Dom Guéranger zum vierten Sonntag nach Pfingsten (1/3)

Der vierte Sonntag nach Pfingsten.

Der vierte Sonntag nach Pfingsten hieß in der abendländischen Kirche lange Zeit der Sonntag Misericordiae, weil man ehedem die Stelle aus dem Evangelium des heiligen Lucas las, die mit den Worten beginnt: „Seid also barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Nachdem man aber dies Evangelium auf den ersten Sonntag nach Pfingsten übertrug, so rückte das Evangelium des fünften Sonntags auf den vierten vor, das des sechsten auf den fünften u. s. w., bis zum dreiundzwanzigsten. Dieser Wechsel, von dem wir sprechen, fand jedoch bei einer Anzahl Kirchen in einer ziemlich späten Zeit statt […], und allgemein durchgeführt war derselbe erst im 16. Jahrhundert.

Die Lesungen aus den Evangelien wurden selbstverständlich dadurch wesentlich andere, während die Episteln, Gebete und die gesungenen Theile der alten Messen durchweg mit nur wenigen Ausnahmen erhalten blieben. Die Beziehungen, welche die Liturgisten des 11., 12. und 13. Jahrhunderts zwischen den ursprünglichen Evangelien und den übrigen Theilen der Messe für jeden Sonntag entdeckt haben wollten, konnten hienach ferner nicht aufrecht erhalten werden. Wir wollen indessen hier gleich beifügen, daß sie manchmal gar fein ausgedacht und sehr weit hergeholt waren. Gleichwohl war die Kirche weit davon entfernt, diese Schriftsteller zu verdammen oder auch nur das Studium ihrer Werke zu verbieten oder zu erschweren. Denn man fand in denselben nichts gegen den Glauben, wohl aber viele heilsame Erbauung, die häufig aus den authentischen Quellen der alten Liturgie geschöpft war. Auch wir werden nicht verfehlen, Nutzen von ihren Arbeiten zu ziehen. Aber wir wollen dabei nie aus den Augen lassen, daß das Hauptsächlich der Harmonie bei den Messen in der Zeit nach Pfingsten in der Einheit des Opfers selbst zu suchen ist.

Bei den Griechen tritt der Mangel jedes Bestrebens nach methodischer Anordnung noch viel schärfer hervor. Sie beginnen am Tage nach Pfingsten mit der Lesung des heiligen Matthäus und setzen dieselbe ganz nach der Anordnung der Heiligen Schrift fort bis Kreuzerhöhung im Septermber. Dann kommt in derselben Weise der heilige Lukas an die Reihe. Ihre Wochen- und Sonntage werden in dieser Zeit nur nach dem Evangelium des Tages, oder nach dem Evangelisten genannt, dem dasselbe entnommen. So heißt der erste Sonntage nach Pfingsten der erste Sonntag des heiligen Matthäus, und der Sonntag, an welchem wir eben stehen, wird als der vierte Sonntag des heiligen Matthäus bezeichnet.

Zur österlichen Zeit haben wir die Majestät des achten Tages hervorgehoben, welcher an Stelle des jüdischen Sabbats getreten, und der heilige Tag des neuen Volkes geworden ist. „Die heilige Kirche, seine Braut, […] schließt sich dem Werke des Bräutigams an. Sie läßt den Samstag vorübergehen, jenen Tag, den ihr Bräutigam in der düstern Ruhe des Grabes verbrachte; aber vom Glanze seiner Auferstehung umstrahlt, weiht sie von nun an den ersten Tag der Woche der Betrachtung des göttlichen Werkes. Denn jener Tag sah allmählig das geschaffene Licht, die erste Offenbarung des Lebens aus dem Chaos sich entwinden; und er sah dann ihn, den ewigen Glanz des Vaters aus dem Grabe steigen, der uns gesagt hat: ‚Ich bin das Licht der Welt [Joh. 8, 12].‘“

So wichtig erachtete man die sonntägliche Liturgie, welche bestimmt ist, jede Woche so große Erinnerungen wach zu halten, daß die Päpste sich lange sträubten, im Kalender Heiligenfeste mit einem höheren Range als semi-duplex zu bekleiden. Das ist nämlich der Rang des Sonntags und dessen unbestreitbare Rechte wurden damit gewahrt. Erst in der zweiten Hälfte des siebenzehnten Jahrhunderts wich man von dieser strengen Regel ab, und das hatte seine guten Gründe. Man war nämlich in die Nothwendigkeit versetzt, wirksamer als seither den Angriffen zu begegnen, welche seitens der Protestanten und der ihnen nahestehenden Jansenisten auf die Verehrung des Heiligen gemacht wurden. Da mußte man den Gläubigen vor das Auge führen, daß die den Dienern gezollte Ehre der Herrlichkeit des Herrn nichts benimmt. Denn die Verehrung der Heiligen, der Glieder Christi, ist nur eine Folge und Weiterentwickelung derjenigen Verehrung, die man Christus ihrem Haupte schuldet. Man betrachte doch die Sache, wie sie ist. Wir verehren die Heiligen, weil sie Freunde und Nachahmer Christi sind; wenn aber schon die Freundschaft und Nachahmung ein Grund so hoher Verehrung ist, so ist doch damit zugleich der höchste Grad der Ehre demjenigen erwiesen, dessen Freund und Nachahmer sie sind. Darum ist jede Verehrung der Heiligen zugleich eine Verehrung Christi und die Kirche, seine Braut, konnte sich nicht schweigend gegenüber den engen Gesichtspunkten der Neuerer verhalten, welche ja schließlich das Dogma der Menschwerdung verstümmelt hätten, indem sie die damit verbundenen Folgerungen wegschnitten. Man muß aus alledem erkennen, daß nicht ohne besonderen Einfluß des Heiligen Geistes der apostolische Stuhl von dieser Zeit ab einwilligte, verschiedene alte und neue Feste als duples zu erklären; um die feierliche Verwerfung der neuen Häretiker zu stützen, schien es in der That angezeigt, auch an Sonntagen, welche ganz besonders für die feierlichen Kundgebungen des katholischen Glaubens und für die großen Versammlungen der christlichen Familie vorbehalten sind, in minder seltenen Fällen die Heiligen und deren Tugenden zu feiern.

Die sonntägliche Liturgie wurde übrigens keineswegs an den Tagen, an welchem sie einem Heiligenfeste weichen mußte, vollständig über Bord gesetzt. Mag auch der Festtag, welcher auf einen Sonntag fällt, noch so hoch sein, die Gebete erden in Form der Commemoration oder Erwähnung beigefügt, und ebenso wird das Sonntagsevangelium gelesen, welches an solchen Sonntagen an die Stelle des Evangeliums aus Johannes, des sog. letzten Evangeliums, tritt. Wir erinnern noch weiter daran, daß nächst der Beiwohnung der heiligen Messe und der kanonischen Horen, die Betrachtung der in den sonntäglichen Episteln und Evangelien enthaltenen Lehren und berichteten Thatsachen mit zu denjenigen frommen Handlungen gehört, welche uns die Kirche zur Heiligung des Sonntags am dringendsten anempfiehlt.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Eilfter Band: Die Zeit nach Pfingsten; Mainz 1883; S. 67-71]

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