baume fällt, welche der Zweig nicht mehr hält, weil er ihr nichts mehr geben kann. Aber in diesen letzten Augenblicken, in den letzten Umarmungen ihres göttlichen Sohnes, der im Begriffe steht, sie im Lande der Verbannung zurück zu lassen: – wie mag sich das Herz einer solchen Mutter zusammengeschnürt haben, die nur vierzig Tage das Glück gekostet hat, ihren Sohn glorreich und triumphirend zu erblicken und seine zugleich göttlichen und kindlichen Liebkosungen zu empfangen. Es ist die letzte Prüfung Maria’s; aber auch ihr gegenüber hat sie stets nur dieselbe Antwort: „Siehe, ich bin eine Dienerin des Herrn, und mir geschehe nach deinem Wort.“ Ihr ganzes Leben stellte sie in das Belieben Gottes, und so wird sie immer größer, nähert sich Gott immer mehr. Eine heilige Seele aus dem siebenzehnten Jahrhundert, die der erhabensten Offenbarungen gewürdigt wurde, sagt uns, daß es Maria freigestellt war, mit ihrem Sohne in die Ruhe der Herrlichkeit einzugehen, oder noch auf Erden zu weilen und an den Arbeiten der Neugründung der Kirche theilzunehmen: sie zog das letztere vor. Die Mutterfreuden, die ihr die Ewigkeit vorbehielt, mochten sich verzögern; sie wollte, so lange es der göttlichen Majestät gefiel, an dem großen Werke Theil nehmen, das ebenso sehr zur Ehre ihres Sohnes, als zum Heile des Menschengeschlechtes diente; sie gedachte, daß sie auch die Mutter des letzteren geworden.

Wenn eine solche Hingebung die Miturheberin unseres Heiles zur höchsten Stufe der Heiligkeit erhob, indem sie damit sich zum Gipfelpunkte ihrer Sendung aufschwang, so dürfen wir wohl auch anderseits annehmen, daß die Liebe Jesu zu seiner Mutter noch zunahm, als er von ihr ein so deutliches Zeichen erhielt, daß sie vollkommen verwachsen sei mit den geheimsten Wünschen seines heiligen Herzens. Neue Beweise seiner Zärtlichkeit lohnten dies Selbstvergessen Maria’s, dieses Eingehen auf seine Absichten, welche sie beriefen, von nun an hienieden die Königin der Apostel zu sein, wie die Kirche sie nennt, die Gehilfin ihrer Arbeiten.

Während dieser letzten Stunden vervielfältigte der Herr die Zeichen seiner Güte gegen die, welche er seines vertraulichen Umganges gewürdigt. Für mehrere derselben sollte die Zeit der Trennung lange währen. Der Liebesjünger Johannes mußte länger als fünfzig Jahre auf seine Wiedervereinigung mit seinem göttlichen Meister warten. Erst dreißig Jahre später sollte Petrus den Tod am Kreuze erleiden, um zu Dem zu kommen, der ihm die Schlüssel des Himmelreichs anvertraut hatte. Ebenso lange seufzte Magdalena nach ihrem Herrn und Meister. Aber keiner murrte. Alle waren davon durchdrungen, wie gerecht es war, daß der Erlöser der Welt, nachdem er den Glauben an seine Wiederauferstehung genügend befestigt, endlich „in seine Herrlichkeit einging [Luk. 24, 26].“

Jesus hatte den Jüngern am Tage der Auferstehung durch seine Engel die Weisung zugehen lassen, nach Galiläa sich zu begeben, wo sie seiner Gegenwart sich erfreuen sollten. Wir haben gesehen, wie sie dieser Weisung gehorchten und wie der Heiland sieben von ihnen an den Ufern des Sees Genesareth sich offenbarte. Es war die achte Erscheinung, welche die Evangelien aufzählen. Die neunte fand ebenfalls in Galiläa statt. Jesus liebte diese Gegend, aus welcher die meisten seiner Jünger stammten, wo Maria und Joseph gewohnt, und er selbst so viele Jahre in Arbeit und Verborgenheit gelebt hatte. Auch der dortige Volksschlag, einfacher und sittlicher als in Judäa, zog ihn an. Der heilige Matthäus erzählt uns, daß die feierlichste Erscheinung, die zehnte der That nach, nach der Aufzählung der Evangelien die neunte, auf einem Berge der dortigen Gegend stattfand [Matth. 28, 16].

Nach der Ansicht des heiligen Bonaventura, mit welcher auch der fromme und gelehrte Dionys, der Karthäuser, übereinstimmt, war dieser Berg der Tabor, dessen Gipfel schon durch das Geheimniß der Verklärung geheiligt war. Dort fanden sich, wie wir aus dem heiligen Paulus ersehen, mehr als fünfhundert Jünger Jesu [1. Kor. 15, 6] zusammen; es waren größtentheils Bewohner von Galiläa, die an Jesum geglaubt, als er predigte, und die darum verdienten, Zeuge dieses neuen Triumphes des Nazareners zu sein. Jesus enthüllte sich ihren Blicken und gab ihnen eine solche Sicherheit über seine Auferstehung, daß der Apostel der Heiden in seinem ersten Schreiben an die Christen von Korinth sich auf ihr Zeugniß über das Grundgeheimniß unseres Glaubens beruft.

Welche Erscheinungen weiter in Galiläa stattfanden, davon wissen wir nichts Bestimmtes; aber so viel ist uns bekannt, daß der auferstandene Heiland seinen Jüngern die Weisung gab, nach Jerusalem zu gehen, wo er ihren Augen zum letzten Male vor seiner Himmelfahrt erscheinen sollte. Geleiten wir in diesen Tagen die Jünger auf ihrem Wege nach der schuldigen Stadt. Wie oft hatte dort Jesus deren Söhne sammeln wollen, wie die Henne ihre Küchlein unter ihre Flügel sammelt, und sie hat nicht gewollt [Matth. 23, 37]! Wiederum kehrt er in ihre Mauern; diesmal aber weiß sie nichts davon. Nicht ihr wird er sich zeigen, nur seinen Freunden wird er sich offenbaren und schweigend von hinnen ziehen, um erst an dem Tage zurückzukehren, wo er Diejenigen richten will, welche die Zeit ihrer Heimsuchung nicht erkannt haben.

Der fünfte Sonntag nach Ostern heißt in der griechischen Kirche der Sonntag des Blindgeborenen, weil an diesem Sonntag die Evangelienstelle gelesen wird, in welcher die Heilung dieses Blinden erzählt ist. Man nennt ihn auch den Sonntag Episozomene, mit welchem Worte die Griechen das Geheimniß der Himmelfahrt bezeichnen; denn bei ihnen, wie bei uns unterbricht dieser Festtag den Lauf dieser liturgischen Woche.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Neunter Band: Die österliche Zeit; Mainz 1880; S. 38-44]

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