Kevelaerer Kreuzweg: 11. Station

Elfte Station.

Jesus wird an das Kreuz genagelt.

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus, und preisen Dich!

R. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die Welt erlöset.

Betrachtung. Während man das Kreuz bereitet, fällt Jesus vor demselben auf seine Kniee und weiht sich dem himmlischen Vater zum blutigen Opfertode für unsere Sünden. Dann bietet er freiwillig seine Hände und Füße den Peinigern zur Kreuzigung dar. Der erste Hammerschlag fällt. Hoch auf springt das Blut und färbt die Hand des Schergen. Betrachte die entsetzlichen Nägel, höre die dumpfen Hammerschläge, siehe wie ein Strom von Blut nach dem andern in die Höhe springt, schaue die durchbohrten Hände und Füße, die Zuckungen der ausgespannten Glieder, beachte noch den teuflischen Spott und Hohn der Juden. Wenn selbst dem Kräftigsten schon das plötzliche Zusammenziehen eines einzigen Nervs, das Verrenken des kleinsten Gliedes eine Ohnmacht bereiten kann: was mag der so zart gestaltete Leib des Heilandes hierbei gelitten haben?

Anmutung. O Seele, dies alles leidet der Heiland in Gegenwart seiner schmerzerfüllten Mutter aus reinster Liebe zu dir, um dich zu retten. O meine Seele, wie hoch ist dein Wert! Siehe, das kostbare Blut des grausam an das Kreuz genagelten Gottessohnes ist das Lösegeld. Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber Schaden leidet an seiner Seele? Rette deine Seele!

Gebet. Ach, mein Erlöser, wie weit geht doch Deine Liebe zu mir! Fortan soll die Welt mir und ich der Welt gekreuzigt sein. Ich will meine Seele retten, koste es, was es wolle. Laß doch Dein kostbares am Kreuze vergossenes Blut an mir nicht verloren gehen. Bewahre mich doch, daß ich nicht durch neue Todsünden Dich abermals kreuzige, daß ich von jetzt an meine Hände nie zur Sünde mißbrauche, und meine Füße immerdar den Weg Deiner Gebote wandeln. O Jesus, ziehe mich mit unauflöslichen Banden an Dich, noch fester, als die Nägel Dich an dem Kreuzesbalken hielten. In Deinen Wunden laß mich Zuflucht und Ruhe finden. Amen.

V. Gekreuzigter Herr Jesus!

R. Erbarme Dich unser.

Barmherzigkeit, mein Jesus!

Trösterin der Betrübten, Mutter der gekreuzigten Liebe, lasse nicht zu, daß ich Jesum jemals wieder durch neue Sünden kreuzige, und bitte für mich, daß ich meine Glieder fortan nur zum Dienste Gottes gebrauche.

„Heilige Mutter, drück die Wunden,
Die Dein Sohn für mich empfunden,
Tief in meine Seele ein.“

Süßes Herz Mariä, sei meine Rettung! (300 Tage Ablaß.)

Vater unser … Gegrüßet seist Du …

[Quelle: Via dolorosa! Schmerzensweg unseres Herrn oder Kreuzwegbüchlein nebst Andacht zu den sieben Schmerzen Mariä, besonders zum Gebrauche der Pilger in Kevelaer. Von Professor Dr. Bernh. Schäfer; Kevelaer 1911; S. 20-22]

Kevelaerer Kreuzweg: 10. Station

Zehnte Station.

Jesus wird seiner Kleider beraubt und mit Essig und Galle getränkt.

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus, und preisen Dich!

R. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die Welt erlöset.

Betrachtung. Noch einmal hat sich der Heiland aufgerafft und ist endlich auf der Richtstätte von Kalvaria angelangt. Das Kreuz liegt am Boden; die Grube ist gegraben, worin es befestigt werden soll. Eins ist noch übrig. In der Schmach und Qual der Entblößung soll der allerkeuscheste Sohn Mariä sterben. Die Henker reißen die Kleider von seinem Leibe. Er, der alle Geschöpfe kleidet, erscheint hier in der äußersten Armut. Die mit seinem Gewand verklebten Wunden brechen wieder auf. Welch ein Schmerz! Der keuscheste Jesus sieht sich den Blicken roher Kriegsknechte ausgesetzt. Welch eine Schmach! Er leidet brennenden Durst, aber nur Myrrhenwein und Galle wird ihm gereicht. Welche Bitterkeit! So steht der Sohn Gottes vor dem Kreuze, arm und bloß, zitternd und bebend in unaussprechlicher Pein und Schmach.

Anmutung. Alle Arten von Peinen wollte mein Heiland und Erlöser leiden, weil die Menschen jegliche Art von Bosheit begangen haben. Er wird der Kleider beraubt, um Genugtuung zu leisten für Habsucht, Eitelkeit, Kleiderpracht und Hoffart. Er muß die unbeschreibliche Marter der Entblößung ertragen, um zu büßen, was die Welt in Schamlosigkeit und Fleischeslust verbrochen. Er muß den bitteren Trank verkosten, um abzuzahlen, was seine Geschöpfe in Genußsucht und Unmäßigkeit verschuldet haben. Gehöre nicht auch ich zu ihnen?

Gebet. O schuldloses Gotteslamm, Du wirst der Kleider beraubt und mit Bitterkeit an Leib und Seele erfüllt: und ich soll noch der Sinnenlust und irdischer Eitelkeit anhangen? O laß mich doch immer mehr erkennen, daß die Welt und ihre Lust vergeht, und alles Eitelkeit ist, außer Dich lieben und Dir allein dienen. Schenke mir die Gnade, daß ich starkmütig die bösen Gelüste überwinde, und daß die Welt und ihre Güter und die sündhaften Neigungen mein Herz nicht beherrschen. Ertöte in mir jede unordentliche Anhänglichkeit an die Geschöpfe, mache mich wachsam und standhaft in den Gefahren meiner Unschuld, und befreie mich vom Geiste der Unlauterkeit. Amen.

V. Gekreuzigter Herr Jesus!

R. Erbarme Dich unser.

Barmherzigkeit, mein Jesus!

Trösterin der Betrübten, erbitte mir die notwendige Kraft, die böse Begierlichkeit des Fleisches zu besiegen.

„Heilige Mutter, drück die Wunden,
Die Dein Sohn für mich empfunden,
Tief in meine Seele ein.“

Süßes Herz Mariä, sei meine Rettung! (300 Tage Ablaß.)

Vater unser … Gegrüßet seist Du …

[Quelle: Via dolorosa! Schmerzensweg unseres Herrn oder Kreuzwegbüchlein nebst Andacht zu den sieben Schmerzen Mariä, besonders zum Gebrauche der Pilger in Kevelaer. Von Professor Dr. Bernh. Schäfer; Kevelaer 1911; S. 19-20]

Kevelaerer Kreuzweg: 9. Station

Neunte Station.

Jesus fällt das dritte Mal.

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus, und preisen Dich!

R. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die Welt erlöset.

Betrachtung. Sengende Strahlen sendet die Mittagssonne auf den Kreuzweg nieder. Immer noch quillt aus zahllosen Wunden das kostbare Blut des Erlösers. Der Zug ist jetzt am Fuß des Kalvarienberges angekommen. Als der gemarterte Heiland zur Todesstätte hinansteigen wollte, da brach seine Kraft zusammen; er sank zum dritten Mal zu Boden. So ist die Schrift erfüllt worden: „Niedergeworfen haben mich meine Feinde, zertreten den ganzen Tag. Wilde Hände ziehen und zerren an ihm.“ Unter unbarmherzigen Stößen und Schlägen erhebt sich das geduldige Gotteslamm wieder in heiliger Sehnsucht, auf der Höhe des Berges für das Heil der Welt am Kreuze zu sterben.

Anmutung. Ich ahne die Ursache dieses dritten und schmerzlichen Falles. Hier wollte Christus büßen für den schrecklichen Leichtsinn der Menschen, womit sie Sünden auf Sünden häufen, und sich immer tiefer in das Verderben stürzen. Hier wollte er büßen für die klägliche Treulosigkeit Derer, die sich kaum vom Schlafe der Sünde erhoben, alsbald wieder in die alten Laster zurücksinken. Hier wollte er büßen für so viele Menschen, welche auch die letzte Gnade der Bekehrung von sich stoßen, und dann in trauriger Verstocktheit oder in gänzlicher Verzweiflung aus dem Leben scheiden.

Gebet. O Jesus, um der Verdienste und der Schmerzen willen bei Deinem dritten Falle bitte ich Dich, gib mir Kraft und Stärke, im Leiden und Kreuz auszuharren bis an mein Lebensende. Bewahre mich doch vor jeder Sünde gegen den hl. Geist, und gib mir die Gnade, fest zu stehen in der heiligmachenden Gnade und in ihr zu verharren bis in den Tod. O Jesus, gib mir die Gnade der Beharrlichkeit. Amen.

V. Gekreuzigter Herr Jesus!

R. Erbarme Dich unser.

Barmherzigkeit, mein Jesus!

Trösterin der Betrübten, Mutter der Beharrlichkeit, erbitte mir Standhaftigkeit in den Versuchungen.

„Heilige Mutter, drück die Wunden,
Die Dein Sohn für mich empfunden,
Tief in meine Seele ein.“

Süßes Herz Mariä, sei meine Rettung! (300 Tage Ablaß.)

Vater unser … Gegrüßet seist Du …

[Quelle: Via dolorosa! Schmerzensweg unseres Herrn oder Kreuzwegbüchlein nebst Andacht zu den sieben Schmerzen Mariä, besonders zum Gebrauche der Pilger in Kevelaer. Von Professor Dr. Bernh. Schäfer; Kevelaer 1911; S. 17-18]

Dom Guéranger zum fünften Sonntag nach Pfingsten (3/3)

Zur Vesper.

[…]

Antiphon zum Magnificat.

Wenn du deine Gabe zu dem Altare bringst, und dich daselbst erinnerst, daß dein Bruder etwas wider dich habe, so laß deine Gabe allda vor dem Altar, und geh’ zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bruder, und dann komm’ und opfere deine Gabe! Alleluja!

Gebet.

Gott! Der Du denen, die Dich lieben, unsichtbare Güter bereitet hast; sende die Liebe zu Dir in unsere Herzen, damit wir Dich in allen Dingen und über alle Dinge lieben, und liebend deine Verheißungen, die alles Verlangen übersteigen, an uns erfüllt sehen. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Eilfter Band: Die Zeit nach Pfingsten; Mainz 1883; S. 107]

Dom Guéranger zum fünften Sonntag nach Pfingsten (2/3)

Zur Messe.

Wie schon am vorigen Sonntag, so scheint auch diesmal die Kirche sich darin gefallen zu haben, daß sie den feierlichen Eingang des heiligen Meßopfers an die Lesungen der Nocturn anknüpfte. Der Introitus ist dem 26. Psalm entnommen, den David bei seiner Krönung zu Hebron verfaßte. Er ist eine demüthige und vertrauensvolle Bitte dessen, dem alles hienieden fehlt, aber dessen Licht und Kraft der Herr ist. Unter den Umständen, an welche wir bereits erinnert, bedurfte es in der That nichts Geringeres, als eines blinden Glaubens an die göttlichen Verheißungen, um den Muth des früheren Hirten von Bethlehem und des Stammes, der einst sein Volk werden sollte, aufrecht zu erhalten. Aber bemerken wir gleichzeitig, daß das Königthum des Sohnes Jesse’s und seiner Nachkommenschaft im alten Jerusalem ein höheres Königthum und eine höhere Dynastie in der Kirche vorbedeuten sollte: nämlich das Königthum Christi und die Reihenfolge der Päpste.

Introitus.

Erhöre, o Herr, meine Stimme, womit ich zu Dir gerufen; sei Du mein Helfer, verlaß mich nicht und verachte mich nicht, o Gott, mein Heiland!

Ps. Der Herr ist mein Licht und mein Heil, wenn sollt’ ich fürchten?

Ehre sei dem Vater etc.

Erhöre, o Herr etc.

Die dem David als Belohnung seiner Kämpfe verheißenen Güter waren nur ein schwaches Vorbild jener, welche den Ueberwinder des Teufels, der Welt und des Fleisches im himmlischen Vaterlande erwarten. Könige für immer, werden sie auf ihren Thronen die Fülle jener berauschenden glorreichen Wonnen kosten, von denen der Bräutigam manchmal einzelne Tropfen in die gläubigen Seelen hienieden fallen läßt. Lieben wir also den, welcher so sehr die Liebe belohnt; und da wir aus uns selbst nichts vermögen, so wollen wir durch den Bräutigam, den Urheber jeder guten Gabe [Jak. 1, 17], die Vollkommenheit in der göttlichen Liebe erflehen.

Collecte.

O Gott, welcher Du Denen, die Dich lieben, die unsichtbaren Güter zubereitet hast: gieß’ in unsere Herzen die Anmuthungen deiner Liebe; damit wir Dich in Allem und über Alles lieben und so deine Verheißungen, welche noch höher als alle Wünsche sind, erlangen mögen. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Daran schließen sich die beiden anderen Collecten, wie […] in der Messe des vierten Sonntags […].

Epistel.

Lesung des ersten Briefes des heiligen Apostels Petrus Cap. 5.

Theuerste! Seid alle einträchtig im Gebet, mitleidig, brüderlich, barmherzig, bescheiden, demüthig; vergeltet nicht Böses mit Bösem, nicht Schmähworte mit Schmähworten, im Gegentheile segnet einander, weil ihr dazu berufen seid, Segen zu erben. Denn wer das Leben lieb hat und gute Tage sehen will, der bewahre seine Zunge vom Bösen, und seine Lippen, da sie nicht Trügerisches reden. Er wende sich vom Bösen und thue Gutes; er suche Frieden und jage ihm nach; denn die Augen des Herrn sehen auf die Gerechten, und seine Ohren merken auf ihr Gebet; aber das Angesicht des Herrn ist wider die, welche Böses thun. Und wer kann euch schaden, wenn ihr dem Guten nachtrachtet? Wenn ihr aber auch Etwas leidet um der Gerechtigkeit willen, Heil euch! Ihre Schrecknisse fürchtet nicht, und beunruhiget euch nicht. Haltet nur den Herrn Christum heilig in euren Herzen!

Das Evangelium des letzten Sonntags ließ uns der apostolischen Arbeit beiwohnen, welche aus dem Schooße der Fluthen die lebendigen Steine heraufschaffte, womit Jesus Christus seine Kirche baut. Heute nun nimmt der Meister dieses geheimnißvollen Fischzuges, Simon, der Sohn des Jonas, in unserer Epistel das Wort und wendet sich an die verschiedenen Elemente, welche die heilige Stadt bilden sollen: heilige Materialien, die aus den Tiefen der Abgründe hervorgeholt sind, um von nun an gleich glänzenden Perlen im wunderbaren Lichte [1. Petr. 2, 9] des Heilands der Heiligen zu glänzen. Der Sohn Gottes ist in der That zu keinem anderen Zwecke vom Himmel gekommen, als um auf Erden eine wunderbare Stadt zu gründen, worin Gott selber würdig wohnen kann [Offenb. 21, 2. 3], um seinem Vater einen unvergleichlichen Tempel zu erbauen, in welchem Lob und Liebe ohne Aufhören von den Steinen der Mauern ausströmen und so in edler Weise das Opfer umgeben [1. Petr. 2, 4. 5]. Er selbst hat sich zum Ecksteine dieses dreimal heiligen Gebäudes gemacht, in welchem das ewige Brandopfer zum Himmel raucht [1. Petr. 2, 6. 7]. Diese Eigenschaft als Eckstein des neuen Tempels hat er dem Simon, seinem Stellvertreter, übertragen [Matth. 16, 18], und wollte, daß dieser Titel als Petrus, Stein, der von nun ab der einzige Namen seines Stellvertreters hienieden wurde, bis zum jüngsten Tage allen Seinigen den einzigen Zweck seiner göttlichen Arbeiten beständig in’s Gedächtniß riefe. Hören wir jetzt mit ehrfurchtsvollem Danke aus dem Munde des Stellvertreters des Gottmenschen selbst die praktischen Lehren, welche für uns aus dieser großen Wahrheit fließen; folgen wir fromm der heiligen Kirche, welche um diese Jahreszeit, die durch das strahlende Gestirn des Apostelfürsten beherrscht wird, unablässig ihre Söhne dem Hirten und Bischofe ihrer Seelen zuführt [1. Petr. 2, 25].

Die Vereinigung einer wahren Liebe, Eintracht und Friede, welche um jeden Preis als die Bedingung gegenwärtiger und künftiger Glückseligkeit aufrecht zu erhalten sind, das bildet den Gegenstand der Empfehlungen, welche Simon, der als Petrus zum Ecksteine geworden, an die übrigen auserwählten Steine richtet, die sich auf ihn stützen, und die Strebepfeiler des von dem Menschensohn erbauten Tempels bilden. Und in der That, hängen etwa die Festigkeit und die Dauer des Palastes auf Erden nicht mehr oder minder von der innigen Verbindung der Materialien ab, aus welchen er gebaut ist? Die Vereinigung verleiht der Welt Kraft und Glanz. Wenn die gegenseitige Anziehung, welche alle ihre Bewegungen harmonisch regelt, wegfiele, wenn die Cohäsion, welche die einzelnen Atome aneinander gliedert, plötzlich aufhörte, dann würde das Weltall in dunkeln Staub zerfallen, untastbar und namenlos. Der Schöpfer läßt in den himmlischen Sphären eine wunderbare Einigkeit herrschen [Hiob 25, 2], und er selbst ruft: „Wer denn schläfert den Zusammenklang des Himmels ein [Hiob 38, 37]?“ Und doch, wie die Erde in ihrer gegenwärtigen Form vergehen wird, so werden auch die Himmel wie ein abgenutztes Gewand zerfallen [Psalm 101, 26-28]. Und was wird dann das Element der Stabilität, der unvergleichliche Mörtel des Palastes sein, der da als Wohnung Gott bereitet ist, und dessen Dauer zu ertragen die Welten sich ohnmächtig erklären? Denn die Kirche wird auch alsdann noch stehen, und den in ihren Mauern aufgeschlagenen Thron der allerheiligsten Dreifaltigkeit mit dem Wohlgeruche ihrer Gebete und dem Dufte ihrer Opfer umgeben.

Dem Heiligen Geiste gebührt es, uns das Geheimniß dieser Gemeinschaft zu erklären, welche die heilige Stadt bildet [Ps. 121, 3] und deren Beharrlichkeit der Zeit trotzt. Die Liebe, welche beim Verlassen der Fluth in unsere Herzen gegossen wird, entstammt der Liebe, welche im Schooße der anbetungswürdigen Dreieinigkeit herrscht. Denn was immer der Geist in den Heiligen wirkt, hat keinen anderen Zweck, als sie zur Theilnahme an den göttlichen Eigenschaften heranzuziehen. Das göttliche Feuer, welches das Leben der wiedergeborenen Seele geworden ist, durchdringt dieselbe vollständig und theilt ihrer geschaffenen und endlichen Liebe die Richtung und Gewalt der ewigen Flamme mit. Der Christ muß also von nun an lieben, wie Gott liebt; die Liebe ist nur dann eine wahre, wenn sie in der Einfachheit ihrer göttlichen Flamme den ganzen Gegenstand der unendlichen Liebe umfaßt. Nun besteht aber das unaussprechliche wahre Freundschaftsband, welches durch die übernatürliche Ordnung zwischen Gott und seinen vernünftigen Geschöpfen geknüpft worden ist, eben darin, daß er sie mit der Liebe liebt, womit er sich selbst liebt. Die Liebe muß demnach auch ihrerseits in der Einheit ihrer Liebesacten nicht nur Gott selbst umfassen, sondern auch all’ die Wesen, welche Gott zur Theilnahme an seinem glückseligen Leben berufen hat. Begreifen wir nun die Größe und die unvergleichliche Kraft der Gemeinschaft, welche der Heilige Geist in der Kirche ausgerichtet hat? Wir werden jetzt nicht mehr erstaunen, wenn wir vernehmen, daß ihre Bande stärker sind, als der Tod, ihr Zusammenhalt fester als die Hölle [Hohel. 8, 6]. Denn der Mörtel, welcher die lebendigen Steine seiner Mauern verbindet, besitzt die Kraft Gottes und die Beständigkeit seiner ewigen Liebe. Wohl ist die Kirche jener auf die Fluthen gebaute Thurm, welcher dem Hermas erschien, als ein Werk von glänzenden Steinen, die so fest und innig miteinander verbunden waren, daß das Auge kein Gefüge entdecken konnte [Herm. Past. L. 1, Visio III, 2].

Aber wir werden nun wohl auch begreifen, wie wichtig und nothwendig für alle Christen diese gegenseitige Gemeinschaft, diese Bruderliebe ist, die so häufig, so kräftig von den Aposteln, diesen Gehülfen des Heiligen Geistes, in der Erbauung der Kirche empfohlen wird. Die Enthaltung von Schisma und Häresie, selbst die Unterdrückung schlimmer Leidenschaften und gehässiger Eifersucht würden nicht ausreichen, um uns zu brauchbaren Steinen für dieses große Werk zu machen. Es bedarf dazu einer wirklichen, hingebenden, beharrlichen Liebe, welche die Seelen und Herzen in Wahrheit miteinander verbindet und in Einklang bringt. Es bedarf jener überfluthenden, dieses Namens allein würdigen Liebe, die uns Gott in unseren Brüdern zeigt und bewirkt, daß ihre Freuden unsere Freuden, ihre Leiden unsere Leiden sind. Weit von uns entfernt sei jener selbstsüchtige Halbschlummer, in welchem sich die träge Seele gefällt. Ja allzuoft glauben in trügerischem Wahn sich wiegende Seelen der vorzüglichsten Tugend sich zu befleißen, wenn sie alles Interesse an dem, was sie umgibt, von sich abschließen. An solchen Seelen kann der göttliche Mörtel nicht gehaftet haben. Das sind ungeeignete Steine für jeden Bau und der himmlische Werkmeister verwirft sie, oder läßt sie am Fuße der Mauer liegen, weil sie sich in das Ganze doch nicht einfügen und nicht zu dem übrigen Materiale passen würden. Wehe ihnen indessen, wenn das Bauwerk aufgeführt worden wäre, ohne daß sie verdient hätten, einen Platz in diesen Mauern zu finden! Sie würden dann begreifen, aber zu spät, daß es nur Eine Liebe gibt, daß Derjenige, der seinen Bruder nicht liebt, auch Gott nicht liebt [1. Joh. 4, 21], daß aber Derjenige, der nicht liebt, im Tode bleibt [Ebend. 3, 14]. Suchen wir also mit dem heiligen Johannes die Vervollkommnung unserer Liebe zu Gott in der Liebe zu unseren Brüdern [Ebend. 4, 12]. Nur dann werden wir Gott in uns haben [Ebend.]. Nur dann können wir der unaussprechlichen Geheimnisse der göttlichen Gemeinschaft mit Demjenigen uns erfreuen, welcher sich mit den Seinigen nur vereinigt, um aus ihnen und aus sich selbst den erhabenen Tempel zur Verherrlichung seines Meisters zu erbauen.

Das Graduale kehrt zu dem Ideengange des Introitus zurück und erfleht den göttlichen Schutz für das Volk, daß sich unter den Scepter des Herrn gereiht hat. Das Versikel verkündigt die Siege Christi, des Königs, und das Heil, welches er der Erde bringt.

Graduale.

Unser Beschirmer, schaue doch, Gott, und sieh’ auf deine Knechte.

Herr, Gott der Heerschaaren, erhöre die Bitten deiner Diener.

Alleluja, Alleluja.

Herr, in deiner Kraft erfreuet sich der König, und über dein Heil frohlocket er gar sehr.

Alleluja.

Evangelium.

Fortsetzung des heiligen Evangeliums nach Matth. Cap. 5.

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: „Wenn eure Gerechtigkeit nicht vollkommener sein wird, als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich eingehen. Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht tödten; wer aber tödtet, der soll des Gerichtes schuldig sein. Ich aber sage euch, daß ein Jeder, der über seinen Bruder zürnt, des Gerichtes schuldig sein wird. Wer aber zu seinem Bruder sagt: Raca! wird des Rathes schuldig sein; und wer sagt: du Narr! wird des höllischen Feuers schuldig sein. Wenn du daher deine Gabe zu dem Altare bringst und dich daselbst erinnerst, daß dein Bruder Etwas wider dich habe, so laß seine Gabe allda vor dem Altare und geh’ zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bruder; und dann komm’ und opfere deine Gabe.“

Die Tage des alten Jerusalem vergehen rasch. In weniger denn einem Monate sehen wir den furchtbaren Untergang der Stadt, welche die Zeit der Heimsuchung des Herrn nicht erkannt hat [Luk. 19, 44], vor Augen. Die Kirche hat die Erinnerung an die furchtbare Erfüllung der Prophezeiung Christi in ihrer Liturgie an den neunten Sonntag nach Pfingsten geknüpft. Derselbe fällt in den Monat Juli oder August; d. h. gerade in die Jahreszeit, wo unter Vespasian die letzten Zuckungen des gottesmörderischen Volkes stattfanden. Einstweilen steht der alte Tempel noch, verschließt fortwährend den Völkern seine inneren Pforten und meint, die Gottheit hinter dem Vorhange des alten Testamentes in ihrem selbst den Söhnen Israels unzugänglichen Heiligthume zurückhalten zu können. Aber schon seit fünf Wochen hat die Kirche begonnen, in Sion ihre unvergänglichen Strebepfeiler aufzurichten. Im Angesichte des Denkmals des eng begrenzten und unvollkommenen Bundes auf Sinai hat der Heilige Geist sie als den Sammelpunkt für das Frohlocken auf der ganzen Erde gegründet [Ps. 47, 3]; als die Stadt des großen Königs, woselbst alle von nun an Gott erkennen werden [Jerem. 31, 34]. Auch hat dieselbe nicht aufgehört, sich uns von allem Anfange an als den Rüstort der ewigen Weisheit [Sprüchw. 8, 31], als das wahre Heiligthum der göttlichen Gemeinschaft zu zeigen.

Das Gesetz der Furcht und der Knechtschaft [Röm. 8, 15] ist also von jetzt ab endgültig durch das Gesetz der Liebe abgeändert. Ein Rest von Rücksichten für die ehedem genehm gehaltene Einrichtung, die einst die Bewahrerin der göttlichen Aussprüche [Röm. 3, 2] war, gestattet noch er ersten Generation der Bekehrten aus Juda, den Gebräuchen ihrer Väter freiwillig nachzuleben. Aber auch diese Duldung soll mit dem Tempel verschwinden, dessen bevorstehende Zerstörung das Grab der Synagoge für immer versiegeln wird. Von jetzt an genügen die Vorschriften des mosaischen Gesetzes nicht mehr, um die Kinder Jakob’s vor Gott zu rechtfertigen. All’ die rituellen Vorschriften, welche gegeben wurden, um durch eine Gesammtheit vorbildlicher Darstellungen den Gedanken und die Erwartung eines künftigen Opfers festzuhalten, verloren mit der Erfüllung der von ihnen angekündigten Geheimnisse jeden Werth. Selbst die zehn Gebote, welche für alle Zeit nie wechseln können, weil sie eben das Wesentliche der Beziehungen zwischen Schöpfer und Geschöpf enthalten, erschienen doch unter dme Feuer der Sonne der Gerechtigkeit in neuem Lichte und von unvergleichlich größerer Tragweite.

Abgesehen von dem positiven Gebote bezüglich des Baumes der Erkenntniß, hatte der Mensch im Paradiese zugleich mit dem Leben auch die Kenntniß dieser ewigen Gesetze von Gott empfangen. Dieser Kenntniß konnte er sich nicht entledigen; er konnte sie nicht mehr vollständig verlieren; er hätte denn aufhören müssen, überhaupt Mensch zu sein. Denn sie war ihm, als sein Wesen selbst, als die natürliche Regel seiner praktischen Urtheile, gegeben worden, und bildete so gleichsam einen Theil seiner Vernunft. Nun hat sich aber die Vernunft des Menschen durch die Thatsache des Sündenfalles ungemein verdunkelt; dieser verhängnißvolle Schatten gewann in seiner Seele solchen Umfang, daß die Anfangs so vollständige und so klare Erkenntniß der aus seiner Natur selbst fließenden sittlichen Verpflichtungen verschleiert wurde. Die Bosheit des zum Bösen sich neigenden Willens zog aus dieser Verdunkelung der Vernunft einen verhängnißvollen Nutzen, und die von ihr erstrebten Ausschweifungen wuchsen in erschreckendem Maße. Wir, die wir durch den Glauben wiedergeboren sind, begreifen nicht mehr, wie ganze Völker, freiwillige oder leichtsinnige Opfer, in einen solchen Pfuhl eigenthümlicher Verirrungen gerathen konnten. Wir sträuben uns, daran zu glauben, auf welchen falschen, oft den Principien der elementarsten Moral zuwiderlaufenden Grundlagen die Sitten großer Nationen sich entwickelt hatten. Die Nachkommen der Patriarchen waren allerdings durch den ihren Vätern gegebenen Segen vor solchen Ausschreitungen besser bewahrt, aber auch sie entgingen ihnen nicht gänzlich. Als Moses, von Gott gesandt, sie auf der Basis der Treue gegen dies an Stelle des natürlichen getretene geschriebene Gesetz als Volk constituirte, da mußten noch verschiedene Punkte, welche eigentlich frei an das Tageslicht hätten treten sollen, im Schatten bleiben. Moses mußte in etwas ihrer Herzenshärtigkeit nachgeben [Matth. 19, 9]; und er konnte nicht einmal verhindern, daß namentlich nach seinem Tode gelehrte Juden aufstanden, daß eigene Secten sich bildeten, welche mit Hilfe oberflächlicher Traditionen und irrigier Auslegungen den Geist, und manchmal selbst den Wortlaut des Gesetzes von Sinai corrumpirten.

Das Gesetz Gottes trägt für den Juden den Charakter einer nationalen Verfassungsurkunde, und war in dieser Eigenschaft unter die Hut der bürgerlichen Gewalt gestellt. Tribunale, welche je nach der Wichtigkeit der vor ihnen verhandelten Fälle einen höheren oder niederen Rang einnahmen, urtheilten über die gegen das göttliche Gesetz begangenen Verletzungen und Verbrechen. Aber abgesehen vom heiligen Beichttribunal, in welchem Gott selbst durch den Priester handelt und spricht, kann jedes Urtheil von Menschen, so hoch auch ihre Autorität sein mag, doch nur äußere Thatsachen zum Gegenstande haben. Für die in Gedanken begangenen Sünden, welche, so schwer sie auch sein mögen, doch ihrer Natur nach der Würdigung und der Kenntniß der Gesellschaft und der regierenden Machthaber entgehen, hatte daher auch die mosaische Gesetzgebung keine Strafandrohung. In gleicher Weise wendet auch heute die Kirche ihre Censuren auf solche Vergehen der Seele, welche durch einen in die Sinne fallenden Act nicht offenbar werden, nicht an. Wie dies schon Moses gethan, läßt auch sie, ohne irgendwie die Schuldbarkeit sündiger Gedanken und Begierden in Zweifel zu ziehen, Gott das Urtheil über Dinge, welche er allein zu kennen vermag.

Aber wenn es heute unter den Kindern der Kirche Niemanden gibt, welcher durch eine so einfache und ganz der Natur jedes gesellschaftlichen Rechtes entsprechende Unterscheidung in Irrthum geführt werden könnte, so war dies doch bei dem hebräischen Volke nicht in gleicher Weise der Fall. Lange Zeit hindurch war es das unablässige Bemühen der Propheten, die Blicke dieses ohne irgend ein Verdienst seinerseits so bevorzugten Volkes über diese irdische Welt hinauszuheben. Aber selbst damals konnte der engherzige exclusive Geist der Nation sich nie zu dem Gedanken emporschwingen, daß die göttlich eingegebenen Grundsätze ihrer politischen Verfassung sowie die äußere Form ihrer Gesetzgebung nur die Hülle eines geistigen, viel lebendigeren und tieferen Kernes sei. Als demnach kurz nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft der prophetische Mund allmählich verstummte, und somit das Feld für das Ausbreiten der verschiedensten Systeme nach diesen höchst verächtlichen Neigungen frei wurde, da hatten die casuistischen Juden sehr bald die Formel für die eigenthümliche Moral der Beschnittenen gefunden, von welcher uns der heilige Paulus sagt, daß sie den Völkern zum Aergerniß gereichte [Röm. 2, 17-29]. Indem sie das innere Gebiet des Gewissens mit dem nothwendigerweise beschränkten Forum der öffentlichen Gerechtigkeit verwechselten, würdigten sie die Pflichten des inneren Forums nach dem Maßstabe des äußeren, und gewöhnten sich auf diesem Wege sehr rasch daran, nur das zu achten, was von den Menschen gesehen wurde, und alles das gering zu schätzen, was nicht in das Auge fällt. Das Evangelium ist voll von Verwünschungen des Heilandes gegen diese blinden Führer, welche da in den von ihnen geleiteten Seelen das Gesetz, die Gerechtigkeit und die Liebe unter der Wucht des Buchstabens erstickten. Der Gottmensch brandmarkt sie bei jeder Gelegenheit. Er geißelt unaufhörlich diese heuchlerischen Schriftgelehrten und Pharisäer, die ängstlich darauf bedacht sind, den Becher von außen zu reinigen, ihn innen aber voll der Unreinigkeit des Raubes und des Unflaths belassen [Matth. 23, 25 u. s. w.].

Das göttliche Wort, welches vom Himmel herabgekommen ist, um die Menschen ini der Wahrheit, d. h. in ihm selbst, zu heiligen [Joh. 17, 17-19], mußte in der That vor allem andern den unverrückbaren Principien der Gerechtigkeit und des Rechtes, welche in ihm, wie in ihrem Mittelpunkte, ruhen, ihren durch die Zeit getrübten ursprünglichen Glanz wiedergeben. Das geschah nun in unvergleichlich feierlicher Weise nach der Berufung der Jünger und der Auswahl der zwölf Apostel, in der Stelle der Bergpredigt, welche die Kirche zum Evangelium des heutigen Tages ausgewählt hat. Darin erklärte er, daß er nicht gekommen sei, um das Gesetz aufzuheben oder zu zerstören [Matth. 5, 17], sondern um seinen wahren Sinn gegen die Schriftgelehrten und Pharisäer wiederherzustellen und ihm eine Fülle zu geben, welche nicht einmal die Alten zur Zeit des Moses hätten tragen können. Man muß diese wichtige Stelle beim heiligen Matthäus im Zusammenhange lesen. Die Erklärungen, welche wir hier gegeben, werden dann zu ihrem Verständnisse ausreichen.

In den wenigen Zeilen, welche die Kirche heute der Bergpredigt entnommen, liegt der Gedanke des Heilands, daß man mit dem Maßstabe irdischer Tribunale nicht den zum Eingang in das Himmelreich nothwendigen Grad der Gerechtigkeit bemessen darf. Nach dem jüdischen Gesetze wurde Derjenige, welcher einen Menschen tödtete, vor einen Gerichtshof gestellt, den man in der Volkssprache „das Gericht“ nannte. Aber der Meister und Urheber des Gesetzes erklärte, eigentlich schon Derjenige vor Gericht gestellt werden sollte, der nur zürnt; und selbst, wenn sich dieser Zorn gar nicht einmal äußert. Denn dieser bloße im Innern des Menschen entflammte Zorn kann schon den Tod der Seele herbeiführen, also in geistiger Ordnung dasselbe, was in leiblicher beim Menschenmord geschieht, wo ja der Leib getödtet wird. Wenn aber dieser Zorn sich äußert, ohne daß es dabei irgend zu Thätlichkeiten kommt, wenn einem nur so das syrische Wort Raca, Taugenichts, entschlüpft, das geht schon nach seinem Werthe vor Gott bemessen, über die gewöhnliche Gerichtsbarkeit hinaus; das wäre schon etwas, was vor den hohen Rath gehörte. Kommt man aber gar von solchen verächtlichen Ausdrücken zu wirklichen Schmähungen und Beschimpfungen, dann ist keinerlei menschliche Einrichtung mehr da, welche als Parallele dienen könnte, um an ihr die Schwere der Sünde zu bemessen, die sie vor dem Richterstuhle Gottes hat. Und vor diesem Richterstuhle ist die Strafe nicht, wie die der Menschen, an eine bestimmte Grenze gebunden. Die mißhandelte Nächstenliebe findet jenseits der Zeit ihren Rächer. So groß ist das Gebot der heiligen Liebe, welche die Seelen vereint. In einem so schweren und unmittelbaren Gegensatze zum göttlichen Werke steht die Sünde, welche näher oder entfernter die Harmonie der lebendigen Steine stören oder trüben kann, die in Eintracht und Liebe den hienieden zur Verherrlichung der untheilbaren Dreifaltigkeit errichteten Tempel bilden.

In dem Maße, als die Jahre für das auserwählte Volk dahinrollen, begreift es immer besser sein Glück, daß es als Antheil seines Erbes die wahren Güter gewählt. Mit seinem König besingt es im Offertorium die himmlischen Gnaden und die fortwährende Gegenwart Gottes, die seine Stütze ist.

Offertorium.

Ich will loben den Herrn, der mir Verstand gegeben. Ich sehe den Herrn allezeit vor meinen Augen; denn er ist mir zur Rechten, damit ich nicht wanke.

In dem Stillgebet bitten wir Gott, daß er an Stelle der alten Gaben die Opfergabe unserer Herzen gnädig aufnehme. Aber wenn wir wollen, daß unser Gebet wirksam sei, dann dürfen wir nicht außer Acht lassen, was uns am Schlusse des heutigen Evangeliums gesagt wird: Nur diejenigen Herzen werden von dem Allerhöchsten aufgenommen, welche, wenigstens soweit es an ihnen liegt, in Frieden mit all’ ihren Nebenmenschen leben.

Stillgebet.

O Herr, sei gnädig unserem Flehen: und nimm gütiglich diese Opfer deiner Diener und Dienerinnen an: damit das, was jeder Einzelne zur Ehre deines Namens dargebracht hat, Allen zum Heile gedeihe. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Die beiden anderen Stillgebete sind dieselben […].

Die hilfreiche Gegenwart Gottes, welche die Antiphon des Offertoriums pries, bezeichnete keineswegs den Endpunkt der göttlichen Gnadenerweisungen. Durch die unendliche Liebe in der unaussprechlichen Gemeinschaft der heiligen Geheimnisse überwunden, ersehnt und verlangt das heilige Volk nichts anderes mehr, als sich für immer im Hause des Herrn niederzulassen.

Communion.

Um Eines habe ich gebeten den Herrn, wiederum verlang’ ich’s, daß ich weile im Hause des Herrn alle Tage meines Lebens.

Die Wirkung der heiligen Geheimnisse ist vielfach. Sie reinigen die Seele bis in ihre verborgensten Falten; sie schützen uns auch nach Außen gegen die Schlingen, welche auf dem Pfade unseres Heiles gelegt sind. Sprechen wir also in der Postcommunio mit der Kirche:

Postcommunio.

O Herr, nachdem Du uns mit dem himmlischen Geschenke gesättigt hast, bitten wir Dich, gewähre uns, daß wir von unseren unbekannten Sünden gereinigt und vor feindlichen Nachstellungen bewahrt werden. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Die beiden anderen Postcommunionen sind dieselben […].

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Eilfter Band: Die Zeit nach Pfingsten; Mainz 1883; S. 89-106]

Dom Guéranger zum fünften Sonntag nach Pfingsten (1/3)

Der fünfte Sonntag nach Pfingsten.

Dieser Sonntag heißt bei den Griechen der fünfte des heiligen Matthäus. Bei den Lateinern war er lange Zeit unter dem Namen „Sonntag des Fischfangs“ bekannt, bis nämlich das Evangelium dieses Sonntags auf den Sonntag vorher vorgerückt wurde. Die Woche, welche mit ihm beginnt, heißt „erste Woche nach dem Feste der Apostel,“ oder in alten Lectionaren „des heiligen Petrus;“ in anderen wieder wird sie als zweite oder dritte Woche nach demselben Feste bezeichnet. Diese und ähnliche Verschiedenheiten begegnet man nicht selten in den liturgischen Werken des Mittelalters. Sie hängen mit dem bald früher bald später fallenden Osterfeste des Jahres zusammen, in welchem diese Schriften verfaßt wurden.

In dem heutigen Nocturnum hat die Kirche mit der Lesung des zweiten Buches der Könige begonnen. Dasselbe fängt mit der Erzählung von Saul’s unglücklichem Ende und der Thronbesteigung David’s an. Die Erhebung des Sohnes Jesse’s bezeichnet den Höhepunkt im prophetischen Leben des alten Volkes. In ihm hatte Gott seinen treuen Knecht [Ps. 88, 21] gefunden, und er zeigte ihn der Welt als das vollständigste Vorbild des künftigen Messias. Ein Schwur Gottes verbürgte dem neuen König die Zukunft seines Geschlechtes. Sein Thron sollte ewig dauern [Ps. 88, 36-38]: denn er sollte eines Tages der Thron Dessen werden, welcher der Sohn des Allerhöchsten genannt wurde, ohne daß er deßhalb aufhöre, David zum Vater zu haben [Luk. 1, 32].

Aber in dem Augenblicke, wo der Stamm Juda in Hebron dem Auserwählten des Herrn zujubelte, waren die Umstände nicht darnach angethan, ausschließlich Freude und Hoffnung zu erwecken. In der Vesper des gestrigen Tages erst entlehnte die Kirche eine ihrer schönsten Antiphonen dem Klagegesang, welcher dem David beim Anblicke des vom blutigen Schlachtfelde aufgehobenen Diadems Saul’s eingegeben wurde: „Berge von Gelboe,“ heißt es am angeführten Orte, „nicht Thau, nicht Regen falle fürder auf euch! Denn dort ward weggeworfen der Schild des Helden, der Schild Saul’s, als wär’ er nicht gesalbt mit Oel! Wie sind die Helden gefallen im Streit! Jonathas ist erschlagen auf deinen Höhen! Saul und Jonathas lieblich und schön in ihrem Leben, sind auch im Tode nicht geschieden!“

Der Umstand, daß das hohe Apostelfest vom 29. Juni und der Tag, an welchem das Officium der Zeit alljährlich diese Antiphon bringt, zeitlich nahe zusammenliegen, hat der Kirche den Gedanken eingegeben, die letzten Worte der obigen Antiphon auf die heiligen Apostelfürsten Petrus und Paulus während der Octave anzuwenden, und sie singt: „Ihr ruhmwürdigen Fürsten der Erde! Wie sie im Leben in Liebe eins gewesen, sind sie auch im Tode nicht geschieden [Ant. Oct. Apost. ad Benedict.].“ Wie das hebräische Volk in dieser Epoche seiner Geschichte, so hat auch die christliche Heerschaar mehr als einmal die Ankunft ihrer Führer nur auf der vom Blute ihrer Vorgänger gerötheten Erde begrüßen können.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Eilfter Band: Die Zeit nach Pfingsten; Mainz 1883; S. 87-89]

Kevelaerer Kreuzweg: 8. Station

[In meiner Textvorlage fehlen die Seiten 15 und 16. Daher kann ich den dort abgedruckten Text hier leider nicht bringen.]

V. Gekreuzigter Herr Jesus!

R. Erbarme Dich unser.

Barmherzigkeit, mein Jesus!

Trösterin der Betrübten, Mutter der Barmherzigkeit, erbitte mir Tränen über meine Sünden und über Jesu Leiden, und ein wohlwollendes Herz gegen Notleidende.

„Heilige Mutter, drück die Wunden,
Die Dein Sohn für mich empfunden,
Tief in meine Seele ein.“

Süßes Herz Mariä, sei meine Rettung! (300 Tage Ablaß.)

Vater unser … Gegrüßet seist Du …

[Quelle: Via dolorosa! Schmerzensweg unseres Herrn oder Kreuzwegbüchlein nebst Andacht zu den sieben Schmerzen Mariä, besonders zum Gebrauche der Pilger in Kevelaer. Von Professor Dr. Bernh. Schäfer; Kevelaer 1911; S. -17]

Kevelaerer Kreuzweg: 7. Station

Siebente Station.

Jesus fällt zum zweiten Male.

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus, und preisen Dich!

R. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die Welt erlöset.

Betrachtung. Mit der höher steigenden Sonne hebt sich auch der steinichte Kreuzweg mehr und mehr bergan. Noch einige Schritte, und Jesus ist unter den Toren Jerusalems. Seit dem letzten Abendmahle war Jesus weder Nahrung gereicht, noch die kürzeste Rast gestattet worden. Erschöpft und grausam gehetzt sinkt er abermals zu Boden. Der Grimm seiner Feinde steigerte sich, es folgen heftige Ausbrüche von Zorn und Verwünschungen, und unbarmherziges Drängen zur Eile, damit das Schlachtopfer noch vor dem Tode ans Kreuz geschlagen werden kann. Mit Stößen und Schlägen wird gegen ihn gewütet, an Stricken wird er gezogen und gezerrt. O wie wahr ist des Propheten Wort: Ich bin ein Wurm, kein Mensch.

Anmutung. Durch diesen zweiten schmerzlichen Fall wollte der Heiland meine schändlichen Gewohnheiten, meine häufigen Rückfälle in die alten Sünden sühnen. Er wollte mich belehren, wie kläglich und gefährlich es ist, wenn wir dieselbe schwere Sünde aufs Neue begehen.

[In meiner Textvorlage fehlen die Seiten 15 und 16. Daher kann ich den dort abgedruckten Text hier leider nicht bringen.]

[Quelle: Via dolorosa! Schmerzensweg unseres Herrn oder Kreuzwegbüchlein nebst Andacht zu den sieben Schmerzen Mariä, besonders zum Gebrauche der Pilger in Kevelaer. Von Professor Dr. Bernh. Schäfer; Kevelaer 1911; S. 14-]

Kevelaerer Kreuzweg: 6. Station

Sechste Station.

Veronika reicht Jesus das Schweißtuch.

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus, und preisen Dich!

R. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die Welt erlöset.

Betrachtung. Von dem schweren Druck des Kreuzes hatte sich auf der Schulter des Heilandes eine tiefe Wunde gebildet. In Schweiß und Blut gebadet, aufs Aeußerste entstellt und erschöpft, schleppte er sich keuchend fort. Nur ein lebendes Wesen erzeigt ihm tätiges Mitleid. Die fromme Veronika hatte in ihrer Liebe den Mut, such durch die Rotte der Henker und Todfeinde Jesu zu drängen. Sie reicht dem Gotteslamm ihr Schweißtuch dar. Dankbar benützt es der Heiland, und stellt es ihr zurück mit dem blutigen Abdruck seines schmerzvollen Antlitzes.

Anmutung. Weit mehr Liebesdienste als Veronika bin ich meinem Heilande schuldig für tausendfache Gnaden und Wohltaten. Wie oft aber habe ich seine Güte mißbraucht, wie oft seine Gaben nur benützt, um ihn damit zu beleidigen! Das soll nicht wieder geschehen!

Gebet. Liebevollster Heiland, ich will das Bild Deines todblassen schmerzentstellten Antlitzes und Deines ganz bitteren Leidens meiner Seele treu und unauslöschlich einprägen und namentlich in jeder Versuchung mir vor Augen stellen, damit ich vor jeder sündhaften Einwilligung bewahrt bleibe. Dein heiliges Antlitz ist verunstaltet, weil meine Seele befleckt ist, die ein Ebenbild des dreieinigen Gottes sein sollte. Ich will dieses entstellte Ebenbild rein waschen durch Tränen der Reue und Buße. Mein ganzes Leben soll durch Erfüllung Deiner Gebote ein treuer Abdruck Deines Lebens und Deines Beispiels sein, damit ich mit dem Apostel sagen kann: „Nicht ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“ Amen.

V. Gekreuzigter Herr Jesus!

R. Erbarme Dich unser.

Barmherzigkeit, mein Jesus!

Trösterin der Betrübten, Dein Leben war das treueste Abbild vom Leben Deines göttlichen Sohnes. Drücke das Bild seines hl. Antlitzes tief in mein Herz und mich in sein Herz.

„Heilige Mutter, drück die Wunden,
Die Dein Sohn für mich empfunden,
Tief in meine Seele ein.“

Süßes Herz Mariä, sei meine Rettung! (300 Tage Ablaß.)

Vater unser … Gegrüßet seist Du …

[Quelle: Via dolorosa! Schmerzensweg unseres Herrn oder Kreuzwegbüchlein nebst Andacht zu den sieben Schmerzen Mariä, besonders zum Gebrauche der Pilger in Kevelaer. Von Professor Dr. Bernh. Schäfer; Kevelaer 1911; S. 12-14]