Dom Guéranger zu Christi Himmelfahrt (2/3)

Zur Messe.

Die römsiche Kirche hat heute als Station die Basilika des heiligen Petrus. Es ist gewiß ein schöner Gedanke gewesen, an einem solchen Tage die Gläubigen um das glorreiche Grab eines der vorzüglichsten Zeugen der triumphirenden Himmelfahrt zu versammeln. Die Station wird allezeit beibehalten; aber seit mehreren Jahrhunderten begibt sich der Papst sammt dem heiligen Cardinalscollegium nach der lateranensischen Basilika, um in diesem alten, von Constantin dem Erlöser geweihten Heiligthum die jährlich wiederkehrende Reihe der Geheimnisse, durch welche der Sohn Gottes unser Heil gewirkt und heute vollendet hat, zu beschließen.

In diesen beiden erhabenen Basiliken, wie in der bescheidensten Kirche der ganzen Christenheit, bildet die Osterkerze das liturgische Symbol des Festes. Wir haben gesehen, wie sie in der Osternacht angezündet wurde, und durch ihr Licht während der vierzig Tage die Dauer des Aufenthaltes unseres göttlichen Auferstandenen unter denen, die er seine Brüder zu nennen sich würdigte, bedeuten sollte. Die Blicke der versammelten Gläubigen haften freudig an dem strahlenden Lichte, das um so heller zu erglänzen scheint, je näher der Augenblick kommt, da es ausgelöscht werden soll. Preisen wir unsere Mutter, die heilige Kirche, welcher der Heilige Geist die Kunst eingeflößt hat, uns durch so vielfache sinnige Zeichen zu unterrichten und zu bewegen. Preisen wir den Sohn Gottes, der sich gewürdigt hat, uns zu sagen: „Ich bin das Licht der Welt [Joh. 8, 12].“

Der Introitus verkündet glänzend das große Fest, das uns zusammengeführt. Er besteht aus den Worten der Engel an die Apostel auf dem Oelberge. Jesus ist in den Himmel aufgefahren; Jesus soll eines Tages von dort her wieder herabkommen.

Introitus.

Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schauet gen Himmel? Alleluja: Er wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn sahet hinauffahren in den Himmel. Alleluja, Alleluja, Alleluja.

Klatschet mit Händen, alle Völker, jauchzet Gott mit Jubelschall!

Ehre sei dem Vater etc.

Ihr Männer etc.

Die heilige Kirche, welche in der Collecte die Gebete ihrer Kinder sammelt, erfleht für sie von Gott die Gnade, daß ihre Herzen mit dem göttlichen Erlöser fest vereinigt bleiben, welchen ihr Verlangen bis in den Himmel hinein, wohin er aufgefahren, suchen soll.

Collecte.

Allmächtiger Gott, wir bitten Dich, gewähre uns: daß wir, gleichwie wir an die heutige Himmelfahrt deines Eingeborenen, unseres Erlösers, glauben, so auch selbst mit unserem Sinn in himmlischen Dingen uns aufhalten. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Epistel.

Lesung aus der Apostelgeschichte Cap. 1.

In der ersten Erzählung, o Theophilus, habe ich von Allem gesprochen, was Jesus zu thun und zu lehren anfing bis auf den Tag, da er aufgenommen ward, nachdem er den Aposteln, die er auserwählt hatte, durch den Heiligen Geist Befehle gegeben: welchen er auch nach seinem Leiden als lebendig sich darstellte durch viele Beweise, indem er vierzig Tage hindurch ihnen erschien und vom Reiche Gottes redete. Er aß auch mit ihnen und befahl ihnen, von Jerusalem nicht wegzugehen, sondern zu warten auf die Verheißung des Vaters, „die ihr (sprach er) aus meinem Munde gehört habet. Denn Johannes hat zwar mit Wasser getauft, ihr aber wollt mit dem Heiligen Geiste getauft werden binnen weniger dieser Tage.“ Die nun zusammengekommen waren, fragten ihn und sprachen: „Herr, wirst Du wohl in dieser Zeit das Reich Israel wieder herstellen?“ Er aber sprach zu ihnen: „Es steht euch nicht zu, Zeit oder Stunde zu wissen, welche der Vater in seiner Macht festgesetzt hat; aber ihr werdet die Kraft des des Heiligen Geistes empfangen, der über euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samaria und bis an die Grenzen der Erde.“ Und als er dies gesagt hatte, ward er vor ihren Augen aufgehoben, und eine Wolke entzog ihn ihren Blicken. Und als sie ihm nachschauten, wie er in den Himmel fuhr, siehe, da standen bei ihnen zwei Männer in weißem Gewande, welche auch sprachen: „Ihr Männer von Galiläa, was stehet ihr da un schauet gen Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen worden, wird eben so wiederkommen, wie ihr ihn sahet hingehen in den Himmel.“

Indem wir dieser bewundernswerthen Erzählung folgten, haben wir gewissermaßen der Auffahrt unseres Emmanuel in den Himmel beigewohnt. Was gibt es Rührenderes, als jenen Blick der Jünger nach ihrem göttlichen Meister, der sich, sie segnend, plötzlich erhob? Aber eine Wolke lagert sich zwischen Jesus und sie und ihre durch Thränen geblendeten Augen haben seine Spur hoch oben verloren. Sie sind von jetzt an allein auf dem Berge; Jesus hat ihnen seine sichtbare Gegenwart entzogen. Welchen Eckel empfänden sie jetzt in dieser öden Welt, wenn die Gnade sie nicht aufrecht erhielte, wenn nicht der Heilige Geist im Begriffe stände, auf sie herabzukommen und in ihnen ein neues Dasein zu schaffen? Erst im Himmel werden sie ihn wiedersehen, der ihr Gott ist, der drei Jahre hindurch sich würdigte, ihr Meister zu sein, der endlich beim letzten Abendmahle sie seine Freunde nennen wollte.

Aber nicht sie allein empfinden den Kummer. Die Erde, die freudebebend die Schritte des Sohnes Gottes fühlte, wird von seinen Füßen nicht mehr berührt. Sie hat jenen Ruhm verloren, den sie seit viertausend Jahren erharrte, den Ruhm, ihrem göttlichen Schöpfer zur Wohnstätte zu dienen. Die Völker sind in der Erwartung eines Erlösers; aber außerhalb Judäa und Galiläa wissen die Menschen nicht, daß dieser Erlöser gekommen und daß er bereits in den Himmel aufgefahren ist. Das Erlösungswerk wird indessen nicht in jenen engen Kreis eingeschlossen bleiben. Dem Menschengeschlecht wird die Ankunft Jesu zur Kenntniß gebracht werden und die Stimme der heiligen Kirche verkündet heute in allen fünf Welttheilen seine Himmelfahrt und preist den Triumph des Emmanuel. Achtzehn Jahrhunderte sind seit seiner Auffahrt verflossen und unser Lebewohl voll Ehrfurcht und Liebe schließt sich heute noch den Abschiedsrufen seiner Jünger an, die erschollen, als er sich zum Himmel erhob. Auch wir beklagen seine Abwesenheit; aber wir sind glücklich in dem Gedanken, ihn verherrlicht, gekrönt zur Rechten seines Vaters sitzen zu sehen. Du bist in deine Ruhe eingegangen, o Herr, wir beten Dich an auf deinem Throne, wir, die wir deine Erkauften, deine Errungenen sind. Segne uns, ziehe uns zu Dir; bewirke, daß deine letzte Ankunft unsere Hoffnung und nicht unsere Furcht sei.

Die beiden Verse des Alleluja wiederholen die Worte Davids, der schon im Voraus den unter dem Jubel der Engel und dem Schmettern der himmlischen Posaunen in seine Herrlichkeit einziehenden Christus prieß, der begeistert schilderte, wie der Ueberwinder als stolzes Siegeszeichen die glücklichen aus der Vorhölle befreiten Gefangenen mit sich führte.

Alleluja, Alleluja.

Gott ist aufgefahren mit Jubelklang, der Herr mit Posaunenschall. Alleluja.

Der Herr ist unter ihnen wie auf Sina in dem Heiligthume. Du fahrest in die Höhe, nimmst die Gefangenschaft gefangen. Alleluja.

Evangelium.

Fortsetzung des heiligen Evangeliums nach Markus Cap. 16.

In jener Zeit erschien Jesus den elf Jüngern, da sie zu Tische saßen, und er verwies ihnen ihren Unglauben und ihres Herzens Härtigkeit, daß sie Denen nicht geglaubt hätten, welche ihn gesehen hatten, nachdem er auferstanden war. Und er sprach zu ihnen: „Gehet hin in die ganze Welt und prediget das Evangelium allen Geschöpfen. Wer da glaubt und sich taufen läßt, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden. Es werden aber Denen, die da glauben, diese Wunder folgen. In meinem Namen werden sie Teufel austreiben, mit neuen Sprachen reden, Schlangen aufheben, und wenn sie etwas Tödtliches trinken, wird es ihnen nicht schaden, Kranken werden sie die Hände auflegen, und sie werden gesund werden.“ Und der Herr Jesus, nachdem er mit ihnen geredet hatte, wurde in den Himmel aufgenommen und sitzet zur rechten Hand Gottes. Sie aber gingen hin und predigten überall, und der Herr wirkte mit ihnen und bekräftigte das Wort durch die darauf folgenden Wunder.

Nachdem der Diakon diese Worte vollendet, löscht ein Akolyth schweigend die geheimnißvolle Kerze, deren Licht uns an die Gegenwart des auferstandenen Jesus erinnerte. Dieser bedeutungsvolle Ritus sagt uns, daß jetzt die Witwenschaft der heiligen Kirche beginnt. Wenn wir von jetzt ab unseren Heiland betrachten wollen, müssen wir nach dem Himmel schauen, woselbst sein Thron steht. Wie rasch ist sein Vorübergang hienieden gewesen, wie viele Geschlechter sind seitdem vorübergegangen und wie viele werden noch vorübergehen, bis er sich auf’s Neue zeigt!

Entfernt von ihm, schmachtet die heilige Kirche in den Leiden der Verbannung. Gleichwohl beharrt sie dabei, in diesem Thale der Thränen zu wohnen; denn sie muß die Kinder hüten und pflegen, zu deren geistiger Mutter sie ihr göttlicher Bräutigam gemacht hat; aber der Anblick ihres Jesus fehlt ihr, und wenn wir Christen sind, dann muß er auch uns selber fehlen. O, wann wird der Tag kommen, wo wir, auf’s Neue mit unserem Fleische bekleidet, in die Lüfte entrückt werden, Christo entgegen, um immerfort bei dem Herrn zu sein [1. Thess. 4, 16]. Dann erst und nur dann haben wir den Zweck erreicht, um deßwillen wir geschaffen wurden.

Alle Geheimnisse des menschgewordenen Wortes, die wir vor unseren Augen sich der Reihe nach enthüllen sahen, finden ihre Krönung in seiner Himmelfahrt; alle Gnaden, die wir Tag um Tag empfangen haben, haben kein anderes Ziel, als die unserige. „Diese Welt ist nur eine Gestalt, die vergeht [1. Kor. 7, 31],“ und wir sind in derselben, um unserem göttlichen Haupte angegliedert zu werden. In ihm liegt unser Leben, unsere Glückseligkeit; vergebens würde es sein, wenn wir sie anderswo suchen wollten. Alles, was uns Jesus näher bringt, ist gut, was uns von ihm entfernt, ist böse und verhängnißvoll. Die Himmelfahrt ist der letzte Strahl, den Gott vor unseren Augen aufblitzen läßt, um uns den Pfad zu zeigen. Wenn unser Herz sich darnach sehnt, Jesus wieder zu finden, dann lebt es im wahren Leben; wenn es an irdischen Dingen hängt, so daß es zu der himmlischen Liebe, die Jesus ist, sich nicht hingezogen fühlte, dann wäre es todt.

Erheben wir darum mit den Jüngern unsere Augen und folgen wir im Verlangen ihm, der heute zum Himmel auffährt, um uns dort eine Wohnstätte zu bereiten. Sursum corda! Empor die Herzen! Das ist der Scheidegruß, den uns unsere Brüder zurufen, die im Gefolge des göttlichen Ueberwinders sich zur Höhe schwingen, es ist der Ruf der heiligen Engel, die vor dem Emmanuel herziehen und uns einladen, ihre Reihen zu ergänzen.

Sei denn gesegnet, Osterkerze, Lichtsäule, deren liebliche, glänzende Flamme uns vierzig Tage hindurch erfreut hat. Du redest zu uns von Jesus, unserer Leuchte in der Nacht dieser Welt; jetzt sagt uns dein erloschenes Licht, daß wir hienieden Jesum nicht mehr sehen werden und daß wir, wenn wir ihn schauen wollen, von nun an uns zum Himmel aufschwingen müssen. Du theures Abbild, das die mütterliche Hand der heiligen Kirche aufgestellt, um zu unseren Herzen zu sprechen, indem es unser Auge auf sich zieht, auch dir sagen wir jetzt Lebewohl; aber die Erinnerung an die heiligen Gemüthsbewegungen, welche dein Anblick während der durch die verkündigten österlichen Zeit in uns hervorgebracht, wollen wir dir treulich bewahren.

Als Antiphon des Offertoriums wendet die Kirche dieselben Worte Davids an, welche sie bereits vor Lesung des Evangeliums hat erschallen lassen. Sie hat eben nur einen Gedanken: den Triumph ihres Bräutigams, die Freude des Himmels, an welcher sie auch die Bewohner der Erde theilnehmen sehen will.

Offertorium.

Gott ist aufgefahren mit Jubelklang, der Herr mit Posaunenschall. Alleluja.

Im Gefolge Jesu in das ewige Leben einzugehen, die Hindernisse zu vermeiden, welche uns auf diesem Wege begegnen können; das müssen heute unsere Wünsche sein, das ist auch die Bitte, welche die heilige Kirche heute für uns im Stillgebete an Gott richtet.

Stillgebet.

O Herr, nimm an unsere Gaben, die wir Dir wegen der glorreichen Himmelfahrt deines Sohnes darbringen, damit wir von den gegenwärtigen Gefahren befreit werden und zum ewigen Leben gelangen. Durch denselben Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Präfation.

Wahrlich ist es würdig und recht, billig und heilsam, daß wir Dir immer und überall Dank sagen, heiliger Herr, allmächtiger Vater, ewiger Gott, durch Christum, unseren Herrn: Welcher nach seiner Auferstehung allen seinen Schülern sichtbar erschien und vor ihren Augen sich in den Himmel erhob, um uns seiner Gottheit theilhaftig zu machen. Und deßhalb singen wir mit den Engeln und Erzengeln, mit den Thronen und Herrschaften, und mit dem ganzen Kriegsheer der himmlischen Schaaren den Lobgesang auf deine Herrlichkeit, indem wir ohne Ende rufen: Heilig, Heilig, Heilig etc.

Ein neuer Vers Davids bildet die Antiphon zur Communion. Der königliche Prophet verkündet darin tausend Jahre vorher, daß der Emmanuel sich im Osten zum Himmel aufschwingen wird. Und in der That liegt der Oelberg, von welchem aus wir heute Jesus in seines Vaters Reich haben auffahren sehen, östlich von Jerusalem.

Communion.

Lobsinget Gott, der über den Himmel des Himmels hinauffährt gen Aufgang. Alleluja.

Das gläubige Volk besiegelt seinen Bund mit seinem göttlichen Haupte damit, daß es an dem erhabenen Sakramente Theil nimmt. Die heilige Kirche bittet Gott, daß dies Geheimniß, das Jesum fortan unsichtbar umschließt, in uns bewirke, was es äußerlich besagt.

Postcommunion.

Allmächtiger und barmherziger Gott, wir bitten Dich, laß uns durch unsichtbare Wirkungen Das erlangen, was wir durch die sichtbaren Geheimnisse empfangen und genossen haben. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Neunter Band: Die österliche Zeit; Mainz 1880; S. 99-108]

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