Dom Guéranger zum Pfingstsonntag (1/3)

Der Pfingstsonntag.

Komm’, Heiliger Geist, erfülle die Herzen deiner Gläubigen und entzünde in ihnen das Feuer deiner Liebe.

Der große Tag, welcher das göttliche Werk für das Menschengeschlecht vollendet, hat endlich über der Welt geleuchtet. „Der Tag des Pfingstfestes,“ wie der heilige Lukas sich ausdrückt, „ist gekommen [Apostelg. 2, 1].“ Seit Ostern sind sieben Wochen vergangen. Der nun folgende Tag trägt die geheimnißvolle Nummer des fünfzigsten. Es ist ein Sonntag; jener Tag, welcher bereits durch die Schöpfung des Lichtes und die Auferstehung Christi eine ganz besondere Weihe erhalten hat; nunmehr wird der letzte Stempel ihm aufgedrückt: wir sollen an ihm die Fülle Gottes empfangen.

Schon im vorbildlichen jüdischen Reiche bezeichnete der Herr die künftige Herrlichkeit dieses fünfzigsten Tages. Israel hatte unter dem Schutze des Osterlammes die Fluthen des rothen Meeres überschritten. Sieben Wochen brachten sie in der Wüste zu, welche sie durchziehen mußten, um in das Land der Verheißung zu kommen, und am Tag, der auf diese sieben Wochen folgte, wurde der Bund zwischen Gott und seinem Volke besiegelt. Pfingsten (d. h. der fünfzigste Tag) wurde durch die Verkündigung der zehn Gebote des göttlichen Gesetzes bezeichnet, und dem jährlichen Gedächtnisse dieses großen Ereignisses galt eben die Feier des Pfingstfestes. Aber mit dem Pfingstfeste verhielt es sich genau, wie mit dem Osterfeste. Es war im alten Bunde vorbildlich; es sollte dem jüdischen Pfingstfeste ein zweites Pfingstfest für alle Völker folgen, gerade wie dem jüdischen Osterfeste ein zweites Osterfest folgte, an welchem die Erlösung des Menschengeschlechtes zur vollendeten Thatsache wurde. Dem Sohne Gottes gebührte als Ueberwinder des Todes das Osterfest mit seinem Triumphen; ebenso gebührt dem Heiligen Geiste das Pfingstfest, als der Tag, an welchem er als Gesetzgeber die ganze Welt unter die Herrschaft seines Gesetzes stellt.

Aber wie verschieden sind doch auch diese beiden Pfingstfeste. Der Schauplatz des einen ist ein wildes Felsgebirge Arabiens; es vollzieht sich unter Blitz und Donner, und das verkündete Gesetz ist auf Steintafeln eingegraben. Die zweite Pfingstfeier verläuft in Jerusalem, über welcher Stadt damals der Fluch noch nicht wirksam war, gerade weil sie in ihrem Schoße die ersten Schößlinge des neuen Volkes barg, mit welchem das Reich des Geistes der Liebe gegründet werden sollte. Bei dieser zweiten Pfingstfeier verdeckte kein finsteres Gewölke den Himmel, man hörte nicht das Rollen des Donners; die Herzen der Menschen waren nicht vor Entsetzen erstarrt, wie um die Abstürze des Sinai; sie schlugen bewegt von dem Gefühle der Reue und der Dankbarkeit. Ein göttliches Feuer hat sich ihrer bemächtigt, und dieses Feuer wird die ganze Erde durchglühen. Jesus hatte gesagt: „Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu senden; und was will ich anders, als daß es brenne [Luk. 12, 49]?“ Die Stunde ist nun da, und der, welcher in Gott die Liebe ist, die ewige, unerschaffene Flamme, steigt vom Himmel herab, um der barmherzigen Absicht des Emmanuel zu genügen.

In diesem Augenblicke, da im ganzen Abendmahlsaale alle Gemüther in ernster Sammlung sich befinden, ist Jerusalem mit Pilgern erfüllt, die aus allen Weltgegenden zusammengeströmt waren, und im Grunde der Herzen regt sich irgend etwas Unbekanntes. Es sind die Juden, die zur Feier des Osterfestes und des Pfingstfestes von überallher gekommen waren, wo Israel eine Synagoge errichtet hatte. Asien, Afrika, selbst Rom stellte dazu seinen Antheil an Leuten. Unter diesen Juden reiner Abstammung gewahrt man auch Heiden, welche eine fromme Regung angetrieben, das Gesetz Mosis und seine Gebräuche anzunehmen; man nannte dieselben Proselyten. Diese zusammengeströmte Menge, die in wenig Tagen wieder auseinanderströmen soll, und welche nur von dem Verlangen getragen, das Gesetz zu erfüllen, nach Jerusalem gekommen, vergegenwärtigt durch die Verschiedenheit ihrer Sprachen die babylonische Verwirrung; aber sie stehen weniger unter dem Einflusse des Hochmuthes und der Voreingenommenheit, als die Bewohner von Judäa. Erst gestern angekommen, haben sie nicht, wie Jene, den Messias gekannt und verworfen, sie haben nicht seine Werke gelästert, die von ihm Zeugniß ablegten. Wenn sie auch vielleicht mit den Anderen vor Pilatus geschrieen, daß der Gerechte gekreuzigt werden solle, so waren sie durch die Aufstachelungen der Priester und Vorsteher jenes Jerusalem, zu welchem ihre Frömmigkeit und ihr Gehorsam gegen das Gesetz sie geführt, verleitet worden.

Die Stunde ist da, die Stunde der Terz, die von aller Ewigkeit her bestimmte Stunde, und der Rathschluß, welcher vor Beginn der Zeit im Schoße der allerheiligsten Dreifaltigkeit erwogen und gefaßt wurde, muß offenbar werden und sich erfüllen. Wie der Vater um Mitternacht, den eigenen Sohn, den er von Ewigkeit gezeugt, auf diese Welt gesandt, um im Schoße der Maria Fleischesgestalt anzunehmen, ebenso senden Vater und Sohn um diese Stunde der Terz den Heiligen Geist, der von Beiden ausgeht, zur Erde, um dort bis zum Ende der Zeiten seinen Auftrag zu erfüllen. Und dieser besteht darin, die Kirche, die Braut und das Reich Christi zu bilden, ihr beizustehen, sie aufrecht zu halten, aus Nöthen sie zu retten und die Seelen zu heiligen.

Plötzlich hörte man einen heftigen Wind, der vom Himmel kam; er brauste draußen und erfüllte den Abendmahlsaal mit seinem mächtigen Hauche. Draußen bewirkte er, daß eine Menge Bewohner, von Jerusalem und Fremde um das erhabene Gebäude zusammenströmte, das der Berg Sion trug; drinnen erschütterte er Alles; er riß die hundert zwanzig Jünger in die Höhe und bewies, daß Nichts ihm widersteht. Jesus hatte von ihm gesagt: „Der Wind wehet, wo er will, du hörst sein Sausen [Joh. 3, 8];“ eine unwiderstehliche Gewalt, die das Meer bis an seine Abgründe aufrührt und seine Wogen bis an die Wolken schleudert. Von nun an braust dieser Wind über die Erde und Nichts kann ihm in seiner Herrschaft Halt gebieten.

Indessen hat die heilige Versammlung in der Ekstase der Erwartung die nämliche Haltung bewahrt. Ohne Widerstand ergibt sie sich völlig in den Willen des göttlichen Gesandten. Aber der Sturm war nur eine Vorbereitung für die im Abendmahlsaale Harrenden und ein Aufruf für die draußen Stehenden. Plötzlich, ganz in der Stille, ergoß sich im Innern ein Regen, ein Feuerregen, sagt die Kirche, „nicht verzehrend, sondern erleuchtend, nicht verbrennend, sondern strahlend [Responsorium am Donnerstag in der Pfingstwoche].“ Feuerflammen in Gestalt von Zungen schwebten auf den Häuptern der hundert zwanzig Jünger. Das ist der göttliche Geist, der von der Versammlung in jedem ihrer Mitglieder Besitz ergreift. Die Kirche ist nicht mehr ausschließlich in Maria, sie ist jetzt bereits in den hundert zwanzig Jüngern. Alle gehören sie dem Geiste, der auf sie herabgekommen, sein Reich hat begonnen, es ist erklärt und neue Eroberungen bereiten sich vor.

Wir bewundern das Bild, unter welchem eine göttliche Umwälzung vorging. Derjenige, welcher sich erst jüngst unter der anmuthigen Gestalt einer Taube am Jordan zeigte, erscheint jetzt als Feuerflamme. In seiner göttlichen Wesenheit ist er die Liebe. Nun ist aber die Liebe nicht ausschließlich Sanftmuth und Zärtlichkeit, sie ist auch brennend wie Feuer. Jetzt ist die Welt dem Heiligen Geiste übergeben, er muß sie entzünden und diese Feuersbrunst darf nie mehr erlöschen. Und warum die Gestalt der Zunge? Weil mittelst des Wortes die göttliche Brunst sich ausbreiten wird. Diese hundert zwanzig Jünger werden nur zu sprechen brauchen von dem Sohne Gottes, der Mensch geworden und uns Alle erlöst hat, von dem Heiligen Geiste, der die Seelen erneuert, von dem himmlischen Vater, der sie liebt und an Kindesstatt annimmt; ihr Wort wird von einer großen Zahl aufgenommen werden. Alle die, welche es aufgenommen haben, sind in demselben Glauben vereint, und die Gesammtheit derselben heißt die Kirche, die katholische, die allgemeine, die über alle Zeiten und Länder sich erstreckende Kirche. Jesus, der Herr, hatte gesagt: „Gehet hin in alle Welt, lehret alle Völker;“ der Heilige Geist bringt die Zunge, die dies Wort allüberall erschallen lassen wird, und die Liebe Gottes und der Menschen, die es einflößen wird, vom Himmel auf die Erde. Diese Zunge und diese Liebe stiegen auf jene Männer herab, und unter der Hilfe des Heiligen Geistes werden sie diese Gaben Anderen übertragen, bis ans Ende der Welt.

Ein Hinderniß scheint sich indessen dieser Sendung entgegen zu stellen. Seit dem Thurmbau von Babel sind die Sprachen verschieden; das Wort geht nicht von einem Volke zum andern, sondern kreist nur in demselben Volke. Wie soll nun das Wort das Werkzeug werden, um so viele Völker zu erobern, um so viele Stämme, die sich nicht einmal gegenseitig verständlich machen können, zu einer Familie zu vereinigen? Sorget nicht! Der allmächtige Geist hat das Alles vorgesehen! In der heiligen Trunkenheit, die er den hundert zwanzig Jüngern eingeflößt, hat er ihnen die Gabe ertheilt, alle Sprachen nicht nur selbst zu verstehen, sondern auch Anderen in ihrer Sprache verständlich zu sein. Im ersten Augenblicke ihres erhabenen Entzückens versuchen sie es, alle Sprachen der Erde zu reden, und Zunge und Ohr geben sich nicht blos willig, sondern freudig dieser Fülle an Wort hin, welche die Gemeinschaft der Menschen unter ihnen wiederum aufrichten soll. Der Geist der Liebe hat in einem Augenblick die Trennung von Babel aufgehoben, und die erste Verbrüderung kennzeichnet sich in der Einheit der Sprache.

Wie schön bist du, o Kirche Gottes, die du in diesem erhabenen Wunder des Heiligen Geistes den Sinnen wahrnehmbar geworden bist! Von jetzt ab wird der Heilige Geist ohne Schranken walten. Du zeigest uns das großartige Schauspiel, das die Erde bot, als noch das ganze Menschengeschlecht dieselbe Sprache redete. Und dies Wunder ist nicht blos für den einen Pfingsttag gewirkt worden, ja, es ist nicht einmal an die Lebensdauer derer geknüpft, an welchen es gewirkt wurde. Nach den Zeiten der Apostel wird seine Form allerdings etwas anders werden, weil diese Sprachengabe dann nicht mehr nothwendig ist; aber bis an’s Ende der Welt wirst du, o Kirche, fortfahren, alle Sprachen zu reden; denn dubist nicht in die Grenzen eines einzelnen Landes eingeschränkt, sondern du wirst in allen Ländern dieser Erde wohnen. Ueberall hört man denselben Glauben in der Sprache jedes Volkes verkünden, und so begleitet dich das Pfingstwunder, wenn auch in neuer und anderer Form, durch die ganze Zeit deines irdischen Bestehens, ja, es bildet eines deiner hervorragendsten Kennzeichen. Mit Hinblick darauf richtete der große und heilige Kirchenlehrer Augustinus an die Gläubigen die folgenden bewundernswerthen Worte: „Die unter allen Völkern verbreitete Kirche spricht alle Sprachen. Was ist diese Kirche, wenn nicht der Leib Christi? An diesem Leibe bist du ein Glied. Und da du Glied eines Leibes bist, der alle Sprachen spricht, so kannst du dich genau so betrachten, als ob du derselben Gabe theilhaftig wärest [In Johan. Tract. XXII].“ Während der Jahrhunderte des Glaubens hatte die heilige Kirche, die einzige Quelle alles wahren Fortschrittes der Menschheit, noch mehr gethan; es war ihr gelungen, in einer einzigen Sprachform die Völker, die sei gewonnen hatte, zu vereinen. Die lateinische Sprache war lange Zeit das Band der civilisirten Welt. Den örtlichen Entfernungen Trotz bietend, übermittelte sie alle Beziehungen von Volk zu Volk, die gemeinsamen Schätze der Wissenschaft, ja selbst die Geschäftsverbindungen der Einzelnen. Der Mann, der diese Sprache verstand, war im ganzen Abendlande und noch darüber hinaus kein Fremder. Der große Abfall des sechzehnten Jahrhunderts befreite die Völker von dieser Wohlthat, wie von vielen anderen, und das für lange hinaus zerrissene Europa sucht vergeblich den gemeinsamen Mittelpunkt, den die Kirche allein und ihre Sprache ihm bieten konnten. Aber kehren wir zum Abendmahlsaale zurück, dessen Pforten sich noch nicht geöffnet haben, und fahren wir fort, die Wunder des Heiligen Geistes zu betrachten.

Unsere Augen suchen vor Allem voll Ehrfurcht Maria, Maria, die jetzt mehr als je „voll der Gnaden“ ist. Es hatte den Anschein gehabt, als ob nach den unermeßlichen Gaben, die sie bereits bei ihrer unbefleckten Empfängniß empfing, nach den Schätzen der Heiligkeit, welche die Gegenwart des fleischgewordenen Wortes in ihrem Schoße über sie ausgoß, nach der besonderen Hilfe, die ihr zu Theil wurde, um gemeinschaftlich mit ihrem Sohne beim Werke der Erlösung zu handeln und zu leiden, nach den Gnadenbezeugungen, die Jesus im Glanze der Auferstehung über die häufte, nunmehr der Himmel das Maß der Gnaden erschöpft, wie er über ein einfaches Geschöpf, so hoch auch dessen Bestimmung nach dem ewigen Plane gewesen, auszugießen vermochte. Und doch war es nicht so. Eine neue Sendung steht ihr jetzt bevor: um diese Stunde wird die heilige Kirche von ihr geboren. Maria bringt die Braut ihres Sohnes zur Welt und neue Pflichten rufen sie. Jesus ist allein zum Himmel aufgefahren; er hat sie auf der Erde gelassen, damit sie ihrer noch zarten Frucht ihre mütterliche Sorgfalt zuwende. Wie rührend, aber auch wie glorreich ist diese Kindheit unserer heißgeliebten Kirche, die Maria in ihre Arme schließt, die sie nährt und deren ersten Schritte in ihrem Laufe durch die Welt sie sorgsam behütet. Es muß daher der neuen Eva, der wahren „Mutter der Lebendigen,“ noch ein Zuwachs an Gnaden kommen, welcher einer solchen Sendung entspricht; ebenso ist sie der erste Gegenstand der Gnaden des Heiligen Geistes. Er hat sie ehedem befruchtet, damit sie die Mutter des Sohnes Gottes würde; jetzt bildet er sie zur Mutter der Christen. „Des Stromes Anlauf erfreuet die Stadt Gottes,“ singt der königliche Prophet [Psalm 45, 5]. Der Geist der Liebe erfüllt in diesem Augenblick das Wort des am Kreuze sterbenden Erlösers. Auf den Menschen deutend, hatte er gesagt: „Weib, siehe deinen Sohn!“ Die Stunde ist nun gekommen und Maria hat in wunderbarer Fülle diese Muttergnade bekommen, die sie heute zum ersten Male anwendet und die sie bis auf ihren Thron als Himmelskönigin geleiten wird, wenn erst die heilige Kirche hinreichend gewachsen ist, um ihrer himmlischen Nährerin zu entbehren, wenn diese dann die Erde verlassen kann, um zum Himmel empor zu steigen und das Diadem, das ihrer wartet, um die Stirne zu legen.

Betrachten wir nun diese neue Schönheit auf dem Antlitze jener, welcher der Herr eine zweite mütterliche Würde überträgt. Diese Schönheit ist das Hauptwerk des Heiligen Geistes am heutigen Tage. Ein göttliches Feuer durchglüht Maria, eine neue Liebe flammt in ihrem Herzen; sie gibt sich ganz jener anderen Sendung hin, um deren willen sie auf Erden belassen wurde. Die apostolische Gnade ist über sie gekommen. Die feurige Zunge, die auf ihrem Haupte schwebte, wird sich zwar nicht in öffentlicher Predigt äußern, aber sie wird zu den Aposteln reden, dieselben leiten, sie in ihren Mühsalen aufrichten. Diese gesegnete Zunge wird sich auch dem Ohre der Gläubigen mit eben so viel Kraft als Milde vernehmbar machen. Denn sie werden sich zu ihr, an der alle Wunder des Herrn sich erprobt haben, hingezogen fühlen. Wie eine edle Milch wird das unwiderstehliche Wort dieser Allmutter den ersten Kindern der Kirche die Kraft geben, womit sie die Angriffe der Hölle überwinden werden. Mit ihr verkehrte Stephanus, der die edle Reihe der Martyrer eröffnete.

Betrachten wir jetzt das apostolische Collegium. Die vierzigtägigen Beziehungen zu ihrem Herrn hatten diese Männer aufgerichtet und wir finden sie jedenfalls wesentlich verändert, wenn wir sie jetzt mit ihrer Haltung zur Zeit der Kreuzigung vergleichen. Aber wie sind sie von dem Augenblicke an geworden, als der Heilige Geist sie ergriff? Fühlen wir nicht, daß sie jetzt gänzlich umgewandelt sind, daß ein göttliches Feuer in ihrer Brust glüht, daß sie den Muth haben, auf die Eroberung der Welt auszuziehen? Alles, was ihr Meister ihnen vorhergesagt, ist in ihnen erfüllt. Es ist wahrhaftig die Kraft des Allerhöchsten, die herabgekommen ist, um sie zum Kampfe zu waffnen. Wo sind sie hingekommen, die vor den Feinden Jesu bebten und an seiner Auferstehung zweifelten? Die Wahrheit, welche ihr Meister gelehrt, strahlt hell vor den Blicken ihres Geistes; sie sehen Alles, sie begreifen Alles. Der Heilige Geist hat ihnen die Gabe des Glaubens in einem erhabenen Grade übertragen und ihr Herz brennt vor Begier, diesen Glauben in der ganzen Welt zu verbreiten. Weit entfernt, noch irgend Etwas zu fürchten, sehnen sie sich darnach, allen Gefahren zu trotzen, indem sie, wie Jesus es ihnen aufgetragen, allen Völkern seinen Namen und seine Herrlichkeit verkünden.

Betrachten wir Petrus. Wir erkennen denselben sofort an jener sanften, von unaussprechlicher Demuth gemäßigten Majestät. Gestern war sein Anblick ergreifend, aber ruhig; heute hat derselbe an Würde Nichts eingebüßt, aber in seinen Zügen liegt eine Begeisterung, die man gestern noch nicht an ihm bemerkte. Der Heilige Geist hat sich mit Allgewalt des Stellvertreters Jesu bemächtigt; denn Petrus ist der Fürst des Wortes und der Lehrmeister. Neben Petrus steht sein älterer Bruder Andreas; in diesem Augenblicke erfaßt ihn jene glühende Liebe zum Kreuze, das sein allzeit glorreiches Banner sein wird. Da steht Johannes, dessen Züge jüngst nur Milde zu athmen schienen und die plötzlich den kräftigen und begeisterten Ausdruck des Propheten von Patmos angenommen. Neben ihm sehen wir seinen Bruder Jakobus, den zweiten Donnersohn, in der Haltung eines tapfern Ritters, der sich bald zur Eroberung Iberiens aufmachen wird. Der zweite Jakobus, der unter dem Namen „Bruder des Herrn“ geliebt wird, schöpft in der Kraft des Heiligen Geistes, der ihn entrückt, neue Wonne und Seligkeit. Matthäus ist eine glänzende Erscheinung; man ahnt schon in ihm den ersten Evangelisten. Thomas fühlt in seinem Herzen, wie der Glaube, den er bei der Berührung der Wundmale seines auferstandenen Meisters empfangen, über alles Maß hinaus wächst; er ist bereit, bis an den äußersten Osten zu gehen; kurz, Alle sind ein lebendiger Lobgesang auf die Herrlichkeit des allmächtigen Geistes, der sich mit einem solchen Reiche gleich in den ersten Augenblicken seiner Ankunft offenbart.

In geringerem Range erscheinen die Jünger; sie sind auch bei dieser Heimsuchung minder begünstigt, als die zwölf Fürsten des apostolischen Collegiums; aber auch sie durchdringt dasselbe Feuer; denn auch sie werden ja zur Eroberung der Welt ausziehen und zahlreiche christliche Gemeinden gründen. Ebenso, wie die ganze übrige Versammlung, ahben auch die heiligen Frauen die Herabkunft Gottes gefühlt, der sich unter der Gestalt des Feuers ankündigt. Die Liebe, welche sie am Fuße des Kreuzes zurück hielt, die sie dann als die Ersten am Ostersonntag an das Grab Jesu führte, hat sich mit neuer Glut entfacht. Die feurige Zunge schwebte auf Jeder von ihnen und sie werden bereit sein, über ihren Meister zu Juden und Heiden zu reden. Vergebens wird die Synagoge Magdalena und ihre Gefährtinnen hinaustreiben; das mittägliche Gallien wird sie aufnehmen und gegen ihre Worte nicht widerspenstig sein.

Indessen hatte die Menge der Juden das Brausen des Sturmes, der die Ankunft des Heiligen Geistes verkündigte, vernommen; in dichten Massen drängten sie sich um den geheimnißvollen Abendmahlsaal. Derselbe Geist, der im Innern des letzteren mit solcher Großartigkeit handelte, treibt sie an, dies Haus zu umlagern, das in seinen Mauern die eben geborene Kirche Christi birgt. Ihr Geschrei ertönt und bald läßt sich der apostolische Eifer, der da aufgeflammt ist, um nie mehr zu erlöschen, nicht mehr in so enge Grenzen bannen. In einem Augenblick eilt die begeisterte Versammlung hinaus vor die Pforten des Saales und setzt sich mit dieser Menge in Beziehung, welche begierig ist, das neue von dem Gotte Israels gewirkte Wunder kennen zu lernen.

Aber ein neues unerhörtes Wunder erfüllt Alle mit Staunen. Die Menge besteht aus Leuten aller möglichen Völkerschaften; und alle erwarten nichts Anderes, als den plumpen Dialekt der Galiläer zu hören. Aber kaum haben diese Galiläer erst Zeit gehabt, sich in einigen verwirrten, ja fast unartikulirten Worten auszudrücken, so hört auch schon Jeder sie in seiner eigenen Sprache reden. Das Bild der Einheit erscheint in vollem Strahlenglanze. Die christliche Kirche hat sich allen in dieser Menge vertretenen Völkern gezeigt. Diese Kirche wird eine einzige sein; denn die Schranken, welche Gottes Gerechtigkeit ehedem setzte, um die Völker zu trennen, sind zerbrochen. Da sind ja die Boten des Glaubens Christi; dieselben stehen bereit und im Begriffe, hinaus zu ziehen; ihr Wort wird die Runde um die Erde machen.

In der Menge gab es jedoch auch Einige, die dem Wunder gegenüber gleichgiltig blieben, die an der göttlichen Begeisterung der Apostel Anstoß nahmen. „Diese Männer,“ sagten sie, „sind voll süßen Weines.“ Es ist die Sprache des Rationalismus, der alles auf natürliche Weise erklären will. Gleichwohl aber werden diese angeblich trunkenen Galiläer die ganze Welt zu ihren Füßen werfen; und den göttlichen Geist, der in ihnen ist, werden sie sammt seiner trunken machenden Kraft allen Stämmen des Menschengeschlechtes mittheilen. Die heiligen Apostel fühlen, daß der Augenblick gekommen ist; das zweite Pfingstfest muß am Jahrestage des ersten verkündigt werden. Wer aber soll bei der Verkündigung des Gesetzes der Barmherzigkeit und Liebe, das an Stelle des Gesetzes der Gerechtigkeit und der Furcht tritt, der neue Moses sein? Der Emmanuel hatte ihn bereits vor seiner Himmelfahrt bezeichnet: es ist Petrus, das Fundament der Kirche. Es ist Zeit, daß dieses ganze Volk ihn sehe und höre; die Heerde beginnt sich zu blden, sie muß ihren Hirten haben. Hören wir den Heiligen Geist, der durch sein Hauptwerkzeug vor dieser begeisterten und schweigenden Menge spricht. Jedes Wort, das der Apostel redet, wird von Allen verstanden; er selbst spricht nur eine einzige Sprache und seine Hörer, welchem Lande, welchem Volke, welcher Sprachweise sie angehören, sie vernehmen ihre eigene Sprache. Eine solche Rede ist ganz allein für sich schon der Beweis der Wahrheit und Göttlichkeit des neuen Gesetzes.

Da erhob der Fischer vom See Genezareth seine Stimme. „Ihr Männer von Judäa, und ihr Alle, die ihr eben in Jerusalem wohnt, das sei euch kund gethan, und höret auf meine Worte. Die Menschen, die ihr da sehet, sind nicht betrunken, wie ihr meint; denn es ist die dritte Stunde des Tages, sondern eben erfüllt sich, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist: ‚Es wird geschehen in den letzten Tagen, spricht der Herr, da will ich von meinem Geiste über alles Fleisch ausgießen, und eure Söhne und eure Töchter werden weissagen, eure Jünglinge werden Gesichte schauen, und euren Aeltesten werden Traumgesichte erscheinen; ja, auch über meine Knechte und meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geiste ausgießen, und sie werden weissagen.‘ Ihr Männer von Isarel, höret diese Worte: Jesum, den Nazarener, einen Mann, dem Gott unter euch Zeugniß gab durch Thaten, Wunder und Zeichen, welche Gott durch ihn in eurer Mitte wirkte, wie ihr auch selbst wisset, – diesen Jesus, der nach dem bestimmten Rathschlusse und der Vorhersehung Gottes überliefert worden, habt ihr durch die Hände der Gottlosen an’s Kreuz geheftet und umgebracht. Ihn hat Gott auferweckt, von den Schmerzen der Unterwelt ihn befreiend, wie es denn unmöglich war, daß er von ihr gehalten wurde. Denn David spricht von ihm: ‚Mein Fleisch, o Herr, wird ruhen in der Hoffnung; denn Du wirst deinem Heiligen nicht zu sehen geben die Verwesung.‘ David hatte aber nicht von sich selbst geredet; denn er ist gestorben und begraben und sein Grab ist bei uns bis auf den heutigen Tag; aber vorhersehen hat er von der Auferstehung Christi gesprochen, daß er (Christus) nämlich nicht in der Unterwelt gelassen und sein Fleisch auch nicht Verwesung sehen werde. Diesem Jesum hat Gott auferweckt; deß sind wir Alle Zeugen. Und nachdem er durch die Rechte Gottes erhöht worden, hat er den Heiligen Geist, dessen Verheißung er von dem Vater empfangen hatte, ausgegossen, wie ihr sehet und höret. So wisse denn das ganze Haus Israel unfehlbar gewiß, daß Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Christus und auch zum Herrn gemacht hat [Apostelg. 2, 36].“

Auf diese Weise wurde die Verkündigung des neuen Gesetzes durch den Mund des neuen Moses vollzogen. Wie hätten nicht die Zuhörer die unschätzbare Gabe dieser zweiten Pfingsten annehmen sollen, welche alles Dunkele in der früheren Feier zerstreute und alle göttlichen Thaten in helles Licht stellte? Gott offenbarte sich und wie immer geschah dies durch Wunder. Petrus erinnerte an die von Jesus gewirkten Wunder, welche Zeugniß von ihm ablegten, wenn auch die Synagoge nichts davon wissen wollte. Er verkündigt die Herabkunft des Heiligen Geistes, und zum Beweise der Wirklichkeit derselben beruft er sich auf das Sprachenwunder, dessen Kenntnißnahme sich ja Keiner aus den Anwesenden entschlagen konnte. Es geschah ja unter ihren Augen, und fuhr fort zu geschehen, so lange Petrus redete.

Sein erhabenes Werk verfolgend, macht nun auch der über der Menge schwebende Geist durch seine göttliche Thätigkeit die Herzen derselben empfänglich. Der Glaube sproßt und entwickelt sich plötzlich in diesen Jüngern des Sinai, die um eines von nun an unfruchtbaren Oster- und Pfingstfestes willen aus allen Theilen der Welt zusammengeströmt waren. Sie bekennen die Auferstehung und Himmelfahrt des Gerechten, und von Furcht und Reue ergriffen, daß sie dessen Tod begehrt, stoßen diese aus allen Völkern zusammengesetzten Juden einen Schrei aus, der zu Petrus und seinen Gefährten dringt. „Ihr Männer, Brüder, was sollen wir thun?“ Welche bewundernswerthe Gewißheit, den Glauben zu empfangen: das Verlangen, zu glauben, und die ausgesprochene Absicht, seine Handlungen seinem Glauben anzupassen. Petrus nimmt seine Rede wieder auf. „Thuet Buße,“ sagt er ihnen, „und ein Jeder lasse sich taufen im Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, und ihr werdet empfangen die Gabe des Heiligen Geistes. Denn euch geht die Verheißung an, und eure Kinder, und Alle, die ferne sind, so Viele immer der Herr, unser Gott, berufen wird.“

Bei jedem Worte des neuen Moses erblaßt das jüdische Pfingstfest immer mehr, und heller und heller erstrahlt das christliche Pfingstfest am Himmel. Das Reich des Heiligen Geistes ist in Jerusalem gegründet, angesichts des Tempels, der verurtheilt ist, in sich selbst zusammen zu brechen. Petrus sprach noch Weiteres; indessen hat uns die Apostelgeschichte den weiteren Wortlaut nicht aufbewahrt. Der Inhalt aber ist in dem Schlusse seiner Ansprache enthalten: „Lasset euch retten, ihr Kinder Israels, aus diesem bösen Geschlechte.“

In der That mußte man mit den Seinigen brechen; man mußte durh ein solches Opfer die Gnade des neuen Pfingstfestes verdienen, und aus der Synagoge in die Kirche eintreten. Mehr als ein Kampf erhob sich in den Herzen dieser Männer; aber der Triumph des Heiligen Geistes war an diesem Tage ein vollständiger. Dreitausend Menschen erklärten sich als Jünger Jesu und wurden an demselben Tage noch mit dem Stempel der Kindschaft Gottes bezeichnet. Kirche des lebendigen Gottes! Wie schön sind deine Fortschritte unter dem Hauche des Heiligen Geistes! Zuerst hattest du deinen einzigen Sitz in Maria, der Unbefleckten, voll der Gnaden, Mutter Gottes; dein zweiter Schritt gab dir die hundert zwanzig im Abendmahlsaale versammelten Jünger; und jetzt führt dir der dritte dreitausend Erwählte zu; es waren unsere Vorfahren, die bald das verworfene Jerusalem verlassen und in ihre Heimathländer die ersten Keime des neuen Volkes tragen werden. Morgen wird Petrus im Tempel selbst reden, und auf seine Stimme werden fünftausend Personen sich für Jesum von Nazareth erklären. Heil dir, o Kirche, edle letzte Schöpfung des Heiligen Geistes, unsterbliche Gesellschaft, die du auf Erden streitest und zugleich im Himmel triumphirst! O Pfingsten, heiliger Tag unserer Geburt, du eröffnest in Herrlichkeit die Reihe von Jahrhunderten, welche die Braut des Emmanuel hienieden durchwandern soll. Du gibst uns den Heiligen Geist, der das Gesetz für die Jünger Jesu nicht mehr in Stein, sondern in unsere Herzen eingraben will. In Jerusalem wurde das Pfingstfest verkündigt; aber seine Wohlthaten soll es ausdehnen auch auf Alle, die ferne sind, das heißt auf die Völker der ganzen heidnischen Welt. Du, o Pfingsten, erfülltest die Hoffnung, die wir an dem Tage fassen durften, als das rührende Geheimniß der Erscheinung Christi gefeiert wurde. Die Weisen kamen aus dem Morgenlande; wir folgten ihnen an die Wiege des göttlichen Kindes, und wußten, daß auch an uns einmal die Reihe käme, berufen zu werden. Deine Gnade, o Heiliger Geist, hatte sie geheimnißvoll nach Bethlehem gezogen; bei diesem Pfingstfeste aber, in welchem Du deine Oberherrschaft mit solcher Kraft erklärst, berufest Du uns Alle; der Stern ist zur feurigen Zunge geworden und das Antlitz der Erde ist im Begriffe, erneuert zu werden. Könnten doch unsere Herzen die Gaben bewahren, die Du ihnen bringst, jene Gaben, die der Vater und der Sohn, welche Dich senden, uns bestimmt haben!

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Neunter Band: Die österliche Zeit; Mainz 1880; S. 211-229]

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