Dom Guéranger zum Sonntag in der Octave von Christi Himmelfahrt (1/3)

Der Sonntag in der Octave von Christi Himmelfahrt.

O König der Herrlichkeit! Herr der Allmacht! Der Du heute als Sieger über alle Himmel Dich erhobest; laß uns nicht als Waisen zurück, sondern sende uns die Verheißung des Vaters herab, den Geist der Wahrheit, Alleluja.

Jesus ist zum Himmel aufgefahren. Als Gott war er stets dort, aber heute bestieg er auch in seiner menschlichen Natur den Thron, und wurde dort mit dem Strahlendiademe gekrönt. Darin liegt abermals eine Seite des glorreichen Geheimnisses der Himmelfahrt. Dieser heiligen menschlichen Natur wurde der bloße Triumph nicht genügend erachtet; ihm war die Ruhe bereitet auf dem Throne des ewigen Wortes selbst, mit welchem sie nun auf ewig in derselben Person vereinigt ist, und auf diesem hohen Throne soll sie die Anbetung der ganzen Schöpfung entgegen nehmen. Im Namen Jesu, des Menschensohnes und des Gottessohnes, im Namen Jesu, der zur Rechten des allmächtigen Vaters sitzt, „sollen alle Kniee derer sich beugen, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind [Philipp. 2, 10].“

Ihr Bewohner der Erde! Da ist nun diese menschliche Natur, die ehedem in der Niedrigkeit der Windeln erschien, die Judäa und Galiläa durchzog, ohne zu wissen, wohin sie ihr Haupt zur Ruhe legen sollte, die von gottlosen Händeln gefesselt, gegeißelt, mit Dornen gekrönt, an’s Kreuz geschlagen wurde; aber während die Menschen, die ihn nicht erkannt, ihn wie einen Wurm zertraten, nahm er den Leidenskelch in voller Unterwürfigkeit an und ergab sich in den Willen des Vaters; als Opferlamm willigte er darein, die göttliche Herrlichkeit zu versöhnen und all’ sein Blut als Lösegeld für die Sünder hinzugeben. Dieses menschliche Wesen, welches durch die unbefleckte Maria dem Adam entsproßte, ist das Hauptwerk der göttlichen Allmacht. Jesus, „der schönste unter den Menschenkindern [Psalm 44, 3],“ ist der Gegenstand der begeisterten Bewunderung der Engel; auf ihm ruht das Wohlgefallen der allerhöchsten Dreifaltigkeit; die über ihn ausgegossene Gnadenfülle übersteigt Alles, was Menschen und himmlische Geister zusammen erhielten; aber Gott hatte ihn zum Pfade der Prüfung bestimmt; um geringeren Preis hätte Jesus die Menschen wieder erkaufen können und versenkte sich freiwillig in ein Meer von Demüthigungen und Leiden, um in Ueberfülle die Schuld seiner Brüder zu bezahlen. Was wird sein Lohn sein? Der Apostel sagt es uns in den eindringlichen Worten: „Er ward gehorsam bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuze; darum hat ihn Gott erhöht und ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist [Philipp. 2, 8. 9].“

O ihr, die ihr hienieden mit seinen Schmerzen, durch welche er uns wieder erkauft, gelitten habt, die ihr ihm gerne durch die Stationen seiner Pilgerfahrt bis auf Golgatha gefolgt seid, heute erhebt das Haupt und schauet zum höchsten Himmel empor: dort weilt er, weil er den Tod erlitten, mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt [Hebr. 2, 9]. Weil er Knechtesgestalt annahm, er, der einer anderen Natur nach Gott gleich gewesen [Phil. 2, 6. 7], darum gefällt es dem Vater, ihn in Herrlichkeit und Macht zu erhöhen. Die Krone von Dornen, die er hienieden getragen, ist durch ein Diadem aus Edelsteinen ersetzt [Psalm 20, 4]. Das Kreuz, das er auf seine Schultern legen ließ, ist ein Zeichen fürstlicher Würde geworden; die Wunden, welche die Nägel und die Lanze an seinem Körper gerissen, strahlen wie Sonnen. Ehre sei der Gerechtigkeit des Vaters gegen Jesus, seinen Sohn! Aber freuen wir uns auch an diesem Tage, den „Mann der Schmerzen [Isaias 53, 3]“ zu erblicken, der jetzt der König der Herrlichkeit geworden, und wiederholen wir jubelnd das Hosanna, das der himmlische Hof bei seiner Ankunft erschallen ließ.

Glauben wir indessen nicht, daß der Sohn des Menschen, der von nun an auf dem Throne der Gottheit seinen Sitz hat, in seiner glorreichen Ruhe unthätig bleibt. Er ist vor Allem eingesetzt, als der Richter der Lebendigen und der Todten [Apostelg. 10, 42], und vor seinem Richterstuhle werden wir Alle stehen [Röm. 14, 10]. Kaum hat unsere Seele den Leib verlassen, so steht sie vor diesem Richterstuhle, um aus dem Munde des Menschensohnes das Urtheil zu vernehmen, das sie verdient hat. O Heiland, der Du an diesem Tage gekrönt wirst, sei uns barmherzig in dieser für unsere Ewigkeit entscheidenden Stunde.

Aber die von Jesus dem Herrn ausgeübte Gewalt wird sich keineswegs auf diese nicht in der Welt zu Tage tretende Urtheilsfällung beschränken. Die Engel haben es uns heute gesagt: er soll sich auf’s Neue der Erde zeigen; er wird vom Himmel herabkommen, wie er aufgefahren ist, und dann bricht das feierliche Gericht an, vor welchem die ganze Menschheit zu erscheinen hat. Auf den Wolken des Himmels thronend, von der himmlischen Heerschaar umgeben, wird dann der Menschensohn der Erde in seiner ganzen Majestät erscheinen. „Sie werden schauen auf den, den sie durchbohrt haben [Zach. 12, 10],“ und die Wundmale, die seiner Schönheit einen neuen Glanz verleihen, werden den Einen ein Gegenstand des Schreckens, den Anderen eine Quelle unaussprechlichen Trostes sein. Auch auf seinem Wolkenthrone wird er Hirte bleiben; er wird die Schafe von den Böcken sondern, und seine allgewaltige Stimme, welche die Erde seit so vielen Jahrhunderten nicht mehr vernahm, wird erschallen: sie wird die unbußfertigen Sünder in die Hölle hinabsteigen heißen, und die Gerechten einladen, mit Leib und Seele den Aufenthalt ewiger Wonne zu beziehen.

Einstweilen, bis die Bestimmungen des Menschengeschlechtes so ihre schließliche Entwickelung finden, erhält Jesus heute von dem Vater die sichtbare Einsetzung in die königliche Gewalt über alle Völker der Erde. Wir, die wir Alle um den Preis seines Blutes wiedererkauft sind, gehören auch ihm; er möge denn von nun an unser Herr sein. Er ist es in der That; denn er trägt den Namen „Könnig der Könige, Herr der Herren [Offenb. 19, 16]“ nicht umsonst. Legitim regieren die Könige nur durch ihn, nicht durch die Gewalt oder in Kraft eines socialen Vertrages, dessen Sanction nur eine irdische wäre. Die Völker gehören nicht sich selbst, sie gehören ihm. Sein Gesetz unterliegt keiner Berathung; es muß über alle menschlichen Gesetze als deren Richtschnur und Herrin die Fittige ausbreiten. „Die Heiden werden toben,“ sagt uns der königliche Prophet, „die Völker werden auf Eitles sinnen. Die Könige der Erde werden aufstehen und zusammenkommen wider ihn. Lasset uns zerreißen seine Bande,“ werden sie sagen, „und von uns werfen sein Joch [Psalm 2, 1-3]!“ Unnütze Anstrengungen! Denn so sagt uns der Apostel: „Er muß herrschen, bis er alle seine Feinde unter seine Füße lege [1. Kor. 15, 25],“ bis er zum zweiten Male erscheinen wird, um die Gewalt Satans und den Hochmuth der Menschen niederzuschlagen.

So soll also der in seiner Himmelfahrt gekrönte Mensch über die Welt herrschen, bis er wiederkommt. Aber, wird man sagen, herrscht er denn in einer Zeit, wo die Fürsten zugeben, daß sie ihre Autorität nur durch Uebertragung von ihren Völkern besitzen? Wo die Völker durch dies Trugbild, das sie Freiheit nennen, verführt, selbst den Begriff der Autorität verloren haben? Ja, er herrscht allerdings; aber in seiner Gerechtigkeit, weil es die Menschen verschmäht haben, von seiner Güte geleitet zu werden. Sie haben sein Gesetz aus ihren Gesetzbüchern gestrichen; sie haben dem Irrthume und der Lästerung Heimathsrecht gewährt; so hat er sie ihrem thörichten, lügnerischen Sinne überliefert. Bei ihnen entschlüpft die ephemere Gewalt, welche keine Salbung mehr heiligt, jeden Augenblick den Händen derer, die alle Anstrengungen machen, um sie festzuhalten; und wenn die Völker, nachdem sie in die Abgründe der Anarchie gerollt, auf’s Neue versuchen, sich zu constituiren, so sehen wir diese Versuche immer wieder scheitern, weil eben Fürsten und Völker sich außerhalb des Reiches des Menschensohnes halten wollen. Und das wird so lange währen, bis endlich Fürsten und Völker, ihrer Ohnmacht müde, ihn wiederum herbeirufen, daß er über sie herrsche, bis sie wiederum den Wahlspruch unserer Väter angenommen: Christus vincit, Christus regnat, Christus imperat. Christus siegt, Christus herrscht, Christus befiehlt. Möge Christus sein Volk vor jedem Unheil bewahren!

An diesem Tage deiner Krönung empfange denn die Huldigung deiner Gläubigen, Du, unser höchster König, unser Herr und unser Richter! Wir, die wir durch unsere Sünden die Urheber deiner Demüthigungen und Leiden in deinem sterblichen Leben waren, wir vereinigen unsere Stimmen mit dem Jubel der himmlischen Geister in dem Augenblicke, wo das königliche Diadem auf dein erhabenes Haupt gesetzt wurde. Noch sehen wir deine Größe, wie durch einen Schleier; aber der Heilige Geist, den Du uns verheißen hast, wird uns Alles offenbaren, was wir hienieden noch über deine höchste Gewalt wissen können, und wir wollen stets deine demüthigen und getreuen Unterthanen sein.

Der Sonntag in der Himmelfahrts-Octave hieß im Mittelalter in Rom Rosensonntag, weil man an diesem Tage in den Kirchen Blumen, besonders Rosen, streute. Es sollte das eine Huldigung an Christus sein, welcher sich in der Jahreszeit der Blumen zum Himmel aufschwang. Damals fühlte man alle diese Harmonien. Wenn man das Himmelfahrtsfest von seinem Hauptstandpunkte, nämlich von dem des triumphirenden Erlösers, betrachtet, so ist es eines der freudigsten, der jubelvollsten; und dies Fest fiel gerade in die schönste Zeit, in die Tage des Frühlings unter einem glücklichen Himmelsstriche. Man vergaß auf einen Augenblick der Trübsal der Erde, die ihres Emmanuel beraubt ist, um sich nur der Worte zu erinnern, die er zu seinen Aposteln gesprochen: „Wenn ihr mich liebtet, so würdet ihr euch freuen, daß ich zum Vater gehe [Joh. 14, 28].“ Ahmen wir dies Beispiel nach; bieten auch wir die Rose Dem, der sie geschaffen, um unsere Wohnstätte auf Erden zu verschönern; benützen wir ihre Schönheit und ihren Wohlgeruch, um uns zu ihm aufzuschwingen, der im Hohen Liede gesagt hat: „Ich bin eine Blume des Feldes, und eine Lilie in den Thälern [Hohel. 2, 1].“ Er wollte Nazarener [Von Nazar, blühen, grünen, sprossen] genannt werden, damit dieser geheimnißvolle Name uns an die Blumen erinnere, deren Bild er nicht verschmäht hat, um den Reiz und die Milde auszudrücken, welche Diejenigen in ihm finden, die ihn lieben.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Neunter Band: Die österliche Zeit; Mainz 1880; S. 134-140]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s