Dom Guéranger zum Fronleichnamsfest (3/3)

Die Prozession.

Wer ist sie, die aus der Wüste der Welt heraufsteigt wie eine Rauchsäule von Spezereien aus Myrrhen und Weihrauch und allerlei Gewürz? Von selbst ist heute die Braut erwacht. Voll Verlangen und Sehnen umgibt die Kirche die goldene Sänfte, woselbst der Bräutigam in seiner Herrlichkeit erscheint. Um ihn sind gereiht die Starken Israels, Priester und Leviten des mächtigen Herrn. Ihr Töchter Sions, gehet heraus, ihm entgegen; schauet den wahren Salomo mit der Krone, womit ihn seine Mutter gekrönet am Tage seiner Vermählung und am Tage der Freude seines Herzens [Hohel. 3, 5-11]. Diese Krone ist das Fleisch, welches das göttliche Wort aus der reinsten Jungfrau angenommen, als er die Menschheit zur Braut nahm [Greg. in Cantic.]. Durch diesen vollkommenen Leib, durch dieses heilige Fleisch setzt sich täglich im heiligen Mahre die geheimnißvolle Vermählung des Menschen mit der ewigen Weisheit fort. Für den wahren Salomon ist also jeder Tag ein Tag der Freude des Herzens und der Vermählung. Was läßt sich da Angemesseneres denken, als daß die Kirche wenigstens einmal im Jahre ihrem Entzücken über den unter dem Sakrament der Liebe verborgenen Bräutigam freien Lauf läßt? Darum hat heute der Priester zwei Hostien consecrirt. Nachdem er die eine sumirt, stellt er die andere in die strahlende Monstranz, die jetzt in seiner vor Ehrfurcht zitternden Hand unter der Absingung von Triumphliedern durch die bewegten Reihen der knieenden Menge getragen wird.

Diese feierliche Demonstration gegenüber der heiligen Hostie ist, wie wir bereits bemerkt, jüngeren Datums, als das Fest selbst. Urban IV. spricht in seiner Einsetzungsbulle im Jahre 1264 nichts davon. Zweiundzwanzig Jahre später, 1286, schrieb Durand von Mende sein Rationale, in welchem er an verschiedenen Stellen die in der Kirche üblichen Prozessionen behandelt. Auch er erwähnt die Frohnleichnamsprozession nicht. Dagegen liefern die […] Constitutionen Martin’s V. und Eugen’s IV. vom 26. Mai 1429 und 26. Mai 1433 den Beweis, daß diese Prozession damals bereits üblich war; denn beide gewähren den Theilnehmern Ablässe. Der Mailänder Donat Bossius berichtet in seiner Chronik, daß „am Donnerstag den 29. Mai 1404 zum ersten Male feierlich der Leib Christi in den Straßen von Pavia umhergetragen wurde, wie dies seitdem üblich geworden ist.“ Daraus wollten nun Einige schließen, daß die Frohnleichnamsprozession von Pavia aus ihre Verbreitung genommen, und zwar vom Jahre 1404 an. Aber das geht weit über den Text hinaus, der, wie dies bei einem Chronisten fast selbstverständlich, nur ein lokales Ereigniß im Auge hat. Er beweist nur, daß in diesem Jahre die Prozession zum ersten Male in Pavia abgehalten wurde, und sich dann dort erhielt; es ist aber damit durchaus nicht behauptet, daß die Prozession nicht schon in anderen Diöcesen bestand.

Thatsächlich wird denn auch anderswo die Prozession schon früher erwähnt; so namentlich auf einem handschriftlichen Titel der Kirche von Chartres aus dem Jahre 1330; in einem Acte des Kapitels von Tournai vom Jahre 1325, auf dem Concil von Paris 1325, auf dem Concil von Sens 1320. Durch die beiden Concile werden Indulgenzen für Abstinenz und Fasten am Vigiltage vor Frohnleichnam gewährt, und dann heißt es weiter: „Was die feierliche Prozession anlangt, die am Donnerstag des Festes unter Mittragung des göttlichen Sakramentes stattfindet, so wollen wir, da dieselbe durch eine Art göttlicher Eingebung in unseren Tagen eingeführt wurde, für die Gegenwart nichts bestimmen, sondern Alles dies der Frömmigkeit des Clerus und des Volkes überlassen [Labbe].“ Ueberhaupt scheint bei dieser Einführung die Initiative großentheils vom Volke ausgegangen zu sein, und wie ein aus Frankreich stammender Papst das Fest einsetzte, so scheint auch die Prozession in Frankreich zuerst enstanden zu sein und sich von da aus über den ganzen Westen Europas verbreitet zu haben.

Wahrscheinlich wurde bei dieser Prozession die heilige Hostie nicht offen, wie heutzutage, mitgetragen, sondern in einer Kapsel oder einem kostbaren Schreine verschlossen. So war es auch seit dem elften Jahrhundert in gewissen Orten bei der Prozession am Palmsonntag und am Auferstehungsmorgen üblich. Wir haben an anderem Orte bereits von diesen Kundgebungen gesprochen, die übrigens weniger das göttliche Sakrament zu verehren, als vielmehr das Geheimniß des Tages lebendiger auszudrücken bezweckten. Wie dem nun auch sein möge, der Gebrauch der Ostensorien oder Monstranzen – letzterer Ausdruck findet sich zuerst in den Acten des Concils von Köln 1452 – kam nach der Einführung dieser neuen Prozession auf. Anfangs hatten sie die Gestalt eines durchbrochenen Thurmes. So findet sich in einem handschriftlichen Missale aus dem Jahre 1374 eine Initiale D, aus welcher dies hervorgeht. Die Collecte der Messe am Frohnleichnamstage beginnt mit den Worten: „Deus, qui nobis,“ also mit dem Anfangsbuchstaben D. Solche Anfangsbuchstaben wurden oft mit Wappen, Emblemen und bedeutsamen Bildern verziert. In diesem D nun, ist ein Bischof mit zwei Akolythen gezeichnet, und zwar trägt dieser Bischof die Hostie des Heils in einem goldenen Thurme, der vier Oeffnungen hatte. Bald fand der christliche Sinn ein schöneres Symbol. Man setzte das erhabene Sakrament in eine Sonne von Crystall, die rings mit goldenen Strahlen umgeben war. Eine derartige Abbildung finden wir in einem Graduale aus der Zeit Ludwigs XII. (1498-1515). Da zeigt der erste Buchstabe des Introitus vom heutigen Festtage, eine Sonne, die bereits unseren Monstranzen ähnlich ist; sie wird von zwei mit dem Pluviale bekleideten Männern auf den Schultern getragen und von einem König, sowie mehreren Cardinälen und Prälaten geleitet [Thiers. De l’Exposition du S. Sacr. Liv. II. ch. 2].

Der damals auftauchende Protestantismus behandelte diese natürliche Entwickelung des vom Glauben und der Liebe eingegebenen katholischen Cultus als Neuerung, als Aberglauben, als schändlichen Götzendienst. Das Concil von Trient verhängte das Anathem über diese sectirerischen Beschuldigungen [Sess. XIII, can. 6], und rechtfertigte die Kirche in einem besonderen Kapitel. wir halten uns für verpflichtet, die betreffende Stelle wörtlich mitzutheilen. Es heißt dort: „Das heilige Concil erklärt als sehr fromm und sehr heilig den in der Kirche eingeführten Gebrauch, daß alljährlich ein besonderes Fest gefeiert wird, um in jeder Weise das erhabene Sakrament zu preisen, wie auch dasselbe in Prozession mit aller Pracht und Ehre über die Straßen und öffentlichen Plätze zu tragen. Es ist in der That wohl recht, daß bestimmte Tage eingesetzt seien, an welchen die Christen durch eine feierliche und ganz besondere Kundgebung Zeugniß davon ablegen, daß sie voll Dank und Ehrfurcht gegen den gemeinsamen Herrn und Erlöser der unaussprechlichen Wohlthat gedenken, welche uns den Sieg und den Triumph seines Todes vor das Auge führt. So mußte die siegreiche Wahrheit über Lüge und Irrthum triumphiren, auf daß ihre Gegner entweder vor einem solchen Glanze und einer so großen Freude der ganzen Kirche den Muth verlieren und sich in Aerger verzehren, oder beschämt und verwirrt endlich zur Erkenntniß kommen [Ebendas. cap. 5].“

Aber wir Katholiken, gläubige Anbeter des Sakramentes der Liebe, „mit welcher Freude“ – so ruft der eben so fromme als beredte Pater Faber – „müssen wir nicht diese glänzende und unermeßliche Wolke von Herrlichkeit betrachten, welche die Kirche um diese Stunde zu Gottes Thron emporsteigen läßt! Ja, man möchte glauben, daß die Welt noch im ursprünglichen Zustande der Glut und Unschuld sich befinde! Sehet diese herrlichen Prozessionen, welche mit ihren in der Sonne erglänzenden Bannern über die Plätze reicher Städte, über die mit Blumen bestreuten Wege christlicher Dörfer, unter den ehrwürdigen Gewölben alter Basiliken, längs der Gärten frommer Stätten dahin ziehen! In dieser Völkerfülle sind die Unterschiede an Farbe und Sprache nur neue Beweise für die Einheit jenes Glaubens, den alle mittels des großartigen römischen Rituale zu bekennen sich freuen. Auf wie vielen Altären von verschiedenster Bauart, alle mit den schönsten Blumen geschmückt, in einem Lichtmeere strahlend, von Weihrauchwolken umwogt, wird heute unter heiligen Gesängen vor einer knieenden, fromm gesammelten Menge das heilige Sakrament erhoben, um die Anbetung der Gläubigen zu empfangen! Auf wie viele steigt es vom Himmel nieder, um sie zu segnen! Wie viele Acte des Glaubens und der Liebe, des Triumphes und der Genugthuung sind in alledem enthalten! Die ganze Welt ist voll Freudenlieder; die Gärten werden ihrer schönsten Blumen beraubt, und fromme Hände streuen sie auf den Weg, auf welchem ihr unter der sakramentalen Gestalt verhüllter Schöpfer vorüberzieht. In die Ferne hinaus schallt feierliches Glockengeläute, der Donner der Geschütze weckt das Echo der Berge von den Anden bis zu den Apenninen; mit glänzendem Flaggenschmuck gezierte Schiffe geben auch dem Meere ein festliches Aussehen, und königliche wie republikanische Heere huldigen im Waffenglanze dem König der Könige. Der Papst auf seinem Throne, wie das Bauernmädchen im stillen Dörfchen, die Nonne in ihrer Clausur, wie der einsame Eremit, Bischöfe, Prälaten, Priester, Kaiser, Könige und Fürsten, alle sind heute von dem Gedanken an das allerheiligste Sakrament erfüllt. Die Städte sind festlich erleuchtet, die Wohnungen der Menschen hallen von Ausbrüchen der Freude wieder. So groß ist die allgemeine Lust, daß sich die Menschen ihr hingeben, ohne auch nur sich Rechenschaft darüber abzulegen. Sie sprudelt über alle Herzen, wo Trübsal herrscht, über die Armen, über die Gefangenen. All’ die Millionen Seelen, welche zur königlichen Familie oder zum geistigen Stamme Petri gehören, sind heute mehr oder minder mit dem heiligen Sakramente beschäftigt, so daß durch die ganze streitende Kirche ein einziger Freudeschauer zuckt, gleich dem rauschenden Gewoge eines bewegten Meeres. Die Sünde scheint vergessen, selbst die Thräne eher dem Uebermaß des Glückes, als der Reue erpreßt. Es ist ein Rausch, als ob die Seele in den Himmel einzöge; ja, man möchte sagen, daß die Erde in den Himmel zieht, so groß ist die Freude, womit das allerheiligste Sakrament sie überfluthet [Faber, Das heiligste Sakrament. Bd. 1].“

Während der Prozession singt man die Hymnen des Tagesofficiums: das Lauda Sion, das Te Deum und, je nach Länge des Weges, den Benedictus, das Magnificat oder andere liturgische Stücke, welche auf den Gegenstand des Festes Bezug haben. In die Kirche zurückgekehrt, schließt die gottesdienstliche Handlung wie bei gewöhnlichen Segen mit dem Tantum ergo, dem Versikel und Gebet vom allerheiligsten Sakramente. Nach dem feierlichen Segen aber wird die Hostie nicht von dem Diakon verschlossen, sondern er stellt sie auf den Thron, um welchen die frommen Gläubigen während der folgenden acht Tage eifrige Wacht halten.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Zehnter Band: Die Zeit nach Pfingsten; Mainz 1881; S. 296-302]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s