Dom Guéranger zum Fronleichnamsfest (1/3)

Das Fest des allerheiligsten Sakramentes des Altars.

(Fronleichnamsfest.)

Lasset uns anbeten Christum, den König, den Beherrscher der Völker: der Fülle des Geistes schenkt Allen, die ihn grüßen!

Ein großer Festtag ist über der Welt aufgegangen. Gottes Fest haben ihn unsere Väter genannt; und er ist in Wahrheit ein Fest Gottes, aber auch ein Fest des Menschen; denn er ist das Fest Christi, des Mittlers, der in der Hostie gegenwärtig ist, um Gott dem Menschen und den Menschen Gott zu geben. Mit Gott Eins zu werden, darin liegt das ganze Sehnen der Menschheit, und diesem Sehnen hat Gott sogar hienieden schon durch eine Erfindung des Himmels entsprochen. Der Mensch feiert heute dieses göttliche Wunder.

Gegen dies FEst und seinen göttlichen Gegenstand haben die Menschen allezeit den schon sehr alten Einwand erhoben: „Wie kann das sein [Joh. 6, 53]?“ Und die Vernunft schien auch zu rechtfertigen, was sie gegen die thörichten Anmaßungen des Menschenherzens – wie sie meinten – vorbrachten.

Jedes Wesen dürstet nach dem Glück; gleichwohl oder vielmehr gerade deßhalb strebt es nur nach dem Gute, wofür es empfänglich ist. Denn das ist ja die Vorbedingung des Glückes, daß es dem Verlangen dessen, der es erstrebt, vollkommen Genüge leiste. Darum eben setzte die göttliche Weisheit, als sie die Himmel bereitete, die Abgründe grub, der Erde ihre Bahn vorzeichnete und Alles mit Allmacht schuf, jedes geschaffene Wesen mit den verschiedenen Zwecken der Geschöpfe in vollkommenen Einklang, indem sie Bedürfniß, Instinkt und Verlangen eines jeden nach seiner eigenen Natur bemaß, und nur solche Triebe in die einzelnen Wesen legte, denen sie Befriedigung verschaffen konnten. Sollte nun das Streben nach dem Guten und Schönen, das Suchen nach Gott, ein unabweisbares Gesetz jeder vernünftigen Natur, durch die Schranken aufgehalten werden, welche dieser Natur gesetzt sind? Würde da nicht das Glück derselben in einem Genusse außerhalb der ihnen angeborenen Fähigkeiten und darum für sie unerreichbar liegen?

So eigenthümlich auch eine solche Anomalie erscheint, so ist sie doch thatsächlich vorhanden: die wahre Psychologie, die Wissenschaft der menschlichen Seele, bezeugt das. Wie Alles, was um ihn lebt, dürstet auch der Mensch nach Glück, und gleichwohl er allein auf dieser Erde fühlt in sich ein Sehnen, das unermeßlich die Grenzen seiner gebrechlichen Natur überschreitet. Der Schöpfer der Welt hat das Scepter derselben in seine Hände gelegt, und alle die bescheidenen Gäste seiner königlichen Wohnung finden das volle Genügen aller ihrer Triebe; nur er, der König der Schöpfung, kann in der Welt kein Gegengewicht finden gegen den unwiderstehlichen Trieb, der ihn über die Grenzen seines Reiches, über die Grenzen der Zeit nach der Unendlichkeit hinzieht. Gott hat sich ihm durch seine Werke in einer seiner geschaffenen Natur angepaßten Weise offenbart; er kann Gott als den ersten Grund und das allgemeine Ziel, als die Vollkommenheit ohne Grenzen, als die unendliche Schönheit, als die höchste Güte erkennen; aber das genügt dem Menschen nicht. Dies Geschöpf aus Nichts verlangt nach dem Unendlichen in seiner Wesenheit, er sehnt sich nach dem Antlitze des Herrn selbst, nach der Versenkung in sein innerstes Leben. Die Erde ist ihm nur eine Wüste ohne Ausgang, ohne Wasser, seinen brennenden Durst zu löschen; von der Frühe wacht seine Seele, hungernd nach Gott, der allein sein Sehnen stillen kann; selbst sein Fleisch dürstet nach ihm [Psalm 62, 2]. „Wie der Hirsch verlangt nach Wasserquellen,“ ruft er aus, „also verlangt meine Seele nach Dir, o mein Gott. Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem starken lebendigen Gott; wann werd’ ich hinkommen und erscheinen vor Gottes Angesicht? Meine Thränen sind meine Speise Tag und Nacht, da man täglich zu mir sagt: Wo ist dein Gott? Daran denk’ ich und schütte in mir aus mein Herz; denn ich will hinüber an den Ort des wunderbaren Zeltes gehen, bis zum Hause Gottes unter Jubel und Lobgesang und fröhlichem Klang. Warum bist du traurig, meine Seele, und warum betrübst du mich? Hoffe auf Gott, denn ich werde ihm noch danken; er ist das Heil meines Angesichts und mein Gott [Psalm 41, 2-7].“

Das ist gewiß eine eigenthümliche Begeisterung für die kalte Vernunft; ihr erscheint das als thörichtes Gebahren; diese Anschauung Gottes, dies göttliche Leben, dies Festmahl, bei welchem Gott selbst Speise wäre, geht das nicht Alles unendlich über die Kräfte der menschlichen, wie überhaupt jeder geschaffenen Natur hinaus? Ein Abgrund trennt den Menschen von dem Gegenstande seines glühenden Verlangens, ein Abgrund, dessen Tiefe dem erschreckenden Mißverhältnisse des Nichts zum Sein gleicht. Ein schöpferischer Act allein könnte, trotz der Allmacht, diesen Anspruch nicht ausfüllen; und damit dies Mißverhältniß fürder kein Hinderniß mehr für die erstrebte Vereinigung sei, mußte Gott selbst den Raum durchbrechen, und dem Sprößling des Nichts seine eigene Thatkraft mittheilen. Aber was ist denn eigentlich der Mensch, daß das höchste Wesen, dessen Herrlichkeit die Himmel nicht fassen, von seiner Höhe zu ihm sich erniedrige?

Aber wer hat denn im menschlichen Herzen diesen gähnenden Schlund, den nichts auszufüllen vermag, gechaffen? Die Himmel erzählen die Herrlichkeit des Herrn, und die Werke seiner Hände verkünden die Weisheit und Macht ihres Schöpfers [Psalm 18, 2], woher dann im Menschen ein solcher Mangel an Harmonie? Zahl, Maß und Gewicht hätten allein bei ihm den höchsten Acten gemangelt [Weish. 11, 21]? Und er, der das Hauptwerk der Schöpfung werden sollte, wie er deren Krönung und König ist, wäre nur eines jener Pfuschwerke, welche durch ihre Mängel die Nachlässigkeit oder Ohnmacht des Arbeiters anklagen? Ferne von uns sei eine solche Lästerung! Gott ist die Liebe [1. Joh. 4, 8], sagt uns der heilige Johannes. Und die Liebe ist der Knoten des Räthsels, welches der auf ihre eigenen Kräfte beschränkten Philosophie ebenso unvermeidlich, wie unlösbar erscheint.

Gott ist die Liebe; und das Wunder liegt nicht darin, daß wir Gott geliebt, sondern daß er selbst uns zuvor geliebt [1. Joh. 4, 10]. Aber die Liebe verlangt Vereinigung, und die Vereinigung setzt Wesen voraus, die sich einander gleichen. Welcher Reichthum der göttlichen Natur! In ihr gelangen Macht, Weisheit und Liebe zu gleich unendlicher Entfaltung. In ihren höchsten Beziehungen bilden sie die erhabene Dreifaltigkeit, die seit dem Sonntag uns mit ihren Flammenstrahlen übergießt. Welche Tiefe des göttlichen Rathes! Was die grenzenlose Liebe will, dafür findet die unendliche Weisheit erhabene Mittel, deren Ausführung die Herrlichkeit der Allmacht verkünden!

Ehre vorab Dir, o Heiliger Geist, dessen kaum begonnenes Reich unser sterbliches Auge mit solchem Glanze erfüllt, daß es im Stande ist, die ewigen Beschlüsse zu erfassen! Am Tage deiner Pfingsten hat ein neues Gesetz voll Klarheit das alte mit seinen Schatten ersetzt. Der Erzieher, der auf die wahre Wissenschaft vorbereitete und die Welt in ihrer Kindheit lenkte, hat unser Lebewohl empfangen; das Licht ist durch die Predigt der heiligen Apostel erglänzt, und die Söhne des Lichts, der Kindheit entwachsen, Gott kennend und von ihm gekannt, entfernen sich täglich mehr von der schwachen und dürftigen Kindheitslehre [Gal. 3 und 4]. Kaum ist, o göttlicher Geist, die triumphirende Octave verflossen, in welcher die Kirche mit deiner Ankunft ihre eigene Geburt feierte, so sehen wir Dich bereits am Werke, die Sendung zu erfüllen, die Du übernommen. Du wolltest die Braut an Alles erinnern, was der Herr gesagt [Joh. 14, 26], und alsbald zeigst du ihrem gläubigen Auge die erhabene und strahlende Dreifaltigkeit, deren Betrachtung die in Anbetung und Lob ausgegossene Seele entzückt. Aber das erste unserer großen Glaubensgeheimnisse, das unergründliche Dogma der allerheiligsten Dreifaltigkeit, erschöpft mit nichten die ganze Fülle der göttlichen Offenbarung. Eifrig warst Du bestrebt, mit dem Felde deiner Unterweisungen auch die Gesichtskreise für den Glauben der Völker zu erweitern.

Die Erkenntniß Gottes in seinem Wesen und seinem inneren Leben forderte als ihre Ergänzung auch die Erkenntniß seines Wirkens nach Außen un der Beziehungen, welche er zwischen sich und seinen Geschöpfen aufrichten wollte. Und siehe da, schon in dieser Woche beginnen wir unter deiner Leitung das unaussprechliche Verzeichniß der kostbaren Geschenke, welche der Bräutigam, als er zum Himmel auffuhr, in unseren Händen zurückgelassen hat. An diesem Donnerstag, der uns an den heiligsten Donnerstag erinnert, da der Herr das letzte Abendmahl mit seinen Jüngern gehalten, an diesem Donnerstage bietest Du unserem jubelnden Herzen den wunderbaren Gesammtinhalt der Werke Gottes, der da Eins ist nach seiner Natur und dreifach in den Personen; das erhabene Gedächtniß [Psalm 110, 4] der Wunder, welche durch den vollkommenen Einklang der Allmacht, Weisheit und Liebe gewirkt worden sind. Die allerheiligste Eucharistie offenbart uns aus sich allein den göttlichen Weltplan. Sie stellt die Entwickelung in der Zeit, den fortschreitenden Gang der von der unendlichen Liebe eingegebenen göttlichen Entschlüsse in helles Licht; sie zeigt dieselben bis an ihr Ende, das sie selbst ist. Alle vorhergegangenen göttlichen Acte krönt sie, sie setzt dieselben voraus und erklärt sie.

Das Verlangen des Menschen nach der Vereinigung mit Gott, das über seine Natur hinausgeht und doch auch wieder unlöslich mit derselben verwachsen ist, hat uns auf die einzig mögliche Ursache desselben, auf Gott, den Schöpfer dieser Natur, zurückgeführt. Er allein hat diesen Abgrund im menschlichen Herzen gegraben; er allein kann und will ihn auch ausfüllen.

Ebenso wie der allmächtige VAter in dem Einen Worte, das göttliche Weisheit ist, alle Dinge sieht, bevor sie noch da sind, ebenso will er im Heiligen Geiste, daß alle da seien. Allerdings ist die Hervorbringung den drei Personen gemeinsam; aber die Ursache des Schaffens liegt im Heiligen Geiste. Im großen Rathe hat er das eröffnende Wort gesprochen: „Lasset uns den Menschen machen nach unserem Ebenbild und Gleichniß [1. Mos. 1, 26].“ – „Und Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbilde: nach dem Ebenbilde Gottes schuf er ihn [Ebend. 1, 27],“ ein Abbild seines Wortes, des höchsten Urbildes. Mit Vernunft und Willen begabt, wie Derjenige, dessen Abbild er ist, wird er die ganze Schöpfung für Gott beleben, und diese Schöpfung wird durch ihn zu ihrem Schöpfer huldigend sich emporschwingen. Aber die unaussprechlichen Pläne des Geistes der Liebe gehen unendlich weiter.

Der Heilige Geist will für den Menschen auch noch ein Ziel, das jenseits der Zeit liegt. Er soll in der klaren Anschauung der göttlichen Wesenheit an ihrem eigenen Leben Antheil haben. Ja, das irdische Leben der Söhne Adams ist schon im Voraus mit der Würde dieses höheren Lebens umkleidet, so daß das letztere nur als die Frucht, als die regelmäßige Weiterentwickelung des ersteren erscheint. Und damit das hinfällige Wesen des Geschöpfes nicht unter einer solchen Bestimmung bleibe, damit der Mensch dem Sehnen seiner Liebe genügen könne, bewirkt der Heilige Geist beim Schöpfungsacte, daß die drei göttlichen Personen ihm ihre eigenen Eigenschaften eingießen und auf seine endlichen und beschränkten Kräfte die Kräfte der göttlichen Natur pfropfen. Es ist dies eine Bestimmung, die über der Natur liegt, es sind dies Kräfte, welche den natürlichen Fähigkeiten beigemischt werden, um dieselben umzuwandeln, ohne sie zu zerstören und so das vorgesetzte Ziel zu erreichen.

Vergebens gibt eine hochmüthige Philosophie, die sich selbst als unabhängig und für sich bestehend erklärt, vor, sich an natürliche Dogmen, an rein menschliche Tugenden halten zu wollen. Nicht minder als der wunderbare Aufschwung gläubiger Seelen, beweisen die entsetzlichen Verirrungen der empörten Geister auf dem Wege des Irrthums und des Lasters in ihrer Weise, daß die Natur kein Standpunkt mehr ist, auf dem sich der Mensch aufrecht erhalten kann; ja, daß sie nie einen solchen Standpunkt bot. Denn wie sollte sich der Mensch den göttlichen Absichten entziehen können? Indem uns Gott einen übernatürlichen Beruf gab, hat er einen Akt der Liebe gethan, aber ebenso einen Act der Autorität. Seine Wohlthat schafft für uns eine Pflicht.

Das ist ein Adel ohne Gleichen, daß der Mensch nicht blos zum Ebenbilde Gottes, sondern zu seinem Gleichniß wird [1. Mos. 1, 26]. Zwischen dem Unendlichen, dem Ewigen und dem, der eben Nichts war und stets ein Geschöpf bleiben wird, sind Freundschaft und Liebe von nun an mögliche Dinge. DAs hat eben der Geist der Liebe bewirkt. Das Seufzen des Menschen nach seinem Gott, das Dürsten selbst seines sterblichen Fleisches nach ihm [Ps. 62, 1], waren also nicht die plötzlichen Ausbrüche einer sinnlosen Begeisterung. Das verzehrende Sehnen nach dem starken, dem lebendigen Gotte, nach dem Festmahle der Vereinigung mit ihm, war kein eitles Traumgebilde. Was Wunder, wenn der Mensch, in Gemeinschaft mit der göttlichen Natur [2. Petr. 1, 4], sich dieser Gemeinschaft bewußt wird, und sich von der unerschaffenen Flamme zum Herde ziehen läßt, von welchem aus sie bis zu ihm strahlt? Ein berechtigter zeuge seiner eigenen Werke, ist der Geist da, um das zu bestätigen, dessen wir uns bewußt geworden sind, und unserem Geiste Zeugniß zu geben, daß wir Kinder Gottes sind [Röm. 8, 16]. Es ist derselbe Geist, der im Innnersten unseres Seins sein Liebeswerk aufrecht erhält und zu gutem Ende führt, der bald in plötzlichem Lichtstrahle dem Auge unseres Herzens die Horizonte künftiger Herrlichkeit erschließt [Ephes. 1, 17. 18], bald in jenen unaussprechlichen Seufzern [Röm. 8, 26] spricht, in jenen Liedern der Verbannung voll heißen Thränen einer Liebe, welche den Augenblick der Vereinigung nicht erwarten kann. Wie sollen wir die siegreiche Süßigkeit der unvergleichlichen Harmonien schildern, welche aus dem Innern der vom göttlichen Zuge getroffenen Seele von der Erde zum Himmel emporsteigen? In der That, siegreich sind jene Seufzer; und wenn auch die ewige Vereinigung mit den Tagen der Pilgerschaft und der Prüfung unvereinbar ist, so hat darum das Thal der Thränen doch seine unaussprechlichen, seine beseligenden Geheimnisse.

In diesem Zusammenwirken des Heiligen Geistes und der Seele, weiß Derjenige, der die Herzen durchforscht, was der Geist begehrt. Denn, so sagt uns der Apostel, nach Gottes Wohlgefallen begehrt er für die Heiligen [Ebend. 8, 27]. Es ist dies ein Begehren, allmächtig wie Gott selbst; ein neues Begehren, insoweit es den Menschen betrifft, der erst von gestern stammt, ein ewiges Begehren, da es von dem Geiste ausgeht, der bereits vor dem Beginne der Zeit, ewig derselbe, ausgegangen ist. Diesem von den unergründlichen Tiefen seiner Ewigkeit her gestellten Begehren gegenüber, hat Derjenige, für welchen Alles besteht und den kein sterbliches Auge gesehen hat, noch sehen kann [1. Tim. 6, 16], beschlossen, sich in der Zeit zu offenbaren und sich mit dem Menschen, noch während seiner Pilgerfahrt, zu vereinigen, nicht zwar durch sich selbst, sondern in seinem Sohne, dem Abglanz seiner Herrlichkeit, dem Ebenbilde seines Wesens [Hebr. 1, 3]. Gott hat so sehr die Welt geliebt [Joh. 3, 16], daß er ihr sein Wort dahin gab, daß er die göttliche Weisheit schon im Schoße des Vaters dem Menschengeschlechte verpfändete. Dieser Schoß des Vaters, der sein Abbild im Schoße Abrahams findet, jenem geheimnißvollen Sammelplatze der Gerechten im Alten Bunde, dem Ruheorte der heiligen Seele, bis dem auserwählten Volke der Weg zum Heiligthume geöffnet wurde, dieser Schoß des Vaters ist die bräutliche Kammer, von welcher David singt [Ps. 18, 6], aus welcher der Bräutigam hervorgeht, wenn er zur bezeichneten Stunde die Höhen des Himmels verläßt, um seine Braut zu suchen und sie dort hinzuführen zur ewigen Hochzeitsfreude. Das ist ein triumphirender Zug des Bräutigams in seiner Schönheit [Ps. 44, 5], von welchem der Prophet Michäas gesagt, als er Bethlehem pries, daß sein Ausgang von Ewigkeit her sei [Mich. 5, 2]. So ist nach den erhabenen Lehren der katholischen Theologie ein enger Zusammenhang zwischen der ewigen Erzeugung der göttlichen Personen und ihrer Sendung in der Zeit. Dieselbe Ewigkeit vereinigt beide in Gott; von Ewigkeit her schaut die erhabene Dreifaltigkeit die unaussprechliche Geburt des einzigen Sohnes aus dem Schoße des Vaters und ebenso von Ewigkeit her sieht sie ihn als den Bräutigam aus demselben väterlichen Schoße hervorgehen.

Wenn wir nun die ewigen Rathschlüsse unter sich vergleichen, so ist es nicht schwierig herauszufinden, was eigentlich die Hauptsache ist und was sich darum auch als der schöpferische Gedanke in allem anderen ausprägt. Gott der Vater hat Alles gethan wegen dieser Vereinigung der menschlichen Natur mit seinem Sohne. Und diese Vereinigung ist so innig, daß sie für einen Menschen bis zur persönlichen Identificirung mit dem eingeborenen Sohne gehen sollte. Sie ist aber auch so allgemein, daß kein einzelner Mensch von der göttlichen Hochzeit mit der im Schönsten unter den Menschenkindern offenbar gewordenen ewigen Weisheit ausgeschlossen sein sollte, es sei denn, daß er selbst nicht wolle. So hat Gott, welcher befahl, daß aus Finsterniß Licht leuchtete, unsere Herzen erleuchtet, das Licht der Erkenntniß Gottes strahlen zu lassen in Christo Jesu Antlitz [2. Cor. 4, 6]. So ist auch das Hochzeitgeheimniß das Weltgeheimniß, so endlich gleicht das Himmelreich einem Könige, der seinem Sohne Hochzeit hielt [Matth. 22, 2].

Wo aber soll hienieden der Fürst seiner Braut begegnen? Wo soll diese wunderbare Vereinigung stattfinden? Wer wird uns die Mitgift der Braut, wer das Hochzeitsgeschenk nennen? Wer ist der Ordner des hochzeitlichen Mahles? Welche Gerichte werden den Gästen vorgesetzt? Lauter höchst wichtige Fragen, deren triumphirende Antwort erschallt, so weit der Himmel die Erde überspannt. An der Gewalt dieser erhabenen Töne erkennen wir das göttliche Wort. Die anbetungswürdige Weisheit hat die Schwelle der Tempel überschritten und predigt draußen; sie läßt ihre Stimme hören auf den Gassen, an der Spitze der Volkshaufen rufet sie, an den Eingängen der Throne rdet sie ihre Worte [Spr. Sal. 1, 20. 21]. Auf den Höhen, auf den höchsten Gipfeln, auf dem Wege mitten auf der Landstraße redet sie zu den Menschenkindern [Ebend. 8, 2-4]. Und um dieselbe Zeit eilen ihre Mägdlein, einzuladen auf das Schloß und in die Mauern der Stadt, und sie bringen die Botschaft: „Kommet und esset mein Brod, trinket den Wein, den ich für euch gemischt habe. Denn die Weisheit baute sich ein Haus, das auf sieben Säulen ruht; sie opferte ihre Schlachtopfer, mischte den Wein und richtete ihren Tisch zu [Ebend. 9, 1-5]. Alles ist bereit, kommet zu Hochzeit [Matth. 22, 4].“

O Weisheit, die Du hervorgegangen aus dem Munde des Allerhöchsten. von einem Ende zum andern reichest, und Alles ordnest in Kraft und Schönheit [Erste Antiphon aus den großen Antiphonen des Advents.]; in der Zeit des Advents, der Ankunft in Bethlehem, dem Hause des Brodes, haben wir Dich angefleht: Du warst das erste Sehnen unserer unter der Erwartung der Jahrhunderte pochenden Herzen. Der Festtag deiner glorreichen Erscheinung machte das Geheimniß der Hochzeit wie auch den Bräutigam offenbar. Die Braut wurde in den Fluthen des Jordan bereitet, die Weisen eilten mit Geschenken zu der königlichen Hochzeitsfeier, und über den aus Wasser umgewandelten Wein frohlockten die Hochzeitsgäste [Ant. Epiph. ad Benedictus]. Aber dieses in Wein verwandelte Wasser, welches die geringe Fruchtbarkeit des Weinbergs ergänzen konnte, stellte noch viel größere Wunder in Aussicht. Der wahre Weinstock, dessen Reben wir sind [Joh 15, 5], hat seine herrlichen Blüthen, seine lieblichen Früchte gegeben [Eccli. 24, 23]. Die Thäler haben Ueberfluß an Korn; Alles lobsinget [Psalm 64, 14]; denn diese Stärke des Volkes (Getreide) wird im Lande auf den Gipfeln der Berge sein, dessen Frucht wird übertreffen den Libanon [Psalm 71, 16].

Edle, erhabene Weisheit, deren göttliche Reize von der Kindheit an die nach der wahren Schönheit [Weish. 8, 2] verlangenden Herzen hinreißen! So ist denn der Tag des wahren Hochzeitsfestes gekommen. Wie eine ehrwürdige Mutter, wie eine jungfräuliche Braut, eilst Du herbei, um uns mit dem Brode des Lebens zu nähren und den Trank des Heiles uns zu reichen [Eccli. 15, 2. 3]. Besser ist deine Frucht, als Gold und Edelgestein, und dein Wesen besser, als auserlesenes Silber [Spr. Sal. 8, 19]. Die Dich essen, hungern immer, und die Dich trinken, dürften immer [Eccli. 24, 29]; denn dein Umgang hat nichts Bitteres, deine Gesellschaft nichts Widriges, sondern Lust und Freude [Weish. 8, 16], Reichthum, Ehre und Gerechtigkeit [Spr. Sal. 8, 18].

In diesen Tagen, wo Du auf den Säulen der Wolken [Eccli. 24, 7] deinen Thron in der Versammlung der Heiligen errichtest, wollen wir deine Wunder verkünden, und mit Dir, o Weisheit, dein Lob singen im Angesichte der Heerscharen des Allerhöchsten [Ebend. 24, 1-4]. Oeffne denn unsern Mund, erfülle uns mit deinem Geiste, göttliche Weisheit, damit unser Lob seines Gegenstandes würdig und sie selbst, nach der Verheißung der heiligen Schrift, in dem gläubigen Munde deiner Anbeter reichlich sei [Ebend. 15, 5. 10].

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Zehnter Band: Die Zeit nach Pfingsten; Mainz 1881; S. 211-225]

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