Dom Guéranger zum Sonntag in der Octave des Fronleichnamsfestes (1/3)

Der Sonntag in der Octave des Fronleichnamsfestes.

Lasset uns anbeten Christum, den König, den Beherrscher der Völker: der Fülle des Geistes schenkt Allen, die ihn genießen!

Der von allen Völkern Ersehnte [Agg. 2, 9], der Engel des Bundes, nach welchem Israel verlangte [Malach. 3, 1], ist vom Himmel herabgekommen und die Weisheit begleitet ihn. Wer ist, so spricht der Prophet, gen Himmel gefahren, und hat sie geholt, wer sie herabgebracht aus den Wolken? Wer durchschiffte das Meer und fand sie? Wer brachte sie herbei um auserlesen Gold? Israel hat die Quelle der Weisheit verlassen. Von ihr hörte man nicht mehr im Lande Chanaan, noch sah man sie in Theman. Die Söhne der Agar, die Fürsten der Völker, die Klugen auf Erden, berühmte Erfinder, die Forscher nach Klugheit, die Reichen, die Künstler, die Riesen, die von Anbeginn lebten, großen Wuchses, kundig des Krieges, sie alle kannten nicht die Wege der Weisheit; denn ihre Pfade hatten sie vergessen [Baruch 3, 12]. Nun aber hat der dem David verheißene Sohn seinen Ehrensitz eingenommen. Er kannte zuerst die Weisheit, und zwar vollkommen. Er ist die einzige Quelle der Weisheit; die vier Ströme des Paradieses haben in ihm ihre Fluthen vereinigt. Ihr Sinn ist reicher als das Meer, ihr Rath tiefer als der Abgrund [Eccli. 24, 34-39]. Er will die geheimnißvollen Absichten des höchsten Willens erfüllen, und Alles in sich erneuern, was im Himmel und auf Erden ist [Ephes. 1, 10]. Gott und Mensch in Einem vereinigt, ist er der wahre Mittler. Als höchster Priester ist er das Band jener heiligen Religion, welche alle Geschöpfe in der Einheit derselben Huldigung an den Schöpfer knüpft. Sein Opfer ist das Hauptwerk der göttlichen Weisheit; dasselbe umfaßt alle in der Unendlichkeit einer Liebe, deren ungeduldige Glut wir gesehen, geschaffene Wesen. Er will aus der ganzen Welt ein einziges Opfer zur Verherrlichung des Vaters machen, und so sehen wir die Weisheit ihr Schlachtopfer darbringen und ihren Tisch zurichten [Sprüchw. 9, 2]. Die Eucharistie bezweckt in der That die unaufhörliche Darbringung des Opfers Christi auf Erden, und wir wollen heute dies Opfer an sich betrachten, damit wir so in den Stand gesetzt sind, dessen wunderbare Fortsetzung in der Kirche besser zu würdigen.

Gott hat ein Recht auf die Huldigung seines Geschöpfes. Wenn die Könige und Herren der Erde im Rechte sind, von den ihrer Herrschaft untergebenen Vasallen diese feierliche Anerkennung ihrer Souveränetät zu verlangen, so legt die oberste Herrschaft des ersten Wesens, das gleichzeitig die erste Ursache und das letzte Ziel aller Dinge ist, eine solche Anerkennung mit viel größerem Rechte den Wesen auf, die es durch seine allmächtige Güte aus dem Nichts gezogen. Und eben so wie der Zins, welcher die Huldigung der Sassen und Vasallen begleitet, mit dem Zugeständniß ihrer Unterwerfung gleichzeitig die effective Anerkennung enthält, daß sie von ihren Herren Güter und Rechte erhalten haben, ebenso muß auch der Act, mittelst dessen sich das Geschöpf vor dem Schöpfer beugt, in sich selbst hinreichend kundgeben, daß dasselbe ihn als den Herrn aller Dinge und als den Urheber des Lebens anerkennt. Weiter: wenn das Geschöpf durch die Uebertretung der Gebote dieses höchsten Herrn den Tod verdient hat, und nur durch seine unendliche Barmherzigkeit das Leben behält, so wird der Act der Huldigung erst dann nach allen Richtungen vollständig sein, wenn derselbe gleichzeitig die Anerkennung seines Fehlers und der Gerechtigkeit der Strafe umfaßt, das ist der wahre Begriff des Opfers, das rein geistiger Natur sein kann, in den Geistern, die von der Materie losgelöst sind, und das geistiger und sinnlicher Natur sein muß bei dem Menschen, der aus Seele und Leib besteht.

Das Opfer kann nur dem einen wahren Gott dargebracht werden; denn es enthält die wirkliche Anerkennung der höchsten Herrschaft des Schöpfers und seiner Ehre, die derselbe keinem Andern gibt [Is. 48, 11]. Andererseits liegt in ihm auch das Wesentliche der Religion für den Menschen sowohl im gefallenen Zustand, wie auch im Zustand der Unschuld; in der That findet nur in ihm die Religion, diese Königin sittlicher Kräfte, welche die dem höchsten Herrn schuldige Verehrung zum Gegenstande hat, ihren letzten Ausdruck. In Eden feierte der Mensch im Stande der Unschuld das Opfer durch Anbetung und Danksagung: er brachte als Gaben die schönsten Früchte, Bilder der göttlichen Frucht, welche der Baum des Lebens verhieß. Die Sünde hatte damals noch nicht im Blute ihren finstern Ausdruck. Nach dem Falle wurde das Opfer der einzige Weg der Versöhnung; es erschien als der nothwendige Mittelpunkt aller Religion auf der Erde der Verbannung. So verstanden es bis auf Luther alle Völker, und die modernen Reformatoren, welche das Opfer von der Religion ausschließen wollten, haben dieselbe in den Kreisen ihrer Anhänger in den Grundlagen zerstört. Aber weiter! Auch der bereits im Himmel verherrlichten Creatur ist das Opfer auferlegt. Denn sie schuldet im Glanze der Anschauung wahrlich nicht minder, sondern mehr noch als unter der Hülle des Glaubens, die Huldigung ihrer Gaben dem, der sie gekrönt hat.

Durch das Opfer erreicht auch Gott den Zweck, welchen er sich bei der Schöpfung vorgenommen: seine eigene Verherrlichung [Sprüchw. 16, 4]. Damit aber von der Welt eine Huldigung zum Schöpfer emporsteigen könne, welche das Maß der Gaben auch vertritt, dazu bedurfte es eines Oberhauptes, welches die ganze Welt in seiner Person zusammenfaßt und über sie wie über sein eignes Gut verfügen kann, und dieses Oberhaupt mußte sie dann in ihrer ganzen Fülle mit sich selbst als Opfergabe darbringen. Aber Gott that noch mehr. Er gab der Welt seinen eignen Sohn, der unsere Natur annahm, zum Oberhaupte, und durch die unendliche Würde desselben wird das Opfer unserer an sich niedrigeren Natur der unendlichen und höchsten Majestät wahrhaft würdig und die aus dem Nichts hervorgegangene Welt bringt durch diese Fügung Gottes eine unendliche Frucht.

Welche wunderbare Krönung des schöpferischen Werkes! Die unendliche Verherrlichung, welche das menschgewordene Wort dem Vater darbringt, hat Gott und das Geschöpf, die so sehr von einander geschieden sind, genähert; und die Fluthen von Gnade, welche in Folge davon die Welt überströmen, haben den Abgrund vollends ausgefüllt. Das Opfer des Menschensohns wird die Grundlage und Seele der übernatürlichen Ordnung im Himmel und auf Erden. Um Christi willen, nach seinem Bilde, nach den Erfordernissen seiner künftigen Natur gingen auf das Wort des Vaters alle diese Wesen verschiedener geistiger und materielle Grade hervor, welche berufen sind, einst sein Haus und seinen Hof zu bilden. Ebenso ist auch in der Ordnung der Gnade er der eigentliche Mensch, der Vielgeliebte. Der Geist der Liebe verbreitet sich dann als göttlicher Wohlgeruch von diesem einzigen Vielgeliebten, von diesem theuren Haupte, auf alle Glieder, ja bis auf den letzten Saum seines Gewandes [Psalm 132, 2]; er theilt allen Jenen, welche Christus zur Theilnahme an seiner göttlichen Substanz beim Liebesmahle berufen hat, über jedes Maß hinaus wahres Leben und übernatürliches Sein mit. Denn im Gefolge des Hauptes kommen die Glieder und bringen ihre Huldigung dar. Stehen nun auch diese Glieder und damit deren Huldigung an sich tief unter der unendlichen Majestät, so werden dieselben doch durch ihre Verkörperung mit dem menschgewordenen Worte die gleiche Würdigkeit wie Christus selbst im Acte des Opfers erlangen.

Wir haben es bereits hervorgehoben und können es dem Individualismus unserer Zeit, welcher den privaten gottesdienstlichen Uebungen einen Vorzug vor den allgemeinen und großen liturgischen Handlungen gibt, nicht oft genug wiederholen: so findet durch das Opfer das wahre gesellschaftliche Leben in der Einheit der ganzen Schöpfung, die es darbringt, seine Vollendung, und in Gott, an den es gerichtet ist, seine Begründung. In seinem Wesen ist Gott Eins, und die unaussprechliche Harmonie der drei göttlichen Personen läßt ihn ihrer erhabenen Fruchtbarkeit diese mächtige Einheit nur um so heller hervortreten. Das Geschöpf dagegen ist vielfältig und die Spaltung, eine Frucht des Falles, klagt in ihm dies Zeichen eines ihm eigentlich fremden Wesens an. Gleichwohl aber ist es aus Gott hervorgegangen und kehrt zu ihm zurück, aber nur, wenn es in sich diese verhängnißvolle Spaltung, die es von Gott und Seinesgleichen trennt, ausmerzt, wenn es auf seinem Zuge nach Gott im Schoße dieser Vielfältigkeit ein Bild der fruchtbaren Harmonie der drei göttlichen Personen darbietet: „damit sie Eins seien, wie auch wir Eins sind [Joh. 17, 21].“ Das ist das letzte Wort, welches der Schöpfer über seine Absichten der Welt durch den Engel des großen Bundes offenbarte, der auf die Erde gekommen ist, um die Rathschlüsse der göttlichen Vorsehung zu verwirklichen. Nun ist es gerade die Religion, welche die verschiedenen Elemente vor dem Angesichte Gottes versammelt, und das Opfer, der Fundamentalact derselben, ist zugleich Mittel und Zweck dieser großartigen Vereinigung in Christus; und im Vollzuge desselben wird sich das ewige Reich des Vaters vollenden, der gerade dadurch Alles in Allem geworden ist.

Aber dies ewige Reich, welches das Reich Christi auf Erden für den Vater vorbereitet [1. Cor. 15, 24. 25], hat Feinde, die das letztere bekämpfen und überwinden muß, die Herrschaften, Mächte und Gewalten der Hölle sind gegen es verbündet. In ihrem Neide griffen sie den Menschen an, der nach Gottes Bild und Gleichniß erschaffen, und so brachten sie Ungehorsam und Tod in die Welt [Weish. 2, 23. 24]. Die Sünde, deren Sklave der Mensch geworden, machte sich nun aus jedem göttlichen Gebote eine Waffe gegen den Schöpfer; denn sie reizte zur Uebertretung jeglichen Gebotes. Und anstatt, daß das Menschengeschlecht darauf Bedacht genommen, dem Herrn ein seiner würdiges Opfer darzubringen, schien es im Gegentheile emsig bestrebt, der Nidrigkeit seines nichtigen Wesens auch noch jede Unwürdigkeit, jeden Schmutz beizugesellen. Die Folge davon ist klar. Ehe die Glieder Christi dem Vater wieder angenehm werden konnten, bedurfte es eines Versöhnungs- und Erlösungsopfers. Christus selber mußte an dem sühnenden Leben des Sünders theilnehmen, auch er mußte leiden und des Todes sterben [1. Mos. 2, 17]. Denn dies war die Strafe, welche gleich von Beginn an dem göttlichen Gebote beigefügt war: es war die höchste Strafe, die der Uebertreter erleiden konnte, aber sie stand immer noch in keinem Verhältnisse zu der Beleidigung der höchsten Majestät: es sei denn, daß eine göttliche Person die erschreckende Verantwortlichkeit dieser unendlichen Schuld auf ihre Schultern nahm, die Strafe des Menschen erdultete, und diesen so wieder in den früheren Stand der Unschuld zurückversetzte.

Möge denn unser Hoherpriester kommen, möge das göttliche Haupt unseres Geschlechtes und der Welt erscheinen! Weil er die Gerechtigkeit geliebt und das Unrecht gehaßt, darum hat ihn Gott mit Freude gesalbt, mehr als alle seine Brüder [Ps. 44, 8]. Er war Christus, das heißt der Gesalbte, durch das ihm schon im Schoße des Vaters bestimmte und durch einen feierlichen Schwur bekräftigte Priesterthum [Ps. 109, 4]. Er ist Jesus, d. h. Heiland, denn das Opfer, das er darbringt, wird sein Volk von dessen Sünden erlösen [Matth. 1, 21]. Jesus Christus soll für immer der Name des ewigen Hohenpriesters sein. Welche Macht und Liebe liegt in seinem Opfer! Priester und Osterlamm zugleich duldet er den Tod, um ihn zu zerstören, und mit demselben Schlage schmettert er in seinem unschuldigen Fleisch die Sünde nieder. Er leistete bis zur letzten Grenze und noch darüber hinaus der Gerechtigkeit des Vaters Genugthuung, entriß ihr das uns verwerfende Urtheil, heftete es an das Kreuz, löschte es in seinem Blute, und indem er die Oberherrschaften ihres tyrannischen Reiches beraubte, kettete er sie an seinem Triumphwagen [Col. 2, 14. 15]. Mit ihm gekreuzigt, hat unser alter Mensch den Sündenleib verloren; und erneuert im erlösenden Blute, geht er mit ihm aus dem Grabe zu neuem Leben hervor [Röm. 6, 4. 10]. „Ihr seid gestorben,“ sagt der Apostel, „und euer Leben ist verboren mit Christo in Gott. Wenn Christus, euer Leben erscheinen wird, dann werdet auch ihr erscheinen mit ihm in Herrlichkeit [Col. 3, 3. 4].“ Als Haupt hat Christus gelitten; sein Opfer umfaßt den ganzen Körper, dessen Haupt er ist und den er mit sich zu einem ewigen Brandopfer umwandelt, das mit seinem Wohlgeruche die Himmel erfüllt.

„Das Wort schreitet daher,“ sagt der heilige Ambrosius, „in dem hohenpriesterlichen Gewande, wie Moses es beschrieben [2. Mos. 28], bekleidet mit der Welt in ihrer Großartigkeit, um Alles mit Gott zu erfüllen. Er ist das Haupt des Körpers, den er eng mit sich vereinigt [De fuga saeculi 16].“ – „Wenn ich von der Erde erhöhet bin, werde ich Alles an mich ziehen,“ sagte er [Joh. 12, 32], und schon David sang von ihm in seinem Psalm: „Zu Dir kommt alles Fleisch [Ps. 64, 3].“ „In der That hat er Fleisch angenommen,“ sagt der heilige Augustinus, „und das Fleisch, das er angenommen, wird alles Fleisch anziehen; die Erstlinge zog er schon im Schoße der Jungfrau an, und alle Uebrige wird den Erstlingen folgen, um das Brandopfer zu vervollständigen, über welches hier gesagt ist: Dir zahle ich meine Gelübde in Jerusalem [Enarr. in Ps. LXIV].“ Und welches wäre dieses Gelübde Christi, des Hauptes, wenn nicht dasjenige, das im folgenden Psalme ausführlicher beschrieben ist: „Ich will in dein Haus mit Brandopfern kommen, und meine Gelübde Dir zahlen, die gesprochen meine Lippen und geredet mein Mund in der Träubsal; fette Brandopfer will ich Dir bringen, mit dem Rauchwerke der Widder, Rinder Dir bringen sammt Böcken [Ps. 65, 13-15]!“

Welches ist nun die Zeit der Trübsal für den Hohenpriester, von der hier geredet wird? Der Apostel sagt es uns: es sind jene Tage, da Christus Gebet und Flehen unter starkem Geschrei und Thränen Dem dargebracht, der ihn vom Tode retten konnte; und er wurde erhört wegen seiner Ehrerbietigkeit [Hebr. 5, 7]. Was aber heißt es von den Stieren und Böcken, als unnütze von Gott verworfene Gaben? Christus selbst sagte bei seinem Eintritte in die Welt: „Schlachtopfer und Gaben verlangst Du nicht; einen Leib aber hast Du mir zugerichtet [Ebend. 10, 5. 6].“ Ja, ohne Zweifel; und es ist, wie der heilige Augustinus hervorhebt, der Leib Christi selbst, der hier in seiner ganzen Fülle als die Opfergabe erscheint, die er dem Herrn darbietet. Die Widder bedeuten die Häupter der Kirche [Enarrat. in Ps. LXV]. Erhöre mein Gebet! zu Dir wird alles Fleisch kommen: Fürsten und Völker aller Zeiten, Kinder, Jünglinge, Greise, Juden und Heiden, Griechen, Römer und Barbaren: sie Alle sind das dem Vater versprochene Opfer. Mit ihnen, in ihrem Namen und für sie Alle, rief Christus, da sein Leib unversehrt und er Eins mit ihnen war: „Ich will in dein Haus mit Brandopfern kommen, sende dein Feuer, das Feuer des Geistes, die göttliche Flamme der ewigen Weisheit: sie verzehre und verbrenne diesen Leib, der mit angehört, daß nichts davon übrig bleibe, und Alles dein sei [Aug. passim in Psalm.]!“

„Bringet denn dem Herrn, ihr Söhne Gottes, bringet dem Herrn junge Widder [Ps. 28, 1].“ Die Stimme des Herrn kommt in der Kraft. Er schleudert den Blitz auf den Berg, und schon steht das Brandopfer in Flammen: eine mächtige Feuersbrunst, welche bald von Golgatha sich über die ganze Welt ausdehnt. Das göttliche Feuer geht seinen Weg durch die nachfolgenden Geschlechter, es nimmt eines um das andere die Glieder des großen Opfers weg, verzehrt die Sünde, vertilgt die Flecken des Lasters und reinigt bis in den Staub des Grabes hinein das durch die Berührung mit Christus in den heiligen Geheimnissen geheiligte Fleisch. Das ist das wahre Himmelsfeuer, die unerschaffene Flamme, die nur das Böse austilgt, und die Seele durch Leiden und Tod von den um sie aufgehäuften Ruinen entlastet, um in der Sühne das ganze menschliche Wesen neu zu bilden. Ein Tag wird kommen, wo das Feuer des großen Opfers die Glieder Christi bis zum letzten verzehrt hat; dann wird selbst das Fleisch der Auserwählten vergeistigt und verherrlicht erscheinen und in dieser wunderbaren Umwandlung ein dem höchsten Herrn wahrhaft würdiges Opfer sein. Dann erst wird sich die Gewalt und höchste Herrschaft des Urhebers des Lebens in hellerem Lichte zeigen, als in der Zerstörung durch den Tod. Dann wird der vollständige Leib des fleischgewordenen Wortes als der reinste Weihrauch von dem heiligen Berge, woselbst die Kirche hienieden ihr Zelt aufgeschlagen, zum erhabenen Altare der Himmel emporsteigen: als ewige Nahrung der göttlichen Flamme, als unermeßliches Brandopfer, worin ohne Ende die „wiedererkaufte Stadt, die Gesellschaft der Heiligen Gott durch den Hohenpriester dargebracht wird, der sich selbst in seinem Leiden unter Knechtsgestalt für uns darbrachte [Aug. De civit. Dei X, 6].“

In diesem allgemeinen Opfer der Anbetung und Danksagung, an welchem die Sühne keinen Antheil mehr hat, werden selbst die heiligen Geister der englischen Heerschaaren eingeschlossen sein. Denn auch sie sind das Opfer des Herrn und bilden mit uns die Eine Stadt Gottes, die im Psalme gepriesen wird [Ebend. 7, in Psalm. LXXXVI]. „In der That haben wir Alle von seiner Fülle erhalten,“ sagt der heilige Cyrillus von Alexandrien. „Jedes Geschöpf, sichtbar oder nicht, hat Antheil an Christus. Die Engel und Erzengel, ja selbst die noch höheren Naturen bis hinauf zu den Cherubim, sind nur durch Christus im Heiligen Geiste geheiligt. Er selbst ist also der Altar, er ist der Weihrauch und der hohe Priester, wie es auch sein Blut ist, durch das wir Vergebung der Sünden finden [De adorat. in spir. et ver. Lib. IX].“

Da wir nun als Hohenpriester Jesum, den Sohn Gottes, haben, der in Einem Opfer auf ewig die Geheiligten zur Vollendung gebracht hat, so lasset uns am Bekenntnisse festhalten [Hebr. 4, 14; 20, 14]. Wie der Hohepriester des Alten Bundes am feierlichen Versöhnungstage allein in das Allerheiligste trat, in den Händen die Schale mit dem versöhnenden Blute, so ist auch unser Hoherpriester, nachdem er die ewige Erlösung vollbracht [Ebend. 9, 12], eine Zeitlang den Blicken seines Volkes entschwunden. Als Diener des wahren Heiligthums, des Zeltes, welches der Herr errichtet hat [Ebend. 8, 2], haben wir ihn in seiner triumphirenden Himmelfahrt hinter der Wolke, die unsern Blicken noch den Anblick der höchsten Majestät verschleierte, verschwinden sehen; und immer noch in vollkommenem Einklang mit den Opfergebräuchen des alten Bundes bringt er in seiner menschlichen Natur, die stets mit den glorreichen Wundmahlen seines Leidens bezeichnet ist, dem Vater das erhabene Opferlamm dar, dessen Opferung auf Erden seine Vollendung im Himmel erheischte. Wie ehedem Israel die Rückkehr des Hohenpriesters erwartete, so vereint sich auch das christliche Volk im Gebete harrend um die Altäre der Vorhöfe. „Das ist der Tag der Sühne,“ sagt Origenes, „der so lange dauern wird, als die Sonne leuchtet, als die Welt steht. Wir erwarten an den Thoren unseren Hohenpriester, der bei seinem Vater im Allerheiligsten verweilt, und Fürbitte für die Sünden derer einlegt, die ihn erwarten … Die heilige Stätte hatte zwei Theile, wie uns die heilige Schrift lehrt: der eine sichtbar, den Priestern zugänglich, der andere unsichtbar und jedem Andern unzugänglich, außer dem Hohenpriester. Was sollte nun dieser erste Theil Anderes sein, als der Ort, wo wir uns eben im Fleische befinden, die Kirche, woselbst die Priester ihr Amt vor dem Brandopferaltare verwalten; und die Flamme dieses Altars wird von dem Feuer unterhalten, von welchem der Heiland uns gesagt hat: ‚Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu senden []Luk. 12, 49.‘ Dort in dieser ersten Abtheilung der heiligen Stätte opfert der Hohepriester das Lamm; von da geht er, um in das Innerste des Vorhangs einzutreten, in die zweite Abtheilung: das ist der Himmel, der Thron Gottes: Aber das Feuer, das Rauchwerk, das er bei dem Betreten des Allerheiligsten bei sich hat, nimmt er von diesem Altar, und von ihm empfängt er selbst die heiligen Gewänder, die ihn mit ihrer geheimnißvollen Pracht umhüllen; er bekleidet sich mit denselben sonst nirgendwo [In Levit. Hom. 9].“

Und wir müssen noch hinzusetzen: Seit seinem Weggange ist das Feuer des Opfers in den Vorhöfen nicht erloschen, und das Opferlamm der Versöhnung, dessen Blut ihm den Zugang des furchtbaren Heiligthums öffnet, wird fortwährend auf dem äußeren Altar dargebracht.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Zehnter Band: Die Zeit nach Pfingsten; Mainz 1881; S. 353-366]

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