Dom Guéranger zum Sonntag in der Octave des Fronleichnamsfestes (3/3)

Zur Vesper.

Die Vesper des Sonntags in der Octave des Frohnleichnamsfestes ist dieselbe, wie am Frohnleichnamsfeste selbst […], mit Ausnahme des Folgenden.

Capitulum.

(1. Joh. 3.)

Geliebteste! Verwundert euch nicht, wenn euch die Welt hasset; wir wissen, daß wir von dem Tod in’s Leben übersetzt worden sind, weil wir die Brüder lieben.

Versikel.

V. Er speiste sie mit dem Marke des Waizens. Alleluja.

R. Und sättigte sie mit Honig aus dem Felsen. Alleluja.

Antiphon zum Magnificat.

Gehe schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt, und nöthige die Armen, Schwachen, Blinden und Lahmen hereinzukommen, damit mein Haus voll werde. Alleluja.

Gebet.

Vor deinem heiligen Namen, o Herr! laß uns in stetiger Ehrfurcht und Liebe wandeln; darum bitten wir Dich, wohlbewußt, daß deine Regierung niemals weichet von denen, die Du einmal in Ehrfurcht und Liebe festbegründet hast. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Commemoration des Frohnleichnamsfestes.

Antiphon.

O hochheiliges Mahl, in welchem Christus genossen, das Andenken seines Leidens gefeiert, der Geist mit Gnade erfüllt und das Unterpfand der künftigen Herrlichkeit uns gegeben wird. Alleluja.

Versikel.

V. Du gabst ihnen Brod vom Himmel, o Herr! Alleluja.

R. Das alle Annehmlichkeiten in sich hat. Alleluja.

Gebet.

Gott! Der Du uns das Andenken deines Leidens unter dem wundervollen Sakramente zurückgelassen hast; verleih’ uns, wir bitten Dich, daß wir die Geheimnisse deines Leibes und Blutes so nach Würde verehren, daß wir die Frucht deiner Erlösung an uns immerfort erfahren mögen. Der Du lebst und regierst mit Gott dem Vater.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Zehnter Band: Die Zeit nach Pfingsten; Mainz 1881; S. 377-378]

Dom Guéranger zum Sonntag in der Octave des Fronleichnamsfestes (2/3)

Zur Messe.

In Folge der Bestrebungen, die im Anfange dieses Jahrhundderts die Zahl der kirchlichen Feiertage möglichst zu beschränken suchten, Bestrebungen, denen der heilige Stuhl theilweise nachzugeben sich genöthigt sah, wird das Frohnleichnamsfest an manchen Orten an dem darauffolgenden Sonntag, also heute, begangen. Wo dies der Fall, gilt für heute die Messe des Frohnleichnamstages und man thut darin des heutigen Sonntags in gewöhnlicher Weise Erwähnung. Wo dagegen das Frohnleichnamsfest an seinem eigentlichen Tage gefeiert wird, da tritt gerade das Umgekehrte ein. Es findet dann die diesem Sonntag eigenthümlichste Messe, d. h. die Messe für den zweiten Sonntag nach Pfingsten statt, unter Commemoration des Frohnleichnamsfestes.

Der Introitus ist dem 17. Psalm entnommen. Er besingt die Wohlthaten des Herrn, der sein Volk beschützt und es von seinen Feinden befreit. Preisen wir in der Liebe Gottes unsere sichere Zuflucht und feste Stütze.

Introitus.

Der Herr ward mein Beschützer, und er führte mich in’s Weite: rettete mich, weil er mich liebte.

Ich will Dich lieben, Herr, meine Stärke! Herr, meine Feste und meine Zuflucht und mein Helfer!

Ehre sei dem Vater etc.

Der Herr ward etc.

Die Kirche erfleht für uns in der Collecte die Furcht und Liebe des heiligen Namens des Herrn. In Wirklichkeit ist die Furcht, von der es sich hier handelt, die Furcht der Kinder vor ihrem Vater. Die Liebe wird dadurch keineswegs ausgeschlossen; im Gegentheile, sie befestigt dieselbe, indem sie uns vor Nachlässigkeit und Verirrungen schützt, in welche nur zu viele Seelen eine falsche Vertraulichkeit hineinziehen würde.

Collecte.

Laß uns, o Herr, auf immer Furcht vor deinem heiligen Namen und zugleich Liebe zu ihm haben: weil Du niemals mit deiner Leitung Jene verlässest, welche Du auf den festen Grund deiner Liebe gründest. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Commemoration des Frohnleichnamsfestes.

O Gott, welcher Du uns unter dem wunderbaren Sakramente ein Andenken an dein Leiden hinterlassen hast: wir bitten Dich, gewähre uns, daß wir die heiligen Geheimnisse deines Leibes und Blutes so feiern, daß wir die Frucht deiner Erlösung stets in uns empfinden. Der Du lebst und regierst von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Epistel.

Lesung des ersten Briefes des heiligen Apostels Johannes Cap. 3.

Theuerste! Verwundert euch nicht, wenn euch die Welt hasset. Wir wissen, daß wir vom Tode in’s Leben übersetzt worden sind, weil wir die Brüder lieben. Wer nicht liebet, der bleibet im Tode. Jeder, der seinen Bruder hasset, ist ein Menschenmörder, und ihr wisset, daß kein Menschenmörder das ewige Leben in sich wohnend hat. Daran haben wir die Liebe Gottes erkannt, daß er sein Leben für uns dahin gab; und auch wir sollen für die Brüder das Leben lassen. Wer die Güter dieser Welt hat und doch, wenn er seinen Bruder Noth leiden sieht, sein Herz vor ihm verschließt, wie bleibet die Liebe Gottes in ihm? Meine Kindlein, lasset uns nicht mit Worten und mit der Zunge lieben, sondern in der That und Wahrheit.

Diese rührenden Worte des Liebesjüngers konnten an keinem geeigneteren Orte dem gläubigen Volke ins Gedächtniß gerufen werden, als während der glänzenden Octave, die indessen ihren Lauf weiter verfolgt. Die Liebe Gottes zu uns ist das Muster wie der vernünftige Grund dessen, was wir unsern Nächsten schuldig sind. Die göttliche Liebe ist das Urbild der unserigen. „Ich habe euch ein Beispiel gegeben,“ sagt der göttliche Heiland, „damit auch ihr so thuet, was ich euch gethan habe [Joh. 13, 15].“ Wenn diese Liebe nun so weit ging, daß er sein Leben hingab, so folgt daraus, daß wir nöthigenfalls auch unser Leben auf’s Spiel setzen müssen, um unsere Brüder zu retten. Um wie viel mehr also müssen wir in ihren Nöthen ihnen helfen, wenn dies in unserer Macht steht. Wir müssen sie lieben nicht blos mit Worten und der Zunge, sondern in der That und Wahrheit.

Der göttliche Gedächtnißtag, der in seinem Glanze über uns strahlt – ist derselbe etwas Anderes, als der beredte Beweis der unendlichen Liebe, das wirkliche Denkmal und die fortwährende Darstellung jenes Todes für die Brüder, auf welchen sich der Apostel bezieht?

Auch wartete der Herr mit der Verkündigung des Gesetzes der Bruderliebe, das er der Welt gebracht, bis er das göttliche Sakrament, das der mächtige Stützpunkt dieses Gesetzes sein sollte, eingesetzt hatte. Aber kaum hatte er dieses erhabene Geheimniß gegründet, kaum hatte er sich selbst unter den heiligen Gestalten dargereicht, so sprach er: „Ein neues Gebot gebe ich euch, daß ihr euch einander liebet, wie ich euch geliebt habe [Ebend. 13, 34; 15, 12].“ Ein neues Gebot fürwahr in einer Welt, deren einziges Gesetz die Selbstsucht war. Das ist das unterscheidende Merkmal, an welchem man die Jünger Christi erkennt [Ebend. 13, 35], und auf welches hin man sie dem Hasse des Menschengeschlechtes überlieferte [Tacit. Ann. 15], das gegen dieses Gesetz der Liebe sich empörte. Darin liegt die feindselige Aufnahme, welche die Welt dem neuen Volke bereitete, und auf welche die Worte des heiligen Johannes in der heutigen Epistel sich beziehen: „Geliebteste, verwundert euch nicht, wenn euch die Welt hasset. Wir wissen, daß wir vom Tode in’s Leben übersetzt worden sind, weil wir die Brüder lieben. Wer nicht liebet, der bleibt im Tode.“

Die Vereinigung der Glieder unter sich durch das göttliche Haupt ist die Existenzbedingung des Christenthums. Die Eucharistie ist die wesentliche Speise dieser Vereinigung; sie ist das mächtige Band, durch welches der mystische Leib Christi zusammengefügt ist und täglich sein Wachsthum erhält in Liebe [Ephes. 4, 16]. Die Nächstenliebe, der Friede, die Eintracht ist also nächst der Liebe zu Gott selbst, die unumgänglichste und beste Vorbereitung auf die heiligen Geheimnisse. In diesem Lichte erst wird uns die Empfehlung des Herrn klar, von welcher wir im Evangelium lesen: „Wenn du deine Gabe zu dem Altare bringst, und dich daselbst erinnerst, daß dein Bruder Etwas wider dich habe, so laß deine Gabe allda vor dem Altare, und geh’ zuvor hin, und versöhne dich mit deinem Bruder, und dann komm’ und opfere deine Gabe [Matth. 5, 23. 24].“

Das den Psalmen entnommene Graduale dankt dem Herrn für den Schutz, den er bisheran uns gewährte, und erfleht gegen die allzeit erbitterten Feinde die fortwährende Dauer dieser mächtigen Hilfe.

Graduale.

Zu dem Herrn rufe ich, wenn ich in Trübsal bin, und er erhört mich.

Herr, erlöse meine Seele von ungerechten Lippen und von trügerischen Zungen.

Alleluja, Alleluja.

Herr, mein Gott, auf Dich hab’ ich gehofft; hilf mir von all’ meinen Verfolgern und rette mich. Alleluja.

Evangelium.

Fortsetzung des heiligen Evangeliums nach Lukas Cap. 14.

In jener Zeit sprach Jesus zu den Pharisäern dieses Gleichniß: „Ein Mensch bereitete ein großes Abendmahl und lud Viele dazu ein. Und er sandte seinen Knecht zur Stunde des Abendmahls, um den Geladenen zu sagen, daß sie kämen, weil schon Alles bereit wäre. Es fingen aber Alle einstimmig an, sich zu entschuldigen. Der Erste sprach zu ihm: ‚Ich habe einen Meierhof gekauft und muß hingehen, ihn zu sehen; ich bitte dich, halt’ mich für entschuldigt!‘ Und ein Anderer sprach: ‚Ich habe fünf Joch Ochsen gekauft und gehe nun hin, sie zu versuchen; ich bitte dich, halt’ mich für entschuldigt!‘ Und ein Anderer sprach: ‚Ich habe ein Weib genommen und darum kann ich nicht kommen.‘ Und der Knecht kam zurück und berichtete dieses seinem Herrn. Da ward der Hausvater zornig und sprach zu seinem Knechte: ‚Geh’ schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen, Schwachen, Blinden und Lahmen hier herein.‘ Und der Knecht sprach: ‚Herr, es ist geschehen, wie Du befohlen hast; aber es ist noch Platz übrig.‘ Und der Herr sprach zu dem Knechte: ‚Geh’ hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nöthige sie hereinzukommen, damit mein Haus voll werde.‘ Ich sage euch aber, daß Keiner von den Männern, die geladen waren, mein Abendmahl verkosten soll.“

Das eben gelesene Evangelium war für diesen Sonntag schon längst bestimmt, bevor man an die Einsetzung des Frohnleichnamsfestes dachte. Das beglaubigt das von dem seligen Thomasi herausgegebene Capitularienbuch der Evangelien, wobei sich der Herausgeber auf Manuscripte beruft, welche weit über das dreizehnte Jahrhundert zurückgehen [Opp. t. V, p. 429]. Der Heilige Geist, welcher der Kirche in Anordnung ihrer Liturgie beisteht, hat sie im Voraus schon auf die Vervollständigung der Lehren vorbereitet, welche auf dieses große Fest Bezug haben.

Diese Parabel, welche hier der Heiland an der Tafel eines angesehenen Pharisäers erzählte [Luk. 14, 1], kam nochmals mitten im Tempel über seine göttlichen Lippen, und zwar geschah das letztere in den Tagen, die unmittelbar seinem Leiden und seinem Tode vorhergingen [Matth. 22, 1-14]. Diese Wiederholung ist sehr bezeichnend für die Wichtigkeit dieses Gleichnisses. Und in der That, dies Mahl, zu welchem so Viele eingeladen sind, dies Hochzeitsfest ist dasselbe, zu welchem die ewige Weisheit von Erschaffung der Welt an die Vorbereitungen getroffen. Nichts mangelt der Großartigkeit derselben: nicht der Glanz des Festsaales, der auf dem Gipfel der Berge errichtet [Is. 2, 2], und von den sieben geheimnißvollen Säulen getragen ist [Sprüchw. 9, 1], nicht die gewählten Gerichte, nicht vorzügliches Brod, nicht köstliche Weine, die an der königlichen Tafel gereicht werden. Sie selbst, die Weisheit des Vaters, hat die Traube aus Cypern [Hohel. 1, 13] in der Schale zu süßem Tranke gepreßt, hat das Getreide gemahlen, das ungesäet auf heiliger Erde keimte, hat das Opferlamm geschlachtet [Sprüchw. 9, 2]. Israel, der Auserwählte des Vaters [Eccli. 24, 13], war der glückliche Gast, den ihre Liebe erwartete; sie vervielfältigte ihre Botschaft an die Söhne Jakobs. Die Weisheit Gottes hatte zu sich gesagt: Ich will ihnen Propheten und Apostel senden [Luk. 11, 49]. Aber dies geliebte, mit Wohlthaten überhäufte Volk hat gegen diese Liebe sich aufgebäumt; es hatte sich förmlich zur Aufgabe gesetzt, durch sein verächtliches Preisgeben den Zorn Gottes, seines Heils, herauszufordern [5. Mos. 32, 15. 16]. Die Tochter Sions in ihrem ehebrecherischen Hochmuth hat den Scheidebrief dem hochzeitlichen Feste vorgezogen [Is. 50, 1]; Jerusalem hat die himmlischen Boten verkannt, die Propheten gemordet [Matth. 23, 34. 37] und den Bräutigam ans Kreuz geschlagen.

Aber selbst dann noch bietet die ewige Weisheit den undankbaren Söhnen Abrahams, Isaaks und Jakobs in Erinnerung an ihre Väter den obersten Platz bei dem göttlichen Mahle an; zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel werden vorerst die Apostel gesendet [Matth. 10, 6; Apostelg. 13, 46]. „Welche unaussprechlichen Rücksichten!“ ruft der heilige Johannes Chrysostomus. „Christus beruft die Juden vor der Kreuzigung, er beharrt selbst nach seinem Opfer dabei und fährt fort, sie zu berufen. Während er, so scheint es, die härteste Züchtigung über sie verhängen sollte, lädt er sie zu seinem Bunde ein und überhäuft sie mit Ehren. Aber sie, die seine Propheten gemordet, die ihn selbst getödtet haben, sie, von einem solchen Bräutigam gebeten, zu einer solchen Hochzeit von ihrem eigenen Opfer geladen, sie verschmähen die Einladung und denken nur an ihre Joche Ochsen, ihre Weiber, ihre Landgüter [Hom. 69 in Matth.].“ Bald genug werden diese Hohenpriester, diese Schriftgelehrten, diese heuchlerischen Pharisäer auch die Apostel verfolgen und tödten; und der Knecht in der Parabel wird von Jerusalem nur die Armen, die Niedrigen, die Presthaften zum Mahle des Vaters führen; denn bei ihnen wenigstens legen Ehrgeiz, Habsucht und Lüste der Ankunft des Reiches Gottes keine Hindernisse in den Weg.

Dann wird sich die Berufung der Heiden vollziehen, und in dem göttlichen Bunde tritt ein neues Volk an die Stelle des alten. „Das Hochzeitsmahl meines Sohnes war bereit,“ wird Gott der Vater seinen Gerechten sagen, „allein die Geladenen waren dessen nicht werth. Sehet also hinaus: verlasset diese verfluchte Stadt, welche die Zeit ihrer Heimsuchung nicht erkannt hat [Luk. 19, 44]; gehet auf die offenen Straßen und ladet zur Hochzeit, wen immer ihr findet [Matth. 22, 8. 9].“

Ihr Heiden, preiset Gott um seiner Barmherzigkeit willen [Röm. 15, 9]; ohne euer Verdienst zu dem Feste geladen, das für Andere bereitet war, scheuet euch, diese Einladung zurückzuweisen. Denn dadurch sind Jene der ihren Vätern gemachten Verheißungen verlustig gegangen. Lahm und blind, vom Wege berufen, nahe dich voll Eifer dem heiligen Tische. Aber denke auch, dem zu Ehren, der dich beruft, die schmutzigen Kleider eines Bettlers am Wege abzulegen. Bekleide dich in aller Eile mit einem hochzeitlichen Gewande. Deine Seele ist durch die Berufung zum erhabenen Hochzeitsfeste Königin geworden. „Also schmücke sie mit dem Purpur,“ sagt der heilige Johannes Chrysostomus, „reiche ihr das Diadem und setze sie auf einen Thron. Denke an das Mahl, das dich erwartet, an das Hochzeitsmahl Gottes. In welchem godenen Gewebe, in welchem Schucke von verschiedenen Edelsteinen muß nicht die Seele glänzen, die berufen ist, die Schwelle dieses Festsaales, dieser Brautkammer zu überschreiten [Hom. 69 in Matth.].“

Das Offertorium ist wie das Graduale ein inständiges Gebet, eine Bitte um Hilfe, gegründet auf die göttliche Barmherzigkeit.

Offertorium.

Herr, wende Dich und errette meine Seele, hilf mir um deiner Barmherzigkeit willen.

In dem Stillgebet erfleht die Kirche die doppelte Wirkung, welche das göttliche Sakrament in Bezug auf die Umwandlung der Seelen äußert: Die Reinigung derselben von den Ueberbleibseln der Sünde und den Fortschritt in Werken des himmlischen Lebens.

Stillgebet.

O Herr, das Opfer, das deinem Namen geweiht werden soll, möge uns reinigen: und in unserem Wandel von Tag zu Tag ein himmlischeres Leben bewirken. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Commemoration des Frohnleichnamsfestes.

O Herr, wir bitten Dich, gib gnädig deiner Kirche die Gaben der Einheit und des Friedens: welche geheimnißvoll unter den dargebrachten Opfern angedeutet sind. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Während der Communion läßt die mit der Gunst des Himmels überfluthete Kirche ihren Dank zu Demjenigen ausströmen, der zugleich der Allerhöchste und ihr Bräutigam ist, und der sie mit so vorzüglichen Gütern überhäuft.

Communion.

Ich will singen dem Herrn, der mit Gutes gethan, und lobsingen dem Namen des Herrn, des Allerhöchsten.

Erflehen wir mit der Kirche in der Postcommunion, daß der häufige Empfang der heiligen Geheimnisse nicht unfruchtbar in unseren Seelen bleibe, sondern dort in stets wachsendem Maße Früchte des Heiles hervorbringe.

Postcommunion.

Nachdem wir die heiligen Gaben genossen, bitten wir Dich, o Herr, daß mit dem häufigen Empfange des Geheimnisses auch die Wirkung unseres Heiles zunehme. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Commemoration des Frohnleichnamsfestes.

O Herr, wir bitten Dich, laß uns von dem ewigen Genusse deiner Gottheit gesättigt werden: welcher durch den zeitlichen Empfang deines kostbaren Leibes und Blutes vorgebildet ist. Der Du lebst und regierst von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Zehnter Band: Die Zeit nach Pfingsten; Mainz 1881; S. 366-377]

Dom Guéranger zum Sonntag in der Octave des Fronleichnamsfestes (1/3)

Der Sonntag in der Octave des Fronleichnamsfestes.

Lasset uns anbeten Christum, den König, den Beherrscher der Völker: der Fülle des Geistes schenkt Allen, die ihn genießen!

Der von allen Völkern Ersehnte [Agg. 2, 9], der Engel des Bundes, nach welchem Israel verlangte [Malach. 3, 1], ist vom Himmel herabgekommen und die Weisheit begleitet ihn. Wer ist, so spricht der Prophet, gen Himmel gefahren, und hat sie geholt, wer sie herabgebracht aus den Wolken? Wer durchschiffte das Meer und fand sie? Wer brachte sie herbei um auserlesen Gold? Israel hat die Quelle der Weisheit verlassen. Von ihr hörte man nicht mehr im Lande Chanaan, noch sah man sie in Theman. Die Söhne der Agar, die Fürsten der Völker, die Klugen auf Erden, berühmte Erfinder, die Forscher nach Klugheit, die Reichen, die Künstler, die Riesen, die von Anbeginn lebten, großen Wuchses, kundig des Krieges, sie alle kannten nicht die Wege der Weisheit; denn ihre Pfade hatten sie vergessen [Baruch 3, 12]. Nun aber hat der dem David verheißene Sohn seinen Ehrensitz eingenommen. Er kannte zuerst die Weisheit, und zwar vollkommen. Er ist die einzige Quelle der Weisheit; die vier Ströme des Paradieses haben in ihm ihre Fluthen vereinigt. Ihr Sinn ist reicher als das Meer, ihr Rath tiefer als der Abgrund [Eccli. 24, 34-39]. Er will die geheimnißvollen Absichten des höchsten Willens erfüllen, und Alles in sich erneuern, was im Himmel und auf Erden ist [Ephes. 1, 10]. Gott und Mensch in Einem vereinigt, ist er der wahre Mittler. Als höchster Priester ist er das Band jener heiligen Religion, welche alle Geschöpfe in der Einheit derselben Huldigung an den Schöpfer knüpft. Sein Opfer ist das Hauptwerk der göttlichen Weisheit; dasselbe umfaßt alle in der Unendlichkeit einer Liebe, deren ungeduldige Glut wir gesehen, geschaffene Wesen. Er will aus der ganzen Welt ein einziges Opfer zur Verherrlichung des Vaters machen, und so sehen wir die Weisheit ihr Schlachtopfer darbringen und ihren Tisch zurichten [Sprüchw. 9, 2]. Die Eucharistie bezweckt in der That die unaufhörliche Darbringung des Opfers Christi auf Erden, und wir wollen heute dies Opfer an sich betrachten, damit wir so in den Stand gesetzt sind, dessen wunderbare Fortsetzung in der Kirche besser zu würdigen.

Gott hat ein Recht auf die Huldigung seines Geschöpfes. Wenn die Könige und Herren der Erde im Rechte sind, von den ihrer Herrschaft untergebenen Vasallen diese feierliche Anerkennung ihrer Souveränetät zu verlangen, so legt die oberste Herrschaft des ersten Wesens, das gleichzeitig die erste Ursache und das letzte Ziel aller Dinge ist, eine solche Anerkennung mit viel größerem Rechte den Wesen auf, die es durch seine allmächtige Güte aus dem Nichts gezogen. Und eben so wie der Zins, welcher die Huldigung der Sassen und Vasallen begleitet, mit dem Zugeständniß ihrer Unterwerfung gleichzeitig die effective Anerkennung enthält, daß sie von ihren Herren Güter und Rechte erhalten haben, ebenso muß auch der Act, mittelst dessen sich das Geschöpf vor dem Schöpfer beugt, in sich selbst hinreichend kundgeben, daß dasselbe ihn als den Herrn aller Dinge und als den Urheber des Lebens anerkennt. Weiter: wenn das Geschöpf durch die Uebertretung der Gebote dieses höchsten Herrn den Tod verdient hat, und nur durch seine unendliche Barmherzigkeit das Leben behält, so wird der Act der Huldigung erst dann nach allen Richtungen vollständig sein, wenn derselbe gleichzeitig die Anerkennung seines Fehlers und der Gerechtigkeit der Strafe umfaßt, das ist der wahre Begriff des Opfers, das rein geistiger Natur sein kann, in den Geistern, die von der Materie losgelöst sind, und das geistiger und sinnlicher Natur sein muß bei dem Menschen, der aus Seele und Leib besteht.

Das Opfer kann nur dem einen wahren Gott dargebracht werden; denn es enthält die wirkliche Anerkennung der höchsten Herrschaft des Schöpfers und seiner Ehre, die derselbe keinem Andern gibt [Is. 48, 11]. Andererseits liegt in ihm auch das Wesentliche der Religion für den Menschen sowohl im gefallenen Zustand, wie auch im Zustand der Unschuld; in der That findet nur in ihm die Religion, diese Königin sittlicher Kräfte, welche die dem höchsten Herrn schuldige Verehrung zum Gegenstande hat, ihren letzten Ausdruck. In Eden feierte der Mensch im Stande der Unschuld das Opfer durch Anbetung und Danksagung: er brachte als Gaben die schönsten Früchte, Bilder der göttlichen Frucht, welche der Baum des Lebens verhieß. Die Sünde hatte damals noch nicht im Blute ihren finstern Ausdruck. Nach dem Falle wurde das Opfer der einzige Weg der Versöhnung; es erschien als der nothwendige Mittelpunkt aller Religion auf der Erde der Verbannung. So verstanden es bis auf Luther alle Völker, und die modernen Reformatoren, welche das Opfer von der Religion ausschließen wollten, haben dieselbe in den Kreisen ihrer Anhänger in den Grundlagen zerstört. Aber weiter! Auch der bereits im Himmel verherrlichten Creatur ist das Opfer auferlegt. Denn sie schuldet im Glanze der Anschauung wahrlich nicht minder, sondern mehr noch als unter der Hülle des Glaubens, die Huldigung ihrer Gaben dem, der sie gekrönt hat.

Durch das Opfer erreicht auch Gott den Zweck, welchen er sich bei der Schöpfung vorgenommen: seine eigene Verherrlichung [Sprüchw. 16, 4]. Damit aber von der Welt eine Huldigung zum Schöpfer emporsteigen könne, welche das Maß der Gaben auch vertritt, dazu bedurfte es eines Oberhauptes, welches die ganze Welt in seiner Person zusammenfaßt und über sie wie über sein eignes Gut verfügen kann, und dieses Oberhaupt mußte sie dann in ihrer ganzen Fülle mit sich selbst als Opfergabe darbringen. Aber Gott that noch mehr. Er gab der Welt seinen eignen Sohn, der unsere Natur annahm, zum Oberhaupte, und durch die unendliche Würde desselben wird das Opfer unserer an sich niedrigeren Natur der unendlichen und höchsten Majestät wahrhaft würdig und die aus dem Nichts hervorgegangene Welt bringt durch diese Fügung Gottes eine unendliche Frucht.

Welche wunderbare Krönung des schöpferischen Werkes! Die unendliche Verherrlichung, welche das menschgewordene Wort dem Vater darbringt, hat Gott und das Geschöpf, die so sehr von einander geschieden sind, genähert; und die Fluthen von Gnade, welche in Folge davon die Welt überströmen, haben den Abgrund vollends ausgefüllt. Das Opfer des Menschensohns wird die Grundlage und Seele der übernatürlichen Ordnung im Himmel und auf Erden. Um Christi willen, nach seinem Bilde, nach den Erfordernissen seiner künftigen Natur gingen auf das Wort des Vaters alle diese Wesen verschiedener geistiger und materielle Grade hervor, welche berufen sind, einst sein Haus und seinen Hof zu bilden. Ebenso ist auch in der Ordnung der Gnade er der eigentliche Mensch, der Vielgeliebte. Der Geist der Liebe verbreitet sich dann als göttlicher Wohlgeruch von diesem einzigen Vielgeliebten, von diesem theuren Haupte, auf alle Glieder, ja bis auf den letzten Saum seines Gewandes [Psalm 132, 2]; er theilt allen Jenen, welche Christus zur Theilnahme an seiner göttlichen Substanz beim Liebesmahle berufen hat, über jedes Maß hinaus wahres Leben und übernatürliches Sein mit. Denn im Gefolge des Hauptes kommen die Glieder und bringen ihre Huldigung dar. Stehen nun auch diese Glieder und damit deren Huldigung an sich tief unter der unendlichen Majestät, so werden dieselben doch durch ihre Verkörperung mit dem menschgewordenen Worte die gleiche Würdigkeit wie Christus selbst im Acte des Opfers erlangen.

Wir haben es bereits hervorgehoben und können es dem Individualismus unserer Zeit, welcher den privaten gottesdienstlichen Uebungen einen Vorzug vor den allgemeinen und großen liturgischen Handlungen gibt, nicht oft genug wiederholen: so findet durch das Opfer das wahre gesellschaftliche Leben in der Einheit der ganzen Schöpfung, die es darbringt, seine Vollendung, und in Gott, an den es gerichtet ist, seine Begründung. In seinem Wesen ist Gott Eins, und die unaussprechliche Harmonie der drei göttlichen Personen läßt ihn ihrer erhabenen Fruchtbarkeit diese mächtige Einheit nur um so heller hervortreten. Das Geschöpf dagegen ist vielfältig und die Spaltung, eine Frucht des Falles, klagt in ihm dies Zeichen eines ihm eigentlich fremden Wesens an. Gleichwohl aber ist es aus Gott hervorgegangen und kehrt zu ihm zurück, aber nur, wenn es in sich diese verhängnißvolle Spaltung, die es von Gott und Seinesgleichen trennt, ausmerzt, wenn es auf seinem Zuge nach Gott im Schoße dieser Vielfältigkeit ein Bild der fruchtbaren Harmonie der drei göttlichen Personen darbietet: „damit sie Eins seien, wie auch wir Eins sind [Joh. 17, 21].“ Das ist das letzte Wort, welches der Schöpfer über seine Absichten der Welt durch den Engel des großen Bundes offenbarte, der auf die Erde gekommen ist, um die Rathschlüsse der göttlichen Vorsehung zu verwirklichen. Nun ist es gerade die Religion, welche die verschiedenen Elemente vor dem Angesichte Gottes versammelt, und das Opfer, der Fundamentalact derselben, ist zugleich Mittel und Zweck dieser großartigen Vereinigung in Christus; und im Vollzuge desselben wird sich das ewige Reich des Vaters vollenden, der gerade dadurch Alles in Allem geworden ist.

Aber dies ewige Reich, welches das Reich Christi auf Erden für den Vater vorbereitet [1. Cor. 15, 24. 25], hat Feinde, die das letztere bekämpfen und überwinden muß, die Herrschaften, Mächte und Gewalten der Hölle sind gegen es verbündet. In ihrem Neide griffen sie den Menschen an, der nach Gottes Bild und Gleichniß erschaffen, und so brachten sie Ungehorsam und Tod in die Welt [Weish. 2, 23. 24]. Die Sünde, deren Sklave der Mensch geworden, machte sich nun aus jedem göttlichen Gebote eine Waffe gegen den Schöpfer; denn sie reizte zur Uebertretung jeglichen Gebotes. Und anstatt, daß das Menschengeschlecht darauf Bedacht genommen, dem Herrn ein seiner würdiges Opfer darzubringen, schien es im Gegentheile emsig bestrebt, der Nidrigkeit seines nichtigen Wesens auch noch jede Unwürdigkeit, jeden Schmutz beizugesellen. Die Folge davon ist klar. Ehe die Glieder Christi dem Vater wieder angenehm werden konnten, bedurfte es eines Versöhnungs- und Erlösungsopfers. Christus selber mußte an dem sühnenden Leben des Sünders theilnehmen, auch er mußte leiden und des Todes sterben [1. Mos. 2, 17]. Denn dies war die Strafe, welche gleich von Beginn an dem göttlichen Gebote beigefügt war: es war die höchste Strafe, die der Uebertreter erleiden konnte, aber sie stand immer noch in keinem Verhältnisse zu der Beleidigung der höchsten Majestät: es sei denn, daß eine göttliche Person die erschreckende Verantwortlichkeit dieser unendlichen Schuld auf ihre Schultern nahm, die Strafe des Menschen erdultete, und diesen so wieder in den früheren Stand der Unschuld zurückversetzte.

Möge denn unser Hoherpriester kommen, möge das göttliche Haupt unseres Geschlechtes und der Welt erscheinen! Weil er die Gerechtigkeit geliebt und das Unrecht gehaßt, darum hat ihn Gott mit Freude gesalbt, mehr als alle seine Brüder [Ps. 44, 8]. Er war Christus, das heißt der Gesalbte, durch das ihm schon im Schoße des Vaters bestimmte und durch einen feierlichen Schwur bekräftigte Priesterthum [Ps. 109, 4]. Er ist Jesus, d. h. Heiland, denn das Opfer, das er darbringt, wird sein Volk von dessen Sünden erlösen [Matth. 1, 21]. Jesus Christus soll für immer der Name des ewigen Hohenpriesters sein. Welche Macht und Liebe liegt in seinem Opfer! Priester und Osterlamm zugleich duldet er den Tod, um ihn zu zerstören, und mit demselben Schlage schmettert er in seinem unschuldigen Fleisch die Sünde nieder. Er leistete bis zur letzten Grenze und noch darüber hinaus der Gerechtigkeit des Vaters Genugthuung, entriß ihr das uns verwerfende Urtheil, heftete es an das Kreuz, löschte es in seinem Blute, und indem er die Oberherrschaften ihres tyrannischen Reiches beraubte, kettete er sie an seinem Triumphwagen [Col. 2, 14. 15]. Mit ihm gekreuzigt, hat unser alter Mensch den Sündenleib verloren; und erneuert im erlösenden Blute, geht er mit ihm aus dem Grabe zu neuem Leben hervor [Röm. 6, 4. 10]. „Ihr seid gestorben,“ sagt der Apostel, „und euer Leben ist verboren mit Christo in Gott. Wenn Christus, euer Leben erscheinen wird, dann werdet auch ihr erscheinen mit ihm in Herrlichkeit [Col. 3, 3. 4].“ Als Haupt hat Christus gelitten; sein Opfer umfaßt den ganzen Körper, dessen Haupt er ist und den er mit sich zu einem ewigen Brandopfer umwandelt, das mit seinem Wohlgeruche die Himmel erfüllt.

„Das Wort schreitet daher,“ sagt der heilige Ambrosius, „in dem hohenpriesterlichen Gewande, wie Moses es beschrieben [2. Mos. 28], bekleidet mit der Welt in ihrer Großartigkeit, um Alles mit Gott zu erfüllen. Er ist das Haupt des Körpers, den er eng mit sich vereinigt [De fuga saeculi 16].“ – „Wenn ich von der Erde erhöhet bin, werde ich Alles an mich ziehen,“ sagte er [Joh. 12, 32], und schon David sang von ihm in seinem Psalm: „Zu Dir kommt alles Fleisch [Ps. 64, 3].“ „In der That hat er Fleisch angenommen,“ sagt der heilige Augustinus, „und das Fleisch, das er angenommen, wird alles Fleisch anziehen; die Erstlinge zog er schon im Schoße der Jungfrau an, und alle Uebrige wird den Erstlingen folgen, um das Brandopfer zu vervollständigen, über welches hier gesagt ist: Dir zahle ich meine Gelübde in Jerusalem [Enarr. in Ps. LXIV].“ Und welches wäre dieses Gelübde Christi, des Hauptes, wenn nicht dasjenige, das im folgenden Psalme ausführlicher beschrieben ist: „Ich will in dein Haus mit Brandopfern kommen, und meine Gelübde Dir zahlen, die gesprochen meine Lippen und geredet mein Mund in der Träubsal; fette Brandopfer will ich Dir bringen, mit dem Rauchwerke der Widder, Rinder Dir bringen sammt Böcken [Ps. 65, 13-15]!“

Welches ist nun die Zeit der Trübsal für den Hohenpriester, von der hier geredet wird? Der Apostel sagt es uns: es sind jene Tage, da Christus Gebet und Flehen unter starkem Geschrei und Thränen Dem dargebracht, der ihn vom Tode retten konnte; und er wurde erhört wegen seiner Ehrerbietigkeit [Hebr. 5, 7]. Was aber heißt es von den Stieren und Böcken, als unnütze von Gott verworfene Gaben? Christus selbst sagte bei seinem Eintritte in die Welt: „Schlachtopfer und Gaben verlangst Du nicht; einen Leib aber hast Du mir zugerichtet [Ebend. 10, 5. 6].“ Ja, ohne Zweifel; und es ist, wie der heilige Augustinus hervorhebt, der Leib Christi selbst, der hier in seiner ganzen Fülle als die Opfergabe erscheint, die er dem Herrn darbietet. Die Widder bedeuten die Häupter der Kirche [Enarrat. in Ps. LXV]. Erhöre mein Gebet! zu Dir wird alles Fleisch kommen: Fürsten und Völker aller Zeiten, Kinder, Jünglinge, Greise, Juden und Heiden, Griechen, Römer und Barbaren: sie Alle sind das dem Vater versprochene Opfer. Mit ihnen, in ihrem Namen und für sie Alle, rief Christus, da sein Leib unversehrt und er Eins mit ihnen war: „Ich will in dein Haus mit Brandopfern kommen, sende dein Feuer, das Feuer des Geistes, die göttliche Flamme der ewigen Weisheit: sie verzehre und verbrenne diesen Leib, der mit angehört, daß nichts davon übrig bleibe, und Alles dein sei [Aug. passim in Psalm.]!“

„Bringet denn dem Herrn, ihr Söhne Gottes, bringet dem Herrn junge Widder [Ps. 28, 1].“ Die Stimme des Herrn kommt in der Kraft. Er schleudert den Blitz auf den Berg, und schon steht das Brandopfer in Flammen: eine mächtige Feuersbrunst, welche bald von Golgatha sich über die ganze Welt ausdehnt. Das göttliche Feuer geht seinen Weg durch die nachfolgenden Geschlechter, es nimmt eines um das andere die Glieder des großen Opfers weg, verzehrt die Sünde, vertilgt die Flecken des Lasters und reinigt bis in den Staub des Grabes hinein das durch die Berührung mit Christus in den heiligen Geheimnissen geheiligte Fleisch. Das ist das wahre Himmelsfeuer, die unerschaffene Flamme, die nur das Böse austilgt, und die Seele durch Leiden und Tod von den um sie aufgehäuften Ruinen entlastet, um in der Sühne das ganze menschliche Wesen neu zu bilden. Ein Tag wird kommen, wo das Feuer des großen Opfers die Glieder Christi bis zum letzten verzehrt hat; dann wird selbst das Fleisch der Auserwählten vergeistigt und verherrlicht erscheinen und in dieser wunderbaren Umwandlung ein dem höchsten Herrn wahrhaft würdiges Opfer sein. Dann erst wird sich die Gewalt und höchste Herrschaft des Urhebers des Lebens in hellerem Lichte zeigen, als in der Zerstörung durch den Tod. Dann wird der vollständige Leib des fleischgewordenen Wortes als der reinste Weihrauch von dem heiligen Berge, woselbst die Kirche hienieden ihr Zelt aufgeschlagen, zum erhabenen Altare der Himmel emporsteigen: als ewige Nahrung der göttlichen Flamme, als unermeßliches Brandopfer, worin ohne Ende die „wiedererkaufte Stadt, die Gesellschaft der Heiligen Gott durch den Hohenpriester dargebracht wird, der sich selbst in seinem Leiden unter Knechtsgestalt für uns darbrachte [Aug. De civit. Dei X, 6].“

In diesem allgemeinen Opfer der Anbetung und Danksagung, an welchem die Sühne keinen Antheil mehr hat, werden selbst die heiligen Geister der englischen Heerschaaren eingeschlossen sein. Denn auch sie sind das Opfer des Herrn und bilden mit uns die Eine Stadt Gottes, die im Psalme gepriesen wird [Ebend. 7, in Psalm. LXXXVI]. „In der That haben wir Alle von seiner Fülle erhalten,“ sagt der heilige Cyrillus von Alexandrien. „Jedes Geschöpf, sichtbar oder nicht, hat Antheil an Christus. Die Engel und Erzengel, ja selbst die noch höheren Naturen bis hinauf zu den Cherubim, sind nur durch Christus im Heiligen Geiste geheiligt. Er selbst ist also der Altar, er ist der Weihrauch und der hohe Priester, wie es auch sein Blut ist, durch das wir Vergebung der Sünden finden [De adorat. in spir. et ver. Lib. IX].“

Da wir nun als Hohenpriester Jesum, den Sohn Gottes, haben, der in Einem Opfer auf ewig die Geheiligten zur Vollendung gebracht hat, so lasset uns am Bekenntnisse festhalten [Hebr. 4, 14; 20, 14]. Wie der Hohepriester des Alten Bundes am feierlichen Versöhnungstage allein in das Allerheiligste trat, in den Händen die Schale mit dem versöhnenden Blute, so ist auch unser Hoherpriester, nachdem er die ewige Erlösung vollbracht [Ebend. 9, 12], eine Zeitlang den Blicken seines Volkes entschwunden. Als Diener des wahren Heiligthums, des Zeltes, welches der Herr errichtet hat [Ebend. 8, 2], haben wir ihn in seiner triumphirenden Himmelfahrt hinter der Wolke, die unsern Blicken noch den Anblick der höchsten Majestät verschleierte, verschwinden sehen; und immer noch in vollkommenem Einklang mit den Opfergebräuchen des alten Bundes bringt er in seiner menschlichen Natur, die stets mit den glorreichen Wundmahlen seines Leidens bezeichnet ist, dem Vater das erhabene Opferlamm dar, dessen Opferung auf Erden seine Vollendung im Himmel erheischte. Wie ehedem Israel die Rückkehr des Hohenpriesters erwartete, so vereint sich auch das christliche Volk im Gebete harrend um die Altäre der Vorhöfe. „Das ist der Tag der Sühne,“ sagt Origenes, „der so lange dauern wird, als die Sonne leuchtet, als die Welt steht. Wir erwarten an den Thoren unseren Hohenpriester, der bei seinem Vater im Allerheiligsten verweilt, und Fürbitte für die Sünden derer einlegt, die ihn erwarten … Die heilige Stätte hatte zwei Theile, wie uns die heilige Schrift lehrt: der eine sichtbar, den Priestern zugänglich, der andere unsichtbar und jedem Andern unzugänglich, außer dem Hohenpriester. Was sollte nun dieser erste Theil Anderes sein, als der Ort, wo wir uns eben im Fleische befinden, die Kirche, woselbst die Priester ihr Amt vor dem Brandopferaltare verwalten; und die Flamme dieses Altars wird von dem Feuer unterhalten, von welchem der Heiland uns gesagt hat: ‚Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu senden []Luk. 12, 49.‘ Dort in dieser ersten Abtheilung der heiligen Stätte opfert der Hohepriester das Lamm; von da geht er, um in das Innerste des Vorhangs einzutreten, in die zweite Abtheilung: das ist der Himmel, der Thron Gottes: Aber das Feuer, das Rauchwerk, das er bei dem Betreten des Allerheiligsten bei sich hat, nimmt er von diesem Altar, und von ihm empfängt er selbst die heiligen Gewänder, die ihn mit ihrer geheimnißvollen Pracht umhüllen; er bekleidet sich mit denselben sonst nirgendwo [In Levit. Hom. 9].“

Und wir müssen noch hinzusetzen: Seit seinem Weggange ist das Feuer des Opfers in den Vorhöfen nicht erloschen, und das Opferlamm der Versöhnung, dessen Blut ihm den Zugang des furchtbaren Heiligthums öffnet, wird fortwährend auf dem äußeren Altar dargebracht.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Zehnter Band: Die Zeit nach Pfingsten; Mainz 1881; S. 353-366]

Dom Guéranger zum Fronleichnamsfest (3/3)

Die Prozession.

Wer ist sie, die aus der Wüste der Welt heraufsteigt wie eine Rauchsäule von Spezereien aus Myrrhen und Weihrauch und allerlei Gewürz? Von selbst ist heute die Braut erwacht. Voll Verlangen und Sehnen umgibt die Kirche die goldene Sänfte, woselbst der Bräutigam in seiner Herrlichkeit erscheint. Um ihn sind gereiht die Starken Israels, Priester und Leviten des mächtigen Herrn. Ihr Töchter Sions, gehet heraus, ihm entgegen; schauet den wahren Salomo mit der Krone, womit ihn seine Mutter gekrönet am Tage seiner Vermählung und am Tage der Freude seines Herzens [Hohel. 3, 5-11]. Diese Krone ist das Fleisch, welches das göttliche Wort aus der reinsten Jungfrau angenommen, als er die Menschheit zur Braut nahm [Greg. in Cantic.]. Durch diesen vollkommenen Leib, durch dieses heilige Fleisch setzt sich täglich im heiligen Mahre die geheimnißvolle Vermählung des Menschen mit der ewigen Weisheit fort. Für den wahren Salomon ist also jeder Tag ein Tag der Freude des Herzens und der Vermählung. Was läßt sich da Angemesseneres denken, als daß die Kirche wenigstens einmal im Jahre ihrem Entzücken über den unter dem Sakrament der Liebe verborgenen Bräutigam freien Lauf läßt? Darum hat heute der Priester zwei Hostien consecrirt. Nachdem er die eine sumirt, stellt er die andere in die strahlende Monstranz, die jetzt in seiner vor Ehrfurcht zitternden Hand unter der Absingung von Triumphliedern durch die bewegten Reihen der knieenden Menge getragen wird.

Diese feierliche Demonstration gegenüber der heiligen Hostie ist, wie wir bereits bemerkt, jüngeren Datums, als das Fest selbst. Urban IV. spricht in seiner Einsetzungsbulle im Jahre 1264 nichts davon. Zweiundzwanzig Jahre später, 1286, schrieb Durand von Mende sein Rationale, in welchem er an verschiedenen Stellen die in der Kirche üblichen Prozessionen behandelt. Auch er erwähnt die Frohnleichnamsprozession nicht. Dagegen liefern die […] Constitutionen Martin’s V. und Eugen’s IV. vom 26. Mai 1429 und 26. Mai 1433 den Beweis, daß diese Prozession damals bereits üblich war; denn beide gewähren den Theilnehmern Ablässe. Der Mailänder Donat Bossius berichtet in seiner Chronik, daß „am Donnerstag den 29. Mai 1404 zum ersten Male feierlich der Leib Christi in den Straßen von Pavia umhergetragen wurde, wie dies seitdem üblich geworden ist.“ Daraus wollten nun Einige schließen, daß die Frohnleichnamsprozession von Pavia aus ihre Verbreitung genommen, und zwar vom Jahre 1404 an. Aber das geht weit über den Text hinaus, der, wie dies bei einem Chronisten fast selbstverständlich, nur ein lokales Ereigniß im Auge hat. Er beweist nur, daß in diesem Jahre die Prozession zum ersten Male in Pavia abgehalten wurde, und sich dann dort erhielt; es ist aber damit durchaus nicht behauptet, daß die Prozession nicht schon in anderen Diöcesen bestand.

Thatsächlich wird denn auch anderswo die Prozession schon früher erwähnt; so namentlich auf einem handschriftlichen Titel der Kirche von Chartres aus dem Jahre 1330; in einem Acte des Kapitels von Tournai vom Jahre 1325, auf dem Concil von Paris 1325, auf dem Concil von Sens 1320. Durch die beiden Concile werden Indulgenzen für Abstinenz und Fasten am Vigiltage vor Frohnleichnam gewährt, und dann heißt es weiter: „Was die feierliche Prozession anlangt, die am Donnerstag des Festes unter Mittragung des göttlichen Sakramentes stattfindet, so wollen wir, da dieselbe durch eine Art göttlicher Eingebung in unseren Tagen eingeführt wurde, für die Gegenwart nichts bestimmen, sondern Alles dies der Frömmigkeit des Clerus und des Volkes überlassen [Labbe].“ Ueberhaupt scheint bei dieser Einführung die Initiative großentheils vom Volke ausgegangen zu sein, und wie ein aus Frankreich stammender Papst das Fest einsetzte, so scheint auch die Prozession in Frankreich zuerst enstanden zu sein und sich von da aus über den ganzen Westen Europas verbreitet zu haben.

Wahrscheinlich wurde bei dieser Prozession die heilige Hostie nicht offen, wie heutzutage, mitgetragen, sondern in einer Kapsel oder einem kostbaren Schreine verschlossen. So war es auch seit dem elften Jahrhundert in gewissen Orten bei der Prozession am Palmsonntag und am Auferstehungsmorgen üblich. Wir haben an anderem Orte bereits von diesen Kundgebungen gesprochen, die übrigens weniger das göttliche Sakrament zu verehren, als vielmehr das Geheimniß des Tages lebendiger auszudrücken bezweckten. Wie dem nun auch sein möge, der Gebrauch der Ostensorien oder Monstranzen – letzterer Ausdruck findet sich zuerst in den Acten des Concils von Köln 1452 – kam nach der Einführung dieser neuen Prozession auf. Anfangs hatten sie die Gestalt eines durchbrochenen Thurmes. So findet sich in einem handschriftlichen Missale aus dem Jahre 1374 eine Initiale D, aus welcher dies hervorgeht. Die Collecte der Messe am Frohnleichnamstage beginnt mit den Worten: „Deus, qui nobis,“ also mit dem Anfangsbuchstaben D. Solche Anfangsbuchstaben wurden oft mit Wappen, Emblemen und bedeutsamen Bildern verziert. In diesem D nun, ist ein Bischof mit zwei Akolythen gezeichnet, und zwar trägt dieser Bischof die Hostie des Heils in einem goldenen Thurme, der vier Oeffnungen hatte. Bald fand der christliche Sinn ein schöneres Symbol. Man setzte das erhabene Sakrament in eine Sonne von Crystall, die rings mit goldenen Strahlen umgeben war. Eine derartige Abbildung finden wir in einem Graduale aus der Zeit Ludwigs XII. (1498-1515). Da zeigt der erste Buchstabe des Introitus vom heutigen Festtage, eine Sonne, die bereits unseren Monstranzen ähnlich ist; sie wird von zwei mit dem Pluviale bekleideten Männern auf den Schultern getragen und von einem König, sowie mehreren Cardinälen und Prälaten geleitet [Thiers. De l’Exposition du S. Sacr. Liv. II. ch. 2].

Der damals auftauchende Protestantismus behandelte diese natürliche Entwickelung des vom Glauben und der Liebe eingegebenen katholischen Cultus als Neuerung, als Aberglauben, als schändlichen Götzendienst. Das Concil von Trient verhängte das Anathem über diese sectirerischen Beschuldigungen [Sess. XIII, can. 6], und rechtfertigte die Kirche in einem besonderen Kapitel. wir halten uns für verpflichtet, die betreffende Stelle wörtlich mitzutheilen. Es heißt dort: „Das heilige Concil erklärt als sehr fromm und sehr heilig den in der Kirche eingeführten Gebrauch, daß alljährlich ein besonderes Fest gefeiert wird, um in jeder Weise das erhabene Sakrament zu preisen, wie auch dasselbe in Prozession mit aller Pracht und Ehre über die Straßen und öffentlichen Plätze zu tragen. Es ist in der That wohl recht, daß bestimmte Tage eingesetzt seien, an welchen die Christen durch eine feierliche und ganz besondere Kundgebung Zeugniß davon ablegen, daß sie voll Dank und Ehrfurcht gegen den gemeinsamen Herrn und Erlöser der unaussprechlichen Wohlthat gedenken, welche uns den Sieg und den Triumph seines Todes vor das Auge führt. So mußte die siegreiche Wahrheit über Lüge und Irrthum triumphiren, auf daß ihre Gegner entweder vor einem solchen Glanze und einer so großen Freude der ganzen Kirche den Muth verlieren und sich in Aerger verzehren, oder beschämt und verwirrt endlich zur Erkenntniß kommen [Ebendas. cap. 5].“

Aber wir Katholiken, gläubige Anbeter des Sakramentes der Liebe, „mit welcher Freude“ – so ruft der eben so fromme als beredte Pater Faber – „müssen wir nicht diese glänzende und unermeßliche Wolke von Herrlichkeit betrachten, welche die Kirche um diese Stunde zu Gottes Thron emporsteigen läßt! Ja, man möchte glauben, daß die Welt noch im ursprünglichen Zustande der Glut und Unschuld sich befinde! Sehet diese herrlichen Prozessionen, welche mit ihren in der Sonne erglänzenden Bannern über die Plätze reicher Städte, über die mit Blumen bestreuten Wege christlicher Dörfer, unter den ehrwürdigen Gewölben alter Basiliken, längs der Gärten frommer Stätten dahin ziehen! In dieser Völkerfülle sind die Unterschiede an Farbe und Sprache nur neue Beweise für die Einheit jenes Glaubens, den alle mittels des großartigen römischen Rituale zu bekennen sich freuen. Auf wie vielen Altären von verschiedenster Bauart, alle mit den schönsten Blumen geschmückt, in einem Lichtmeere strahlend, von Weihrauchwolken umwogt, wird heute unter heiligen Gesängen vor einer knieenden, fromm gesammelten Menge das heilige Sakrament erhoben, um die Anbetung der Gläubigen zu empfangen! Auf wie viele steigt es vom Himmel nieder, um sie zu segnen! Wie viele Acte des Glaubens und der Liebe, des Triumphes und der Genugthuung sind in alledem enthalten! Die ganze Welt ist voll Freudenlieder; die Gärten werden ihrer schönsten Blumen beraubt, und fromme Hände streuen sie auf den Weg, auf welchem ihr unter der sakramentalen Gestalt verhüllter Schöpfer vorüberzieht. In die Ferne hinaus schallt feierliches Glockengeläute, der Donner der Geschütze weckt das Echo der Berge von den Anden bis zu den Apenninen; mit glänzendem Flaggenschmuck gezierte Schiffe geben auch dem Meere ein festliches Aussehen, und königliche wie republikanische Heere huldigen im Waffenglanze dem König der Könige. Der Papst auf seinem Throne, wie das Bauernmädchen im stillen Dörfchen, die Nonne in ihrer Clausur, wie der einsame Eremit, Bischöfe, Prälaten, Priester, Kaiser, Könige und Fürsten, alle sind heute von dem Gedanken an das allerheiligste Sakrament erfüllt. Die Städte sind festlich erleuchtet, die Wohnungen der Menschen hallen von Ausbrüchen der Freude wieder. So groß ist die allgemeine Lust, daß sich die Menschen ihr hingeben, ohne auch nur sich Rechenschaft darüber abzulegen. Sie sprudelt über alle Herzen, wo Trübsal herrscht, über die Armen, über die Gefangenen. All’ die Millionen Seelen, welche zur königlichen Familie oder zum geistigen Stamme Petri gehören, sind heute mehr oder minder mit dem heiligen Sakramente beschäftigt, so daß durch die ganze streitende Kirche ein einziger Freudeschauer zuckt, gleich dem rauschenden Gewoge eines bewegten Meeres. Die Sünde scheint vergessen, selbst die Thräne eher dem Uebermaß des Glückes, als der Reue erpreßt. Es ist ein Rausch, als ob die Seele in den Himmel einzöge; ja, man möchte sagen, daß die Erde in den Himmel zieht, so groß ist die Freude, womit das allerheiligste Sakrament sie überfluthet [Faber, Das heiligste Sakrament. Bd. 1].“

Während der Prozession singt man die Hymnen des Tagesofficiums: das Lauda Sion, das Te Deum und, je nach Länge des Weges, den Benedictus, das Magnificat oder andere liturgische Stücke, welche auf den Gegenstand des Festes Bezug haben. In die Kirche zurückgekehrt, schließt die gottesdienstliche Handlung wie bei gewöhnlichen Segen mit dem Tantum ergo, dem Versikel und Gebet vom allerheiligsten Sakramente. Nach dem feierlichen Segen aber wird die Hostie nicht von dem Diakon verschlossen, sondern er stellt sie auf den Thron, um welchen die frommen Gläubigen während der folgenden acht Tage eifrige Wacht halten.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Zehnter Band: Die Zeit nach Pfingsten; Mainz 1881; S. 296-302]

Dom Guéranger zum Fronleichnamsfest (2/3)

Zur Messe.

Die Prozession, welche bei allen andern Festen unmittelbar auf die Terz folgt, findet diesmal erst nach dem Schlusse des Meßopfers statt. Christus selbst soll diese Prozession führen, und wir müssen daher warten, bis die heilige Handlung die Himmel geneigt hat [Psalm 17, 10], woselbst er seinen Thron aufgeschlagen. Bald wird er unter der geheimnißvollen Wolke bei uns sein. Er hat seine Auserwählten mit dem Waizenkorne genährt, das in die Erde gefallen und durch das mystische Opfer auf allen Altären vervielfältigt wurde. Heute kommt er, um unter den Seinigen seinen Triumph zu feiern; er will die dem Gotte Jakobs gewidmeten Freudenrufe hören. Alles dies drückt die Kirche in dem feierlichen Introitus aus, mit welchem sie ihre Gesänge eröffnet. Derselbe ist dem schönen 80. Psalm entnommen […].

Introitus.

Er speiste sie mit dem Marke des Waizens, Alleluja, und sättigte sie mit dem Honig aus dem Felsen. Alleluja, Alleluja, Alleluja.

Frohlocket Gott, unserm Helfer; frohlocket dem Gott Jakobs!

Ehre sei dem Vater etc.

Er speiste sie etc.

In der Collecte erinnert die Kirche an die Absicht des Herrn bei Einsetzung des Sakramentes der Liebe, am Tage vor seinem Tode. Dasselbe sollte ein Gedächtniß des bittern Leidens sein, dem er sich bald unterziehen mußte. Diese wahre Absicht sollen wir bei den Ehren, die wir dem göttlichen Leibe und Blute zollen, nicht aus dem Auge lassen, und so bittet die Kirche, daß uns die Wirkung seines Opfers zu Theil werden möge.

Collecte.

O Gott, welcher Du uns unter dem wunderbaren Sakramente ein Andenken an dein Leiden hinterlassen hast: wir bitten Dich, gewähre uns, daß wir die heiligen Geheimnisse deines Leibes und Blutes so feiern, daß wir die Frucht deiner Erlösung stets in uns empfinden. Der Du lebst und regierst mit Gott dem Vater in Einigkeit des Heiligen Geistes, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Epistel.

Lesung des ersten Briefes des seligen Apostels Paulus an die Corinther. Cap. 11.

Brüder! Ich habe ja vom Herrn empfangen, was ich euch auch überliefert habe, daß der Herr Jesus Christus in der Nacht, in welcher er verrathen wurde, das Brod nahm, und dankte, es brach und sprach: „Nehmet hin und esset, das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird; dieses thut zu meinem Andenken.“ Desgleichen nahm er nach dem Nachtmahle auch den Kelch und sprach: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blute; thut dies, so oft ihr ihn trinket, zu meinem Andenken.“ Denn so oft ihr dieses Brod esset und diesen Kelch trinket, sollet ihr den Tod des Herrn verkündigen, bis er kommt. Wer nun unwürdig dieses Brod ißt, oder den Kelch des Herrn trinket, der ist schuldig des Leibes und Blutes des Herrn. Der Mensch aber prüfe sich selbst, und so esse er von diesem Brode und trinke aus diesem Kelche. Denn wer unwürdig ißt und trinkt, der ißt und trinkt sich das Gericht, indem er den Leib des Herrn nicht unterscheidet.

Die allerheiligste Eucharistie bildet als Opfer und Sakrament den wesentlichen Mittelpunkt der christlichen Religion; auch wollte der Herr, daß die Thatsache der Einsetzung auf einem vierfachen Zeugnisse beruhe. Der heilige Matthäus, der heilige Markus, der heilige Lukas erzählen alle in übereinstimmender Weise diese Einsetzung, und so eben haben wir den heiligen Paulus gehört, der sich in seinem den Evangelisten entsprechenden Berichte auf das eigene Zeugniß des Herrn beruft. Denn der Heiland war ihm erschienen und hatte ihn nach seiner Bekehrung über Alles unterrichtet.

Der Apostel hebt namentlich die Vollmacht hervor, welche der Heiland seinen Jüngern gegeben hatte, nämlich dasselbe, was er eben gethan, zu erneuern. Er sagt uns insbesondere, daß der Priester, so oft er den Leib und das Blut Jesu Christi consecrirt, den Tod des Herrn verkündigt. In diesen Worten ist deutlich ausgedrückt, daß das Opfer am Kreuze und das Opfer auf dem Altar dasselbe ist. Durch dieses Opfer des Erlösers am Kreuze ist auch, wie wir alsbald im Evangelium lesen werden, das Fleisch des Gotteslammes für uns wahrhaftig eine Speise und sein Blut wahrhaftig ein Trank geworden. Der Christ möge das selbst nicht in diesem Tage des Triumphes vergessen. Die Collecte der Kirche ist die vorzüglichste Form, die ihr zum treuen Ausdrucke ihrer Gebete und Gedanken dient, und was sie darin heute sagt, und im Laufe der ganzen Octave unaufhörlich wiederholt, will ncihts anderes, als die letzte rührende Empfehlung des Herrn: „So oft ihr diesen Kelch des neuen Bundes trinkt, thuet dies zu meinem Angedenken,“ – tief in die Seele ihrer Söhne einprägen. Die Wahl der Epistel, jener Briefstelle des großen Heidenapostels, soll den Christen lehren, daß dies göttliche Fleisch, das seine Seele nährt, auf dem Calvarienberge bereitet worden ist. Es soll ihn lehren, daß das Lamm, obzwar heute lebendig und unsterblich, durch einen schmerzhaften Tod unsere Speise geworden ist. Der versöhnte Sünder wird voll Zerknirschung jenen heiligen Leib empfangen, dessen Blut er durch seine vielfachen Missethaten vergossen. Der Gerechte wird voll Demuth an demselben Mahle Theil nehmen; denn er wird sich erinnern, daß auch er einen allzugroßen Antheil an den Leiden des Lammes hat: wenn er auch heute das Leben der Gnade in sich fühlt, wird er doch nie vergessen, daß er dasselbe dem Blute des Opferlammes verdankt, dessen Fleisch ihm als Speise gereicht worden ist.

Aber fürchten wir vor Allem den verwegenen Gottesraub, vor welchem der Apostel so eindringlich warnt. Ja, wer solches thäte, würde sich nicht scheuen, dem Urheber des Lebens bei dem um den Preis seines Blutes erkauften Mahle auf’s Neue den Tod zu geben. „Der Mensch prüfe sich selbst,“ sagt der heilige Paulus, „und so esse er von diesem Brode und trinke aus diesem Kelche.“ Diese Prüfung findet für Jeden, der sich einer schweren, noch nicht bekannten Sünde bewußt ist, im Sakramente der Buße statt. Wenn man auch noch so sehr seine Sünde bereut hat, wenn auch in Folge der vollkommenen Reue die Versöhnung mit Gott zur Thatsache geworden ist: so darf man sich doch nach der Vorschrift des Apostels, wie dieselbe durch die beständige Uebung der Kirche und auch conciliare Entscheidungen erkärt worden ist [Conc. Trid. Sess. XIII, cap. VII, can. XI], dem heiligen Tische nicht nahen, bevor die Sünde der Schlüsselgewalt unterworfen worden ist.

Das Graduale und der Vers Alleluja bieten auf’s Neue ein Beispiel, wie die beiden Testamente parallel laufen. […] Der Psalmist (Ps. 144, 15 und 16) preist darin die unendliche Güte des Herrn, von welchem jedes lebendige Wesen Speise erwartet; und der Heiland stellt sich darin (Joh. 6, 56. 57)uns als die wahre Speise dar.

Graduale.

Aller Augen warten auf Dich, Herr, und du gibst ihnen Speise zu rechter Zeit.

V. Du thust auf deine Hand uns sättigest alles Lebendige mit Segen.

Alleluja. Alleluja.

V. „Mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise und mein Blut ist wahrhaft ein Trank: wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm.“

Es folgt nun die Sequenz, eine berühmte und ganz eigenthümliche Dichtung des Doctor angelicus. Die Kirche, das wahre Sion, offenbart ihre Begeisterung. Sie läßt ihre Liebe zu dem lebendigen und belebenden Brode in Ausdrücke scholastischer Kürze und Genauigkeit ausströmen; man sollte annehmen, daß sie gar nicht in eine poetische Form gebracht werden könnten. Das eucharistische Geheimniß wird darin in seiner ganzen Vollständigkeit und einfachen Majestät entwickelt, dabei mit einer bestimmten Kürze, deren Geheimniß nur dem Engel der Schule zu eigen war. Diese wesentliche Auseinandersetzung über den Gegenstand des Festes, wozu dann noch eine mit dem Texte in vollständigem Einklang stehende Gesangsweise kommt, macht die Begeisterung sehr begreiflich, welche die Absingung stets in den Seelen des Volkes hervorrief und noch heute hervorruft.

Sequenz.

Deinem Heiland, deinem Lehrer,
Deinem Hirten und Ernährer,
Sion! stimm’ ein Loblied an!

Preis’ nach Kräften seine Würde,
Da kein Lobspruch, keine Zierde
Seiner Größe gleichen kann!

Dieses Brod sollst du erheben,
Welches lebt und gibt das Leben,
Das man heut’ den Christen weist;
Dieses Brod, mit dem im Saale
Christus bei dem Abendmahle
Seine Zwölfe hat gespeist.

Unser Lob soll laut erschallen,
Und das Herz in Freude wallen;
Denn der Tag hat sich genaht,
Da der Herr zum Tisch der Gnaden
Uns zuerst hat eingeladen,
Und das Mahl gestiftet hat.

Von des neuen Königs Speise
Wird des alten Passah’s Weise
Durch ein Neues abgethan;
Und der Wahrheit muß das Zeichen,
Und die Nacht dem Lichte weichen,
Und das Neue fanget an.

Was vom Herrn beim Mahl geschehen,
Hieß er uns auch so begehen,
Und zu feiern seinen Tod;
Zu dem Opfer, ihn zu ehren
Nach der Vorschrift seiner Lehren,
Wird verwandelt Wein und Brod.

Doch wie uns der Glaube lehret,
Wird das Brod in Fleisch verkehret,
Und in Christi Blut der Wein.
Was dabei das Aug’ nicht siehet,
Dem Verstande selbst entfliehet,
Sieht der feste Glaube ein.

Wundergroßes ist enthalten
Unter zweierlei Gestalten,
Die jedoch nur Zeichen sind:
Blut und Fleisch zu Trank und Speise,
Da sich doch in beider Weise
Christus ungetheilt befind’t.

Wer zu diesem Gastmahl eilet,
Nimmt ihn ganz und unzertheilet,
Unzerbrochen, unversehrt.
Einer kommt, und Tausend kommen,
Keiner hat doch mehr genommen,
Und er bleibt doch unverzehrt.

Fromme kommen, Böse kommen,
Uns sie haben ihn genommen,
Die zum Leben, die zum Tod.
Bösen wird er Straf’ und Hölle,
Guten ihres Heiles Quelle:
Wie verschieden wirkt das Brod!

Wird die Hostie auch gespalten,
Zweifle nicht an Gottes Walten,
Daß die Theile das enthalten,
Was das ganze Brod enthält.
Niemals kann das Wesen weichen,
Nur gebrochen wird das Zeichen,
Sach’ und Wesen sind die gleichen,
Beide bleiben unentstellt.

Seht! die hehre Engelspeise,
Brod der Pilger auf der Reise,
Wahres Brod dem Kinderkreise:
Nicht den Hunden wirf es hin!
Schon in Isaak’s Opfertode,
In des Osterlamms Gebote,
In der Väter Mannabrode
Wies auf es ein tiefer Sinn.

Guter Hirte, Brod der Seelen!
Dein Erbarmen laß nicht fehlen,
Dich als Hirt und Schützer wählen,
Woll’ im Land des Lebens zählen
Uns zu deinen Seligen!
Du, der Alles weiß und leitet,
Der die Menschenkinder weidet
Und an seinem Mahle leidet,
Setz’ uns, wenn die Seele scheidet,
In den Kreis der Heiligen!
Amen. Alleluja.

Evangelium.

Fortsetzung des heiligen Evangeliums nach Johannes. Cap. 6.

In jener Zeit sprach Jesus zu dem Volke der Juden: „Mein Fleisch ist wahrhaftig eine Speise, und mein Blut ist wahrhaftig ein Trank. Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm. Gleichwie mich der lebendige Vater gesandt hat, und ich durch den Vater lebe: so wird auch der, welcher mich ißt, durch mich leben. Dies ist das Brod, welches vom Himmel herabgekommen ist, nicht wie das Manna, das eure Väter gegessen haben und gestorben sind. Wer dieses Brod ißt, wird ewig leben.“

Der Liebesjünger konnte unmöglich sich dem Geheimniß der Liebe gegenüber schweigend verhalten. Als er indessen sein Evangelium schrieb, war die Einsetzung des göttliches Sakramentes von den drei ihm vorausgegangenen Evangelisten und dem Apostel Paulus hinreichend klar erzählt. Er kann daher nicht mehr auf dieses Ereigniß selbst zurückkommen, vervollständigte aber den Bericht der drei andern insofern, als er die feierliche Verheißung dieses Sakramentes meldet, welche der Heiland ein Jahr vor dem letzten Abendmahle am Ufer des See’s Tiberias gegeben.

Der zahlreichen Menge, welche das erst kürzlich stattgehabte Wunder der Vervielfältigung der Brode und der Fische um ihn versammelt hatte, stellte Jesus sich als das wahre vom Himmel herabgekommene Lebensbrod vor, welches vor dem Tode bewahrt, im Gegensatze zum Manna, das von Moses ihren Vätern gegeben wurde. Das Leben ist das erste Gut, wie der Tod das letzte Uebel. Das Leben hat in Gott seinen Sitz und seine Quelle [Ps. 35, 10]; er allein kann es mittheilen, wenn er will, und wer es verloren hat, dem kann er es wiedergeben. Durch seine Gnade hat er den Menschen zum Leben geschaffen; durch die Sünde unterlag er dem Tode. Aber Gott liebt die Welt also, daß er für die verlorene Welt seinen eingeborenen Sohn dahin gab [Joh. 3, 16], mit dem Auftrage, den Menschen in seinem ganzen Wesen auf’s Neue zu beleben. Seiner Natur nach wahrer Gott vom wahren Gott, Licht vom Licht, ist er ebenso wahres Leben vom wahren Leben, und wie der Vater Diejenigen, welche in der Finsterniß sind, durch den Sohn, sein Licht, erleuchtet, ebenso gibt er den Todten durch den Sohn, sein lebendiges Abbild, das Leben [Cyrill. Al. in Johan. Lib. IV, cap. 3]. Das Wort Gottes ist demnach unter die Menschen gekommen, damit sie das Leben hätten und überflüssig hätten [Joh. 10, 10]. Und da es das Eigenthümliche der Speise ist, daß sie das Leben vermehrt und unterhält, so hat er sich zur Speise gemacht, zur lebendigen und belebenden Speise, die vom Himmel herabgekommen ist. Des ewigen Lebens theilhaft, das er aus dem Schooße des Vaters schöpft, theilt das Fleisch des Sohnes dies Leben dem mit, der es ißt. Was seiner Natur nach dem Verderben unterworfen ist, sagt der heilige Cyrillus von Alexandria, kann nur durch körperliche Vereinigung mit dem Leibe dessen, der seiner Natur nach das Leben ist, belebt werden. Wie zwei Stücke Wachs, in der Flamme geschmolzen, nur noch Eines sind, so werden wir mit Christus, durch die Theilnahme an seinem kostbaren Leibe und Blute, Eins. Dies in dem Fleische des Wortes, das in uns selbst das unserige geworden, wird nicht mehr in uns von dem Tode überwunden werden; es wird vielmehr, an dem bezeichneten Tage, die Banden des alten Feindes abschütteln, und über die Verwesung in unseren unsterblichen Leibern triumphiren [Cyrill. Al. in Johan. Lib. X, cap. 2]. In ihrer bräutlichen Feinfühligkeit und ihrer mütterlichen Zärtlichkeit hat die Kirche die betreffende Stelle aus Johannes zum Evangelium der Messe üfr die Verstorbenen erwählt, indem sie die Thränen der Lebenden über Jene sammelt, welche nicht mehr die heilige Hostie, die Quelle des wahren Lebens, den sicheren Mittelpunkt ihrer gemeinsamen Hoffnungen, umgeben.

So mußte es eintreten, daß nicht allein die Seele durch die Berührung mit dem Worte erneuert wurde, sondern selbst der irdische Leib einen verhältnißmäßigen Antheil an der Kraft des lebendigmachenden Geistes – wie sich der Herr ausdrückt [Joh. 6, 64] – bekam. „Diejenigen, denen durch die Hinterlist eines Feindes Gift beigebracht worden ist“ – so sagt in trefflicher Weise der heilige Gregor von Nyssa – „ersticken den Giftstoff in sich durch ein Gegenmittel. Aber wie dies bei dem tödtlichen Tranke geschehen, so muß auch der Heiltrank in die Eingeweide eingeführt werden, damit er von da aus die Heilkraft über den ganzen Organismus verbreitet. Wir nun, die wir die Todesfurcht gekostet, wir brauchen auch ein Heilmittel, welches in uns das gestörte Gleichgewicht unserer Elemente wiederherstellt, und bis in unser innerstes Wesen dringend, die Gewalt des Giftes durch eine Gegengewalt neutralisirt. Was soll dies nun sein? Nichts Anderes, als jener Leib, der sich mächtiger bewiesen, als der Tod, und der daher für uns eine Quelle des Lebens ist. ‚Ein wenig Sauerteig durchsäuert den ganzen Teig,‘ sagt der Apostel [1. Cor. 5, 6]; ebenso wandelt Christi Leib den unserigen in den seinigen um. Aber nichts kommt so körperlich in uns, wie Speise und Trank, und das ergibt denn auch die unserer Natur angemessene Weise, wie die belebende Kraft selbst unsern Körper durchdringt [Greg. Nyss. Orat. catech. Cap. XXXVII].“

Das Offertorium ist dem Leviticus entnommen (21, 6); der Herr empfiehlt an jener Stelle den Priestern des alten Bundes, daß sie heilig sein sollten, im Hinblick auf das Opfer, das sie Jehova mit dem symbolischen Weihrauch und den Schaubroden zu bringen hatten. So hoch nun das Priesterthum des neuen Bundes über das Amt des vorbildlichen Gesetzes emporragt, so hoch sollen auch an Heiligkeit über die Hände Aarons Diejenigen emporragen, welche das wahre Himmelsbrod dem göttlichen Vater darbringen.

Offertorium.

Die Priester des Herrn opfern Gott Weihrauch und Brod, und darum sollen sie ihrem Gotte heilig sein, und sie werden seinen Namen nicht beflecken. Alleluja.

In dem Stillgebet erfleht der Priester die Einheit und den Frieden, welche eine besondere Gnade des göttlichen Sakramentes sind. Dies folgerten schon die Väter aus der Zusammensetzung der heiligen Gaben; denn ein Brod ist gebildet aus zahlreichen in der Mühle zermahlenen Körnern, und der eine Wein besteht aus vielen in der Kelter gepreßten Traubenbeeren.

Daran schließt sich die Präfation, als welche für heute und die ganze Octave die Weihnachtspräfation dient. Sie soll uns den innigen Zusammenhang der beiden Geheimnisse ins Gedächtniß rufen, der auch in anderer Weise zu Tage tritt. Schon der Name der Geburtsstätte ist in dieser Beziehung bezeichnend. In Bethlehem, dem Hause des Brodes, ist Jesus, das wahre Brod des Lebens, vom Himmel herabgekommen.

Stillgebet.

O Herr, wir bitten Dich, gib gnädig deiner Kirche die Gaben der Einheit und des Friedens: welche geheimnißvoll unter den dargebrachten Opfern angedeutet sind. Durch Jesum Christum, unsern Herrn. Amen.

Präfation.

Wahrlich ist es würdig und recht, billig und heilsam, daß wir Dir immer und überall Dank sagen, o heiliger Herr, allmächtiger Vater, ewiger Gott: – Denn durch das Geheimniß des fleischgewordenen Wortes ist ein neues Licht deiner Klarheit den Augen unseres Geistes erschienen: so daß wir unseren Gott sichtbar erkennen und zugleich durch diesen zur Liebe der unsichtbaren Dinge fortgerissen werden. Und deßhalb singen wir mit den Engeln und Erzengeln, mit den Thronen und Herrschaften, und mit dem ganzen Kriegsheer der himmlischen Schaaren den Lobgesang auf deine Herrlichkeit, indem wir ohne Ende rufen: Heilig, heilig, heilig etc.

Treu der Vorschrift Christi, welche der Apostel in der Festepistel auf’s Neue einschärft, erinnert die Kirche in der Antiphon zur Communion ihre Söhne daran, daß sie, so oft sie den Leib des Herrn empfangen, seinen Tod verkünden, und daß sie in heiliger Furcht sich davor bewahren, unwürdig den Geheimnissen des Heils zu nahen.

Communion.

So oft ihr dieses Brod esset und diesen Kelch trinket, sollet ihr den Tod des Herrn verkündigen, bis er kommt. Wer nun unwürdig dieses Brod ißt, oder den Kelch des Herrn trinket, ist schuldig des Leibes und Blutes des Herrn. Alleluja.

Zum Schlusse der heiligen Handlung erfleht die Kirche für die Ewigkeit die unverhüllte Vereinigung mit dem göttlichen Worte, deren Unterpfand und Vorbild die Theilnahme an der wirklichen Wesenheit des kostbaren Leibes und Blutes ist.

Postcommunion.

O Herr, wir bitten Dich, laß uns von dem eiwgen Genusse deiner Gottheit gesättigt werden: welcher durch den zeitlichen Empfang deines kostbaren Leibes und Blutes vorgebildet ist. Der Du lebst und regierst. Amen.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Zehnter Band: Die Zeit nach Pfingsten; Mainz 1881; S. 282-295]

Dom Guéranger zum Fronleichnamsfest (1/3)

Das Fest des allerheiligsten Sakramentes des Altars.

(Fronleichnamsfest.)

Lasset uns anbeten Christum, den König, den Beherrscher der Völker: der Fülle des Geistes schenkt Allen, die ihn grüßen!

Ein großer Festtag ist über der Welt aufgegangen. Gottes Fest haben ihn unsere Väter genannt; und er ist in Wahrheit ein Fest Gottes, aber auch ein Fest des Menschen; denn er ist das Fest Christi, des Mittlers, der in der Hostie gegenwärtig ist, um Gott dem Menschen und den Menschen Gott zu geben. Mit Gott Eins zu werden, darin liegt das ganze Sehnen der Menschheit, und diesem Sehnen hat Gott sogar hienieden schon durch eine Erfindung des Himmels entsprochen. Der Mensch feiert heute dieses göttliche Wunder.

Gegen dies FEst und seinen göttlichen Gegenstand haben die Menschen allezeit den schon sehr alten Einwand erhoben: „Wie kann das sein [Joh. 6, 53]?“ Und die Vernunft schien auch zu rechtfertigen, was sie gegen die thörichten Anmaßungen des Menschenherzens – wie sie meinten – vorbrachten.

Jedes Wesen dürstet nach dem Glück; gleichwohl oder vielmehr gerade deßhalb strebt es nur nach dem Gute, wofür es empfänglich ist. Denn das ist ja die Vorbedingung des Glückes, daß es dem Verlangen dessen, der es erstrebt, vollkommen Genüge leiste. Darum eben setzte die göttliche Weisheit, als sie die Himmel bereitete, die Abgründe grub, der Erde ihre Bahn vorzeichnete und Alles mit Allmacht schuf, jedes geschaffene Wesen mit den verschiedenen Zwecken der Geschöpfe in vollkommenen Einklang, indem sie Bedürfniß, Instinkt und Verlangen eines jeden nach seiner eigenen Natur bemaß, und nur solche Triebe in die einzelnen Wesen legte, denen sie Befriedigung verschaffen konnten. Sollte nun das Streben nach dem Guten und Schönen, das Suchen nach Gott, ein unabweisbares Gesetz jeder vernünftigen Natur, durch die Schranken aufgehalten werden, welche dieser Natur gesetzt sind? Würde da nicht das Glück derselben in einem Genusse außerhalb der ihnen angeborenen Fähigkeiten und darum für sie unerreichbar liegen?

So eigenthümlich auch eine solche Anomalie erscheint, so ist sie doch thatsächlich vorhanden: die wahre Psychologie, die Wissenschaft der menschlichen Seele, bezeugt das. Wie Alles, was um ihn lebt, dürstet auch der Mensch nach Glück, und gleichwohl er allein auf dieser Erde fühlt in sich ein Sehnen, das unermeßlich die Grenzen seiner gebrechlichen Natur überschreitet. Der Schöpfer der Welt hat das Scepter derselben in seine Hände gelegt, und alle die bescheidenen Gäste seiner königlichen Wohnung finden das volle Genügen aller ihrer Triebe; nur er, der König der Schöpfung, kann in der Welt kein Gegengewicht finden gegen den unwiderstehlichen Trieb, der ihn über die Grenzen seines Reiches, über die Grenzen der Zeit nach der Unendlichkeit hinzieht. Gott hat sich ihm durch seine Werke in einer seiner geschaffenen Natur angepaßten Weise offenbart; er kann Gott als den ersten Grund und das allgemeine Ziel, als die Vollkommenheit ohne Grenzen, als die unendliche Schönheit, als die höchste Güte erkennen; aber das genügt dem Menschen nicht. Dies Geschöpf aus Nichts verlangt nach dem Unendlichen in seiner Wesenheit, er sehnt sich nach dem Antlitze des Herrn selbst, nach der Versenkung in sein innerstes Leben. Die Erde ist ihm nur eine Wüste ohne Ausgang, ohne Wasser, seinen brennenden Durst zu löschen; von der Frühe wacht seine Seele, hungernd nach Gott, der allein sein Sehnen stillen kann; selbst sein Fleisch dürstet nach ihm [Psalm 62, 2]. „Wie der Hirsch verlangt nach Wasserquellen,“ ruft er aus, „also verlangt meine Seele nach Dir, o mein Gott. Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem starken lebendigen Gott; wann werd’ ich hinkommen und erscheinen vor Gottes Angesicht? Meine Thränen sind meine Speise Tag und Nacht, da man täglich zu mir sagt: Wo ist dein Gott? Daran denk’ ich und schütte in mir aus mein Herz; denn ich will hinüber an den Ort des wunderbaren Zeltes gehen, bis zum Hause Gottes unter Jubel und Lobgesang und fröhlichem Klang. Warum bist du traurig, meine Seele, und warum betrübst du mich? Hoffe auf Gott, denn ich werde ihm noch danken; er ist das Heil meines Angesichts und mein Gott [Psalm 41, 2-7].“

Das ist gewiß eine eigenthümliche Begeisterung für die kalte Vernunft; ihr erscheint das als thörichtes Gebahren; diese Anschauung Gottes, dies göttliche Leben, dies Festmahl, bei welchem Gott selbst Speise wäre, geht das nicht Alles unendlich über die Kräfte der menschlichen, wie überhaupt jeder geschaffenen Natur hinaus? Ein Abgrund trennt den Menschen von dem Gegenstande seines glühenden Verlangens, ein Abgrund, dessen Tiefe dem erschreckenden Mißverhältnisse des Nichts zum Sein gleicht. Ein schöpferischer Act allein könnte, trotz der Allmacht, diesen Anspruch nicht ausfüllen; und damit dies Mißverhältniß fürder kein Hinderniß mehr für die erstrebte Vereinigung sei, mußte Gott selbst den Raum durchbrechen, und dem Sprößling des Nichts seine eigene Thatkraft mittheilen. Aber was ist denn eigentlich der Mensch, daß das höchste Wesen, dessen Herrlichkeit die Himmel nicht fassen, von seiner Höhe zu ihm sich erniedrige?

Aber wer hat denn im menschlichen Herzen diesen gähnenden Schlund, den nichts auszufüllen vermag, gechaffen? Die Himmel erzählen die Herrlichkeit des Herrn, und die Werke seiner Hände verkünden die Weisheit und Macht ihres Schöpfers [Psalm 18, 2], woher dann im Menschen ein solcher Mangel an Harmonie? Zahl, Maß und Gewicht hätten allein bei ihm den höchsten Acten gemangelt [Weish. 11, 21]? Und er, der das Hauptwerk der Schöpfung werden sollte, wie er deren Krönung und König ist, wäre nur eines jener Pfuschwerke, welche durch ihre Mängel die Nachlässigkeit oder Ohnmacht des Arbeiters anklagen? Ferne von uns sei eine solche Lästerung! Gott ist die Liebe [1. Joh. 4, 8], sagt uns der heilige Johannes. Und die Liebe ist der Knoten des Räthsels, welches der auf ihre eigenen Kräfte beschränkten Philosophie ebenso unvermeidlich, wie unlösbar erscheint.

Gott ist die Liebe; und das Wunder liegt nicht darin, daß wir Gott geliebt, sondern daß er selbst uns zuvor geliebt [1. Joh. 4, 10]. Aber die Liebe verlangt Vereinigung, und die Vereinigung setzt Wesen voraus, die sich einander gleichen. Welcher Reichthum der göttlichen Natur! In ihr gelangen Macht, Weisheit und Liebe zu gleich unendlicher Entfaltung. In ihren höchsten Beziehungen bilden sie die erhabene Dreifaltigkeit, die seit dem Sonntag uns mit ihren Flammenstrahlen übergießt. Welche Tiefe des göttlichen Rathes! Was die grenzenlose Liebe will, dafür findet die unendliche Weisheit erhabene Mittel, deren Ausführung die Herrlichkeit der Allmacht verkünden!

Ehre vorab Dir, o Heiliger Geist, dessen kaum begonnenes Reich unser sterbliches Auge mit solchem Glanze erfüllt, daß es im Stande ist, die ewigen Beschlüsse zu erfassen! Am Tage deiner Pfingsten hat ein neues Gesetz voll Klarheit das alte mit seinen Schatten ersetzt. Der Erzieher, der auf die wahre Wissenschaft vorbereitete und die Welt in ihrer Kindheit lenkte, hat unser Lebewohl empfangen; das Licht ist durch die Predigt der heiligen Apostel erglänzt, und die Söhne des Lichts, der Kindheit entwachsen, Gott kennend und von ihm gekannt, entfernen sich täglich mehr von der schwachen und dürftigen Kindheitslehre [Gal. 3 und 4]. Kaum ist, o göttlicher Geist, die triumphirende Octave verflossen, in welcher die Kirche mit deiner Ankunft ihre eigene Geburt feierte, so sehen wir Dich bereits am Werke, die Sendung zu erfüllen, die Du übernommen. Du wolltest die Braut an Alles erinnern, was der Herr gesagt [Joh. 14, 26], und alsbald zeigst du ihrem gläubigen Auge die erhabene und strahlende Dreifaltigkeit, deren Betrachtung die in Anbetung und Lob ausgegossene Seele entzückt. Aber das erste unserer großen Glaubensgeheimnisse, das unergründliche Dogma der allerheiligsten Dreifaltigkeit, erschöpft mit nichten die ganze Fülle der göttlichen Offenbarung. Eifrig warst Du bestrebt, mit dem Felde deiner Unterweisungen auch die Gesichtskreise für den Glauben der Völker zu erweitern.

Die Erkenntniß Gottes in seinem Wesen und seinem inneren Leben forderte als ihre Ergänzung auch die Erkenntniß seines Wirkens nach Außen un der Beziehungen, welche er zwischen sich und seinen Geschöpfen aufrichten wollte. Und siehe da, schon in dieser Woche beginnen wir unter deiner Leitung das unaussprechliche Verzeichniß der kostbaren Geschenke, welche der Bräutigam, als er zum Himmel auffuhr, in unseren Händen zurückgelassen hat. An diesem Donnerstag, der uns an den heiligsten Donnerstag erinnert, da der Herr das letzte Abendmahl mit seinen Jüngern gehalten, an diesem Donnerstage bietest Du unserem jubelnden Herzen den wunderbaren Gesammtinhalt der Werke Gottes, der da Eins ist nach seiner Natur und dreifach in den Personen; das erhabene Gedächtniß [Psalm 110, 4] der Wunder, welche durch den vollkommenen Einklang der Allmacht, Weisheit und Liebe gewirkt worden sind. Die allerheiligste Eucharistie offenbart uns aus sich allein den göttlichen Weltplan. Sie stellt die Entwickelung in der Zeit, den fortschreitenden Gang der von der unendlichen Liebe eingegebenen göttlichen Entschlüsse in helles Licht; sie zeigt dieselben bis an ihr Ende, das sie selbst ist. Alle vorhergegangenen göttlichen Acte krönt sie, sie setzt dieselben voraus und erklärt sie.

Das Verlangen des Menschen nach der Vereinigung mit Gott, das über seine Natur hinausgeht und doch auch wieder unlöslich mit derselben verwachsen ist, hat uns auf die einzig mögliche Ursache desselben, auf Gott, den Schöpfer dieser Natur, zurückgeführt. Er allein hat diesen Abgrund im menschlichen Herzen gegraben; er allein kann und will ihn auch ausfüllen.

Ebenso wie der allmächtige VAter in dem Einen Worte, das göttliche Weisheit ist, alle Dinge sieht, bevor sie noch da sind, ebenso will er im Heiligen Geiste, daß alle da seien. Allerdings ist die Hervorbringung den drei Personen gemeinsam; aber die Ursache des Schaffens liegt im Heiligen Geiste. Im großen Rathe hat er das eröffnende Wort gesprochen: „Lasset uns den Menschen machen nach unserem Ebenbild und Gleichniß [1. Mos. 1, 26].“ – „Und Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbilde: nach dem Ebenbilde Gottes schuf er ihn [Ebend. 1, 27],“ ein Abbild seines Wortes, des höchsten Urbildes. Mit Vernunft und Willen begabt, wie Derjenige, dessen Abbild er ist, wird er die ganze Schöpfung für Gott beleben, und diese Schöpfung wird durch ihn zu ihrem Schöpfer huldigend sich emporschwingen. Aber die unaussprechlichen Pläne des Geistes der Liebe gehen unendlich weiter.

Der Heilige Geist will für den Menschen auch noch ein Ziel, das jenseits der Zeit liegt. Er soll in der klaren Anschauung der göttlichen Wesenheit an ihrem eigenen Leben Antheil haben. Ja, das irdische Leben der Söhne Adams ist schon im Voraus mit der Würde dieses höheren Lebens umkleidet, so daß das letztere nur als die Frucht, als die regelmäßige Weiterentwickelung des ersteren erscheint. Und damit das hinfällige Wesen des Geschöpfes nicht unter einer solchen Bestimmung bleibe, damit der Mensch dem Sehnen seiner Liebe genügen könne, bewirkt der Heilige Geist beim Schöpfungsacte, daß die drei göttlichen Personen ihm ihre eigenen Eigenschaften eingießen und auf seine endlichen und beschränkten Kräfte die Kräfte der göttlichen Natur pfropfen. Es ist dies eine Bestimmung, die über der Natur liegt, es sind dies Kräfte, welche den natürlichen Fähigkeiten beigemischt werden, um dieselben umzuwandeln, ohne sie zu zerstören und so das vorgesetzte Ziel zu erreichen.

Vergebens gibt eine hochmüthige Philosophie, die sich selbst als unabhängig und für sich bestehend erklärt, vor, sich an natürliche Dogmen, an rein menschliche Tugenden halten zu wollen. Nicht minder als der wunderbare Aufschwung gläubiger Seelen, beweisen die entsetzlichen Verirrungen der empörten Geister auf dem Wege des Irrthums und des Lasters in ihrer Weise, daß die Natur kein Standpunkt mehr ist, auf dem sich der Mensch aufrecht erhalten kann; ja, daß sie nie einen solchen Standpunkt bot. Denn wie sollte sich der Mensch den göttlichen Absichten entziehen können? Indem uns Gott einen übernatürlichen Beruf gab, hat er einen Akt der Liebe gethan, aber ebenso einen Act der Autorität. Seine Wohlthat schafft für uns eine Pflicht.

Das ist ein Adel ohne Gleichen, daß der Mensch nicht blos zum Ebenbilde Gottes, sondern zu seinem Gleichniß wird [1. Mos. 1, 26]. Zwischen dem Unendlichen, dem Ewigen und dem, der eben Nichts war und stets ein Geschöpf bleiben wird, sind Freundschaft und Liebe von nun an mögliche Dinge. DAs hat eben der Geist der Liebe bewirkt. Das Seufzen des Menschen nach seinem Gott, das Dürsten selbst seines sterblichen Fleisches nach ihm [Ps. 62, 1], waren also nicht die plötzlichen Ausbrüche einer sinnlosen Begeisterung. Das verzehrende Sehnen nach dem starken, dem lebendigen Gotte, nach dem Festmahle der Vereinigung mit ihm, war kein eitles Traumgebilde. Was Wunder, wenn der Mensch, in Gemeinschaft mit der göttlichen Natur [2. Petr. 1, 4], sich dieser Gemeinschaft bewußt wird, und sich von der unerschaffenen Flamme zum Herde ziehen läßt, von welchem aus sie bis zu ihm strahlt? Ein berechtigter zeuge seiner eigenen Werke, ist der Geist da, um das zu bestätigen, dessen wir uns bewußt geworden sind, und unserem Geiste Zeugniß zu geben, daß wir Kinder Gottes sind [Röm. 8, 16]. Es ist derselbe Geist, der im Innnersten unseres Seins sein Liebeswerk aufrecht erhält und zu gutem Ende führt, der bald in plötzlichem Lichtstrahle dem Auge unseres Herzens die Horizonte künftiger Herrlichkeit erschließt [Ephes. 1, 17. 18], bald in jenen unaussprechlichen Seufzern [Röm. 8, 26] spricht, in jenen Liedern der Verbannung voll heißen Thränen einer Liebe, welche den Augenblick der Vereinigung nicht erwarten kann. Wie sollen wir die siegreiche Süßigkeit der unvergleichlichen Harmonien schildern, welche aus dem Innern der vom göttlichen Zuge getroffenen Seele von der Erde zum Himmel emporsteigen? In der That, siegreich sind jene Seufzer; und wenn auch die ewige Vereinigung mit den Tagen der Pilgerschaft und der Prüfung unvereinbar ist, so hat darum das Thal der Thränen doch seine unaussprechlichen, seine beseligenden Geheimnisse.

In diesem Zusammenwirken des Heiligen Geistes und der Seele, weiß Derjenige, der die Herzen durchforscht, was der Geist begehrt. Denn, so sagt uns der Apostel, nach Gottes Wohlgefallen begehrt er für die Heiligen [Ebend. 8, 27]. Es ist dies ein Begehren, allmächtig wie Gott selbst; ein neues Begehren, insoweit es den Menschen betrifft, der erst von gestern stammt, ein ewiges Begehren, da es von dem Geiste ausgeht, der bereits vor dem Beginne der Zeit, ewig derselbe, ausgegangen ist. Diesem von den unergründlichen Tiefen seiner Ewigkeit her gestellten Begehren gegenüber, hat Derjenige, für welchen Alles besteht und den kein sterbliches Auge gesehen hat, noch sehen kann [1. Tim. 6, 16], beschlossen, sich in der Zeit zu offenbaren und sich mit dem Menschen, noch während seiner Pilgerfahrt, zu vereinigen, nicht zwar durch sich selbst, sondern in seinem Sohne, dem Abglanz seiner Herrlichkeit, dem Ebenbilde seines Wesens [Hebr. 1, 3]. Gott hat so sehr die Welt geliebt [Joh. 3, 16], daß er ihr sein Wort dahin gab, daß er die göttliche Weisheit schon im Schoße des Vaters dem Menschengeschlechte verpfändete. Dieser Schoß des Vaters, der sein Abbild im Schoße Abrahams findet, jenem geheimnißvollen Sammelplatze der Gerechten im Alten Bunde, dem Ruheorte der heiligen Seele, bis dem auserwählten Volke der Weg zum Heiligthume geöffnet wurde, dieser Schoß des Vaters ist die bräutliche Kammer, von welcher David singt [Ps. 18, 6], aus welcher der Bräutigam hervorgeht, wenn er zur bezeichneten Stunde die Höhen des Himmels verläßt, um seine Braut zu suchen und sie dort hinzuführen zur ewigen Hochzeitsfreude. Das ist ein triumphirender Zug des Bräutigams in seiner Schönheit [Ps. 44, 5], von welchem der Prophet Michäas gesagt, als er Bethlehem pries, daß sein Ausgang von Ewigkeit her sei [Mich. 5, 2]. So ist nach den erhabenen Lehren der katholischen Theologie ein enger Zusammenhang zwischen der ewigen Erzeugung der göttlichen Personen und ihrer Sendung in der Zeit. Dieselbe Ewigkeit vereinigt beide in Gott; von Ewigkeit her schaut die erhabene Dreifaltigkeit die unaussprechliche Geburt des einzigen Sohnes aus dem Schoße des Vaters und ebenso von Ewigkeit her sieht sie ihn als den Bräutigam aus demselben väterlichen Schoße hervorgehen.

Wenn wir nun die ewigen Rathschlüsse unter sich vergleichen, so ist es nicht schwierig herauszufinden, was eigentlich die Hauptsache ist und was sich darum auch als der schöpferische Gedanke in allem anderen ausprägt. Gott der Vater hat Alles gethan wegen dieser Vereinigung der menschlichen Natur mit seinem Sohne. Und diese Vereinigung ist so innig, daß sie für einen Menschen bis zur persönlichen Identificirung mit dem eingeborenen Sohne gehen sollte. Sie ist aber auch so allgemein, daß kein einzelner Mensch von der göttlichen Hochzeit mit der im Schönsten unter den Menschenkindern offenbar gewordenen ewigen Weisheit ausgeschlossen sein sollte, es sei denn, daß er selbst nicht wolle. So hat Gott, welcher befahl, daß aus Finsterniß Licht leuchtete, unsere Herzen erleuchtet, das Licht der Erkenntniß Gottes strahlen zu lassen in Christo Jesu Antlitz [2. Cor. 4, 6]. So ist auch das Hochzeitgeheimniß das Weltgeheimniß, so endlich gleicht das Himmelreich einem Könige, der seinem Sohne Hochzeit hielt [Matth. 22, 2].

Wo aber soll hienieden der Fürst seiner Braut begegnen? Wo soll diese wunderbare Vereinigung stattfinden? Wer wird uns die Mitgift der Braut, wer das Hochzeitsgeschenk nennen? Wer ist der Ordner des hochzeitlichen Mahles? Welche Gerichte werden den Gästen vorgesetzt? Lauter höchst wichtige Fragen, deren triumphirende Antwort erschallt, so weit der Himmel die Erde überspannt. An der Gewalt dieser erhabenen Töne erkennen wir das göttliche Wort. Die anbetungswürdige Weisheit hat die Schwelle der Tempel überschritten und predigt draußen; sie läßt ihre Stimme hören auf den Gassen, an der Spitze der Volkshaufen rufet sie, an den Eingängen der Throne rdet sie ihre Worte [Spr. Sal. 1, 20. 21]. Auf den Höhen, auf den höchsten Gipfeln, auf dem Wege mitten auf der Landstraße redet sie zu den Menschenkindern [Ebend. 8, 2-4]. Und um dieselbe Zeit eilen ihre Mägdlein, einzuladen auf das Schloß und in die Mauern der Stadt, und sie bringen die Botschaft: „Kommet und esset mein Brod, trinket den Wein, den ich für euch gemischt habe. Denn die Weisheit baute sich ein Haus, das auf sieben Säulen ruht; sie opferte ihre Schlachtopfer, mischte den Wein und richtete ihren Tisch zu [Ebend. 9, 1-5]. Alles ist bereit, kommet zu Hochzeit [Matth. 22, 4].“

O Weisheit, die Du hervorgegangen aus dem Munde des Allerhöchsten. von einem Ende zum andern reichest, und Alles ordnest in Kraft und Schönheit [Erste Antiphon aus den großen Antiphonen des Advents.]; in der Zeit des Advents, der Ankunft in Bethlehem, dem Hause des Brodes, haben wir Dich angefleht: Du warst das erste Sehnen unserer unter der Erwartung der Jahrhunderte pochenden Herzen. Der Festtag deiner glorreichen Erscheinung machte das Geheimniß der Hochzeit wie auch den Bräutigam offenbar. Die Braut wurde in den Fluthen des Jordan bereitet, die Weisen eilten mit Geschenken zu der königlichen Hochzeitsfeier, und über den aus Wasser umgewandelten Wein frohlockten die Hochzeitsgäste [Ant. Epiph. ad Benedictus]. Aber dieses in Wein verwandelte Wasser, welches die geringe Fruchtbarkeit des Weinbergs ergänzen konnte, stellte noch viel größere Wunder in Aussicht. Der wahre Weinstock, dessen Reben wir sind [Joh 15, 5], hat seine herrlichen Blüthen, seine lieblichen Früchte gegeben [Eccli. 24, 23]. Die Thäler haben Ueberfluß an Korn; Alles lobsinget [Psalm 64, 14]; denn diese Stärke des Volkes (Getreide) wird im Lande auf den Gipfeln der Berge sein, dessen Frucht wird übertreffen den Libanon [Psalm 71, 16].

Edle, erhabene Weisheit, deren göttliche Reize von der Kindheit an die nach der wahren Schönheit [Weish. 8, 2] verlangenden Herzen hinreißen! So ist denn der Tag des wahren Hochzeitsfestes gekommen. Wie eine ehrwürdige Mutter, wie eine jungfräuliche Braut, eilst Du herbei, um uns mit dem Brode des Lebens zu nähren und den Trank des Heiles uns zu reichen [Eccli. 15, 2. 3]. Besser ist deine Frucht, als Gold und Edelgestein, und dein Wesen besser, als auserlesenes Silber [Spr. Sal. 8, 19]. Die Dich essen, hungern immer, und die Dich trinken, dürften immer [Eccli. 24, 29]; denn dein Umgang hat nichts Bitteres, deine Gesellschaft nichts Widriges, sondern Lust und Freude [Weish. 8, 16], Reichthum, Ehre und Gerechtigkeit [Spr. Sal. 8, 18].

In diesen Tagen, wo Du auf den Säulen der Wolken [Eccli. 24, 7] deinen Thron in der Versammlung der Heiligen errichtest, wollen wir deine Wunder verkünden, und mit Dir, o Weisheit, dein Lob singen im Angesichte der Heerscharen des Allerhöchsten [Ebend. 24, 1-4]. Oeffne denn unsern Mund, erfülle uns mit deinem Geiste, göttliche Weisheit, damit unser Lob seines Gegenstandes würdig und sie selbst, nach der Verheißung der heiligen Schrift, in dem gläubigen Munde deiner Anbeter reichlich sei [Ebend. 15, 5. 10].

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Zehnter Band: Die Zeit nach Pfingsten; Mainz 1881; S. 211-225]