Dom Guéranger zum dritten Sonntag nach Pfingsten (2/3)

Zur Messe.

Die gläubige Seele hat im Verlaufe der heiligen Liturgie die Reihe der Geheimnisse Christi sich schließen sehen. Der heilige Geist ist herabgekommen, um ihr im andern Theile, worin sich vor ihr nun die fruchtbare Einfalt des christlichen Lebens aufrollen wird, eine Stütze zu sein. Er unterrichtet und bildet sie auf den Grundlagen des göttlichen Meisters, der wieder in den Himmel aufgefahren ist. Er lehrt uns beten. Denn der Herr sagte uns, daß man allezeit beten solle [Luk. 18, 1], und doch wissen wir weder, um was wir beten sollen, noch wie wir beten sollen. Aber er weiß es, der unserer Schwachheit hilft, der in uns und für uns begehrt mit unaussprechlichen Seufzern [Röm. 8, 26]. Das Gebet also, das sich auf eine demüthige Reue über die vergangenen Fehler und auf das Vertrauen auf die unendlichen Erbarmungen stützt, das bildet den Charakter des Introitus und überhaupt der ganzen Messe des dritten Sonntags nach Pfingsten, des ersten, der sich uns außerhalb der Festreihe und in der ganzen Einfachheit des Officiums der Zeit darstellt.

Introitus.

Schau’ auf mich und erbarme Dich meiner, o Herr; denn ich bin einsam und arm. Sieh’ an meine Demüthigung und meine Beschwerden und vergib alle meine Sünden, mein Gott!

Zu Dir, Herr, hab’ ich erhoben meine Seele; mein Gott, auf Dich vertrau’ ich, laß mich nicht zu Schanden werden.

Ehre sei dem Vater etc.

Schau’ auf mich etc.

Collecte.

O Gott, Du Schirmer der auf Dich Hoffenden, ohne welchen Nichts stark, Nichts heilig ist: vervielfache an uns deine Barmherzigkeit; damit wir unter deiner Leitung, deiner Führung so durch die zeitlichen Güter hingehen, daß wir die ewigen nicht verlieren. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Zweite Collecte.

O Herr, wir bitten Dich, bewahre uns vor allen Gefahren des Leibes und der Seele: und durch die Fürbitte der seligsten und glorreichen, allzeit reinen Jungfrau und Gottesgebärerin Maria, des heiligen Joseph, der heiligen Apostel Petrus und Paulus und des heiligen N. (oder: der heiligen N., nenne den Kirchenpatron) und aller Heiligen – verleihe uns gütiglich Heil und Frieden, damit Dir deine Kirche nach Wegräumung aller Widerwärtigkeiten und Irrthümer mit sicherer Freiheit diene. Durch denselben Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Eine dritte Collecte führt der Priester nach eigener Wahl bei.

Epistel.

Lesung des ersten Briefes des heiligen Apostels Petrus. Cap. 5.

Theuerste! Demüthiget euch unter die gewaltige Hand Gottes, daß er euch erhöhe zur Zeit der Heimsuchung. Alle eure Sorge werfet auf ihn, denn er sorgt für euch. Seid nüchtern und wachet; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und suchet, wen er verschlingen könne; dem widerstehet standhaft im Glauben und wisset, daß über eure Brüder, wo sie auf der Welt sein mögen, dieselben Leiden ergehen. Der Gott aller Gnade aber, der uns durch Jesum Christum berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit, wird uns, die wir eine kurze Zeit leiden, vollenden, stärken und auf festen Grund stellen. Ihm sei die Ehre und Herrschaft von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Das Elend dieses Lebens ist die Prüfung, welcher Gott seine Kämpfer unterzieht, um sie in dem andern Leben zu richten und nach ihrem Werthe zu ordnen. Darum haben auch Alle in der Welt ihren Antheil an Leiden. Die Weltbahn ist offen, der Kampf hat sich entsponnen; der Preisrichter schaut und vergleicht: bald wird er über die verschiedenen Verdienste der Kämpfer sein Urtheil sprechen, und sie von den Mühen des Kampfplatzes zur Ruhe des Thrones berufen, auf welchem er selbst Platz genommen hat. Glücklich dann Jene, welche in der Prüfung die Hand Gottes erkannt und sich unter dieser mächtigen Hand mit Liebe und Vertrauen gebeugt haben. Gegen diese im Glauben starken Seelen vermag der brüllende Löwe nichts. Nüchtern und wachsam während ihrer Pilgerfahrt, ohne sich als besondere Opfer zu betrachten – denn sie wissen ja, daß Alles hienieden leidet – haben sie freudig ihr Leiden mit dem Leiden Christi vereint, und werden nun in der ewigen Offenbarung seiner Herrlichkeit, von welcher auch ihnen ein Theil zufällt, frohlocken.

Das Graduale fährt fort, die gläubige Seele in ihrem Vertrauen zu stärken. Möge sie ihren ganzen Kummer in den Schoß des Herrn werfen: hat er sie nicht allezeit in ihren dringenden Bedürfnissen erhört? Am bezeichneten Tage wird er an allen ihren Feinden Vergeltung üben.

Graduale.

Wir deine Gedanken auf den Herrn, und er wird dich erhalten.

Ich schrie zum Herrn, und er erhörte meine Stimme und erlöste mich von Denen, die mir feindlich nahen.

Alleluja, Alleluja.

Gott ist ein gerechter Richter, stark und langmüthig; zürnet er wohl alle Tage? Alleluja.

Evangelium.

Fortsetzung des heiligen Evangeliums nach Lukas Cap. 15.

In jener Zeit nahten sich Jesus die Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. Da murrten die Pharisäer und Schriftgelehrten und sprachen: „Dieser nimmt sich der Sünder an und ißt mit ihnen!“ Er aber sagte zu ihnen dieses Gleichniß und sprach: „Wer von euch, der hundert Schafe hat und eines davon verliert, läßt nicht die neun und neunzig in der Wüste und geht dem verlorenen nach, bis er es findet? Und hat er es gefunden, so legt er es mit Freuden auf seine Schultern, und wenn er nach Hause kommt, so ruft er seine Freunde und Nachbarn zusammen, und spricht zu ihnen: ‚Freuet euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war.‘ Ich sage euch: Ebenso wird auch im Himmel Freude sein über Einen Sünder, der Buße thut, mehr, als über neun und neunzig Gerechte, welche der Buße nicht bedürfen. Oder welches Weib, die zehn Drachmen hat, zündet nicht, wenn sie eine Drachme verliert, ein Licht an und kehrt das Haus aus, und sucht genau nach, bis sie dieselbe findet? Und wenn sie dieselbe gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und spricht: ‚Freuet euch mit mir; denn ich habe die Drachme gefunden, die ich verloren hatte.‘ Ebenso, sage ich euch, wird Freude bei den Engeln Gottes sein über einen einzigen Sünder, der Buße thut.“

Dies Gleichniß vom Hirten, welcher das verirrte Schaf auf seinen Schultern zur Heerde zurückträgt, war den ersten Christen so theuer, daß man es allenthalben auf den Denkmalen dieser Zeit abgebildet findet. Während es einerseits unser Vertrauen auf die unendliche Barmherzigkeit immer mehr festigt, erinnert es uns andererseits an Christus, der kaum erst unter dem Jubel des Himmels triumhirend auffuhr und auf seinen Schultern die verloren gegangene und wieder gefundene Menschheit zurückträgt. „Denn wer ist dieser Hirte in unserem Gleichnisse,“ rief der heilige Ambrosius, „wenn nicht Christus, der dich und deine Sünden auf sich genommen? Dies Schaf ist eins, der Art nach, nicht der Zahl nach. Er ist ein reicher Hirte, von dessen Heerde wir Alle nicht den hundertsten Theil bilden! Denn er hat die Engel, die Erzengel, die Herrschaften, die Mächte, die Throne und unzählige Heerden, und sie Alle hat er auf den Bergen gelassen, um dem verirrten Lamme nachzueilen [Ambros. in Luc. VII].“

Aber dem heiligen Gregor entlehnt heute die Kirche im Nachtgottesdienste die Erläuterung des Evangeliums; und in ihrem weiteren Verlaufe erklärt die betreffende Homilie auch den Theil der Parabel, welcher von dem Weibe und den zehn Drachmen handelt. „Derjenige, der durch den Hirten dargestellt ist,“ sagt der heilige Gregor der Große, „ist es auch durch das Weib; es ist Gott, die Weisheit Gottes. Und weil das Bild des Fürsten auf der Drachme geprägt ist, so hat das Weib ihren Drachmen verloren, als der nach dem Bilde Gottes geschaffene Mensch sich von Gott entfernte. Aber das Weib zündet seine Lampe an; die göttliche Weisheit erscheint in menschlicher Gestalt. Lampe bedeutet Licht in einem Thongefäße; und das Licht im Thongefäße ist die Gottheit im Fleische. Von diesem Thon ihres Leibes sagt die Weisheit selbst: ‚Vertrocknet wie eine Scherbe ist meine Kraft [Psalm 21, 16].‘ Denn wie der Thon im Feuer hart wird, so ist ihre Kraft wie die Scherbe getrocknet, weil sie das angenommene Fleisch im Schmelztiegel der Leiden für die Herrlichkeit der Auferstehung gehärtet hat. Als sie nun ihre Drachme wiedergefunden, da ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und spricht: Freuet euch mit mir; denn ich habe die Drachme wiedergefunden, die ich verloren hatte. Wer sind diese Freundinnen? Es sind die himmlischen Mächte, welche der ewigen Weisheit um so nähere Nachbarn sind, je mehr sie sich ihr in der seligen Anschauung nähern. Aber wir müssen nun auch forschen, warum das Weib, das Bild der ewigen Weisheit, zehn Drachmen hat, wovon sie einen wieder findet, nachdem sie ihn verloren. Der Herr hat, um ihn ewig zu erkennen, Engel und Menschen geschaffen, beide Naturen nach seinem Bilde. Das Weib hatte also zehn Drachmen; denn die Zahl der Engelchöre ist neun, und der Mensch war der zehnte, um die Zahl der Erwählten voll zu machen; getrennt von seinem Schöpfer, war er gleichwohl nicht rettungslos verloren. Denn göttliche Weisheit umkleidete sich mit Fleisch, und ließ vor seinen Augen ihr sanftes Licht durch den Thon erglänzen [Greg. Hom. XXXIV. in Evangelia].“

Das Offertorium ist ein Ausguß der Dankbarkeit und Liebe für Gott, der in Sion wohnt. Er verläßt nicht die, die ihn suchen, und vergißt nicht das Gebet des Armen.

Offertorium.

Alle sollen hoffen auf Dich, die deinen Namen erkennen, o Herr! denn Du verlässest nicht, die Dich suchen. Lobsinget dem Herrn, der auf Sion wohnt; denn er vergaß nicht das Gebet der Armen.

Stillgebet.

O Herr, schaue hernieder auf die Gaben deiner flehenden Kirche, und gewähre, daß sie von den Gläubigen zu ihrem Seelenheile und ihrer ewigen Heiligung empfangen werden. Durch Jesum Christum, unseren Herrn.

Zweites Stillgebet.

O Gott, unser Heil, erhöre uns, daß Du uns durch die Kraft dieses Sakramentes vor allen Feinden des Leibes und der Seele schützest, und uns hienieden deine Gnade, drüben aber die ewige Herrlichkeit verleihest. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Ein drittes Stillgebet fügt der Priester nach eigener Wahl bei.

Die Präfation ist die für alle Sonntage des Jahres, welche nicht eine eigene Präfation haben.

Präfation.

Wahrlich ist es würdig und recht, billig und heilsam, daß wir Dir immer und überall Dank sagen, o heiliger Herr, allmächtiger Vater, ewiger Gott! Der Du mit deinem eingeborenen Sohne und dem Heiligen Geiste Ein Gott, Ein Herr bist: nicht in der Einzelheit Einer Person, sondern in der Dreiheit Eines Wesens. Was wir nämlich durch deine Offenbarung von deiner Glorie glauben, das glauben wir auch von deinem sohne, das glauben wir auch vom Heiligen Geiste ohne allen Unterschied. So daß in dem Bekenntniß der wahren und ewigen Gottheit sowohl in den Personen die Besonderheit, als auch im Wesen die Einheit, und in der Herrlichkeit die Gleichheit angebetet wird. Diese Herrlichkeit loben die Engel und Erzengel, Cherubim und Seraphim, welche nicht aufhören, täglich zu rufen, indem sie einstimmig sprechen: Heilig, Heilig, Heilig etc.

Die Antiphon der Communion erinnert an die barmherzige Lehre des heutigen Evangeliums; nicht ohne geheimnißvolle Bedeutung ist es, daß dies in dem Augenblicke geschieht, wo die ewige Weisheit durch das Liebesmahl, das sie selbst dem reuigen verlorenen Sohne bereitet hat, in den vollen Besitz ihrer Drachme zurückkehrt.

Communion.

Ich sage euch: die Engel Gottes haben Freude über Einen Sünder, der Buße thut.

Postcommunion.

O Herr, deine Sakramente, welche wir empfangen haben, mögen uns beleben, und uns ausgesöhnt deiner ewigen Barmherzigkeit vorbereiten. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Zweite Postcommunio.

O Herr, wir bitten Dich, die dargebrachte Opfergabe des göttlichen Sakramentes möge uns reinigen und schützen: und auf die Fürbitte der seligsten Jungfrau Maria, des heiligen Joseph, ferner deiner heiligen Apostel Petrus und Paulus und des heiligen N. (Kirchenpatron) und aller Heiligen – uns von allen Verkehrtheiten reinigen und vor Widerwärtigkeiten bewahren. Durch denselben Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Eine dritte Postcommunion fügt der Priester nach eigener Wahl bei.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Zehnter Band: Die Zeit nach Pfingsten; Mainz 1881; S. 490-499]

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