Christi Himmelfahrt in der Basilika Birnau

Wie in jedem Jahr, so wurde auch 2018 das Hochfest Christi Himmelfahrt von der Wigratzbader Seminargemeinschaft der Priesterbruderschaft St. Petrus in der unmittelbar am Bodensee gelegenen Basilika Birnau gefeiert. Zelebriert wurde das Pontifikalamt in diesem Juwel des Rokoko vom Churer Bischof Vitus Huonder.

Hier ein Foto, das die Basilika in ihrer ganzen Pracht erstrahlen lässt, und zwar in der Liturgie, für die sie gebaut wurde:

Der Bischof am Altar, umgeben von der Assistenz:

Am Nachmittag fand eine Maiandacht mit anschließendem sakramentalen Segen statt:

Weitere Bilder hat der französischsprachige Blog des Priesterseminars.

Dom Guéranger zum Sonntag in der Octave von Christi Himmelfahrt (3/3)

Zur Vesper.

Antiphon zum Magnificat.

Dieses habe ich zu euch geredet, damit, wenn die Stunde kommt, ihr euch daran erinnert, daß Ich es euch gesagt habe, Alleluja.

Gebet.

Allmächtiger, ewiger Gott! verleihe uns, daß unser Wille dem deinen stets ergeben und unser Herz dem Dienste deiner Majestät in aller Aufrichtigkeit stets geweiht sei. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Bringen wir nun dem triumphirenden Jesus die schöne Hymne dar, welche die Kirche am Himmelfahrtsfeste uns während der ganzen Octave bei der Matutin anstimmt. In kraftvollem Schwunge entwickelte sie das ganze Geheimniß und zeigt uns dabei, wie die lateinische Christenheit im Alterthume ihre Gefühle vor dem gegenwärtigen verherrlichten Erlöser auszudrücken verstand.

Hymnus.

Erhabner Fürst der Ewigkeit,
Der von der Sünde uns befreit,
Dem die besiegte Todesmacht
Den herrlichsten Triumph gebracht!

Du fährst zum Himmel segnend auf,
Hoch über aller Sterne Lauf;
Zum Herrscherthrone rief Dich ab
Die Macht, so Dir der Vater gab.

Dir ist das Weltall unterthan;
Dich beten alle Himmel an;
Dir beugt sich, was auf Erden ist,
Dir, was die Hölle in sich schließt.

Die Engel tiefanbetend seh’n
Der Menschheit Wiederaufersteh’n;
Wir sündigten: Du machst uns rein;
Das Reich, o Gott und Mensch, ist dein!

Dir schlägt das Herz im Hochgefühl;
Du unserer Sehnsucht höchstes Ziel!
Durch den sich alle Welten dreh’n:
Lehr’ uns der Erde Luft verschmäh’n!

Wir flehen, Herr! zu deiner Huld:
Vergib all’ unsre Sündenschuld!
Und zieh’ zu Dir das schwache Herz
Durch deine Gnade himmelwärts.

Und kommst Du einst, o Gottes Sohn,
Als Richter auf dem Wolkenthron’:
Dann tilg’ die ungebüßte Schuld,
Gib die verlorne Gnadenhuld!

Preis Dir, der herrlich überwand,
Den thronend zu der rechten Hand,
Mit deinem Vater und dem Geist,
Der Ewigkeiten Loblied preist.
Amen.

Schließen wir mit dem folgenden Gebet aus dem mozarabischen Brevier.

Gebet.

Unser Erlöser und Herr, der Du zum Himmel auffahrend Dich den Augen der Zuschauenden in deiner Verklärung gezeigt und nach deiner Auffahrt verheißen hast, daß Du zum Gerichte kommen werdest, laß uns das heutige Fest deiner Himmelfahrt mit reinem und andächtigem Herzen begehen, damit unser Leben durch Dich allzeit zum Besseren sich erhebe und wir Dich bei deiner Ankunft zum Gerichte ohne Furcht schauen mögen. Amen.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Neunter Band: Die österliche Zeit; Mainz 1880; S. 146-148]

Dom Guéranger zum Sonntag in der Octave von Christi Himmelfahrt (2/3)

Die Messe.

Der Introitus ist dem Psalter entnommen. Er drückt das Verlangen der heiligen Kirche aus, ihren Bräutigam wiederzusehen, der von ihr geflohen ist. Die gläubige Seele theilt dies Gefühl und schließt sich der gemeinsamen Mutter an, um mit ihr zu sagen: „Dein Angesicht will ich suchen, o Herr; wende nicht weg dein Angesicht von mir.“

Introitus.

Erhöre, o Herr, meine Stimme, womit ich zu Dir gerufen, Alleluja: Mein Herz hat zu Dir gesagt: ich habe gesucht dein Angesicht; dein Angesicht will ich suchen, o Herr! Wende nicht weg dein Angesicht von mir! Alleluja, Alleluja.

Der Herr ist mein Licht und mein Heil, wen sollte ich fürchten?

Ehre sei dem Vater etc.

Erhöre, o Herr etc.

In der Collecte lehrt uns die Kirche, wie wir Gott um jenen guten Willen bitten sollen, der uns durch unseren Eifer, der göttlichen Majestät zu dienen, würdig macht, Jesum wiederzusehen.

Collecte.

Allmächtiger, ewiger Gott, gib, daß wir nicht blos im Willen Dir stets ergeben seien, sondern auch mit aufrichtigem Herzen deiner Majestät dienen. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Hierauf geschieht des Himmelfahrtsfestes Erwähnung in der zweiten Collecte […].

Epistel.

Lesung aus dem ersten Briefe des heiligen Apostels Petrus Cap. 4.

Theuerste! Sei klug und wachsam im Gebete! Vor Allem aber liebet euch stets unter einander; denn die Liebe bedeckt die Menge der Sünden. Seid gastfrei gegen einander ohne Murren. Dienet einander, jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als gute Haushälter der mannigfaltigen Gnade Gottes. Wenn Jemand lehrt, so lehre er nach Gottes Wort: wenn Jemand ein Amt hat, so diene er wie aus der Kraft, die Gott gibt, damit in allen Dingen Gott gepriesen werde durch Jesum Christum, unseren Herrn.

So lange die Jünger in dem Abendmahlsaale versammelt blieben, waren sie ein Herz und eine Seele und warteten der Ankunft des Heiligen Geistes. Der Fürst der Apostel, der den Vorsitz in dieser heilligen Versammlung führte, wendet sich zu uns, die wir dieselbe Gnade erwarten, und empfiehlt uns brüderliche Liebe. Er verspricht uns, daß diese Tugend die Menge unserer Sünden bedecken werde; welche glückliche Vorbereitung, um die göttliche Gabe zu empfangen! Der Heilige Geist kommt herab, um alle Menschen in eine einzige Familie zu vereinigen. Lassen wir also von allen Streitereien ab, und bereiten wir uns auf das allgemeine Bruderband vor, welches mit der Predigt des Evangeliums die Welt umschlingen soll. In der Erwartung der Herabkunft des verheißenen Trösters sagt uns der Apostel, daß wir klug und wachsam im Gebete sein sollen. Die Klugheit soll darin bestehen, daß wir aus unseren Herzen jedes Hinderniß entfernen, welches den göttlichen Geist abstoßen könnte; das Gebet aber soll unsere Herzen öffnen, damit jener sie erkenne und sich in ihnen niederlasse.

Von den beiden Versikeln des Alleluja ist der eine David entnommen und preist die Majestät Jesu auf seinem königlichen Throne; der andere besteht aus den Worten des Heilandes selbst, welcher uns verspricht, am Ende der Zeiten wieder zu kommen, und dann seine Auserwählten zu sich zu fordern.

Alleluja, Alleluja.

Gott herrschet über alle Heiden; Gott sitzet auf seinem Heiligen Stuhle. Alleluja.

„Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich gehe fort und komme wieder zu euch, und euer Herz wird sich erfreuen.“ Alleluja.

Evangelium.

Fortsetzung des heiligen Evangeliums nach Johannes Cap. 15.

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Aposteln: „Wenn der Tröster kommen wird, den ich euch vom Vater senden werde, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, derselbe wird von mir Zeugniß geben. Und auch ihr werdet Zeugniß geben, weil ihr vom Anfange an bei mir seid. Dieses habe ich zu euch geredet, damit ihr euch nicht ärgert. Sie werden euch aus den Synagogen ausstoßen; ja, es kommt die Stunde, daß Jeder, der euch tödtet, Gott einen Dienst zu thun glauben wird. Und das werden sie euch thun, weil sie weder den Vater noch mich kennen. Aber ich habe euch dies gesagt, damit, wenn die Stunde kommt, ihr euch daran erinnert, daß ich es euch gesagt habe.“

Unmittelbar vor der Sendung seines Geistes kündigt uns Jesus die Wirkungen an, welche dieser göttliche Tröster in uns hervorbringen wird. Indem er sich beim letzten Abendmahle an die Apostel wendet, sagte er ihnen, daß dieser Geist von ihm Zeugniß ablegen werde, d. h. daß er sie über die Gottheit Jesu und über die Treue bis zum Tode, die sie ihm schuldig sind, belehren werde. Das soll in ihnen jener göttliche Gast bewirken, den Jesus, als er in den Himmel fuhr, ihnen als einen Geist der Stärke bezeichnete. Harte Prüfungen warten ihrer und sie müssen bis zum letzten Blutstropfen Widerstand leisten. Wer wird da diese schwachen Menschen unterstützen? Eben der göttliche Geist, der sich auf sie niedergelassen. Durch ihn werden sie siegen, wird das Evangelium seinen Zug durch die Welt halten. Und jetzt kommt er von Neuem, dieser Geist, der vom Vater und vom Sohne ausgeht; und was anders soll der Zweck seiner Ankunft sein, wenn nicht auch uns für den Kampf zu waffnen, auch uns in dem Ringen stark zu machen? Wenn wir die österliche Zeit verlassen, wo die erhabensten Geheimnisse uns leuchten und schützen, dann finden wir vor uns den ergrimmten Höllengeist, die unserer wartende Welt und die einen Augenblick beruhigten Leidenschaften, die auf’s Neue erwachen wollen. Wenn wir mit der Kraft des Heiligen Geistes bekleidet sind, dann haben wir nichts zu fürchten; verlangen wir darum nach der Ankunft des himmlischen Trösters; bereiten wir ihm in uns eine seiner Majestät würdige Aufnahme vor. Wenn wir ihn empfangen haben, dann hüten wir ihn, wie ein theures Kleinod; er wird uns den Sieg sichern, wie er ihn den Aposteln gesichert hat.

Das Offertorium erinnert mit den Worten des königlichen Propheten an die Größe des zum Himmel auffahrenden Jesus; die heilige Kirche will, daß der Gedanke an einen solchen Triumph uns unaufhörlich begleite und daß er unser Sehnen für immer nach dem Aufenthalte lenkt, wo der Triumphator uns erwartet.

Offertorium.

Gott ist aufgefahren mit Jubelklang, der Herr mit Posaunenschall. Alleluja.

Wenn die heilige Kirche Gott Brod und Wein opfert, welche alsbald in den Leib und das Blut Jesu umgewandelt werden, dann erfleht sie im Stillgebet für uns, daß diese göttlichen Geheimnisse uns nicht nur reinigen, sondern auch jene Thatkraft uns verleihen mögen, ohne welche es ein christliches Leben nicht gibt.

Stillgebet.

O Herr, diese unbefleckten Opfergaben mögen uns reinigen, und unseren Herzen die Kraft der himmlischen Gnade mittheilen. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

In dem zweiten Stillgebet […] geschieht der Himmelfahrt Erwähnung.

Daran schließt sich die Himmelfahrts-Präfation […].

Das Gebet Jesu an seinen Vater bildet die Antiphon zur Communion. Er sprach dies Gebet, nachdem er seine Jünger mit seinem heiligen Fleische genährt. Zugleich legt er darin nieder, was er für uns Alle verlangt.

Communion.

„Als ich bei ihnen war, bewahrte ich die, welche Du mir gegeben hast, Alleluja: nun aber komme ich zu Dir. Ich bitte nicht, daß Du sie von der Welt wegnehmest, sondern daß Du sie vor dem Bösen bewahrest.“ Alleluja, Alleluja.

Danksagung ist die erste Pflicht des Christen nach der Theilnahme am Leibe und Blute Jesu Christi; die Kirche, welche besser als wir die Größe der empfangenen Wohlthat zu würdigen weiß, erfleht für uns in der Postcommunion, daß wir nie von der Pflicht der Danksagung abweichen.

Postcommunion.

O Herr, von den himmlischen Gaben gesättigt, bitten wir Dich, verleihe uns, daß wir stets in der Danksagung verharren. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Neunter Band: Die österliche Zeit; Mainz 1880; S. 140-146]

Dom Guéranger zum Sonntag in der Octave von Christi Himmelfahrt (1/3)

Der Sonntag in der Octave von Christi Himmelfahrt.

O König der Herrlichkeit! Herr der Allmacht! Der Du heute als Sieger über alle Himmel Dich erhobest; laß uns nicht als Waisen zurück, sondern sende uns die Verheißung des Vaters herab, den Geist der Wahrheit, Alleluja.

Jesus ist zum Himmel aufgefahren. Als Gott war er stets dort, aber heute bestieg er auch in seiner menschlichen Natur den Thron, und wurde dort mit dem Strahlendiademe gekrönt. Darin liegt abermals eine Seite des glorreichen Geheimnisses der Himmelfahrt. Dieser heiligen menschlichen Natur wurde der bloße Triumph nicht genügend erachtet; ihm war die Ruhe bereitet auf dem Throne des ewigen Wortes selbst, mit welchem sie nun auf ewig in derselben Person vereinigt ist, und auf diesem hohen Throne soll sie die Anbetung der ganzen Schöpfung entgegen nehmen. Im Namen Jesu, des Menschensohnes und des Gottessohnes, im Namen Jesu, der zur Rechten des allmächtigen Vaters sitzt, „sollen alle Kniee derer sich beugen, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind [Philipp. 2, 10].“

Ihr Bewohner der Erde! Da ist nun diese menschliche Natur, die ehedem in der Niedrigkeit der Windeln erschien, die Judäa und Galiläa durchzog, ohne zu wissen, wohin sie ihr Haupt zur Ruhe legen sollte, die von gottlosen Händeln gefesselt, gegeißelt, mit Dornen gekrönt, an’s Kreuz geschlagen wurde; aber während die Menschen, die ihn nicht erkannt, ihn wie einen Wurm zertraten, nahm er den Leidenskelch in voller Unterwürfigkeit an und ergab sich in den Willen des Vaters; als Opferlamm willigte er darein, die göttliche Herrlichkeit zu versöhnen und all’ sein Blut als Lösegeld für die Sünder hinzugeben. Dieses menschliche Wesen, welches durch die unbefleckte Maria dem Adam entsproßte, ist das Hauptwerk der göttlichen Allmacht. Jesus, „der schönste unter den Menschenkindern [Psalm 44, 3],“ ist der Gegenstand der begeisterten Bewunderung der Engel; auf ihm ruht das Wohlgefallen der allerhöchsten Dreifaltigkeit; die über ihn ausgegossene Gnadenfülle übersteigt Alles, was Menschen und himmlische Geister zusammen erhielten; aber Gott hatte ihn zum Pfade der Prüfung bestimmt; um geringeren Preis hätte Jesus die Menschen wieder erkaufen können und versenkte sich freiwillig in ein Meer von Demüthigungen und Leiden, um in Ueberfülle die Schuld seiner Brüder zu bezahlen. Was wird sein Lohn sein? Der Apostel sagt es uns in den eindringlichen Worten: „Er ward gehorsam bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuze; darum hat ihn Gott erhöht und ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist [Philipp. 2, 8. 9].“

O ihr, die ihr hienieden mit seinen Schmerzen, durch welche er uns wieder erkauft, gelitten habt, die ihr ihm gerne durch die Stationen seiner Pilgerfahrt bis auf Golgatha gefolgt seid, heute erhebt das Haupt und schauet zum höchsten Himmel empor: dort weilt er, weil er den Tod erlitten, mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt [Hebr. 2, 9]. Weil er Knechtesgestalt annahm, er, der einer anderen Natur nach Gott gleich gewesen [Phil. 2, 6. 7], darum gefällt es dem Vater, ihn in Herrlichkeit und Macht zu erhöhen. Die Krone von Dornen, die er hienieden getragen, ist durch ein Diadem aus Edelsteinen ersetzt [Psalm 20, 4]. Das Kreuz, das er auf seine Schultern legen ließ, ist ein Zeichen fürstlicher Würde geworden; die Wunden, welche die Nägel und die Lanze an seinem Körper gerissen, strahlen wie Sonnen. Ehre sei der Gerechtigkeit des Vaters gegen Jesus, seinen Sohn! Aber freuen wir uns auch an diesem Tage, den „Mann der Schmerzen [Isaias 53, 3]“ zu erblicken, der jetzt der König der Herrlichkeit geworden, und wiederholen wir jubelnd das Hosanna, das der himmlische Hof bei seiner Ankunft erschallen ließ.

Glauben wir indessen nicht, daß der Sohn des Menschen, der von nun an auf dem Throne der Gottheit seinen Sitz hat, in seiner glorreichen Ruhe unthätig bleibt. Er ist vor Allem eingesetzt, als der Richter der Lebendigen und der Todten [Apostelg. 10, 42], und vor seinem Richterstuhle werden wir Alle stehen [Röm. 14, 10]. Kaum hat unsere Seele den Leib verlassen, so steht sie vor diesem Richterstuhle, um aus dem Munde des Menschensohnes das Urtheil zu vernehmen, das sie verdient hat. O Heiland, der Du an diesem Tage gekrönt wirst, sei uns barmherzig in dieser für unsere Ewigkeit entscheidenden Stunde.

Aber die von Jesus dem Herrn ausgeübte Gewalt wird sich keineswegs auf diese nicht in der Welt zu Tage tretende Urtheilsfällung beschränken. Die Engel haben es uns heute gesagt: er soll sich auf’s Neue der Erde zeigen; er wird vom Himmel herabkommen, wie er aufgefahren ist, und dann bricht das feierliche Gericht an, vor welchem die ganze Menschheit zu erscheinen hat. Auf den Wolken des Himmels thronend, von der himmlischen Heerschaar umgeben, wird dann der Menschensohn der Erde in seiner ganzen Majestät erscheinen. „Sie werden schauen auf den, den sie durchbohrt haben [Zach. 12, 10],“ und die Wundmale, die seiner Schönheit einen neuen Glanz verleihen, werden den Einen ein Gegenstand des Schreckens, den Anderen eine Quelle unaussprechlichen Trostes sein. Auch auf seinem Wolkenthrone wird er Hirte bleiben; er wird die Schafe von den Böcken sondern, und seine allgewaltige Stimme, welche die Erde seit so vielen Jahrhunderten nicht mehr vernahm, wird erschallen: sie wird die unbußfertigen Sünder in die Hölle hinabsteigen heißen, und die Gerechten einladen, mit Leib und Seele den Aufenthalt ewiger Wonne zu beziehen.

Einstweilen, bis die Bestimmungen des Menschengeschlechtes so ihre schließliche Entwickelung finden, erhält Jesus heute von dem Vater die sichtbare Einsetzung in die königliche Gewalt über alle Völker der Erde. Wir, die wir Alle um den Preis seines Blutes wiedererkauft sind, gehören auch ihm; er möge denn von nun an unser Herr sein. Er ist es in der That; denn er trägt den Namen „Könnig der Könige, Herr der Herren [Offenb. 19, 16]“ nicht umsonst. Legitim regieren die Könige nur durch ihn, nicht durch die Gewalt oder in Kraft eines socialen Vertrages, dessen Sanction nur eine irdische wäre. Die Völker gehören nicht sich selbst, sie gehören ihm. Sein Gesetz unterliegt keiner Berathung; es muß über alle menschlichen Gesetze als deren Richtschnur und Herrin die Fittige ausbreiten. „Die Heiden werden toben,“ sagt uns der königliche Prophet, „die Völker werden auf Eitles sinnen. Die Könige der Erde werden aufstehen und zusammenkommen wider ihn. Lasset uns zerreißen seine Bande,“ werden sie sagen, „und von uns werfen sein Joch [Psalm 2, 1-3]!“ Unnütze Anstrengungen! Denn so sagt uns der Apostel: „Er muß herrschen, bis er alle seine Feinde unter seine Füße lege [1. Kor. 15, 25],“ bis er zum zweiten Male erscheinen wird, um die Gewalt Satans und den Hochmuth der Menschen niederzuschlagen.

So soll also der in seiner Himmelfahrt gekrönte Mensch über die Welt herrschen, bis er wiederkommt. Aber, wird man sagen, herrscht er denn in einer Zeit, wo die Fürsten zugeben, daß sie ihre Autorität nur durch Uebertragung von ihren Völkern besitzen? Wo die Völker durch dies Trugbild, das sie Freiheit nennen, verführt, selbst den Begriff der Autorität verloren haben? Ja, er herrscht allerdings; aber in seiner Gerechtigkeit, weil es die Menschen verschmäht haben, von seiner Güte geleitet zu werden. Sie haben sein Gesetz aus ihren Gesetzbüchern gestrichen; sie haben dem Irrthume und der Lästerung Heimathsrecht gewährt; so hat er sie ihrem thörichten, lügnerischen Sinne überliefert. Bei ihnen entschlüpft die ephemere Gewalt, welche keine Salbung mehr heiligt, jeden Augenblick den Händen derer, die alle Anstrengungen machen, um sie festzuhalten; und wenn die Völker, nachdem sie in die Abgründe der Anarchie gerollt, auf’s Neue versuchen, sich zu constituiren, so sehen wir diese Versuche immer wieder scheitern, weil eben Fürsten und Völker sich außerhalb des Reiches des Menschensohnes halten wollen. Und das wird so lange währen, bis endlich Fürsten und Völker, ihrer Ohnmacht müde, ihn wiederum herbeirufen, daß er über sie herrsche, bis sie wiederum den Wahlspruch unserer Väter angenommen: Christus vincit, Christus regnat, Christus imperat. Christus siegt, Christus herrscht, Christus befiehlt. Möge Christus sein Volk vor jedem Unheil bewahren!

An diesem Tage deiner Krönung empfange denn die Huldigung deiner Gläubigen, Du, unser höchster König, unser Herr und unser Richter! Wir, die wir durch unsere Sünden die Urheber deiner Demüthigungen und Leiden in deinem sterblichen Leben waren, wir vereinigen unsere Stimmen mit dem Jubel der himmlischen Geister in dem Augenblicke, wo das königliche Diadem auf dein erhabenes Haupt gesetzt wurde. Noch sehen wir deine Größe, wie durch einen Schleier; aber der Heilige Geist, den Du uns verheißen hast, wird uns Alles offenbaren, was wir hienieden noch über deine höchste Gewalt wissen können, und wir wollen stets deine demüthigen und getreuen Unterthanen sein.

Der Sonntag in der Himmelfahrts-Octave hieß im Mittelalter in Rom Rosensonntag, weil man an diesem Tage in den Kirchen Blumen, besonders Rosen, streute. Es sollte das eine Huldigung an Christus sein, welcher sich in der Jahreszeit der Blumen zum Himmel aufschwang. Damals fühlte man alle diese Harmonien. Wenn man das Himmelfahrtsfest von seinem Hauptstandpunkte, nämlich von dem des triumphirenden Erlösers, betrachtet, so ist es eines der freudigsten, der jubelvollsten; und dies Fest fiel gerade in die schönste Zeit, in die Tage des Frühlings unter einem glücklichen Himmelsstriche. Man vergaß auf einen Augenblick der Trübsal der Erde, die ihres Emmanuel beraubt ist, um sich nur der Worte zu erinnern, die er zu seinen Aposteln gesprochen: „Wenn ihr mich liebtet, so würdet ihr euch freuen, daß ich zum Vater gehe [Joh. 14, 28].“ Ahmen wir dies Beispiel nach; bieten auch wir die Rose Dem, der sie geschaffen, um unsere Wohnstätte auf Erden zu verschönern; benützen wir ihre Schönheit und ihren Wohlgeruch, um uns zu ihm aufzuschwingen, der im Hohen Liede gesagt hat: „Ich bin eine Blume des Feldes, und eine Lilie in den Thälern [Hohel. 2, 1].“ Er wollte Nazarener [Von Nazar, blühen, grünen, sprossen] genannt werden, damit dieser geheimnißvolle Name uns an die Blumen erinnere, deren Bild er nicht verschmäht hat, um den Reiz und die Milde auszudrücken, welche Diejenigen in ihm finden, die ihn lieben.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Neunter Band: Die österliche Zeit; Mainz 1880; S. 134-140]

Dom Guéranger zu Christi Himmelfahrt (3/3)

Zur Vesper.

Jesus, der Herr, ist von der Erde verschwunden; aber sein Gedächtniß und seine Verheißungen sind im Herzen der heiligen Kirche zurückgeblieben. Sie folgt im Geiste dem so glänzenden Triumphe ihres Bräutigams, einem Triumphe, den er um die Erlösung der Menschen wohl verdient hat. Sie fühlt, daß sie Wittwe ist; aber sie erwartet mit festem Glauben den versprochenen Tröster. Indessen verrinnen die Stunden, der Abend naht; sie versammelt wiederum ihre Kinder, und in dem Vespergottesdienste läßt sie nochmals mit ihnen das tiefe Geheimniß dieses Tages an ihrem Geiste vorüberziehen.

Die Antiphonen zu den Psalmen bilden in ihrem Zusammenhang die Erzählung dieses Ereignisses, das um die Mittagsstunde stattfand; sie sind klangvoll, aber nicht ohne einen trüben Anflug, wie dies auch bei einem Abschiedstage passend ist.

Antiphon.

Ihr Männer von Galiläa! was schauet ihr gen Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen worden, wird ebenso wiederkommen. Alleluja.

109. Psalm.

Es sprach der Herr etc.

[…]

Antiphon.

Als sie ihm nachschauten, wie er in den Himmel fuhr, sprachen sie: Alleluja.

110. Psalm.

Lobsingen will ich Dir etc.

[…]

Antiphon.

Mit erhobenen Händen segnete er sie, und fuhr in den Himmel, Alleluja.

111. Psalm.

Glückselig der Mann etc.

[…]

Antiphon.

Erhebet den König der Könige und singet Gott ein Loblied! Alleluja.

112. Psalm.

Lobet den Herrn, ihr seine Kinder etc.

[…]

Antiphon.

Vor ihren Augen ward er aufgehoben, und eine Wolke nahm ihn hinauf in den Himmel, Alleluja.

116. Psalm.

Lobet den Herrn, alle Völker; lobet ihn, alle Nationen!

Denn es ist bestätigt über uns seine Barmherzigkeit und die Wahrheit des Herrn bleibet in Ewigkeit.

Antiphon.

Vor ihren Augen ward er aufgehoben, und eine Wolke nahm ihn hinauf in den Himmel, Alleluja.

Capitulum.

(Apostelgeschichte Capitel 1.)

In der ersten Erzählung, o Theophilus, hab’ ich von Allem gesprochen, was Jesus zu thun und zu lehren anfing, bis auf den Tag, da er aufgenommen ward, nachdem er den Aposteln, die er ausgewählt hatte, im Heiligen Geiste Befehle gegeben.

Die Hymne, voll Lieblichkeit, hat den heiligen Ambrosius zum Verfasser. Im siebenzehnten Jahrhundert erhielt sie jedoch einige mehr oder minder glücklich gewählte Neuerungen.

Hymnus.

O Jesu! aller Sünder Heil!
Der frommen Herzen bester Theil!
Du Schöpfer der erlösten Welt,
Licht, das der Reinen Geist erhellt!

Wie namenlos war deine Huld!
Du nahmst auf Dich der Sünder Schuld!
Du Reinster wollt’st dem Tod dich weih’n,
Uns von dem Tode zu befrei’n!

Du sprengst mit Macht der Hölle Thor,
Führst die Gefang’nen frei hervor,
Fährst nach vollbrachtem Siegeslauf
Zu deines Vaters Rechten auf.

Erzeig’ auch uns Barmherzigkeit,
Uns, die der Sünde Schuld entweiht!
Zeig’ uns dein Mittlerangesicht,
Und ström’ in uns dein sel’ges Licht!

Sei Du uns Führer, Weg und Ziel!
Dem Herzen Himmelsvorgefühl,
Und Wonne in der Thränenfluth,
Des Lebens süß’stes höchstes Gut.
Amen.

V. Der Herr hat im Himmel, Alleluja.

R. Bereitet seinen Sitz, Alleluja.

Die den Lobgesang Maria’s begleitende Antiphon ist eine Bitte an Jesus, seiner Verheißung zu gedenken und nicht damit zu zögern, daß er seine Braut durch die Sendung des Heiligen Geistes tröste. Die heilige Kirche wiederholt dieselbe täglich bis zur Ankunft des himmlischen Trösters.

Antiphon zum Magnificat.

O König der Herrlichkeit! Herr der Allmacht! Der Du heute als Sieger über alle Himmel Dich erhobest; laß uns nicht als Waisen zurück, sondern sende uns die Verheißung des Vaters herab, den Geist der Wahrheit. Alleluja.

Gebet.

Verleih’ uns, allmächtiger Gott! wir bitten Dich, daß, wie wir glauben, daß am heutigen Tage dein Eingeborener, unser Erlöser, gen Himmel aufgefahren ist, also auch wir mit unseren Gemüthern gen Himmel fahren, und im Himmel Wohnung finden mögen. Durch denselben Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

[…]

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Neunter Band: Die österliche Zeit; Mainz 1880; S. 111-115]

Dom Guéranger zu Christi Himmelfahrt (2/3)

Zur Messe.

Die römsiche Kirche hat heute als Station die Basilika des heiligen Petrus. Es ist gewiß ein schöner Gedanke gewesen, an einem solchen Tage die Gläubigen um das glorreiche Grab eines der vorzüglichsten Zeugen der triumphirenden Himmelfahrt zu versammeln. Die Station wird allezeit beibehalten; aber seit mehreren Jahrhunderten begibt sich der Papst sammt dem heiligen Cardinalscollegium nach der lateranensischen Basilika, um in diesem alten, von Constantin dem Erlöser geweihten Heiligthum die jährlich wiederkehrende Reihe der Geheimnisse, durch welche der Sohn Gottes unser Heil gewirkt und heute vollendet hat, zu beschließen.

In diesen beiden erhabenen Basiliken, wie in der bescheidensten Kirche der ganzen Christenheit, bildet die Osterkerze das liturgische Symbol des Festes. Wir haben gesehen, wie sie in der Osternacht angezündet wurde, und durch ihr Licht während der vierzig Tage die Dauer des Aufenthaltes unseres göttlichen Auferstandenen unter denen, die er seine Brüder zu nennen sich würdigte, bedeuten sollte. Die Blicke der versammelten Gläubigen haften freudig an dem strahlenden Lichte, das um so heller zu erglänzen scheint, je näher der Augenblick kommt, da es ausgelöscht werden soll. Preisen wir unsere Mutter, die heilige Kirche, welcher der Heilige Geist die Kunst eingeflößt hat, uns durch so vielfache sinnige Zeichen zu unterrichten und zu bewegen. Preisen wir den Sohn Gottes, der sich gewürdigt hat, uns zu sagen: „Ich bin das Licht der Welt [Joh. 8, 12].“

Der Introitus verkündet glänzend das große Fest, das uns zusammengeführt. Er besteht aus den Worten der Engel an die Apostel auf dem Oelberge. Jesus ist in den Himmel aufgefahren; Jesus soll eines Tages von dort her wieder herabkommen.

Introitus.

Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schauet gen Himmel? Alleluja: Er wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn sahet hinauffahren in den Himmel. Alleluja, Alleluja, Alleluja.

Klatschet mit Händen, alle Völker, jauchzet Gott mit Jubelschall!

Ehre sei dem Vater etc.

Ihr Männer etc.

Die heilige Kirche, welche in der Collecte die Gebete ihrer Kinder sammelt, erfleht für sie von Gott die Gnade, daß ihre Herzen mit dem göttlichen Erlöser fest vereinigt bleiben, welchen ihr Verlangen bis in den Himmel hinein, wohin er aufgefahren, suchen soll.

Collecte.

Allmächtiger Gott, wir bitten Dich, gewähre uns: daß wir, gleichwie wir an die heutige Himmelfahrt deines Eingeborenen, unseres Erlösers, glauben, so auch selbst mit unserem Sinn in himmlischen Dingen uns aufhalten. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Epistel.

Lesung aus der Apostelgeschichte Cap. 1.

In der ersten Erzählung, o Theophilus, habe ich von Allem gesprochen, was Jesus zu thun und zu lehren anfing bis auf den Tag, da er aufgenommen ward, nachdem er den Aposteln, die er auserwählt hatte, durch den Heiligen Geist Befehle gegeben: welchen er auch nach seinem Leiden als lebendig sich darstellte durch viele Beweise, indem er vierzig Tage hindurch ihnen erschien und vom Reiche Gottes redete. Er aß auch mit ihnen und befahl ihnen, von Jerusalem nicht wegzugehen, sondern zu warten auf die Verheißung des Vaters, „die ihr (sprach er) aus meinem Munde gehört habet. Denn Johannes hat zwar mit Wasser getauft, ihr aber wollt mit dem Heiligen Geiste getauft werden binnen weniger dieser Tage.“ Die nun zusammengekommen waren, fragten ihn und sprachen: „Herr, wirst Du wohl in dieser Zeit das Reich Israel wieder herstellen?“ Er aber sprach zu ihnen: „Es steht euch nicht zu, Zeit oder Stunde zu wissen, welche der Vater in seiner Macht festgesetzt hat; aber ihr werdet die Kraft des des Heiligen Geistes empfangen, der über euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samaria und bis an die Grenzen der Erde.“ Und als er dies gesagt hatte, ward er vor ihren Augen aufgehoben, und eine Wolke entzog ihn ihren Blicken. Und als sie ihm nachschauten, wie er in den Himmel fuhr, siehe, da standen bei ihnen zwei Männer in weißem Gewande, welche auch sprachen: „Ihr Männer von Galiläa, was stehet ihr da un schauet gen Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen worden, wird eben so wiederkommen, wie ihr ihn sahet hingehen in den Himmel.“

Indem wir dieser bewundernswerthen Erzählung folgten, haben wir gewissermaßen der Auffahrt unseres Emmanuel in den Himmel beigewohnt. Was gibt es Rührenderes, als jenen Blick der Jünger nach ihrem göttlichen Meister, der sich, sie segnend, plötzlich erhob? Aber eine Wolke lagert sich zwischen Jesus und sie und ihre durch Thränen geblendeten Augen haben seine Spur hoch oben verloren. Sie sind von jetzt an allein auf dem Berge; Jesus hat ihnen seine sichtbare Gegenwart entzogen. Welchen Eckel empfänden sie jetzt in dieser öden Welt, wenn die Gnade sie nicht aufrecht erhielte, wenn nicht der Heilige Geist im Begriffe stände, auf sie herabzukommen und in ihnen ein neues Dasein zu schaffen? Erst im Himmel werden sie ihn wiedersehen, der ihr Gott ist, der drei Jahre hindurch sich würdigte, ihr Meister zu sein, der endlich beim letzten Abendmahle sie seine Freunde nennen wollte.

Aber nicht sie allein empfinden den Kummer. Die Erde, die freudebebend die Schritte des Sohnes Gottes fühlte, wird von seinen Füßen nicht mehr berührt. Sie hat jenen Ruhm verloren, den sie seit viertausend Jahren erharrte, den Ruhm, ihrem göttlichen Schöpfer zur Wohnstätte zu dienen. Die Völker sind in der Erwartung eines Erlösers; aber außerhalb Judäa und Galiläa wissen die Menschen nicht, daß dieser Erlöser gekommen und daß er bereits in den Himmel aufgefahren ist. Das Erlösungswerk wird indessen nicht in jenen engen Kreis eingeschlossen bleiben. Dem Menschengeschlecht wird die Ankunft Jesu zur Kenntniß gebracht werden und die Stimme der heiligen Kirche verkündet heute in allen fünf Welttheilen seine Himmelfahrt und preist den Triumph des Emmanuel. Achtzehn Jahrhunderte sind seit seiner Auffahrt verflossen und unser Lebewohl voll Ehrfurcht und Liebe schließt sich heute noch den Abschiedsrufen seiner Jünger an, die erschollen, als er sich zum Himmel erhob. Auch wir beklagen seine Abwesenheit; aber wir sind glücklich in dem Gedanken, ihn verherrlicht, gekrönt zur Rechten seines Vaters sitzen zu sehen. Du bist in deine Ruhe eingegangen, o Herr, wir beten Dich an auf deinem Throne, wir, die wir deine Erkauften, deine Errungenen sind. Segne uns, ziehe uns zu Dir; bewirke, daß deine letzte Ankunft unsere Hoffnung und nicht unsere Furcht sei.

Die beiden Verse des Alleluja wiederholen die Worte Davids, der schon im Voraus den unter dem Jubel der Engel und dem Schmettern der himmlischen Posaunen in seine Herrlichkeit einziehenden Christus prieß, der begeistert schilderte, wie der Ueberwinder als stolzes Siegeszeichen die glücklichen aus der Vorhölle befreiten Gefangenen mit sich führte.

Alleluja, Alleluja.

Gott ist aufgefahren mit Jubelklang, der Herr mit Posaunenschall. Alleluja.

Der Herr ist unter ihnen wie auf Sina in dem Heiligthume. Du fahrest in die Höhe, nimmst die Gefangenschaft gefangen. Alleluja.

Evangelium.

Fortsetzung des heiligen Evangeliums nach Markus Cap. 16.

In jener Zeit erschien Jesus den elf Jüngern, da sie zu Tische saßen, und er verwies ihnen ihren Unglauben und ihres Herzens Härtigkeit, daß sie Denen nicht geglaubt hätten, welche ihn gesehen hatten, nachdem er auferstanden war. Und er sprach zu ihnen: „Gehet hin in die ganze Welt und prediget das Evangelium allen Geschöpfen. Wer da glaubt und sich taufen läßt, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden. Es werden aber Denen, die da glauben, diese Wunder folgen. In meinem Namen werden sie Teufel austreiben, mit neuen Sprachen reden, Schlangen aufheben, und wenn sie etwas Tödtliches trinken, wird es ihnen nicht schaden, Kranken werden sie die Hände auflegen, und sie werden gesund werden.“ Und der Herr Jesus, nachdem er mit ihnen geredet hatte, wurde in den Himmel aufgenommen und sitzet zur rechten Hand Gottes. Sie aber gingen hin und predigten überall, und der Herr wirkte mit ihnen und bekräftigte das Wort durch die darauf folgenden Wunder.

Nachdem der Diakon diese Worte vollendet, löscht ein Akolyth schweigend die geheimnißvolle Kerze, deren Licht uns an die Gegenwart des auferstandenen Jesus erinnerte. Dieser bedeutungsvolle Ritus sagt uns, daß jetzt die Witwenschaft der heiligen Kirche beginnt. Wenn wir von jetzt ab unseren Heiland betrachten wollen, müssen wir nach dem Himmel schauen, woselbst sein Thron steht. Wie rasch ist sein Vorübergang hienieden gewesen, wie viele Geschlechter sind seitdem vorübergegangen und wie viele werden noch vorübergehen, bis er sich auf’s Neue zeigt!

Entfernt von ihm, schmachtet die heilige Kirche in den Leiden der Verbannung. Gleichwohl beharrt sie dabei, in diesem Thale der Thränen zu wohnen; denn sie muß die Kinder hüten und pflegen, zu deren geistiger Mutter sie ihr göttlicher Bräutigam gemacht hat; aber der Anblick ihres Jesus fehlt ihr, und wenn wir Christen sind, dann muß er auch uns selber fehlen. O, wann wird der Tag kommen, wo wir, auf’s Neue mit unserem Fleische bekleidet, in die Lüfte entrückt werden, Christo entgegen, um immerfort bei dem Herrn zu sein [1. Thess. 4, 16]. Dann erst und nur dann haben wir den Zweck erreicht, um deßwillen wir geschaffen wurden.

Alle Geheimnisse des menschgewordenen Wortes, die wir vor unseren Augen sich der Reihe nach enthüllen sahen, finden ihre Krönung in seiner Himmelfahrt; alle Gnaden, die wir Tag um Tag empfangen haben, haben kein anderes Ziel, als die unserige. „Diese Welt ist nur eine Gestalt, die vergeht [1. Kor. 7, 31],“ und wir sind in derselben, um unserem göttlichen Haupte angegliedert zu werden. In ihm liegt unser Leben, unsere Glückseligkeit; vergebens würde es sein, wenn wir sie anderswo suchen wollten. Alles, was uns Jesus näher bringt, ist gut, was uns von ihm entfernt, ist böse und verhängnißvoll. Die Himmelfahrt ist der letzte Strahl, den Gott vor unseren Augen aufblitzen läßt, um uns den Pfad zu zeigen. Wenn unser Herz sich darnach sehnt, Jesus wieder zu finden, dann lebt es im wahren Leben; wenn es an irdischen Dingen hängt, so daß es zu der himmlischen Liebe, die Jesus ist, sich nicht hingezogen fühlte, dann wäre es todt.

Erheben wir darum mit den Jüngern unsere Augen und folgen wir im Verlangen ihm, der heute zum Himmel auffährt, um uns dort eine Wohnstätte zu bereiten. Sursum corda! Empor die Herzen! Das ist der Scheidegruß, den uns unsere Brüder zurufen, die im Gefolge des göttlichen Ueberwinders sich zur Höhe schwingen, es ist der Ruf der heiligen Engel, die vor dem Emmanuel herziehen und uns einladen, ihre Reihen zu ergänzen.

Sei denn gesegnet, Osterkerze, Lichtsäule, deren liebliche, glänzende Flamme uns vierzig Tage hindurch erfreut hat. Du redest zu uns von Jesus, unserer Leuchte in der Nacht dieser Welt; jetzt sagt uns dein erloschenes Licht, daß wir hienieden Jesum nicht mehr sehen werden und daß wir, wenn wir ihn schauen wollen, von nun an uns zum Himmel aufschwingen müssen. Du theures Abbild, das die mütterliche Hand der heiligen Kirche aufgestellt, um zu unseren Herzen zu sprechen, indem es unser Auge auf sich zieht, auch dir sagen wir jetzt Lebewohl; aber die Erinnerung an die heiligen Gemüthsbewegungen, welche dein Anblick während der durch die verkündigten österlichen Zeit in uns hervorgebracht, wollen wir dir treulich bewahren.

Als Antiphon des Offertoriums wendet die Kirche dieselben Worte Davids an, welche sie bereits vor Lesung des Evangeliums hat erschallen lassen. Sie hat eben nur einen Gedanken: den Triumph ihres Bräutigams, die Freude des Himmels, an welcher sie auch die Bewohner der Erde theilnehmen sehen will.

Offertorium.

Gott ist aufgefahren mit Jubelklang, der Herr mit Posaunenschall. Alleluja.

Im Gefolge Jesu in das ewige Leben einzugehen, die Hindernisse zu vermeiden, welche uns auf diesem Wege begegnen können; das müssen heute unsere Wünsche sein, das ist auch die Bitte, welche die heilige Kirche heute für uns im Stillgebete an Gott richtet.

Stillgebet.

O Herr, nimm an unsere Gaben, die wir Dir wegen der glorreichen Himmelfahrt deines Sohnes darbringen, damit wir von den gegenwärtigen Gefahren befreit werden und zum ewigen Leben gelangen. Durch denselben Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Präfation.

Wahrlich ist es würdig und recht, billig und heilsam, daß wir Dir immer und überall Dank sagen, heiliger Herr, allmächtiger Vater, ewiger Gott, durch Christum, unseren Herrn: Welcher nach seiner Auferstehung allen seinen Schülern sichtbar erschien und vor ihren Augen sich in den Himmel erhob, um uns seiner Gottheit theilhaftig zu machen. Und deßhalb singen wir mit den Engeln und Erzengeln, mit den Thronen und Herrschaften, und mit dem ganzen Kriegsheer der himmlischen Schaaren den Lobgesang auf deine Herrlichkeit, indem wir ohne Ende rufen: Heilig, Heilig, Heilig etc.

Ein neuer Vers Davids bildet die Antiphon zur Communion. Der königliche Prophet verkündet darin tausend Jahre vorher, daß der Emmanuel sich im Osten zum Himmel aufschwingen wird. Und in der That liegt der Oelberg, von welchem aus wir heute Jesus in seines Vaters Reich haben auffahren sehen, östlich von Jerusalem.

Communion.

Lobsinget Gott, der über den Himmel des Himmels hinauffährt gen Aufgang. Alleluja.

Das gläubige Volk besiegelt seinen Bund mit seinem göttlichen Haupte damit, daß es an dem erhabenen Sakramente Theil nimmt. Die heilige Kirche bittet Gott, daß dies Geheimniß, das Jesum fortan unsichtbar umschließt, in uns bewirke, was es äußerlich besagt.

Postcommunion.

Allmächtiger und barmherziger Gott, wir bitten Dich, laß uns durch unsichtbare Wirkungen Das erlangen, was wir durch die sichtbaren Geheimnisse empfangen und genossen haben. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Neunter Band: Die österliche Zeit; Mainz 1880; S. 99-108]

Dom Guéranger zu Christi Himmelfahrt (1/3)

Christi Himmelfahrt.

Der Tag ist glänzend angebrochen; die Erde, die bereits bei der Erscheinung des Emmanuel aufjauchzte [Psalm 95, 96, 97], empfindet ein ungekanntes Freudebeben; die unaussprechliche Aufeinanderfolge der Geheimnisse des Gottmenschen ist auf dem Punkte, ihre letzte Erfüllung zu finden. Aber die Freude der Erde steigt bis zum Himmel empor und die Chöre der Engel rüsten sich, das ihnen verheißene Haupt zu empfangen; ihre Fürsten stehen an den Pforten, dieselben zu heben, wenn das Zeichen ertönt, daß der Triumphator sich nahe. Die seit vierzig Tagen aus der Vorhölle befreiten heiligen Seelen schweben über Jerusalem bis zu dem Augenblicke, wo der seit viertausend Jahren durch die Sünde verschlossene Weg zum Himmel sich plötzlich öffnet und sie sich im Gefolge des Erlösers emporschwingen können. Die Zeit drängt; unser göttlicher Auferstandener muß sich endlich zeigen, um das letzte Lebewohl derer zu empfangen, die ihn von Stunde zu Stunde erwarten und die er noch in diesem Thale der Thränen zurücklassen muß.

Plötzlich erscheint er mitten im Abendmahlsaale. Das Herz Maria’s bebte vor Freude, die Jünger und heiligen Frauen beten voll Liebe ihn an, der sich hienieden zum letzten Male zeigt. Jesus würdigt sich in ihrer Mitte an der Tafel Platz zu nehmen. Er theilt die Mahlzeit mit ihnen, nicht mehr zu dem Zwecke, um sie seiner Auferstehung zu versichern, denn er weiß, daß sie daran nicht mehr zweifeln; aber in dem Augenblicke, da er sich zur Rechten des Vaters setzen will, hält er darauf, ihnen ein so theures Zeichen seiner göttlichen Vertraulichkeit zu geben. O, es war ein unaussprechliches Mahl, bei welchem Maria zum letzten Male auf dieser Welt die Freude genoß, neben ihrem Sohne zu sitzen, wo die durch die Jünger und die heiligen Frauen vertretene Kirche unter dem sichtbaren Vorsitze ihres Oberhauptes und Bräutigams vereinigt war.

Wer könnte die Ehrfurcht, die Sammlung, die Aufmerksamkeit der Tischgenossen schildern, wer ihre Blicke malen, die mit so großer Liebe an dem so sehr geliebten Herrn hingen? Sie trachteten darnach, noch einmal sein Wort zu hören; wie kostbar muß es ihnen in diesem Augenblicke der Trennung sein! Endlich öffnet Jesus den Mund; aber sein Ton ist eher ernst als liebevoll. Er beginnt damit, daß er sie an ihre Ungläubigkeit erinnert, als sie die Nachricht seiner Auferstehung vernahmen [Mark. 16, 14]. Im Augenblicke, wo er ihnen die großartigste Sendung anvertraute, die je in Menschenhände gelegt wurde, will er sie an ihre Niedrigkeit erinnern. In wenig Tagen werden sie die Orakel der Welt sein; die Welt muß ihnen auf ihr Wort glauben, muß ihnen das glauben, was sie nicht gesehen hat, was nur Jene gesehen haben. Der Glaube setzt die Menschen in Beziehung zu Gott und diesen Glauben haben sie selber anfangs nicht gehabt: Jesus verlangt von ihnen eine letzte Sühne für ihren früheren Unglauben, damit ihr Apostolat auf die Demuth gegründet sei.

Darauf nahm er den Ton jener ihm allein zukommenden Autorität an und sprach: „Gehet hin in die ganze Welt und prediget das Evangelium allen Geschöpfen. Wer da glaubt und sich taufen läßt, der wird selig werden, wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden [Mark. 16, 15. 16].“ Und wi sollen sie nun ihre Sendung, die Predigt des Evangeliums in der ganzen Welt, erfüllen? Welche Mittel haben sie, damit die Welt auch ihrem Worte Glauben schenkt? Jesus sagt es ihnen: „Es werden aber denen, die da glauben, diese Wunder folgen: in meinem Namen werden sie Teufel austreiben, mit neuen Sprachen reden, Schlangen aufheben und wenn sie etwas Tödtliches trinken, wird es ihnen nicht schaden, Kranken werden sie die Hände auflegen und sie werden gesund werden [Mark. 16, 17. 18].“ Er will also, daß das Wunder die Grundlage seiner Kirche sei, wie er es auch gewählt hat, um von seiner göttlichen Mission Zeugniß abzulegen. Die Aufhebung der Gesetze der Natur sagt den Menschen, daß es der Schöpfer der Natur ist, der eben zu ihnen spricht; an ihnen ist es demnach, zu hören und demüthig zu glauben.

Da stehen denn diese der Welt unbekannten Männer; jeden irdischen Hilfsmittels beraubt, sollen sie die Erde erobern und das Reich Jesu Christi aufrichten. Die Welt weiß noch gar nichts von ihrem Dasein. Tiberius, der auf seinem Throne in beständiger Angst vor Verschwörungen lebt, hat keine Ahnung von diesem Unternehmen ganz neuer Art, dessen Ziel die Eroberung des römischen Reiches ist. Aber diese Krieger bedürfen einer Rüstung und zwar einer Rüstung von himmlischem Stahl. Jesus verkündet ihnen auch, daß sie dieselbe alsbald empfangen sollen. „Bleibet ihr in der Stadt,“ sagte er ihnen, „bis daß ihr ausgerüstet worden mit Kraft aus der Höhe [Luk. 24, 49].“ Was ist das nun für eine Rüstung? Jesus erklärt es ihnen. Er erinnerte sie an die Verheißung des Vaters; „die Verheißung,“ sagt er, „die ihr aus meinem Munde gehört habt. Denn Johannes hat zwar mit Wasser getauft, ihr aber sollet mit dem Heiligen Geiste getauft werden binnen weniger dieser Tage [Apostelg. 1, 4. 5].“

Aber die Stunde der Trennung ist gekommen; Jesus erhebt sich und die ganze Versammlung schickt sich an, seinen Schritten zu folgen. Hundert zwanzig Personen fanden sich da mit der Mutter des göttlichen Triumphators vereinigt, welchen der Himmel zurückforderte. Der Abendmahlsaal lag auf dem Berge Sion, dem einen der beiden Hügel, welche die Ringmauer Jerusalems umschließt. Der Zug mußte daher einen Theil der Stadt durchschreiten und begab sich nach der östlichen Pforte, welche in das Thal Josaphat führt. Es ist zum letzten Male, daß Jesus durch die Straßen der verworfenen Stadt wandelt. Unsichtbar den Augen jenes Volkes, das ihn verleugnete, schreitet er an der Spitze der Seinigen, wie ehedem die leuchtende Säule, welche die Schritte des israelitischen Volkes lenkte. Wie schön und ehrfurchterweckend ist dieser Zug Marias, der Jünger und heiligen Frauen, im Gefolge Jesu, der nicht mehr Halt machen soll, bis er im Himmel zur Rechten des Vaters sich niederläßt. Die Frömmigkeit des Mittelalters erinnerte daran durch eine feierliche Prozession, welche der Messe dieses großen Tages voranging. Glückliche Jahrhunderte, in welchen die Christen allen Zügen des Erlösers zu folgen trachteten und sich nicht, wie wir mit einigen oberflächlichen Erinnerungen begnügen mochten, die nur eine Frömmigkeit erzeugen kann, so oberflächlich wie diese Erinnerungen selbst.

Damals dachte man auch an die Gefühle, welche das Herz Maria’s in den letzten Augenblicken, da sie der Gegenwart ihres Sohnes noch genoß, bewegen mußte. Man fragte sich, ob in ihrem mütterlichen Herzen die Trauer darüber, daß sie Jesum nicht mehr sehen solle, oder die Freude darüber, daß er endlich in die ihm gebührende Herrlichkeit einging, das Uebergewicht hatte. Die Antwort konnte im Geiste wahrer Christen nicht schwer fallen und auch wir werden sie uns selbst geben können. Hatte nicht Jesus zu seinen Jüngern gesagt: „Wenn ihr mich liebtet, so würdet ihr euch ja freuen, daß ich zu meinem Vater gehe [Joh. 14, 28]?“ Wer liebte nun Jesus mehr, als ihn Maria liebte? Ihr Mutterherz war also voll Freude im Augenblicke dieses unaussprechlichen Lebewohls. Maria konnte nicht an sich selbst denken, als es sich um den ihrem Sohne und ihrem Gotte schuldigen Triumph handelte. Nach jenen schrecklichen Auftritten auf dem Calvarienberg, wonach konnte sie sich da anders sehnen, als endlich den verherrlicht zu sehen, den sie als den höchsten Herrn der Schöpfung erkannte und welchen sie wenige Tage vorher als verleugnet, gelästert, unter Schmerzen sein Leben aushauchend erblickt hatte.

Der heilige Zug ging durch das Thal Josaphat, er überschritt den Kedron und wendete sich nach dem Abhange des Oelbergs. Welche Erinnerungen drängen sich bei diesem Gedanken auf! Diesen Bach, dessen schlammiges Wasser der Messias in seiner Erniedrigung getrunken, überschritt heute derselbe Messias auf seinem Triumphzuge. Genau so hatte es David voraus verkündigt [Psalm 109, 7]. Zur Linken ließ man den Oelgarten, den Zeugen der schrecklichen Todesangst, die Grotte, wo der Sühnekelch, für alle Sünden der Welt, Jesus gereicht und von ihm angenommen wurde. Man ging eine Strecke,die nach dem heiligen Lukas so viel maß, als die Juden an einem Sabbat gehen durften, und befand sich jetzt auf dem Gebiete von Bethanien, jenem glücklichen Dorfe, woselbst Jesus in den Tagen seines sterblichen Lebens die Gastfreundschaft des Lazarus und seiner Schwestern suchte und fand. Von dieser Stelle des Oelbergs hatte man die Aussicht über Jerusalem, das stolz mit seinem Tempel und seinen Palästen vor ihnen lag. Dieser Anblick bewegte die Jünger. Das irdische Vaterland machte immer noch die Herzen dieser Männer schlagen. Einen Augenblick vergessen sie die über die undankbare Stadt Davids ausgesprochene Verwünschung und scheinen nicht mehr daran zu denken, daß Jesus sie eben zu Bürgern und Eroberern der ganzen Welt gemacht. Der Traum der irdischen Größe Jerusalems hat sie plötzlich verführt und sie wagen die Frage an den Herrn: „Herr, wirst Du wohl in dieser Zeit das Reich Israel wieder herstellen?“

Jesus antwortete auf diese unstatthafte Frage mit einer gewissen Strenge: „Es steht euch nicht zu, Zeit und Stunde zu wissen, welche der Vater in seiner Macht festgesetzt hat.“ Diese Worte zerstörten nicht die Hoffnung, daß dereinst Jerusalem durch das christlich gewordene Israel wieder auferbaut werden würde; da aber diese Wiedererstehung der Stadt Davids erst gegen das Ende der Zeiten stattfinden sollte, so schien es nicht geeignet, daß der Heiland das göttliche Geheimniß ihnen offenbare. Die Bekehrung der heidnischen Welt und die Gründung der Kirche, das waren die Aufgaben, welche vor Allem die Jünger zu beschäftigen hatten. Jesus führte sie dann auch zu diesen Aufgaben, die er ihnen vor wenig Augenblicken übertragen, alsbald zurück. „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen,“ sagt er ihnen, „der über euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem, und in ganz Judäa und Samaria, und bis an die Grenzen der Erde [Apostelg. 1, 6-8].“

Nach einer bis in die ersten christlichen Jahrhunderte zurückreichenden Ueberlieferung [Constitut. apost. lib. V. cap. XIX], war es um die Mittagsstunde, das heißt um die Stunde, wo Jesus am Kreuze erhoben wurde, als er mit liebevollem Blick, der mit kindlichem Wohlgefallen auf Maria haften blieb, die ganze Versammlung anschaute. Er erhob seine Hände und segnete Alle. In diesem Augenblicke lösten sich seine Füße von der Erde los, und Allen sichtbar, hob er sich um Himmel [Luk. 24, 51]. Die Versammlung folgte ihm mit den Augen, bis endlich eine Wolke ihn ihren Blicken entzog [Apostelg. 1, 9].

Es war vorüber: die Erde hatte ihren Emmanuel verloren. Vierzig Jahrhunderte hatten auf ihn gewartet. Endlich gab er dem Seufzen der Patriarchen, dem glühenden Flehen der Propheten nach. Wir beteten ihn an, als er, von Liebe zu uns gefangen, noch im Mutterleibe lag. Bald zeigte ihn uns die glückliche Mutter unter dem niedrigen Dache eines Stalles zu Bethlehem. Wir folgten ihm in das Land Aegypten und wir hefteten uns an seine Fersen in Nazareth. Als er von da wegzog, um seine dreijährige Sendung in seinem irdischen Vaterlande zu erfüllen, da geleiteten wir seine Schritte. Von seiner liebenswürdigen Persönlichkeit hingerissen, hörten wir seine Reden und Gleichnisse und waren Zeugen seiner Wunder. Als die Bosheit seiner Feinde auf ihrem Gipfel angelangt und die Stunde gekommen war, wo er jene Liebe, die ihn vom Himmel auf die Erde gezogen, mit einem blutigen und schmählichen Tode am Kreuze besiegeln sollte, da haben wir seinen letzten Seufzer empfangen und sind mit seinem göttlichen Blute begossen worden. Am dritten Tag entrang er sich lebendig und siegreich seinem Grabe, und wieder waren wir zur Stelle, um seinem Triumphe über den Tod zuzujubeln, durch welchen er uns der Herrlichkeit einer der seinigen ähnlichen Auferstehung versicherte. Während der Tage, da er sich noch würdigte, auf dieser Erde zu weilen, hat ihn unser Glaube nicht verlassen; wir hätten ihn gerne für immer behalten mögen; allein noch in dieser Stunde entzieht er sich unseren Blicken und unsere Liebe hat nicht vermocht ihn zurückzuhalten. Glücklicher, als wir, sind die Seelen der Gerechten, die er aus der Vorhölle erlöst hatte, ihm in seinem raschen Fluge gefolgt und genießen jetzt in alle Ewigkeit der Wonne seiner Gegenwart.

Die Jünger schauten immer noch unverwandt zum Himmel, als plötzlich zwei Engel in weißen Gewändern vor ihnen erschienen und sprachen: „Ihr Männer von Galiläa, was stehet ihr da und schauet gen Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen worden, wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn sahet hingehen in den Himmel [Apostelg. 1, 10. 11].“ Der Heiland ist also aufgefahren und der Richter soll eines Tages herabkommen. Zwischen diesen zwei Endpunkten liegt zeitlcih die Kirche. Wir leben gegenwärtig unter der Herrschaft des Heilands; denn unser Emmanuel hat uns gesagt: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, daß er die Welt richte, sondern daß die Welt durch ihn selig werde [Joh. 3, 17].“ Und um diesen barmherzigen Zweck zu erreichen, haben eben erst die Jünger den Auftrag empfangen, in alle Welt zu gehen und die Menschen zum Heile einzuladen, so lange es noch Zeit ist.

Welche ungeheure Aufgabe hat damit Jesus ihnen anvertraut! Und in dem Augenblicke, wo sie sich derselben widmen sollen, verläßt er sie. Sie müssen allein jenen Oelberg herabsteigen, von welchem aus er zum Himmel aufgefahren ist. Ihr Herz ist indessen nicht traurig. Sie haben Maria bei sich und die Hochsinnigkeit dieser unvergleichlichen Mutter geht auch auf ihre Seelen über. Sie lieben Alle ihren Meister; aber von nun an finden Alle ihr Glück in dem Gedanken, daß er jetzt in seine Ruhe eingegangen ist.

Die Jünger kehrten nach Jerusalem zurück, „mit großer Freude,“ erzählt der heilige Lukas [Luk. 25, 52], und drückt so mit diesem einen Worte einen wesentlichen Zug des Himmelfahrtsfestes aus, welches, trotzdem es von einer milden Melancholie übergossen erscheint, dennoch mehr Freude und Triumph athmet als irgend ein anderes. Während der Octave werden wir versuchen, in seine Geheimnisse zu dringen und sie in ihrer ganzen Großartigkeit zu entwickeln. Für heute beschränken wir uns auf die Bemerkung, daß dieser Festtag gleichsam die Ergänzung aller Geheimnisse unseres göttlichen Erlösers ist und daß er zu jenen gehört, welche von den Aposteln selbst eingesetzt worden sind [Augustin. Epist. ad Januar.]; endlich daß er den Donnerstag in jeder Woche geheiligt hat, der bereits durch die Einsetzung der göttlichen Eucharistie eine so erhabene Bedeutung erlangt hatte.

Wir haben von der Festprozession gesprochen, womit man im Mittelalter den Zug Jesu und seiner Jünger auf den Oelberg feierte; wir müssen auch daran erinnern, daß man heute feierliche Brod und neue Früchte segnete, zum Andenken an die letzte Mahlzeit, die der Herr im Abendmahlssaale eingenommen. Eifern wir doch der Frömmigkeit dieser Zeiten nach, wo es den Christen am Herzen lag, selbst die geringsten Züge aus dem Leben des Gottmenschen zu sammeln und sie sich gleichsam zu eigen zu machen, indem man alle in den heiligen Evangelien erzählten Vorfälle im eigenen Leben in irgend einer Weise wiedergab. Jesus Christus war in jenen Zeiten, wo die Menschen sich unaufhörlich erinnerten, daß er der höchste Herr wie der gemeinsame Erlöser ist, wahrhaft geliebt und angebetet. In unseren Zeiten herrscht auf seine Gefahr und Kosten der Mensch; Jesus Christus wird in das innerste Privatleben zurückgedrängt. Und doch hat er ein Recht, daß wir uns an jedem Tage, zu jeder Stunde vor Allem mit ihm beschäftigen. Die Engel sagten den Aposteln: „Wie ihr ihn sahet hingehen in den Himmel, ebenso wird er wiederkommen.“ Möchten wir doch während seiner Abwesenheit eifrig genug ihn geliebt und ihm gedient haben, daß wir, wenn er plötzlich erscheint, seinen Blick aushalten können.

[…]

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Neunter Band: Die österliche Zeit; Mainz 1880; S. 88-98]