Dom Guéranger zum fünften Sonntag nach Ostern (3/3)

Zur Vesper.

Antiphon zum Magnificat.

Bittet, so werdet ihr empfangen, auf daß eure Freude vollkommen werde; denn der Vater selbst liebt euch, weil ihr mich geliebt und geglaubt habt. Alleluja.

Gebet.

O Gott, von dem alles Gute kommt, gib deinen flehenden Dienern: daß wir durch deine Erleuchtung das, was recht ist, denken und dasselbe durch deine Leitung auch thuen. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Wir schließen den Tag mit der ernsten Ermahnung, welche die gothische Kirche Spaniens mitten in den Osterfreuden an ihre Gläubigen richtete, um ihnen einen Wink über die nöthigen Vorsichtsmaßregeln zur Bewahrung des erlangten neuen Lebens zu geben.

Missa.

(Feria V. post Pascha.)

Geliebteste Brüder, unsere Wünsche seien mit Vorsicht, unsere Feste mit Wachsamkeit, unsere Freuden mit Mäßigung vereint. Wir müssen frohlocken, daß wir auferstanden sind, aber auch fürchten, damit wir nicht fallen. Zwischen dem neuen Leben und dem ehemaligen Tode haben wir zu wählen, was wir lieben müssen, und dabei uns bewußt bleiben, welchem Uebel wir entronnen sind. Denn es ist kein Irrthum, sondern eine Verachtung, trotz der Warnung zu sündigen. Wer sogar nach der Verzeihung sündigt, den trifft eine noch größere Strafe, und die Sünde ist um so größer, wenn man nach der Erlösung wieder in die Gefangenschaft des Teufels geräth. Gottes Güte ist mit Macht vereint, seine Macht erzeugt Furcht, und die Furcht vor ihm kommt von seiner Vergeltung. Er wäre nicht gütig gegen den Menschen gewesen, wenn sich nicht zuvor sein Zorn gegen den Teufel gewandt hätte. Wir werden durch seine Gnadengaben gestärkt, wenn wir nicht durch das Gesetz der Sünde uns verderben lassen. Der Grund, warum Gott unser schonte, war die Absicht, uns zu bessern. Seine Barmherzigkeit an uns ändert sich nicht, wenn unsere Beleidigungen sich nicht wiederholen. Er hat uns vergeben, was wir verschuldet, und hat uns ermahnt, daß wir nicht mehr sündigen. Seine Barmherzigkeit nützet uns, wenn unsere Besserung voranschreitet. Die Gnade hat den Menschen zum Kinde Gottes gemacht, aber der Teufel ist noch nicht gänzlich in der Hölle verschlossen; Gottes Macht hat die Sünde, aber nicht die Natur vernichtet; es ist uns Kraft zum Kampfe, aber keine sichere Ruhe gegeben; denn unser Widersacher ist nur beraubt, aber keineswegs vernichtet. Darum wüthet er jetzt heftiger gegen die, welche er verloren und über die er einst herrschte. Der Glaube ist uns ein befestigter Ort, das Kreuz unsere Waffe, das Fleisch und Blut Christi unser Feldzeichen; nun müssen wir Acht haben auf den Kampf. Der uns der Nothwendigkeit des Kampfes überließ, wollte in uns die Hoffnung auf den Sieg bestärken. Es ist zwar unsere Aufnahme zu Kindern Gottes vorangegangen, aber es folgt noch das Gericht über unseren Wandel. Hienieden verheißt er uns seinen Lohn, jenseits kommt nach der Arbeit die Vergeltung. Darum sei vor unseren Augen die Liebe des erbarmenden Gottes, der als unser Lösegeld nicht des Silbers Gewicht, noch Talente Goldes gegeben, auch nicht blos seine Gnaden gespendet, sondern sich der Schmach des Kreuzes unterworfen und im Grabe die erniedrigende Bestattung seines Leibes ertragen hat; er konnte nichts Größeres und Besseres gewähren, damit er uns beweise, daß wir mit um so größerem Eifer Ihm dienen sollten, der uns so theuer erkauft hat. Auf daß er also seiner Erlösung Wohlthaten in uns vollende, müssen wir mit fester Beharrlichkeit beten.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Neunter Band: Die österliche Zeit; Mainz 1880; S. 53-55]

Dom Guéranger zum fünften Sonntag nach Ostern (2/3)

Zur Messe.

Dem Isaias, dem erhabensten Propheten, ist der Introitus entnommen. Seine tönende, klangvolle Stimme lädt alle Völker der Erde ein, den Sieg unseres göttlichen Auferstandenen zu feiern, dessen Errungenschaft unsere Erlösung gewesen.

Introitus.

Ein liebliches Wort sollt ihr verkünden, und man höre darauf, Alleluja: verkündet es bis an die Grenzen der Erde: „Der Herr hat sein Volk befreit,“ Alleluja, Alleluja.

Jauchzet zu Gott, alle Lande, lobsinget seinem Namen, lasset herrlich erschallen sein Lob.

Ehre sei dem Vater etc.

Ein liebliches etc.

In der Collecte sagt uns die heilige Kirche, daß unsere Gedanken und Werke, um verdienstlich zur Erlangung des ewigen Lebens zu sein, der Gnade von Oben bedürfen, welche die einen einflößt und unserem Willen hilft, die anderen zu erfüllen.

Collecte.

O Gott, von dem alles Gute kommt, gib deinen flehenden Dienern, daß wir durch deine Erleuchtung das, was recht ist, denken und dasselbe durch deine Leitung auch thuen. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Zur allerseligsten Jungfrau.

O Herr und Gott, wir bitten Dich, lasse uns, deine Diener, der beständigen Gesundheit an Leib und Seele erfreuen, und auf die Fürbitte der seligsten, allzeit reinen Jungfrau Maria von aller irdischen Trauer entledigt und der ewigen Freude theilhaftig werden.

Gegen die Verfolger der Kirche.

O Herr, wir bitten Dich, nimm huldreich die Bitten deiner Kirche an, damit sie Dir nach Wegräumung aller Widerwärtigkeiten und Irrthümer mit sicherer Freiheit diene. Durch Jesum Christum, deinen Sohn, unseren Herrn, welcher mit Dir lebt und regiert in Einigkeit des Heiligen Geistes, Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Oder für den Papst.

O Gott, Du Hirt und Lenker aller Gläubigen, schaue gnädig nieder auf deinen Diener N., welchen Du als Hirten über deine Kirche gesetzt hast: verleihe ihm, wir bitten Dich, daß er durch Wort und Beispiel seinen Untergebenen nütze, damit er sammt der ihm anvertrauten Heerde zum ewigen Leben gelange. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Epistel.

Lesung des Briefes des heiligen Jakobus Cap. 1.

Theuerste! Seid Befolger des Wortes und nicht blos Hörer, indem ihr euch selbst betrüget. Denn wenn Jemand ein Hörer und kein Befolger des Wortes ist, der gleichet einem Manne, welcher sein natürliches Angesicht im Spiegel beschaut und, wenn er es beschaut hat, hinweggeht und sogleich vergißt, wie es aussah. Wer aber das vollkommene Gesetz der Freiheit durchschaut und dabei beharret, und kein vergeßlicher Hörer, sondern Vollbringer des Werkes ist: der wird durch sein Wekr selig werden. Wenn Jemand ein Gottesfürchtiger zu sein wähnet, und seine Zunge nicht im Zaume hält, sondern sein Herz täuschet, dessen Religion ist eitel. Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott und dem Vater ist dieser: Waisen und Wittwen in ihrer Trübsal zu Hilfe kommen, und sich unbefleckt von dieser Welt bewahren.

Der heilige Apostel, dessen Rathschläge wir eben vernommen, hat diese Lehren von dem auferstandenen Heiland erhalten. Wir brauchen uns darum nicht über den autoritativen Ton zu wundern, in welchem er spricht. Wir haben ja bereits erzählt, wie Jesus ihm eine besondere Erscheinung gewährt; das zeigt uns die Zuneigung, womit er diesen Apostel ehrte. Auch war er mit demselben durch seine Mutter, die ebenfalls den Namen Maria trug, durch die Bande des Blutes verknüpft. Wir haben diese heilige Frau sammt ihrer Schwester Salome in Gesellschaft Magdalena’s nach dem Grabe wallen sehen. Jakobus der Jüngere ist recht eigentlich der Apostel der österlichen Zeit; Alles spricht uns in derselben von dem neuen Leben, das wir mit dem auferstandenen Christus führen müssen. Er ist nun gerade der Apostel der Werkthätigkeit: er hat uns seinen Fundamentalsatz des Christenthums überliefert, wonach zwar der Glaube dem Christen vor Allem nothwendig ist, wonach aber auch diese Tugend ohne die Werke ein todter Glaube, der für unser Heil werthlos sei.

Heute besteht er auf der uns obliegenden Verpflichtung, daß wir die einmal begriffenen Wahrheiten nun auch sorgfältig im Auge behalten und sie nicht in ein schuldbares Vergessen kommen lassen; denn daraus entspringen dann in so vielen zur Tändelei geneigten Seelen arge Verwüstungen. Unter denen, welche eben Ostern mithielten, befanden sie auch solche, welche die Ostergnade nicht bewahren werden. Dies Unheil widerfährt ihnen, weil sie sich dem Strudel der Welt überlassen, statt die Welt zu brauchen, als brauchten sie dieselbe nicht [1. Kor. 7, 31]. Bedenken wir doch immer, daß wir in ein neues Leben eintreten, daß wir dem Leben unseres göttlichen Auferstandenen, der nicht mehr sterben kann, nachahmen müssen.

Die beiden Verse des Alleluja preisen den Glanz seiner Auferstehung; aber schon wird darin die bevorstehende Himmelfahrt angekündigt. Von seinem Vater von Ewigkeit ausgegangen, in der Zeit zu unserer irdischen Wohnung herabgestiegen, kündigt er uns an, daß er in wenigen Tagen wieder zu seinem Vater auffahren werde.

Alleluja, Alleluja.

Der Herr ist auferstanden und uns erschienen, uns, die er mit seinem Blute erlöset hat. Alleluja.

„Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater.“ Alleluja.

Evangelium.

Fortsetzung des heiligen Evangeliums nach Johannes Cap. 16.

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: „Wahrlich, wahrlich, sag’ ich euch, wenn ihr den Vater in meinem Namen um Etwas bitten werdet, so wird er es euch geben. Bisher habt ihr um Nichts in meinem Namen gebeten. Bittet, so werdet ihr empfangen, auf daß eure Freude vollkommen werde. Dieses habe ich in Gleichnissen zu euch geredet; es kommt aber die Stunde, da ich nicht mehr in Gleichnissen zu euch rede, sondern offenbar vom Vater euch verkünden werde. An jedem Tage werdet ihr in meinem Namen bitten; und ich sage euch nicht, daß ich den Vater für euch bitten werde; denn der Vater selbst liebt euch, weil ihr mich geliebt und geglaubt habet, daß ich von Gott ausgegangen bin. Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen: ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater.“ Da sprachen seine Jünger zu ihm: „Siehe, nun redest Du offenbar und sprichst kein Gleichniß mehr. Jetzt wissen wir, daß Du Alles weißt und nicht nöthig hast, daß Dich Jemand frage; darum glauben wir, daß Du von Gott ausgegangen bist.“

Als der Heiland beim letzten Abendmahle seinen Aposteln seinen demnächstigen Weggang ankündigte, waren sie noch weit entfernt, den ganzen Umfang dieser Mittheilung würdigen zu können. Doch glaubten sie schon, „daß er von Gott ausgegangen.“ Aber der Glaube war noch schwach, sonst hätte er nicht so bald erlöschen dürfen. Jetzt aber, während sie ihren auferstandenen Meister, von seinem Worte erleuchtet, umgeben, wissen sie besser, wer er ist. Der Augenblick ist gekommen, „wo er nicht mehr in Gleichnissen zu ihnen spricht;“ wir haben gesehen, welche Unterweisungen er ihnen gibt, wie er sie vorbereitet, die Lehrer der Welt zu werden. Jetzt können sie sagen: Meister, Du bist in Wahrheit „von Gott ausgegangen.“ Aber gerade darum begreifen sie jetzt auch um so mehr den ihnen drohenden Verlust; und die ungeheure Lücke, die seine Abwesenheit bei ihnen zurückläßt, macht sich ihnen fühlbar.

Jesus beginnt die Frucht einzusammeln, die seine göttliche Güte in ihnen ausgesäet und die er mit einer so unaussprechlichen Geduld erwartet hatte. Wenn er sie schon wegen ihres Glaubens beglückwünschte, als sie beim heiligen Abendmahle um ihn versammelt waren, so verdienten sie jetzt, nachdem sie Zeugen seiner Auferstehung gewesen, nachdem sie ihn verstanden, viel größere Lobsprüche; denn sie waren fester und gläubiger geworden. „Der Vater liebt euch,“ sagte er ihnen nach jenem letzten Abendmahle, „weil ihr mich geliebt habt.“ Wie viel mehr muß der Vater sie jetzt lieben, da ihre Liebe noch gewachsen ist? Welche Hoffnungen weckt dieses Wort in uns! Vor Ostern war unsere Liebe zu dem Heilande schwach; wir waren lässig in seinem Dienste. Jetzt, da wir von ihm unterrichtet, mit seinen Gehiemnissen genährt sind, können wir hoffen, daß der Vater uns lieben wird; denn auch wir lieben seinen Sohn mehr, inniger. Dieser göttliche Erlöser lädt uns ein, den Vater in seinem Namen um Alles, was wir brauchen, zu bitten. Das Erste, was wir brauchen, ist die Beharrlichkeit in dem Geiste, mit welchem Ostern uns erfüllt hat. Dringen wir darauf, sie zu erlangen, und opfern wir in dieser Meinung das göttliche Lamm, das in wenig Augenblicken auf dem Altare dargebracht wird.

Das Offertorium ist den Psalmen entnommen. Es ist ein Dankgesang, welchen der mit dem auferstandenen Jesus vereinigte Gläubige Gott darbietet, weil derselbe ihn des neuen Lebens gewürdigt hat, indem er ihn seiner höchsten Erbarmungen theilhaftig machte.

Offertorium.

Preiset, ihr Völker, unseren Gott und lasset hören die Stimme seines Lobes, der meine Seele ins Leben gesetzet und meine Füße nicht hat straucheln lassen. Gebenedeit sei der Herr, der nicht abwies mein Gebet, noch seine Barmherzigkeit von mir. Alleluja.

In dem Stillgebet erbittet die Kirche für uns den Eingang in die himmlische Herrlichkeit, deren Abglanz Ostern auf Erden ist. Alle göttlich gewirkten Geheimnisse haben den Zweck, uns zu heiligen, damit wir für die Anschauung und den ewigen Besitz Gottes reif werden; Letzteres ist es, was die Kirche, durch die heiligen Schriften unterwiesen, als „die Herrlichkeit“ bezeichnet.

Stillgebet.

O Herr, nimm an die Gebete der Gläubigen sammt ihren Opfergaben, damit wir durch diesen Erweis kindlicher Hingabe an Dich zur himmlischen Herrlichkeit gelangen mögen. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Zu der allerseligsten Jungfrau Maria.

O Herr, durch deine Huld und durch die Fürbitte der seligsten, allzeit reinen Jungfrau Maria möge uns dies Opfer für Gegenwart und Zukunft Heil und Segen bringen.

Gegen die Verfolger der Kirche.

Schütze uns, o Herr, die wir deinen Geheimnissen dienen, damit wir den göttlichen Dingen anhängen und Dir mit Leib uns Seele dienen. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Oder für den Papst.

O Herr, wir bitten Dich, laß Dich durch die dargebrachten Gaben versöhnen, und leite mit ewigem Schutze deinen Diener N., welchen Du als Hirten über deine Kirche gesetzt hast. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Die Antiphon zur Communion ist ein Jubelgesang, der die fortwährende Osterfreude ausdrückt. Die Worte sind dem königlichen Propheten entnommen.

Communion.

Singet dem Herrn, Alleluja, singet dem Herrn und benedeit seinen Namen; verkündet laut von Tag zu Tag sein Heil. Alleluja, Alleluja.

In der Postcommunion gibt uns die heilige Kirche die Formel unserer Bitten an Gott in die Hand. Wir müssen das Gute verlangen; beten wir denn um dies Verlangen, und zwar so lange, bis wir das höchste Gut selbst erhalten. Die Gnade wird dann auf uns herabkommen, und unsre Sache wird es sein, dieselbe nicht zu vernachlässigen.

Postcommunion.

O Herr, da Du uns mit der Kraft des himmlischen Mahles gesättigt hast, so gewähre uns, immer Das, was recht ist, zu verlangen, und das Verlangte zu erhalten. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Zur allerseligsten Jungfrau Maria.

O Herr, wir haben die Mittel unseres Heiles genossen und bitten Dich nun, verleihe uns, daß wir überall durch den Schutz der seligsten, allzeit reinen Jungfrau Maria, zu deren Verehrung wir dies Opfer deiner Majestät darbrachten, beschirmet werden mögen.

Gegen die Verfolger der Kirche.

Herr, unser Gott, wir bitten Dich, laß Jene, welche Du durch die Theilnahme am göttlichen Mahle erfreutest, nicht irdischen Gefahren ausgesetzt seien. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Oder für den Papst.

Dieser Genuß des göttlichen Sakramentes schütze uns, o Herr! und rette und bewahre stets deinen Diener N., welchen Du als Hirten über deine Kirche gesetzt hast, zugleich sammt der ihm anvertrauten Heerde. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Neunter Band: Die österliche Zeit; Mainz 1880; S. 44-53]

Dom Guéranger zum fünften Sonntag nach Ostern (1/3)

Der fünfte Sonntag nach Ostern.

Noch vier Tage, und der göttliche Auferstandene, dessen Wandel hienieden uns so theuer und kostbar war, wird von der Erde verschwunden sein. Durch diese Ankündigung scheint uns der fünfte Sonntag nach dem freudigen Osterfest auf die Trennung vorbereiten zu wollen. Der folgende Sonntag wird dann die lange Reihe jener eröffnen, die sich einander folgen, bis er wieder kommt, um die Welt zu richten. Bei diesem Gedanken schnürt sich das Herz des Gläubigen zusammen. Er weiß, daß er seinen Heiland nur nach diesem Leben wiedersehen wird, und ihn befällt dasselbe Gefühl der Trauer, wie die Apostel beim letzten Abendmahle, als er zu ihnen das Wort sprach: „Noch eine kleine Weile, so werdet ihr mich nicht mehr sehen [Joh. 16, 16].“

Aber wie groß mußte nicht erst die Beklemmung jener bevorzugten Männer nach der Auferstehung werden, da sie nun endlich begriffen, wer eigentlich ihr Meister sei, als sie gewahrten, wie die so rasch verschließende glückliche vierzigtägige Zeit ihrem Ende sich nahte. Nachdem sie so zu sagen mit dem verherrlichten Jesus gelebt, nachdem sie die Wirkungen seiner göttlichen Herablassung, seiner unaussprechlichen Vertraulichkeit gefühlt, nachdem sie aus seinem Munde alle Unterweisungen empfangen, die sie in den Stand setzten, seinen Willen zu erfüllen, und auf Erden jene Kirche zu gründen, die er als seine Braut wählte; und nun sich plötzlich sich selbst überlassen, seiner sichtbaren Gegenwart beraubt zu sehen, seine Züge nicht mehr zu schauen, seine Stimme nicht mehr zu hören, mit solchen Erinnerungen ihr Leben zu vollenden: das war das Loos, das der Apostel harrte und das sie anzunehmen hatten.

Wir werden etwas Aehnliches empfinden, was sie empfinden mußten, wenn wir uns unserer Mutter, der heiligen Kirche, recht fest angeschlossen haben. Zu unserem Heile hat uns die Kirche durch alle Regungen hindurch geführt, die sie selbst jedes Jahr beseelen, wenn sie alle die erhabenen Jahresgedächtnisse von der Geburt ihres Emmanuel bis zu dessen glorreicher Himmelfahrt an ihrem Geiste vorüberziehen läßt. Haben wir da nicht auch in Gemeinschaft mit ihrem göttlichen Bräutigam gelebt, der zugleich auch unser Erlöser ist? Und wenn wir ihm nun nmit dem aufmerksamen Auge des Glaubens in allen Freuden und Leiden gefolgt sind, sollte uns da nicht auch in dem Augenblicke, da wir ihn entschwinden sehen, eine ähnliche Bewegung überkommen, wie damals die Apostel?

Aber noch weilt am Vorabende des Tages, da Jesus die Erde verlassen soll, um gegen Himmel aufzufahren, auf dieser Erde ein Geschöpf, dessen Gefühle wir nie ergründen, noch beschreiben können; es ist Maria, die ihren Sohn wieder gefunden und den Augenblick nahen sieht, wo er sich abermals entfernt. Nie war ein Herz ergebener in den Willen seines höchsten Herrn; nie aber auch wurde ein ähnliches Opfer einem Geschöpfe zugemuthet. Jesus will, daß die Liebe Maria’s immer noch wachse und deßhalb unterwirft er sie der Prüfung seiner Abwesenheit. Er will außerdem ihre Mitwirkung bei der Gründung der Kirche; sie soll die Hand in diesem großen Werke haben, das sich nur mit ihrer Beihilfe erheben sollte. Darin zeigt sich abermals die Liebe Jesu zu seiner Mutter; er verlangt für sie das höchste Verdienst, um ihr die kostbarste Krone auf’s Haupt zu setzen, wenn sie am Himmel erscheinen soll, um dort den Thron einzunehmen, der für sie über der ganzen verherrlichten Schöpfung bereitet wurde.

Allerdings wird kein Schmerzensschwert mehr das Herz Maria’s durchdringen; das Feuer einer Liebe, die keine Zunge zu schildern vermag, wird es in glühender und dabei wonniger Sehnsucht verzehren, bis sie einmal zusammenbricht, wie die reife Frucht vom Baume fällt, welche der Zweig nicht mehr hält, weil er ihr nichts mehr geben kann. Aber in diesen letzten Augenblicken, in den letzten Umarmungen ihres göttlichen Sohnes, der im Begriffe steht, sie im Lande der Verbannung zurück zu lassen: – wie mag sich das Herz einer solchen Mutter zusammengeschnürt haben, die nur vierzig Tage das Glück gekostet hat, ihren Sohn glorreich und triumphirend zu erblicken und seine zugleich göttlichen und kindlichen Liebkosungen zu empfangen. Es ist die letzte Prüfung Maria’s; aber auch ihr gegenüber hat sie stets nur dieselbe Antwort: „Siehe, ich bin eine Dienerin des Herrn, und mir geschehe nach deinem Wort.“ Ihr ganzes Leben stellte sie in das Belieben Gottes, und so wird sie immer größer, nähert sich Gott immer mehr. Eine heilige Seele aus dem siebenzehnten Jahrhundert, die der erhabensten Offenbarungen gewürdigt wurde, sagt uns, daß es Maria freigestellt war, mit ihrem Sohne in die Ruhe der Herrlichkeit einzugehen, oder noch auf Erden zu weilen und an den Arbeiten der Neugründung der Kirche theilzunehmen: sie zog das letztere vor. Die Mutterfreuden, die ihr die Ewigkeit vorbehielt, mochten sich verzögern; sie wollte, so lange es der göttlichen Majestät gefiel, an dem großen Werke Theil nehmen, das ebenso sehr zur Ehre ihres Sohnes, als zum Heile des Menschengeschlechtes diente; sie gedachte, daß sie auch die Mutter des letzteren geworden.

Wenn eine solche Hingebung die Miturheberin unseres Heiles zur höchsten Stufe der Heiligkeit erhob, indem sie damit sich zum Gipfelpunkte ihrer Sendung aufschwang, so dürfen wir wohl auch anderseits annehmen, daß die Liebe Jesu zu seiner Mutter noch zunahm, als er von ihr ein so deutliches Zeichen erhielt, daß sie vollkommen verwachsen sei mit den geheimsten Wünschen seines heiligen Herzens. Neue Beweise seiner Zärtlichkeit lohnten dies Selbstvergessen Maria’s, dieses Eingehen auf seine Absichten, welche sie beriefen, von nun an hienieden die Königin der Apostel zu sein, wie die Kirche sie nennt, die Gehilfin ihrer Arbeiten.

Während dieser letzten Stunden vervielfältigte der Herr die Zeichen seiner Güte gegen die, welche er seines vertraulichen Umganges gewürdigt. Für mehrere derselben sollte die Zeit der Trennung lange währen. Der Liebesjünger Johannes mußte länger als fünfzig Jahre auf seine Wiedervereinigung mit seinem göttlichen Meister warten. Erst dreißig Jahre später sollte Petrus den Tod am Kreuze erleiden, um zu Dem zu kommen, der ihm die Schlüssel des Himmelreichs anvertraut hatte. Ebenso lange seufzte Magdalena nach ihrem Herrn und Meister. Aber keiner murrte. Alle waren davon durchdrungen, wie gerecht es war, daß der Erlöser der Welt, nachdem er den Glauben an seine Wiederauferstehung genügend befestigt, endlich „in seine Herrlichkeit einging [Luk. 24, 26].“

Jesus hatte den Jüngern am Tage der Auferstehung durch seine Engel die Weisung zugehen lassen, nach Galiläa sich zu begeben, wo sie seiner Gegenwart sich erfreuen sollten. Wir haben gesehen, wie sie dieser Weisung gehorchten und wie der Heiland sieben von ihnen an den Ufern des Sees Genesareth sich offenbarte. Es war die achte Erscheinung, welche die Evangelien aufzählen. Die neunte fand ebenfalls in Galiläa statt. Jesus liebte diese Gegend, aus welcher die meisten seiner Jünger stammten, wo Maria und Joseph gewohnt, und er selbst so viele Jahre in Arbeit und Verborgenheit gelebt hatte. Auch der dortige Volksschlag, einfacher und sittlicher als in Judäa, zog ihn an. Der heilige Matthäus erzählt uns, daß die feierlichste Erscheinung, die zehnte der That nach, nach der Aufzählung der Evangelien die neunte, auf einem Berge der dortigen Gegend stattfand [Matth. 28, 16].

Nach der Ansicht des heiligen Bonaventura, mit welcher auch der fromme und gelehrte Dionys, der Karthäuser, übereinstimmt, war dieser Berg der Tabor, dessen Gipfel schon durch das Geheimniß der Verklärung geheiligt war. Dort fanden sich, wie wir aus dem heiligen Paulus ersehen, mehr als fünfhundert Jünger Jesu [1. Kor. 15, 6] zusammen; es waren größtentheils Bewohner von Galiläa, die an Jesum geglaubt, als er predigte, und die darum verdienten, Zeuge dieses neuen Triumphes des Nazareners zu sein. Jesus enthüllte sich ihren Blicken und gab ihnen eine solche Sicherheit über seine Auferstehung, daß der Apostel der Heiden in seinem ersten Schreiben an die Christen von Korinth sich auf ihr Zeugniß über das Grundgeheimniß unseres Glaubens beruft.

Welche Erscheinungen weiter in Galiläa stattfanden, davon wissen wir nichts Bestimmtes; aber so viel ist uns bekannt, daß der auferstandene Heiland seinen Jüngern die Weisung gab, nach Jerusalem zu gehen, wo er ihren Augen zum letzten Male vor seiner Himmelfahrt erscheinen sollte. Geleiten wir in diesen Tagen die Jünger auf ihrem Wege nach der schuldigen Stadt. Wie oft hatte dort Jesus deren Söhne sammeln wollen, wie die Henne ihre Küchlein unter ihre Flügel sammelt, und sie hat nicht gewollt [Matth. 23, 37]! Wiederum kehrt er in ihre Mauern; diesmal aber weiß sie nichts davon. Nicht ihr wird er sich zeigen, nur seinen Freunden wird er sich offenbaren und schweigend von hinnen ziehen, um erst an dem Tage zurückzukehren, wo er Diejenigen richten will, welche die Zeit ihrer Heimsuchung nicht erkannt haben.

Der fünfte Sonntag nach Ostern heißt in der griechischen Kirche der Sonntag des Blindgeborenen, weil an diesem Sonntag die Evangelienstelle gelesen wird, in welcher die Heilung dieses Blinden erzählt ist. Man nennt ihn auch den Sonntag Episozomene, mit welchem Worte die Griechen das Geheimniß der Himmelfahrt bezeichnen; denn bei ihnen, wie bei uns unterbricht dieser Festtag den Lauf dieser liturgischen Woche.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Neunter Band: Die österliche Zeit; Mainz 1880; S. 38-44]

Dom Guéranger zum vierten Sonntag nach Ostern (3/3)

Zur Vesper.

[…]

Antiphon zum Magnificat.

Ich gehe hin zu Dem, der mich gesandt hat; weil ich euch dies gesagt habe, hat Traurigkeit euer Herz erfüllt. Alleluja!

Gebet.

Gott, dessen Werk es ist, daß deine Gläubigen Ein Gemüth und Ein Wille werden; gib deinem Volke den hohen Sinn, zu lieben, was Du geboten, und nach dem zu verlangen, was Du verheißen hast; damit, unter dem Wechsel der zeitlichen Dinge, unsere Herzen dort eine bleibende Stätte finden, wo wahre Freuden zu Hause sind. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Zum Schlusse dieses Tages entlehnen wir die folgende schöne Präfation dem alten gothischen Missale, das Dom Mabillon veröffentlicht hat, und welches lange Zeit bei vielen gallischen Kirchen im Gebrauche war.

Contestatio.

Es ist würdig und gerecht, billig und heilsam, daß wir Dir hier und überall allzeit Dank sagen, heiliger Herr, allmächtiger Vater, ewiger Gott. Aber an dem heutigen Tage der Auferstehung Jesu Christi, unseres Herrn, deines Sohnes, herrscht noch größere Freude in unseren Herzen. Denn das ist der Tag, an welchem für uns die Ursache immerwährender Freude eingetreten ist. Das ist der Tag der Auferstehung des Menschen, der Geburtstag des ewigen Lebens. Das ist der Tag, an welchem wir frühe gesättigt worden sind von deiner Barmherzigkeit und an welchem jener Gebenedeute, der im Namen des Herrn gekommen, unser Gott uns erschienen ist. Dieser ist Jesus Christus, unser Herr, dein Sohn, welcher die Prophezeiungen zur verheißenen Zeit erfüllend, uns nach zwei Tagen heimgesucht hat und am dritten Tage auferstanden ist. Das ist der Tag, durch den Segen großer Wohlthaten ausgezeichnet, der an dem heutigen Feste von den Sterblichen auf dem ganzen Erdkreise freudig gefeiert wird. Denn Aller Tod ist am Kreuze Christi vernichtet worden und bei seiner Auferstehung ist Aller Leben auferstanden.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Achter Band: Die österliche Zeit; Mainz 1879; S. 212-213]

Dom Guéranger zum vierten Sonntag nach Ostern (2/3)

Zur Messe.

Beim Introitus wendet die Kirche einen der schönsten Gesänge des Psalmisten an. Derselbe preist mit Begeisterung die Wohlthaten, welche ihr göttlicher Bräutigam über sie ausgebreitet; alle Nationen sind berufen, ihre Größe kennen zu lernen; ihr entströmt die Heiligkeit, deren Quelle er ist, und das Heil, zu welchem er alle Menschen berufen hat.

Introitus.

Singet dem Herrn ein neues Lied, Alleluja: denn der Herr hat Wunder gethan, Alleluja: im Angesichte der Völker hat er geoffenbart seine Gerechtigkeit. Alleluja, Alleluja, Alleluja.

Es hat ihm geholfen seine Rechte und sein heiliger Arm.

Ehre sei dem Vater u. s. w.

Singet dem u. s. w.

Mit Wohlthaten Gottes überhäuft, der seine Gläubigen durch die heiligen Sakramente zu einem einzigen Volke vereint hat, müssen diese sich nun dazu aufschwingen, daß sie die Gebote des Herrn lieben und sich nach der ewigen Wonne sehnen, die er ihnen verheißen. Die Kirche erfleht in der Collecte für sie diese Gnade.

Collecte.

O Gott, welcher Du die Herzen der Gläubigen Eines Sinnes machst: gib deinen Gemeinden, daß sie das lieben, was Du gebietest, darnach sich sehnen, was Du verheißest: damit in diesen irdischen Wechselfällen unsere Herzen da fest gegründet seien, wo sich die wahren Freuden finden. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Dazu kommen noch zwei von den drei Gebeten, die wir […] angeführt.

Epistel.

Lesung aus dem Briefe des heiligen Apostels Jakobus Cap. 1.

Theuerste! Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk ist von oben herab vom Vater der Lichter, bei welchem keine Veränderung und kein Schatten von Veränderlichkeit ist. Denn aus freiem Willen hat er uns durch das Wort der Wahrheit gezeuget, damit wir ein Erstling seiner Schöpfung wären. Ihr wisset es, meine geliebtesten Brüder! Es sei darum jeder Mensch schnell zum Hören, langsam aber zum Reden und langsam zum Zorne. Denn der Zorn des Menschen thut nicht, was vor Gott gerecht ist. Darum leget ab alle Unreinigkeit und allen Auswuchs der Bosheit und nehmet an mit Sanftmuth das eingepflanzte Wort, das eure Seelen retten kann.

Die über das christliche Volk ausgebreiteten Gnaden entstammen der Allgüte des himmlischen Vaters. Er ist die Quelle von Allem in der Ordnung der Natur, und wenn in der Ordnung der Gnade wir seine Kinder geworden sind, so hat dies seinen letzten Grund darin, weil wiederum er sein wesensgleiches Wort zu uns gesandt hat. Das ist das Wort der Wahrheit, durch welches wir mittels der Taufe Söhne Gottes geworden. Daraus folgt denn auch, daß wir, soweit dies unserer Schwachheit möglich ist, die göttliche Ruhe unseres Vaters im Himmel nachahmen müssen. Wir sollen uns von jener leidenschaftlichen Aufregung, die ein charakteristisches Zeichen eines ganz verweltlichten Lebens ist, fernhalten. Denn unser Leen soll vom Himmel sein, wohin Gott uns zieht. Der heilige Apostel ermahnt uns, mit Sanftmuth dies Wort anzunehmen, das uns zu dem gemacht hat, was wir sind. Es ist, wie er sagt, ein unseren Seelen eingepflanztes Pfropfreis des Heils; möge es sich dort entwickeln; wenn nur seine Entwickelung nicht durch uns selber gestört wird, dann werden wir gerettet werden.

Im ersten allelujatischen Verse preist der auferstandene Christus durch den Mund des Psalmisten die Macht des Vaters, welcher ihm durch seine Auferstehung den Sieg verliehen hat. Der zweite, dem heiligen Paulus entnommene Vers, verkündigt das unsterbliche Leben unseres göttlichen Wiederauferstandenen.

Alleluja, Alleluja!

Die Rechte des Herrn hat Großes gethan, die Rechte des Herrn hat mich erhöhet. Alleluja.

Nachdem Christus von den Todten auferstanden ist, stirbt er nicht mehr; der Tod wird nicht mehr über ihn herrschen. Alleluja.

Evangelium.

Fortsetzung des heiligen Evangeliums nach Johannes Cap. 16.

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: „Ich gehe hin zu Dem, der mich gesandt hat, und Niemand von euch frägt mich: ‚Wo gehst du hin?‘ sondern weil ich euch Dieses gesagt habe, hat die Traurigkeit euer Herz erfüllt. Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist euch gut, daß ich hingehe; denn wenn ich nicht hingehe, so wird der Tröster nicht zu euch kommen; gehe ich aber hin, so were ich ihn zu euch senden. Und wenn Dieser kommt, wird er die Welt überzeugen von der Sünde und von der Gerechtigkeit und von dem Gerichte; von der Sünde nämlich, weil sie nicht an mich geglaubt haben; von der Gerechtigkeit aber, weil ich zum Vater gehe, und ihr mich nicht mehr sehen werdet; und von dem Gerichte, weil der Fürst dieser Welt schon gerichtet ist. Ich habe euch noch Vieles zu sagen, aber ihr könnet es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener Geist der Wahrheit kommt, der wird euch alle Wahrheit lehren; denn er wird nicht von sich selbst reden, sondern was er hört, wird er reden, und was zukünftig ist, euch verkünden. Derselbe wird mich verherrlichen; denn er wird von dem Meinigen nehmen, und es euch verkünden.“

Die Apostel wurden traurig, als Jesus ihnen sagte: „Ich gehe dahin.“ Sind wir es nicht auch, die wir, Dank der heiligen Liturgie, von seiner Geburt in Bethlehem an, ihm Schritt um Schritt gefolgt sind? Noch einige Tage, und er erhebt sich zum Himmel! Das Jahr verliert dann den Reiz, den es Tag um Tag den Thaten und Worten unseres Emmanuel entnommen. Er will uns indessen nicht in einer allzugroßen Trübsal lassen. Er verkündigt uns, daß an seiner Stelle der göttliche Tröster zur Erde herabkommt, daß er bei uns bleiben wird, um uns zu erleuchten und zu stärken bis an’s Ende der Zeit. Nützen wir noch die letzten Stunden aus, die wir mit Jesus zusammen sind; bald wird die Zeit da sein, wo wir uns auf den Empfang des himmlischen Gastes vorbereiten müssen, der ihn ersetzen soll.

Jesus, der diese Worte am Vorabende seines bitteren Leidens sprach, beschränkt sich nicht darauf, uns die Ankunft des Heiligen Geistes als Trost für seine Gläubigen zu zeigen; er läßt ihn gleichzeitig auch als furchtbar für die erscheinen, welche ihren Heiland mißkannt haben. Die Worte Jesu sind ebenso geheimnißvoll, als schrecklich. Entnehmen wir die Erklärung derselben dem ersten Kirchenlichte, dem heiligen Augustinus. „Wenn der Heilige Geist kommt,“ spricht Jesus, „so wird er die Welt überzeugen von der Sünde.“ Warum? „Weil die Menschen nicht an Jesus geglaubt haben.“ Wie groß wird in der That die Verantwortung Jener sein, welche, obgleich Zeugen der von dem Erlöser gewirkten Wunder, dennoch seinem Worte sich nicht hingegeben haben! Jerusalem wird hören, daß der Geist über die Jünger Jesu herab gekommen, und dabei ebenso gleichgiltig bleiben, wie es sich den Wundern gegenüber verhielt, welche ihm seinen Messias bezeichneten. Die Ankunft des Heiligen Geistes ist gleichsam die Einleitung zum Untergang dieser gottesmörderischen Stadt. Jesus fügt bei, daß „der Heilige Geist die Welt von der Gerechtigkeit überzeugen werde, weil,“ so sagt er, „ich zum Vater gehe und ihr mich nicht mehr sehen werdet.“ Die Apostel und Alle, die ihnen glauben, werden durch den Glauben heilig und gerecht. Sie glauben an ihn, der zu dem Vater gegangen ist, an ihn, den ihre Augen nicht mehr in dieser Welt sehen. Jerusalem dagegen wird nur an ihn denken, um ihn zu lästern; die Gerechtigkeit, die Heiligkeit, der Glaube derer, die an ihn glauben, werden seine Verwerfung bedeuten, und der Heilige Geist wird es seinem Schicksale preisgeben. Jesus sagt weiter: „Der Heilige Geist wird die Welt überzeugen von dem Gericht;“ und warum? „Weil der Fürst dieser Welt schon gerichtet ist.“ Die, welche Jesus Christus nicht folgen, haben allerdings einen Fürsten, dem sie folgen. Dieser Fürst ist Satan. Und das Urtheil Satans ist bereits gesprochen. Der Heilige Geist wird also die Jünger der Welt benachrichtigen, daß ihr Fürst auf ewig verworfen ist. Mögen sie das wohl überlegen; „denn,“ fügt der heilige Augustinus bei, „der Hochmuth der Menschen würde Unrecht haben, auf Nachsicht zu rechnen; möge er sich vielmehr die Mühe nicht verdrießen lassen, die unendliche Strafe zu betrachten, welche über die stolzen Engel verhängt worden ist [In Joannem, Tract. XCV].“

Im Offertorium preist der Christ mit den Worten Davids die Wohlthaten Gottes gegen seine Seele. Er gesellt die ganze Erde dem Ausdruck seines Dankes bei und mit Recht; denn die Gnaden, die auf dem Haupte des Christen gehäuft sind, bilden eigentlich ein Gemeingut der ganzen Menschheit, welche der auferstandene Jesus berufen hat, in den heiligen Sakramenten an dem Heile der Erlösung theilzunehmen.

Offertorium.

Jauchzet zu Gott, alle Lande, lobsinget seinem Namen! Kommet und höret, ihr Alle, die ihr Gott fürchtet, so will ich euch erzählen, was Großes der Herr gethan an meiner Seele. Alleluja.

Die heilige Kirche findet in der Betrachtung der Wahrheit, deren Schätze der Heiland ihr anvertraut, ein unaussprechliches Glück. In dem Stillgebet erfleht sie daher für ihre Kinder die Gnade eines reinen Lebens, damit sie verdienen, dereinst die erhabenste Wahrheit in ihrer Quelle ewig zu schauen.

Stillgebet.

O Gott, welcher Du uns durch die verehrungswürdige Theilnahme an diesem Opfer der Einen und höchsten Gottheit theilhaftig gemacht hast: wir bitten Dich, verleihe uns, daß wir deine Wahrheit nicht nur erkennen, sondern ihr auch durch würdige Sitten nachstreben. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Der Priester fügt dann diesem Stillgebete des Tages noch von den […] angeführten drei Gebeten zwei bei.

Die Antiphon der Communion kommt auf die geheimnißvollen Worte des Evangeliums zurück, welche wir oben erklärt, und in welchen uns die Ankunft des Heiligen Geistes als eine Belohnung für die Gläubigen und als eine Züchtigung für die Ungläubigen geschildert ist.

Communion.

Wenn der Tröster, der Geist der Wahrheit, kommt, wird er die Welt überzeugen von der Sünde und von der Gerechtigkeit und von dem Gerichte. Alleluja, Alleluja.

In der Danksagung für das göttliche Geheimniß, an welchem die Gläubigen eben theilgenommen, lehrt die heilige Kirche ihre Kinder, daß die Eucharistie gleichzeitig die Kraft hat, uns von unseren Sünden zu reinigen und uns vor den Gefahren, deren wir im Leben ausgesetzt sind, zu schützen.

Postcommunio.

O Herr, unser Gott, steh’ uns bei, daß wir durch diese Geheimnisse, welche wir gläubig empfingen, nicht blos von Sünden gereinigt, sondern auch von allen Gefahren erlöst werden. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Der Priester fügt dann der Postcommunion dieses Tages zwei von den drei […] angeführten Gebeten bei.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Achter Band: Die österliche Zeit; Mainz 1879; S. 204-211]

Dom Guéranger zum vierten Sonntag nach Ostern (1/3)

Der vierte Sonntag nach Ostern.

V. In deiner Auferstehung, o Christe, Alleluja.

R. Freuen sich Himmel und Erde, Alleluja.

Wir haben gesehen, wie Jesus seine Kirche gründete und als ein anvertrautes Gut die Wahrheiten unseres Glaubens in die Hände seiner Apostel niederlegte. Es gibt noch ein für die Welt nicht minder wichtiges Werk, dem er die letzten Tage seines Aufenthaltes auf Erden widmete: es ist dies die definitive Einsetzung der Sakramente. Es genügt noch nicht, zu glauben, wir müssen auch gerechtfertigt, das heißt der Heiligkeit Gottes gemäß werden; die Gnade, eine Frucht der Erlösung, muß in uns einkehren, muß sich in uns verkörpern. Nur auf diese Weise werden wir lebendige Glieder unseres göttlichen Hauptes, und damit auch die Miterben seines Reiches. Mittels der Sakramente nun bewirkt Jesus dies Wunder der Rechtfertigung in uns; das sind die Mittel, die er in seiner Macht und Weisheit angeordnet hat, um die Verdienste seiner Menschwerdung und seines Opfertodes uns zuzuwenden.

Da er der höchste Herr der Gnade ist, so kann er auch vollkommen frei die Quellen wählen, durch welche er sie uns zukommen lassen will; an uns ist es, sich seinem Willen zu fügen. Jedes Sakrament wird demnach ein Gesetz der Religion bilden, und kein Mensch kann auf die Wirkungen, die es hervorbringen soll, einen Anspruch erheben, wenn er sich nicht herbeilassen will oder es verabsäumt, die Bedingungen zu erfüllen, die dasselbe an ihn stellt. Es ist das eine bewundernswerthe Oekonomie, welche einerseits die demüthige Unterwerfung des Menschen und andererseits die verschwenderischste Fülle göttlicher Freigebigkeit in demselben Acte zusammenfaßt.

Vor wenigen Tagen haben wir gezeigt, wie die Kirche zugleich eine geistige und eine sichtbare, äußere Gesellschaft ist, weil ja der Mensch, für den sie bestimmt, ebenfalls aus Leib und Seele besteht. Als nun Jesus seine Sakramente einsetzte, schuf er auch für jedes derselben einen wesentlichen Ritus, und dieser Ritus ist ein äußerer, mit den Sinnen wahrnehmbarer. Als das Wort Fleisch geworden, da machte er das letztere in seinem Leiden am Kreuze zum Werkzeuge unseres Heiles. Mit dem Blut seiner Adern hat er uns wiedererkauft. Im weiteren Verfolg dieses geheimnißvollen Planes gebraucht er nun die Elemente der physischen Natur auch zum Werke unserer Rechtfertigung; er erhebt sie über die natürliche Ordnung und macht aus ihnen die treuen und mächtigen Leiter seiner Gnade bis in das Innerste unserer Seelen. So wendet er bis in seine weitesten Folgen das Geheimniß der Menschwerdung an, welches bezweckte, uns durch sichtbare Dinge zur Kentniß und zum Besitz unsichtbarer Dinge zu erheben. So wird auch der Hochmuth Satans gebrochen, der die menschliche Creatur verachtete, weil sie die Materie mit der geisten Größe verband, und welcher zu seinem ewigen Unheil das Knie vor dem menschgewordenen Worte zu beugen sich weigerte.

Gleichzeitig bilden die göttlichen Sakramente durch ihr äußeres Zeichen ein neues Band zwischen den Gliedern der Kirche, die bereits durch ihre Unterwerfung unter Petrus und die von ihm gesendeten Hirten, sowie durch das Bekenntniß desselben Glaubens unter sich geeint sind. Der Heilige Geist sagt uns in der Schrift, daß „eine dreifache Schnur nicht so leicht reißt [Eccl. 4, 12];“ eine solche aber hält uns in der glorreichen Einheit der Kirche: Hierarchie, Dogma und Sakramente. Von Nord bis Süd, von Ost bis Westen verkünden die Sakramente die christliche Brüderschaft. Sie sind allerorts ihr Erkenntnißzeichen, sowie ihr unterscheidendes Merkmal von den Ungläubigen. Deßhalb sind auch die Sakramente bei allen getauften Völkern dieselben, mögen auch die liturgischen Formen ihrer Ausspendung verschieden sein: überall ist der Grund derselbe und dieselbe Gnade wird unter den nämlichen wesentlichen Zeichen hervorgebracht.

Unser göttlicher Heiland wählte die Zahl Sieben als Zahl der Sakramente. Diese Siebenzahl sehen wir in großen und heiligen Dingen häufig wiederkehren. Wir finden sie schon in der Wocheneintheilung, dem Bilde der Weltschöpfung, die Gott in sechs Tagen schuf, an welche sich der siebente als Ruhetag anschloß. Der Sohn Gottes, die ewige Weisheit des Vaters, offenbart uns schon im Alten Testament, daß er sich ein Haus bauen wolle, die heilige Kirche, das auf sieben Säulen ruhen solle [Sprüchw. 9, 1]. Diese Kirche ist auch im Bundeszelte Mosis vorgebildet, und da traf Gott die Anordnung, daß ein prachtvoller siebenarmiger Leuchter, dessen Arme mit Blumen und Früchten geziert sein solle, Tag und Nacht das Heiligthum erleuchte [Exod. 25, 37]. Als der Heiland den Liebesjünger in den Himmel verzückte, da zeigte er sich ihm umgeben von sieben Leuchtern, in seiner Hand sieben Sterne [Offenb. 1, 12. 16]; als er sich im Bilde des siegreichen Lammes schauen ließ, hatte dasselbe sieben Hörner als Zeichen seiner Kraft und sieben Augen als Zeichen seiner unendlichen Wissenschaft [Ebend. 5, 6]. Neben ihm liegt die Buchrolle, dieselbe ist mit sieben Siegeln verschlossen und nur das Lamm kann sie öffnen [Ebend. 5, 5]. Vor dem Throne der göttlichen Majestät gewahrt der Jünger sieben selige Geister, wie sieben Lampen brennend [Ebend. 4, 5], stets bereit, das geringste Wort Jehova’s an die äußersten Enden der Schöpfung zu tragen.

Werfen wir jetzt unsere Blicke nach dem Reiche der Finsterniß, so sehen wir den Geist der Bosheit am Werke, die That Gottes in ihr Gegentheil zu kehren; wir finden auch die Siebenzahl, die wir als heilig erkannten. Hier aber erscheint sie n ur, um diese Heiligkeit zu beschmutzen, indem sie dem Uebel geweiht wird. Wir haben da vor Allem die sieben Hauptsünden, das Werkzeug seines Sieges über den Menschen; und der Herr belehrt uns: wenn Satan in seiner Wuth sich auf eine Seele stürzt, nimmt er die sieben boshaftesten Geister des Abgrundes mit sich. Wir wissen, daß Magdalena, die glückselige Büßerin, das Leben der Seele erst wiederfand, nachdem der Herr sieben Teufel aus ihr ausgetrieben. Diese Herausforderung seitens des Geistes der Bosheit wird nun auch den auf die sündige Welt fallenden göttlichen Zorn veranlassen, sich ebenfalls an die Siebenzahl zu halten. Der heilige Johannes sagt uns, daß sieben Posaunen, von sieben Engeln geblasen, die letzten Zuckungen des Menschengeschlechtes ankündigen werden [Offenb. 8, 2]; und daß darauf sieben andere Engel die sieben Schaalen des göttlichen Zornes über die schuldige Erde ausgießen werden [Ebend. 15, 1].

Wir, die wir gerettet werden, die wir in diesem Leben der Gnade, im künftigen der seligen Anschauung unseres göttlichen Wiederauferstandenen uns freuen wollen, wir grüßen voll Ehrfurcht und Dankbarkeit die barmherzige Siebenzahl der Sakramente. Unter dieser heiligen Zahl faßt er alle Formen seiner Gnade zusammen. Durch die Taufe und die Buße erweckt er uns vom Tode zum Leben; durch die Firmung, das Sakrament des Altars und die letzte Oelung erhält und kräftigt er in uns das übernatürliche Leben; durch die Priesterweihe und die Ehe sorgt er für den Dienst und die Ausbreitung seiner Kirche. Es gibt kein Bedürfniß der Seele, keine Noth der christlichen Gesellschaft, denen er nicht durch diese für uns eröffneten und unaufhörlich fließenden Quellen der Wiedergeburt und des Lebens Genüge geleistet hätte. Die sieben Sakramente genügen Allem. Eines weniger, so wäre die Harmonie gebrochen. Die seit so vielen Jahrhunderten von der katholischen Einheit getrennten orientalischen Kirchen bekennen mit uns sieben Sakramente; und der diese heilige Zahl antastende Protestantismus hat eben dadurch, wie durch seine anderen angeblichen Reformen gezeigt, daß der christliche Sinn ihm abging. Das wundert uns durchaus nicht. Alle sieben Sakramente drängen sich förmlich dem Glauben auf. Die demüthige Unterwerfung des Gläubigen muß denselben, als von dem höchsten Herrn kommend, annehmen; und wenn dann seine göttliche Größe und Wirksamkeit sich der Seele offenbaren, dann begreifen wir, weil wir geglaubt haben. Credite et intelligetis.

Heute nun widmen wir Bewunderung und Dank dem ersten Sakramente, der Taufe. Die österliche Zeit zeigt uns dasselbe in seiner ganzen Herrlichkeit. Wir haben am Charsamstag gesehen, wie es die Sehnsucht des glücklichen Katechumenen stillt, und ganze Völker für das himmlische Vaterland wiedergebiert. Aber dieses göttliche Geheimniß hat auch eine gewisse Vorbereitung haben müssen. Am Feste der Erscheinung des Herrn beteten wir unseren göttlichen Emmanuel an, der in die Fluthen des Jordans stieg und dem Elemente des Wassers durch die Berührung mit seinem heiligen Leibe die Kraft verlieh, alle Flecken der Seele abzuwaschen. Der Heilige Geist, die mystische Taube, ruhte auf dem Haupte des Gottmenschen und befruchtete das Element, welches das Werkzeug unserer Wiedergeburt werden sollte, während die Stimme des Vaters in den Wolken ertönte und die Annahme aller Getauften an Kindesstatt in seinem Sohne Jesus Christus, dem Gegenstande seines ewigen Wohlgefallens, verkündete.

Während seines irdischen Lebens spricht sich der Erlöser schon vor einem Schriftgelehrten über seine Absichten aus: „Wenn Jemand nicht wiedergeboren wird aus dem Wasser und dem Heiligen Geiste, so kann er nicht in das Reich Gottes eingehen [Joh. 3, 5].“ Fast durchgängig kündigt Jesus voraus an, was er einmal thun werde; aber er vollbringt es nicht sofort. Wir erfahren da nur, weil unsere erste Geburt nicht rein gewesen, werde er uns eine zweite heilige bereiten, und diese soll durch das Wasser bewerkstelligt werden.

In diesen Tagen aber ist der Augenblick gekommen, wo unser Emmanuel die dem Wasser verliehene Gewalt förmlich erklärt: es soll in uns die durch den Vater gewollte Annahme an Kindesstatt hervorbringen. Jesus wendet sich an seine Apostel, und mit der Majestät eines Königs, der das Grundgesetz seines Reiches verkündet, sagt er: „Gehet hin und lehret alle Völker, und taufet sie im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes [Matth. 28, 19].“ Das Heil durch’s Wasser, unter Anrufung der glorreichen Dreifaltigkeit, ist die Grundwohlthat, die er der Welt verkündet. „Denn,“ so sagt er weiter, „wer da glaubt und sich taufen läßt, der wird selig werden [Mark. 16, 16].“ Welch’ eine Offenbarung voll Barmherzigkeit für das Menschengeschlecht! Es ist das gewissermaßen die Einführung aller Sakramente durch die Erklärung des ersten, welches nach der Sprache der heiligen Väter die Pforte aller übrigen ist!

Auch wir verdanken ihm das Leben unserer Seele! Wir verdanken ihm das ewige geheimnißvolle Siegel, das uns zu Gliedern Jesu macht. Grüßen wir voll Liebe dies erhabene Geheimniß! Ludwig der Heilige, der aus den bescheidenen Quellen von Poissy getauft wurde, unterzeichnete sich sehr gerne als Louis von Poissy. Er betrachtete die Taufquelle als eine Mutter, die ihn zu dem himmlischen Leben geboren; und er vergaß seine königliche Geburt, um sich daran zu erinnern, daß er als Kind Gottes geboren wurde. Unsere Gefühle sollten dieselben sein, wie die dieses heiligen Königs.

Voll Ehrfurcht bewundern wir auch, wie sich der göttliche Heiland dem Bedürfnisse anbequemte, als er dies unerläßlichste aller Sakramente einsetzte. Der Stoff, den er wählte, ist der allerverbreitetste, der allerzugänglichste. Brod, Wein, Olivenöl sind nicht überall auf der Erde zu haben; das Wasser aber fließt aller Orten; ohne Wasser gibt es keine Menschen; die göttliche Vorsehung hat es selbst in vielerlei Weise gegeben, damit an dem vorherbestimmten Tage die Quelle der Wiedergeburt jedem sündigen Menschen zugänglich sei.

Die übrigen Sakramente hat der Heiland dem Priesterthume anvertraut, um sie auszuspenden. Mit der Taufe ist es anders. Sie kann jeder Gläubige ausspenden, ohne Unterschied des Geschlechtes, ohne Rücksicht darauf, ob er sich im Zustande der Gnade befindet oder nicht. Ja, noch mehr: jeder Mensch, selbst wenn er nicht einmal ein Glied der christlichen Kirche wäre, kann durch das Wasser und die Anrufung der heiligen Dreifaltigkeit die Taufgnade, die nicht in ihm ist, einem Anderen übertragen, unter der einzigen Bedingung, daß er ernstlich das thun will, was die heilige Kirche thut, wenn sie das Sakrament der Taufe spendet.

Und selbst das ist nicht Alles. Der Spender des Sakramentes kann dem Menschen im Augenblicke des Todes fehlen; die Ewigkeit kann sich vor ihm öffnen, ohne daß die Hand eines Anderen sich ausstrecke, um das reinigende Wasser über sein Haupt zu gießen; aber der göttliche Einsetzer der Wiedergeburt der Seelen verläßt den Menschen nicht in diesem entscheidenden Augenblick. Wenn er glaubt, wenn er mit aller Gluth seiner Seele die Taufe verlangt, wenn das Gefühl der Zerknirschung und der Liebe, das der Täufling zur Taufquelle mitbringen muß, ihn beseelt, dann mag er ruhig sterben: die Pforte des Himmels öffnet sich auch der Begiertaufe.

Doch das Kind, welches den Gebrauch seiner Vernunft noch gar nicht erlangt hat und welches der Tod vielleicht wenige Stunden nach seiner Geburt hinwegmähen wird, – sollte das bei dieser allgemeinen Gnadenaustheilung vergessen sein? Jesus hat gesagt: „Wer da glaubt und sich taufen läßt, der wird selig werden;“ wie soll nun dies schwache Wesen, das mit der Erbsünde belastet ist, dessen Leben in wenigen Augenblicken erlischt, Heil erlangen? Es ist ja noch gar nicht fähig, zu glauben! Beruhigt euch! Auch es kann der Gnadenwirkungen der heiligen Taufe theilhaftig werden. Der Glaube der Kirche, welche das Kind für sich verlangt, gilt auch für es. Man gieße nur Wasser über sein Haupt unter Anrufung der drei göttlichen Personen, und es ist dann Christ für immer. Im Glauben der Kirche getauft, ist dieser Glaube jetzt, wenn auch ihm unbewußt, in ihm, und dazu auch noch die Hoffnung und die Liebe. Dies ist eben ein durch das sakramentale Wasser hervorgebrachtes Wunder. Wenn jetzt auch dieser zarte Sprosse des menschlichen Geschlechtes stirbt: das Himmelreich gehört ihm.

Solche Wunder, o Erlöser, hast Du durch das erste Sakrament gewirkt kraft jenes aufrichtigen Willens, womit Du willst, daß Alle selig werden [1. Tim. 2, 4]. Diejenigen aber, bei welchen dieser dein aufrichtiger Wille nicht seine Verwirklichung findet, entgehen der Gnade der Wiedergeburt nur durch die früher begangene Sünde, die Erbsünde; und deine ewige Gerechtigkeit gestattet Dir nicht, in allen Fällen der Sünde zuvor zu kommen oder deren Folgen wieder aufzuheben. Aber gleichwohl ist deine Barmherzigkeit zu Hilfe gekommen. Sie hat ihre Netze ausgeworfen und unzählige Auserwählte sind in dieselben gefallen. Das heilige Wasser träufelte auf die Stirne des im Arme seiner heidnischen Mutter sterbende Kind, und die Engel öffneten ihre Reihen, den glücklichen Flüchtling aufzunehmen. Beim Anblick so großer und mannichfaltiger Wunder, was bleibt uns da übrig, als mit dem Psalmisten zu rufen: „Wir, die leben, preisen den Herrn.“

Der vierte Sonntag nach Ostern heißt in der griechischen Kirche der Sonntag der Samaritanerin, weil man an demselben die Evangelienstelle liest, in welcher das Zusammentreffen des göttlichen Heilandes mit diesem Weibe geschildert wird.

Die römische Kirche beginnt heute in ihrem Nocturn die Lesung der sogenannten canonischen Briefe, die sie bis zum Pfingstfeste fortsetzt.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Achter Band: Die österliche Zeit; Mainz 1879; S. 194-204]

Dom Guéranger zum dritten Sonntag nach Ostern (3/3)

Zur Vesper.

Antiphon.

Jakob aber zeugte Joseph, den Mann Mariä, von welcher geboren wurde Jesus, der genannt wird Christus. Alleluja!

109. Psalm.

Es sprach der Herr u. s. w.

[…]

Antiphon.

Der Engel Gabriel ward von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, mit Namen Nazareth, zu einer Jungfrau, die mit einem Manne vom Hause Davids verlobt war, welcher Joseph hieß. Alleluja!

110. Psalm

Lobsingen will ich Dir u. s. w.

[…]

Antiphon.

Es gib auch Joseph aus Galiläa von der Stadt Nazareth nach Judäa in die Stadt Davids, welche Bethlehem heißt. Alleluja!

111. Psalm.

Glückselig der Mann u. s. w.

[…]

Antiphon.

Und sie kamen eilends, und fanden Maria und Joseph, und das Kind in der Krippe liegen. Alleluja! Alleluja!

112. Psalm.

Lobet den Herrn u. s. w.

[…]

Antiphon.

Und Jesus war, als Er anfing, ungefähr dreißig Jahre alt, und wurde für einen Sohn Josephs gehalten. Alleluja!

116. Psalm.

Lobet den Herrn, alle Völker; lobet ihn, alle Nationen.

Denn es ist bestätigt über uns seine Barmherzigkeit und die Wahrheit des Herrn bleibt in Ewigkeit.

Capitulum.

(Genesis 49.)

Der Segen deines Vaters wird übertreffen den Segen seiner Väter, bis da kommet das Verlangen der ewigen Hügel. Er komme über Josephs Haupt und über den Scheitel des Nazaräers unter seinen Brüdern.

Hymnus.

Himmelsschaaren singen, Joseph, dir zur Ehre,
Dir ertönen festlich aller Christen Chöre;
Mit der hohen Jungfrau, die sich Gott erwählet,
Warst im keuschen Bund vermählet.

Als die Braut im Schoße hehre Frucht verhüllte
Und ein banger Zweifel dir dein Herz erfüllte,
Lehrt ein Engel, daß vom Heil’gen Geist empfangen
Jenes Kind; und tilgt dein Bangen.

Als der Herr geboren, stehst du ihm zur Seite,
Flüchtig nach Aegypten folgst du ihm mit Freude,
Triffst im Tempel dein verlornes Kind mit Sehnen,
Unter hellen Freudenthränen.

Andre schmücket erst nach ihrem Tod die Krone,
Und wer es verdienet, nimmt die Palm zum Lohne:
Du bist schon im Leben Engeln gleich beglücket,
Schaust Gott, deinen Herrn, entzücket.

Heiligste Dreieinigkeit! höre unser Flehen,
Laß auf Josephs Fürsprach’ uns zu deinen Höhen,
Daß in deinem Reich wir unsre Huld’gung bringen,
Endlich ew’gen Dank Dir singen.
Amen.

Versikel.

V. Unter seinem Schatten, wonach ich verlangt habe, sitze ich; Alleluja!

R. Und seine Früchte sind süß meinem Gaumen. Alleluja!

Antiphon zum Magnifikat.

Kind! warum hast Du uns das gethan? Siehe! dein Vater und ich haben Dich mit Schmerzen gesucht. Alleluja!

Gebet.

Gott! der Du in deiner unaussprechlichen Vorsehung den seligen Joseph zum Bräutigam deiner allerheiligsten Gebärerin gütigst auserwählen wolltest: verleih’, wir bitten Dich, daß wir, die wir ihm auf Erden als unsern Beschützer verehren, ihn auch als unsern Fürsprecher im Himmel erfahren mögen. Der Du lebst und regierst von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Hierauf gedenkt man des dritten Sonntags nach Ostern durch folgende Antiphon, Versikel und Gebet.

Antiphon.

Wahrlich, wahrlich sag’ ich euch: ihr werdet weinen und wehklagen; aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein; aber eure Traurigkeit wird in Freude verwandelt werden. Alleluja!

V. Bleibe bei uns, Herr! Alleluja!

R. Denn es wird Abend. Alleluja!

Gebet.

Gott! der Du den Irregegangenen das Licht deiner Wahrheit zeigest, damit sie wieder auf die Bahn der Gerechtigkeit zurücktreten können; verleih’ Allen, die den Christennamen führen, Kraft und Muth, das zu verabscheuen, was diesen schönen Namen entehrt, und dem nachzustreben, was ihm Ehre macht. Durch Christum, unseren Herrn. Amen.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Achter Band: Die österliche Zeit; Mainz 1879; S. 145-148]

Dom Guéranger zum dritten Sonntag nach Ostern (2/3)

Zur Messe.

An diesem dem heiligen Joseph als dem Schützer der Gläubigen gewidmeten Feste legt uns die heilige Kirche im Introitus die Worte in den Mund, womit David sein Vertrauen auf den Schutz des Herrn ausgedrückt hat. Der heilige Joseph ist der Vermittler dieses göttlichen Schutzes, und Gott verheißt uns denselben, wenn wir uns an seinen unvergleichlichen Diener wenden.

Introitus.

Unser Helfer und Schützer ist der Herr; in ihm freut sich unser Herz und auf seinen Namen haben wir gehofft. Alleluja, Alleluja.

Lenker Israels, merke auf, der Du Joseph führst wie ein Schaf.

Ehre sei dem Vater.

Unser Helfer.

In der Collecte preist die Kirche die Wahl des heiligen Joseph, den Gott ausersehen, der Gemahl der Maria zu werden; sie belehrt uns zugleich, daß diese Wahl die Wirkung hatte, uns eines Schützers zu versichern, der durch seine Alles vermögende Fürsprache unsere Huldigungen vergelten wird.

Collecte.

Gott! der Du in deiner unaussprechlichen Vorsehung den seligen Joseph zum Bräutigam deiner allerheiligsten Gebärerin gütigst auserwählen wolltest: verleih’, wir bitten Dich, daß wir, die wir ihn auf Erden als unsern Beschützer verehren, ihn auch als unsern Fürsprecher im Himmel erfahren mögen. Der Du lebst und regierst von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Hierauf geschieht des dritten Sonntags nach Ostern in folgendem Gebete Erwähnung.

Collecte.

O Gott, welcher Du den Irrenden das Licht deiner Wahrheit zeigest, damit sie auf die Bahn der Gerechtigkeit zurückkehren können: gib Allen, die sich zur christlichen Lehre bekennen, die Gnade, Das zu verschmähen, was dem Christennamen nicht ansteht, und Dem nachzustreben, was ihm ansteht. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Epistel.

Lesung des Buches Genesis Cap. 49.

Ein Zuwachs ist der Sohn Joseph, ein wachsender Sohn und lieblichen Anblicks: die Töcher liefen die Mauer ab. Aber sie erbitterten ihn, und haderten und neideten ihm, ihre Wurfspieße schleudernd. Doch ruhete sein Bogen auf dem Starken, seiner Arme und Hände Fesseln lösten sich durch die Hände des Helden Jacobs. So ging der Hirt hervor, der Grundstein Israels. Der Gott deines Vaters wird dein Helfer sein. Der Allmächtige wird dich segnen, mit Segen des Himmels von oben, mit Segen der Erde von unten, mit Segen der Brüste und des Mutterleibs. Der Segen deines Vaters wird übertreffen den Segen seiner Väter, bis da kommet das Verlangen der ewigen Hügel. Er kömme über Josephs Haupt, und über den Scheitel des Nazaräers unter seinen Brüdern.

Diese herrliche Prophezeiung des sterbenden Jakob, der seinem Sohne Joseph das glänzende Loos verkündet, das ihm persönlich, wie in seinen Nachkommen beschieden ist, kommt an diesem Tage sehr gelegen, um uns an die rührenden Beziehungen zwischen den beiden Joseph zu erinnern, welche der heilige Bernard so beredt entwickelt. Wir haben schon am 19. März auf dieselben hingewiesen, und der fromme Leser hat sich überzeugen können, daß der erste Joseph ein Vorbild des zweiten war. Nachdem der greise Patriarch die Bestimmung seiner zehn ersten Kinder vorher gesagt, weilt er mit Wohlgefallen auf dem Sohne der Rachel. Nachdem er seine Schönheit gelobt, erinnert er ihn an die Verfolgung durch seine Brüder, und an die wunderbaren Wege, durch welche Gott ihn aus ihren Händen befreite, und zur Gewalt führte. Von da an zeichnet Jakob diesen Sohn seiner Liebe in Herrlichkeit und als den Typus des zweiten Joseph. Wer hat besser als der Gemahl der Maria, der Beschützer der Gläubigen, verdient, der Hirte eines Volkes, der Grundstein Israels genannt zu werden? Wir alle sind seine Familie; er wacht voll Liebe über uns, und in unseren Kümmernissen können wir auf ihn, wie auf einen unerschütterlichen Felsen unser Vertrauen setzen. Das ERbe des heiligen Joseph ist die Kirche, welche die Wasser der Taufe beständig befruchten und fruchtbar machen. Da übt er seine wohlthuende Macht über die, welche auf ihn vertrauen. Jakob verheißt dem ersten Joseph unermeßlichen Segen, welcher bis zu dem Tage dauern soll, bis da kommt der verheißene Erlöser von den ewigen Hügeln. Dann wird das Amt des zweiten Joseph beginnen, ein Amt der Hilfe und des Schutzes, das dauern soll, bis wiederum der Sohn Gottes herab kommt. Wenn endlich der erste Joseph als der Nazaräer, d. h. der Gottgeweihte, unter seinen Brüdern im Voraus geheiligt worden ist, so wird der zweite diese Vorhersagung noch buchstäblicher erfüllen. Denn nicht nur überragt seine Heiligkeit weitaus die des Sohnes Jakobs, auch seine Wohnung wird Nazareth sein. In dieser Stadt wird er mit Maria weilen, in diese Stadt kehrt er aus Aegypten zurück, in dieser Stadt wird er sein heiliges Leben vollenden, und weil er endlich mit seinem Pflegesohn Jesus, dem ewigen Worte, in dieser Stadt gewohnt hatte, wird er der Nazaräer genannt werden [Matth. 2, 23].

Es kommt nun der Versikel Alleluja. Im ersten Verse vernehmen wir die Stimme des heiligen Joseph. Er lädt die Gläubigen ein, zu ihm ihre Zuflucht zu nehmen, und verspricht ihnen alsbaldige Hilfe. In dem zweiten Verse erfleht die Kirche für ihre Kinder die Gnade, daß sie beflissen seien, der Reinheit des Gemahls der Maria nachzueifern; zugleich bittet sie um dessen Hilfe für dieselben.

Alleluja, Alleluja!

V. In welcher Wirrsal immer sie zu mir rufen, so will ich sie erhören, und ihr Schützer sein allezeit. Alleluja.

V. Laß unschuldig, o Joseph, unser Leben dahinfließen. Es sei stets sicher unter deinem Schutz. Alleluja.

Evangelium.

Fortsetzung des heiligen Evangeliums nach Lukas Cap. 3.

In jenen Tagen, als alles Volk sich taufen ließ, geschah es, daß auch Jesus getauft wurde, und da Er betete, öffnete sich der Himmel, und der Heilige Geist stieg in leiblicher Gestalt gleich einer Taube auf Ihn herab, und eine Stimme erscholl vom Himmel: Du bist mein geliebter Sohn, an Dir habe Ich mein Wohlgefallen. Und Jesus war, als Er anfing, ungefähr dreißig Jahre alt, und wurde für einen Sohn Josephs gehalten.

„Jesus wurde für einen Sohn Josephs gehalten!“ Die kindliche Liebe Jesu für seine Mutter, die der reinsten Jungfrau schuldigen Rücksichten gingen so weit, daß der Sohn Gottes dreißig Jahre lang nach Namen und Aeußeren als der Sohn Josephs gehalten sein wollte. Joseph hörte sich Vater nennen von dem unerschaffenen Wort, dessen Vater von Ewigkeit ist. Von einem sterblichen Menschen hat dasselbe die Dienste und die Nahrung angenommen, die man einem Kinde in den ersten Jahren des Lebens widmet und gewahrt. Joseph ist das Haupt der heiligen Familie von Nazareth gewesen, und Jesus hat seine Autorität anerkannt. Der Plan der göttlichen Menschwerdung brachte es eben mit sich, daß ganz erstaunliche Beziehungen zwischen Schöpfer und Geschöpf entstehen sollten. Wenn aber der zur Rechten des Vater sitzende Sohn Gottes die mit seiner göttlichen Person unlösbar verbundene menschliche Natur beibehalten hat, dann hat er sich auch mit nichten der Gefühle entäußert, welche er nienieden gegenüber den beiden andern Glieder der Familie von Nazareth bekannte. Gegen Maria, die in der menschlichen Ordnung ewig seine Mutter bleiben wird, konnte die kindliche Liebe und Ehrfurcht nur wachsen. Aber wir können auch daran nicht zweifeln, daß die Zuneigung und die Unterwürfigkeit, die er seinem Pflegevater zeigte, ebenfalls auf ewig in dem Herzen des Gottmenschen vorhanden sind. Kein Sterblicher stand in so innigen und vertrauten Beziehungen zu Jesus. Durch seine dem Sohne der Maria gewidmete väterliche Fürsorge hat Joseph in dem Sohne des Ewigen das Gefühl der Dankbarkeit erweckt; es ist nur billig zu denken, daß besondere Ehren und eine höhere Macht im Himmel diesem Gefühle der Dankbarkeit entsprechen. Das ist auch die Meinung der Kirche, darauf gründet sich auch das Vertrauen frommer Seelen, das ist endlich der Grund, weßhalb das heutige Fest eingesetzt worden ist.

Im Offertorium, das dem 147. Psalm entnommen ist, wird Jerusalem, das heißt die Kirche, wegen der Sorge, die Gott um sie getragen, beglückwünscht; denn er hat sie durch starke Bollwerke gegen ihre Feinde geschützt. Eines der stärksten dieser Bollwerke ist der Schutz des heiligen Joseph.

Offertorium.

Lobe, Jerusalem, den Herrn, denn er hat die Riegel deiner Thore befestigt, deine Kinder in dir gesegnet. Alleluja, Alleluja.

Im Stillgebete erfleht die Kirche für ihre Kinder die Gnade, daß sie dem Zimmermann von Nazareth in der Ablösung von allen irdischen Dingen nachstreben.

Stillgebet.

Wir bitten Dich, o Herr, laß uns durch die Verdienste des Bräutigams deiner allerheiligsten Gebärerin geholfen werden, damit, was unser eigenes Vermögen nicht erlangt, durch seine Fürbitte uns gegeben werde. Der Du lebst und regierst in Ewigkeit. Amen.

Dann geschieht des dritten Sonntags nach Ostern im folgenden Gebete Erwähnung:

Stillgebet.

O Herr, durch diese Geheimnisse möge uns die Gnade werden, jedes irdische Verlangen zu zügeln und dafür die Liebe zum Himmlischen zu lernen. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Als Antiphon der Communion dient die Stelle aus dem heiligen Matthäus, in welcher der Evangelist den glorreichen Titel unseres großen Beschützers niederlegt: „Joseph, der Mann Mariä,“ und den noch glorreicheren Titel Marias: „Von welcher geboren wurde Jesus.“

Communion.

Jakob aber zeugte Joseph, den Mann Mariä, von welcher geboren wurde Jesus, der genannt wird Christus. Alleluja!

In der Postcommunio bittet die heilige Kirche, daß Joseph unser Schützer in diesem Leben, auch bezüglich unseres ewigen Glückes uns seine Sorge widmen möge.

Postcommunio.

Gestärkt an der Quelle himmlischer Gaben, bitten wir Dich, o Herr, unser Gott, der Du uns des Schutzes des seligen Joseph genießen ließest, daß wir durch dessen Verdienste und Fürbitte auch der ewigen Herrlichkeit theilhaftig werden mögen. Durch unsern Herrn Jesum Christum. Amen.

Zur Erinnerung an den dritten Sonntag nach Ostern wird dem noch folgendes Gebet beigefügt:

Postcommunio.

O Herr, wir bitten Dich, die Sakramente, die wir empfingen, mögen uns nicht nur durch ihre geistige Nahrung neu beleben, sondern auch unser körperliches Leben durch ihre Hilfe beschirmen. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Am Schlusse der Messe wird das Evangelium des dritten Sonntags nach Ostern gelesen.

Evangelium.

Fortsetzung des heiligen Evangeliums nach Johannes Cap. 16.

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: „Noch eine kleine Weile, so werdet ihr mich nicht mehr sehen; und wieder eine kleine Weile, so werdet ihr mich wieder sehen, denn ich gehe zum Vater.“ Da sprachen Einige von seinen Jüngern unter einander: „Was ist das, daß er zu uns sagt: ‚Noch eine kleine Weile, so werdet ihr mich nicht mehr sehen; und wieder eine kleine Weile, so werdet ihr mich wieder sehen,‘ und ‚denn ich gehe zum Vater?‘“ Sie sprachen also: „Was ist das, daß er spricht: ‚Noch eine kleine Weile?‘ Wir wissen nicht, was er redet.“ Jesus aber wußte, daß sie ihn fragen wollten, und sprach zu ihnen: „Ihr fraget unter euch darüber, daß ich gesagt habe: ‚Noch eine kleine Weile, so werdet ihr mich nicht mehr sehen, und wieder eine kleine Weile, so werdet ihr mich wieder sehen.‘ Wahrlich, wahrlich sag’ ich euch, ihr werdet weinen und wehklagen; aber die Welt wird sich freuen. Ihr werdet traurig sein; aber eure Traurigkeit wird in Freude verwandelt werden. Das Weib, wenn es gebärt, ist traurig, weil ihre Stunde gekommen ist; wenn sie aber das Kind geboren hat, so denkt sie nicht mehr an die Angst, wegen der Freude, daß ein Mensch zur Welt geboren ist. Auch ihr habt jetzt zwar Trauer, aber ich werde euch wieder sehen, und euer Herz wird sich freuen, und eure Freude wird Niemand von euch nehmen.“

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Achter Band: Die österliche Zeit; Mainz 1879; S. 136-145]

Dom Guéranger zum dritten Sonntag nach Ostern (1/3)

Der dritte Sonntag nach Ostern.

Schutzfest des heiligen Joseph.

Die Feier der eigentlichen österlichen Geheimnisse wird heute unterbrochen. Ein anderer Gegenstand zieht auf einen Augenblick unsere Augen auf sich. Die heilige Kirche fordert uns auf, den heutigen Tag der Verehrung des Gatten Marias, des Nährvaters Jesu Christi, zu widmen. Am 19. März haben wir ihm bereits unsere alljährliche Huldigung dargebracht. Es ist auch heute nicht eigentlich ein Fest, das seiner Person gilt. Es handelt sich vielmehr darum, daß die Frömmigkeit des christlichen Volkes Joseph in seiner Eigenschaft als Beschützer der Gläubigen, ein Denkmals des Dankes errichte. Denn er ist in der That die Zuflucht und der Schirm Aller, die ihn vertrauensvoll anrufen. Durch eine Menge Wohlthaten hat er diese Huldigung verdient, und so lenkt denn gerade die Kirche im Interesse ihrer Kinder deren Vertrauen auf eine so mächtige und geeignete Hilfe.

Die dem heiligen Joseph gewidmete Verehrung war der neueren Zeit vorbehalten. Allerdings liegt der Keim derselben schon im Evangelium; aber er sollte sich nicht schon in den ersten christlichen Jahrhunderten entwickeln. Das ist nun freilich nicht so zu verstehen, als ob die Gläubigen, welche die bei der Menschwerdung dem heiligen Joseph zugefallene erhabene Aufgabe würdigten, irgend ein Hinderniß gefunden hätten, ihm diejenigen Ehren zu erweisen, die sie ihm erweisen wollten. Aber die göttliche Vorsehung hatte ihre geheimnißvollen Gründe, um den Augenblick noch hinaus zu schieben, da die Liturgie die alljährlichen Huldigungen vorschreiben sollte, welche dem Gemahle Marias zu erweisen wären. In der besonderen Verehrung des heiligen Joseph ging, wie das auch bei verschiedenen anderen Anlässen der Fall war, der Osten dem Westen voran. Aber im fünfzehnten Jahrhundert hatte die lateinische Kirche den Cultus vollständig angenommen, und seitdem ist ein beständiger Fortschritt in den Herzen der Katholiken ersichtlich. Die Größe und Würde des heiligen Joseph betrachteten wir am 19. März. Auf diesen unerschöpflichen Gegenstand ist also heute nicht zurückzukommen. Der heutige Festtag ist vielmehr aus einem besonderen Grunde eingesetzt worden, und diesen müssen wir vor Allem kennen lernen.

Die Güte Gottes und die treue Erfüllung der Verheißungen des Erlösers treten von Jahrhundert zu Jahrhundert immer fester vereint auf, um in dieser Welt den Funken übernatürlichen Lebens zu erhalten, der ja bis zum letzten Tage nicht erlöschen darf. Um diesem barmherzigen Zwecke zu dienen, erwärmt eine ununterbrochene Kette hilfreicher Handlungen so zu sagen jede Generation, und bringt derselben neue Beweggründe, um ihr Vertrauen auf die göttliche Erlösungsthat zu kräftigen. Seit dem Ende des dreizehnten Jahrhunderts, zu welcher Zeit nach der eigenen Erklärung der Kirche diese zunehmende Kälte der Welt zum ersten Male sich fühlbar machte [Frigescente mundo, in der kälter werdenden Welt heißt es im Gebete am Feste der Wundmale des heiligen Franciscus.], sah jede Epoche eine neue Gnadenquelle sich öffnen. So war es zuerst das Fest des allerheiligsten Sakramentes, das dann in seiner Entwickelung die feierliche Frohnleichnamsprozession, die Aussetzungen, die Segen, das vierzigstündige Gebet mit sich brachte. Dann kam die Verehrung des heiligsten Namen Jesu, dessen Hauptapostel der heilige Bernhardin von Siena war, endlich die Verehrung des via crucis, des Kreuzweges, welche so viele Seelen zur Reue und Zerknirschung führte. Das sechzehnte Jahrhundert sah ein wiedererwachtes Erglühen für den Empfang der heiligen Communion unter dem mächtigen Einflusse des heiligen Ignatius von Loyola und seines Ordens. Im siebenzehnten Jahrhundert wurde der Cultus zum heiligsten Herzen Jesu eingeführt, der sich dann im Laufe des folgenden Jahrhunderts weiter entwickelte und befestigte. Im neunzehnten Jahrhundert hat die Verehrung der allerseligsten Jungfrau einen solchen Aufschwung, eine solche Bedeutung genommen, daß wir diese als das übernatürliche Charakteristicum unserer Zeit bezeichnen dürfen. Der heilige Rosenkranz, das heilige Scapulir hatten bereits frühere Zeiten uns übermacht; fast in Vergessenheit gerathen, wurden sie wiederum zu ihren alten Ehren erhoben; die Pilgerfahrten zu den Heiligthümern der Mutter Gottes, welche in Folge jansenistischer und rationalistischer Vorurtheile erschlafft waren, begannen auf’s Neue; die Erzbruderschaft zum heiligen Herzen Mariä hat ihre Fäden über die ganze Erde gezogen; zahlreiche Wunder belohnten den neu verjüngten Glauben; endlich haben unsere Tage den Triumph der unbefleckten Empfängniß gesehen, der bereits in minder begünstigten Jahrhunderten vorbereitet und erwartet wurde.

Aber die Verehrung Marias konnte sich nicht entwickeln, ohne einen mächtigen Rückschlag auf die Verehrung des heiligen Joseph zu wirken. Maria und Joseph haben an dem Geheimnisse der Menschwerdung einen gemeinsamen und zu innigen Antheil: die Eine als die Mutter des Sohnes Gottes, der Andere als der Schützer der Ehre der Jungfrau und der Nährvater des göttlichen Kindes, als daß man Beide von einander trennen könnte. Eine besondere Verehrung des heiligen Joseph hat daher umgekehrt auch stets einen erneuten Aufschwung der Verehrung der allerseligsten Jungfrau zur Folge gehabt. Aber die Verehrung des Gemahls der Maria ist nicht nur ein gerechter Tribut, den wir seinen erhabenen Vorrechten zollen. Der Sohn Gottes hat auch in die Hände des heiligen Joseph eine große Gewalt gelegt, und er ist seinen Verehrern ein mächtiger Helfer. Hören wir, was die heilige Kirche in der begeisterten Sprache ihrer Liturgie sagt:

Joseph, Zier der Himmelsbürger,
Feste Stütze dieser Welt!
Unsre Hoffnung in dem Leben
[[…] Laudeshymne am Schutzfeste des heiligen Joseph].

Welche Macht in diesen Bezeichnungen! Wo ist aber auch ein Mann auf Erden, der mit dem Sohne Gottes in so nahen Beziehungen gestanden, wie bisher? Jesus würdigte sich, dem Joseph hienieden unterworfen zu sein. Im Himmel ist es sein Wille, den zu verherrlichen, von welchem er auf Erden abhängig sein wollte, dem er seine eigene Kindheit sammt der Ehre seiner Mutter anvertraute. Es gibt keine Grenzen für die Macht des heiligen Joseph, und heute lädt uns die Kirche ein, mit unbedingtem Vertrauen uns an die Hilfe dieses allmächtigen Schützers zu wenden. Mitten unter den schrecklichen Wirren, denen die Welt zur Beute fällt, mögen ihn die Gläubigen anrufen, sie werden Schutz finden. In allen Nöthen der Seele und des Leibes, und allen Prüfungen und Unglücksfällen, welche der Christ zu bestehen haben kann, in der zeitlichen wie in der geistlichen Ordnung, stets möge man zum heiligen Joseph flüchten und unser Vertrauen wird nicht getäuscht werden. Der König von Aegypten sagte seinen hungernden Völkern: „Gehet zu Joseph!“ Der König des Himmels sagt uns dasselbe, und der treue Hüter der Maria gilt mehr bei ihm, als der Hüter der Kornkammern von Memphis je bei dem Pharao gegolten hat.

Bei Offenbarung dieser neuen Zuflucht unserer Tage verfuhr Gott, wie er in ähnlichen Fällen früher verfuhr. Sie wurde zuerst einigen bevorzugten Seelen mitgetheilt, welche dieselben als einen kostbaren Keim behüten und entwicken sollten. Ganz dasselbe geschah, als es sich um die Einsetzung des Festes des heiligen Altarssakramentes, des heiligen Herzens Jesu handelte, sowie auch bei anderen Gelegenheiten. Im sechzehnten Jahrundert empfing die heilige Theresia, deren Schriften sich über die ganze Welt ausbreiten sollten, während einer Verzückung göttliche Mittheilungen über diesen Gegenstand, und sie legte ihre Empfindungen und Wünsche in dem von ihr selbst verfaßten Lebensabriß nieder. Wir brauchen uns nicht darüber zu wundern, daß Gott gerade Diejenige zur Verbreitung der Verehrung des heiligen Joseph wählte, welche er auch als sein Werkzeug zur Reformation des Ordens vom Berge Carmel benützte. Denn gerade unter dem Einflusse der Carmeliter wurde im dreizehnten Jahrhundert der Cultus des heiligen Joseph in unsere Gegend gebracht. Schon seit Jahrhunderten widmeten sich die Einsiedler auf dem Berge Carmel der Verehrung der allerseligsten Jungfrau. So konnte denn auch namentlich ihnen das verknüpfende Band zwischen den Ehren, auf welche die heilige Mutter Gottes ein Recht hat, mit den Ehren, welche wir ihrem jungfräulichen Gemahle zu zollen verpflichtet sind, nicht entgehen. In jedem Lande, woselbst sich das Geheimniß der Menschwerdung vollzog, ist es für den Gläubigen gerade nicht schwierig, das Auge in dessen Tiefen zu versenken. Von so vielen unaussprechlichen Erinnerungen umgeben, begreift der Christ alsbald, wenn der Sohn Gottes, um die menschliche Natur anzunehmen, einer Mutter bedurfte, so bedurfte auch diese Mutter eines Schützers. Und daraus folgt doch, daß Jesus, Maria und Joseph nach verschiedenen Richtungen und in verschiedenem Grade die Gesammtheit der Beziehungen umfaßten, in welchen das unaussprechliche Geheimniß der Menschwerdung zu sich selbst, wie auch zu der Menschheit stand und noch steht.

Folgender Maßen drückt sich die seraphische Theresia darüber aus: „Ich nahm zum Fürsprecher und Schützer den glorreichen heiligen Joseph, und ihm empfahl ich mich auf das Dringendste. Seine Hilfe trat in sichbarlichster Weise zu Tage. Dieser zärtliche Vater meiner Seele, dieser heißgeliebte Schützer zog mich eiligst aus dem Zustande, in welchem mein Körpfer hinsiechte; wie er mich auch größeren Gefahren anderer Art entrissen hat, die meine Ehre und mein ewiges Heil bedrohten. Um mein Glück auf den Gipfel zu erheben, erhörte er mich noch über das Maß meiner Gebete und Hoffnungen hinaus. Ich erinnere mich nicht, daß ich bis auf diesen Tag je etwas verlangt hätte, das er mir nicht gewährte. Welches Bild müßte ich entwerfen, wenn es mir gegeben wäre, die ausgezeichneten Gnaden zu zeichnen, womit Gott mich überhäuft, sowie die Gefahren der Seele und des Leibes, aus denen er mich durch Vermittelung dieses glückseligen Heiligen entriß! Der Allerhöchste gewährt anderen Heiligen nur die Gnade, uns in diesem oder jenem Falle zu Hilfe zu kommen. Aber die Macht des glorreichen heiligen Joseph, das weiß ich aus Erfahrung, erstreckt sich auf alle Fälle. Unser Herr will uns dadurch zu verstehen geben, daß er ebenso, wie er auf dieser Erde der Verbannung ihm unterwürfig war, indem er ihm die Gewalt eines Nährvaters und Lenkers zuerkannte, es ihm auch gefällt, im Himmel seinen Willen zu thun, indem er alle seine Bitten erfüllt. Das haben gleich mir auch andere Personen aus Erfahrung kennen gelernt, denen ich anrieth, sich diesem unvergleichlichen Schützer zu empfehlen. Auch beginnt die Zahl seiner Verehrer groß zu werden, und die glücklichen Erfolge seiner Fürbitte bestätigen täglich die Wahrheit meiner Worte.“

Dieses Zeugniß und mehrere andere, die ebenso eingehend und gewichtig sind, fanden ein Echo in den Seelen. Sie streuten zu ihrer Zeit den Samen aus; dieser keimte langsam, aber sicher. Von der ersten Hälfte des siebenzehnten Jahrhunderts an geht es wie eine Vorahnung durch die Herzen der Verehrer Josephs, daß einmal die Kirche in ihrer Liturgie die Gläubigen auffordern werde, zu diesem mächtigen Schützer ihre Zuflucht zu nehmen. In einem frommen Werke, welches im Jahre 1645 zu Dijon herauskam, stehen folgende Worte, die man geradezu als inspirirt betrachten könnte: „ Liebliche Sonne, du Mutter des Tages! Beschleunige deinen Lauf; lasse rasch die glückliche Stunde erscheinen, in welcher die Vorhersagungen der Heiligen erfüllt werden müssen, wonach bei der Neige der Welt die ganze Größe des heiligen Joseph in voller Pracht erstrahlen werde; jene Vorhersagungen, sie versichern uns, daß Gott selbst den Vorhang wegziehen und den Schleier zerreißen werde, der uns seither verhindert hat, die Wunder der Heiligkeit in der Seele Josephs offen zu sehen; sie sagen uns, daß der Heilige Geist unausgesetzt die Herzen der Gläubigen bewegen werde, um sie zur Verherrlichung dieses Himmelsbürgers anzutreiben, indem sie ihm fromme Häuser weihen, Kirchen bauen und Altäre errichten; sie verkünden, daß man durch das ganze Reich der streitenden Kirche diesen Heiligen als den besonderen Schützer der Kirche anerkennen wird, eine Würde, welche ihm von Jesus, dem Gründer dieses Reiches, übertragen worden ist; sie erwecken in uns die Hoffnung, daß die Päpste, auf einen geheimen Antrieb des Himmels, die feierliche Begehung des Festes dieses großen Patriarchen, soweit die geistliche Gewalt des heiligen Petrus reicht, anordnen werden; sie sagen, daß die Weisesten auf Erden die in dem heiligen Joseph verborgenen göttlichen Gaben erforschen, und daß sie darin Gnadenschätze entdekcen werden, die unvergleichlich kostbarer und umfangreicher sind, als sie der bessere Theil der Auserwählten im alten Bunde, im Laufe von vier Jahrtausenden, je besaß [Die Herrlichkeit des heiligen Joseph von P. Johannes Jacquinot aus der Gesellschaft Jesu.].“

Solches glühende Sehnen wurde erfüllt. Seit bereits länger als einem Jahrhundert ist ein Officium zu Ehren der Schutzherrlichkeit des heiligen Joseph von den Carmelitern dem heiligen Stuhle zur Approbation vorgelegt worden; dasselbe wurde angenommen. Seitdem hat eine große Zahl von Kirchen die Ausdehnung desselben auf ihr Gebiet erbeten und erhalten. Zur Feier dieses frommen Festes wurde ein Sonntag gewählt; denn die Kirche wollte nicht dem Volke die Theilnahme am Feste des heiligen Joseph durch eine besondere Pflicht auferlegen; und durch die Verlegung auf einen Sonntag wurde derselbe Zweck einer lebendigen Theilnahme Aller erreicht. Nun fällt aber dieser Sonntag stets in die Fastenzeit, und in dieser Zeit, in welcher alle Sonntage privilegirt sind, hatte das seine Unzukömmlichkeiten. Er konnte unbemerkt verstreichen, und dies mußte für das neue Fest vermieden werden. Aus diesem Grunde wurde der dritte Sonntag nach Ostern ausersehen. In ihm vereinigen sich die Osterfreuden mit den Tröstungen und den Hoffnungen, welche dies Fest bringt. Die neue Feier verbreitete sich langsam von Ort zu Ort. Da erschien plötzlich unterm 10. September 1847 ein apostolisches Decret, welches das Fest in der ganzen Christenheit einführt. Am Vorabende der großen Kirchwirren wollte Pius IX. auf eine offenbar übernatürliche Eingebung den mächtigen Schützer, der nie so große Uebel zu bekämpfen, so viele Plagen abzuwenden hatte, zur Hilfe der ihm anvertrauten Heerde herbeirufen.

Setzen wir denn unser Vertrauen in die Macht Josephs, des erhabenen Vaters des christlichen Volkes, der nur deßhalb so hoch steht, damit er in größerem Maße, als die übrigen Heiligen, den Einfluß des Geheimnisses der Menschwerdung, an welchem er nächst Maria den hervorragendsten Antheil hat, uns fühlbar mache.

In der griechischen Kirche heißt der dritte Sonntag nach Ostern der Sonntag des Gichtbrüchigen, weil derselbe in hervorragender Weise dem Gedächtniß des bekannten Wunders des Heilands geweiht war.

Die römische Kirche beginnt heute in der Matutin mit der Lesung der Apokalypse des heiligen Johannes.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Achter Band: Die österliche Zeit; Mainz 1879; S. 127-136]

Dom Guéranger zum zweiten Sonntag nach Ostern (3/3)

Zur Vesper.

[…]

Antiphon zum Magnificat.

Ich bin der gute Hirte, und weide meine Schafe, und für meine Schafe gebe ich mein Leben hin, Alleluja.

Gebet.

O Gott, welcher Du durch die Erniedrigung deines Sohnes die tiefgesunkene Welt wieder aufgerichtet hast: verleihe deinen Gläubigen die ewige Freude, damit Du, nachdem Du uns von den Anfällen des ewigen Todes erlöset hast, uns die immerwährenden Freuden genießen lassest. Durch denselben Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

[…]

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Achter Band: Die österliche Zeit; Mainz 1879; S. 88]