Dom Guéranger zum fünften Sonntag nach Pfingsten (2/3)

Zur Messe.

Wie schon am vorigen Sonntag, so scheint auch diesmal die Kirche sich darin gefallen zu haben, daß sie den feierlichen Eingang des heiligen Meßopfers an die Lesungen der Nocturn anknüpfte. Der Introitus ist dem 26. Psalm entnommen, den David bei seiner Krönung zu Hebron verfaßte. Er ist eine demüthige und vertrauensvolle Bitte dessen, dem alles hienieden fehlt, aber dessen Licht und Kraft der Herr ist. Unter den Umständen, an welche wir bereits erinnert, bedurfte es in der That nichts Geringeres, als eines blinden Glaubens an die göttlichen Verheißungen, um den Muth des früheren Hirten von Bethlehem und des Stammes, der einst sein Volk werden sollte, aufrecht zu erhalten. Aber bemerken wir gleichzeitig, daß das Königthum des Sohnes Jesse’s und seiner Nachkommenschaft im alten Jerusalem ein höheres Königthum und eine höhere Dynastie in der Kirche vorbedeuten sollte: nämlich das Königthum Christi und die Reihenfolge der Päpste.

Introitus.

Erhöre, o Herr, meine Stimme, womit ich zu Dir gerufen; sei Du mein Helfer, verlaß mich nicht und verachte mich nicht, o Gott, mein Heiland!

Ps. Der Herr ist mein Licht und mein Heil, wenn sollt’ ich fürchten?

Ehre sei dem Vater etc.

Erhöre, o Herr etc.

Die dem David als Belohnung seiner Kämpfe verheißenen Güter waren nur ein schwaches Vorbild jener, welche den Ueberwinder des Teufels, der Welt und des Fleisches im himmlischen Vaterlande erwarten. Könige für immer, werden sie auf ihren Thronen die Fülle jener berauschenden glorreichen Wonnen kosten, von denen der Bräutigam manchmal einzelne Tropfen in die gläubigen Seelen hienieden fallen läßt. Lieben wir also den, welcher so sehr die Liebe belohnt; und da wir aus uns selbst nichts vermögen, so wollen wir durch den Bräutigam, den Urheber jeder guten Gabe [Jak. 1, 17], die Vollkommenheit in der göttlichen Liebe erflehen.

Collecte.

O Gott, welcher Du Denen, die Dich lieben, die unsichtbaren Güter zubereitet hast: gieß’ in unsere Herzen die Anmuthungen deiner Liebe; damit wir Dich in Allem und über Alles lieben und so deine Verheißungen, welche noch höher als alle Wünsche sind, erlangen mögen. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Daran schließen sich die beiden anderen Collecten, wie […] in der Messe des vierten Sonntags […].

Epistel.

Lesung des ersten Briefes des heiligen Apostels Petrus Cap. 5.

Theuerste! Seid alle einträchtig im Gebet, mitleidig, brüderlich, barmherzig, bescheiden, demüthig; vergeltet nicht Böses mit Bösem, nicht Schmähworte mit Schmähworten, im Gegentheile segnet einander, weil ihr dazu berufen seid, Segen zu erben. Denn wer das Leben lieb hat und gute Tage sehen will, der bewahre seine Zunge vom Bösen, und seine Lippen, da sie nicht Trügerisches reden. Er wende sich vom Bösen und thue Gutes; er suche Frieden und jage ihm nach; denn die Augen des Herrn sehen auf die Gerechten, und seine Ohren merken auf ihr Gebet; aber das Angesicht des Herrn ist wider die, welche Böses thun. Und wer kann euch schaden, wenn ihr dem Guten nachtrachtet? Wenn ihr aber auch Etwas leidet um der Gerechtigkeit willen, Heil euch! Ihre Schrecknisse fürchtet nicht, und beunruhiget euch nicht. Haltet nur den Herrn Christum heilig in euren Herzen!

Das Evangelium des letzten Sonntags ließ uns der apostolischen Arbeit beiwohnen, welche aus dem Schooße der Fluthen die lebendigen Steine heraufschaffte, womit Jesus Christus seine Kirche baut. Heute nun nimmt der Meister dieses geheimnißvollen Fischzuges, Simon, der Sohn des Jonas, in unserer Epistel das Wort und wendet sich an die verschiedenen Elemente, welche die heilige Stadt bilden sollen: heilige Materialien, die aus den Tiefen der Abgründe hervorgeholt sind, um von nun an gleich glänzenden Perlen im wunderbaren Lichte [1. Petr. 2, 9] des Heilands der Heiligen zu glänzen. Der Sohn Gottes ist in der That zu keinem anderen Zwecke vom Himmel gekommen, als um auf Erden eine wunderbare Stadt zu gründen, worin Gott selber würdig wohnen kann [Offenb. 21, 2. 3], um seinem Vater einen unvergleichlichen Tempel zu erbauen, in welchem Lob und Liebe ohne Aufhören von den Steinen der Mauern ausströmen und so in edler Weise das Opfer umgeben [1. Petr. 2, 4. 5]. Er selbst hat sich zum Ecksteine dieses dreimal heiligen Gebäudes gemacht, in welchem das ewige Brandopfer zum Himmel raucht [1. Petr. 2, 6. 7]. Diese Eigenschaft als Eckstein des neuen Tempels hat er dem Simon, seinem Stellvertreter, übertragen [Matth. 16, 18], und wollte, daß dieser Titel als Petrus, Stein, der von nun ab der einzige Namen seines Stellvertreters hienieden wurde, bis zum jüngsten Tage allen Seinigen den einzigen Zweck seiner göttlichen Arbeiten beständig in’s Gedächtniß riefe. Hören wir jetzt mit ehrfurchtsvollem Danke aus dem Munde des Stellvertreters des Gottmenschen selbst die praktischen Lehren, welche für uns aus dieser großen Wahrheit fließen; folgen wir fromm der heiligen Kirche, welche um diese Jahreszeit, die durch das strahlende Gestirn des Apostelfürsten beherrscht wird, unablässig ihre Söhne dem Hirten und Bischofe ihrer Seelen zuführt [1. Petr. 2, 25].

Die Vereinigung einer wahren Liebe, Eintracht und Friede, welche um jeden Preis als die Bedingung gegenwärtiger und künftiger Glückseligkeit aufrecht zu erhalten sind, das bildet den Gegenstand der Empfehlungen, welche Simon, der als Petrus zum Ecksteine geworden, an die übrigen auserwählten Steine richtet, die sich auf ihn stützen, und die Strebepfeiler des von dem Menschensohn erbauten Tempels bilden. Und in der That, hängen etwa die Festigkeit und die Dauer des Palastes auf Erden nicht mehr oder minder von der innigen Verbindung der Materialien ab, aus welchen er gebaut ist? Die Vereinigung verleiht der Welt Kraft und Glanz. Wenn die gegenseitige Anziehung, welche alle ihre Bewegungen harmonisch regelt, wegfiele, wenn die Cohäsion, welche die einzelnen Atome aneinander gliedert, plötzlich aufhörte, dann würde das Weltall in dunkeln Staub zerfallen, untastbar und namenlos. Der Schöpfer läßt in den himmlischen Sphären eine wunderbare Einigkeit herrschen [Hiob 25, 2], und er selbst ruft: „Wer denn schläfert den Zusammenklang des Himmels ein [Hiob 38, 37]?“ Und doch, wie die Erde in ihrer gegenwärtigen Form vergehen wird, so werden auch die Himmel wie ein abgenutztes Gewand zerfallen [Psalm 101, 26-28]. Und was wird dann das Element der Stabilität, der unvergleichliche Mörtel des Palastes sein, der da als Wohnung Gott bereitet ist, und dessen Dauer zu ertragen die Welten sich ohnmächtig erklären? Denn die Kirche wird auch alsdann noch stehen, und den in ihren Mauern aufgeschlagenen Thron der allerheiligsten Dreifaltigkeit mit dem Wohlgeruche ihrer Gebete und dem Dufte ihrer Opfer umgeben.

Dem Heiligen Geiste gebührt es, uns das Geheimniß dieser Gemeinschaft zu erklären, welche die heilige Stadt bildet [Ps. 121, 3] und deren Beharrlichkeit der Zeit trotzt. Die Liebe, welche beim Verlassen der Fluth in unsere Herzen gegossen wird, entstammt der Liebe, welche im Schooße der anbetungswürdigen Dreieinigkeit herrscht. Denn was immer der Geist in den Heiligen wirkt, hat keinen anderen Zweck, als sie zur Theilnahme an den göttlichen Eigenschaften heranzuziehen. Das göttliche Feuer, welches das Leben der wiedergeborenen Seele geworden ist, durchdringt dieselbe vollständig und theilt ihrer geschaffenen und endlichen Liebe die Richtung und Gewalt der ewigen Flamme mit. Der Christ muß also von nun an lieben, wie Gott liebt; die Liebe ist nur dann eine wahre, wenn sie in der Einfachheit ihrer göttlichen Flamme den ganzen Gegenstand der unendlichen Liebe umfaßt. Nun besteht aber das unaussprechliche wahre Freundschaftsband, welches durch die übernatürliche Ordnung zwischen Gott und seinen vernünftigen Geschöpfen geknüpft worden ist, eben darin, daß er sie mit der Liebe liebt, womit er sich selbst liebt. Die Liebe muß demnach auch ihrerseits in der Einheit ihrer Liebesacten nicht nur Gott selbst umfassen, sondern auch all’ die Wesen, welche Gott zur Theilnahme an seinem glückseligen Leben berufen hat. Begreifen wir nun die Größe und die unvergleichliche Kraft der Gemeinschaft, welche der Heilige Geist in der Kirche ausgerichtet hat? Wir werden jetzt nicht mehr erstaunen, wenn wir vernehmen, daß ihre Bande stärker sind, als der Tod, ihr Zusammenhalt fester als die Hölle [Hohel. 8, 6]. Denn der Mörtel, welcher die lebendigen Steine seiner Mauern verbindet, besitzt die Kraft Gottes und die Beständigkeit seiner ewigen Liebe. Wohl ist die Kirche jener auf die Fluthen gebaute Thurm, welcher dem Hermas erschien, als ein Werk von glänzenden Steinen, die so fest und innig miteinander verbunden waren, daß das Auge kein Gefüge entdecken konnte [Herm. Past. L. 1, Visio III, 2].

Aber wir werden nun wohl auch begreifen, wie wichtig und nothwendig für alle Christen diese gegenseitige Gemeinschaft, diese Bruderliebe ist, die so häufig, so kräftig von den Aposteln, diesen Gehülfen des Heiligen Geistes, in der Erbauung der Kirche empfohlen wird. Die Enthaltung von Schisma und Häresie, selbst die Unterdrückung schlimmer Leidenschaften und gehässiger Eifersucht würden nicht ausreichen, um uns zu brauchbaren Steinen für dieses große Werk zu machen. Es bedarf dazu einer wirklichen, hingebenden, beharrlichen Liebe, welche die Seelen und Herzen in Wahrheit miteinander verbindet und in Einklang bringt. Es bedarf jener überfluthenden, dieses Namens allein würdigen Liebe, die uns Gott in unseren Brüdern zeigt und bewirkt, daß ihre Freuden unsere Freuden, ihre Leiden unsere Leiden sind. Weit von uns entfernt sei jener selbstsüchtige Halbschlummer, in welchem sich die träge Seele gefällt. Ja allzuoft glauben in trügerischem Wahn sich wiegende Seelen der vorzüglichsten Tugend sich zu befleißen, wenn sie alles Interesse an dem, was sie umgibt, von sich abschließen. An solchen Seelen kann der göttliche Mörtel nicht gehaftet haben. Das sind ungeeignete Steine für jeden Bau und der himmlische Werkmeister verwirft sie, oder läßt sie am Fuße der Mauer liegen, weil sie sich in das Ganze doch nicht einfügen und nicht zu dem übrigen Materiale passen würden. Wehe ihnen indessen, wenn das Bauwerk aufgeführt worden wäre, ohne daß sie verdient hätten, einen Platz in diesen Mauern zu finden! Sie würden dann begreifen, aber zu spät, daß es nur Eine Liebe gibt, daß Derjenige, der seinen Bruder nicht liebt, auch Gott nicht liebt [1. Joh. 4, 21], daß aber Derjenige, der nicht liebt, im Tode bleibt [Ebend. 3, 14]. Suchen wir also mit dem heiligen Johannes die Vervollkommnung unserer Liebe zu Gott in der Liebe zu unseren Brüdern [Ebend. 4, 12]. Nur dann werden wir Gott in uns haben [Ebend.]. Nur dann können wir der unaussprechlichen Geheimnisse der göttlichen Gemeinschaft mit Demjenigen uns erfreuen, welcher sich mit den Seinigen nur vereinigt, um aus ihnen und aus sich selbst den erhabenen Tempel zur Verherrlichung seines Meisters zu erbauen.

Das Graduale kehrt zu dem Ideengange des Introitus zurück und erfleht den göttlichen Schutz für das Volk, daß sich unter den Scepter des Herrn gereiht hat. Das Versikel verkündigt die Siege Christi, des Königs, und das Heil, welches er der Erde bringt.

Graduale.

Unser Beschirmer, schaue doch, Gott, und sieh’ auf deine Knechte.

Herr, Gott der Heerschaaren, erhöre die Bitten deiner Diener.

Alleluja, Alleluja.

Herr, in deiner Kraft erfreuet sich der König, und über dein Heil frohlocket er gar sehr.

Alleluja.

Evangelium.

Fortsetzung des heiligen Evangeliums nach Matth. Cap. 5.

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: „Wenn eure Gerechtigkeit nicht vollkommener sein wird, als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich eingehen. Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht tödten; wer aber tödtet, der soll des Gerichtes schuldig sein. Ich aber sage euch, daß ein Jeder, der über seinen Bruder zürnt, des Gerichtes schuldig sein wird. Wer aber zu seinem Bruder sagt: Raca! wird des Rathes schuldig sein; und wer sagt: du Narr! wird des höllischen Feuers schuldig sein. Wenn du daher deine Gabe zu dem Altare bringst und dich daselbst erinnerst, daß dein Bruder Etwas wider dich habe, so laß seine Gabe allda vor dem Altare und geh’ zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bruder; und dann komm’ und opfere deine Gabe.“

Die Tage des alten Jerusalem vergehen rasch. In weniger denn einem Monate sehen wir den furchtbaren Untergang der Stadt, welche die Zeit der Heimsuchung des Herrn nicht erkannt hat [Luk. 19, 44], vor Augen. Die Kirche hat die Erinnerung an die furchtbare Erfüllung der Prophezeiung Christi in ihrer Liturgie an den neunten Sonntag nach Pfingsten geknüpft. Derselbe fällt in den Monat Juli oder August; d. h. gerade in die Jahreszeit, wo unter Vespasian die letzten Zuckungen des gottesmörderischen Volkes stattfanden. Einstweilen steht der alte Tempel noch, verschließt fortwährend den Völkern seine inneren Pforten und meint, die Gottheit hinter dem Vorhange des alten Testamentes in ihrem selbst den Söhnen Israels unzugänglichen Heiligthume zurückhalten zu können. Aber schon seit fünf Wochen hat die Kirche begonnen, in Sion ihre unvergänglichen Strebepfeiler aufzurichten. Im Angesichte des Denkmals des eng begrenzten und unvollkommenen Bundes auf Sinai hat der Heilige Geist sie als den Sammelpunkt für das Frohlocken auf der ganzen Erde gegründet [Ps. 47, 3]; als die Stadt des großen Königs, woselbst alle von nun an Gott erkennen werden [Jerem. 31, 34]. Auch hat dieselbe nicht aufgehört, sich uns von allem Anfange an als den Rüstort der ewigen Weisheit [Sprüchw. 8, 31], als das wahre Heiligthum der göttlichen Gemeinschaft zu zeigen.

Das Gesetz der Furcht und der Knechtschaft [Röm. 8, 15] ist also von jetzt ab endgültig durch das Gesetz der Liebe abgeändert. Ein Rest von Rücksichten für die ehedem genehm gehaltene Einrichtung, die einst die Bewahrerin der göttlichen Aussprüche [Röm. 3, 2] war, gestattet noch er ersten Generation der Bekehrten aus Juda, den Gebräuchen ihrer Väter freiwillig nachzuleben. Aber auch diese Duldung soll mit dem Tempel verschwinden, dessen bevorstehende Zerstörung das Grab der Synagoge für immer versiegeln wird. Von jetzt an genügen die Vorschriften des mosaischen Gesetzes nicht mehr, um die Kinder Jakob’s vor Gott zu rechtfertigen. All’ die rituellen Vorschriften, welche gegeben wurden, um durch eine Gesammtheit vorbildlicher Darstellungen den Gedanken und die Erwartung eines künftigen Opfers festzuhalten, verloren mit der Erfüllung der von ihnen angekündigten Geheimnisse jeden Werth. Selbst die zehn Gebote, welche für alle Zeit nie wechseln können, weil sie eben das Wesentliche der Beziehungen zwischen Schöpfer und Geschöpf enthalten, erschienen doch unter dme Feuer der Sonne der Gerechtigkeit in neuem Lichte und von unvergleichlich größerer Tragweite.

Abgesehen von dem positiven Gebote bezüglich des Baumes der Erkenntniß, hatte der Mensch im Paradiese zugleich mit dem Leben auch die Kenntniß dieser ewigen Gesetze von Gott empfangen. Dieser Kenntniß konnte er sich nicht entledigen; er konnte sie nicht mehr vollständig verlieren; er hätte denn aufhören müssen, überhaupt Mensch zu sein. Denn sie war ihm, als sein Wesen selbst, als die natürliche Regel seiner praktischen Urtheile, gegeben worden, und bildete so gleichsam einen Theil seiner Vernunft. Nun hat sich aber die Vernunft des Menschen durch die Thatsache des Sündenfalles ungemein verdunkelt; dieser verhängnißvolle Schatten gewann in seiner Seele solchen Umfang, daß die Anfangs so vollständige und so klare Erkenntniß der aus seiner Natur selbst fließenden sittlichen Verpflichtungen verschleiert wurde. Die Bosheit des zum Bösen sich neigenden Willens zog aus dieser Verdunkelung der Vernunft einen verhängnißvollen Nutzen, und die von ihr erstrebten Ausschweifungen wuchsen in erschreckendem Maße. Wir, die wir durch den Glauben wiedergeboren sind, begreifen nicht mehr, wie ganze Völker, freiwillige oder leichtsinnige Opfer, in einen solchen Pfuhl eigenthümlicher Verirrungen gerathen konnten. Wir sträuben uns, daran zu glauben, auf welchen falschen, oft den Principien der elementarsten Moral zuwiderlaufenden Grundlagen die Sitten großer Nationen sich entwickelt hatten. Die Nachkommen der Patriarchen waren allerdings durch den ihren Vätern gegebenen Segen vor solchen Ausschreitungen besser bewahrt, aber auch sie entgingen ihnen nicht gänzlich. Als Moses, von Gott gesandt, sie auf der Basis der Treue gegen dies an Stelle des natürlichen getretene geschriebene Gesetz als Volk constituirte, da mußten noch verschiedene Punkte, welche eigentlich frei an das Tageslicht hätten treten sollen, im Schatten bleiben. Moses mußte in etwas ihrer Herzenshärtigkeit nachgeben [Matth. 19, 9]; und er konnte nicht einmal verhindern, daß namentlich nach seinem Tode gelehrte Juden aufstanden, daß eigene Secten sich bildeten, welche mit Hilfe oberflächlicher Traditionen und irrigier Auslegungen den Geist, und manchmal selbst den Wortlaut des Gesetzes von Sinai corrumpirten.

Das Gesetz Gottes trägt für den Juden den Charakter einer nationalen Verfassungsurkunde, und war in dieser Eigenschaft unter die Hut der bürgerlichen Gewalt gestellt. Tribunale, welche je nach der Wichtigkeit der vor ihnen verhandelten Fälle einen höheren oder niederen Rang einnahmen, urtheilten über die gegen das göttliche Gesetz begangenen Verletzungen und Verbrechen. Aber abgesehen vom heiligen Beichttribunal, in welchem Gott selbst durch den Priester handelt und spricht, kann jedes Urtheil von Menschen, so hoch auch ihre Autorität sein mag, doch nur äußere Thatsachen zum Gegenstande haben. Für die in Gedanken begangenen Sünden, welche, so schwer sie auch sein mögen, doch ihrer Natur nach der Würdigung und der Kenntniß der Gesellschaft und der regierenden Machthaber entgehen, hatte daher auch die mosaische Gesetzgebung keine Strafandrohung. In gleicher Weise wendet auch heute die Kirche ihre Censuren auf solche Vergehen der Seele, welche durch einen in die Sinne fallenden Act nicht offenbar werden, nicht an. Wie dies schon Moses gethan, läßt auch sie, ohne irgendwie die Schuldbarkeit sündiger Gedanken und Begierden in Zweifel zu ziehen, Gott das Urtheil über Dinge, welche er allein zu kennen vermag.

Aber wenn es heute unter den Kindern der Kirche Niemanden gibt, welcher durch eine so einfache und ganz der Natur jedes gesellschaftlichen Rechtes entsprechende Unterscheidung in Irrthum geführt werden könnte, so war dies doch bei dem hebräischen Volke nicht in gleicher Weise der Fall. Lange Zeit hindurch war es das unablässige Bemühen der Propheten, die Blicke dieses ohne irgend ein Verdienst seinerseits so bevorzugten Volkes über diese irdische Welt hinauszuheben. Aber selbst damals konnte der engherzige exclusive Geist der Nation sich nie zu dem Gedanken emporschwingen, daß die göttlich eingegebenen Grundsätze ihrer politischen Verfassung sowie die äußere Form ihrer Gesetzgebung nur die Hülle eines geistigen, viel lebendigeren und tieferen Kernes sei. Als demnach kurz nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft der prophetische Mund allmählich verstummte, und somit das Feld für das Ausbreiten der verschiedensten Systeme nach diesen höchst verächtlichen Neigungen frei wurde, da hatten die casuistischen Juden sehr bald die Formel für die eigenthümliche Moral der Beschnittenen gefunden, von welcher uns der heilige Paulus sagt, daß sie den Völkern zum Aergerniß gereichte [Röm. 2, 17-29]. Indem sie das innere Gebiet des Gewissens mit dem nothwendigerweise beschränkten Forum der öffentlichen Gerechtigkeit verwechselten, würdigten sie die Pflichten des inneren Forums nach dem Maßstabe des äußeren, und gewöhnten sich auf diesem Wege sehr rasch daran, nur das zu achten, was von den Menschen gesehen wurde, und alles das gering zu schätzen, was nicht in das Auge fällt. Das Evangelium ist voll von Verwünschungen des Heilandes gegen diese blinden Führer, welche da in den von ihnen geleiteten Seelen das Gesetz, die Gerechtigkeit und die Liebe unter der Wucht des Buchstabens erstickten. Der Gottmensch brandmarkt sie bei jeder Gelegenheit. Er geißelt unaufhörlich diese heuchlerischen Schriftgelehrten und Pharisäer, die ängstlich darauf bedacht sind, den Becher von außen zu reinigen, ihn innen aber voll der Unreinigkeit des Raubes und des Unflaths belassen [Matth. 23, 25 u. s. w.].

Das göttliche Wort, welches vom Himmel herabgekommen ist, um die Menschen ini der Wahrheit, d. h. in ihm selbst, zu heiligen [Joh. 17, 17-19], mußte in der That vor allem andern den unverrückbaren Principien der Gerechtigkeit und des Rechtes, welche in ihm, wie in ihrem Mittelpunkte, ruhen, ihren durch die Zeit getrübten ursprünglichen Glanz wiedergeben. Das geschah nun in unvergleichlich feierlicher Weise nach der Berufung der Jünger und der Auswahl der zwölf Apostel, in der Stelle der Bergpredigt, welche die Kirche zum Evangelium des heutigen Tages ausgewählt hat. Darin erklärte er, daß er nicht gekommen sei, um das Gesetz aufzuheben oder zu zerstören [Matth. 5, 17], sondern um seinen wahren Sinn gegen die Schriftgelehrten und Pharisäer wiederherzustellen und ihm eine Fülle zu geben, welche nicht einmal die Alten zur Zeit des Moses hätten tragen können. Man muß diese wichtige Stelle beim heiligen Matthäus im Zusammenhange lesen. Die Erklärungen, welche wir hier gegeben, werden dann zu ihrem Verständnisse ausreichen.

In den wenigen Zeilen, welche die Kirche heute der Bergpredigt entnommen, liegt der Gedanke des Heilands, daß man mit dem Maßstabe irdischer Tribunale nicht den zum Eingang in das Himmelreich nothwendigen Grad der Gerechtigkeit bemessen darf. Nach dem jüdischen Gesetze wurde Derjenige, welcher einen Menschen tödtete, vor einen Gerichtshof gestellt, den man in der Volkssprache „das Gericht“ nannte. Aber der Meister und Urheber des Gesetzes erklärte, eigentlich schon Derjenige vor Gericht gestellt werden sollte, der nur zürnt; und selbst, wenn sich dieser Zorn gar nicht einmal äußert. Denn dieser bloße im Innern des Menschen entflammte Zorn kann schon den Tod der Seele herbeiführen, also in geistiger Ordnung dasselbe, was in leiblicher beim Menschenmord geschieht, wo ja der Leib getödtet wird. Wenn aber dieser Zorn sich äußert, ohne daß es dabei irgend zu Thätlichkeiten kommt, wenn einem nur so das syrische Wort Raca, Taugenichts, entschlüpft, das geht schon nach seinem Werthe vor Gott bemessen, über die gewöhnliche Gerichtsbarkeit hinaus; das wäre schon etwas, was vor den hohen Rath gehörte. Kommt man aber gar von solchen verächtlichen Ausdrücken zu wirklichen Schmähungen und Beschimpfungen, dann ist keinerlei menschliche Einrichtung mehr da, welche als Parallele dienen könnte, um an ihr die Schwere der Sünde zu bemessen, die sie vor dem Richterstuhle Gottes hat. Und vor diesem Richterstuhle ist die Strafe nicht, wie die der Menschen, an eine bestimmte Grenze gebunden. Die mißhandelte Nächstenliebe findet jenseits der Zeit ihren Rächer. So groß ist das Gebot der heiligen Liebe, welche die Seelen vereint. In einem so schweren und unmittelbaren Gegensatze zum göttlichen Werke steht die Sünde, welche näher oder entfernter die Harmonie der lebendigen Steine stören oder trüben kann, die in Eintracht und Liebe den hienieden zur Verherrlichung der untheilbaren Dreifaltigkeit errichteten Tempel bilden.

In dem Maße, als die Jahre für das auserwählte Volk dahinrollen, begreift es immer besser sein Glück, daß es als Antheil seines Erbes die wahren Güter gewählt. Mit seinem König besingt es im Offertorium die himmlischen Gnaden und die fortwährende Gegenwart Gottes, die seine Stütze ist.

Offertorium.

Ich will loben den Herrn, der mir Verstand gegeben. Ich sehe den Herrn allezeit vor meinen Augen; denn er ist mir zur Rechten, damit ich nicht wanke.

In dem Stillgebet bitten wir Gott, daß er an Stelle der alten Gaben die Opfergabe unserer Herzen gnädig aufnehme. Aber wenn wir wollen, daß unser Gebet wirksam sei, dann dürfen wir nicht außer Acht lassen, was uns am Schlusse des heutigen Evangeliums gesagt wird: Nur diejenigen Herzen werden von dem Allerhöchsten aufgenommen, welche, wenigstens soweit es an ihnen liegt, in Frieden mit all’ ihren Nebenmenschen leben.

Stillgebet.

O Herr, sei gnädig unserem Flehen: und nimm gütiglich diese Opfer deiner Diener und Dienerinnen an: damit das, was jeder Einzelne zur Ehre deines Namens dargebracht hat, Allen zum Heile gedeihe. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Die beiden anderen Stillgebete sind dieselben […].

Die hilfreiche Gegenwart Gottes, welche die Antiphon des Offertoriums pries, bezeichnete keineswegs den Endpunkt der göttlichen Gnadenerweisungen. Durch die unendliche Liebe in der unaussprechlichen Gemeinschaft der heiligen Geheimnisse überwunden, ersehnt und verlangt das heilige Volk nichts anderes mehr, als sich für immer im Hause des Herrn niederzulassen.

Communion.

Um Eines habe ich gebeten den Herrn, wiederum verlang’ ich’s, daß ich weile im Hause des Herrn alle Tage meines Lebens.

Die Wirkung der heiligen Geheimnisse ist vielfach. Sie reinigen die Seele bis in ihre verborgensten Falten; sie schützen uns auch nach Außen gegen die Schlingen, welche auf dem Pfade unseres Heiles gelegt sind. Sprechen wir also in der Postcommunio mit der Kirche:

Postcommunio.

O Herr, nachdem Du uns mit dem himmlischen Geschenke gesättigt hast, bitten wir Dich, gewähre uns, daß wir von unseren unbekannten Sünden gereinigt und vor feindlichen Nachstellungen bewahrt werden. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Die beiden anderen Postcommunionen sind dieselben […].

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Eilfter Band: Die Zeit nach Pfingsten; Mainz 1883; S. 89-106]

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