Dom Guéranger zum Pfingstsonntag (2/3)

Das das Pfingstgeheimniß im Bau des Christenthums eine so außerordentliche Wichtigkeit hat, so verstand es sich fast von selbst, daß die Kirche in ihrer heiligen Liturgie diesem Feste einen nicht minder hohen Rang angewiesen hat, als dem Osterfeste selbst. Ostern bedeutet die Wiedererkaufung des Menschen durch den Sieg Christi; am Pfingstfeste ergreift der Heilige Geist von dem wiedererkauften Menschen Besitz; die Himmelfahrt ist das Geheimniß, welches diese beiden Thatsachen vermittelt. Einerseits schließt es sich als die letzte Vollendung an Ostern an, indem es den Gottmenschen als Ueberwinder des Todes und Haupt seiner Gläubigen auf seinen Thron zur Rechten des Vaters erhebt. Andererseits enthält es die Vorbedingung zur Sendung des Heiligen Geistes auf Erden. Diese Sendung konnte ohne die Verherrlichung Jesu nicht stattfinden; das sagt uns schon der heilige Johannes [Joh. 7, 39], und zahlreiche Gründe, welche die Väter angeführt, machen uns das begreiflich. Der Sohn Gottes, der ja mit dem Vater die Quelle ist, aus welcher in der göttlichen Wesenheit der Heilige Geist hervorgeht, mußte auch persönlich diesen Geist auf die Erde senden. Die äußerliche Sendung einer der göttlichen Personen ist nur eine Folge und Offenbarung des geheimnißvollen und ewigen Hervorgehens, welches im Schoße der Gottheit stattfindet. Demnach ist der Vater nicht gesendet, nicht durch den Sohn, noch durch den Heiligen Geist, weil er aus ihnen nicht hervorgegangen ist; der Sohn ist zu den Menschen vom Vater gesendet worden, der ihn von Ewigkeit her gezeugt hat. Der Heilige Geist wird von dem Vater und dem Sohne gesendet, weil er von Beiden ausgeht. Damit aber die Sendung des Heiligen Geistes so geschehe, daß sie die Herrlichkeit des Sohnes vermehre, war es recht, daß sie nicht eher stattfand, als bis das fleischgewordene Wort zur Rechten des Vaters saß, und es war höchst glorreich für die menschliche Natur, daß sie in dem Augenblicke dieser Sendung unlösbar in der Person des Sohnes Gottes mit der göttlichen Natur vereinigt war. So kann man in Wahrheit sagen, daß der Gottmensch den Heiligen Geist auf die Erde gesandt hat.

Diese erhabene Sendung sollte dem Heiligen Geiste nicht gegeben werden, bevor die Menschen den Anblick der Menschheit Jesu verloren hatten. Wie wir dies oben entwickelt, sollten Augen und Herzen der Gläubigen dem göttlichen Abwesenden mit einer reineren, ausschließlich geistigen Liebe folgen. Und wer sollte diese neue Liebe den Menschen bringen, wenn nicht der allmächtige Geist, der das Band zwischen Vater und Sohn in einer ewigen Liebe ist? Dieser Geist, der da entflammt und einigt, heißt in der Heiligen Schrift „die Gabe Gottes.“ Heute senden uns der Vater und der Sohn diese unaussprechliche Gabe. Gedenken wir, was unser Emmanuel dem samaritanischen Weibe am Brunnen von Sichar gesagt hat: „O wenn du die Gabe Gottes erkänntest [Joh. 4, 10]!“ Er war noch nicht herabgekommen, er offenbarte sich den Menschen bis jetzt nur hie und da durch einzelne Wohlthaten. Von heute an aber überfluthet er die Erde mit seinem Feuer. Der göttliche Geist beseelt Alles; er ist allerorten wirksam. Wir erkennen die Gabe Gottes, wir brauchen sie nur zu empfangen, wir brauchen ihr nur unsere Herzen zu öffnen, damit sie einziehe, wie dies die dreitausend gläubigen Zuhörer gethan, als Petrus mit ihnen zusammentraf.

Sehen wir aber nun auch, in welcher Jahreszeit der Heilige Geist seine Herrschaft in Besitz genommen hat. Bereits wissen wir, daß unser Emmanuel, die Sonne der Gerechtigkeit, sich schüchtern zur Zeit der Wintersonnenwende erhob, und diese Sonne stieg langsamen Laufes bis zu ihrem Höhepunkte. In einem wahrhaft erhabenen Gegensatz steht dazu die Erscheinung des Geistes, der vom Vater und vom Sohne ausgeht. Er ist Feuer, ein verzehrend Feuer, wie sich die heilige Schrift ausdrückt [5. Mos. 4, 24]. Er erscheint in dem Augenblicke, wo die Sonne in ihrem vollsten Glanze strahlt, wo dies Gestirn auf die mit Blumen und reifenden Früchten bedeckte Erde herabblickt, welche sie mit ihren Strahlen küßt. Empfangen wir ebenso die belebende Glut des göttlichen Geistes, und bitten wir demüthig, daß sie in uns nicht mehr nachlasse. In diesem Augenblicke des Kirchenjahres sind wir durch das menschgewordene Wort in den Vollbesitz der Wahrheit gekommen; nunmehr ist es an uns, daß wir treu die Flamme der Liebe unterhalten, welche der Heilige Geist uns gebracht hat.

Das christliche Pfingstfest, das bereits eine vorbildliche Vergangenheit in vier Jahrtausenden hatte, gehört zu den von den Aposteln selbst eingesetzten Festen. Wir haben gesehen, daß es im Alterthume mit dem Osterfeste die Ehre gemeinsam hatte, die Katechumenen zur heiligen Quelle hin- und als Wiedergeborene zurückzuführen. Seine Octave geht denn auch aus demselben Grunde, wie beim Osterfeste, nicht über den Samstag hinaus. Die Taufe wurde bereits in der Nacht vom Samstag auf den Sonntag gespendet, und für die Neophyten begann demnach das Pfingstfest schon am Samstag. Wie auf Ostern bekleideten sie sich mit weißen Gewändern, die sie am folgenden Samstag ablegten. Dieser Samstag galt denn als der achte Tag.

Das Mittelalter gab dem Pfingstfeste den anmuthigen Namen: Rosen-Ostern. Wir haben bereits hervorgehoben, daß zu derselben Zeit der Sonntag in der Himmelfahrtsoctave Rosensonntag genannt wurde. Die Feuerfarbe der Rose und ihr Wohlgeruch weckten in unseren Vätern die Erinnerung an die feurigen Zungen, die im Abendmahlsaale über den Häuptern der hundert zwanzig Jünger erschienen, sowie an die Blüthen der göttlichen Rose, welche die Liebe und Gnadenfülle über die im Entstehen begriffene Kirche ausbreitete. Die heilige Liturgie ging auf diesen Gedanken ein und bestimmte deßhalb die rothe Farbe für das heilige Meßopfer während der Dauer der ganzen Octave. Durand de Mende berichtet in seinem für die Kenntniß der liturgischen Gebräuche im Mittelalter so kostbaren „Rational,“ daß man im dreizehnten Jahrhundert in unseren Kirchen bei der Pfingstmesse Tauben fliegen ließ zur Erinnerung an die erste Offenbarung des Heiligen Geistes am Jordan. Ebenso warf man von dem Gewölbe brennende Wergflocken und Blumen herab, um an die zweite Offenbarung im Abendmahlsaale zu erinnern.

In Rom ist die Station in der Basilika des heiligen Petrus. Man war dem Apostelfürsten an dem Tage, da seine unter Eingebung des Heiligen Geistes beredten Worte der Kirche die ersten dreitausend Christen zugeführt, diese Huldigung schuldig. Die Station mit allen daran geknüpften Indulgenzen bleibt auch in St. Peter; aber der Papst und das heilige Collegium begeben sich zur Funktion in die lateranensische Basilika, die Mutter und Lehrmeisterin aller Kirchen der Stadt und der Welt.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Neunter Band: Die österliche Zeit; Mainz 1880; S. 229-234]

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