Dom Guéranger zum fünften Sonntag nach Pfingsten (1/3)

Der fünfte Sonntag nach Pfingsten.

Dieser Sonntag heißt bei den Griechen der fünfte des heiligen Matthäus. Bei den Lateinern war er lange Zeit unter dem Namen „Sonntag des Fischfangs“ bekannt, bis nämlich das Evangelium dieses Sonntags auf den Sonntag vorher vorgerückt wurde. Die Woche, welche mit ihm beginnt, heißt „erste Woche nach dem Feste der Apostel,“ oder in alten Lectionaren „des heiligen Petrus;“ in anderen wieder wird sie als zweite oder dritte Woche nach demselben Feste bezeichnet. Diese und ähnliche Verschiedenheiten begegnet man nicht selten in den liturgischen Werken des Mittelalters. Sie hängen mit dem bald früher bald später fallenden Osterfeste des Jahres zusammen, in welchem diese Schriften verfaßt wurden.

In dem heutigen Nocturnum hat die Kirche mit der Lesung des zweiten Buches der Könige begonnen. Dasselbe fängt mit der Erzählung von Saul’s unglücklichem Ende und der Thronbesteigung David’s an. Die Erhebung des Sohnes Jesse’s bezeichnet den Höhepunkt im prophetischen Leben des alten Volkes. In ihm hatte Gott seinen treuen Knecht [Ps. 88, 21] gefunden, und er zeigte ihn der Welt als das vollständigste Vorbild des künftigen Messias. Ein Schwur Gottes verbürgte dem neuen König die Zukunft seines Geschlechtes. Sein Thron sollte ewig dauern [Ps. 88, 36-38]: denn er sollte eines Tages der Thron Dessen werden, welcher der Sohn des Allerhöchsten genannt wurde, ohne daß er deßhalb aufhöre, David zum Vater zu haben [Luk. 1, 32].

Aber in dem Augenblicke, wo der Stamm Juda in Hebron dem Auserwählten des Herrn zujubelte, waren die Umstände nicht darnach angethan, ausschließlich Freude und Hoffnung zu erwecken. In der Vesper des gestrigen Tages erst entlehnte die Kirche eine ihrer schönsten Antiphonen dem Klagegesang, welcher dem David beim Anblicke des vom blutigen Schlachtfelde aufgehobenen Diadems Saul’s eingegeben wurde: „Berge von Gelboe,“ heißt es am angeführten Orte, „nicht Thau, nicht Regen falle fürder auf euch! Denn dort ward weggeworfen der Schild des Helden, der Schild Saul’s, als wär’ er nicht gesalbt mit Oel! Wie sind die Helden gefallen im Streit! Jonathas ist erschlagen auf deinen Höhen! Saul und Jonathas lieblich und schön in ihrem Leben, sind auch im Tode nicht geschieden!“

Der Umstand, daß das hohe Apostelfest vom 29. Juni und der Tag, an welchem das Officium der Zeit alljährlich diese Antiphon bringt, zeitlich nahe zusammenliegen, hat der Kirche den Gedanken eingegeben, die letzten Worte der obigen Antiphon auf die heiligen Apostelfürsten Petrus und Paulus während der Octave anzuwenden, und sie singt: „Ihr ruhmwürdigen Fürsten der Erde! Wie sie im Leben in Liebe eins gewesen, sind sie auch im Tode nicht geschieden [Ant. Oct. Apost. ad Benedict.].“ Wie das hebräische Volk in dieser Epoche seiner Geschichte, so hat auch die christliche Heerschaar mehr als einmal die Ankunft ihrer Führer nur auf der vom Blute ihrer Vorgänger gerötheten Erde begrüßen können.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Eilfter Band: Die Zeit nach Pfingsten; Mainz 1883; S. 87-89]

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