Dom Guéranger zum Palmsonntag (5/5)

Zur Vesper.

[…]

Capitulum.

Brüder, ihr sollet so gesinnt sein, wie auch Jesus Christus gesinnt war, welcher, da er in Gottes Gestalt war, es für keinen Raub hielt, Gott gleich zu sein; aber sich selbst entäußerte, Knechtsgestalt annahm, dem Menschen gleich und im Aeußeren wie ein Mensch befunden ward.

[…]

Antiphon zum Magnificat.

Es steht geschrieben: Ich will den Hirten schlagen und die Schafe der Heerde werden zerstreut werden; wenn ich aber werde auferstanden sein, werde ich euch voraus gehen nach Galiläa, dort werdet ihr mich sehen, spricht der Herr.

Gebet.

Allmächtiger, ewiger Gott! der Du dem menschlichen Geschlechte in der Menschwerdung und in dem Kreuztode deines Sohnes, unseres Erlösers, ein Beispiel der Demuth zur Nachfolge aufgestellt hast; verleihe gnädig, daß wir seine Geduld thätig nachahmen und uns würdig machen, an seiner Auferstehung Theil zu nehmen. Durch denselben Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Schließen wir diesen Tag des Erlösers in Jerusalem, indem wir an unserer Seele die anderen ihn bezeichnenden Ereignisse vorüber ziehen lassen. Der heilige Lucas erzählt uns, daß Jesus, als er sich bei seinem feierlichen Einzuge der Stadt näherte, über dieselbe weite und in die klagenden Worte ausbrach: „Wenn doch auch du es erkenntest, und zwar an diesem deinem Tage, was dir zum Frieden dient; nun aber ist es vor deinen Augen verborgen. Denn es werden Tage über die kommen, wo deine Feinde dich mit einem Walle umgeben, dich ringsum einschließen und von allen Seiten dich bekämpfen werden; sie werden dich und deine Kinder, die in dir sind, zu Boden schmettern und in dir keinen Stein auf dem anderen lassen, weil du die Zeit deiner Heimsuchung nicht erkannt hast [Lucas 9, 41-44].“

Vor wenig Tagen zeigte uns das heilige Evangelium, wie Jesus am Grabe des Lazarus weinte; heute sehen wir ihn neue Thränen über Jerusalem vergießen. In Bethanien weinte er bei dem Gedanken an den leiblichen Tod, die Folge und die Strafe der Sünde; aber für diesen Tod gibt es ein Heilmittel. Jesus ist „die Auferstehung und das Leben; wer an ihn glaubt, wird leben, wenn er auch gestorben ist [Joh. 11, 25].“ Aber der Zustand des ungläubigen Jerusalem, das ist der Tod der Seele; bei diesem Tode gibt es keine Auferstehung, wenn die Seele nicht in der Zeit zum Urheber des Lebens zurück kehrt. Darum sind eben die Thränen Jesu, die derselbe heute vergießt, so bitter. Mitten unter den freudigen Zurufen, die seinen Einzug in die Stadt Davids begleiten, ist sein Herz betrübt; denn er weiß nur zu genau, daß gar Viele unter ihren Bewohnern die Zeit der Heimsuchung nicht erkennen. So lasset uns denn das Herz des Erlösers trösten und ihm ein gläubiges Jerusalem sein.

Die evangelische Erzählung sagt uns weiter, daß Jesus nach seinem Einzuge in die Stadt sich sofort in den Tempel begeben und die Händler aus demselben hinaus gejagt habe [Matth. 21, 12]. Es war zum zweiten Male, daß er im Hause seines Vaters sein Hausrecht übte, und Niemand wagte ihm dabei Widerstand zu leisten. Die Hohenpriester und Pharisäer murrten zwar und beklagten sich bei ihm über den Tumult, den sein Einzug erregt habe; aber sie wurden in der gebührenden Weise abgewiesen und mußten beschämt verstummen. Ganz der gleiche Vorgang wiederholt sich in der Weltgeschichte: wenn wir da zu verschiedenen Epochen sehen, wie Gott seinen Sohn und die Kirche seines Sohnes verherrlichen will, dann hören wir auch, wie seine und ihre Feinde im Grimme ihres Herzens Einsprache erheben; aber das kann die Bahn des Triumphwagens nicht aufhalten. Sobald es dagegen der göttlichen Vorsehung gefällt, nach den Stunden der Herrlichkeit Tage der Verfolgungen und der Prüfungen herein brechen zu lassen, dann kriechen alle diese feigen Feinde, von den Instinkten des Hasses getrieben, aus ihren Verstecken hervor und geben nicht eher Ruhe, bis sie einen Theil des Volkes, das dem Sohne Davids Hosanna rief, in ihren Netzen gefangen, so daß es in das Verlangen ausbricht: er solle ihm überliefert und gekreuzigt werden. Aber Jesus und seine Kirche haben darum noch nicht ihr Reich eingebüßt; scheint auch ihre sichtbare Herrschaft einen Augenblick gebeugt oder gebrochen zu sein, plötzlich entfalten sich wieder die Schwingen derselben um so reiner und strahlender und dies dauert in fortwährendem Wechsel der Verherrlichung und der Schmach so lange, bis endlich das Reich des Bräutigams und der Braut als ein ewiges auf den Trümmern der Welt verkündet wird, welche die Zeit ihrer Heimsuchung nicht erkannt hat.

Wir erfahren ferner von dem heiligen Matthäus, daß der Heiland diesen Tag in Bethanien beschloß [Matth. 21, 17]. Er wollte durch seine Gegenwart die mütterliche Sorge Marias besänftigen, sowie auch die fromme Familie des Lazarus beruhigen. Andererseits war auch in Jerusalem Niemand zu ihm gekommen, der ihm seine Gastfreundschaft angeboten hätte; wenigstens thut das Evangelium darüber nirgendwo Erwähnung. Dieser Umstand ist solchen, welche das Leben unseres Herrn mit frommem Herzen betrachtet, aufgefallen und sie haben daraus den Schluß gezogen, daß dies niecht ohne tiefer liegende Absicht geschehen sei. Jesus, der am Morgen mit einem feierlichen Triumphe geehrt worden, sieht sich am Abende genöthigt, Nahrung und Obdach außerhalb der Stadt zu suchen, die ihn mit solch’ jubelnder Begeisterung aufgenommen hatte. In den Klöstern der Carmeliterinnen von der Regel der heiligen Theresia gesteht ein rührender Gebrauch, dessen Zweck darauf hinaus läuft, dem Heilande eine Sühne für die Ungastlichkeit der Bewohner Jerusalems anzubieten. Es wird mitten im Refectorium eine Tafel hergerichtet und auf derselben eine Mahlzeit aufgetragen; nachdem die klösterliche Genossenschaft gespeist, wird dies dem Heilande dargebotene Mahl unter die Armen vertheilt, welche ja seine Glieder sind.

Wir schließen den Tag mit einigen Strophen, die wir einer Hymne der griechischen Liturgie für den Palmsonntag entnehmen. Der Verfasser derselben ist der berühmte Hymnograph Cosmus von Jerusalem.

[…]

Gott, der in der Höhe über den Cherubim thront, siehe, er kommt mit Macht und Herrlichkeit, und Alles wird mit seinem göttlichen Lobe erfüllt. Friede sei über Israel und Heil den Völkern.

Es haben voll Freude die Seelen der Gerechten gerufen: Nun wird ein neuer Bund für die Welt bereitet, und das Volk wird erneuert durch die Besprengung mit dem göttlichen Blute.

Das Volk sammt den Jüngern beugte freudig die Kniee und rief mit den Palmen in den Händen dem Sohne Davids Hosanna zu: Hochgelobt bist Du, o Herr, Gott unserer Väter, Du bist gebenedeit.

Das Volk mit einfältigem Herzen und die jugendliche Schaar der Kinder hat Dir göttliche Ehre gezollt und Dich, o König Israels und der Engel gepriesen: Hochgelobt bist Du, o Herr, Du Gott unserer Väter, Du bist gebenedeit.

Auf einem jungen Füllen sitzend, ist Christus, dein König, o Sion, zu Dir gekommen. Er ist genaht, um den thörichten Götzendienst zu vernichten und die unbändige Leidenschaft aller Völker zu unterdrücken, auf daß sie singen: Preiset, ihr Werke, den Herrn und erhebt ihn über Alles in Ewigkeit.

Christus, dein Gott, herrschet in Ewigkeit. Er kommt, wie geschrieben steht, sanftmüthig und als Retter, als unser gerechter Erlöser, auf einem Füllen reitend, damit er die Hoffart der Feinde verderbe, welche nicht rufen wollen: Preiset den Herrn, seine Werke, und erhebt ihn über Alles in Ewigkeit.

Zerstreut wird die gottlose Versammlung derer, die im heiligen Tempel Gott lästern; denn sie haben das Haus Gottes und des Gebetes zu einer Räuberhöhle gemacht und aus ihrem Herzen den Erlöser verbannt, dem wir zurufen: Preiset den Herrn, seine Werke, und erhebt ihn über Alles in Ewigkeit.

Er ist Gott der Herr und ist uns erschienen; ordnet einen Festtag an und kommt frohlockend; laßt uns Christum verherrlichen und mit Palmen und Zweigen in den Händen ausrufen: Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn, unseres Retters.

Ihr Völker, warum tobet ihr gegen die Schrift? und ihr Priester, warum sinnet ihr Eitles, indem ihr sprechet: Wer ist dieser, dem die Knaben mit Palmen und Zweigen in den Händen unter Lobliedern zurufen: Gepriesen, der da kommt im Namen des Herrn, unseres Retters?

Ihr Lasterhaften, warum gebt ihr Aergernisse, welche die Wege bedecken? Flink sind euere Füße, das Blut des Herrn zu vergießen. Aber er wird auferstehen, um Alle zu retten, welche rufen: Gepriesen, der da kommt im Namen des Herrn, unseres Retters.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Sechster Band: Die Passions- und die Charwoche; Mainz 1877; S. 251-257]

Dom Guéranger zum Palmsonntag (4/5)

Zur Messe.

In Rom ist die Station in der lateranensischen Basilika. Eine so erhabene Function forderte zu diesem Behufe keine geringere Kirche, als die Mutter und Lehrerin aller anderen. Heutzutage findet freilich der päpstliche Gottesdienst in der Peterskirche statt; aber diese Abweichung beeinträchtigt nicht im Mindesten die Rechte der Erzbasilika, welche früher an diesem Tage die Ehre gehabt hat, den Papst an ihren Mauern zu sehen; sie hat noch bis auf den heutigen Tag alle Indulgenzen bewahrt, welche denen, die sie heute besuchen, gewährt worden sind.

Die Messe enthält keinen Zug jener Freude mehr, welche ein charakteristisches Zeichen der Palmweihe und der Palmenprozession ist. Der Introitus ist dem 21. Psalm entnommen, in welchem David die Todesangst Christi beschrieben.

Introitus.

O Herr, entferne deine Hilfe nicht von mir, schau’ her zu meinem Schutze, rette mich aus dem Rachen des Löwen, mich Erniedrigten von den Hörnern der Einhörner.

Gott, mein Gott, schau’ auf mich! Warum hast Du mich verlassen? Das Geschrei meiner Sünden entfernt mein Heil.

O Herr, entferne.

In der Collecte bittet die Kirche für uns um die Gnade, daß wir die Gedult und Demuth des Heilandes nachahmen. Für den sündigen Menschen leidet und erniedrigt sich Jesus Christus; es ist daher billig, daß der Mensch aus diesem Beispiele Nutzen ziehe und an seinem Heile durch die Mittel mitarbeite, welche ihm das Verhalten seines Erlösers an Handen gibt.

Collecte.

Allmächtiger ewiger Gott! der Du dem menschlichen Geschlecht in der Menschwerdung und in dem Kreuztode deines Sohnes, unseres Erlösers, ein Beispiel der Demuth zur Nachfolge aufgestellt hast; verleihe gnädig, daß wir seine Geduld thätig nachahmen und uns würdig machen, an seiner Auferstehung Theil zu nehmen. Durch denselben Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Epistel.

Lesung des Briefes des seligen Apostels Paulus an die Philipper Cap. 2.

Brüder! Ihr sollet so gesinnt sein, wie auch Jesus Christus gesinnt war, welcher, da er in Gottes Gestalt war, es für keinen Raub hielt, Gott gleich zu sein; aber sich selbst entäußerte, Knechsgestalt annahm, dem Menschen gleich und im Aeußeren wie ein Mensch erfunden ward. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja bis zum Tod am Kreuze. Darum hat ihn Gott auch erhöht und ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist, daß in dem Namen Jesu (bei dieser Stelle beugen der Priester und alle Anwohnenden das Knie) sich beugen alle Kniee derer, die im Himmel, auf der Erde und unter der Erde sind, und daß alle Zungen bekennen, daß der Herr Jesus Christus in der Herrlichkeit Gottes des Vaters ist.

Die heilige Kirche schreibt uns vor, an der Stelle, wo der Apostel von Jesus sagt, daß vor diesem Namen Alles niederfallen werde, das Knie zu beugen. Soeben sind wir dieser Vorschrift nachgekommen; bedenken wir, wenn es irgend eine Zeit im Jahre gibt, welche uns zu den demüthigsten Huldigungen dem Sohn Gottes gegenüber verpflichtet, so ist es gerade diese Woche, wo wir seine göttliche Majestät am frechsten gelästert und seine anbetungswürdige Person unter die Füße der Sünder dahin gestreckt sehen. Es ist keinem Zweifel unterworfen; bei dem Anblick der Schmerzen, die er um unsertwillen erduldet, müssen Liebe und Mitleid unser Herz erfüllen. Aber damit ist es nicht genug; mit nicht geringerer Lebhaftigkeit muß uns auch die Schmach, die über jeden Begriff unwürdige Behandlung, der man ihn zur Beute fallen ließ, vor Augen stehen: ihn, der dem Vater gleich ist und Gott ist, wie dieser. Geben wir ihm durch unsere eigene Erniedrigung, soweit wir dies vermögen, die seiner Herrlichkeit gebührende Huldigung; denn dieser Herrlichkeit hat er sich nur beraubt, um unseren Hochmuth und unsere Empörung wieder gut zu machen. Schließen wir uns den heiligen Engeln an, welche, Zeuge alles dessen, was er aus Liebe zu dem Menschen auf sich nahm, sich noch tiefer vor ihm demüthigen, wenn sie die Schmach sehen, die man auf sein Haupt gehäuft hat.

Im Graduale bedient sich die Kirche der Worte des königlichen Propheten, welcher die künftige Größe des Opfers vom Kalvarienberge vorher gesagt, aber zugleich bekennt, daß die entsetzliche Gewißheit, mit welcher die Juden den Gottesmord begehen sollten, seine ganze Seele erschüttert hatte.

Graduale.

Du faßtest mich bei der rechten Hand und führtest mich nach deinem Willen und nahmest mich auf mit Ehren.

Wie gut ist gegen Israel Gott, gegen die, so rechten Herzens sind! Aber meine Schritte wären bald gestrauchelt, meine Schritte wären bald ausgewichen, denn ich eiferte über die Ungerechten, da ich den Frieden der Sünder sah!

Den Traktus bildet ein beträchtlicher Theil des 21. Psalmes, dessen erste Worte Christus am Kreuze wiederholte und der einzelne Vorfälle seines Leidens so genau wieder gibt, daß man vielmehr eine Geschichte, als eine Prophezeiung desselben zu lesen glaubt.

Traktus.

Gott, mein Gott, schau’ auf mich; warum hast Du mich verlassen?

Das Geschrei meiner Sünden entfernt mein Heil.

Mein Gott, ich rufe des Tages, und Du erhörest nicht; des Nachts ist es nicht umsonst für mich?

Aber Du wohnest im Heiligthume, Lob Israels!

Auf Dich haben gehofft unsere Väter, sie haben gehofft und Du hast sie errettet.

Sie haben zu Dir gerufen und wurden erlöst, sie haben auf Dich gehofft und wurden nicht zu Schanden.

Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch; der Leute Spott und die Verachtung des Volkes.

Alle, die mich sehen, spotten mein, bewegen die Lippen und schütteln das Haupt.

Er hat gehofft auf den Herrn, der rette ihn, erlöse ihn, weil er sein Wohlgefallen an ihm hat.

Sie haben mich angeschaut und betrachtet; meine Kleider unter sich getheilt und das Loos geworfen über mein Gewand.

Rette mich aus dem Rachen des Löwen, mich Erniedrigten von den Hörnern der Einhörner.

Ihr, die ihr den Herrn fürchtet, lobet ihn; alle Kinder Jakobs rühmet ihn.

Nach dem Herrn wird genannt werden das künftige Geschlecht; und die Himmel werden erzählen seine Gerechtigkeit.

Dem Volke, so geboren wird, das gemacht hat der Herr.

Es ist jetzt an der Zeit, die Leidensgeschichte unseres Heilandes zu hören; als seine Jünger seine anscheinende Schwäche und den Triumph seiner Feinde sahen, nahmen sie Aergerniß daran; wir aber, um vor Himmel und Erde Zeugniß abzulegen, daß wir nicht das Gleiche thuen, halten dabei immer noch die Palmzweige in den Händen, die wir freudig schwangen, als wir ihn zu unserem Könige ausriefen.

An vier verschiedenen Tagen dieser Woche liest die Kirche die Erzählung der vier Evangelien. Heute beginnt sie mit dem heiligen Matthäus, der ja auch der erste war, welcher das Leben und den Tod des Erlösers geschildert hat. Zum Zeichen der Trauer kommen die Akolythen nicht mit ihren Kerzen an den Pult, woselbst das betreffende Evangelium gelesen wird, und das Evangelium wird nicht beräuchert. Ebenso entbietet der Diakon dem gläubigen Volke nicht vorher den gewöhnlichen Gruß, sondern beginnt sogleich mit der Erzählung des entsetzlichsten Ereignisses, das Himmel und Erde jemals geschaut.

Das Leiden unseres Herrn Jesu Christi mach Matthäus Cap. 26.

In jener Zeit sagte Jesus zu seinen Jüngern: Ihr wisset, daß nach zwei Tagen Ostern ist und der Menschensohn ausgeliefert wird, daß er gekreuzigt werde. Damals versammelten sich die vornehmsten Priester und die Aeltesten des Volkes in dem Vorhofe des Hohenpriesters, der Kaiphas heiß, und sie hielten Rath, wie sie Jesum mit List ergreifen und tödten könnten. Sie sagten aber: Nur nicht am Festtage, damit nicht etwa ein Aufruhr unter dem Volke entstehe.

Als aber Jesus zu Bethanien gekommen war, im Hause Simons des Aussätzigen, trat zu ihm ein Weib mit einem Gefäße von Alabaster, worin köstliche Salbe war und goß sie über sein Haupt, da er zu Tische lag. Als das die Jünger sahen, wurden sie unwillig und sprachen: Wozu diese Verschwendung? Denn das hätte man theuer verkaufen und den Armen geben können. Da es aber Jesus wußte, sprach er zu ihnen: Warum kränket ihr dieses Weib? Sie hat ein gutes Werk an mir gethan. Denn Arme habet ihr allezeit bei euch, mich habet ihr nicht allezeit; denn daß sie diese Salbe über meinen Leib ausgoß, das hat sie zu meiner Begräbniß gethan. Wahrlich, ich sage euch, wo man immer in der ganzen Welt das Evangelium verkünden wird, da wird man auch zu ihrem Andenken sagen, was sie gethan hat.

Hierauf ging Einer von den Zwölfen, der Judas Iscariot hieß, zu den Hohenpriestern und sprach zu ihnen: Was wollet ihr mir geben, so will ich ihn euch verrathen? Sie aber bestimmten ihm dreißig Silberlinge. Und von da an suchte er eine Gelegenheit, ihn zu verrathen. Aber am ersten Tage der ungesäuerten Brode traten die Jünger zu Jesu und sprachen: Wo willst Du, daß wir das Osterlamm zu essen bereiten? Jesus aber sprach: Gehet in die Stadt zu Einem und saget zu ihm: Der Meister spricht: Meine Zeit ist nahe; bei Dir will ich mit meinen Jüngern Ostern halten. Und die Jünger thaten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, und bereiteten das Osterlamm.

Als es nun Abend geworden war, setzte er sich mit seinen zwölf Jüngern zu Tische. Und da sie aßen, sprach er: Wahrlich, ich sage euch, Einer von euch wird mich verrathen. Da wurden sie sehr betrübt und Einer um den Anderen fing an zu fragen: Bin ich es, Herr? Er aber antwortete und sprach: Der die Hand mit mir in die Schüssel tunkt, derselbige wird mich verrathen. Der Menschensohn geht zwar hin, wie von ihm geschrieben; weh’ aber jenem Menschen, durch welchen der Menschensohn verrathen wird. Besser wäre es ihm, wenn derselbe Mensch nicht geboren wäre. Judas aber, der ihn verrathen hat, erwiederte und sprach: Bin ich es, Meister? Und er antwortete ihm: Du hast es gesagt.

Da sie nun des Nachts aßen, nahm Jesus das Brod, segnete und brach es, gab es seinen Jüngern und sprach: Nehmet hin und esset, das ist mein Leib. Und er nahm den Kelch, dankte, gab ihnen denselben und sprach: Trinket Alle daraus; denn dies ist mein Blut des neuen Testamentes, das für Viele vergossen werden wird zur Vergebung der Sünden. Ich sage euch aber: ich werde von nun an nicht mehr trinken von diesem Gewächse des Weinstockes bis zu jenem Tage, da ich es erneuert mit euch im Reiche meines Vaters trinken werde.

Und nachdem sie den Lobgesang gesprochen hatten, gingen sie hinaus auf den Oelberg. Da sprach Jesus zu ihnen: In dieser Nacht werdet ihr Alle euch an mir ärgern; denn es steht geschrieben: Ich will den Hirten schlagen und die Schafe der Heerde werden zerstreut werden. Wenn ich aber werde auferstanden sein, werde ich euch vorausgehen nach Galiläa. Da antwortete Petrus und sprach zu ihm: Wenn sich auch Alle an Dir ärgern, so werde ich niemals mich an Dir ärgern. Jesus aber sagte zu ihm: Wahrlich, ich sage Dir, in dieser Nacht, ehe der Hahn krähet, wirst Du mich dreimal verläugnen. Da sprach Petrus zu ihm: Wenn ich auch mit Dir sterben müßte, so werde ich Dich doch nicht verläugnen. Desgleichen sagten auch alle Jünger.

Dann kam Jesus mit ihnen in den Meierhof, Gethsemani genannt, und sprach zu seinen Jüngern: Setzet euch hier, während ich dorthin gehe und bete. Und er nahm den Petrus und die zwei Söhne des Zebedäus mit und fing an, sich zu betrüben und traurig zu sein. Dann sprach er zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis in den Tod; bleibet hier und wachet mit mir! Und er ging ein wenig vorwärts, fiel auf sein Angesicht, betete und sprach: Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht, wie ich will, sondern wie Du willst. Und er kam zu seinen Jüngern, und fand sie schlafend und sprach zu Petrus: Habet ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen können? Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallet. Der Geist ist zwar willig, aber das Fleisch ist schwach. Wieder ging er hin zum zweiten Male, betete und sprach: Mein Vater, ist es nicht möglich, daß dieser Kelch vorüber gehe, ohne daß ich ihn trinke, so geschehe dein Wille. Und er kam abermals und fand sie schlafend; denn ihre Augen waren beschwert. Da verließ er sie, ging wieder hin und betete zum dritten Mal, indem er die nämlichen Worte sprach. Dann kam er zu seinen Jüngern und sprach zu ihnen: Schlafet nur und ruhet! Siehe, die Stunde ist herbeigekommen, da der Menschensohn in die Hände der Sünder überliefert wird. Stehet auf, lasset uns gehen! Siehe, der mich verrathen wird, nahet sich.

Und da er noch redete, siehe, da kam Judas, Einer von den Zwölfen, und mit ihm ein großer Haufen mit Schwertern und Prügeln, abgeschickt von den Hohenpriestern und Aeltesten des Volkes. Sein Verräther aber hatte ihnen ein Zeichen gegeben und gesagt: Den ich küssen werde, der ist’s, den ergreifet. Und sogleich trat er zu Jesu und sprach: Sei gegrüßt, Meister! Und er küßte ihn. Jesus aber sprach zu ihm: Freund, wozu bist du gekommen? Dann traten sie hinzu, legten Hand an Jesum und ergriffen ihn. Und siehe, Einer von denen, welche mit Jesum waren, streckte die Hand aus, zo sein Schwert und schlug den Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm ein Ohr ab. Da sprach Jesus zu ihm: Stecke dein Schwert an seinen Ort! Denn Alle, die das Schwert ergreifen, werden durch das Schwert umkommen. Oder meinst du, daß ich meinen Vater nicht bitten könnte? Er würde mir jetzt mehr als zwölf Legionen Engel zuschicken. Wie würde dann aber die Schrift erfüllt werden, daß es so geschehen müsse? In derselben Stunde sagte Jesus zu den Schaaren: Wie zu einem Mörder seid ihr ausgezogen mit Schwertern und Prügeln, um mich zu fangen. Täglich saß ich bei euch und lehrte und ihr habt mich nicht ergriffen. Dies Alles aber ist geschehen, damit die Schriften der Propheten erfüllt würden. Dann verließen ihn alle Jünger und flohen.

Jene aber, welche Jesum ergriffen hatten, führten ihn zu Kaiphas, dem Hohenpriester, wo die Schriftgelehrten und Aeltesten sich versammelt hatten. Petrus aber folgte ihm von ferne bis in den Vorhof des Hohenpriesters, und ging hinein und setzte sich nieder bei den Dienern, um den Ausgang zu sehen. Die Hohenpriester nun und der ganze Rath suchten falsches Zeugniß wider Jesum, damit sie ihn zum Tode überliefern könnten; und sie fanden keines, obwohl viele falsche Zeugen aufgetreten waren. Zuletzt aber kamen zwei falsche Zeugen und sprachen: Dieser hat gesagt: Ich kann den Tempel Gottes abbrechen und nach drei Tagen ihn wieder aufbauen. Da stand der Hohepriester auf und sprach zu ihm: Antwortest Du nichts auf das, was diese gegen Dich zeugen? Jesus aber schwieg. Und der Hohepriester sprach zu ihm: Ich beschwöre Dich bei dem lebendigen Gotte, daß Du uns sagest, ob Du Christus, der Sohn Gottes, bist. Jesus aber sprach zu ihm: Du hast es gesagt! Ich sage euch aber: Von nun an werdet ihr den Menschensohn zur Rechten der Kraft Gottes sitzen und auf den Wolken des Himmels kommen sehen. Da zerriß der Hohepriester seine Kleider und sprach: Er hat Gott gelästert! WAs haben wir noch Zeugen nöthig? Siehe, nun habt ihr die Kästerung gehört. Was dünket euch? Sie aber antworteten und sprachen: Er ist des Todes schuldig! Dann spieen sie in sein Angesicht und schlugen ihn mit Fäusten, Andere aber gaben ihm Backenstreiche in sein Angesicht und sprachen: Weissage uns, Christus, wer ist’s, der Dich geschlagen hat?

Petrus aber saß draußen im Hofe und eine Magd trat zu ihm und sprach: Du warest auch bei Jesu, dem Galiläer. Er aber leugnete vor Allen und sprach: Ich weiß nicht, was du sagst. Als er aber zur Thüre hinaus ging, sah ihn eine andere Magd und sprach zu denen, die da waren! Auch dieser war bei Jesu, dem Nazarener. Und er leugnete abermals mit einem Schwure: Ich kenne den Menschen nicht. Und nach einer kleinen Weile traten die Umstehenden hinzu und sagten zu Petrus: Wahrlich, du bist auch Einer von denen; denn auch deine Sprache macht dich kennbar. Darauf fing er an zu fluchen und zu schwören, daß er diesen Menschen nicht kenne. Und alsbald krähte der Hahn. Da erinnerte sich Petrus des Wortes Jesu, das er gesagt hatte: Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er ging hinaus und weinte bitterlich.

Als es aber Morgen ward, hielten alle Hohenpriester und Aeltesten des Volkes Rath wider Jesum, um ihn zum Tode zu überliefern. Und sie führten ihn gebunden und übergaben ihn dem Landpfleger Pontius Pilatus. Da nun Judas, der ihn verrathen hatte, sah, daß er zum Tode verurtheilt war, reuete es ihn, und er brachte die dreißig Silberlinge den Hohenpriestern und Aeltesten zurück und sprach: Ich habe gesündigt, daß ich unschuldiges Blut verrathen habe. Sie aber sprachen: Was geht das uns an? Sieh’ du zu. Da warf er die Silberlinge in den Tempel hin, entwich, ging hin und erhenkte sich mit einem Stricke. Die Hohenpriester aber nahmen die Silberlinge und sprachen: Es ist nicht erlaubt, sie in den Tempelschatz zu werfen; denn es ist Blutgeld. Als sie nun Rath gehalten hatten, kauften sie damit den Acker eines Töpfers zum Begräbnisse für die Fremdlinge. Deßwegen heißt derselbe Acker Hakeldama, das ist, der Blutacker, bis auf den heutigen Tag. Da ist erfüllt worden, was durch den Propheten Jeremias gesagt wurde, da er sprach: Sie nahmen die dreißig Silberlinge, den Preis des Geschätzten, welchen sie gekauft hatten vono den Söhnen Israels und gaben sie für den Acker eines Töpfers, wie mir der Herr befohlen hat.

Jesus aber stand vor dem Landpfleger und der Landpfleger fragte ihn und sprach: Bist Du der König der Juden? Jesus sprach zu ihm: Du sagst es! Und als er von den Hohenpriestern und Aeltesten angeklagt wurde, antwortete er nichts. Da sprach Pilatus zu ihm: Hörst Du nicht, welch’ große Dinge sie wider Dich bezeugen? Und er antwortete ihm auf kein Wort, so das der Landpfleger sich sehr verwunderte.

Es war aber gebräuchlich, daß der Landpfleger auf den hohen Festtag dem Volk einen Gefangenen losgab, welchen sie wollten. Nun hatte er damals einen berüchtigten Gefangenen, der Barabbas hieß. Da sie also versammelt waren, sprach Pilatus: Welchen wollt ihr, daß ich euch losgebe? Den Barabbas oder Jesum, der Christus genannt wird? Denn er wußte, daß sie ihn aus Neid überantwortet hatten. Als er aber auf seinem Richterstuhle saß, schickte sein Weib zu ihm und ließ sagen: Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten, denn ich habe heute seinetwegen im Traume viel gelitten. Allein die Hohenpriester und Aeltesten beredeten das Volk, daß sie den Barabbas begehren, Jesum aber tödten lassen sollten. Und der Landpfleger entgegnete und sprach zu ihnen: Welchen von Beiden wollet ihr frei für euch haben? Sie aber sagten: Den Barabbas. Pilatus sprach zu ihnen: Was soll ich denn mit Jesus machen, der Christus genannt wird? Da riefen Alle: Er soll gekreuzigt werden! Der Landpfleger sagte zu ihnen: Was hat er denn Böses gethan? Sie aber schrieen noch mehr und sprachen: Er soll gekreuzigt werden.

Als nun Pilatus sah, daß er nichts ausrichtete, sondern der Lärm größer wurde, nahm er Wasser, wusch seine Hände vor dem Volke und sprach: Ich bin unschuldig an dem Blute dieses Gerechten, sehet ihr zu! Und das ganze Volk antwortete und sprach: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder! Alsdann gab er ihnen den Barabbas los; Jesum aber, nachdem er ihn hatte geißeln lassen, übergab er ihnen, auf daß er gekreuzigt würde.

Darauf nahmen die Soldaten des Landpflegers Jesum zu sich in das Richthaus, und versammelten um ihn die ganze Schaar. Und sie zogen ihn aus und legten ihm einen Purpurmantel um, und flochten eine Krone von Dörnern, setzten sie auf sein Haupt und gaben ihm ein Rohr in seine rechte Hand. Und sie bogen das Knie vor ihm, verspotteten ihn und sprachen: Sei gegrüßt, Du König der Juden! Sie spieen ihn auch an, nahmen das Rohr und schlugen sein Haupt damit. Und nachdem sie ihn verspottet hatten, nahmen sie ihm den Mantel ab, zogen ihm seine Kleider an und führten ihn fort, um ihn zu kreuzigen.

Indem sie aber hinaus gingen, trafen sie einen Mann von Cyrene, mit Namen Simon; diesen nöthigten sie, sein Kreuz zu tragen. Und sie kamen an den Ort, welcher Golgatha, das ist Schädelstätte, genannt wird. Da gaben sie ihm Wein, der mit Galle vermischt war, zu trinken. Und als er denselben gekostet hatte, wollte er ihn nicht trinken. NAchdem sie ihn aber gekreuzigt hatten, theilten sie seine Kleider und warfen das Loos darüber, damit erfüllet würde, was durch den Propheten gesagt wurde, der da sprach: Sie haben meine Kleider unter sich vertheilt und über mein Gewand das Loos geworfen. Und sie stzten sich und bewachten ihn. Oben über seinem Haupte hefteten sie schriftlich die Ursache seines Todes an: Dieser ist Jesus der König der Juden. Es wurden auch damals zween Mörder mit ihm gekreuzigt, einer zur Rechten und der andere zur Linken.

Die aber vorüber gingen, lästerten und schüttelten ihre Köpfe und sprachen: Ei Du, der Du den Tempel Gottes zerstörest und ihn in drei Tagen wieder aufbauest, hilf Dir selbst; wenn Du der Sohn Gottes bist, steig’ herab vom Kreuze. Gleicherweise spotteten sein auch die Hohenpriester sammt Schriftgelehrten und Aeltesten und sprachen: Anderen hat er geholfen, sich selbst kann er nicht helfen. Ist er König von Israel, so steig’ er nun herab vom Kreuze, und wir wollen an ihn glauben. Er hat auf Gott vertraut, der erlöse ihn nun, wenn er ein Wohlgefallen an ihm hat; denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn. Dasselbe warfen ihm auch die Mörder vor, die mit ihm gekreuzigt wurden.

Von der sechsten Stunde aber bis zur neunten ward eine Finsterniß über die ganze Erde. Und um die neunte Stunde rief Jesus mit lauter Stimme: Eli, Eli, lamma sabacthani? Das ist: Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen? Etliche aber, die da standen und dies hörten, sprachen: Dieser ruft den Elias. Und alsbald lief Einer von ihnen, nahm einen Schwamm, füllte ich mit Essig, steckte ihn an ein Rohr und gab ihm zu trinken. Die Uebrigen aber sprachen: Halt, wir wollen sehen, ob Elias komme, ihn zu retten. Jesus aber rief abermals mit lauter Stimme und gab den Geist auf.

Hier unterbricht der Vortragende seine Lesung, um durch eine feierliche Kundgebung des Schmerzes den Tod des Erlösers der Welt zu ehren. Die ganze Versammlung kniet nieder und verharrt eine Zeit lang schweigend in dieser Stellung. An vielen Orten ist es auch üblich, daß man sich zu Boden wirft und demüthig die Erde küßt. Der Diakon nimmt dann seine Erzählung wieder auf.

Und siehe, der Vorhang des Tempels zerriß von oben bis unten in zwei Stücke; die Erde bebte und die Felsen spalteten sich; die Gräber öffneten sich und viele Leiber der Heiligen, die entschlafen waren, standen auf. Und sie gingen nach seiner Auferstehung aus den Gräbern, kamen in die heilige Stadt und erschienen Vielen. Da nun der Hauptmann und Jene, die bei ihm waren und Jesum bewachten, das Erdbeben und das, was geschehen war, sahen, erschracken sie sehr und sprachen: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen! Es waren auch viele Frauen da, die von ferne zusahen, die Jesu aus Galiläa nachgefolgt waren, um ihm zu dienen. Unter diesen war Maria Magdalena, Maria, Jakobus’ und Joseph’s Mutter, und die Mutter der Söhne des Zebedäus. Als es nun Abend geworden war, kam ein reicher Mann von Arimathäa, mit Namen Joseph, der auch selbst ein Jünger Jesu war. Dieser trat zu Pilatus und bat um den Leichnam Jesu. Da befahl Pilatus, daß man den Leichnam ausliefere. Und Joseph nahm den Leib, wickelte ihn in reine Leinwand und legte ihn in sein neues Grab, welches er in einem Felsen hatte aushauen lassen, wälzte einen großen Stein vor die Thüre des Grabes und ging weg. Es waren aber daselbst Maria Magdalena und die andere Maria und saßen dem Grabe gegenüber.

Damit die Tagesmesse nicht des wesentlichen Ritus beraubt sei, welcher in der feierlichen Lesung des Evangeliums besteht, so dient der noch folgende Theil der Leidensgeschichte als Evangelium. Der Diakon tritt deßhalb wieder an den Altar und empfängt dort das Rauchfaß und, wie dies beim Evangelium üblich ist, den Segen des Priesters. Darauf begibt er sich wieder an den Lesepult und beräuchert das Evangelium. Doch wird er dabei nicht von den Akolythen mit brennenden Kerzen begleitet. Er trägt dann den Schluß der evangelischen Erzählung, wie folgt, vor:

Des anderen Tages nun, der auf den Rüsttag folgt, versammelten sich die Hohenpriester und Pharisäer bei Pilatus und sprachen: Herr, wir haben uns erinnert, daß jener Verführer, als er noch lebte, gesagt hat: Nach drei Tagen werde ich wieder auferstehen! Befiehl also, daß man das Grab bis auf den dritten Tag bewache, damit nicht etwa seine Jünger kommen, ihn stehlen und dem Volke sagen: Er ist von den Todten auferstanden! und so der letzte Irrthum ärger würde, als der erste. Pilatus sprach zu ihnen: Ihr sollet eine Wache haben; gehet, haltet Wache, wie es euch dünkt. Sie aber gingen hin, verwahrten das Grab mit Wächtern und versiegelten den Stein.

Das Offertorium bringt uns eine neue Prophezeiung Davids; sie meldet die gänzliche Verlassenheit, in welcher sich der Messias während seines Todeskampfes befindet. Sie schildert weiter die grausame Bosheit seiner Feinde, welche dem Hungernden Galle und dem Dürstenden Essig anboten. So handelte man gegen Jenen, der uns seinen Leib als Nahrung und sein Blut als Trank darreichte.

Offertorium.

Mein Herz ist gewärtig der Schmach und des Elends. Ich erwarte, ob Einer mittraure und es ist Keiner; ob Einer tröste und ich finde Keinen. Und sie geben mir zur Speise Galle; und in meinem Durste tränken sie mich mit Essig.

Das Stillgebet erfleht von Gott zu Gunsten seiner Diener die doppelte Frucht des Leidens Jesu Christi: für die Zeit die Gnade und für die Ewigkeit die Herrlichkeit.

Stillgebet.

Verleihe, wir bitten Dich, o Herr, daß die Gabe, die wir den Augen deiner Majestät darbringen, uns die Gnade der Andacht erlange und den Besitz der ewigen Seligkeit gewähre. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

In der Antiphon der Communion gedenkt die Kirche, welche soeben im Kelche des Heils das Leben Christi geschöpft, jenes anderen Kelches, den Christus trinken mußte, um uns den Trank der Unsterblichkeit zu erringen.

Communion.

Mein Vater, ist es nicht möglich, daß dieser Kelch an mir vorüber gehe, ohne daß ich ihn trinke, so geschehe dein Wille.

Die heilige Kirche schließt ihre Gebete in dem eben dargebrachten Meßopfer mit der Bitte, um Nachlaß der Sünden für alle ihre Kinder und um Befriedigung ihres Verlangens, an der glorreichen Auferstehung des Gottmenschen Theil zu haben.

Postcommunio.

Gib, o Herr, daß durch die Wirkung dieses Geheimnisses unsere Sünden getilgt und unser Verlangen nach Gerechtigkeit gestillt werde. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Sechster Band: Die Passions- und die Charwoche; Mainz 1877; S. 232-251]

Dom Guéranger zum Palmsonntag (3/5)

Die Palmenprozession.

Nachdem der Priester den Weihrauch gesegnet, welcher nach dem Brauche der Kirche den Weg, den eine Prozession durchzieht, stets reinigen und durchduften muß, wendet sich der Diakon zum Volke und gibt das Zeichen zum Auszug mit den Worten:

Laßt uns in Frieden wandeln.

Der Chor antwortet:

Im Namen Christi. Amen.

Nun beginnt die Prozession auszuziehen, wobei jeder Theilnehmer seinen Palmzweig in den Händen trägt. Der Chor singt dabei zu Ehren Jesu, des Königs von Israel, die folgenden Antiphonen:

Antiphon.

Als der Herr sich Jerusalem nahte, sandte er zwei Jünger ab und sprach zu ihnen: Gehet in den Flecken, der euch gegenüber liegt, und ihr werdet alsbald das Füllen einer Eselin angebunden finden, auf welchem noch Niemand gesessen; machet es los und führet es zu mir. Wenn Jemand euch fragt, so sprechet: Der Herr bedarf ihrer. Da machten sie es los und führten es zu Jesus, und sie legten ihre Kleider darauf, und er setzte sich auf dasselbe. Viele aber breiteten ihre Kleider auf den Weg, Andere hieben Zweige von den Bäumen und die nachfolgten, schrieen: Hosanna! Hochgelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! Hochgelobt sei das Reich unseres Vaters David! Hosanna in der Höhe! Erbarme Dich unser, Sohn Davids!

Antiphon.

Als das Volk gehört hatte, daß Jesus nach Jerusalem komme, nahmen sie Palmzweige, gingen ihm entgegen und riefen: Dieser ist’s, der zum Heile des Volkes kommt, dieser ist unser Heil und die Erlösung Israels! Wie groß ist er, dem die Thronen und Herrschaften entgegen kommen! Fürchte dich nicht, Tochter Sions! Siehe, dein König kommt zu dir, sitzend auf dem Füllen einer Eselin, wie geschrieben steht. Sei gegrüßt, König und Schöpfer der Welt, der Du gekommen bist, um uns wieder zu erkaufen!

Antiphon.

Sechs Tage vor dem Osternfeste, als der Herr in die Stadt Jerusalem kam, gingen ihm die Kinder entgegen und trugen Palmzweige in den Händen und riefen mit lauter Stimme: Hosanna in der Höhe! Gesegnet, der Du kommst in der Fülle deiner Barmherzigkeit! Hosanna in der Höhe!

Antiphon.

Mit Blumen und Palmen eilen die Schaaren dem Erlöser entgegen, und zollen würdige Huldigungen dem triumphirenden Sieger; den Sohn Gottes preisen die Völker und zum Lobe Christi schallen die Stimmen bis über die Wolken: Hosanna in der Höhe!

Antiphon.

Mit den Engeln und Kindern lasset uns, ihr Gläubigen, uns vereinen und dem Ueberwinder des Todes zurufen: Hosanna in der Höhe!

Antiphon.

Die große Schaar, welche zu dem Feste zusammen gekommen war, rief dem Herrn: Gesegnet, der da kommt im Namen des Herrn! Hosanna in der Höhe!

Die Prozession hat inzwischen ihren Weg vollendet und schickt sich wiederum an, nach der Kirche zurück zu gehen. Allein sie findet bei ihrer Rückkehr die Pforte verschlossen, und wir haben bereits […] die Bedeutung dieses geheimnißvollen Umstandes auseinander gesetzt. Plötzlich erschallen Stimmen im Inneren des Gotteshauses: dieselben begrüßten Christum als König und Erlöser; sie bedeuten die Stimmen der heiligen Engel, welche die Ankunft Jesu im ewigen Jerusalem preisen. Außerhalb der Kirche wiederholt der Chor diese Thriumphlieder; aber das sind die Stimmen auf Erden, welche nur den Einzug des Sohnes Davids in das irdische Jerusalem besingen. Es entspinnt sich ein Wechselgesang zwischen den beiden Chören, wovon der eine innerhalb, der andere außerhalb der Kirche sich befindet. Inzwischen bleiben die Thüren immer noch verschlossen bis zu dem Augenblicke, wo endlich das siegreiche Kreuz die Pforten, worunter die Himmelspforten zu verstehen sind, gewaltsam öffnet und so der streitenden Kirche einen Weg bahnt, um sich mit der triumphirenden Kirche zu vereinigen. Die von beiden Chören gesungene Hymne hat Theodulf, den Bischof von Orleans, zum Verfasser. Dieselbe stammt aus der Zeit, da er auf Befehl Ludwigs des Frommen in Angers gefangen gehalten wurde. Die römische Kirche entnahm dem Gedicht die ersten sechs Distichen, um bei dem Zusammentreffen beider Chöre gesungen zu werden und hat dadurch den Namen des Verfassers unsterblich gemacht.

Die Sänger innerhalb der Kirche singen die erste Strophe, welche der Chor außerhalb sowohl bei dieser, wie bei den anderen Strophen als Refrain wiederholt.

Hymnus.

Lob sei Ehre und Ruhm Dir, Christus, König, Erlöser,

Dem Hosannagesang schallet aus kindlichem Mund.

Lob sei Ehre u. s. w.

Du, Israels Fürst und Davids ruhmvoller Sprößling,

Kommst im Namen des Herrn als ein Gesalbter zu uns.

Lob sei Ehre u. s. w.

Herr, Dich lobet die Schaar der Seligen hoch in dem Himmel

Und der sterbliche Mensch, alles Erschaffene zugleich.

Lob sei Ehre u. s. w.

Mit der Palme geschmückt, zog Judas Volk Dir entgegen;

Siehe, mit Hymne und Fleh’n nahen wir bittend nun Dir!

Lob sei Ehre u. s. w.

Dir, dem Tode geweiht, erschallet Israels Loblied,

Dir, dem Sieger, erklingt lauterer Jubelgesang.

Lob sei Ehre u. s. w.

Jene gefallen Dir, Herr! Dir gefalle auch unsre Verehrung! –

König, so gnädig und mild, dem alles Gute gefällt.

Lob sei Ehre u. s. w.

Sobald der letzte Refrain verhallt ist, schlägt der Subdiakon mit dem Stabe des Kreuzes an die Pforte, worauf diese auf der Stelle sich öffnet. An einigen Orten vollzieht der celebrirende Priester diesen geheimnisvollen Akt, wobei er den 23. Psalm spricht. In diesem Liede preist David den Einzug des Erlösers im Himmel im Augenblicke seiner glorreichen Himmelfahrt.

Die Prozession kehrt in die Kirche zurück, wobei folgendes Responsorium gesungen wird.

Responsorium.

Als der Herr in die heilige Stadt einzog, riefen die Kinder der Hebräer, Vorboten der Auferstehung des Lebens, mit Palmen in den Händen: Hosanna in den Höhen!

Als das Volk vernommen, daß Jesus nach Jerusalem komme, zog es ihm entgegen.

Mit Palmen in den Händen riefen sie: Hosanna in den Höhen!

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Sechster Band: Die Passions- und die Charwoche; Mainz 1877; S. 227-232]

Dom Guéranger zum Palmsonntag (2/5)

Die Palmenweihe.

Der Gottesdienst beginnt mit dem Gesang Hosanna in der folgenden Antiphon, die als Introitus dient.

Antiphon.

Hosanna dem Sohne Davids! Hochgelobt, der da kommt im Namen des Herrn! O König Israels! Hosanna in der Höhe!

Der Priester nimmt hierauf das Wort und das Flehen der ganzen Gemeinde zusammenfassend, bittet er im Namen des Volkes Gott um die Gnade, daß es nach dieser vergänglichen Welt an dem glücklichen Ziele ankomme, welches der Tod und die Auferstehung Jesu Christi uns bereitet haben.

Der Herr sei mit euch.

Und mit deinem Geiste.

Gebet.

O Gott, den wir von ganzem Herzen lieben sollen, mehre in uns die Gaben deiner unschätzbaren Gnade, und wie Du uns durch den Tod deines Sohnes hoffen läßt, was wir glauben, so geleite uns durch seine Auferstehung dorthin, wonach wir streben. Durch unseren Herrn Jesum Christum, der mit Dir lebt und regiert in Einheit des Heiligen Geistes, Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Nach diesem Gebet liest der Subdiakon eine Stelle aus dem Buche Exodus; es ist darin erzählt, wie das Volk Gottes auf seinem Zuge nach Aegypten in Elim lagerte unter den Schatten von siebenzig Palmbäumen und an zwölf Quellen. Dort empfing es von Moses die Mittheilung, daß das Manna vom Himmel fallen und es vom Morgen des folgenden Tages an keinen Hunger mehr leiden werde. Diese ganze Handlung ist vorbildlich und findet ihre Erfüllung im christlichen Volke. Durch ihre aufrichtige Bekehrung haben die Gläubigen mit Aegypten gebrochen, welches das Reich der Welt bedeutet; sie brechen nun die Zweige von den Palmbäumen, um Jesus, ihrem Könige, ihre Ehrfurcht zu bezeigen. Die Quellen bedeuten die Taufe, welche unseren Katechumenen bald ertheilt wird; es sind ihrer zwölf, weil die zwölf Artikel des Glaubensbekenntnisses durch die zwölf Apostel der Welt verkündigt wurden. Endlich wird am Ostertage in der Frühe Jesus, das Brod des Lebens, das himmlische Manna, aus dem Grabe hervorgehen und seine Herrlichkeit offenbaren.

Lesung des Buches Exodus Cap. 15.

In diesen Tagen kamen die Söhne Israels gen Elim, wo zwölf Wasserbrunnen waren und siebenzig Palmbäume, und sie lagerten sich am Wasser. Und sie brachen auf von Elim, und die ganze Anzahl der Söhne Israels kam in die Wüste Sin, welche zwischen Elim und Sinai liegt, am fünfzehnten Tage des zweiten Monats, nachdem sie ausgezogen aus dem Lande Aegypten. Und die ganze Gemeinde der Söhne Israels murrte wider Moses und Aaron in der Wüste. Und die Söhne Israels sprachen zu ihnen: Wären wir doch gestorben durch die Hand des Herrn im Lande Aegypten, da wir bei den Fleischtöpfen saßen und Brod aßen nach Genügen; warum habt ihr uns in diese Wüste geführt, um die ganze Menge durch Hunger zu tödten? Der Herr aber sprach zu Moses: Siehe, ich will euch Brod vom Himmel regnen; das Volk gehe aus und sammle täglich, was es bedarf: damit Ich es prüfe, ob es nach meinem Gesetze wandle oder nicht. Und am sechsten Tage sollen sie aufheben, was sie hinein getragen, und es soll doppelt so viel sein, als sie sonst zu sammeln pflegten täglich. Und Moses und Aaron sprachen zu allen Söhnen Israels: Am Abende werdet ihr sehen, daß der Herr euch ausgeführt aus dem Lande Aegypten und am Morgen sollet ihr die Herrlichkeit des Herrn sehen.

Nach dieser Lesung singt der Chor eine der beiden folgenden Responsorien, welche an die Passio des Heilandes erinnern.

Es versammelten die Hohenpriester und Pharisäer einen Rath und sprachen: Was thuen wir? Dieser Mensch wirkt viele Wunder; wenn wir ihn so lassen, werden Alle an ihn glauben und die Römer werden kommen und unser Land wegnehmen.

Einer aber unter ihnen, Kaiphas mit Namen, der in diesem Jahre Hoherpriester war, prophezeite und sprach: Es sit besser für euch, wenn ein Mensch für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk zu Grunde geht. Sie beschlossen also von diesem Tage, ihn zu tödten und sagten:

Und die Römer werden kommen und unser Land und Volk wegnehmen.

Auf dem Oelberge betete Jesus zu seinem Vater: Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; der Geist ist zwar willig, aber das Fleisch ist schwach; dein Wille geschehe.

Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallet.

Der Geist ist zwar willig, aber das Fleisch ist schwach. Dein Wille geschehe.

Der Diakon liest dann vom Chor aus den Bericht des heiligen Matthäus über den triumphirenden Einzug Jesu Christi in Jerusalem. Die Palmen des neuen Bundes vereinigen sich mit den Palmen des alten, um den Gottmenschen zu verherrlichen, welcher das Bindeglied beider ist.

Fortsetzung des heiligen Evangeliums nach Matth. Cap. 21.

In dieser Zeit, als Jesus sich Jerusalem nahte und nach Bethphage am Oelberge kam, sandte er zwei Jünger ab und sprach zu ihnen: Gehet in den Flecken, der euch gegenüber liegt und ihr werdet zugleich eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; machet sie los und führet sie zu mir. Und wenn euch Jemand etwas sagt, so sprechet: Der Herr bedarf ihrer und sogleich wird er sie euch lassen. Dies Alles aber ist geschehen, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht: Saget der Tochter Sion: Siehe, dein König kommt sanftmüthig zu dir und sitzet auf einer Eselin und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lastthieres. Die Jünger gingen nun hin und thaten, wie ihnen Jesus befohlen hatte. Und sie brachten die Eselin mit dem Füllen, legten ihre Kleider auf dieselben und setzten ihn darauf. Sehr viel Volkes aber breitete seine Kleider auf den Weg; und Andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Und die Schaaren, die voraus gingen und nachfolgten, schrieen und sprachen: Hosanna dem Sohne Davids! Hochgelobt, der da kommt im Namen des Herrn!

Es naht sich der Augenblick, da die geheimnißvollen Psalmen die Weihe der Kirche empfangen sollen. Der Priester erinnert zuerst an Noa, welchem der Oelzweig das Ende der Sündfluth verkündete, und an Moses, dessen Volk beim Auszug aus Aegypten unter dem Schatten der siebenzig Palmbäume lagerte. Sodann stimmt er die feierliche Weise der Präfation an und fordert alle geschaffenen Wesen auf, in diesem Augenblicke den großen Namen des Gottessohnes zu bekennen, dem eben eine so glänzende Huldigung dargebracht wird. Alle Anwohnenden antworten mit der Anrufung des dreimal heiligen Gottes, woran sich zu seiner Herrlichkeit der Ruf schließt: Hosanna in excelsis, Hosanna in der Höhe!

Der Herr sei mit euch.

Und mit deinem Geiste.

Gebet.

Gott, stärke den Glauben deiner Diener, die auf Dich vertrauen und erhöre gnädig das Gebet aller Gläubigen, die Dich in Demuth anrufen! Laß deine unerschöpfliche Barmherzigkeit über uns walten! Segne Du diese Palmen und Oelzweige, und wie Du die Vorbilder deiner Kirche, den Noe, als er aus der Arche ging, und den Moses, als er mit den Kindern Israels aus Aegypten zog, gesegnet hast, ebenso stärke uns, damit wir Alle, die wir Palm- und Oelzweige in den Händen tragen, Christo dem Herrn auch mit guten Werken entgegen ziehen und zur ewigen Freude eingehen mögen. Durch ihn, der mit Dir lebt und regiert in Einheit des Heiligen Geistes Gott.

Von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

Der Herr sei mit euch.

Und mit deinem Geiste.

Erhebet eure Herzen!

Wir haben sie zum Herrn erhoben.

Laßt uns Dank sagen Gott, unserem Herrn.

Es ist billig und recht.

Es ist wahrhaft billig und recht, daß wir Dich zu allen Zeiten und an allen Orten dankbar und würdig preisen, heiliger Herr, allmächtiger Vater, ewiger Gott! Im Glanze deiner Heiligen strahlt deine Herrlichkeit! Dir dienen alle Geschöpfe, weil sie Dich allein als ihren Schöpfer und als ihren Gott erkennen; und Alles, was Du gemacht hast, lobet Dich und deine Heiligen preisen Dich, indem sie jenen erhabenen und mächtigen Namen deines eingeborenen Sohnes vor den Königen und Fürsten dieser Welt mit lauter Stimme bekennen. Dir dienen Engel und Erzengel, Throne und Heerscharen des Himmels und mit allen Chören der seligen Geister besingen sie den Ruhm deiner Herrlichkeit, indem sie ohne Unterlaß rufen:

Heilig! heilig! heilig der Herr Gott Sabaoth!

Voll von seiner Herrlichkeit sind Himmel und Erde!

Hosanna in der Höhe!

Hochgelobt, der da kommt im Namen des Herrn!

Hosanna in der Höhe!

Die nun folgenden Gebete erklären das Geheimniß der Palmzweige und ziehen die Gnade des Himmels auf die Palmen, welche dem Segen des Priesters unterbreitet werden, sowie auf die Personen, welche sie bringen und gläubig bewahren, herab.

Der Herr sei mit euch.

Und mit deinem Geiste.

Gebet.

Wir bitten, heiliger Herr, allmächtiger Vater, ewiger Gott, daß Du diesen Oelzweig, den Du aus Holz erschaffen hast und den die Taube, als sie zur Arche zurückkehrte, im Munde trug, segnen und heiligen wollest, damit wir Alle mit diesen Zweigen deinen göttlichen Schutz für Leid und Seele empfangen, und damit das Geheimniß deiner Gnade, o Herr, uns ein Heilmittel zur ewigen Seligkeit werde. Durch unseren Herrn Jesum Christum.

Amen.

Gebet.

Gott, der Du das Zerstreute sammelst und bewahrest, der Du das Volk, welches dem Herrn Jesu Palmzweige entgegen trug, gesegnet hast, segne auch diese Palmen und Oelzweige, welche deine Diener zur Verherrlichung deines Namens mit gläubiger Einfalt empfangen, damit die Einwohner an allen Orten, wohin diese Zweige gebracht werden, deinen göttlichen Segen erlangen und von aller Noth befreit werden! Mächtig beschütze deine Rechte alle Christen, welche dein Sohn Jesus Christus, unser Herr, erlöst hat, der mit Dir lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Gebet.

Gott! der Du deiner wunderbaren Heilsordnung gemäß auch aus leblosen Dingen die Gaben deiner Gnade bereiten und zu unserem Heile ausspenden wolltest: wir bitten Dich, gib, daß die andächtigen Herzen deiner Gläubigen den geistlichen Sinn jener geheimnißvollen Handlung heilsam verstehen. Wie nämlich heute das vom himmlischen Lichte bestrahlte Volk dem Erlöser entgegen zog und seinen Weg mit Palmen und Oelzweigen bestreute; denn die Palmen bezeichnen den Triumph des Herrn über den Fürsten des Todes; die Oelzweige verkünden uns gleichsam die Ankunft der geistlichen Salbung; – so verstand auch schon damals jene selige Schaar des Volkes die Vorbedeutung jenes hohen Geheimnisses, daß Christus, unser Erlöser, von Mitleid über das Elend der Menschen durchdrungen, mit dem Fürsten des Todes für das Leben der ganzen Welt kämpfen und durch seinen Tod siegen werde. Und darum wetteifern sie, ihre Ehrfurcht durch Handlungen zu beweisen, die nicht nur seinen Sieg, sondern auch die Fülle seiner Erbarmung ausdrücken sollen. Da wir nun dieses Ereigniß und seine Bedeutung fest glauben, so bitten wir Dich demüthig, heiliger Herr, allmächtiger Vater, ewiger Gott, durch denselben Jesum Christum, unseren Herrn, daß wir in ihm und durch ihn, zu dessen Gliedern Du uns gemacht, über die Herrschaft des Todes siegen und seiner glorreichen Auferstehung theilhaftig werden mögen, der mit Dir lebt und regiert in Einigkeit des Heiligen Geistes, Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Gebet.

Gott! der Du der Taube geboten hast, deinen Frieden der Erde durch einen Oelzweig zu verkünden, wir bitten Dich um deine Gnade, daß Du diese Oel- und Palmzweige mit deinem himmlischen Segen heiligen wollest, damit sie allem Volke zur Wohlfahrt gedeihen mögen. Durch Christum, unseren Herrn. Amen.

Gebet.

Segne, wir bitten Dich, o Herr, diese Palm- und Oelzweige, und verleihe, daß dein Volk, was es zu deiner Verehrung heute äußerlich verrichtete, auch geistig mit inniger Andacht vollende, indem es über den Feind siegt und die Liebe durch Werke der Barmherzigkeit thätig erweiset. Durch unseren Herrn Jesum Christum. Amen.

Der Priester vollzieht dann die Weihe der Palmen, indem er sie mit Weihwasser besprengt und mit Rauchwerk beräuchert. Hierauf wird dieser ehrwürdige Ritus mit folgendem Gebet geschlossen.

Der Herr sei mit euch.

Und mit deinem Geiste.

Gebet.

Gott, der Du deinen Sohn Jesum Christum, unseren Herrn, zu unserer Erlösung in die Welt gesendet hast, daß er sich zu uns erniedrigte und uns zu Dir zurückführen sollte; dem auch, als er nach Jerusalem kam, um die Schrift zu erfüllen, die Schaaren des gläubigen Volkes ihre Kleider und Palmzweige mit eifriger Andacht auf den Weg streuten; wir bitten Dich, verleihe uns, daß wir ihm im Lichte des Glaubens den Weg bereiten; daß wir jeden Stein des Anstoßes und der Aergernisse entfernen, und daß unsere Liebe vor Dir in fruchtbaren Zweigen aufblühe, damit wir würdig werden, ihm nachzufolgen, der mit Dir und dem Heiligen Geiste als ein einziger Got lebet und regieret. Amen.

Nach diesem Gebete schreitet der Priester zur Vertheilung der Palmen und während dieselbe vorgenommen wird, gedenkt der Chor den beiden folgenden Antiphonen der Begeisterung der hebräischen Kinder, welche Palmen schwangen und dem Sohne Davids Hosanna riefen.

Antiphon.

Die Knaben der Hebräer trugen Zweige von Oelbäumen und zogen dem Herrn entgegen. Sie riefen und sprachen: Hosanna in der Höhe!

Antiphon.

Die Knaben der Hebräer breiteten ihre Kleider auf den Weg und riefen mit lauter Stimme: Hosanna dem Sohne Davids! Hochgelobt, der da kommt im Namen des Herrn!

Ist die Vertheilung der Palmen zu Ende, dann bringt der Priester nochmals die frommen Gefühle der ganzen Versammlung in dem folgenden Gebete zum gemeinsamen Ausdruck.

Der Herr sei mit euch.

Und mit deinem Geiste.

Gebet.

Allmächtiger ewiger Gott, auf deinen Befehl zog das Volk unserem Herrn Jesu Christi entgegen, als er auf dem Füllen einer Eselin zu Jerusalem seinen Einzug hielt; auf deinen Befehl streuten sie Kleider und Palmzweige auf den Weg; auf deinen Befehl sangen die Kinder Hosanna zu seinem Lobe. Wir bitten Dich, gib, daß wir ihre Einfalt nachahmen und ihr Verdienst erreichen mögen. Durch denselben Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Damit schließen die auf die Palmenweihe sich beziehenden gottesdienstlichen Verrichtungen. […]

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Sechster Band: Die Passions- und die Charwoche; Mainz 1877; S. 216-227]

Dom Guéranger zum Palmsonntag (1/5)

Der Palmsonntag.

Heute, wenn ihr die Stimme des Herrn höret, verhärtet eure Herzen nicht!

Am Morgen dieses Tages ließ Jesus seine Mutter Maria, die beiden Schwestern Martha und Maria Magdalena sammt Lazarus in Bethanien zurück, und richtete seine Schritte in Gesellschaft seiner Jünger nach Jerusalem. Die Mutter der Schmerzen bebte, als sie sah, wie ihr Sohn sich wiederum seinen Feinden näherte, welche auf nichts dachten, als auf seine Ermordung; indeß will heute Jesus nicht den Tod in Jerusalem suchen, sondern im Gegentheil den Triumph. Ehe der Messias an’s Kreuz geschlagen wird, muß er in Jerusalem vom Volke zum König ausgerufen werden; angesichts der römischen Adler, unter den Augen der vor Wuth und Furcht stummen Hohenpriester und Pharisäer, muß sich die Stimme der Kinder mit dem Freudenrufe der Bürger mischen, um das Lob des Sohnes Davids von der Erde bis zum Himmel erschallen zu lassen.

Der Prophet Zacharias hatte diese von Ewigkeit her dem Menschensohne unmittelbar vor seiner Schmach bereitete Huldigung vorher gesagt: „Freue dich hoch, du Tochter Sions! Juble, du Tochter Jerusalems! Siehe, dein König kommt zu dir, gerecht und als Heiland; er ist arm und reitet auf einer Eselin, auf dem jungen Füllen einer Eselin [Zacharias 9, 9].“ Da Jesus sah, daß die Stunde der Erfüllung dieser Prophezeiung gekommen, sandte er zwei Jünger ab und befahl ihnen, eine Eselin und deren Füllen, das sie in einiger Entfernung finden würden, ihm vorzuführen. Der Heiland war zu dieser Zeit bereits in Bethphage auf dem Oelberge angekommen. Die beiden Jünger beeilten sich, den Auftrag ihres Meisters auszuführen und alsbald stand die Eselin sammt dem Füllen für Jesus bereit.

Die heiligen Väter haben uns den Schlüssel zu den Geheimnissen dieser beiden Thiere gegeben. Die Eselin stellt das jüdische Volk dar, welches bereits seit Langem unter dem Joche des Gesetzes stand; das Füllen, auf welchem nach dem Evangelium noch kein Mensch gesessen hatte [Marcus 11, 2], bedeutet das Heidenthum, welches bis dahin noch Niemand gebändigt. Das Loos beider wird sich in wenig Tagen entscheiden. Weil es den Messias zurückgestoßen, wird das jüdische Volk preisgegeben und an seiner Stelle nimmt Gott die Nationen an Kindesstatt an, welche jetzt zwar noch wild sind, dann aber an ihn glauben und seinen Willen befolgen werden.

Die Jünger breiten ihre Kleider über den Rücken des Füllens, darauf besteigt Jesus, um die Prophezeiung zu erfüllen, das Thier, und schickt sich so an, seinen Einzug in die Stadt zu halten. Gleichzeitig verbreitet sich in Jerusalem das Gerücht von dem Herannahen Jesu. Auf Antrieb des Heiligen Geistes macht sich die Menge der Juden, welche von allen Seiten zur Feier des Osterfestes in Jerusalem zusammen geströmt war, auf, um ihm entgegen zu gehen. Sie rissen Palmzweige von den Bäumen und erfüllten die Luft mit lautem Jubelrufe. Die Leute, welche bereits ziemlich zahlreich im Gefolge Jesu waren, und die begeisterte Menge, die ihm entgegen zog, stoßen endlich wie zwei mächtige Volkswogen aufeinander. Die Schaaren vermischen sich, und nun erreicht die Begeisterung ihren Gipfel; die Einen breiten ihre Kleidungsstücke auf den Weg, über welchen Christus reitet, die Anderen werfen Palmzweige darüber oder schwingen sie jubelnd in den Händen: Hosanna! Hosanna! tönt es von Mund zu Mund, von Schaar zu Schaar, und der Stadt verkündet der Jubelruf, daß ihr König Jesus, der Sohn Davids, seinen feierlichen Einzug in dieselbe halte.

So wollte Gott, der die Herzen der Menschen wie Wasserbäche lenkt, seinem Sohne einen Triumph in derselben Stadt bereiten, die wenige Tage darauf mit wildem Geschrei das Blut des göttlichen Messias fordert. Dieser Tag war ein Augenblick der Herrlichkeit für Jesus, und die heilige Kirche will, daß wir alljährlich das Gedächtniß dieses Triumphes des Gottmenschen erneuern. Zur Zeit der Geburt des Emmanuel sahen wir die Weisen tief aus dem Morgenlande kommen, wie sie in Jerusalem nach dem Könige der Juden suchten und forschten, denn sie wollten ihm ihre Huldigungen und ihre Gaben darbringen; heute ist es Jerusalem selbst, das sich wie ein Mann erhebt, um vor ihm her zu ziehen. Beide Thatsachen beziehen sich auf denselben Zweck, sie sollten die königliche Würde Jesu Christi anerkennen: die erstere von Seiten der Heiden, die zweite von Seiten der Juden; die erstere zur Zeit seiner Geburt, die zweite unmittelbar vor seinem Tode. Christus war geborener König, er war bis zu seinem Tode König, ehe er in den Tod ging, mußte seine königliche Würde von Juden und Heiden anerkannt werden, und als er am Kreuze hing, ließ der Vertreter der höchsten irdischen Gewalt in Jerusalem zu seinen Häupten die Inschrift anbringen: Jesus von Nazareth, König der Juden; und so starb er auch als König. Vergebens boten die Feinde Jesus alles auf, um die Worte dieser Inschrift zu ändern; er habe sich als König der Juden ausgegeben, sollte Pilatus schreiben; aber so feig und erbärmlich dieser römische Höfling sich sonst zeigte, hier blieb er fest: „Was ich geschrieben, habe ich geschrieben,“ und damit brachte er, ohne es zu wissen, eine Prophezeiung zur Erfüllung. Heute verkündigt Israel Jesus als seinen König; bald wird Israel zerstreut zur Strafe für seine Empörung gegen den Sohn Davids; aber Jesus, den es einmal als König verkündigt hat, bleibt König auf immer. So erfüllt es sich buchstäblich, was der Engel zu Maria gesprochen, als er ihr die Größe des Sohnes, den sie gebären sollte, verkündigte: „Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben und er wird herrschen im Hause Jakobs ewiglich [Lucas 1, 32].“ Heute tritt Jesus seine Herrschaft über die Erde an, und wenn der erste Israel sofort sich wiederum seinem Scepter entzieht, dann wird ein neuer Israel vereint mit dem treugebliebenen Theile des alten alsbald sich erheben; alle Völker der Erde werden ihn bilden und sie werden Christus ein Reich anbieten, größer als je ein Eroberer es anzustreben gewagt hatte.

Das ist im Schmerze dieser bitteren Woche das glorreiche Geheimniß dieses Tages. Die heilige Kirche will, daß ein Augenblick der Freude unsere Herzen erleichtere und daß Jesus von uns heute als König gegrüßt werde. Sie hat daher den Gottesdienst an diesem Tage so angeordnet, daß er zugleich Freude und Trauer ausdrückt: Freude, indem sie in den Jubel einstimmt, von welchem die Stadt Davids widerhallt, Trauer, indem sie der bevorstehenden Leiden ihres göttlichen Bräutigams eingedenk bleibt. Der ganze Gottesdienst dieses Tages ist gleichsam in drei genau zu unterscheidende Abschnitte eingetheilt, deren Geheimnisse und Absichten wir nun in dem Folgenden näher erläutern werden.

Die Palmweihe ist der erste Ritus, dem wir anwohnen und aus der Feierlichkeit, welche die Kirche bei dieser Gelegenheit entfaltet, läßt sich ein Schluß auf die Wichtigkeit ziehen, die sie demselben beilegte. Der Beginn gleicht fast ganz einem Meßopfer, welches ausschließlich in der Intention dargebracht wird, das Jahresgedächtniß des feierlichen Einzugs in Jerusalem zu begehen. Introitus, Collecte, Epistel, Graduale, Evangelium folgen einander wie gewöhnlich in der Messe; es ist selbst eine Präfation vorhanden; aber nach dem dreifachen Rufe: Heilig, Heilig, Heilig! wird der gewöhnliche Luaf der Ceremonien unterbrochen und der celebrirende Priester schreitet nun zur eigentlichen Weihe der vor ihm liegenden geheimnißvollen Zweige. Die dabei angewendeten Gebete sind voll beredter Unterweisungen. Die Buchszweige, die der Gegenstand des ersten Theiles der gottesdienstlichen Verrichtungen sind, erhalten durch diese Gebete, wozu noch die Beräucherung mit Weihrauch und die Besprengung mit Weihwasser kommt, eine Kraft, welche sie über die natürliche Ordnung erhebt und geeignet macht, zur Heiligung der Seele und zum Schutze des Leibes und der Wohnung beizutragen. Die Gläubigen müssen daher diese Zweige voll Ehrfurcht während der Prozession und bei der Messe, während die Passion gesungen wird, in den Händen tragen und ihnen dann im Hause einen würdigen Platz anweisen. Sie dienen dort als ein Zeichen ihres Glaubens und als eine gewährte Hoffnung auf die göttliche Hilfe.

Wir haben nicht nöthig, dem Leser des Weiteren auseinander zu setzen, daß die Palmen und Oelzweige, welche eben die Weihe der Kirche empfangen, zum Andenken Jener getragen werden, welche das Volk von Jerusalem zu Ehren des triumphirenden Einzugs Jesu trug; aber wir müssen einige Worte über das Althergebrachte dieses Gebrauches sagen. Derselbe begann bereits sehr früh im Orient und zwar wahrscheinlich, seitdem die Kirchenverfolgungen aufgehört, in Jerusalem. Schon im vierten Jahrhundert bezeugt der heilige Cyrillus, der Bischof dieser Stadt, daß der Palmbaum, von welchem das vor Christus herziehende Volk die Zweige genommen, noch in dem Kedronthale stand [Cateches. X]; nichts war natürlicher, als daß man daraus Gelegenheit nahm, ein Jahresgedächtniß dieses großen Ereignisses einzusetzen. Im folgenden Jahrhundert findet man diesen Gebrauch schon nicht mehr ausschließlich in den Kirchen des Orients, sondern auch in den Klöstern, welche zahlreich in den syrischen und ägyptischen Wüsten vorhanden waren, eingeführt. Beim Eintritt in die Fastenzeit erlangten viele heilige Mönche von ihrem Abte die Erlaubniß, sich in die Wüste zurück zu ziehen und diese Zeit in tiefer Zurückgezogenheit zu verbringen; aber am Palmsonntag mußten sie, wie das Leben des heiligen Euthymius, das sein Schüler Cyrillus beschrieb, zeigte [Act. SS. XX. Januarii], in das Kloster zurückkehren. Im Abendland ging es mit diesem Ritus nicht so rasch; die erste Spur davon finden wir im Sacramentarium des heiligen Gregor, welches vom Ende des sechsten oder anfangs des sieben Jahrhunderts stammt. In dem Maße, als der Glaube im Norden vordrang, wurde es sogar nicht einmal mehr möglich, die Gedächtnißfeier in ihrer ganzen Integrität zu begehen; denn in jenen Climaten kam die Palme oder der Oelbaum nicht fort. Man mußte sie daher durch Baumzweige anderer Art ersetzen; aber die Kirche erlaubte nicht, an den für die Weihe derselben vorgeschriebenen Gebeten Etwas zu ändern, weil die Geheimnisse, auf welche diese schönen Gebete hinweisen, durch den Oelbaum und die Palme der evangelischen Erzählung gesinnbildet werden; ihre Vertreter sind denn bei uns Buchs und Lorbeer.

Der zweite Ritus dieses Tages ist die berühmte Prozession, welche der feierlichen Palmweihe folgt. Sie bedeutet den Einzug des Heilandes nach Jerusalem. Damit nichts der Darstellung des im heiligen Evangelium erzählten Ereignisses fehle, so werden die eben geweihten Palmen von Allen an dieser Prozession Theilnehmenden getragen. Bei den Juden galt es als ein Zeichen der Freude, wenn man grüne Baumzweige in den Händen trug. Gott hatte im Leviticus, als er das Laubhüttenfest einsetzte, gesagt: „Am ersten Tage sollet ihr Früchte von den dickbelaubten Bäumen nehmen und Palmzweige, und Aeste von dickbelaubten Bäumen und Bachweiden und sollet fröhlich sein vor dem Herrn, euerm Gott [Levit. 23, 40].“ Es geschah also in der Absicht, ihre freudige Begeisterung über den Einzug Jesu Christi in ihren Mauern zu bezeugen, wenn die Bewohner von Jerusalem, bis auf die Kinder herab, an dieser Demonstration sich betheiligten. So gehen auch wir vor unserem Könige her, Hosanna rufend dem Ueberwinder des Todes, dem Befreier seines Volkes.

Im Mittelalter trug man in vielen Kirchen in feierlicher Weise das Evangelienbuch mit dieser Prozession. Dasselbe stellte dann Jesus Christus dar, dessen Worte es enthält. An einem als Station bezeichneten und vorbereiteten Orte machte die Prozession Halt; der Diakon öffnete alsdann das heilige Buch und sang die Stelle, an welcher der Einzug Jesu in Jerusalem erzählt wird. Man enthüllte sodann das Kreuz, welches bis dahin bedeckt geblieben war. Der ganze Klerus nahte sich feierlich, um es zu verehren und Jeder legte zu seinen Füßen ein Stück des Zweiges, den er in der Hand trug. Dann zog die Prozession unter Vorantragung des Kreuzes weiter, welches bis zur Rückkehr in die Kirche unverhüllt blieb. In England und in der Normandie fand seit dem elften Jahrhundert ein Ritus statt, welcher noch um Vieles lebendiger das große Ereigniß dieses Tages darstellte. Die heilige Hostie nämlich wurde im Triumph mit der Prozession getragen. Die Irrlehre Berengars gegen die wirkliche Gegenwart Jesu Christi in dem allerheiligsten Sakramente des Altars brach gerade um diese Zeit aus; und dieser Triumph der heiligen Hostie deutete bereits, wenn auch nur von ferne, die künftige Einsetzung des Frohnleichnamsfestes an.

Ein rührender Gebrauch fand noch besonders in Jerusalem gelegentlich dieser Prozession statt. Auch er läuft darauf hinaus, den im Evangelium erzählten Vorfall dieses Tages zu erneuern. Die ganze Genossenschaft der Franziskaner, in deren Hut sich die heiligen Stätten befinden, begab sich am frühen Morgen nach Betphage; dort bestieg der Pater Quardian in bischöflichen Gewändern das Füllen einer Eselin, welches man mit Kleidungsstücken bedeckt hatte. So hielt er, begleitet von den Mönchen und Katholiken von Jerusalem, welche Alle Palmen trugen, seinen Einzug in die Stadt und stieg an der Pforte der Kirche des heiligen Grabes ab. Dort wurde die Messe mit der größten Feierlichkeit gelesen. Seit etwa zwei Jahrhunderten haben die türkischen Behörden von Jerusalem diese schöne Ceremonie, welche bis zu den Zeiten des lateinischen Königthums hinauf reichte, untersagt.

Wir haben hier, wie gewöhnlich, die verschiedenen Thatsachen zusammen gestellt, welche die Seele des Gläubigen in die Geheimnisse der Liturgie einzuführen geeignet sind. Diese Offenbarungen des Glaubens zeigen ihnen die Absichten, welche die Kirche bei Gelegenheit dieser Prozession hegt. Sie will, daß wir Jesum Christum verehren, als ob er bei dem heute ihm bereiteten Triumphe zugegen sei. Suchen wir also in Liebe den demüthigen und süßen Heiland, der die Tochter Sions heimsucht. Er ist da, mitten unter uns; ihm gilt die Huldiung unserer Palmen; verbinden wir mit derselben auch die Huldigung unserer Herzen. Er will unser König sein; nehmen wir ihn als solchen auf und brechen wir in den Ruf aus: Hosanna, dem Sohne Davids!

Das Ende der Prozession wird durch eine äußerst schöne und sinnige Ceremonie bezeichnet. Wenn dieselbe in die Kirche zurückkehrt, findet sie die Pforten geschlossen. Die Prozession muß Halt machen; aber die Freudengesänge verstummen keinen Augenblick. Eine besondere Hymne auf Christus, den König, wird angestimmt, während welcher der Subdiakon mit dem Kreuzstocke an die Pforte schlägt, bis diese geöffnet wird, worauf sodann, unter Vortritt des Klerus, die ganze Menge in die Kirche strömt, ihn preisend, der allein die Auferstehung und das Leben ist.

Dieser geheimnißvolle Gebrauch soll an den Einzug des Heilandes in das andere Jerusalem, dessen Abbild das irdische ist, erinnern. Dies Jerusalem ist das himmlische Vaterland, wozu uns Jesus den Eingang verschafft hat. Die Sünde des ersten Menschen hatte dessen Pforten verschlossen; aber Jesus, der König der Herrlichkeit, hat dieselben durch die Kraft seines Kreuzes, dem sie nicht zu widerstehen vermochten, wieder geöffnet. Folgen wir also immer den Schritten des Sohnes Davids; denn er ist zugleich auch der Sohn Gottes und er lädt uns ein, an seinem Reiche Theil zu nehmen. So erhebt die heilige Kirche in der Palmenprozession, die in erster Linie nur die Gedächtnißfeier des heutigen Ereignisses ist, unsere Seele zum glorreichen Geheimniß der Himmelfahrt, durch welches im Himmel die Sendung des göttlichen Sohnes auf Erden ihr Ende findet. Aber ach, die Tage, welche diesen einen Triumph von dem anderen trennen, sind nicht lauter Freudentage; und kaum ist die Prozession zu Ende, so beginnt wieder, nachdem sie einen Augenblick unter der Last der Trübsal aufgeathmet, die Klage der Kirche.

Der dritte Abschnitt der täglichen gottesdienstlichen Verrichtungen dieses Tages ist die Darbringung des heiligen Meßopfers selbst. Alle dasselbe begleitenden Gesänge tragen bereits wieder den Charakter der Trostlosigkeit und um den höchsten Schmerz zu bezeichnen, dem der ganze übrige Tag gewidmet ist, wird heute schon die Leidensgeschichte des Erlösers in der Versammlung der Gläubigen gelesen. Seit fünf oder sechs Jahrhunderten ist in der Kirche eine ganz besondere Art und Weise aufgekommen, wie diese Erzählung des heiligen Evangeliums vorgetragen wird. Es ist ein feierliches Drama, das von drei Diakonen recitirt wird; der erste trägt die eigentliche Erzählung vor, der zweite die Reden Jesu, der dritte die Reden der übrigen Personen. Die Erzählung hat eine ernste pathetische Weise; die Worte Jesu klingen ebenso sanft als erhaben und unterscheiden sich merklich und ergreifend von dem hohen und spitzen Tone der übrigen Sprecher und den Ausrufen des jüdischen Volkes. Während die Leidensgeschichte gesungen wird, haben alle Anwohnenden die Palmzweige in den Händen, um durch dieses Zeichen des Triumphes gegen die entwürdigende Behandlung, welcher der Erlöser von Seiten seiner Feinde unterzogen wurde, Einsprache zu erheben. Gerade in dem Augenblick, wo er aus Liebe zu uns sich unter die Füße der Sünder treten läßt, müssen wir ihn um so lauter als unseren Gott und als unseren höchsten König verkünden.

Dies sind im Allgemeinen die Riten dieses großen Tages; wir werden nun, wie gewöhnlich, die Gebete und heiligen Lesungen mittheilen und bei dieser Gelegenheit die zum Verständnisse nöthigen Einzelheiten noch beifügen.

Außer seinem liturgischen und volksthümlichen Namen Palmsonntag, heißt dieser Sonntag auch der Sonntag Hosanna wegen des Triumphrufes, womit die Juden die Ankunft Jesu grüßten; früher hieß er auch lange Zeit der Sonntag der Osternblüthe, weil Ostern nur noch acht Tage entfernt ist und Palmsonntag wie eine Blüthe erscheint, als deren Frucht oder Vollendung Ostern, das Fest der glorreichen Auferstehung, sich darstellen würde. Von jetzt an können auch überall die Gläubigen ihre jährliche Communion halten [in einzelnen Diözesen kann dies auch früher geschehen]. Dieser Bezeichnung Osternblüthe verdankt auch Florida, der große Nachbarstaat Mexikos, den die Spanier am Palmsonntag des Jahres 1513 entdeckten, seinen Namen. Eine weitere Bezeichnung heißt Capitilavium, d. h. Sonntag der Kopfwaschung; dieser Name stammt daher, weil im Mittelalter die in den vorhergehenden Monaten geborenen Kinder, wenn nicht Gefahr auf dem Verzug stand, am Charsamstag getauft wurden und die Eltern am heutigen Tage in Vorbereitung dessen den Kindern den Kopf wuschen, damit sie sauber seien, wenn sie mit dem heiligen Chrisam gesalbt würden. Zu einer noch ferneren Periode nannte man in einigen Kirchen diesen Sonntag: Ostern der Zuständigen, Ostern der Competenten; Competenten nannte man nämlich diejenigen Katechumenen, welche zwar die Taufe noch nicht empfangen, aber bereits zur Taufe zuständig, competent, waren. Sie versammelten sich an diesem Tage in der Kirche und man hielt ihnen einen besonderen Vortrag über das Glaubensbekenntniß, welches sie im vorhergehenden Scrutinium empfangen hatten. In der gothischen Kirche Spaniens wurde ihnen sogar erst das Glaubensbekenntniß mitgetheilt. Bei den Griechen endlich trägt dieser Sonntag die Bezeichnung Baïphore, d. h. Palmträger.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Sechster Band: Die Passions- und die Charwoche; Mainz 1877; S. 204-216]

Dom Guéranger zum Passionssonntag (3/3)

Zur Vesper.

[…]

Capitulum.

Brüder! Christus ist, nachdem er als Hoherpriester der zukünftigen Güter vollkommen durch ein höheres und vollkommeneres Zelt, das nicht von Menschenhänden gemacht, nämlich nicht von dieser Welt ist, auch nicht durch Blut von Böcken und Stieren, sondern mit seinem eigenen Blute ein- für allemal in’s Heiligthum eingegangen und hat eine ewige Erlösung erfunden.

Gott sei Dank.

[…]

Antiphon zum Magnificat.

Abraham, euer Vater, hat frohlockt, daß er meinen Tag sehen werde; er sah ihn und freute sich.

Gebet.

Wir bitten Dich, allmächtiger Gott, siehe gnädig auf deine Gemeinde herab, und verleihe, daß sie mit deiner Hilfe die Gelüste des Leibes zähme und unter deinem Schutze die guten Gesinnungen der Seele bewahre. Durch unseren Herrn Jesum Christum. Amen.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Sechster Band: Die Passions- und die Charwoche; Mainz 1877; S. 123-124]

Dom Guéranger zum Passionssonntag (2/3)

Zur Messe.

In Rom ist die Station in der Basilika des heiligen Petrus. Die Wichtigkeit dieses Sonntages, der keinem anderen Feste, welches auch immer dessen Rang sei, weicht, fordert, daß die Gläubigen in einem der erhabensten Gotteshäuser der heiligen Stadt sich versammeln.

Als Introitus dient der Anfang des zweiundvierzigsten Psalms. Der Messias erfleht darin das Urtheil Gottes und legt Verwahrung gegen den Spruch ein, welchen die Menschen über ihn fällen wollen. Zugleich verleiht er der Hoffnung auf die Hilfe seines Vaters Ausdruck, der nach überstandener Prüfung ihn triumphiren lassen wird.

Introitus.

Schaffe mir Recht, o Gott, und entscheide meinen Handel wider das unheilige Volk; von dem ungerechten und arglistigen Manne rette mich; denn Du, o Gott, bist meine Stärke.

Sende dein Licht und deine Wahrheit, sie werden mich leiten und führen auf deinen heiligen Berg und in deine Hütten. Schaffe mir Recht.

„Ehre sei dem Vater“ wird nicht mehr gesagt, außer bei Messen an Festtagen; der Introitus wird jedoch wie gewöhnlich wiederholt.

In der Collecte erfleht die Kirche für ihre Kinder jene vollständige Umwandlung, welche die heilige Fastenzeit hervorbringen soll und deren es bedarf, um die Sinne dem Geiste zu unterwerfen und den letzteren vor den Vorspiegelungen und Gelüsten zu bewahren, deren Beute er bis dahin allzu häufig geworden ist.

Collecte.

Wir bitten Dich, allmächtiger Gott! siehe gnädig auf deine Gemeinde herab und verleihe, daß sie mit deiner Hilfe die Gelüste des Leibes zähme und unter deinem Schutze die guten Gesinnungen der Seele bewahre. Durch unseren Herrn Jesum Christum. Amen.

Dazu fügt man eines der beiden folgenden Gebete.

Gegen die Verfolger der Kirche.

Nimm, o Herr, wir bitten Dich, die Gebete deiner Kirche gnädig an, damit sie nach Ueberwindung aller Widerwärtigkeiten und Irrthümer Dir in Sicherheit und Freiheit diene.

Für den Papst.

O Gott, Du Hirt und Regierer aller Gläubigen, siehe gnädig herab auf deinen Diener N., den Du zum obersten Hirten deiner Kirche gesetzt hast; gib ihm, wir bitten Dich, daß er mit Wort und Beispiel, denen er vorsteht, nütze und zugleich mit der ihm anvertrauten Heerde zum ewigen Leben gelange. Durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.

Epistel.

Lesung des Briefes des seligen Apostels Paulus an die Hebräer Cap. 9.

Brüder! Da Christus als Hoherpriester der zukünftigen Güter gekommen ist, ging er durch ein höheres und vollkommeneres Zelt, das nicht von Menschenhänden gemacht, nämlich nicht von dieser Welt ist, auch nicht durch Blut von Böcken und Stieren, sondern mit seinem eigenen Blute, ein für alle Mal in’s Heiligthum des Himmels ein, und hat eine ewige Erlösung zu Stande gebracht. Doch wenn das Blut der Böcke und Stiere und die Bestreuung mit der Kuhasche die Verunreinigten heiligt, so daß sie leiblich rein werden: wie viel mehr wird das Blut Christi, der im Heiligen Geiste sich selbst als unbeflecktes Opfer dargebracht hat, unser Gewissen von todten Werken reinigen, damit wir Gott, dem Lebendigen, dienen. Und darum ist er des neuen Bundes Mittler, damit durch den Tod, welcher zur Erlösung von den Uebertretungen unter dem ersten Bunde erfolgte, Diejenigen, so berufen sind, das verheißene und ewige Erbe erhielten in Christo Jesu, unserem Herrn.

Nur durch Blut kann der Mensch wiedererkauft werden; die beleidigte göttliche Majestät läßt sich nur durch die Austilgung des rebellischen Geschöpfes versöhnen und sein Blut, das mit seinem Leben zur Erde fließt, muß Zeugniß seiner Reue und seiner vollständigen Unerwerfung unter den Willen dessen, gegen den es sich empört, ablegen. Andernfalls geschieht der Gerechtigkeit Gottes durch den ewigen Tod des Sünders Genüge. Alle Völker haben dies begriffen und Blut floß der göttlichen Gerechtigkeit von den Lämmern Abels bis zu den Hetakomben Griechenlands und den zahllosen Opfern, womit Salomon seinen Tempel einweihte. Gleichwohl sagt Gott: „Höre, mein Volk Israel, dein Gott bin ich, um deiner Opfer willen strafe ich dich nicht; denn deine Brandopfer sind ja stets vor mir; aber ich bedarf nicht deiner Farren noch deiner Heerden; denn mein ist alles Wild des Waldes, das Vieh auf den Bergen und die Ochsen. Wenn mich hungerte, würde ich dir’s nicht zu sagen brauche; denn mein ist der Erdkreis und was ihn erfüllt. Soll ich denn das Fleisch der Stiere essen und das Blut der Böcke trinken [Psalm 49].“ So befiehlt Gott blutige Opfer und erklärt zugleich, daß sie vor seinen Augen nichts sind; liegt darin ein Widerspruch? Nein. Gott will dem Menschen begreiflich machen, daß er einerseits nur durch Blut wiedererkauft werden kann und daß andererseits das Blut der Thiere zu niedrig ist, diesen Wiederkauf zu bewerkstelligen. Soll es also das Blut des Menschen sein, das die göttliche Gerechtigkeit besänftigen wird? Abermals nein; das Blut des Menschen ist unrein und schmutzig. Wäre es aber selbst rein, so ist es ohnmächtig, die einem Gott zugefügte Schmach zu sühnen; es bedarf dazu eines göttlichen Blutes, darum schickt sich Jesus an, das seinige zu vergießen.

Darin erfüllt sich nun das Größte, was im alten Bunde vorbildlich dargestellt war; einmal im Jahre betrat der Hohepriester das Allerheiligste, um für das Volk Fürbitte einzulegen. Er ging hinter den Vorhang und stand angesichts der heiligen Arche; aber diese höchste Gunst war ihm nur unter der Bedingung gewährt, daß er, wenn er in das heilige Asyl trat, in seinen Händen das Blut des Opfers trug, das er soeben geschlachtet. In diesen Tagen nun geht der Sohn Gottes, der ewige Hohepriester, in den Himmel ein und nach ihm werden auch wir dahin kommen; aber auch er muß das Blut darbringen, und dies Blut kann kein anderes sein, als sein eigenes. Wir stehen im Begriffe, ihn diese göttliche Vorschrift erfüllen zu sehen. Oeffnen wir daher unsere Seelen, damit dies Blut, wie wir eben von dem Apostel gehört, „sie von todten Werken reinige und wir von nun an dem lebendigen Gotte dienen.“

Das Graduale ist dem Psalter entnommen. Der Erlöser bittet darin, von seinen Feinden befreit und der Wuth eines gegen ihn empörten Volkes entzogen zu werden. Zugleich aber will er den Willen seines Vaters vollbringen, durch welchen er gerächt werden wird.

Der Traktus ist aus derselben Quelle geschöpft. Der Messias beklagt sich unter dem Namen Israel über die Wuth der Juden, die ihn von seiner Jugend an verfolgt und die eben sich anschicken, eine grausame Geißelung über ihn zu verhängen; er verkündet zugleich die Züchtigungen, welche der Gottesmord auf sie herabziehen wird.

Graduale.

Entreiße mich, Herr, meinen Feinden, lehre mich deinen Willen thuen.

Du mein Erretter von den zornigen Völkern, Du wirst mich erlösen über die, so sich auflehnen über mich, vom ungerechten Manne mich erlösen.

Traktus.

Oft drängten sie mich von meiner Jugend auf.

So sage nun, Israel: Oft drängten sie mich von meiner Jugend auf.

Aber sie konnten mir nicht an, auf meinen Rücken schlugen die Sünder mir Striemen.

Sie machten’s lang mit ihrer Bosheit; aber der Herr war gerecht, zerhieb der Sünder Nacken.

Evangelium.

Fortsetzung des heiligen Evangeliums nach Johannes Cap. 8.

In derselben Zeit sagte Jesus zu den Juden: Wer aus euch kann mich einer Sünde beschuldigen? Wenn ich euch die Wahrheit sage, warum glaubet ihr mir nicht? Wer aus Gott ist, der höret auf Gottes Wort; darum höret ihr nicht darauf, weil ihr nicht aus Gott seid. Da antworteten die Juden und sprachen zu ihm: Sagen wir nicht recht, daß Du ein Samaritan bist und einen Teufel hast? Jesus antwortete: Ich habe keinen Teufel, sondern ich ehre meinen Vater; ihr aber entehret mich. Doch ich suche meine Ehre nicht, es ist Einer, der suchet und richtet. Wahrlich, wahrlich sage ich euch, wenn Jemand meine Worte hält, wird er in Ewigkeit den Tod nicht sehen. Da sprachen die Juden: Nun erkennen wir, daß Du einen Teufel hast. Abraham und die Propheten sind gestorben und Du sagst: Wenn Jemand meine Worte hält, der wird in Ewigkeit den Tod nicht kosten! Bist Du denn größer, als unser Vater Abraham, der gestorben ist? Und die Propheten sind gestorben. Was machest Du aus Dir selbst? Jesus antwortete: Wenn ich mich selbst ehre, so ist meine Ehre nichts; mein Vater ist es, der mich ehret, von welchem ihr saget, daß er euer Gott sei. Doch ihr kennet ihn nicht; ich aber kenne ihn und wenn ich sagen würde: ich kenne ihn nicht, so wäre ich ein Lügner, gleichwie ihr. Ich kenne ihn und halte seine Worte. Abraham, euer Vater, hat frohlockt, daß er den Tag meiner Ankunft sehen werde: er sah ihn und freute sich. Da sprachen die Juden zu ihm: Du bist noch nicht fünfzig Jahre alt und hast Abraham gesehen? Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, wahrlich sage ich euch, ehe denn Abraham war, bin ich. Da hoben sie Steine auf, um auf ihn zu werfen. Jesus aber verbarg sich und ging hinweg aus dem Tempel.

Man sieht es, die Wuth der Juden hat ihren Höhepunkt erreicht und Jesus ist in die Nothwendigkeit versetzt, vor ihnen zu fliehen. Bald werden sie ihn sterben lassen. Aber wie verschieden ist ihr Loos von dem seinigen: aus Gehorsam gegen die Rathschlüsse seines himmlischen Vaters, aus Liebe zu den Menschen überlieferte er sich ihren Händen und sie bringen ihn zum Tode; aber siegreich wird er aus dem Grabe auferstehen. Er wird zum Himmel auffahren und dort seinen Platz zur Rechten seines Vaters einnehmen. Sie dagegen, nachdem ihre Wuth gesättigt, werden ohne Gewissensbisse bis zu dem schrecklichen Erwachen schlafen, das ihnen bereitet worden ist. Man fühlt, daß die Verwerfung dieser Menschen eine unwiderrufliche ist. Mit welcher ernsten Strenge sagt ihnen der Heiland: „Ihr höret nicht auf Gottes Wort, weil ihr nicht aus Gott seid.“ Und doch gab es eine Zeit, wo auch sie aus Gott waren; denn der Herr gibt seine Gnade Allen; aber sie haben diese Gnade unbenützt gelassen und so treiben sie sich in der Finsterniß umher und werden das Licht nicht mehr schauen, das sie zurückgewisen haben.

„Ihr saget, daß der Vater euer Gott ist, doch ihr kennet ihn nicht.“ Eben weil sie den Messias mißkannten, kam die Synagoge schließlich dahin, daß sie auch den wahren und einzigen Gott, auf dessen Verehrung sie so stolz war, nicht mehr kannte; in der That, hätte sie den Vater gekannt, würde sie den Sohn nicht zurückgestoßen haben. Moses, die Psalmen, die Propheten sind ihnen versiegelte Bücher und die heiligen Schriften werden bald in die Hände der Heiden übergehen, welche sie lesen und verstehen werden. „Wenn ich sagen würde, ich kenne den Vater nicht, wäre ich ein Lügner, gleichwie ihr.“ Aus diesen harten Worten Jesu fühlt man schon den Grimm des Richters heraus, welcher am jüngsten Tage herabsteigen wird, um die Köpfe der Sünder an der Erde zu zerschellen. Jerusalem hat nicht die Zeit der Heimsuchung erkannt; der Sohn Gottes kam in die heilige Stadt der Juden und sie wagt ihm zu sagen, „daß er von einem Teufel besessen ist!“ Sie sagt dem Sohne Gottes, dem ewigen Worte, das seine göttliche Abstammung durch die glänzendsten Wunder beweist, daß Abraham und die Propheten mehr sind, als er, Seltsame Verblendung, eine Ausgeburt des Hochmuthes und der Herzensverhärtung! Ostern ist nahe; diese Menschen werden, genau der religiösen Vorschrift folgend, das figürliche Lamm essen; sie wissen, daß dies Lamm nur vorbildlich ist, daß dies Vorbild sich verwirklichen soll; das wahre Lamm wird durch ihre gottesräuberischen Hände geschlachtet und sie erkennen es nicht! Sein auch für sie vergossenes Blut wird sie nicht retten. Ihr Unglück läßt uns an so viele verhärtete Sünder denken, für deren Bekehrung die Ostern dieses Jahres ebenso unfruchtbar sein wird, wie die Ostern der vergangenen Jahre; verdoppeln wir unsere Gebete für sie; bitten wir, daß das göttliche Blut, das sie mit Füßen treten, nicht gegen sie vor dem Throne des himmlischen Vaters um Gerechtigkeit schreie.

Im Offertorium entnimmt der Christ voll Vertrauen auf die Verdienste des Blutes, das ihn wiedererkauft, Davids Worte, um Gott zu loben und ihn als den Urheber dieses neuen Lebens anzuerkennen, dessen unversiegliche Quelle der Opfertod Jesu Christi ist.

Offertorium.

Lobsingen will ich Dir, Herr, von meinem ganzen Herzen. Thue Gutes deinem Knechte, so will ich leben und bewähre deine Reden. Belebe mich nach deinem Worte, o Herr.

Das Opfer des makellosen Lammes hat zwei Wirkungen auf den sündigen Menschen hervorgebracht: es hat seine Ketten gebrochen und ihn wieder zum Gegenstand des Wohlgefallens des himmlischen Vaters gemacht. In dem Stillgebet bittet nun die Kirche, daß das Opfer, das sie eben darbringt und welches kein anderes ist, als das Opfer am Kreuze, auch für uns dieselben günstigen Erfolge habe.

Stillgebet.

Wir bitten Dich, o Herr, laß dies Opfer sowohl die Bande unserer Bosheit zerbrechen, als auch die Gabe deiner Barmherzigkeit uns zuwenden. Durch unseren Herrn Jesum Christum. Amen.

Für die Kirche.

Beschirme uns, o Herr, da wir deinen Geheimnissen dienen, damit wir, göttlichen Dingen hingegeben, Dir mit Leib und Seele dienen. Durch unseren Herrn Jesum Christum. Amen.

Für den Papst.

Durch die dargebrachten Gaben, wir bitten Dich, o Herr! laß Dich versöhnen und leite deinen Diener N., welchen Du zum Hirten deiner Kirche aufgestellt hast, mit immerwährendem Schutze. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Die Antiphon der Communio bilden die eigenen Worte Jesu Christi, welche derselbe bei der Einsetzung des eben gefeierten heiligen Meßopfers gesprochen. Priester und Gläubige nehmen heute zum Gedächtnisse seines bitteren Leidens und seines unendlichen Verdienstes an demselben Theil.

Communion.

Dies ist mein Leib, der für euch hingegeben wird, dies ist der Kelch des neuen Bundes in meinem Blute, sagt der Herr; so oft ihr dieses nehmt, thuet dies zu meinem Andenken.

In der Postcommunio bittet die Kirche Gott, den Gläubigen die Früchte der Heimsuchung, deren er sie durch die Theilnahme an den heiligen Geheimnisse gewürdigt, zu bewahren.

Postcommunio.

Stehe uns bei, Herr, unser Gott, und schütze durch deine beständige Hilfe Diejenigen, welche Du durch deine Geheimnisse gestärkt hast. Durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.

Für die Kirche.

Wir bitten Dich, o Herr, unser Gott, daß Du Diejenigen keinen irdischen Gefahren erliegen lässest, denen Du deiner göttlichen Gnadenerweisung sich zu erfreuen gewährst.

Für den Papst.

Dieser Empfang des hochheiligen Sakramentes, wir bitten Dich, o Herr, beschütze uns und erhalte stets und bestärke deinen Diener N., den Du zum Hirten deiner Kirche aufgestellt hast, sammt der ihm anvertrauten Heerde. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Sechster Band: Die Passions- und die Charwoche; Mainz 1877; S. 112-123]

Dom Guéranger zum Passionssonntag (1/3)

Der Passionssonntag.

Heute, wenn ihr die Stimme des Herrn höret, verhärtet eure Herzen nicht!

Mit diesen inhaltsschweren Worten des königlichen Propheten beginnt heute die Kirche die Matutin. Ehedem erachteten es die Gläubigen als eine Pflicht, mindestens an Sonn- und Festtagen diesem nächtlichen Gottesdienste beizuwohnen; sie hielten darauf, nicht von den ernsten Unterweisungen zu verlieren, welche die heilige Liturgie gibt. Aber manches Jahrhundert schon ward das Haus Gottes nicht mehr mit dem Eifer besucht, welcher die Freude unserer Väter war und nach und nach hat auch der Klerus aufgehört, einen Gottesdienst öffentlich abzuhalten, der nicht mehr besucht wurde. Außer den Kapiteln und Klöstern tönt nicht mehr im harmonischen Gesang des Lob Gottes und die Wunder der Liturgie sind den Gläubigen kaum noch unvollständig bekannt.

Dies veranlaßt uns, die Aufmerksamkeit unserer Leser auf gewisse Punkte des Gottesdienstes zu lenken, welche sonst vielleicht ihrer Beachtung entgehen dürften. Was gibt es wohl Geeigneteres, das Herz zu bewegen, als die feierliche Aufforderung, welche heute die Kirche David entlehnt, um sie an uns zu richten, und welche sie bis zum Gründonnerstage jeden Morgen wiederholen wird? „Sünder,“ sagt sie uns an diesem Tage, da die klagende Stimme des Erlösers beginnt, sich vernehmbar zu machen, „seid nicht so sehr Feinde eurer selbst, daß ihr euer Herz in der Verhärtung lasset. Der Sohn Gottes schickt sich an, euch das beste und lebendigste Zeichen seiner Liebe zu geben, welche ihn antrieben, vom Himmel herabzusteigen; sein Tod ist nahe: bereits bereitet man das Holz zum Opfer des neuen Isaak; halten darum Einkehr in euch selbst und gebt nicht zu, daß euer vielleicht einen Augenblick bewegtes Herz in seine gewohnte Verhärtung zurückfalle.“ Darin läge die denkbar größte Gefahr; diese rührenden Jahresgedächtnisse haben die Kraft, die Seelen derer zu erneuern, welche der ihnen dargebotenen Gnade willig entgegenkommen; aber sie machen auch Diejenigen verstockter, welche sie vorübergehen lassen, ohne sich zu bekehren. „Wenn ihr also heute die Stimme des Herrn höret, so verhärtet eure Herzen nicht!“

Im Laufe der letzten Woche haben wir die Bosheit der Feinde des Heilandes von Tag zu Tag steigen sehen. Seine Anwesenheit, sein bloßer Anblick erregt schon ihren Groll und man fühlt, daß dieser zusammengepreßte Haß nur des günstigen Augenblickes wartet, um sich Luft zu machen. Die Güte, die Sanftmuth Jesu ziehen fortwährend einfache, rechtliche Seelen zu ihm, während die Niedrigkeit seines Lebens und die unbeugsame Reinheit seiner Lehre den stolzen Juden, der einen welterobernden Messias erwartet, und den Pharisäer, der an einem göttlichen Gesetze so lange herumdeutelt, bis es sich zum Werkzeuge seiner Leidenschaften gebrauchen läßt, immer mehr abstößt. Unterdessen fährt Jesus fort, unbeirrt Wunder zu wirken; seine Worte tragen ein neues energisches Gepräge; seine Vorherverkündigungen sind Drohungen gegen die Stadt und den Tempel, von welchem auch nicht ein Stein auf dem anderen bleiben soll. Die Schriftgelehrten sollten doch zum Mindesten nachdenken, sie sollten einer sorgfältigen Prüfung die Wunderthaten unterziehen, welche ein so glänzendes Zeugniß von dem Sohne Davids ablegen; sie sollten die Fülle göttlicher Vorhersagungen wieder und wieder lesen, welche alle in ihm ihre bis in’s Kleinste gehende Erfüllung fanden. Ach, sie schickten sich eben an, daß diese Prophezeiungen bis an ihr äußerstes und letztes Ende Wahrheit werden. Auch nicht einen einzigen Zug der Demüthigungen und Leiden des Messias haben David und Isaias vorher verkündigt, den diese Verblendeten nicht eifrig ihm zuzufügen bestrebt waren.

An ihnen erfüllt sich also das schreckliche Wort: „Wer wider den Heiligen Geist redet, dem wird weder in dieser, noch in der zukünftigen Welt vergeben werden [Matth. 12, 32].“ Die Synagoge eilt ihrem Fluche entgegen. Hartnäckig in ihrem Irrthume beharrend, will sie nichts hören und nichts sehen; ihre eigene Urtheilskraft hat sie ihrem Hasse zu gefallen verdunkelt; das Licht des Heiligen Geistes hat sie in sich erstickt und so sehen wir sie denn von Verirrung zu Verirrung taumeln, bis sie in den geöffneten Abgrund hineinstürzt. Beklagenswerthes Schauspiel, dem man nur allzu häufig auch in unseren Tagen bei jenen Sündern begegnet, welche dem göttlichen Lichte mit Gewalt Widerstand leisten, bis sie eine entsetzlich trügerische Ruhe in der Finsterniß finden. Staunen wir nicht, wenn wir in anderen Menschen Zügen begegnen, die wir an den schuldigen Urhebern des furchtbaren Dramas von Jerusalem beobachten. Die Leidensgeschichte des Sohnes Gottes wird uns mehr als eine Lehre über die traurigen Geheimnisse des menschlichen Herzens und seiner Leidenschaften geben; es könnte nicht anders sein; denn was sich in Jerusalem zuträgt, ereignet sich auch im Herzen des sündigen Menschen; dies Herz ist ein Calvarienberg, auf welchem, wie der Apostel sagt, Jesus Christus nur zu oft gekreuzigt wird; es ist dieselbe Undankbarkeit, dieselbe Verblendung, dieselbe Wuth: nur mit dem Unterschiede, daß der Sünder, wenn er vom Lichte des Glaubens erleuchtet ist, Denjenigen kennt, den er kreuzigt, während die Juden, wie uns der heilige Paulus belehrt, nicht wie wir diesen Herrn der Herrlichkeit [1. Corinth. 2, 8], den wir an das Kreuz heften, erkannt haben. Wenn wir die nun Tag für Tag folgenden Erzählungen aus dem Evangelium betrachten, so möge daher unsere sehr gerechtfertigte Entrüstung sich nicht ausschließlich gegen die Juden, sondern auch gegen uns selbst und unsere Sünden kehren. Weinen wir mit heißen Thränen über die Leiden unseres Opfers; denn unsere Sünden sind es, die dasselbe nothwendig gemacht haben!

Alles, was wir sehen, ist darauf berechnet, uns schmerzlich zu berühren; selbst auf dem Altare ist das Kreuz mit einem düsteren Schleier verhüllt; die Kirche ist in der Erwartung des größten Unglückes. Nicht mehr mit der Buße des Gottmenschen unterhält sie uns; sie zittert bei dem Gedanken an die ihn bedrohenden Gefahren. In wenig Augenblicken lesen wir im Evangelium, daß der Sohn Gottes auf dem Punkte stand, als Gotteslästerer gesteinigt zu werden; aber seine stunde war noch nicht gekommen. Er mußte fliehen und sich verbergen. Um diese unerhörte Erniedrigung des Sohnes Gottes uns recht augenfällig zu zeigen, hat die Kirche das Kreuz verhüllt. Ein Gott, der sich verbirgt, um dem Zorn der Menschen zu entgehen! Welche entsetzliche Verkehrtheit! Soll das Schwäche oder Furcht vor dem Tode bedeuten? Der bloße Gedanke daran wäre eine Lästerung; bald genug werden wir ihn seinen Feinden entgegen gehen sehen. Jetzt aber entzieht er sich der Wuth der Juden, weil noch nicht Alles, was über ihn vorausgesagt wurde, erfüllt ist. Ueberdies soll er nicht gesteinigt werden; kein Leben soll er am Baume der Verwünschung aushauchen, der von da an der Baum des Lebens wird. Demüthigen wir uns, wenn wir den Schöpfer Himmels und der Erde so weit gekommen sehen, daß er sich den Blicken der Menschen entzieht, um ihrer Wuth zu entgehen. Denken wir an jenen beklagenswerthen Tag der ersten Sünde, da Adam und Eva schuldbewußt sich verbargen, um sie der Verzeihung zu versichern, und siehe da, auch er verbirgt sich; nicht weil er nackt ist, er, der für seine Heiligen das Kleid der Heiligkeit und Unsterblickeit ist, sondern weil er sich schwach gemacht hat, um uns unsere Stärke wiederzugeben. Unsere Stammeltern suchten sich den Blicken Gottes zu entziehen; er verbirgt sich vor dem Auge der Menschen; aber dies wird nicht immer so bleiben: es wird der Tag kommen, wo die Sünder, vor denen er heute zu fliehen scheint, Felsen und Berge anflehen werden, daß sie über sie fallen und sie seinem furchtbaren Anblicke entrücken; aber vergebens wird ihr Flehen sein; sie werden den Menschensohn kommen sehen in den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit [Matth. 24, 30].

Dieser Sonntag heißt Passionssonntag, weil die Kirche heute beginnt, sich ganz besonders mit dem Leiden des Erlösers zu beschäftigen; man nennt ihn auch Judica vom ersten Worte des Introitus der Messe; endlich Sonntag der Neomenie, d. h. des österlichen Neumonds, weil er stets auf den Neumond folgt, nach welchem sich das Osterfest richtet.

In der griechischen Kirche hat er keinen besonderen Namen, sondern wird nur als der fünfte Fastensonntag bezeichnet.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Sechster Band: Die Passions- und die Charwoche; Mainz 1877; S. 107-112]

Dom Guéranger zum vierten Fastensonntag (3/3)

Zur Vesper.

[…]

Capitulum.

Brüder, es stehet geschrieben: Abraham hatte zwei Söhne, einen von der Magd und einen von der Freien. Aber der von der Magd war dem Fleische nach geboren und der von der Freien vermöge der Verheißung. Das ist bildlich gesprochen.

Gott sei Dank.

[…]

Antiphon zum Magnificat.

Jesus ging also auf den Berg und setzte sich dort nieder mit seinen Jüngern.

Gebet.

Verleihe uns, wir bitten Dich, allmächtiger Gott, daß wir, die wir unter dem Drucke der Sünden nach Verdienst leiden, durch die Tröstungen deiner Gnade Erleichterung finden mögen. Durch unseren Herrn Jesum Christum. Amen.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Fünfter Band: Die heilige Fastenzeit; Mainz 1877; S. 359-360]

Dom Guéranger zum vierten Fastensonntag (2/3)

Zur Messe.

Die siebenzig Jahre der Gefangenschaft werden bald vorüber sein; noch eine kurze Zeit, so kehren die Verbannten nach Jerusalem zurück; dieser Gedanke der Kirche geht durch die ganze Messe. Sie wagt noch nicht geradezu, das göttliche Alleluja anzustimmen; aber gleichwohl dringt ein Ton des Jubels aus ihrem Herzen; denn sie weiß, daß binnen Kurzem das Haus des Herrn seines Schmerzes ledig und in vollem Glanze wieder prangen wird.

Introitus.

Freue dich, Jerusalem, und versammelt euch Alle, die ihr es liebt; seid mit ihr fröhlich, in Freuden, Alle, die ihr über sie trauert; damit ihr sauget und satt werdet von den Brüsten ihres Trostes.

Ich freue mich, wenn man mir sagt: Lasset uns gehen zum Hause des Herrn. Ehre sei dem Vater. Freue dich.

In der Collecte bekennt die Kirche, daß ihre Kinder die Buße, welche sie sich auferlegen, verdient haben; aber sie erfleht für sie die Gunst, heute ein wenig aufathmen und sich der Hoffnung auf die ihnen bevorstehenden Tröstungen freuen zu dürfen.

Collecte.

Verleihe uns, wir bitten Dich, allmächtiger Gott! daß wir, die wir unter dem Drucke der Sünden nach Verdienst leiden, durch die Tröstungen deiner Gnade Erleichterung finden mögen. Durch unseren Herrn Jesum Christum. Amen.

Die zweite und dritte Collecte siehe […] beim ersten Fastensonntag […].

Epistel.

Lesung des Briefes des seligen Apostels Paulus an die Galather Cap. 4.

Brüder, es stehet geschrieben: Abraham hatte zwei Söhne, einen von der Magd und einen von der Freien. Aber der von der Magd war dem Fleische nach und der von der Freien kraft der Verheißung geboren. Das hat eine höhere Bedeutung; denn es bedeutet die zwei Testamente, das eine nämlich, auf dem Berge Sinai, welches zur Dienstbarkeit gebiert, welches die Agar ist. Der Sinai ist ein Berg in Arabien, der in Verbindung mit dem jetzigen Jerusalem ist, das mit seinen Kiindern dient, jenes Jerusalem von oben aber ist die Freie und unsere Mutter; davon steht geschrieben: Freue dich, du Unfruchtbare, die du nicht gebärest, frohlocke und jauchze, die du keine Geburtswehen hast; denn viele Kinder hat die Verlassene, mehr als die den Mann hatte. Wir nämlich, Brüder, sind wie Isaak, Kinder der Verheißung. Aber so wie damals der nach dem Fleische Geborene den verfolgteder es dem Geiste nach war: so geschieht es auch jetzt. Aber was sagt die Schrift: Treib aus die Magd und ihren Sohn, denn der Sohn der Magd soll nicht Erbe sein mit dem Sohne der Freien! Demnach, Brüder, sind wir nicht Kinder der Magd, sondern der Freien! und mit dieser Freiheit hat Christus uns befreiet.

Freuen wir uns denn, Kinder Jerusalems, nicht mehr Kinder des Sinai! Die Mutter, die uns geboren, die heilige Kirche, ist keine Magd, sie ist frei und für die Freiheit hat sie uns zur Welt gebracht. Israel diente dem Herrn in Zittern; sein dem Götzendienste allezeit zugeneigtes Herz bedurfte der Furcht, die es unaufhörlich zusammenschnürte und das Joch drückte seine Schultern wund. Glücklicher als Israel dienen wir in Liebe; uns ist daher das Joch süß und die Bürde leicht [Matth. 11, 30]; wir sind keine Erdenbürger, wir sind nur Erdenpilger, und unser einziges Vaterland ist das himmlische Jerusalem. Das Irdische lassen wir dem Juden, der nur an irdischen Dingen Gefallen findet und dessen Hoffnungen so niedrig waren, daß er Christum nicht kennt und sich anschickt, ihn zu kreuzigen. Allzu lange schon klebten wir mit ihm an der Erde, die Sünde hielt uns in Banden und je schwerer die Sklaverei auf uns lastete, um so freier glaubten wir zu sein. Nun ist die günstige Stunde da, die Tage des Heils sind angebrochen und dem Rufe der Kirche gehorsam, haben wir das Glück gehabt, den Geist und die Uebungen dieser heiligen vierzig Tage aufzunehmen. Heute erscheint uns bereits die Sünde als das drückendste Joch, das Fleisch als eine gefährliche Bürde, die Welt als ein erbarmungsloser Tyrann; wir beginnen aufzuathmen und die Erwartung baldiger Erlösung läßt unser Herz jubeln. Sagen wir vor Allem unserem Erlöser Dank, der uns aus der Knechtschaft Agars hervorzieht, uns von den Schrecken des Sinai befreit und indem er uns an die Stelle seines alten Volkes setzt, durch sein Blut die Pforten des himmlischen Jerusalems öffnet.

Das Graduale verleiht der Freude der Heiden Ausdruck, welche berufen werden, im Hause des Herrn, das von nun an unter ihnen steht, Platz zu nehmen. Der Traktus preist den göttlichen Schutz der Kirche und das neue Jerusalem, welches nicht wie das erste erschüttert wird. Diese heilige Stadt theilt ihren Kindern die Sicherheit, deren sie sich selbst erfreut, mit; denn der Herr wacht über sein Volk, wie über sie selbst.

Graduale.

Ich freue mich, wenn man mir sagt: Lasset uns gehen im Hause des Herrn.

Es werde Friede in deiner Kraft und Ueberfluß in deinen Thürmen.

Traktus.

Die auf den Herrn vertrauen, sind wie der Berg Sion; es wanket nicht in Ewigkeit, der wohnet zu Jerusalem.

Rings herum sind Berge und der Herr rings um sein Volk, von nun an bis in Ewigkeit.

Evangelium.

Fortsetzung des heiligen Evangeliums nach Johannes Cap. 6.

In derselben Zeit fuhr Jesus über das galiläische Meer, an welchem die Stadt Tiberias liegt. Und es folgte ihm eine große Menge Volkes nach, weil sie die Wunder sahen, die er an den Kranken wirkte. Da ging Jesus auf den Berg und setzte sich daselbst mit seinen Jüngern nieder. Es war aber das Osterfest der Juden sehr nahe. Als nun Jesus die Augen aufhob und sah, daß eine sehr große Menge Volkes zu ihm gekommen sei, sprach er zu Philippus: Woher werden wir Brod kaufen, daß diese essen? Das sagte er aber, um ihn auf die Probe zu stellen, denn er wußte wohl, was er thun wollte. Philippus antwortete ihm: Brod für zweihundert Zehner ist nicht hinreichend für sie, daß Jeder nur etwas Weniges bekomme. Da sprach einer von seinen Jüngern, Andreas, der Bruder des Simon Petrus: Es ist ein Knabe hier, der fünf Gerstenbrode und zwei Fische hat; allein was ist das unter so Viele? Jesus aber sprach: Lasset die Leute sich setzen! Es war aber viel Gras an dem Orte. Da setzten sich die Männer, gegen fünftausend an der Zahl. Jesus aber nahm die Brode und nachdem er gedankt hatte, theilte er sie denen aus, welche sich niedergesetzt hatten, deßgleichen auch von den Fischen so viel sie wollten. Als sie aber satt waren, sprach er zu seinen Jüngern: Sammelt die übrig gebliebenen Stücklein, damit sie nicht zu Grunde gehen. Da sammelten sie und füllten zwölf Körbe mit Stücklein von den fünf Gerstenbroden, welche denen, die gegessen hatten, übrig geblieben waren. Da nun diese Menschen das Wunder sahen, welches Jesus gewirkt hatte, sprachen sie: Dieser ist wahrhaftig der Prophet, welcher in die Welt kommen soll! Als aber Jesus erkannte, daß sie kommen und ihn mit Gewalt nehmen würden, um ihn zu ihrem Könige zu machen, floh er abermals auf den Berg, er allein.

Die Menschen, welche der Heiland mit so viel Liebe und so wunderbarer Macht gesättigt, hatten nur einen Gedanken: sie wollten ihn zu ihrem Könige ausrufen. Sie erachteten Jesum, welcher eine solche Macht und Güte in sich vereinigte, würdig, über sie zu herrschen. Was sollen nun wir thuen, wir Christen, denen die Macht und Güte des Heilandes um Vieles besser bekannt ist, als diesen armen Juden? Das Geringste ist, daß auch wir ihn berufen, von heute an in uns zu herrschen. In der Epistel haben wir gesehen, daß er uns die Freiheit gebracht, indem er uns aus den Händen unserer Feinde riß. Diese Freiheit können wir nur unter seinem Gesetz uns bewahren. Jesus ist kein Tyrann wie die Welt oder das Fleisch; sein Reich ist sanft und friedlich, und wir sind mehr seine Kinder, als seine Unterthanen. An dem Hofe dieses großen Königs dienen heißt herrschen; bei ihm vergessen wir unsere ganze vergangene Sklavenzeit und wenn einige Ketten uns noch drücken, brechen wir sie; denn Ostern ist das Fest der Erlösung, und bereits dämmert der große Tag herauf. Gehen wir, ohne zu wanken, diesem Ziele entgegen. Jesus wird uns Ruhe gewähren, er wird uns, wie das Volk des heutigen Evangeliums, auf den Rasen niedersitzen heißen und über dem Brode, das er uns bereitet hat, werden wir bald die Mühen des Weges vergessen.

Im Offertorium fährt die Kirche fort, mit den Worten Davids den Herrn zu loben. Heute preist sie ganz besonders dessen Güte und Macht.

Offertorium.

Lobet den Herrn, denn gut ist der Herr; lobsinget seinem Namen, denn er ist lieblich; Alles, was er will, macht der Herr im Himmel und auf Erden.

Das Stillgebet erfleht für das gläubige Volk, daß durch die Verdienste des eben dargebrachten Opfers, welches die Quelle des Heiles ist, seine Frömmigkeit zunehme.

Stillgebet.

Siehe, wir bitten Dich, o Herr, huldvoll auf das Opfer herab, welches wir Dir jetzt darbringen, damit es uns zur Vermehrung der Andacht und zum Heile gereiche. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Das zweite und dritte Stillgebet siehe […] beim ersten Fastensonntag […].

In der Antiphon der Communion preist die Kirche die Herrlichkeit des himmlischen Jerusalem, welche durch die erhabene Basilika des heiligen Kreuzes mit dem geheimnißvollen Beinamen versinnbildet wird. Sie besingt die Freude der Schaaren des Herrn, die sich im Umkreise dieses Tempels sammeln, um unter dem anmuthigen Bilde der Rose den göttlichen Bräutigam der menschlichen Natur zu betrachten, der die Gläubigen durch seinen Wohlgeruch anzieht.

Communion.

Jerusalem ist gebaut wie eine Stadt und ist zur Gemeinschaft zusammengefügt. Da wallen die Stämme hinauf, die Stämme des Herrn, um deinen Namen zu loben, o Herr!

An diesem Tage, da das göttliche Geheimniß des Lebensbrodes unserem Glauben und unserer Liebe vorgestellt wird, erfleht die Kirche für uns in der Postcommunion die Gnade, daß wir stets an demselben mit der Ehrfurcht und der Vorbereitung theilnehmen, welche einem so erhabenen Geheimnisse gebühren.

Postcommunio.

Verleihe uns, wir bitten Dich, allmächtiger Gott, daß wir deine heiligen Geheimnisse, mit welchen wir unablässig genährt werden, mit aufrichtiger Ehrerbietung behandeln und mit gläubigem Herzen allzeit genießen. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Die zweite und dritte Postcommunio wie am ersten Fastensonntag […].

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Fünfter Band: Die heilige Fastenzeit; Mainz 1877; S. 352-359]