Priester, warum nicht auch ich? (2/2)

Überhaupt hat mir der jahrelange Umgang mit Berufungsgeschichten gezeigt, wie unterschiedlich diese verlaufen. Da gibt es diejenigen, die schon als kleine Ministrantenbuben den Wunsch verspürten, einmal selbst am Altar zu stehen. Durch die Jahre der Jugend hindurch ist der Wunsch vielleicht nicht immer gleich lebendig geblieben, doch schlußendlich hat er sich, vertieft durch ein wachsendes Verständnis des Glaubens und angereichert durch weitere wichtige Beweggründe, durchgesetzt. Andere sind erst spät auf den Gedanken gekommen, zum Priester berufen zu sein. Sie haben einerseits die Irr- und Abwege der Gegenwart, die namenlose Traurigkeit der Gottferne wahrgenommen, andererseits die unüberbietbare Freude der Versöhnung mit Gott, die heilsamen Auswirkungen Seiner Wahrheit und Gnade an sich und anderen erfahren. Und so fragten sie sich: „Sollte ich mich nicht als Werkzeug in die Hände Gottes legen, damit Er durch mich möglichst vielen Menschen Seine Schätze zugänglich machen kann? Das wäre doch ein sinnvoller Lebenseinsatz …“

Beide Anziehungspunkte: Altar und Apostolat, können auf einen jungen Katholiken wie starke Magneten wirken. Gerade wer wie Du die Heilige Messe in ihrer traditionellen Gestalt kennt und liebt, weil darin die Darbringung des Erlösungsopfers so deutlich zum Ausdruck kommt, dürfte diesen Drang verspüren. Und wer den Schrei nach Erlösung vernimmt, der heute von überallher an unser Herz dringt, der will doch sicherlich Hilfe bringen. Es gibt aber keine wichtigere, wirksamere Hilfe als die Verkündigung der Heilsbotschaft und die Ausspendung der Heilsmittel, vor allem der Wiedergeburt in der Taufe und der Sündenvergebung in der Beichte. Und werfe bitte auch einen Blick auf unsere krisengeschüttelte Kirche, auf diese Verunsicherung und Verwirrung im Glauben, die Entstellung des Gottesdienstes und die Führungslosigkeit der Menschen: Was könnte hier denn mehr gebraucht werden als gute, glaubenstreue und hingebungsvolle Priester?

Mein lieber Freund, ich schreibe das alles, um Dir Mut zu machen. Man muß nicht perfekt sein, um sich für berufen halten zu dürfen, sondern darf mit Gottes Gnade nach und nach in die Aufgabe hineinwachsen. Es steht auch nirgendwo geschrieben, daß z. B. die Entscheidung für den zölibatären Stand ohne Schwierigkeiten zu sein hat. Aber der Herr macht sie mit Seiner Gnade leicht und läßt den Berufenen immer besser deren Sinn erkennen. Wer sich aufrichtig um eine tiefe persönliche Beziehung zu Jesus Christus bemüht und dabei auch die Hilfe Seiner Diener im Bußsakrament und geistlicher Führung in Anspruch nimmt, der wird mit Sicherheit nicht scheitern. Das können Dir viele, die schon lange als Priester wirken, bezeugen.

Ich hätte Dir noch vieles zu sagen, muß jetzt aber zum Ende meines Schreibens kommen. Daher möchte ich Dir noch eine warme Empfehlung aussprechen: Vom 5. bis 9. Februar 2018 finden in St. Pelagiberg, einem schönen und abgelegenen Wallfahrtsort im Schweizer Kanton Thurgau, Berufungsexerzitien statt. Es geht in diesen Tagen genau um die Fragen, die Dich mit Recht bewegen: um das apostolische Priestertum in seinen vielfältigen Facetten und um die Berufung dazu, um deren Kennzeichen und um die Wege, die zur Verwirklichung führen. Ob Du Dir die Teilnahme nicht überlegen willst?

Auf jeden Fall empfehle ich Dich und Dein ganzes Leben der Gottesmutter. Bei ihr hat sich Jesus Christus selbst auf Seine Sendung zu den Menschen und Seine Erlöseraufgabe vorbereitet. Unter ihrer Führung wirst Du Deinen Weg ganz gewiß finden. So grüße ich Dich von Herzen und bleibe Dir im Gebet verbunden!

Dein P. Bernward Deneke FSSP

[Quelle: Informationsblatt der Priesterbruderschaft St. Petrus (Januar 2018); S. 6-7]

Priester, warum nicht auch ich? (1/2)

Brief an einen namenlosen, jungen Mann, der über seine Berufung nachdenkt

Mein lieber Freund,

für Deine Zeilen danke ich Dir. Nein, es ist kein schlechtes Zeichen, wenn Dich die Frage einer eventuellen Priesterberufung beschäftigt, sogar umtreibt, beunruhigt und zuweilen aufwühlt. Eigentlich sollte sich jeder Katholik irgendwann einmal diese Frage gestellt haben. Schade, wenn es viele niemals oder nur sehr oberflächlich tun!

Ich bin mir sicher: Wer als junger Mann daran glaubt, daß Gott mit uns Menschen bestimmte Pläne hat; wer die Liebe erkennt, die sich in dem persönlichen Anruf Jesu Christi ausdrückt; wer die wunderbaren Gaben betrachtet, die durch die Weihe verliehen werden, und die großen Aufgaben anschaut, die besonders heute auf den Priester warten; und wer einsieht, daß in der Erfüllung des Willens Gottes unser wahres Glück liegt, der kann sich über das Thema „Priesterberufung“ kein Denkverbot auferlegen. Er wird in sich gehen, sich fragen „Warum nicht auch ich?“ und die Sache immer wieder im Gebet vor den Herrn tragen.

Das hast Du, wie Du schreibst, schon öfters getan, aber niemals Klarheit gefunden. Im Gegenteil, die Einwände gegen eine solche Möglichkeit hätten sich jedesmal meterhoch vor Dir aufgetürmt: Welche Vermessenheit für einen sündigen und schwachen Menschen wie Dich, sich auch nur Gedanken über das Priestertum zu machen! Und wie furchtbar wäre ein Scheitern gerade in diesem Beruf … Auch sei Dir eingefallen, wie einfach die Berufungen im Neuen Testament geschildert werden: Andreas und Petrus, Jakobus und Johannes, ebenso der Zöllner Levi und sogar der Christenverfolger Paulus vernahmen ganz eindeutig die Weisung, Jesus nachzufolgen und zu dienen. Davon könne in Deinem Fall überhaupt nicht die Rede sein.

Das ist auch gar nicht verwunderlich, mein lieber Freund. 2000 Jahre nach Seinem irdischen Wirken wird man natürlich nicht mehr von Jesus auf der Straße oder am Strand angesprochen wie Seine Zeitgenossen damals. Und solche außerordentlichen Ereignisse wie die Christusvision des Paulus vor Damaskus hat es zwar zu allen Zeiten gegeben, aber sie bleiben eben außerordentliche Ereignisse, mit denen wir nicht ohne weiteres rechnen dürfen. Besuche einmal unser Priesterseminar in Wigratzbad und sprich mit den Kandidaten. Du wirst feststellen, daß es nur sehr wenige sind, deren Berufung sich auf derart ungewöhnliche Weise abgespielt hat. Die meisten von ihnen befanden sich in einer Lage ganz ähnlich der Deinen. Sie haben das Für-und-wider im Gebet vor Gott, im Gespräch mit Geistlichen und anderen Menschen ihres Vertrauens abgewogen und sind schließlich zu einer Sicherheit gelangt, die zwar nicht von der Art mathematischer Gewißheit ist, die aber für eine wichtige Lebensentscheidung völlig ausreicht.

[Quelle: Informationsblatt der Priesterbruderschaft St. Petrus (Januar 2018); S. 6]