Dom Guéranger zum fünften Sonntag nach Pfingsten (3/3)

Zur Vesper.

[…]

Antiphon zum Magnificat.

Wenn du deine Gabe zu dem Altare bringst, und dich daselbst erinnerst, daß dein Bruder etwas wider dich habe, so laß deine Gabe allda vor dem Altar, und geh’ zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bruder, und dann komm’ und opfere deine Gabe! Alleluja!

Gebet.

Gott! Der Du denen, die Dich lieben, unsichtbare Güter bereitet hast; sende die Liebe zu Dir in unsere Herzen, damit wir Dich in allen Dingen und über alle Dinge lieben, und liebend deine Verheißungen, die alles Verlangen übersteigen, an uns erfüllt sehen. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Eilfter Band: Die Zeit nach Pfingsten; Mainz 1883; S. 107]

Dom Guéranger zum fünften Sonntag nach Pfingsten (2/3)

Zur Messe.

Wie schon am vorigen Sonntag, so scheint auch diesmal die Kirche sich darin gefallen zu haben, daß sie den feierlichen Eingang des heiligen Meßopfers an die Lesungen der Nocturn anknüpfte. Der Introitus ist dem 26. Psalm entnommen, den David bei seiner Krönung zu Hebron verfaßte. Er ist eine demüthige und vertrauensvolle Bitte dessen, dem alles hienieden fehlt, aber dessen Licht und Kraft der Herr ist. Unter den Umständen, an welche wir bereits erinnert, bedurfte es in der That nichts Geringeres, als eines blinden Glaubens an die göttlichen Verheißungen, um den Muth des früheren Hirten von Bethlehem und des Stammes, der einst sein Volk werden sollte, aufrecht zu erhalten. Aber bemerken wir gleichzeitig, daß das Königthum des Sohnes Jesse’s und seiner Nachkommenschaft im alten Jerusalem ein höheres Königthum und eine höhere Dynastie in der Kirche vorbedeuten sollte: nämlich das Königthum Christi und die Reihenfolge der Päpste.

Introitus.

Erhöre, o Herr, meine Stimme, womit ich zu Dir gerufen; sei Du mein Helfer, verlaß mich nicht und verachte mich nicht, o Gott, mein Heiland!

Ps. Der Herr ist mein Licht und mein Heil, wenn sollt’ ich fürchten?

Ehre sei dem Vater etc.

Erhöre, o Herr etc.

Die dem David als Belohnung seiner Kämpfe verheißenen Güter waren nur ein schwaches Vorbild jener, welche den Ueberwinder des Teufels, der Welt und des Fleisches im himmlischen Vaterlande erwarten. Könige für immer, werden sie auf ihren Thronen die Fülle jener berauschenden glorreichen Wonnen kosten, von denen der Bräutigam manchmal einzelne Tropfen in die gläubigen Seelen hienieden fallen läßt. Lieben wir also den, welcher so sehr die Liebe belohnt; und da wir aus uns selbst nichts vermögen, so wollen wir durch den Bräutigam, den Urheber jeder guten Gabe [Jak. 1, 17], die Vollkommenheit in der göttlichen Liebe erflehen.

Collecte.

O Gott, welcher Du Denen, die Dich lieben, die unsichtbaren Güter zubereitet hast: gieß’ in unsere Herzen die Anmuthungen deiner Liebe; damit wir Dich in Allem und über Alles lieben und so deine Verheißungen, welche noch höher als alle Wünsche sind, erlangen mögen. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Daran schließen sich die beiden anderen Collecten, wie […] in der Messe des vierten Sonntags […].

Epistel.

Lesung des ersten Briefes des heiligen Apostels Petrus Cap. 5.

Theuerste! Seid alle einträchtig im Gebet, mitleidig, brüderlich, barmherzig, bescheiden, demüthig; vergeltet nicht Böses mit Bösem, nicht Schmähworte mit Schmähworten, im Gegentheile segnet einander, weil ihr dazu berufen seid, Segen zu erben. Denn wer das Leben lieb hat und gute Tage sehen will, der bewahre seine Zunge vom Bösen, und seine Lippen, da sie nicht Trügerisches reden. Er wende sich vom Bösen und thue Gutes; er suche Frieden und jage ihm nach; denn die Augen des Herrn sehen auf die Gerechten, und seine Ohren merken auf ihr Gebet; aber das Angesicht des Herrn ist wider die, welche Böses thun. Und wer kann euch schaden, wenn ihr dem Guten nachtrachtet? Wenn ihr aber auch Etwas leidet um der Gerechtigkeit willen, Heil euch! Ihre Schrecknisse fürchtet nicht, und beunruhiget euch nicht. Haltet nur den Herrn Christum heilig in euren Herzen!

Das Evangelium des letzten Sonntags ließ uns der apostolischen Arbeit beiwohnen, welche aus dem Schooße der Fluthen die lebendigen Steine heraufschaffte, womit Jesus Christus seine Kirche baut. Heute nun nimmt der Meister dieses geheimnißvollen Fischzuges, Simon, der Sohn des Jonas, in unserer Epistel das Wort und wendet sich an die verschiedenen Elemente, welche die heilige Stadt bilden sollen: heilige Materialien, die aus den Tiefen der Abgründe hervorgeholt sind, um von nun an gleich glänzenden Perlen im wunderbaren Lichte [1. Petr. 2, 9] des Heilands der Heiligen zu glänzen. Der Sohn Gottes ist in der That zu keinem anderen Zwecke vom Himmel gekommen, als um auf Erden eine wunderbare Stadt zu gründen, worin Gott selber würdig wohnen kann [Offenb. 21, 2. 3], um seinem Vater einen unvergleichlichen Tempel zu erbauen, in welchem Lob und Liebe ohne Aufhören von den Steinen der Mauern ausströmen und so in edler Weise das Opfer umgeben [1. Petr. 2, 4. 5]. Er selbst hat sich zum Ecksteine dieses dreimal heiligen Gebäudes gemacht, in welchem das ewige Brandopfer zum Himmel raucht [1. Petr. 2, 6. 7]. Diese Eigenschaft als Eckstein des neuen Tempels hat er dem Simon, seinem Stellvertreter, übertragen [Matth. 16, 18], und wollte, daß dieser Titel als Petrus, Stein, der von nun ab der einzige Namen seines Stellvertreters hienieden wurde, bis zum jüngsten Tage allen Seinigen den einzigen Zweck seiner göttlichen Arbeiten beständig in’s Gedächtniß riefe. Hören wir jetzt mit ehrfurchtsvollem Danke aus dem Munde des Stellvertreters des Gottmenschen selbst die praktischen Lehren, welche für uns aus dieser großen Wahrheit fließen; folgen wir fromm der heiligen Kirche, welche um diese Jahreszeit, die durch das strahlende Gestirn des Apostelfürsten beherrscht wird, unablässig ihre Söhne dem Hirten und Bischofe ihrer Seelen zuführt [1. Petr. 2, 25].

Die Vereinigung einer wahren Liebe, Eintracht und Friede, welche um jeden Preis als die Bedingung gegenwärtiger und künftiger Glückseligkeit aufrecht zu erhalten sind, das bildet den Gegenstand der Empfehlungen, welche Simon, der als Petrus zum Ecksteine geworden, an die übrigen auserwählten Steine richtet, die sich auf ihn stützen, und die Strebepfeiler des von dem Menschensohn erbauten Tempels bilden. Und in der That, hängen etwa die Festigkeit und die Dauer des Palastes auf Erden nicht mehr oder minder von der innigen Verbindung der Materialien ab, aus welchen er gebaut ist? Die Vereinigung verleiht der Welt Kraft und Glanz. Wenn die gegenseitige Anziehung, welche alle ihre Bewegungen harmonisch regelt, wegfiele, wenn die Cohäsion, welche die einzelnen Atome aneinander gliedert, plötzlich aufhörte, dann würde das Weltall in dunkeln Staub zerfallen, untastbar und namenlos. Der Schöpfer läßt in den himmlischen Sphären eine wunderbare Einigkeit herrschen [Hiob 25, 2], und er selbst ruft: „Wer denn schläfert den Zusammenklang des Himmels ein [Hiob 38, 37]?“ Und doch, wie die Erde in ihrer gegenwärtigen Form vergehen wird, so werden auch die Himmel wie ein abgenutztes Gewand zerfallen [Psalm 101, 26-28]. Und was wird dann das Element der Stabilität, der unvergleichliche Mörtel des Palastes sein, der da als Wohnung Gott bereitet ist, und dessen Dauer zu ertragen die Welten sich ohnmächtig erklären? Denn die Kirche wird auch alsdann noch stehen, und den in ihren Mauern aufgeschlagenen Thron der allerheiligsten Dreifaltigkeit mit dem Wohlgeruche ihrer Gebete und dem Dufte ihrer Opfer umgeben.

Dem Heiligen Geiste gebührt es, uns das Geheimniß dieser Gemeinschaft zu erklären, welche die heilige Stadt bildet [Ps. 121, 3] und deren Beharrlichkeit der Zeit trotzt. Die Liebe, welche beim Verlassen der Fluth in unsere Herzen gegossen wird, entstammt der Liebe, welche im Schooße der anbetungswürdigen Dreieinigkeit herrscht. Denn was immer der Geist in den Heiligen wirkt, hat keinen anderen Zweck, als sie zur Theilnahme an den göttlichen Eigenschaften heranzuziehen. Das göttliche Feuer, welches das Leben der wiedergeborenen Seele geworden ist, durchdringt dieselbe vollständig und theilt ihrer geschaffenen und endlichen Liebe die Richtung und Gewalt der ewigen Flamme mit. Der Christ muß also von nun an lieben, wie Gott liebt; die Liebe ist nur dann eine wahre, wenn sie in der Einfachheit ihrer göttlichen Flamme den ganzen Gegenstand der unendlichen Liebe umfaßt. Nun besteht aber das unaussprechliche wahre Freundschaftsband, welches durch die übernatürliche Ordnung zwischen Gott und seinen vernünftigen Geschöpfen geknüpft worden ist, eben darin, daß er sie mit der Liebe liebt, womit er sich selbst liebt. Die Liebe muß demnach auch ihrerseits in der Einheit ihrer Liebesacten nicht nur Gott selbst umfassen, sondern auch all’ die Wesen, welche Gott zur Theilnahme an seinem glückseligen Leben berufen hat. Begreifen wir nun die Größe und die unvergleichliche Kraft der Gemeinschaft, welche der Heilige Geist in der Kirche ausgerichtet hat? Wir werden jetzt nicht mehr erstaunen, wenn wir vernehmen, daß ihre Bande stärker sind, als der Tod, ihr Zusammenhalt fester als die Hölle [Hohel. 8, 6]. Denn der Mörtel, welcher die lebendigen Steine seiner Mauern verbindet, besitzt die Kraft Gottes und die Beständigkeit seiner ewigen Liebe. Wohl ist die Kirche jener auf die Fluthen gebaute Thurm, welcher dem Hermas erschien, als ein Werk von glänzenden Steinen, die so fest und innig miteinander verbunden waren, daß das Auge kein Gefüge entdecken konnte [Herm. Past. L. 1, Visio III, 2].

Aber wir werden nun wohl auch begreifen, wie wichtig und nothwendig für alle Christen diese gegenseitige Gemeinschaft, diese Bruderliebe ist, die so häufig, so kräftig von den Aposteln, diesen Gehülfen des Heiligen Geistes, in der Erbauung der Kirche empfohlen wird. Die Enthaltung von Schisma und Häresie, selbst die Unterdrückung schlimmer Leidenschaften und gehässiger Eifersucht würden nicht ausreichen, um uns zu brauchbaren Steinen für dieses große Werk zu machen. Es bedarf dazu einer wirklichen, hingebenden, beharrlichen Liebe, welche die Seelen und Herzen in Wahrheit miteinander verbindet und in Einklang bringt. Es bedarf jener überfluthenden, dieses Namens allein würdigen Liebe, die uns Gott in unseren Brüdern zeigt und bewirkt, daß ihre Freuden unsere Freuden, ihre Leiden unsere Leiden sind. Weit von uns entfernt sei jener selbstsüchtige Halbschlummer, in welchem sich die träge Seele gefällt. Ja allzuoft glauben in trügerischem Wahn sich wiegende Seelen der vorzüglichsten Tugend sich zu befleißen, wenn sie alles Interesse an dem, was sie umgibt, von sich abschließen. An solchen Seelen kann der göttliche Mörtel nicht gehaftet haben. Das sind ungeeignete Steine für jeden Bau und der himmlische Werkmeister verwirft sie, oder läßt sie am Fuße der Mauer liegen, weil sie sich in das Ganze doch nicht einfügen und nicht zu dem übrigen Materiale passen würden. Wehe ihnen indessen, wenn das Bauwerk aufgeführt worden wäre, ohne daß sie verdient hätten, einen Platz in diesen Mauern zu finden! Sie würden dann begreifen, aber zu spät, daß es nur Eine Liebe gibt, daß Derjenige, der seinen Bruder nicht liebt, auch Gott nicht liebt [1. Joh. 4, 21], daß aber Derjenige, der nicht liebt, im Tode bleibt [Ebend. 3, 14]. Suchen wir also mit dem heiligen Johannes die Vervollkommnung unserer Liebe zu Gott in der Liebe zu unseren Brüdern [Ebend. 4, 12]. Nur dann werden wir Gott in uns haben [Ebend.]. Nur dann können wir der unaussprechlichen Geheimnisse der göttlichen Gemeinschaft mit Demjenigen uns erfreuen, welcher sich mit den Seinigen nur vereinigt, um aus ihnen und aus sich selbst den erhabenen Tempel zur Verherrlichung seines Meisters zu erbauen.

Das Graduale kehrt zu dem Ideengange des Introitus zurück und erfleht den göttlichen Schutz für das Volk, daß sich unter den Scepter des Herrn gereiht hat. Das Versikel verkündigt die Siege Christi, des Königs, und das Heil, welches er der Erde bringt.

Graduale.

Unser Beschirmer, schaue doch, Gott, und sieh’ auf deine Knechte.

Herr, Gott der Heerschaaren, erhöre die Bitten deiner Diener.

Alleluja, Alleluja.

Herr, in deiner Kraft erfreuet sich der König, und über dein Heil frohlocket er gar sehr.

Alleluja.

Evangelium.

Fortsetzung des heiligen Evangeliums nach Matth. Cap. 5.

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: „Wenn eure Gerechtigkeit nicht vollkommener sein wird, als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich eingehen. Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht tödten; wer aber tödtet, der soll des Gerichtes schuldig sein. Ich aber sage euch, daß ein Jeder, der über seinen Bruder zürnt, des Gerichtes schuldig sein wird. Wer aber zu seinem Bruder sagt: Raca! wird des Rathes schuldig sein; und wer sagt: du Narr! wird des höllischen Feuers schuldig sein. Wenn du daher deine Gabe zu dem Altare bringst und dich daselbst erinnerst, daß dein Bruder Etwas wider dich habe, so laß seine Gabe allda vor dem Altare und geh’ zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bruder; und dann komm’ und opfere deine Gabe.“

Die Tage des alten Jerusalem vergehen rasch. In weniger denn einem Monate sehen wir den furchtbaren Untergang der Stadt, welche die Zeit der Heimsuchung des Herrn nicht erkannt hat [Luk. 19, 44], vor Augen. Die Kirche hat die Erinnerung an die furchtbare Erfüllung der Prophezeiung Christi in ihrer Liturgie an den neunten Sonntag nach Pfingsten geknüpft. Derselbe fällt in den Monat Juli oder August; d. h. gerade in die Jahreszeit, wo unter Vespasian die letzten Zuckungen des gottesmörderischen Volkes stattfanden. Einstweilen steht der alte Tempel noch, verschließt fortwährend den Völkern seine inneren Pforten und meint, die Gottheit hinter dem Vorhange des alten Testamentes in ihrem selbst den Söhnen Israels unzugänglichen Heiligthume zurückhalten zu können. Aber schon seit fünf Wochen hat die Kirche begonnen, in Sion ihre unvergänglichen Strebepfeiler aufzurichten. Im Angesichte des Denkmals des eng begrenzten und unvollkommenen Bundes auf Sinai hat der Heilige Geist sie als den Sammelpunkt für das Frohlocken auf der ganzen Erde gegründet [Ps. 47, 3]; als die Stadt des großen Königs, woselbst alle von nun an Gott erkennen werden [Jerem. 31, 34]. Auch hat dieselbe nicht aufgehört, sich uns von allem Anfange an als den Rüstort der ewigen Weisheit [Sprüchw. 8, 31], als das wahre Heiligthum der göttlichen Gemeinschaft zu zeigen.

Das Gesetz der Furcht und der Knechtschaft [Röm. 8, 15] ist also von jetzt ab endgültig durch das Gesetz der Liebe abgeändert. Ein Rest von Rücksichten für die ehedem genehm gehaltene Einrichtung, die einst die Bewahrerin der göttlichen Aussprüche [Röm. 3, 2] war, gestattet noch er ersten Generation der Bekehrten aus Juda, den Gebräuchen ihrer Väter freiwillig nachzuleben. Aber auch diese Duldung soll mit dem Tempel verschwinden, dessen bevorstehende Zerstörung das Grab der Synagoge für immer versiegeln wird. Von jetzt an genügen die Vorschriften des mosaischen Gesetzes nicht mehr, um die Kinder Jakob’s vor Gott zu rechtfertigen. All’ die rituellen Vorschriften, welche gegeben wurden, um durch eine Gesammtheit vorbildlicher Darstellungen den Gedanken und die Erwartung eines künftigen Opfers festzuhalten, verloren mit der Erfüllung der von ihnen angekündigten Geheimnisse jeden Werth. Selbst die zehn Gebote, welche für alle Zeit nie wechseln können, weil sie eben das Wesentliche der Beziehungen zwischen Schöpfer und Geschöpf enthalten, erschienen doch unter dme Feuer der Sonne der Gerechtigkeit in neuem Lichte und von unvergleichlich größerer Tragweite.

Abgesehen von dem positiven Gebote bezüglich des Baumes der Erkenntniß, hatte der Mensch im Paradiese zugleich mit dem Leben auch die Kenntniß dieser ewigen Gesetze von Gott empfangen. Dieser Kenntniß konnte er sich nicht entledigen; er konnte sie nicht mehr vollständig verlieren; er hätte denn aufhören müssen, überhaupt Mensch zu sein. Denn sie war ihm, als sein Wesen selbst, als die natürliche Regel seiner praktischen Urtheile, gegeben worden, und bildete so gleichsam einen Theil seiner Vernunft. Nun hat sich aber die Vernunft des Menschen durch die Thatsache des Sündenfalles ungemein verdunkelt; dieser verhängnißvolle Schatten gewann in seiner Seele solchen Umfang, daß die Anfangs so vollständige und so klare Erkenntniß der aus seiner Natur selbst fließenden sittlichen Verpflichtungen verschleiert wurde. Die Bosheit des zum Bösen sich neigenden Willens zog aus dieser Verdunkelung der Vernunft einen verhängnißvollen Nutzen, und die von ihr erstrebten Ausschweifungen wuchsen in erschreckendem Maße. Wir, die wir durch den Glauben wiedergeboren sind, begreifen nicht mehr, wie ganze Völker, freiwillige oder leichtsinnige Opfer, in einen solchen Pfuhl eigenthümlicher Verirrungen gerathen konnten. Wir sträuben uns, daran zu glauben, auf welchen falschen, oft den Principien der elementarsten Moral zuwiderlaufenden Grundlagen die Sitten großer Nationen sich entwickelt hatten. Die Nachkommen der Patriarchen waren allerdings durch den ihren Vätern gegebenen Segen vor solchen Ausschreitungen besser bewahrt, aber auch sie entgingen ihnen nicht gänzlich. Als Moses, von Gott gesandt, sie auf der Basis der Treue gegen dies an Stelle des natürlichen getretene geschriebene Gesetz als Volk constituirte, da mußten noch verschiedene Punkte, welche eigentlich frei an das Tageslicht hätten treten sollen, im Schatten bleiben. Moses mußte in etwas ihrer Herzenshärtigkeit nachgeben [Matth. 19, 9]; und er konnte nicht einmal verhindern, daß namentlich nach seinem Tode gelehrte Juden aufstanden, daß eigene Secten sich bildeten, welche mit Hilfe oberflächlicher Traditionen und irrigier Auslegungen den Geist, und manchmal selbst den Wortlaut des Gesetzes von Sinai corrumpirten.

Das Gesetz Gottes trägt für den Juden den Charakter einer nationalen Verfassungsurkunde, und war in dieser Eigenschaft unter die Hut der bürgerlichen Gewalt gestellt. Tribunale, welche je nach der Wichtigkeit der vor ihnen verhandelten Fälle einen höheren oder niederen Rang einnahmen, urtheilten über die gegen das göttliche Gesetz begangenen Verletzungen und Verbrechen. Aber abgesehen vom heiligen Beichttribunal, in welchem Gott selbst durch den Priester handelt und spricht, kann jedes Urtheil von Menschen, so hoch auch ihre Autorität sein mag, doch nur äußere Thatsachen zum Gegenstande haben. Für die in Gedanken begangenen Sünden, welche, so schwer sie auch sein mögen, doch ihrer Natur nach der Würdigung und der Kenntniß der Gesellschaft und der regierenden Machthaber entgehen, hatte daher auch die mosaische Gesetzgebung keine Strafandrohung. In gleicher Weise wendet auch heute die Kirche ihre Censuren auf solche Vergehen der Seele, welche durch einen in die Sinne fallenden Act nicht offenbar werden, nicht an. Wie dies schon Moses gethan, läßt auch sie, ohne irgendwie die Schuldbarkeit sündiger Gedanken und Begierden in Zweifel zu ziehen, Gott das Urtheil über Dinge, welche er allein zu kennen vermag.

Aber wenn es heute unter den Kindern der Kirche Niemanden gibt, welcher durch eine so einfache und ganz der Natur jedes gesellschaftlichen Rechtes entsprechende Unterscheidung in Irrthum geführt werden könnte, so war dies doch bei dem hebräischen Volke nicht in gleicher Weise der Fall. Lange Zeit hindurch war es das unablässige Bemühen der Propheten, die Blicke dieses ohne irgend ein Verdienst seinerseits so bevorzugten Volkes über diese irdische Welt hinauszuheben. Aber selbst damals konnte der engherzige exclusive Geist der Nation sich nie zu dem Gedanken emporschwingen, daß die göttlich eingegebenen Grundsätze ihrer politischen Verfassung sowie die äußere Form ihrer Gesetzgebung nur die Hülle eines geistigen, viel lebendigeren und tieferen Kernes sei. Als demnach kurz nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft der prophetische Mund allmählich verstummte, und somit das Feld für das Ausbreiten der verschiedensten Systeme nach diesen höchst verächtlichen Neigungen frei wurde, da hatten die casuistischen Juden sehr bald die Formel für die eigenthümliche Moral der Beschnittenen gefunden, von welcher uns der heilige Paulus sagt, daß sie den Völkern zum Aergerniß gereichte [Röm. 2, 17-29]. Indem sie das innere Gebiet des Gewissens mit dem nothwendigerweise beschränkten Forum der öffentlichen Gerechtigkeit verwechselten, würdigten sie die Pflichten des inneren Forums nach dem Maßstabe des äußeren, und gewöhnten sich auf diesem Wege sehr rasch daran, nur das zu achten, was von den Menschen gesehen wurde, und alles das gering zu schätzen, was nicht in das Auge fällt. Das Evangelium ist voll von Verwünschungen des Heilandes gegen diese blinden Führer, welche da in den von ihnen geleiteten Seelen das Gesetz, die Gerechtigkeit und die Liebe unter der Wucht des Buchstabens erstickten. Der Gottmensch brandmarkt sie bei jeder Gelegenheit. Er geißelt unaufhörlich diese heuchlerischen Schriftgelehrten und Pharisäer, die ängstlich darauf bedacht sind, den Becher von außen zu reinigen, ihn innen aber voll der Unreinigkeit des Raubes und des Unflaths belassen [Matth. 23, 25 u. s. w.].

Das göttliche Wort, welches vom Himmel herabgekommen ist, um die Menschen ini der Wahrheit, d. h. in ihm selbst, zu heiligen [Joh. 17, 17-19], mußte in der That vor allem andern den unverrückbaren Principien der Gerechtigkeit und des Rechtes, welche in ihm, wie in ihrem Mittelpunkte, ruhen, ihren durch die Zeit getrübten ursprünglichen Glanz wiedergeben. Das geschah nun in unvergleichlich feierlicher Weise nach der Berufung der Jünger und der Auswahl der zwölf Apostel, in der Stelle der Bergpredigt, welche die Kirche zum Evangelium des heutigen Tages ausgewählt hat. Darin erklärte er, daß er nicht gekommen sei, um das Gesetz aufzuheben oder zu zerstören [Matth. 5, 17], sondern um seinen wahren Sinn gegen die Schriftgelehrten und Pharisäer wiederherzustellen und ihm eine Fülle zu geben, welche nicht einmal die Alten zur Zeit des Moses hätten tragen können. Man muß diese wichtige Stelle beim heiligen Matthäus im Zusammenhange lesen. Die Erklärungen, welche wir hier gegeben, werden dann zu ihrem Verständnisse ausreichen.

In den wenigen Zeilen, welche die Kirche heute der Bergpredigt entnommen, liegt der Gedanke des Heilands, daß man mit dem Maßstabe irdischer Tribunale nicht den zum Eingang in das Himmelreich nothwendigen Grad der Gerechtigkeit bemessen darf. Nach dem jüdischen Gesetze wurde Derjenige, welcher einen Menschen tödtete, vor einen Gerichtshof gestellt, den man in der Volkssprache „das Gericht“ nannte. Aber der Meister und Urheber des Gesetzes erklärte, eigentlich schon Derjenige vor Gericht gestellt werden sollte, der nur zürnt; und selbst, wenn sich dieser Zorn gar nicht einmal äußert. Denn dieser bloße im Innern des Menschen entflammte Zorn kann schon den Tod der Seele herbeiführen, also in geistiger Ordnung dasselbe, was in leiblicher beim Menschenmord geschieht, wo ja der Leib getödtet wird. Wenn aber dieser Zorn sich äußert, ohne daß es dabei irgend zu Thätlichkeiten kommt, wenn einem nur so das syrische Wort Raca, Taugenichts, entschlüpft, das geht schon nach seinem Werthe vor Gott bemessen, über die gewöhnliche Gerichtsbarkeit hinaus; das wäre schon etwas, was vor den hohen Rath gehörte. Kommt man aber gar von solchen verächtlichen Ausdrücken zu wirklichen Schmähungen und Beschimpfungen, dann ist keinerlei menschliche Einrichtung mehr da, welche als Parallele dienen könnte, um an ihr die Schwere der Sünde zu bemessen, die sie vor dem Richterstuhle Gottes hat. Und vor diesem Richterstuhle ist die Strafe nicht, wie die der Menschen, an eine bestimmte Grenze gebunden. Die mißhandelte Nächstenliebe findet jenseits der Zeit ihren Rächer. So groß ist das Gebot der heiligen Liebe, welche die Seelen vereint. In einem so schweren und unmittelbaren Gegensatze zum göttlichen Werke steht die Sünde, welche näher oder entfernter die Harmonie der lebendigen Steine stören oder trüben kann, die in Eintracht und Liebe den hienieden zur Verherrlichung der untheilbaren Dreifaltigkeit errichteten Tempel bilden.

In dem Maße, als die Jahre für das auserwählte Volk dahinrollen, begreift es immer besser sein Glück, daß es als Antheil seines Erbes die wahren Güter gewählt. Mit seinem König besingt es im Offertorium die himmlischen Gnaden und die fortwährende Gegenwart Gottes, die seine Stütze ist.

Offertorium.

Ich will loben den Herrn, der mir Verstand gegeben. Ich sehe den Herrn allezeit vor meinen Augen; denn er ist mir zur Rechten, damit ich nicht wanke.

In dem Stillgebet bitten wir Gott, daß er an Stelle der alten Gaben die Opfergabe unserer Herzen gnädig aufnehme. Aber wenn wir wollen, daß unser Gebet wirksam sei, dann dürfen wir nicht außer Acht lassen, was uns am Schlusse des heutigen Evangeliums gesagt wird: Nur diejenigen Herzen werden von dem Allerhöchsten aufgenommen, welche, wenigstens soweit es an ihnen liegt, in Frieden mit all’ ihren Nebenmenschen leben.

Stillgebet.

O Herr, sei gnädig unserem Flehen: und nimm gütiglich diese Opfer deiner Diener und Dienerinnen an: damit das, was jeder Einzelne zur Ehre deines Namens dargebracht hat, Allen zum Heile gedeihe. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Die beiden anderen Stillgebete sind dieselben […].

Die hilfreiche Gegenwart Gottes, welche die Antiphon des Offertoriums pries, bezeichnete keineswegs den Endpunkt der göttlichen Gnadenerweisungen. Durch die unendliche Liebe in der unaussprechlichen Gemeinschaft der heiligen Geheimnisse überwunden, ersehnt und verlangt das heilige Volk nichts anderes mehr, als sich für immer im Hause des Herrn niederzulassen.

Communion.

Um Eines habe ich gebeten den Herrn, wiederum verlang’ ich’s, daß ich weile im Hause des Herrn alle Tage meines Lebens.

Die Wirkung der heiligen Geheimnisse ist vielfach. Sie reinigen die Seele bis in ihre verborgensten Falten; sie schützen uns auch nach Außen gegen die Schlingen, welche auf dem Pfade unseres Heiles gelegt sind. Sprechen wir also in der Postcommunio mit der Kirche:

Postcommunio.

O Herr, nachdem Du uns mit dem himmlischen Geschenke gesättigt hast, bitten wir Dich, gewähre uns, daß wir von unseren unbekannten Sünden gereinigt und vor feindlichen Nachstellungen bewahrt werden. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Die beiden anderen Postcommunionen sind dieselben […].

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Eilfter Band: Die Zeit nach Pfingsten; Mainz 1883; S. 89-106]

Dom Guéranger zum fünften Sonntag nach Pfingsten (1/3)

Der fünfte Sonntag nach Pfingsten.

Dieser Sonntag heißt bei den Griechen der fünfte des heiligen Matthäus. Bei den Lateinern war er lange Zeit unter dem Namen „Sonntag des Fischfangs“ bekannt, bis nämlich das Evangelium dieses Sonntags auf den Sonntag vorher vorgerückt wurde. Die Woche, welche mit ihm beginnt, heißt „erste Woche nach dem Feste der Apostel,“ oder in alten Lectionaren „des heiligen Petrus;“ in anderen wieder wird sie als zweite oder dritte Woche nach demselben Feste bezeichnet. Diese und ähnliche Verschiedenheiten begegnet man nicht selten in den liturgischen Werken des Mittelalters. Sie hängen mit dem bald früher bald später fallenden Osterfeste des Jahres zusammen, in welchem diese Schriften verfaßt wurden.

In dem heutigen Nocturnum hat die Kirche mit der Lesung des zweiten Buches der Könige begonnen. Dasselbe fängt mit der Erzählung von Saul’s unglücklichem Ende und der Thronbesteigung David’s an. Die Erhebung des Sohnes Jesse’s bezeichnet den Höhepunkt im prophetischen Leben des alten Volkes. In ihm hatte Gott seinen treuen Knecht [Ps. 88, 21] gefunden, und er zeigte ihn der Welt als das vollständigste Vorbild des künftigen Messias. Ein Schwur Gottes verbürgte dem neuen König die Zukunft seines Geschlechtes. Sein Thron sollte ewig dauern [Ps. 88, 36-38]: denn er sollte eines Tages der Thron Dessen werden, welcher der Sohn des Allerhöchsten genannt wurde, ohne daß er deßhalb aufhöre, David zum Vater zu haben [Luk. 1, 32].

Aber in dem Augenblicke, wo der Stamm Juda in Hebron dem Auserwählten des Herrn zujubelte, waren die Umstände nicht darnach angethan, ausschließlich Freude und Hoffnung zu erwecken. In der Vesper des gestrigen Tages erst entlehnte die Kirche eine ihrer schönsten Antiphonen dem Klagegesang, welcher dem David beim Anblicke des vom blutigen Schlachtfelde aufgehobenen Diadems Saul’s eingegeben wurde: „Berge von Gelboe,“ heißt es am angeführten Orte, „nicht Thau, nicht Regen falle fürder auf euch! Denn dort ward weggeworfen der Schild des Helden, der Schild Saul’s, als wär’ er nicht gesalbt mit Oel! Wie sind die Helden gefallen im Streit! Jonathas ist erschlagen auf deinen Höhen! Saul und Jonathas lieblich und schön in ihrem Leben, sind auch im Tode nicht geschieden!“

Der Umstand, daß das hohe Apostelfest vom 29. Juni und der Tag, an welchem das Officium der Zeit alljährlich diese Antiphon bringt, zeitlich nahe zusammenliegen, hat der Kirche den Gedanken eingegeben, die letzten Worte der obigen Antiphon auf die heiligen Apostelfürsten Petrus und Paulus während der Octave anzuwenden, und sie singt: „Ihr ruhmwürdigen Fürsten der Erde! Wie sie im Leben in Liebe eins gewesen, sind sie auch im Tode nicht geschieden [Ant. Oct. Apost. ad Benedict.].“ Wie das hebräische Volk in dieser Epoche seiner Geschichte, so hat auch die christliche Heerschaar mehr als einmal die Ankunft ihrer Führer nur auf der vom Blute ihrer Vorgänger gerötheten Erde begrüßen können.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Eilfter Band: Die Zeit nach Pfingsten; Mainz 1883; S. 87-89]

Dom Guéranger zum vierten Sonntag nach Pfingsten (3/3)

Zur Vesper.

[…]

Antiphon zum Magnificat.

Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich das Netz auswerfen.

Gebet.

O Herr, wir bitten Dich, gewähre uns, daß durch deine ordnende Leitung nicht blos der Lauf der Welt für uns friedlich hingehe, sondern auch deine Kirche sich ungestörter Hingabe an Dich erfreuen dürfe. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Eilfter Band: Die Zeit nach Pfingsten; Mainz 1883; S. 86-87]

Dom Guéranger zum vierten Sonntag nach Pfingsten (2/3)

Zur Messe.

Unmittelbar nach dem der allerheiligsten Dreifaltigkeit gewidmeten Feste hat die Kirche in ihren Nocturen die Lesung aus den Büchern der Könige begonnen und ist am heutigen Tage bis zu der Erzählung des Triumphes Davids über den philistäischen Riesen Goliath gelangt. Wer soll nun für die Kirche der wahre David sein, wenn nicht das göttliche Haupt, Christus, der schon seit achtzehn Jahrhunderten das Heer der Heiligen zum Siege führt? Ist nicht sie selbst in Wahrheit die Tochtes des Königs [1. Kön. 17, 25-27], die dem Sieger in jenem Kampfe zwischen Christus und Satan auf dem Calvarienberge verheißen worden: in jenem Kampfe, wo Christus das wahre Volk Isarel rettete, und die dem Herrn der Heerschaaren zugefügte Lästerung rächte? Noch ganz durchdrungen von den Gefühlen, welche dieses Ereigniß aus der heiligen Geschichte in ihrem bräutlichen Herzen entfacht, entlehrt sie im Introitus die Worte Davids [Ps. 26], um die Großthaten des Bräutigams zu besingen und laut das Vertrauen zu bekunden, welches sein Sieg unerschütterlich in ihr gefestigt hat.

Introitus.

Der Herr ist mein Licht und mein Heil, wen sollt’ ich fürchten? Der Herr ist der Beschirmer meines Lebens, vor wem sollt’ ich zittern? Meine Feinde, die mich quälen, werden kraftlos und fallen zu Boden.

Ps. Wenn ein Heerlager wider mich steht, so soll sich mein Herz nicht fürchten.

Ehre sei dem Vater etc.

Der Herr ist etc.

Trotz ihres Vertrauens auf die Hilfe des Himmels in schlimmen Tagen, erfleht die Kirche doch allezeit den Frieden der Welt von dem allerhöchsten Gott. Wenn angesichts des Kampfes die Braut freudig bei dem Gedanken bebt, daß sich jetzt ihre Liebe erproben könne, so fürchtet dagegen die gemeinsame Mutter für ihre Söhne. Wie manche gegen da in der Prüfung zu Grunde, welche ein ruhiges Leben gerettet hätte! Beten wir mit ihr in der Collecte:

Collecte.

O Herr, wir bitten Dich, gewähre uns, daß durch deine ordnende Leitung nicht blos der Lauf der Welt für uns friedlich hingehe, sondern auch deine Kirche sich ungestörter Hingabe an Dich erfreuen dürfe. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Zweite Collecte.

O Herr, wir bitten Dich, bewahre uns vor allen Gefahren des Leibes und der Seele: und durch die Fürbitte der seligsten und glorreichen, allezeit reinen Jungfrau und Gottesgebärerin Maria, der heiligen Apostel Petrus und Paulus und des heiligen N. (nennt den Kirchenpatron) und aller Heiligen – verleihe uns gütiglich Heil und Frieden, damit Dir deine Kirche nach Wegräumung aller Widerwärtigkeiten und Irrthümer mit sicherer Freiheit diene. Durch denselben Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Eine dritte Collecte fügt der Priester nach eigener Wahl bei.

Epistel.

Lesung des Briefes des heiligen Apostel Paulus an die Römer Cap. 8.

Brüder! Ich halte dafür, daß die Leiden dieser Zeit nicht zu vergleichen sind mit der zukünftigen Herrlichkeit, die an uns offenbar werden wird. Denn das Harren des Geschöpfes ist ein Harren auf die Offenbarung der Kinder Gottes. Denn das Geschöpf ist der Eitelkeit unterworfen, nicht freiwillig, sondern um Dessen willen, der es unterworfen hat auf Hoffnung hin; weil auch selbst das Geschöpf von der Dienstbarkeit der Verderbtheit befreit wird zur Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, daß alle Geschöpfe seufzen und in den Geburtswehen liegen immer noch. Und nicht allein sie, sondern auch wir selbst, die wir die Erstlinge des Geistes besitzen, ja wir selbst seufzen innerhalb unser und warten auf die vollendete Aufnahme zu Kindern Gottes, auf die Erlösung unseres Leibes: in Christo Jesu, unserem Herrn.

Die Erstlinge des Geistes sind die Gnade und die Tugenden, die er in unsere Seelen niedergelegt hat, als das Unterpfand des Heils und den Keim künftiger Herrlichkeit. Durch den Glauben im Besitze dieser ersten göttlichen Unterpfänder gefestigt, bewahrt nun die wiedergeborene Menschheit wie einen Stützpunkt im Elende, das sie rings umgibt, das Bewußtsein ihrer hohen Bestimmung. Vergebens müht sich Satan ab, in heißem Ringen die Rechte wiederum zu erkämpfen, welche alte Siege ihm einst über den Menschen verschafft haben. So schwer auch die Vertheidigung eines Landes sein mag, das schon einmal von den Verwüstungen des Feindes heimgesucht worden ist, so bekleidet doch die christliche Hoffnung den Menschen hienieden mit himmlischer Kraft. Bis in das Innere des Vorhangs geht sie hinein [Hebr. 6, 19] und erinnert ihn unaufhörlich an das von dem Apostel hervorgehobene Mißverhältniß zwischen den Mühen des Weges und der unendlichen Fülle der wahren Güter, welche unserer im beseligenden Lichte des Vaterlandes harren. Die göttlichen Verheißungen, das wunderbare Wirken des Heiligen Geistes in der Vergangenheit und Gegenwart verbürgen ihm die Zukunft. Ja noch mehr: die Erde, die ihn trägt, diese schmutzige, finstere Erde, welche ihn heute in der Sinnenwelt befangen hält, regt unmittelbar sein Sehnen nach Höherem an und theilt dasselbe in ihrer Weise. Das ist die Lehre des heiligen Paulus in unserer Epistelstelle. Dieser ungeordnete Wechsel, die fortwährende Unbeständigkeit in der materiellen Schöpfung in Verbindung mit den Zerstörungen durch die Sünde, fordern den schließlichen allgemeinen Triumph über die Verderbniß, welche deren Folge war. Der gegenwärtige Zustand der Welt bietet also auch einen ganz besonderen und sehr sicheren Beweggrund für die heilige Tugend der Hoffnung. Nur die könnten davon überrascht sein, welche keine Ahnung haben, wie hoch der in den übernatürlichen Zustand erhobene Mensch zugleich die seiner Herrschaft unterworfene Welt erhoben haben würde. Aber ihr unvollständiges Wissen würde vergebens anderswo die Erklärung des göttlichen Werkes und den Grund aller Dinge suchen. Die Wahrheit, welche alles auf Erden und im Himmel erklärt, das göttliche Axiom, das Princip und die Grundlage der Welt ist, daß Gott, der nothwendiger Weise alles zu seiner Verherrlichung geschaffen hat, aus freiem Willen die Vollendung dieser höchsten Herrlichkeit in den Triumph seiner Liebe gelegt; und zwar soll dies durch das unaussprechliche Geheimniß geschehen, in welchem Gott mit seinem Geschöpfe eins wird. Da nun die Erlangung dieser Vereinigung mit Gott der einzige Zweck der Schöpfung ist, so ist dieselbe auch das wahre Gesetz, das eigentliche Lebens- und Bildungsgesetz der Schöpfung. Als der Geist über den Wassern schwebte und die ungestaltete Materie für die Zwecke der unendlichen Liebe geeignet machte, da schöpften die verschiedenen zahllosen Elemente und Atome der im Entstehen begriffenen Welt in dieser unendlichen Liebe das Prinzip ihrer weiteren Entwickelungen und Bewegungen. Sie empfingen als einzigen Beruf die Aufgabe, den Geist iin der Leitung des Menschen, des Auserwählten der ewigen Weisheit, zur Vereinigung mit Gott, nach Maßgabe ihrer Eigenschaften zu unterstützen, beziehungsweise ihm als Werkzeug zu dienen. Die Sünde, welche den Bund brach, hätte zugleich auch die Welt zerstört, indem sie derselben den Grund ihres Daseins raubte, wenn nicht die unbegreifliche Geduld Gottes, trotz der ihm wiederfahrenen Schmähungen, das Erlösungswerk gleich in den ersten Plan aufgenommen hätte. Aber der gewaltsame Zustand des Kampfes und der Sühne ersetzte nunmehr den früheren, in welchem die Natur dem Menschen frei und gerne als dem Könige der Schöpfung gehuldigt. Die Vereinigung mit Gott sollte von nun an für die Welt nur noch die Frucht schmerzlichen Ringens sein, und Seufzen und Thränen lange Zeit hindurch den Gesängen des Triumphes und den Freuden der Vereinigung vorher gehen.

Die Menschen, welche kein anderes Gesetz als das des Fleisches kennen, mögen nur Ohren und Herzen den Lehren der positiven Offenbarung verschließen: die Materie selbst wird stets ihren Materialismus verdammen; die Natur, die sie als einzige Autorität anrufen, predigt allen Winden der Welt mit tausend Stimmen das Uebernatürliche. Die durchwühlte, in Folge ihres Falles in der Irre gehende Welt verkündigt in ihrem Elend und in ihrer Angst lauter und eindringlicher als je das erhabene Ziel des gefallenen Königs, dessen Erbtheil sie ist. O ihr geheimnißvollen Leiden der Elemente, ihr unaussprechlichen Seufzer, von denen der Apostel redet, ihr Thränen, welche die Dinge weinen, namenloses Sehnen, welches die Dichter besungen haben [Virg. Aen. I, 462], ihr seid in der That die einzige Poesie in diesem Lande der Prüfung; denn wer euch zu erfassen weiß, wer euch mit euerer süßen und doch so schmerzlichen Harmonie in sein Inneres einläßt, den führt ihr bis zur Quelle aller Schönheit und aller Liebe. Das Alterthum kennt euch, aber die in der Irre tappende Vernunft seiner angeblichen Weisen hat euere Laute entstellt und in euch nur die unfruchtbare Stimme eines häßlichen Pantheismus gehört. Das Reich des Trösters war noch nicht auf Erden gegründet; er allein sollte der Menschheit zugleich mit der klaren Erkenntniß des schaffenden Geistes den Schlüssel dieser geheimnißvollen Sprache der Natur, dieses mächtigen allgemeinen Sehnens, dessen Geheimniß allein von ihm kommt, verleihen. Heute wissen wir es. Der Geist des Herrn hat den Erdkreis erfüllt [Weish. 1, 7]. Der göttliche Zeuge, welcher unserem Geiste bezeugt, daß wir Kinder Gottes sind [Röm. 8, 16], hat sein kostbares Zeugniß bis zu den Grenzen der Schöpfung gebracht, und die ganze Schöpfung sieht in freudiger Ungeduld dem großen Tage entgegen, welcher ihr diese Kinder Gottes in ihrer Herrlichkeit zeigen wird. Denn da sie um ihretwillen ihre Leiden getheilt, wird sie auch, wie sie, erlöst werden und am Glanze ihrer Throne Antheil haben. „Wie in der That,“ sagt der heilige Chrysostomus, „die Amme eines Königssohnes, wenn derselbe in den Besitz seines väterlichen Reiches tritt, ihren Glücksstern sich erheben sieht, so auch die Schöpfung … Wie die Menschen, wenn ihr Sohn im Glanze einer neuen Würde erscheinen soll, selbst ihre Diener ihm zu Ehren in glänzende Gewänder kleiden, so wird auch Gott der ganzen Schöpfung am Tage der Erlösung und Herrlichkeit seiner Söhne das Gewand der Unverweslichkeit verleihen [In ep. ad Rom. Hom. XIV, 5].“

Das Graduale läßt die Stimme der Christen zu Gott emporsteigen. Sind sie auch nur allzu oft Sünder, die sich der Hilfe von oben unwürdig fühlen, so flehen sie gleichwohl die Unterstützung Gottes an, um seiner Herrlichkeit willen. Denn sie sind trotz ihrer Sünden doch die Krieger des Herrn der Heerschaaren, und ihre Sache ist die seinige. Der Alleluja-Vers zeigt uns die Kirche hienieden arm und verfolgt, welche ihr vertrauendes Gebet zum Throne der Gerechtigkeit ihres Bräutigams emporsendet.

Graduale.

Sei gnädig unseren Sünden, Herr, daß nicht etwa die Heiden sagen: „Wo ist ihr Gott?“

Hilf uns, Gott, unser Heiland; um der Ehre deines Namens willen, o Herr, erlöse uns.

Alleluja, Alleluja.

O Gott, der Du sitzest auf dem Throne und mit Billigkeit urtheilest, sei eine Zuflucht der Armen in der Trübsal.

Alleluja.

Evangelium.

Fortsetzung des heiligen Evangeliums nach Lukas Cap. 5.

In jener Zeit, als Jesum das Volk drängte, um das Wort Gottes zu hören, und er am See von Genesareth stand, sah er zwei Schiffe am See stehen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. Da trat er in das eine der Schiffe, welches dem Simon gehörte, und bat ihn, von dem Lande etwas abzufahren. Und er setzte sich und lehrte das Volk aus dem Schiffe. Als er aber zu reden aufgehört hatte, sprach er zu Simon: „Fahr’ hinaus in die Tiefe und werfet eure Netze zum Fange aus!“ Da antwortete Simon und sprach zu ihm: „Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und Nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich das Netz auswerfen.“ Als sie dies gethan hatten, fingen sie eine große Menge Fische, so daß ihr Netz zerriß. Und sie winkten ihren Genossen, die im andern Schiffe waren, daß sie kommen und ihnen helfen möchten. Und sie kamen und füllten beide Schifflein, so daß sie beinahe versunken wären. Als das Simon Petrus sah, fiel er Jesu zu Füßen und sprach: „Herr, geh’ weg von mir; denn ich bin ein sündhafter Mensch!“ Denn Staunen hatte ihn ergriffen, und Alle, die bei ihm waren, über den Fischfang, den sie gemacht hatten; desgleichen auch den Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, welche Simons Genossen waren. Und Jesus sprach zu Simon: „Fürchte dich nicht, von nun an wirst du Menschen fangen!“ Und sie führten ihre Schiffe an’s Land, verließen Alles und folgten ihm nach.

Die Prophezeihung Jesu an Simon den Sohn des Jonas ist jetzt erfüllt. Am Tage, da der Heilige Geist herabkam, haben wir die Kraft bewundert, mit welcher der Menschenfischer zum ersten Male sein Netz auswarf. Die Besten in Israel führte er in seinen Maschen zu den Füßen des Heilandes. Aber die Barke Petri sollte nicht lange in den Gewässern Juda’s bleiben. Das bescheidene Fahrzeug gewinnt bald die hohe See und schaukelt nun auf den Wassern, welche nach dem heiligen Johannes die Völker und Nationen bedeuten [Offenb. 17, 15]. Das heftige Brausen, die hohlgehenden Wogen, des Sturmes Ungestüm erschrecken nicht den Fischer vom See Tiberias. Er weiß, daß er den Gebieter über Sonnenschein und Unwetter an Bord hat; Denjenigen, welchem der Abgrund wie ein Kleid ist [Ps. 103, 6]. Durchdrungen von der Kraft aus der Höhe [Luk. 24, 49], hat er über den unermeßlichen Ocean das Netz der apostolischen Predigt geworfen, ein Netz, groß genug, die Welt zu umspannen, das allein die Söhne des großen Fisches [Titul. S. Abercii.], des himmlischen Ichthys [Inscript. Augustod.], an das ewige Gestade bringen soll. Wir groß ist die Aufgabe des Petrus! Hat er auch Gefährten in seinem göttlichen Unternehmen, so beherrscht er doch alle als ihr unbestreitbares Oberhaupt, als der Herr der Barke, in welcher Jesus durch ihn befiehlt, und die Unternehmungen zum allgemeinen Heile lenkt. In recht geeigneter Weise bildet das heutige Evangelium entweder einen einleitenden Ueberblick, oder einen nochmaligen Inhalt voll der Lehren, welche unserer Beherzigung das stets um die Zeit des vierten Sonntags nach Pfingsten fallende Fest des Apostelfürsten vorführt. Aber diese Nähe gestattet uns, eine ausführlichere Darlegung der Ehren, womit der Statthalter Christi umkleidet ist, auf diesen Tag zu verschieben und für jetzt uns an die anderen Geheimnisse zu halten, welche wir in dem heutigen Evangelium gefunden haben.

Die Evangelisten haben uns die Erinnerung an zwei wunderbare Fischzüge erhalten, welche die Apostel in Gegenwart des Herrn gethan. Den einen beschreibt uns der heilige Lucas, das ist der eben besprochene; den anderen berichtet uns der heilige Johannes, und wir haben dessen geheimnißvolle Bedeutung bereits früher, am Mittwoch in der Osterwoche gewürdigt. In dem ersten, welcher aus der Zeit des sterblichen Lebens des Heilandes stammt, wird das Netz aufs Geradewohl ausgeworfen und zerreißt unter der Menge der gefangenen Fische, ohne daß ihre Zahl oder ihre Eigenschaften noch näher von dem Evangelisten bezeichnet werden. Im zweiten Falle aber bestimmt der bereits von den Todten auferstandene Herr, daß sie das Netz zur Rechten der Barke auswerfen sollten, und ohne daß das Garn zerreißt, bringen sie einhundert dreiunfünfzig große Fische an das Ufer, woselbst Jesus sie erwartet, um dieselben dem geheimnißvollen Brod und Fisch beizugesellen, welche Gerichte er selbst zum Festmahle bereitet hatte. Nun erklären die Väter einstimmig diese Fische in beiden Flällen als ein Bild der Kirche; und zwar der Kirche zuerst in der Zeit, dann in der Ewigkeit. Jetzt ist die Kirche eine Menge; sie umfaßt, ohne sie zu zählen, Gute und Böse; nach der Auferstehung wird die Kirche ausschließlich von den Guten gebildet, und es sind deren eine für alle Ewigkeit bestimmte Zahl. „Das Himmelreich gleicht einem Netze,“ sagt der Heiland, „das in’s Meer geworfen wird und allerlei Fische einfängt. Wenn es angefüllt ist, zieht man es heraus, setzt sich an das Ufer und sammelt die guten in Geschirre zusammen, die schlechten aber wirft man hinaus [Matth. 13, 47. 48].“

Die Menschenfischer haben nun, wie der heilige Augustinus sagt, ihre Netze ausgeworfen. Sie haben die ungeheuere Zahl Christen gefangen, die wir ja eben ihrer Massenhaftigkeit wegen bewundern. Sie haben damit die beiden Barken, die Bilder der jüdischen und der heidnischen Menschheit, beladen. Aber was hören wir nun? Die Menge überlastet die Barken, so daß dieselben in Gefahr kommen, Schiffbruch zu leiden. So sehen wir gerade heute, daß die voreilige, unklare Menge für die Kirche eine Last ist. Viele Christen leben schlecht, sie verwirren und behindern dann die Guten. Aber schlimmer noch handeln Jene, welche durch ihre Schismen und ihre Häresien das Netz zerreißen; das sind Fische, die das Joch der Einheit nur in Murren tragen, die nicht zum Festmahle Christi kommen wollen und an sich selbst Gefallen finden. Unter dem Vorwande, daß sie mit den Bösen nicht zusammen leben können, brechen sie die Maschen des apostolischen Garnes und gehen dann fern vom Ufer zu Grunde. An wie vielen Orten haben sie nicht auf diese Weise das ungeheuere Netz des Heiles zerrissen? Die Donatisten in Afrika, die Arianer in Aegypten, in Phrygien Montanus, Manes in Persien und wie viele Andere noch haben in dem Werke der Zerreißung eine traurige Berühmtheit erlangt! Ahmen wir doch ja nicht ihren hochmüthigen Wahnsinn nach. Wenn Gottes Gnade uns gut gemacht hat, so ertragen wir in den Fluthen dieser Zeit die Gesellschaft der Bösen in aller Geduld. Ihr Anblick soll uns weder dazu treiben, wie sie zu leben, noch aus der Kirche auszutreten. Das Ufer ist ja nahe, an welchem die zur Rechten, die Guten, allein zugelassen, während die Bösen in den Abgrund geworfen werden [Aug. Serm. 248-252 passim].

Im Offertorium erfleht die Heerschaar der Christen das Licht des Glaubens, welches allein den Sieg ihr sichern kann. Denn es entdeckt ihr den Feind und seine vielfachen Hinterhalte. Für den Gläubigen hat die Nacht keine Schatten, und die Klarheit der himmlischen Flammen verscheucht von seinen Augen den verhängnißvollen Schlaf, welcher gar bald in Schwäche und Tod übergehen würde.

Offertorium.

Erleuchte meine Augen, daß ich nicht etwa entschlafe zum Tode, daß mein Feind nicht etwa sage: „Ich bin seiner mächtig geworden.“

Die auf dem Altar zur allmächtigen Umwandlung des Opfers dargebrachten Gaben sind ein Bild der Gläubigen selbst. Darum bittet die Kirche im Stillgebet den Herrn gleichzeitig mit diesen Gaben auch unseren widerspenstigen Willen auszuziehen und umzuwandeln. Erinnern wir uns, daß von allen im mystischen Netze zusammengeschleppten Fische, nach der Lehre der Väter, nur diejenigen die Auserwählten des ewigen Ufers sein werden, „welche so leben, daß sie verdienen, von den Fischern der Kirche bei dem Hochzeitsfeste Christi vorgestellt zu werden [Bruno Ast. Expos. in Gen. c. 1].“

Stillgebet.

O Herr, wir bitten Dich, nimm versöhnt unsere Opfer an: und beuge auch unseren widerspenstigen Willen gnädig unter dein Gebot. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Zweites Stillgebet.

O Gott, unser Heil, erhöre uns, daß Du uns durch die Kraft dieses Sacramentes vor allen Feinden des Leibes und der Seele schützest, und uns hienieden deine Gnade, drüben aber die ewige Herrlichkeit verleihest. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Ein drittes Stillgebet fügt der Priester nach seiner eigenen Wahl bei.

Gott, welcher der Schwachheit David’s in dem Kampfe gegen den Philistäer Riesen den Sieg verlieh, gibt sich uns in den heiligen Geheimnissen hin. Preisen wir mit dem Psalm, aus welchem die Antiphon zur Communion entnommen ist, seine barmherzige Stärke, welche er im allerheiligsten Sakramente uns mittheilt.

Communion.

Herr, meine Feste und meine Zuflucht und mein Erretter, mein Gott, mein Helfer!

Der heilige Augustinus [Contra Faust. L. XII. 20] nennt das göttliche Geheimniß, in welchem die Kirche täglich ihre gesellschaftliche Einheit hienieden verkündet und wiederherstellt, das Sakrament der Hoffnung. Die wirkliche, obwohl verschleierte Vereinigung des Hauptes und der Glieder beim Festmahle der ewigen Weisheit überwiegt um vieles als ein Unterpfand künftiger Herrlichkeit der wiedergeborenen Menschheit das schmerzliche Harren der Schöpfung, von welcher uns der Apostel in der Tagesepistel redete. Bitten wir in der Postcommunio, daß unsere Flecken ausgetilgt werden und die volle Wirkung dieses Sakramentes nicht hindern mögen, dessen Kraft uns zur höchsten Vollendung des Heiles führen kann.

Postcommunio.

O Herr, wir bitten Dich, die empfangenen Geheimnisse mögen uns reinigen und durch deine Gnadengabe uns beschützen. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Zweite Postcommunio.

O Herr, wir bitten Dich, die dargebrachte Opfergabe des göttlichen Sakramentes möge uns reinigen und schützen: und auf die Fürbitte der seligsten Jungfrau und Gottesgebärerin Maria, ferner deiner heiligen Apostel Petrus und Paulus und des heiligen N. (Kirchenpatron) und aller Heiligen – uns von allen Verkehrtheiten reinigen und vor Widerwärtigkeiten bewahren. Durch denselben Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Eine dritte Postcommunio fügt der Priester nach eigener Wahl bei.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Eilfter Band: Die Zeit nach Pfingsten; Mainz 1883; S. 71-86]

Dom Guéranger zum vierten Sonntag nach Pfingsten (1/3)

Der vierte Sonntag nach Pfingsten.

Der vierte Sonntag nach Pfingsten hieß in der abendländischen Kirche lange Zeit der Sonntag Misericordiae, weil man ehedem die Stelle aus dem Evangelium des heiligen Lucas las, die mit den Worten beginnt: „Seid also barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Nachdem man aber dies Evangelium auf den ersten Sonntag nach Pfingsten übertrug, so rückte das Evangelium des fünften Sonntags auf den vierten vor, das des sechsten auf den fünften u. s. w., bis zum dreiundzwanzigsten. Dieser Wechsel, von dem wir sprechen, fand jedoch bei einer Anzahl Kirchen in einer ziemlich späten Zeit statt […], und allgemein durchgeführt war derselbe erst im 16. Jahrhundert.

Die Lesungen aus den Evangelien wurden selbstverständlich dadurch wesentlich andere, während die Episteln, Gebete und die gesungenen Theile der alten Messen durchweg mit nur wenigen Ausnahmen erhalten blieben. Die Beziehungen, welche die Liturgisten des 11., 12. und 13. Jahrhunderts zwischen den ursprünglichen Evangelien und den übrigen Theilen der Messe für jeden Sonntag entdeckt haben wollten, konnten hienach ferner nicht aufrecht erhalten werden. Wir wollen indessen hier gleich beifügen, daß sie manchmal gar fein ausgedacht und sehr weit hergeholt waren. Gleichwohl war die Kirche weit davon entfernt, diese Schriftsteller zu verdammen oder auch nur das Studium ihrer Werke zu verbieten oder zu erschweren. Denn man fand in denselben nichts gegen den Glauben, wohl aber viele heilsame Erbauung, die häufig aus den authentischen Quellen der alten Liturgie geschöpft war. Auch wir werden nicht verfehlen, Nutzen von ihren Arbeiten zu ziehen. Aber wir wollen dabei nie aus den Augen lassen, daß das Hauptsächlich der Harmonie bei den Messen in der Zeit nach Pfingsten in der Einheit des Opfers selbst zu suchen ist.

Bei den Griechen tritt der Mangel jedes Bestrebens nach methodischer Anordnung noch viel schärfer hervor. Sie beginnen am Tage nach Pfingsten mit der Lesung des heiligen Matthäus und setzen dieselbe ganz nach der Anordnung der Heiligen Schrift fort bis Kreuzerhöhung im Septermber. Dann kommt in derselben Weise der heilige Lukas an die Reihe. Ihre Wochen- und Sonntage werden in dieser Zeit nur nach dem Evangelium des Tages, oder nach dem Evangelisten genannt, dem dasselbe entnommen. So heißt der erste Sonntage nach Pfingsten der erste Sonntag des heiligen Matthäus, und der Sonntag, an welchem wir eben stehen, wird als der vierte Sonntag des heiligen Matthäus bezeichnet.

Zur österlichen Zeit haben wir die Majestät des achten Tages hervorgehoben, welcher an Stelle des jüdischen Sabbats getreten, und der heilige Tag des neuen Volkes geworden ist. „Die heilige Kirche, seine Braut, […] schließt sich dem Werke des Bräutigams an. Sie läßt den Samstag vorübergehen, jenen Tag, den ihr Bräutigam in der düstern Ruhe des Grabes verbrachte; aber vom Glanze seiner Auferstehung umstrahlt, weiht sie von nun an den ersten Tag der Woche der Betrachtung des göttlichen Werkes. Denn jener Tag sah allmählig das geschaffene Licht, die erste Offenbarung des Lebens aus dem Chaos sich entwinden; und er sah dann ihn, den ewigen Glanz des Vaters aus dem Grabe steigen, der uns gesagt hat: ‚Ich bin das Licht der Welt [Joh. 8, 12].‘“

So wichtig erachtete man die sonntägliche Liturgie, welche bestimmt ist, jede Woche so große Erinnerungen wach zu halten, daß die Päpste sich lange sträubten, im Kalender Heiligenfeste mit einem höheren Range als semi-duplex zu bekleiden. Das ist nämlich der Rang des Sonntags und dessen unbestreitbare Rechte wurden damit gewahrt. Erst in der zweiten Hälfte des siebenzehnten Jahrhunderts wich man von dieser strengen Regel ab, und das hatte seine guten Gründe. Man war nämlich in die Nothwendigkeit versetzt, wirksamer als seither den Angriffen zu begegnen, welche seitens der Protestanten und der ihnen nahestehenden Jansenisten auf die Verehrung des Heiligen gemacht wurden. Da mußte man den Gläubigen vor das Auge führen, daß die den Dienern gezollte Ehre der Herrlichkeit des Herrn nichts benimmt. Denn die Verehrung der Heiligen, der Glieder Christi, ist nur eine Folge und Weiterentwickelung derjenigen Verehrung, die man Christus ihrem Haupte schuldet. Man betrachte doch die Sache, wie sie ist. Wir verehren die Heiligen, weil sie Freunde und Nachahmer Christi sind; wenn aber schon die Freundschaft und Nachahmung ein Grund so hoher Verehrung ist, so ist doch damit zugleich der höchste Grad der Ehre demjenigen erwiesen, dessen Freund und Nachahmer sie sind. Darum ist jede Verehrung der Heiligen zugleich eine Verehrung Christi und die Kirche, seine Braut, konnte sich nicht schweigend gegenüber den engen Gesichtspunkten der Neuerer verhalten, welche ja schließlich das Dogma der Menschwerdung verstümmelt hätten, indem sie die damit verbundenen Folgerungen wegschnitten. Man muß aus alledem erkennen, daß nicht ohne besonderen Einfluß des Heiligen Geistes der apostolische Stuhl von dieser Zeit ab einwilligte, verschiedene alte und neue Feste als duples zu erklären; um die feierliche Verwerfung der neuen Häretiker zu stützen, schien es in der That angezeigt, auch an Sonntagen, welche ganz besonders für die feierlichen Kundgebungen des katholischen Glaubens und für die großen Versammlungen der christlichen Familie vorbehalten sind, in minder seltenen Fällen die Heiligen und deren Tugenden zu feiern.

Die sonntägliche Liturgie wurde übrigens keineswegs an den Tagen, an welchem sie einem Heiligenfeste weichen mußte, vollständig über Bord gesetzt. Mag auch der Festtag, welcher auf einen Sonntag fällt, noch so hoch sein, die Gebete erden in Form der Commemoration oder Erwähnung beigefügt, und ebenso wird das Sonntagsevangelium gelesen, welches an solchen Sonntagen an die Stelle des Evangeliums aus Johannes, des sog. letzten Evangeliums, tritt. Wir erinnern noch weiter daran, daß nächst der Beiwohnung der heiligen Messe und der kanonischen Horen, die Betrachtung der in den sonntäglichen Episteln und Evangelien enthaltenen Lehren und berichteten Thatsachen mit zu denjenigen frommen Handlungen gehört, welche uns die Kirche zur Heiligung des Sonntags am dringendsten anempfiehlt.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Eilfter Band: Die Zeit nach Pfingsten; Mainz 1883; S. 67-71]

Dom Guéranger zum dritten Sonntag nach Pfingsten (3/3)

Zur Vesper.

[…]

Antiphon zum Magnificat.

Welches Weib, die zehn Drachmen hat, zündet nicht, wenn sie eine Drachme verliert, ein Licht an, und kehrt das Haus aus, und sucht genau nach, bis sie dieselbe findet?

Gebet.

O Gott, Du Schirmer der auf Dich Hoffenden, ohne welchen nichts stark, nichts heilig ist: vervielfache an uns deine Barmherzigkeit, damit wir unter deiner Leitung, deiner Führung so durch die zeitlichen Güter hingehen, daß wir die ewigen nicht verlieren. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Zehnter Band: Die Zeit nach Pfingsten; Mainz 1881; S. 500]

Dom Guéranger zum dritten Sonntag nach Pfingsten (2/3)

Zur Messe.

Die gläubige Seele hat im Verlaufe der heiligen Liturgie die Reihe der Geheimnisse Christi sich schließen sehen. Der heilige Geist ist herabgekommen, um ihr im andern Theile, worin sich vor ihr nun die fruchtbare Einfalt des christlichen Lebens aufrollen wird, eine Stütze zu sein. Er unterrichtet und bildet sie auf den Grundlagen des göttlichen Meisters, der wieder in den Himmel aufgefahren ist. Er lehrt uns beten. Denn der Herr sagte uns, daß man allezeit beten solle [Luk. 18, 1], und doch wissen wir weder, um was wir beten sollen, noch wie wir beten sollen. Aber er weiß es, der unserer Schwachheit hilft, der in uns und für uns begehrt mit unaussprechlichen Seufzern [Röm. 8, 26]. Das Gebet also, das sich auf eine demüthige Reue über die vergangenen Fehler und auf das Vertrauen auf die unendlichen Erbarmungen stützt, das bildet den Charakter des Introitus und überhaupt der ganzen Messe des dritten Sonntags nach Pfingsten, des ersten, der sich uns außerhalb der Festreihe und in der ganzen Einfachheit des Officiums der Zeit darstellt.

Introitus.

Schau’ auf mich und erbarme Dich meiner, o Herr; denn ich bin einsam und arm. Sieh’ an meine Demüthigung und meine Beschwerden und vergib alle meine Sünden, mein Gott!

Zu Dir, Herr, hab’ ich erhoben meine Seele; mein Gott, auf Dich vertrau’ ich, laß mich nicht zu Schanden werden.

Ehre sei dem Vater etc.

Schau’ auf mich etc.

Collecte.

O Gott, Du Schirmer der auf Dich Hoffenden, ohne welchen Nichts stark, Nichts heilig ist: vervielfache an uns deine Barmherzigkeit; damit wir unter deiner Leitung, deiner Führung so durch die zeitlichen Güter hingehen, daß wir die ewigen nicht verlieren. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Zweite Collecte.

O Herr, wir bitten Dich, bewahre uns vor allen Gefahren des Leibes und der Seele: und durch die Fürbitte der seligsten und glorreichen, allzeit reinen Jungfrau und Gottesgebärerin Maria, des heiligen Joseph, der heiligen Apostel Petrus und Paulus und des heiligen N. (oder: der heiligen N., nenne den Kirchenpatron) und aller Heiligen – verleihe uns gütiglich Heil und Frieden, damit Dir deine Kirche nach Wegräumung aller Widerwärtigkeiten und Irrthümer mit sicherer Freiheit diene. Durch denselben Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Eine dritte Collecte führt der Priester nach eigener Wahl bei.

Epistel.

Lesung des ersten Briefes des heiligen Apostels Petrus. Cap. 5.

Theuerste! Demüthiget euch unter die gewaltige Hand Gottes, daß er euch erhöhe zur Zeit der Heimsuchung. Alle eure Sorge werfet auf ihn, denn er sorgt für euch. Seid nüchtern und wachet; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und suchet, wen er verschlingen könne; dem widerstehet standhaft im Glauben und wisset, daß über eure Brüder, wo sie auf der Welt sein mögen, dieselben Leiden ergehen. Der Gott aller Gnade aber, der uns durch Jesum Christum berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit, wird uns, die wir eine kurze Zeit leiden, vollenden, stärken und auf festen Grund stellen. Ihm sei die Ehre und Herrschaft von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Das Elend dieses Lebens ist die Prüfung, welcher Gott seine Kämpfer unterzieht, um sie in dem andern Leben zu richten und nach ihrem Werthe zu ordnen. Darum haben auch Alle in der Welt ihren Antheil an Leiden. Die Weltbahn ist offen, der Kampf hat sich entsponnen; der Preisrichter schaut und vergleicht: bald wird er über die verschiedenen Verdienste der Kämpfer sein Urtheil sprechen, und sie von den Mühen des Kampfplatzes zur Ruhe des Thrones berufen, auf welchem er selbst Platz genommen hat. Glücklich dann Jene, welche in der Prüfung die Hand Gottes erkannt und sich unter dieser mächtigen Hand mit Liebe und Vertrauen gebeugt haben. Gegen diese im Glauben starken Seelen vermag der brüllende Löwe nichts. Nüchtern und wachsam während ihrer Pilgerfahrt, ohne sich als besondere Opfer zu betrachten – denn sie wissen ja, daß Alles hienieden leidet – haben sie freudig ihr Leiden mit dem Leiden Christi vereint, und werden nun in der ewigen Offenbarung seiner Herrlichkeit, von welcher auch ihnen ein Theil zufällt, frohlocken.

Das Graduale fährt fort, die gläubige Seele in ihrem Vertrauen zu stärken. Möge sie ihren ganzen Kummer in den Schoß des Herrn werfen: hat er sie nicht allezeit in ihren dringenden Bedürfnissen erhört? Am bezeichneten Tage wird er an allen ihren Feinden Vergeltung üben.

Graduale.

Wir deine Gedanken auf den Herrn, und er wird dich erhalten.

Ich schrie zum Herrn, und er erhörte meine Stimme und erlöste mich von Denen, die mir feindlich nahen.

Alleluja, Alleluja.

Gott ist ein gerechter Richter, stark und langmüthig; zürnet er wohl alle Tage? Alleluja.

Evangelium.

Fortsetzung des heiligen Evangeliums nach Lukas Cap. 15.

In jener Zeit nahten sich Jesus die Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. Da murrten die Pharisäer und Schriftgelehrten und sprachen: „Dieser nimmt sich der Sünder an und ißt mit ihnen!“ Er aber sagte zu ihnen dieses Gleichniß und sprach: „Wer von euch, der hundert Schafe hat und eines davon verliert, läßt nicht die neun und neunzig in der Wüste und geht dem verlorenen nach, bis er es findet? Und hat er es gefunden, so legt er es mit Freuden auf seine Schultern, und wenn er nach Hause kommt, so ruft er seine Freunde und Nachbarn zusammen, und spricht zu ihnen: ‚Freuet euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war.‘ Ich sage euch: Ebenso wird auch im Himmel Freude sein über Einen Sünder, der Buße thut, mehr, als über neun und neunzig Gerechte, welche der Buße nicht bedürfen. Oder welches Weib, die zehn Drachmen hat, zündet nicht, wenn sie eine Drachme verliert, ein Licht an und kehrt das Haus aus, und sucht genau nach, bis sie dieselbe findet? Und wenn sie dieselbe gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und spricht: ‚Freuet euch mit mir; denn ich habe die Drachme gefunden, die ich verloren hatte.‘ Ebenso, sage ich euch, wird Freude bei den Engeln Gottes sein über einen einzigen Sünder, der Buße thut.“

Dies Gleichniß vom Hirten, welcher das verirrte Schaf auf seinen Schultern zur Heerde zurückträgt, war den ersten Christen so theuer, daß man es allenthalben auf den Denkmalen dieser Zeit abgebildet findet. Während es einerseits unser Vertrauen auf die unendliche Barmherzigkeit immer mehr festigt, erinnert es uns andererseits an Christus, der kaum erst unter dem Jubel des Himmels triumhirend auffuhr und auf seinen Schultern die verloren gegangene und wieder gefundene Menschheit zurückträgt. „Denn wer ist dieser Hirte in unserem Gleichnisse,“ rief der heilige Ambrosius, „wenn nicht Christus, der dich und deine Sünden auf sich genommen? Dies Schaf ist eins, der Art nach, nicht der Zahl nach. Er ist ein reicher Hirte, von dessen Heerde wir Alle nicht den hundertsten Theil bilden! Denn er hat die Engel, die Erzengel, die Herrschaften, die Mächte, die Throne und unzählige Heerden, und sie Alle hat er auf den Bergen gelassen, um dem verirrten Lamme nachzueilen [Ambros. in Luc. VII].“

Aber dem heiligen Gregor entlehnt heute die Kirche im Nachtgottesdienste die Erläuterung des Evangeliums; und in ihrem weiteren Verlaufe erklärt die betreffende Homilie auch den Theil der Parabel, welcher von dem Weibe und den zehn Drachmen handelt. „Derjenige, der durch den Hirten dargestellt ist,“ sagt der heilige Gregor der Große, „ist es auch durch das Weib; es ist Gott, die Weisheit Gottes. Und weil das Bild des Fürsten auf der Drachme geprägt ist, so hat das Weib ihren Drachmen verloren, als der nach dem Bilde Gottes geschaffene Mensch sich von Gott entfernte. Aber das Weib zündet seine Lampe an; die göttliche Weisheit erscheint in menschlicher Gestalt. Lampe bedeutet Licht in einem Thongefäße; und das Licht im Thongefäße ist die Gottheit im Fleische. Von diesem Thon ihres Leibes sagt die Weisheit selbst: ‚Vertrocknet wie eine Scherbe ist meine Kraft [Psalm 21, 16].‘ Denn wie der Thon im Feuer hart wird, so ist ihre Kraft wie die Scherbe getrocknet, weil sie das angenommene Fleisch im Schmelztiegel der Leiden für die Herrlichkeit der Auferstehung gehärtet hat. Als sie nun ihre Drachme wiedergefunden, da ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und spricht: Freuet euch mit mir; denn ich habe die Drachme wiedergefunden, die ich verloren hatte. Wer sind diese Freundinnen? Es sind die himmlischen Mächte, welche der ewigen Weisheit um so nähere Nachbarn sind, je mehr sie sich ihr in der seligen Anschauung nähern. Aber wir müssen nun auch forschen, warum das Weib, das Bild der ewigen Weisheit, zehn Drachmen hat, wovon sie einen wieder findet, nachdem sie ihn verloren. Der Herr hat, um ihn ewig zu erkennen, Engel und Menschen geschaffen, beide Naturen nach seinem Bilde. Das Weib hatte also zehn Drachmen; denn die Zahl der Engelchöre ist neun, und der Mensch war der zehnte, um die Zahl der Erwählten voll zu machen; getrennt von seinem Schöpfer, war er gleichwohl nicht rettungslos verloren. Denn göttliche Weisheit umkleidete sich mit Fleisch, und ließ vor seinen Augen ihr sanftes Licht durch den Thon erglänzen [Greg. Hom. XXXIV. in Evangelia].“

Das Offertorium ist ein Ausguß der Dankbarkeit und Liebe für Gott, der in Sion wohnt. Er verläßt nicht die, die ihn suchen, und vergißt nicht das Gebet des Armen.

Offertorium.

Alle sollen hoffen auf Dich, die deinen Namen erkennen, o Herr! denn Du verlässest nicht, die Dich suchen. Lobsinget dem Herrn, der auf Sion wohnt; denn er vergaß nicht das Gebet der Armen.

Stillgebet.

O Herr, schaue hernieder auf die Gaben deiner flehenden Kirche, und gewähre, daß sie von den Gläubigen zu ihrem Seelenheile und ihrer ewigen Heiligung empfangen werden. Durch Jesum Christum, unseren Herrn.

Zweites Stillgebet.

O Gott, unser Heil, erhöre uns, daß Du uns durch die Kraft dieses Sakramentes vor allen Feinden des Leibes und der Seele schützest, und uns hienieden deine Gnade, drüben aber die ewige Herrlichkeit verleihest. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Ein drittes Stillgebet fügt der Priester nach eigener Wahl bei.

Die Präfation ist die für alle Sonntage des Jahres, welche nicht eine eigene Präfation haben.

Präfation.

Wahrlich ist es würdig und recht, billig und heilsam, daß wir Dir immer und überall Dank sagen, o heiliger Herr, allmächtiger Vater, ewiger Gott! Der Du mit deinem eingeborenen Sohne und dem Heiligen Geiste Ein Gott, Ein Herr bist: nicht in der Einzelheit Einer Person, sondern in der Dreiheit Eines Wesens. Was wir nämlich durch deine Offenbarung von deiner Glorie glauben, das glauben wir auch von deinem sohne, das glauben wir auch vom Heiligen Geiste ohne allen Unterschied. So daß in dem Bekenntniß der wahren und ewigen Gottheit sowohl in den Personen die Besonderheit, als auch im Wesen die Einheit, und in der Herrlichkeit die Gleichheit angebetet wird. Diese Herrlichkeit loben die Engel und Erzengel, Cherubim und Seraphim, welche nicht aufhören, täglich zu rufen, indem sie einstimmig sprechen: Heilig, Heilig, Heilig etc.

Die Antiphon der Communion erinnert an die barmherzige Lehre des heutigen Evangeliums; nicht ohne geheimnißvolle Bedeutung ist es, daß dies in dem Augenblicke geschieht, wo die ewige Weisheit durch das Liebesmahl, das sie selbst dem reuigen verlorenen Sohne bereitet hat, in den vollen Besitz ihrer Drachme zurückkehrt.

Communion.

Ich sage euch: die Engel Gottes haben Freude über Einen Sünder, der Buße thut.

Postcommunion.

O Herr, deine Sakramente, welche wir empfangen haben, mögen uns beleben, und uns ausgesöhnt deiner ewigen Barmherzigkeit vorbereiten. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Zweite Postcommunio.

O Herr, wir bitten Dich, die dargebrachte Opfergabe des göttlichen Sakramentes möge uns reinigen und schützen: und auf die Fürbitte der seligsten Jungfrau Maria, des heiligen Joseph, ferner deiner heiligen Apostel Petrus und Paulus und des heiligen N. (Kirchenpatron) und aller Heiligen – uns von allen Verkehrtheiten reinigen und vor Widerwärtigkeiten bewahren. Durch denselben Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Eine dritte Postcommunion fügt der Priester nach eigener Wahl bei.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Zehnter Band: Die Zeit nach Pfingsten; Mainz 1881; S. 490-499]

Dom Guéranger zum dritten Sonntag nach Pfingsten (1/3)

Der dritte Sonntag nach Pfingsten.

An vielen Orten findet heute die zweite Prozession zu Ehren des allerheiligsten Sakramentes statt, wie ja auch die erste vielfach am Sonntag vorher begangen wird. Ebenso ist es in diesen Kirchen üblich, an diesem Tage unter Commemoration des Sonntags das Hochamt zum heiligen Herzen Jesu zu singen, welchem viele Gläubige am eigentlichen Festtage nicht beizuwohnen in der Lage waren.

Aus diesen Gründen schließt sich denn auch die Messe des dritten Sonntags nach Pfingsten an die genannten Festtage an, und wir bringen sie deßhalb zum Schlusse dieses Bandes. Wo die Messe zum heiligen Herzen Jesu üblich ist, findet man die betreffenden Gebete bei dem Festtage angeführt, und die Commemoration des Sonntags für Collecte, Stillgebet und Postcommunion bilden dann die hier unten an diesen Stellen angeführten Kirchengebete für die Messe des gegenwärtigen Sonntags.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Zehnter Band: Die Zeit nach Pfingsten; Mainz 1881; S. 490]

Dom Guéranger zum Sonntag in der Octave des Fronleichnamsfestes (3/3)

Zur Vesper.

Die Vesper des Sonntags in der Octave des Frohnleichnamsfestes ist dieselbe, wie am Frohnleichnamsfeste selbst […], mit Ausnahme des Folgenden.

Capitulum.

(1. Joh. 3.)

Geliebteste! Verwundert euch nicht, wenn euch die Welt hasset; wir wissen, daß wir von dem Tod in’s Leben übersetzt worden sind, weil wir die Brüder lieben.

Versikel.

V. Er speiste sie mit dem Marke des Waizens. Alleluja.

R. Und sättigte sie mit Honig aus dem Felsen. Alleluja.

Antiphon zum Magnificat.

Gehe schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt, und nöthige die Armen, Schwachen, Blinden und Lahmen hereinzukommen, damit mein Haus voll werde. Alleluja.

Gebet.

Vor deinem heiligen Namen, o Herr! laß uns in stetiger Ehrfurcht und Liebe wandeln; darum bitten wir Dich, wohlbewußt, daß deine Regierung niemals weichet von denen, die Du einmal in Ehrfurcht und Liebe festbegründet hast. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Commemoration des Frohnleichnamsfestes.

Antiphon.

O hochheiliges Mahl, in welchem Christus genossen, das Andenken seines Leidens gefeiert, der Geist mit Gnade erfüllt und das Unterpfand der künftigen Herrlichkeit uns gegeben wird. Alleluja.

Versikel.

V. Du gabst ihnen Brod vom Himmel, o Herr! Alleluja.

R. Das alle Annehmlichkeiten in sich hat. Alleluja.

Gebet.

Gott! Der Du uns das Andenken deines Leidens unter dem wundervollen Sakramente zurückgelassen hast; verleih’ uns, wir bitten Dich, daß wir die Geheimnisse deines Leibes und Blutes so nach Würde verehren, daß wir die Frucht deiner Erlösung an uns immerfort erfahren mögen. Der Du lebst und regierst mit Gott dem Vater.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Zehnter Band: Die Zeit nach Pfingsten; Mainz 1881; S. 377-378]