Dom Guéranger zum Fest der allerheiligsten Dreifaltigkeit (1/3)

Das Fest der allerheiligsten Dreifaltigkeit.

Am Pfingsttage haben wir die Ausgießung des Heiligen Geistes über die Apostel gesehen, und treu den Befehlen des Herrn, gingen sie bald darauf in die Welt, um alle Völker zu lehren und die Menschen im Namen der heiligen Dreifaltigkeit zu taufen [Matth. 28, 19]. Es schien daher passend, daß die Feier, welche dem einzigen Gott in drei Personen gewidmet werden muß, unmittelbar dem Pfingstfeste folgt, mit welchem es durch ein geheimnißvolles Band verkettet ist. Indeß verstrichen Jahrhunderte, bis dies Fest in den Kirchenkalender eingeschrieben wurde; denn derselbe ergänzt sich nur ganz allmählich, im Laufe langer Zeiten.

Alle Huldigungen, welche in der Liturgie Gott gezollt werden, haben die göttliche Dreifaltigkeit zum Gegenstande. Ihr gehört die Zeit wie die Ewigkeit; sie ist das letzte Ziel unserer ganzen Religion. Jeder Tag, jede Stunde gehört ihr. Alle Feste zum Gedächtniß unserer Heilsgeheimnisse zielen stets auf sie. Die Feste der allerseligsten Jungfrau und der Heiligen sind ebenso viele Wege, um uns zur Verherrlichung des seiner Wesenheit Einen und in den Personen dreifaltigen Herrn hinzuleiten. Insbesondere der Gottesdienst für den Sonntag bringt allwöchentlich eine besondere Formel, die der Anbetung und der Unterwerfng unter dies Geheimniß Ausdruck verleiht. Ist dasselbe ja doch ein Fundamentalgeheimniß unseres Glaubens und die Quelle aller und jeder Gnade.

Man begreift nach dem Gesagten, wie es kam, daß die Kirche so lange zögerte, bevor sie ein besonderes Fest zu Ehren der heiligen Dreifaltigkeit einsetzte. Der gewöhnliche Grund der Einsetzung eines Festes fehlte hier gänzlich. Ein Fest ist ja doch das Gedächtniß einer Thatsache, die sich in der Zeit ereignet hat, und deren Erinnerung und Einfluß gerade dadurch dauernd erhalten werden soll. Doch die ganze Ewigkeit hindurch, vor aller Schöpfung, lebt und regiert Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist. Da war kein besonderes Ereigniß zu feiern, das sich abgrenzen ließ, und es konnte die Einführung dieses Festes nur die Bedeutung haben, daß die Christen an einem Tage im Jahre in der gewissermaßen unmittelbar ausgesprochenen Absicht sich vereinten, um das Geheimniß der Einheit und Dreifaltigkeit in derselben göttlichen Natur feierlich zu verherrlichen.

Der erste Gedanke daran tauchte in einigen frommen Seelen auf. Oft haben solche Seelen von oben eine Vorahnung jener Dinge, welche der Heilige Geist künftig in der Kirche wirken wird. Im Beginn des achten Jahrhunderts glaubte der gelehrte Mönch Alcuin, von dem Geiste der heiligen Liturgie erfüllt, wie seine Schriften bezeugen, den Augenblick gekommen, eine Votivmesse zu Ehren der heiligen Dreifaltigkeit zu verfassen. Es scheint sogar, daß er damit einem Verlangen des berühmten Apostels von Deutschland, des heiligen Bonifacius, nachgekommen sei. Diese einfache Votivmesse diente damals nur der Privatfrömmigkeit, und nichts ließ ahnen, daß aus derselben später ein Fest sich entwickeln werde. Indessen fand die Messe allmählich Anklang, sie drang aus einer Diöcese in die andere, und im Jahre 1022 sehen wir dieselbe durch das Concil von Seligenstadt für ganz Deutschland angenommen.

Um diese Zeit wurde auch schon ein eigentliches Fest der heiligsten Dreifaltigkeit in einer belgischen Diöcese eingeführt; und zwar war dies dieselbe Diöcese, welche durch die Gnade Gottes vorher bestimmt war, mit einem weiteren glänzenden Feste das Kirchenjahr zu bereichern. Der Bischof von Lüttich, Stephan, setzte in seiner Kirche um’s Jahr 920 feierlich das Fest der allerheiligsten Dreifaltigkeit ein und ließ ein vollständiges Officium zu Ehren dieses Geheimnisses anfertigen. Die Bestimmung des gemeinen Rechtes, welche heute dem apostolischen Stuhle die Einführung neuer Feste vorbehält, bestand damals noch nicht, und der Nachfolger Stephans auf dem Stuhle von Lüttich, Riquier, behielt das Fest seines Vorgängers bei.

Allmählich breitete sich dasselbe aus, und es scheint, daß namentlich die Klöster für die Ausbreitung wirksam waren; denn schon in den ersten Jahren des elften Jahrhunderts beschäftigte sich der Abt Bernon von Reichenau eifrig mit seiner Verbreitung. Auch in Cluny wurde das Fest schon im Anfang desselben Jahrhunderts eingeführt. Denn das aus dem Jahre 1091 stammende Ordinarium dieses berühmten Klosters erwähnt das Fest als eine lang hergebrachte Einrichtung.

Unter dem Pontifikate Alexanders II., der von 1061 bis 1073 den römischen Stuhl inne hatte, wurde bezüglich der Einführung in die römische Kirche eine Entscheidung getroffen. Bekanntlich hat diese Kirche ja häufig das sanctionirt und allgemein eingeführt, was schon früher in einzelnen Kirchen bräuchlich war. In einem Decretale hat nun der Papst, nachdem er die bereits große Verbreitung des Festes constatirt hatte, erklärt, daß die römische Kirche dasselbe nicht angenommen hat, weil schon ohnedies täglich durch die oft wiederholten Worte: Gloria Patri et Filio et Spiritui Sancto, sowie durch eine große Zahl anderer Gebete, die anbetungswürdige Dreifaltigkeit angerufen wurde [De feriis. Cap. Quoniam. Dies Decretale wird irrthümlich Alexander III. zugeschrieben].

Indessen fuhr das Fest gleichwohl fort, sich auszubreiten, wie dies das Mikrologium bezeugt. In der ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts ließ sich bereits der gelehrte Abt Rupert, den man mit guten Grunde einen Fürsten der liturgischen Wissenschaft nennen kann, über das Wohlangebrachte dieser Einrichtung aus, und er bedient sich dabei folgender sehr bemerkenswerther Ausdrucksweise: „Alsbald, nachdem wir die Ankunft des Heiligen Geistes gefeiert, besingen wir die Herrlichkeit der heiligen Dreifaltigkeit in dem folgenden Sonntagsofficium. Und diese Anordnung ist eine wohlbegründete. Denn alsbald nach der Herabkunft dieses göttlichen Geistes begannen die Predigt und der Glaube, und in der Taufe der Glaube und das Bekenntniß des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes [De divinis Officiis. Lib. I. Cap. I].“

In England wurde das Fest der allerheiligsten Dreifaltigkeit von dem heiligen Thomas von Canterbury, dem glorreichen Martyrer, eingeführt. Im Jahre 1162 wurde es zum ersten Male in seiner Kirche feierlich begangen. Es diente gleichzeitig als Gedächtnißtag seiner bischöflichen Consecration, die am ersten Sonntag nach Pfingsten stattgefunden. In Frankreich finden wir es im Jahre 1260. Ein Concil in Arles unter dem Vorsitze des Erzbischofs Florentinus führte das Fest in seinem sechsten Canon feierlich ein, und verband mit demselben eine Octave. Schon vom Jahre 1230 an hatte der in ganz Europa verbreitete Cistercienser-Orden es in allen seinen Häusern eingeführt. Aus dem Rationale des Durand von Mende läßt sich schließen, daß die meisten lateinischen Kirchen im Laufe des dreizehnten Jahrhunderts es feierlich begingen. Einige derselben feierten es nicht am ersten, sondern am letzten Sonntage nach Pfingsten; andere begingen es doppelt: einmal am ersten Sonntag nach Pfingsten und einmal am Sonntage vor Beginn des Advents. Letzteres war namentlich der Fall bei den Kirchen von Mans, von Narbonne und von Auxerre.

Angesichts dieser Umstände war es nicht schwer vorauszusehen, daß schließlich der heilige Stuhl eine Einrichtung sanctioniren würde, deren allgemeine Einführung offenbar die ganze Christenheit herbei sehnte. Johannes XXII., der den Stuhl Petri bis zum Jahre 1334 inne hatte, kam denn auch diesem Wunsche durch ein Dekret nach, in welchem die römische Kirche das Fest der allerheiligsten Dreifaltigkeit annahm und auf alle Kirchen ausdehnte.

Sucht man nun nach dem Grunde, warum die in allen Dingen vom Heiligen Geiste geleitete Kirche einen besonderen Tag im Jahre bezeichnete, um der göttlichen Dreifaltigkeit eine feierliche Huldigung zu zollen, während doch all’ unsere Anbetung, all’ unsere Danksagungen, all’ unsere Gebete jederzeit ihr gelten, so findet man diesen Grund in einer allmählichen Veränderung, welche sich im Kirchenkalender vollzog. Bis gegen das Jahr 1000 waren allgemeine Heiligenfeste sehr selten. Aber mit der Zeit wuchs ihre Zahl, und nach dem genannten Zeitpunkte wurden dieselben um Vieles häufiger. Das konnte auch nie anders werden; alte Feste wurden nicht abgeschafft und neue kamen stets dazu. So mußte einmal eine Zeit eintreten, wo der Sonntagsgottesdienst, der ganz besonders der heiligsten Dreifaltigkeit gewidmet ist, häufig den Heiligenfesten im Laufe des Jahres die Stelle räumen mußte. Das war denn doch eine Unzuträglichkeit, bezüglich deren ein Ausweg gefunden werden mußte. Man fand ihn in der That darin, daß man einen Sonntag im Jahre voll und ganz der Anbetung dieses Geheimnisses widmete, und wurde dadurch, wenn man sich so ausdrücken darf, freier in der Verehrung der Diener Gottes an den übrigen Sonntagen, welche eigentlich der höchsten Majestät ausschließlich galten. An diesem Einen Sonntage aber beten wir Gott ganz besonders in seiner unaussprechlichen Einheit und seiner ewigen Dreipersönlichkeit an.

Die Erkenntniß und Anbetung des Einen Gottes in drei Personen ist dem christlichen Glauben ganz wesentlich. Aus diesem Geheimnisse fließen alle anderen; es ist das vorzüglichste Nährmittel unseres Glaubens, bis die ewige Anschauung uns unendlich selig macht. Darum hat es dem höchsten Herrn gefallen, so weit dies unserer beschränkten Vernunft möglich ist, uns dies Geheimniß zu bestätigen, während er dabei fortfährt, in seinem unzugänglichen Lichte zu wohnen [1. Tim. 6, 16]. Die menschliche Vernunft kann das Dasein Gottes, als des Schöpfers aller Wesen, erkennen; sie kann aus der Betrachtung seiner Werke einen Schluß auf seine Vollkommenheit ziehen; aber die Kenntniß des innersten Wesens Gottes konnte nur durch die Offenbarungen zu uns gelangen, die er selbst uns zu machen sich würdigte.

Der Herr wollte uns in seiner Barmherzigkeit sein Wesen offenbaren, damit wir uns desto enger mit ihm vereinigen könnten; er wollte uns so gewissermaßen auf die Anschauung vorbereiten, die er uns in der Ewigkeit von Angesicht zu Angesicht gewährt. Darum hat er uns allmählich von Licht zu Licht geführt, bis wir hinreichend erleuchtet waren, um die Einheit in der Dreifaltigkeit und die Dreifaltigkeit in der Einheit zu erkennen und anzubeten. In den Jahrhunderten, welche der Menschwerdung des ewigen Wortes vorangingen, scheint Gott hauptsächlich darauf bedacht, den Menschen die Idee seiner Einheit zu erhalten; denn die Vielgötterei wurde nach und nach das eigentliche Uebel des Menschengeschlechtes, und sogar die Kenntniß der geistigen und einzigen Ursache aller Dinge wäre auf Erden erloschen, wenn Gott nicht beständig für ihre Erhaltung wirksam gewesen wäre.

Damit soll indessen keineswegs behauptet werden, daß die Bücher des alten Bundes über die drei göttlichen Personen, deren unaussprechlichen Beziehungen ja in Gott von Ewigkeit her sind, gänzlich stumm geblieben wären. Aber diese heiligen Bücher waren der Masse des Volkes unzugänglich, während bei uns jedes Kind von sieben Jahren, wenn es gefragt wird, antwortet, daß in Gott drei göttliche Personen in derselben Natur in derselben Gottheit sind. In der Genesis spricht Gott in der Mehrzahl: „Lasset uns den Menschen machen nach unserem Ebenbild und Gleichniß [Gen. 1, 26].“ Der Isarelit beugt sich und glaubt, ohne zu verstehen; der Christ, im Besitze der vollkommenen Offenbarung, unterscheidet in der Anbetung die drei Personen, die bei der Schaffung des Menschen wirksam waren. Wenn dann das Licht des Glaubens seine Gedanken erleuchtet, so erkennt er sogar ohne besondere Mühe das Gleichniß in sich selbst: Macht, Einsicht, Willen sind in ihm, alle drei verschieden, und doch ist es nur ein einziges Wesen.

In den Sprüchen Salomons, im Buche der Weisheit, im Ecclesiasticus ist in großartiger Weise von der ewigen Weisheit die Rede. Ihre göttliche Wesenseinheit und persönliche Verschiedenheit treten da häufig und erhaben zu Tage; aber wer soll den Schleier lüften? Isaias hörte die Stimme der Seraphin um den Thron Gottes, und sie riefen mit ewigem Jubel einander zu: „Heilig, Heilig, Heilig ist der Herr [Is. 6, 3]!“ Wer soll den Menschen das dreifache „Heilig“ dieses Lobgesangs erklären, dessen Wiederhall bis in die irdischen Regionen herabklingt? In den Psalmen, in den Schriften der Propheten zuckt es häufig wie ein Blitz vom Himmel; ein dreifacher Glanz blendet den Blick des Menschen; aber bald ist es wieder dunkel, und im Grund der Seele bleibt ihm nur das Gefühl der göttlichen Einheit mit dem Gefühle, daß er das höchste Wesen nicht begreifen könne.

Die Fülle der Zeiten mußte erst gekommen sein; dann wird Gott seinen einzigen Sohn, den er von Ewigkeit gezeugt, senden. Diese Absicht seiner göttlichen Gnade hat er erfüllt; „das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt [Joh. 1, 14].“ Indem wir seine Herrlichkeit sehen, als die des eingeborenen Sohnes vom Vater [Ebend.], haben wir erkannt, daß in Gott Vater und Sohn ist. Die Sendung des Sohnes auf die Erde lehrte uns, indem er selbst den Vater offenbarte, daß Gott von Ewigkeit her Vater ist; denn Alles, was in Gott ist, ist ewig. Ohne diese barmherzige Offenbarung, die uns schon im Voraus über das Licht bringt, was wir erst nach diesem Leben schauen sollen, würde unsere Kenntniß Gottes allzu unvollkommen geblieben sein. Es mußte doch zwischen dem Lichte des Glaubens und der uns vorbehaltenen Anschauung eine engere Beziehung stattfinden; und darum genügte es fürder nicht mehr, wenn der Mensch nur die Einheit Gottes weiß.

Jetzt kennen wir den Vater, von welchem nach den Worten des Apostels alle Vaterschaft selbst auf Erden herkommt [Eph. 3, 15]. Uns ist der Vater nicht mehr eine bloße schöpferische Kraft, die alle Wesen außer ihm hervorbringt; unser ehrfürchtiges Auge dringt, vom Glauben geleitet, in das Innerste der göttlichen Wesenheit. Wir sehen den Vater den ihm wesensgleichen Sohn erzeugen. Um uns das zu lehren, ist der Sohn bis zu uns herabgestiegen. Er sagt uns ausdrücklich: „Niemand kennt den Vater, als der Sohn, und der, dem es der Sohn offenbaren will [Matth. 11, 27].“ Ehre sei dem Sohne, der sich gewürdigt hat, uns den Vater zu offenbaren, Ehre sei dem Vateer, der den Sohn uns offenbart hat!

So ist uns also die tiefere Kenntniß Gottes durch den Sohn zugekommen, welchen der Vater in seiner Liebe uns gegeben hat [Joh. 3, 16]. Und damit unsere Gedanken sich bis zu seiner göttlichen Natur aufschwingen könnten, hat sich dieser Sohn Gottes in der Menschwerdung mit unserer menschlichen Natur umkleidet und uns gelehrt, daß er und der Vater Eins sind, daß sie verschieden in den Personen, aber einer und derselben Wesenheit sind. Der Eine erzeugt, der Andere wird erzeugt. Der Eine ist Macht, der Andere Weisheit, Einsicht. In dem unendlich vollkommenen Wesen kann es keine Weisheit geben, ohne Macht und keine Macht, ohne Weisheit; aber Beide weisen noch auf ein Drittes hin.

Der von dem Vater gesendete Sohn ist mit seiner menschlichen Natur, welche auf ewig mti seiner göttlichen vereint ist, in den Himmel aufgefahren; Vater und Sohn senden nun den Menschen den Geist, der von Beiden ausgeht. Durch dieses neue Geschenk gelangt der Mensch zu der Erkenntniß, daß Gott, der Herr, dreipersönlich ist. Der Geist, das ewige Band zwischen den beiden Ersten, ist der Wille, die Liebe in der göttlichen Wesenheit. In Gott ist also die Fülle des Seins, ohne Anfang, ohne Aufeinanderfolge, ohne Fortschritt; denn Nichts mangelt ihm.

Die heilige Liturgie hat die Verherrlichung Gottes und die Erinnerung an seine Werke zum Gegenstande. Sie folgt alljährlich den erhabenen Phasen, in welchen der Allerhöchste sein ganzes Wesen einfachen Sterblichen erklärt hat. In den düsteren Adventsfarben haben wir die Zeit der Erwartung durchschritten, während welcher die glänzende Dreiheit nur wenige Strahlen durch das Gewölke dringen ließ. Die Welt erflehte einen Befreier, einen Messias, und der eigene Sohn Gottes sollte dieser Befreier, dieser Messias sein. Damit wir die Vorhersagungen, die ihn ankündigten, vollständig verstanden, mußte er auch thatsächlich kommen. „Ein Kind ist uns geboren worden [Is. 9, 6],“ und wir hatten den Schlüssel der Prophezeiungen. Indem wir den Sohn anbeten, haben wir auch den Vater angebetet, der uns denselben im Fleische sandte und der ihm wesensgleich ist. Das Wort des Lebens, das wir in seiner Menschheit gesehen, das wir gehört, das wir mit Händen betastet haben, hat uns überzeugt, daß es in Wahrheit eine Person und von dem Vater verschieden ist; denn der Eine sendet, der Andere ist gesandt. In dieser zweiten göttlichen Person sind wir dem Mittler begegnet, der die Schöpfung mit ihrem Schöpfer vereinigt hat, dem Erlöser unserer Sünden, dem Lichte unserer Seelen, dem Bräutigam, nach welchem alle Seelen sich sehnen.

Nachdem die Reihe der ihm eigenthümlichen Geheimnisse vorüber, haben wir die Ankunft des Geistes, des Heiligmachers, gefeiert, welcher angekündigt war, um das Werk des Sohnes Gottes zu vollenden. Wir haben ihn angebetet und als verschieden von Vater und Sohn erkannt, welche uns denselben mit dem Auftrage sendeten, bei uns zu bleiben [Joh. 14, 16]. Er hat sich in dem ihm eigenthümlichen göttlichen Wirken offenbart. Denn dies Wirken ist eben der Grund seiner Herabkunft. Er ist die Seele der heiligen Kirche, er erhält sie in der Wahrheit, welche der Sohn gelehrt hat. Er ist die Quelle der Heiligung in unseren Seelen, woselbst er seine Wohnung aufschlagen will. Kurz, das Geheimniß der allerheiligsten Dreifaltigkeit ist für uns nicht nur ein unseren Gedanken vertrauter, durch die Offenbarung kundgewordener Glaubenssatz, sondern eine jener Wahrheiten, die wir durch die unerhörte Gnadenfülle Gottes an uns selbst praktisch werden fühlen: wir sind von dem Vater an Kindesstatt angenommen, Brüder und Miterben des Sohnes, innerlich bewegt und bewohnt vom Heiligen Geiste.

[…]

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Zehnter Band: Die Zeit nach Pfingsten; Mainz 1881; S. 107-118]

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