Dom Guéranger zum Sonntag Quinquagesima (3/3)

Zur Vesper.

[…]

Antiphon zum Magnificat.

Jesus blieb stehen und befahl, den Blinden zu sich zu führen, und sprach zu ihm: Was willst du, daß ich dir thun soll? Er aber sprach: Herr, daß ich sehend werde! Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich ward er sehend, folgte ihm nach und pries Gott.

Gebet.

Erhöre, wir bitten Dich, o Herr, unser Gebet, und löse zuvor alle Bande unserer Sünden in Gnaden auf, und bewahre uns sodann vor aller Trübsal, durch unseren Herrn Jesum Christum. Amen.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Vierter Band: Die heilige Vorfastenzeit (Septuagesima); Mainz 1876; S. 212]

Dom Guéranger zum Sonntag Quinquagesima (2/3)

Zur Messe.

Die Station ist in der Basilika des heiligen Petrus auf dem Vatican. Der Abt Rupert bemerkt in seinem Werke über den Gottesdienst, daß man diese Kirche zu einer Zeit gewählt zu haben scheine, wo man noch an diesem Sonntage die Erzählung des dem Moses gegebenen Gesetzes las. Die ersten Christen Roms betrachteten nämlich Moses als das Vorbild des heiligen Petrus, und es war daher natürlich, daß man für eine solche Lesung auch die Peterskirche als Stationskirche wählte. Später kam an Stelle der Geschichte Moses’ die Berufung Abrahams, und die erstere wurde in die Fastenzeit zurückgeschoben. Die Station in Rom blieb indeß in der Basilika des Apostelfürsten, und dies konnte auch um so unbedenklicher fortwährend so gehalten werden, als ja auch Abraham in seiner Eigenschaft als Vater der Gläubigen ein Vorbild Petri ist.

Der Introitus schildert uns die Gefühle des gleich dem Armen von Jericho blinden verlassenen Menschen, der das Mitleid des Erlösers anfleht. Und dieser wird sich auch würdigen, ihm Führer und Ernährer zu sein.

Introitus.

Sei mir ein beschirmender Gott, und ein Haus der Zuflucht, daß Du mir helfest, denn meine Stärke und meine Zuflucht bist Du und um deines Namens willen wirst Du mich führen und ernähren.

Auf Dich, Herr, hoff’ ich, laß mich nimmermehr zu Schanden werden. Nach deiner Gerechtigkeit erlöse mich und rette mich. Ehre sei dem Vater. Sei mir ein beschirmender Gott.

Collecte.

Erhöre, wir bitten Dich, o Herr, unser Gebet und löse zuvor alle Bande unserer Sünden in Gnaden auf, und bewahre uns sodann vor aller Trübsal, durch unseren Herrn Jesum Christum. Amen.

Man fügt dann noch die anderen Collecten bei, wie in der Messe von Septuagesima […].

Epistel.

Lesung des Briefes des seligen Apostels Paulus an die Corinther 1. Cap. 13.

Brüder, wenn ich die Sprache der Menschen und Engel redete, aber die Liebe nicht hätte, wäre ich wie ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich die Gabe der Weissagung hätte und wüßte alle Geheimnisse, und besäße alle Wissenschaft, und wenn ich alle Glaubenskraft hätte, so daß ich die Berge versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht: so wäre ich nichts, und wenn ich alle meine Güter zur Speisung der Armen austheilte, und wenn ich meinen Leib dem Verbrennen hingäbe, hätte aber die Liebe nicht, so nützte es mir nichts. Die Liebe ist geduldig, ist gütig; die Liebe beneidet nicht, sie handelt nicht unbescheiden, sie ist nicht aufgeblasen, sie ist nicht ehrgeizig, sie ist nicht selbstsüchtig, sie läßt sich nicht erbittern, sie denkt nichts Arges, sie freuet sich nicht der Ungerechtigkeit, hat aber Freude an dem, was recht ist. Sie erträgt Alles, sie glaubt Alles, sie hofft Alles, sie duldet Alles. Die Liebe hört nie auf, wenn auch die Weissagungen aufhören, wenn die Sprachen ein Ende nehmen und die Wissenschaft vergeht. Denn Stückwerk ist unser Erkennen und Stückwerk unser Weissagen. Wenn aber das Vollkommene kommt, dann wird das Stückwerk aufhören. Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, hatte Einsicht wie ein Kind, dachte wie ein Kind; als ich aber Mann ward, legte ich ab, was kindisch war. Jetzt sehen wir durch einen Spiegel räthselhaft; alsdann aber von Angesicht zu Angesicht; jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, so wie auch ich erkannt bin. Jetzt aber bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei; aber das größte unter diesen ist die Liebe.

Mit Recht stellt uns heute die Kirche das edle Lob vor Augen, das der heilige Paulus der Liebe spendet. Diese Tugend, welche die Liebe zu Gott und dem Nächsten umfaßt, ist eigentlich das Licht unserer Seelen. Entbehren sie derselben, so tappen sie in der Finsterniß, und alle ihre Werke sind unfruchtbar. Selbst die Gewalt, Wunder zu wirken, könnte einen Menschen, der die Liebe nicht hätte, keineswegs über sein ewiges Heil beruhigen. Ohne sie sind auch die anscheinend heroischsten Handlungen nicht nur ohne Werth, sondern sind eben so viele Schlingen, welche der Teufel unserer Eitelkeit und Selbstüberschätzung legt. Bitten wir den Herrn um dieses Licht, und merken wir es uns, in wie großer Fülle es uns auch der Herr hienieden gewährt, in der Ewigkeit werden wir es ohne jedes Maß besitzen. Der glänzendste Tag auf dieser Welt ist nicht einmal Dämmerung, er ist dunkle Nacht neben der himmlischen Klarheit. Vor der Wirklichkeit der Thatsache, die wir dann sehen und begreifen, schwindet der Glaube und mit dem Augenblicke, da wir in den Besitz gelangen, endet auch die Hoffnung. Die Liebe aber wird bleiben; sie wird herrschen und deßhalb ist sie größer, als Glaube und Hoffnung, welche sie nur durch dies irdische Leben zu geleiten haben. Solcher Art ist die Bestimmung des von Christus wieder erkauften und erleuchteten Menschen; kann man sich da wundern, wenn er Alles verläßt, um diesem Meister zu folgen? Aber das kann uns billig Wunder nehmen, daß es in diesem Glauben und dieser Hoffnung getaufte Christen gibt, Christen, welche also die Voraussetzungen dieser Liebe empfangen, und sich gleichwohl, namentlich in diesen Tagen, in einen Strudel gemeiner Luft stürzen. Nichts beweist so sehr unseren tiefen Fall. Man meint, sie wollten Alles aufbieten, in sich selbst das göttliche Licht bis zum letzten Funken zu ersticken, als ob sie einen Bund mit der Finsterni gemacht hätten. Wenn die Liebe in uns herrscht, so muß uns dieselbe sehr empfindlich gegen die Schmach machen, welche man Gott anthut, und sie muß und gleichzeitig dazu drängen, seine Barmherzigkeit über diese Verblendeten, die trotz allem unsere Brüder sind, anzuflehen.

Im Graduale und im Traktus preist die Kirche die Güte Gottes gegen seine Auserwählten. Er hat sie vom Joche der Welt befreit, indem er sie mit seinem Lichte erleuchtet; sie sind sein Volk und die glücklichen Schäflein seiner Weide.

Graduale.

Du bist Gott, der Wunder thut allein, hast kund gethan unter den Völkern deine Kraft.

Hast erlöset durch deinen Arm dein Volk, die Söhne Israels und Joseph!

Traktus.

Jubelt Gott alle Lande, dienet Gott dem Herrn mit Freuden!

Kommet vor sein Angesicht mit Jubel, wisset, daß der Herr, Er, Gott ist.

Er hat uns gemacht und nicht wir uns selbst, wir sind sein Volk und die Schäflein seiner Weide.

Evangelium.

Fortsetzung des heililgen Evangeliums nach Lukas Cap. 18.

In der Zeit nahm Jesus die Zwölf zu sich und sprach zu ihnen: Siehe, wir gehen nach Jerusalem, und es wird Alles in Erfüllung gehen, was durch die Propheten über den Menschensohn geschrieben ist. Denn er wird den Heiden überliefert, verspottet, gegeißelt und angespieen werden, und nachdem sie ihn werden gegeißelt haben, werden sie ihn tödten und am dritten Tage wird er wieder auferstehen. Sie aber verstanden nichts von diesen Dingen; es war diese Rede vor ihnen verborgen und sie begriffen nicht, was damit gesagt ward. Und es geschah, als er sich Jericho näherte, saß ein Blinder an dem Wege und bettelte. Und da er das Volk vorbeiziehen hörte, fragte er, was das wäre? Sie aber sagten ihm, daß Jesus von Nazareth vorbei komme. Da rief er und sprach: Jesu, Sohn Davids, erbarme Dich meiner! Und die vorangingen, fuhren ihn an, daß er schweigen solle. Er aber schrie noch viel mehr: Sohn Davids, erbarme Dich meiner. Da blieb Jesus stehen und befahl, denselben ihm zuzuführen. Und als er sich genähert hatte, fragte er ihn und sprach: Was willst du, daß ich dir thun soll? Er aber sprach: Herr, daß ich sehend werde. Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich ward er sehend, und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott.

Eben hat sich die Stimme Christi, dessen schmerzliches Leiden verkündigend, vernehmen lassen, und die Apostel, welche diese vertraulichen Mittheilungen ihres Herrn und Meisters empfingen, haben noch nichts begriffen. Sie kleben eben noch zu sehr am Irdischen, um die Sendung des Heilandes fassen zu können; doch verließen sie ihn wenigstens nicht, sondern blieben an seiner Seite. Aber um wie Vieles verblendeter sind die falschen Christen, welche in diesen Tagen, weit entfernt, daran zu denken, daß ein Gott sein Blut und Leben für sie hingegeben, ihre Kräfte anstrengen, Alles, was noch Gottähnliches an ihnen ist, aus ihrer Seele zu reißen! Beten wir voll Liebe die göttliche Barmherzigkeit an, welche uns wie Abraham aus der Mitte eines preisgegebenen Volkes hervorgezogen. Wie der Blinde von Jericho, wollen wir zu dem Herrn rufen, daß sein Licht uns mehr und mehr durchdringe. „Herr, mache, daß ich sehe!“ das war sein Gebet. Uns hat nun Gott sein Licht gegeben, aber dasselbe würde uns wenig nützen, wenn es nicht in uns die Sehnsucht entflammte, immer heller und heller zu sehen. Er verhieß einst Abraham, ih den Ort zu zeigen, den er ihm aufbehalten; möge er auch uns dies Land der Lebendigen schauen lassen; aber vor Allem wollen wir nach einem schönen Gedanken des heiligen Augustinus ihn bitten, sich uns zu zeigen, damit wir ihn lieben, und dann möge er unser eigenes Bild uns schauen lassen, damit wir aufhören, uns selbst zu lieben.

Im Offertorium erfleht die Kirche für ihre Kinder das Licht des Lebens, welches in der Erkenntniß des göttlichen Gesetzes besteht. Unsere Lippen sollen seine Lehre und die vom Himmel gebrachten göttlichen Gebote verkünden lernen.

Offertorium.

Gebenedeit seist Du, Herr, lehre mich deine Satzungen; mit meinen Lippen spreche ich aus alle Rechte meines Mundes.

Stillgebet.

Laß, o Herr, diese Opfergabe, wir bitten Dich, unsere Sünden auslöschen, und Leib und Seele deiner Diener heiligen, damit sie in würdiger Weise das Opfer darbringen, durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Dazu kommen noch die anderen Stillgebete, wie am Sonntage Septuagesima […].

Die Antiphon der Communion erinnert an das Manna, das die Nachkommen Abrahams in der Wüste nährte. Aber diese Nahrung, wenn sie auch vom Himmel kam, konnte doch den Tod nicht abwenden. Aber das vom Himmel herabgestiegene lebendige Brod verleiht den Seelen das ewige Licht, und wer dasselbe würdig genießt, wird nicht sterben.

Communion.

Sie aßen und wurden übersatt, und der Herr gab ihnen nach ihren Gelüsten, und sie wurden nicht beraubt ihres Gelüstens.

Schlußgebet.

Wir bitten Dich, allmächtiger Gott, laß uns, die wir diese himmlische Nahrung empfangen haben, durch dieselbe vor allen Widerwärtigkeiten bewahrt bleiben, durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Dazu kommen noch die übrigen Schlußgebete, wie am Sonntage Septuagesima […].

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Vierter Band: Die heilige Vorfastenzeit (Septuagesima); Mainz 1876; S. 204-212]

Dom Guéranger zum Sonntag Quinquagesima (1/3)

Der Sonntag Quinquagesima.

Die Berufung Abrahams bildet den Gegenstand, den die Kirche unseren Betrachtungen heute vorstellt. Als die Wasser der Sündfluth sich verlaufen und das Menschengeschlecht von Neuem sich ausgebreitet hatte, da begann wiederum jene Verderbtheit der Sitten, welche die rächende göttliche Vergeltung über das Geschlecht herabgerufen, und der Götzendienst, eine eigene Art der Auflehnung gegen Gott, welche man in vorsündfluthlichen Zeiten nicht gekannt, kam noch der immer wachsenden Unsittlichkeit zu Hilfe. Der Herr, welcher in seiner göttlichen Fürsehung vorher wußte, daß der Niedergang der Völker unter solchen Umständen unaufhaltsam sei, beschloß, ein Volk auszuwählen, das ihm besonders ergeben sei und in dessen Schoß die heiligen Wahrheiten erhalten würden, welche bei den Heiden zu Grunde gehen mußten. Dieses neue Vok sollte mit einem eigenen Stammvater beginnen, einem Vorbilde und Muster der Gläubigen. Abraham, ein Mann voll des Glaubens und Gehorsams gegen den Herrn, war berufen, dieser Stammvater der Kinder Gottes zu werden, und zu seiner geistigen Nachkommenschaft, deren Stammesoberhaupt er ist, gehören alle Auserwählten, sowohl des alten Bundes, wie auch der christlichen Kirche, bis ans Ende der Zeiten.

Wir müssen also Abraham als unser Haupt und unser Vorbild anerkennen. Sein ganzes Leben faßt sich in den Begriff der Gottestreue zusammen. Allen Befehlen Gottes unterwarf er sich, Alles gab er preis und brachte es zum Opfer, um dem heiligen Willen Gottes Genüge zu leisten. Darin liegt auch das charakteristische Kennzeichen eines Christen, und wir können daher aus dem Leben dieses großen Mannes die Lehren, die es enthält, als unsere Richtschnur ansehen.

Der Test der Genesis, welchen wir jetzt anführen, bildet die Grundlage alles dessen, was wir über Abraham zu sagen haben. Die heilige Kirche liest denselben heute in der Matutin.

Aus dem ersten Buche Moses Cap. 12.

Der Herr aber sprach zu Abram: Geh’ aus deinem Lande, und aus deiner Verwandtschaft, und aus deines Vaters Hause, und komme in das Land, das ich dir zeigen will; und ich will dich zum großen Volke machen und dich segnen, und will deinen Namen groß machen, und du sollst gesegnet sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen, und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde. Da ging Abram aus, wie ihm der Herr befohlen hatte; und Lot zog mit ihm; fünf und siebenzig Jahre war Abram alt, da er aus Haran zog; und er nahm Sarai, sein Weib, und Lot, seines Bruders Sohn, und alle ihre Habe, die sie besaßen, und die Seelen, die sie gezeugt hatten zu Haran; und sie zogen aus, um ins Land Chanaan zu gehen; und als sie hinein kamen, durchzog Abram das Land bis zum Orte Sichem, bis zum berühmten Thale; es waren aber damals die Chanaaniter im Lande. Da erschien der Herr Abram und sprach zu ihm: Deinem Samen will ich dies Land geben; und er baute einen Altar daselbst dem Herrn, der ihm erschienen war, und er zog von dannen zu dem Berge, der morgenwärts von Bethel war, schlug daselbst sein Zelt auf, Bethel gegen Abend und Hai gegen Morgen, baute auch einen Altar allda dem Herrn und rief seinen Namen an.

Welch lebendigeres Bild eines Jüngers Christi läßt sich denken, als dasjenige, welches der heilige Patriarch uns bietet. Er grübelt nicht, er wägt nicht, wo es sich darum handelt, der Stimme Gottes zu folgen, die ihn ruft. Mit Recht sagen von ihm bewundernd die heiligen Väter: „Welch wahrhaft christlicher Mann vor Christus! Welch evangelischer Mann vor dem Evangelium! Welch apostolischer Mann vor den Aposteln!“ Auf den Ruf des Herrn verläßt er Alles: Heimath, Familie, Vaterhaus, und zieht in ein ihm unbekanntes Land. Ihm ist es genug, daß Gott sein Führer ist, und er überläßt sich voll Vertrauen, ohne umzublicken, seiner Leitung. Haben selbst die Apostel mehr gethan? Aber auch welche Belohnung: „In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde!“ In den Adern dieses Chaldäers rollt das Blut, das einst die Welt erlösen wird. Wohl wird er die Augen schließen, ehe der Tag anbricht, an welchem viele Jahrhunderte später einer seiner Enkel, aus einer Jungfrau geboren und eins mit dem göttlichen Worte, alle vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Geschlechter wieder erkaufen wird; aber bis sich der Himmel dem Erlöser und der Schaar der Gerechten, die bereits die Krone erlangt haben, öffnet, werden die Ehren Abrahams am Orte der Erwartung seiner Tugend und seiner Verdienste würdig sein. In seinem Schoße [Luk. 16, 22], das heißt bei ihm, haben unsere ersten, durch die Buße gereinigten Stammeltern, ebenso Noe, Moses, David, kurz alle Gerechten den Vorgeschmack der Ruhe, des Glückes gekostet, welche sie auf die ewige Seligkeit vorbereiten sollte. So lohnt Gott die Liebe und Treue seines Geschöpfes.

Als die Fülle der Zeiten gekommen war, verkündete der Sohn Gottes, gleichzeitig auch der Sohn Abrahams, die Macht seines Vaters. Ein neues Geschlecht von Kindern Abrahams sollte selbst aus den Steinen der heidnischen Welt hervorgehen. Wir Christen sind dies neue Geschlecht. Aber sind wir auch unseres Vaters würdig? Hören wir, was der Apostel der Heiden sagt: „Durch den Glauben gehorchte jener, der Abraham genannt wird, auszuwandern nach dem Orte, welchen er zum Erbe erhalten sollte: und er wanderte aus, ohne zu wissen, wohin er käme. Durch den Glauben hielt er sich im Lande der Verheißung, wie in einem fremden, auf, wohnend in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung; denn er erwartete die festgegründete Stadt, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist.“ [Hebr. 11, 8-2]

Wenn wir nun Kinder Abrahams sind, so müssen wir uns auch, wie das die heilige Kirche sagt, auf dieser Erde als Fremde betrachten; wir müssen schon durch die Hoffnung und Liebe in jenem einzigen Vaterland wohnen, aus welchem wir eben zwar verbannt sind, dem wir uns aber von Tag zu Tag nähern, wenn wir, wie Abraham, im Glauben den Weg ziehen, welchen der Herr uns wandeln heißt. Gott will, daß wir diese Welt brauchen, als brauchten wir sie nicht [1. Cor. 7, 31], wir sollen uns jederzeit bewußt sein, daß wir hier keine bleibende Statt haben [Hebr. 13, 14], daß vielmehr unser größtes Unglück, unsere höchste Gefahr darin bestehe, wenn wir vergessen, daß der Tod uns gewaltsam von allem Vergänglichen trennt.

Wie weit also sind die Christen, welche sich unter dem Vorwande, daß jetzt bald die Fastenzeit beginne, an diesem und den beiden folgenden Tagen allen Ausschweifungen überlassen, davon entfernt, wahre Kinder Abrahams zu sein? Man nimmt die naiven Sitten unserer Väter zu Hilfe, um diese Ausbrüche wilder Lust mit der christlichen Strenge zu versöhnen. Sie sollen das Lebewohl sein, das man einem gemächlichen Leben vor dem Eintritte der harten Fastenzeit zuruft. Man führt da noch weiter an, daß ja auch die Osterfreude Aehnliches ausdrücken soll, weil jetzt diese harte Fastenzeit vorüber. Aber was haben solche Dinge mit den unschuldigen Freuden gemein, welche die Kirche ihren Kindern nicht blos gestattet, sondern selbst gewährt! Wie viele von diesen Ausgelassenen kümmern sich denn eigentlich um die Fastenzeit? Wie viele unter ihnen empfangen am Schlusse derselben die heiligen Sakramente, welche die Herzen reinigen und das Leben der Seele erneuern? Und die, welche eiligst nach Dispensen laufen, um der Verpflichtung des Kirchengebotes mehr oder minder enthoben zu sein, brauchen sie durch lärmende Feste eine Zeit zu eröffnen, während welcher sie vielleicht die Last ihrer Sünden vergrößern, statt dieselbe zu verringern?

Möchten sich doch christliche Seelen von solchen Täuschungen etwas weniger befangen lassen! Möchten sie doch zur Freiheit der Kinder Gottes zurückkehren, nicht zur Freiheit des Fleisches, sondern zur Freiheit der Banden von Fleisch und Blut; denn diese Freiheit begründet allein die ursprüngliche Würde des Menschen. Vergessen wir doch nie, daß wir in einer Zeit leben, während welcher sich sogar die Kirche den Jubelgesang des Alleluja versagt. Wir sollen ja gerade die Härte des Joches fühlen, welches das unheilige Babylon uns auflegt! Wir sollen da die eigentliche Lebenskraft, nämlich den christlichen Geist, der leider in der Masse immer schwächer wird, in uns wieder stärken und aufrichten! Wenn eine Pflicht oder unabweisbare gesellschaftliche Rücksichten während dieser Tage die Jünger Christi in den Strudel weltlicher Vergnügungen ziehen, so sollten sie darüber wenigstens nicht das Höhere vergessen. Sie sollten dem Beispiele der heiligen Cäcilia folgen, und wenn irdische Musik an ihr Ohr klingt, in ihrem Herzen Gott lobsingen. Sie sollten die Worte dieser bewunderungswürdigen Braut des Erlösers wohl beherzigen: „Halte uns rein, o Herr, daß nichts die Heiligkeit und Würde, welche stets in uns wohnen soll, trübe.“ Und vor Allem möge man doch diese ausschweifenden Tanzvergnügungen, welche das Grab der Schamhaftigkeit und der Gegenstand eines furchtbaren Richterspruches für ihre Theilnehmer und Begünstiger sind, nicht gestatten und nicht besuchen. Der heilige Franz von Sales sagt in seiner Einleitung zu einem gottergebenen Leben: „Während der thörichte Rausch weltlicher Luft jedes andere Gefühl außer dem eines flüchtigen und nur zu häufig gefährlichen Vergnügens erstickt zu haben scheint, büßen unzählige Seelen ie bei ähnlichen Gelegenheiten begangenen Sünden ewig in den Flammen der Hölle; Diener und Dienerinnen Gottes kürzen sich zu derselben Zeit den Schlaf, um Gottes Lob zu singen und seine Barmherzigkeit über Alle herabzuflehen; Tausende eures Gleichen wälzen sich in Noth und Elend auf ihrem dürftigen Lager; und Gott und seine Engel schauen auf euch von des Himmels Höhen herab; bedenket, es verrinnt die Zeit des Lebens, und in jeder Sekunde naht sich der Tod euch um einen Schritt, und keinen thut er zurück.“

Es war billig, wir geben das zu, wenn die Kirche Vorkehrungen getroffen, die drei ersten Tage der Quinquagesima, die letzten vor Eintritt der strengen Fastenzeit, nicht vorübergehen zu lassen, ohne der von mancherlei Sorgen gequälten Seele eine Erfrischung zu bieten. In ihrer mütterlichen Liebe hat sie dieses Bedürfnisses gedacht. Aber selbstverständlich begegnet sie demselben nicht mit eitlen Genüssen, nicht mit weltlichen Vergnügungen. Denjenigen ihrer Kinder, in welchen der Glaube noch mächtig ist, hat sie eine edlere und höhere Freude vorbehalten, eine Freude, zugleich geeignet, den göttlichen Zorn zu besänftigen, den so viele Uebertretungen seiner Gebote gerade in diesen Tagen herausfordern. Während derselben ist das Lamm, das die Sünden der Welt hinwegnimmt, auf den Altären ausgesetzt. Vom Throne der Barmherzigkeit herab empfängt es die Huldigungen derer, welche kommen, es anzubeten und als ihren König zu erkennen. Voll Gnade nimmt es die Reue derer an, welche zu seinen Füßen beweinen, daß sie allzulange einem anderen Meister, als ihm gefolgt sind; es opfert sich seinem Vater für die Sünder, welche, nicht zufrieden seine Wohlthaten zu vergessen, entschlossen zu sein scheinen, ihn während dieser Tage mehr als zu jeder anderen Zeit zu schmähen und zu beschimpfen.

Der Erzbischof von Bologna, der fromme Cardinal Gabriel Paleotti, ein Zeitgenosse des heiligen Carl Borromäus, mit der er bezüglich seines Hirteneifers um die Palme rang, hatte zuerst den heiligen und glücklichen Gedanken, die Person des göttlichen Mittlers zwischen Himmel und Erde dem erzürnten Auge des Vaters entgegen zu stellen. Der heilige Carl Borromäus ergriff denselben sofort und führte ihn auch in seiner Diöcese durch. Später, im 18. Jahrhunderte, saß Prosper Lambertini auf dem erzbischöflichen Stuhle von Bologna, und es lag ihm sehr am Herzen, diese fromme Ueberlieferung seines Vorgängers Paleotti recht in Aufnahme zu bringen. Als er nachmals als Benedict XIV. den Stuhl des heiligen Petrus bestiegen, öffnete er die Gnadenschätze der Kirche, und gewährte allen denen, welche in diesen Tagen den Herrn im heiligen Geheimniß der Liebe besuchen und seine Gnade für die Sünder erflehen, einen Ablaß. Ursprünglich war diese Gunst auf die Kirchen des römischen Staates beschränkt, Clemens XIII. dehnte sie jedoch 1765 auf alle Kirchen der Erde aus, so daß jetzt dieser Act der Anbetung eine der feierlichsten Bezeugungen katholischer Frömmigkeit ist. Seien wir ja darauf bedacht, an demselben Theil zu nehmen. Gleich Abraham wollen wir uns aller irdischen Einflüsse entkleiden und nur den Herrn, unseren Gott, suchen. Halten wir einige Augenblicke irdische Zerstreuungen ferne von uns, und erflehen wir zu den Füßen des Heilandes die Gnade, daß wir, so weit dieselben unvermeidlich sind, hindurch gelangen, ohne daß unser Herz daran kleben bleibt.

Erwägen wir nun der Reihe nach die Geheimnisse des Sonntags Quinquagesima. Die Evangelienstelle, welche die Kirche heute liest, enthält die Worte Jesu Christi an seine Apostel, in welchen er ihnen sein bevorstehendes Leiden in Jerusalem ankündigt. Die Zeit naht, in welcher wir das Gedächtniß des bitteren Leidens und Sterbens feierlich begehen. Es ist daher ein schöner Gedanke, diese Weissagung unmittelbar vor derselben unter den Evangelien zu wählen. Wir müssen dieselbe aufmerksam und dankbar in unsere Herzen aufnehmen. Diese müssen wir vom Irdischen losreißen und sie nach dem Vorbilde Abrahams Gott darbringen; und die Vorherverkündigung dessen, was Christus leiden mußte, wird uns in unseren Anstrengungen unterstützen. An diese Weissagung schließt sich im Evangelium das Wunder am Blinden von Jericho. Die alten Liturgisten heben nun hervor, daß dieser Blinde in seiner Blindheit den Sündern gleiche, welche in diesen Tagen die Bachanalien der heidnischen Welt im Schoße der christlichen erneuerten. Dieser Blinde fand aber sein Augenlicht wieder, weil er sein Uebel fühlte, und das Verlangen hatte, zu sehen. Die heilige Kirche will nun, daß wir das gleiche Verlangen in uns wach rufen sollten, und sie verheißt uns, daß unserem Verlangen die Erfüllung folgen werde.

Bei den Griechen heißt dieser Sonntag Tyrophagie. Es ist dies nämlich der letzte Tag, an welchen es ihnen gestattet ist, „weiße Speisen“ zu nehmen. Mit diesem Ausdrucke bezeichnen sie Milchspeisen. Dieser dürfen sie sich bis heute noch bedienen. Von Morgen an ist aber auch das ihnen untersagt, und es beginnen die österlichen Fasten in der vollen Strenge, womit dieselben bei den Orientalen beobachten werden.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Vierter Band: Die heilige Vorfastenzeit (Septuagesima); Mainz 1876; S. 195-204]

Dom Guéranger zum Sonntag Sexagesima (3/3)

Zur Vesper.

[…]

Antiphon zum Magnificat.

Euch ist gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu verstehen, den Uebrigen aber werden Gleichnisse gegeben, sprach Jesus zu seinen Jüngern.

Gebet.

O Gott, Du siehst, daß all’ unser Thun uns keine Zuversicht gewährt; so laß Du uns denn bei Dir Gnade finden, und kraft der Fürbitte des Völkerlehrers, vor allem Widrigen bewahrt werden. Durch unseren Herrn Jesum Christum. Amen.

Am Schlusse dieses Tages noch eine Hymne, welche den alten fränkischen Brevieren entstammt. In ihr finden wir in herrlichen Worten ausgedrückt, was wir zu Zeit der Septuagesima in unserer Seele fühlen müssen.

Hymnus.

Die freieren Tage gehen vorüber und die Tage der Abtödtung kehren wieder; die Zeit der Mäßigkeit ist nahe: laßt uns reinen Herzens den Herrn suchen.

In Dank- und Lobliedern wird der Richter, unser Herr, versöhnt werden. Er wird nun die Verzeihung nicht versagen, Er, der da will, daß der Mensch die Gnade suche.

Nachdem der Mensch das Sklavenjoch Pharaos und die Ketten des harten Babylon getragen, eile er frei seiner Heimath, dem himmlischen Jerusalem, zu.

Laßt uns aus diesem Orte der Verbannung fliehen und bei dem Sohne Gottes wohnen; das ist der Ruhm des Dieners, daß er der Miterbe seines Herrn sei.

Sei unser Führer, o Christus, in diesem Leben; gedenke, daß wir deine Schäflein sind, für die Du als Hirte im Tode dein Leben hingabst.

Ehre sei dem Vater und dem Sohne, und gleicher Ruhm dem Heiligen Geiste; wie es war im Anfang, so auch jetzt und allzeit. Amen.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Vierter Band: Die heilige Vorfastenzeit (Septuagesima); Mainz 1876; S. 172-174]

Dom Guéranger zum Sonntag Sexagesima (2/3)

Zur Messe.

In Rom ist die Station in der Basilika des heiligen Paulus außerhalb der Mauern. Um das Grab des Lehrers der Nationen, des Ausbreiters des göttlichen Samens, des geistlichen Vaters so vieler Völker, die er durch seine Predigt gewann, versammelt die römische Kirche ihre Kinder an dem Tage, wo sie ihnen in das Gedächtnis rufen will, daß der Herr die Erde geschont hat, damit sie sich mit wahren Gläubigen und Anbetern seines Namens bevölkere.

Der Introitus, eine Stelle aus den Psalmen, erfleht die Hilfe des Herrn. Die Menschheit liegt im Todeskampfe, das Leben ist im Begriffe, zu erlöschen, und sie fleht deshalb ihren Schöpfer an, dasselbe zu erneuern. Die Kirche nimmt diesen Hilferuf auch ihrerseits auf, und bittet den göttlichen Heiland, wie in den alten Tagen, die Kinder des Wortes zu vervielfältigen.

Introitus.

Wach’ auf, warum schläfst Du, Herr? Wache auf und verwirf uns nicht auf immer. Warum wendest Du ab dein Angesicht, vergissest unsere Armuth und unsere Trübsal? An der Erde klebet unser Leib; wach’ auf, Herr, hilf uns und erlöse uns um deines Namens willen.

Gott, mit unseren Ohren haben wir’s gehöret, unsere Väter haben es uns erzählt. Ehre sei dem Vater. Wach’ auf.

In der Collecte drückt die Kirche ihr Vertrauen auf die Fürbitte des großen Apostels der Völker, des heiligen Paulus, aus; denn er, ein mächtiger Säemann des göttlichen Samens, hat an seiner Verbreitung unter den Heiden mehr gewirkt, als alle Anderen.

Collecte.

O Gott, Du siehst, daß all’ unser Thun uns keine Zuversicht gewährt; so laß Du uns denn bei Dir Gnade finden, und kraft der Fürbitte des Völkerlehrers, vor allem Widrigen bewahrt werden. Durch unseren Herrn Jesum Christum. Amen.

Dazu kommen denn noch die anderen Collecten, wie bei der Messe auf Septuagesima […].

Als Epistel wird eine überaus schöne Stelle aus den Briefen des großen Apostels gelesen. Die Ehre und der große Erfolg seines Wirkens zwang ihn, sich gegen seine Feinde zu vertheidigen, und er schildert uns daher, um welchen Preis die apostolischen Männer den Samen des göttlichen Wortes in die dürren Felder der heidnischen Welt streuten und deren Wiedergeburt bewirkten.

Epistel.

Lesung des Briefes des seligen Apostels Paulus an die Corinther Cap. 11.

Brüder! Ihr traget ja gerne die Thörichten, da ihr selbst weise seid. Denn ihr traget es, wenn einer euch unterjocht, wenn einer euch aufzehrt, wenn einer (von euch) nimmt, wenn einer sich erhebt, wenn einer euch in’s Angesicht schlägt. Zu meiner Unehre sage ich es: dazu war ich zu schwach; (doch) worauf einer pocht, darauf, ich rede in Thorheit, poche auch ich. Sie sind Hebräer, auch ich; sie sind Israeliten, auch ich; sie sind Nachkommen Abrahams, ich auch; sie sind Diener Christi (ich rede, wie ein Thörichter), mehr bin ich’s; mehr Müheseligkeiten hab’ ich erduldet, mehr Gefängnisse, Mißhandlungen über die Maßen, Todesgefahren häufig. Von den Juden habe ich fünf Mal die neun und dreißig Streiche bekommen. Drei Mal bin ich mit Ruthen gestrichen, ein Mal gesteinigt worden, drei Mal hab’ ich Schiffbruch erlitten, einen Tag und eine Nacht bin ich auf der hohen See herumgeworfen worden. Oft bin ich auf Reisen gewesen, in Gefahren auf Flüssen, in Gefahren vor Räubern, in Gefahren vor meinem Volke, in Gefahren vor Heiden, in Gefahren in Städten, in Gefahren in der Wüste, in Gefahren auf dem Meere, in Gefahren vor falschen Brüdern, in Müheseligkeit und Elend, in vielfältigen Nachtwachen, in Hunger und Durst, in vielem Fasten, in Kälte und Blöße. Zu diesem, was von außen ist, kommt noch der Andrang meiner täglichen Geschäfte, die Sorgfalt für alle Gemeinden. Wer leidet, und ich leide nicht mit? Wer wird geärgert, ohne daß ich brenne? Wenn es gerühmt sein soll, will ich meiner Schwachheit mich rühmen, Gott und der Vater unseres Herrn Jesu Christi, der gepriesen ist in Ewigkeit, weiß, daß ich nicht lüge! Als zu Damascus der Landpfleger des Königs Aretas die Stadt der Damascener bewachen ließ, um mich zu ergreifen, wurde ich aus einem Fester in einem Korbe die Mauer hinabgelassen und entkam so seinen Händen. Wenn es gerühmt sein soll (es nützet zwar nicht), will ich auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn kommen. Ich kenne einen Menschen in Christo; vor vierzehn Jahren, ob mit dem Leibe, ich weiß es nicht, ob außer dem Leibe, ich weiß es nicht. Gott weiß es, war derselbe entrückt bis in den dritten Himmel; ich weiß, daß dieser Mensch (ob mit dem Leibe, ob außer dem Leibe, ich weiß es nicht, Gott weiß es) in das Paradies verzückt ward, und geheime Worte hörte, die ein Mensch nicht aussprechen darf. Dessen könnte ich mich rühmen, meiner aber will ich mich nicht rühmen, außer meiner Schwachheiten. Wenn ich mich aber auch rühmen wollte, so wäre ich nicht thöricht, denn ich würde die Wahrheit sagen; ich enthalte mich aber dessen, damit Niemand mich höher schätze, als er an mir sieht oder von mir hört. Und damit ich mich nicht der hohen Offenbarungen wegen erhebe, wurde mir ein Stachel in mein Fleisch gegeben, ein Engel des Satans, daß er mir Faustschläge gäbe. Und deßwillen habe ich drei Mal den Herrn gebeten, daß er von mir weichen möchte. Er aber sprach zu mir: Es genügt dir meine Gnade; denn die Kraft wird in der Schwachheit vollkommen. Gerne will ich darum meiner Schwachheiten mich rühmen, damit in mir wohne die Kraft Christi.

Im Graduale erfleht die Kirche die Hilfe des Herrn gegen diejenigen, welche sich ihrer Aufgabe aus den Verehrern des wahren Gottes ein neues Volk zu erwecken, widersetzen.

Graduale.

Mögen die Heiden es wissen, daß dein Name Gott ist, daß Du der Höchste allein bist auf der ganzen Erde.

Mein Gott, mach’ sie wie ein Rad und wie Spreu vor dem Winde her!

Während die Erde zuckt, während gewaltsame Umwälzungen im Schoße der Nationen die schrecklichen Auftritte einer zweiten Sündfluth erneuern, betet die Kirche für ihre treuen Kinder, daß sie verschont bleiben und die Hoffnung der Welt in ihnen nicht zu Grunde gehe. Dies der Gegenstand des dem Evangelium vorhergehenden Traktus.

Traktus.

Du hast das Land bewegt, Herr, und es erschüttert.

Heile seine Brüche, denn es ist zerrüttet.

Beschütze die Flucht deiner Geliebten vor dem Bogen, auß daß sie gerettet werden.

Evangelium.

Fortsetzung des heiligen Evangeliums nach Lukas Cap. 8.

Zu der Zeit, da viel Volk zusammen gekommen und aus den Städten zu Jesu herbeigeeilt war, sprach er in einem Gleichnisse: Ein Säemann ging aus, seinen Samen zu säen, und da er säete, fiel Einiges an den Weg und wurde zertreten, und die Vögel des Himmels fraßen es. Ein Anderes fiel auf steinichten Grund und da es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte. Ein Anderes fiel unter die Dornen, und die Dornen, die mit aufwuchsen, erstickten es. Ein Anderes fiel auf gute Erde und ging auf und gab hundertfältige Frucht. Als er dies gesagt hatte, rief er: Wer Ohren hat zu hören, der höre! Es fragten ihn aber seine Jünger, was dieses Gleichniß bedeute. Und er sprach zu ihnen: Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu verstehen. Den Uebrigen aber werden Gleichnisse gegeben, damit sie sehen und doch nicht sehen, hören und nicht verstehen. Das Gleichniß aber bedeutet dieses: Der Same ist das Wort Gottes. Die am Wege das sind die, welche es hören, dann kommt der Teufel und nimmt das Wort aus ihrem Herzen, damit sie nicht glauben und selig werden. Die auf dem steinichten Grund, das sind die, welche das Wort mit Freuden aufnehmen, wenn sie es hören; aber weil sie keine Wurzeln haben, nur eine Zeit lang glauben, und zur Zeit der Versuchung abfallen. Das, was unter die Dornen fiel, das sind die, welche gehört haben, aber dann hingehen, und in den Sorgen, Reichthümern und Wollüsten des Lebens ersticken und keine Frucht bringen. Was aber auf gute Erde fiel, das sind die, welche das Wort hören in den guten und sehr guten Herzen behalten und Frucht bringen in der Geduld.

Der heilige Gregor der Große hebt mit Recht hervor, daß das eben gelesene Gleichniß einer Erklärung nicht bedarf, da die ewige Weisheit es selbst übernahm, den Schlüssel zu demselben zu geben. Wir haben also nur noch aus einer so kostbaren Belehrung Nutzen zu ziehen, und als gutes Erdreich den aus der Hand des göttlichen Säemannes auf uns fallenden himmlischen Samen aufzunehmen. Wie oft haben wir ihn unter die Füße der Vorübergehenden fallen lassen? Wie oft haben ihn die Vögel des Himmels hinweggetragen? Wie oft ist er nicht auf dem Felsen unseres Herzens verdorrt oder unter unseligen Disteln erstickt? Wir hörten das Wort, und die Beruhigung, die es uns gewährte, war uns angenehm; wir haben es vielleicht sogar freudig und begierig aufgenommen; aber wenn es in uns keimte, wie oft hat es da nicht das Unkraut überwuchert, so daß es nicht weiter wachsen konnte! Aber es muß größer werden, es muß Früchte bringen; die Kraft des uns anvertrauten Körnleins ist so groß, daß der göttliche Heiland hundertfältige Ernte erwartet. Wenn das Erdreich unseres Herzens gut ist, wenn wir Sorge tragen, es zu bebauen, wozu die heilige Kirche uns ihre Hilfe anbietet, dann wird eine reichliche Ernte an dem Tage vorhanden sein, wo der Heiland, siegreich aus seinem Grabe hervorgehend, seine treuen Gläubigen im Glanze seiner Auferstehung um sich schaart.

Von dieser Hoffnung beseelt, voll Vertranen auf ihn, der neuen guten Samen auf dieser so lange widerspenstigen Erde auszustreuen sich würdigt, singen wir mit der Kirche im Offertorium die schönen Worte des königlichen Propheten, mit welchen sie Festigkeit und Standhaftigkeit für uns erfleht.

Offertorium.

Mach’ standhaft meinen Wandel auf deinen Wegen, daß meine Tritte nicht ausgleiten. Neige dein Ohr zu mir und erhöre meine Worte. Erzeige deine wunderbare Barmherzigkeit, der Du rettest, die auf Dich hoffen, o Herr.

Stillgebet.

Das Dir dargebrachte Opfer, o Herr! belebe und stärke uns allezeit, durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Dem fügt man noch die übrigen Stillgebete, wie am Sonntage Septuagesima, bei […].

Die Heimsuchung des Herrn im Sacramente seiner Liebe ist das große Mittel, durch welches unsere Seele bebaut und fruchtbar gemacht wird. Darum lädt uns auch in der Antiphon der Communion die Kirche ein, daß wir uns dem Altare Gottes nähern; dort nur wird unser Herz seine Kraft und seine Jugend wiederfinden.

Communion.

Ich will hinzutreten zum Altare Gottes, zu Gott, der meine Jugend erfreut.

Postcommunio.

Wir bitten Dich, allmächtiger Gott, verleihe denen, welche Du durch deine Sakramente gestärkt, daß sie durch einen Dir wohlgefälligen Lebenswandel in würdiger Weise Dir dienen, durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Daran schließen sich die übrigen Postcommunionen, wie […] beim Sonntage Septuagesima.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Vierter Band: Die heilige Vorfastenzeit (Septuagesima); Mainz 1876; S. 164-172]

Dom Guéranger zum Sonntag Sexagesima (1/3)

Der Sonntag Sexagesima.

Im Laufe der heute beginnenden Woche lenkt die Kirche unsere Aufmerksamkeit auf Noe, beziehungsweise die Sündfluth. Man hätte denken sollen, daß nach den Vorfällen im Paradiese, welche doch Adam und Eva ihren Nachkommen nicht vorenthielten, die Menschen gelernt hätten, Gott zu fürchten. Aber es trat das gerade Gegentheil ein. Der erste Fall hatte die menschliche Vernunft derart verdüstert, daß die ungeheuere Mehrzahl sich von Gott lossagte, und es mußte daher eine neue schreckliche Züchtigung über die Menschheit hereinbrechen. Nur einen gerechten Mann fand Gott damals, und mit ihm schließt er seinen Bund für das künftige Geschlecht. Vorher aber will er zeigen, daß Er der höchste Herr ist, und daß, wenn es Ihm gefällt, der auf sein erborgtes Dasein so stolze Mensch mit all’ seinen irdischen Werken in Schutt und Trümmer sinkt.

Wir legen den Betrachtungen und Erwägungen dieser Woche einige Verse des ersten Buches Moses zu Grunde, welche die Kirche in der Matutin des heutigen Tages liest, und welche wir daher hier anführen.

Aus dem ersten Buche Moses Cap. 6.

Als aber Gott sah, daß der Menschen Bosheit groß war auf Erden, und alles Dichten ihres Herzens immerdar zum Bösen gerichtet; da reuete es ihn, daß er den Menschen gemacht auf Erden, und that ihm innerlich im Herzen leid und sprach: Ich will den Menschen, den ich geschaffen, von der Erde vertilgen, vom Menschen bis zum Vieh, vom Gewürm bis zu den Vögeln des Himmels; denn es reuet mich, daß ich sie gemacht. Noe aber fand Gnade vor dem Herrn.

Dieses ist das Geschlecht Noes; Noe war ein gerechter und vollkommener Mann in seinem Geschlechte; er wandelte mit Gott und zeugte drei Söhne: Sem, Cham und Japhet. Aber die Erde war verderbt vor Gott und mit Ungerechtigkeit erfüllt. Und da Gott sah, daß die Erde verderbt sei, denn alles Fleisch hatte seinen Weg verderbt auf Erden, sprach er zu Noe: das Ende alles Fleisches ist bei mir gekommen; die Erde ist mit Ungerechtigkeit erfüllt von ihnen und ich will sie mit der Erde verderben.

Die alsbald über das Menschengeschlecht hereinbrechende Katastrophe war immer noch eine Folge der Sünde; zum mindesten fand sich jedoch ein gerechter Mann, und durch ihn und seine Familie wurde die Welt vor völligem Untergange bewahrt. Nachdem Gott mit ihm seinen Bund erneuert, ließ er es zu, daß sich die Erde auf’s Neue bevölkere, und die drei Kinder Noes werden die Stammväter der drei großen Menschenrassen, welche dieselbe bewohnen.

Dies Geheimniß liegt dem Officium der ganzen Woche zu Grunde, und dies tritt, wie ganz natürlich, am entschiedensten in der Messe hervor. In moralischem Sinne ist die Erde mit einer wahren Sündfluth von Lastern und Irrthümern überschwemmt. Sie muß sich auf’s Neue mit Menschen bevölkern, welche, wie Noe, Gott fürchten. Dieses neue Geschlecht soll das Wort Gottes, dieser Same wahren Lebens, erwecken. Es bringt die glücklichen Kinder hervor, von welchen der Liebesjünger sagt, daß sie nicht aus dem Geblüte oder dem Willen des Fleisches, noch aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind [Joh. 1, 13]. Bieten wir unsere ganze Kraft auf, um in dieser Familie Aufnahme zu finden, und wenn wir sie gefunden, dann hüten wir sorgsam dies Glück. Denn in diesen Tagen handelt es sich darum, den Wogen der Sündfluth zu entgehen und eine Zufluchtsstätte in der Arche des Heils zu finden; es handelt sich darum, gutes Erdreich zu sein, auf welchem der Same hundertfältige Frucht bringt. Denken wir darauf, wie wir dem Zorn des Gerichtes entfliehen, – sonst gehen wir mit dem Sünder zu Grunde; zeigen wir uns darum recht begierig nach dem Worte des Herrn, das den Augen leuchtet und die Seelen bekehrt [Psalm 18].

Bei den Griechen ist dieser Sonntag der siebente Tag in der Woche Apokreos, da diese Woche nicht wie gewöhnlich mit dem Sonntage, sondern mit dem, unserem Sonntag Septuagesima folgenden Montage beginnt. Apokreos heißt sie, weil von jetzt an bis Ostern der Genuß des Fleisches untersagt ist.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Vierter Band: Die heilige Vorfastenzeit (Septuagesima); Mainz 1876; S. 162-164]

Dom Guéranger zum Sonntag Septuagesima (3/3)

Zur Vesper.

[…]

Antiphon zum Magnificat.

Der Hausvater sprach zu seinen Arbeitern: Warum stehet ihr hier den ganzen Tag müßig? Sie aber antworteten ihm und sprachen: Es hat uns Niemand gedungen. So gehet auch ihr in meinen Weinberg, ich werde euch geben, was recht ist.

Gebet.

O Herr, laß das Flehen deines Volkes Gnade und Erhörung vor Dir finden, damit wir, wie wir jetzt um unserer Sünden willen nach Gerechtigkeit gezüchtigt werden, um der Ehre deines Namens willen von allen Strafen nach der Fülle deiner Barmherzigkeit errettet werden. Durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Vierter Band: Die heilige Vorfastenzeit (Septuagesima); Mainz 1876; S. 139-140]

Dom Guéranger zum Sonntag Septuagesima (2/3)

Zur Messe.

In Rom ist die Station in der Kirche des heiligen Laurentius außerhalb der Mauern. Die alten Liturgisten heben besonders die Beziehungen hervor, welche zwischen dem gerechten Abel, dessen von Bruderhand vergossenes Blut in den Responsorien der heutigen Matutin erwähnt wird, und dem muthigen Martyrer obwalten, auf dessen Grabe die römische Kirche die Vorfastenzeit eröffnet.

Der Introitus der Messe schildert die Todesschrecken, deren Beute Adam und sein ganzes Geschlecht nach dem Sündenfalle ist. Und doch erschallt mitten in dieser hochgehenden Fluth von Trübsal ein Hoffnungsruf. Adam und sein Geschlecht können immer noch die himmlische Barmherzigkeit anflehen; denn am Tage ihrer Verwerfung ward ihnen eine Verheißung gegeben. Mögen sie daher demüthig ihr Elend bekennen, und der Gott, den sie beleidigt haben, wird sie erlösen.

Introitus.

Es haben mich umrungen die Schmerzen des Todes, die Schmerzen der Hölle umgaben mich: In meiner Trübsal schrie ich zu dem Herrn, und er erhörte meine Stimme in seinem heiligen Tempel.

Ich will Dich lieben, Herr, meine Stärke, Herr, meine Veste, und meine Zuflucht und mein Erretter. Ehre sei dem Vater. Es haben mich.

In der Collecte erkennt die Kirche an, daß ihre Kinder die Züchtigungen, welche der Sünde folgten, wohl verdient haben; und bittet für sie um Barmherzigkeit und Erlösung.

Collecte.

O Herr, laß das Flehen deines Volkes Gnade und Erhörung vor Dir finden, damit wir, wie wir jetzt um unserer Sünden willen nach Gerechtigkeit gezüchtigt werden, um der Ehre deines Namens willen von allen Strafen nach der Fülle deiner Barmherzigkeit errettet werden. Durch unseren Herrn Jesum Christum. Amen.

Zweite Collecte.

Behüte uns wir bitten Dich, o Herr, vor allen Gefahren des Leibes und der Seele, und auf die Fürbitte der seligen und glorreichen, allzeit jungfräulichen Gottesgebärerin Maria, des seligen Joseph, deiner seligen Apostel Petrus und Paulus, des seligen N. (Schutzpatron der Kirche) und aller Heiligen, schenke uns gnädig Heil und Frieden, auf daß deine Kirche nach Ueberwindung aller Hemmnisse und Irrthümer in ungestörter Freiheit Dir zu dienen vermöge.

Der Priester füght nun noch eine dritte Collecte nach eigener Wahl bei.

Epistel.

Lesung des Briefes des heiligen Apostels Paulus an die Corinther Cap. 9.

Brüder, wisset ihr nicht, daß die, so in der Rennbahn laufen, zwar Alle laufen, aber nur Einer den Preis erlangt? Laufet so, daß ihr ihn erlanget. Und Jeder, der sich im Wettkampfe übt, enthält sich von Allem, und diese (thun’s), um eine vergängliche Krone zu empfangen, wir aber um eine unvergängliche. Ich laufe nun ebenso nicht auf etwas Ungewisses; ich kämpfe so, nicht um Luftstreiche zu thun, sondern ich züchtige meinen Leib und bringe ihn in Dienstbarkeit, damit ich nicht, nachdem ich Anderen gepredigt, selbst verworfen werde. Denn, Brüder! ich will euch nicht vorenthalten, daß unsere Väter alle die Wolke zur Führerin hatten und Alle durch das Meer gingen, und Alle durch Moses in der Wolke und in dem Meere getauft wurden, und Alle dieselbe geistige Speise aßen, und Alle denselben geistigen Trank tranken (sie tranken nämlich aus dem geistigen Fels, der ihnen folgte, der Fels aber war Christus); aber an Mehreren von ihnen hatte Gott kein Wohlgefallen.

Die großen Erinnerungen, welche sich an diesen Tag knüpfen, haben unsere Herzen mächtig erregt, und die kräftigen Worte des Apostels sind ganz geeignet, die Bewegung, welche sich unserer bemächtigt, zu verstärken. Er sagt uns ja, daß diese Welt eine Rennbahn ist, in welcher man eben laufen muß, daß aber der Preis nur dem zukommt, dessen Lauf rasch ist und durch keine unnütze Last aufgehalten wird. Beladen wir uns also nicht mit nebensächlichen Dingen, auf daß uns die Krone nicht entgehe. Geben wir uns darüber keiner Täuschung hin. Wir haben über gar nichts Brief und Siegel, bevor wir am Ziele unseres Laufes angekommen sind. Unsere Bekehrung mag so aufrichtig gewesen sein, wie die des heiligen Paulus, unsere Werke ebenso fromm und vielleicht noch verdienstlicher, als die seinigen; und doch: er selbst gesteht zu, daß die Furcht, verworfen zu werden, in seinem Herzen nicht völlig erloschen ist. Er züchtigt seinen Leib und bringt ihn in Dienstbarkeit. Der Mensch hat in seinem jetzigen Zustand nicht mehr die Willenskraft, die dem Adam vor dem Sündenfalle inne wohnte, und doch hat dieser von der Freiheit seines Willens einen so unheilvollen Gebrauch gemacht. Ein blinder Hang zieht uns zum Bösen, und wir können in unserem Willen das Gleichgewicht nur dadurch herstellen, daß wir das Fleisch dem Geiste zum Opfer bringen. Diese Lehre scheint gar Vielen allzu hart, und sie werden deßhalb am Ziele ihrer Laufbahn nicht ankommen, sie werden keinen Theil an der Belohnung haben, welche Gott auch ihnen bestimmt hatte. Wie die Israeliten, von denen der Apostel spricht, werden sie in der Wüste begraben, und das gelobte Land nicht zu Gesichte bekommen. Dieselben Wunder, deren Zeugen damals Josua und Caleb waren, vollziehen sich noch heute; aber nichts vermag ein verhärtetes Herz zu heilen, wenn einmal dasselbe darauf erpicht ist, auf die Güter dieses Lebens seine Hoffnung zu setzen, obwohl deren Eitelkeit sich fast stündlich von selbst offenbart.

Wessen Herz aber auf Gott vertraut, wessen Herz in dem Gedanken Kraft sucht, daß die göttliche Hilfe nie denen fehlt, welche sie anrufen, der kann, ohne zu wanken, die Rennbahn dieses Lebens durcheilen, und er wird glücklich am Ziele ankommen. Das Auge des Herrn ist auf den gerichtet, der arbeitet und der leidet. Und diese Gedanken sind im Graduale niedergelegt:

Graduale.

Ein Helfer zu gelegener Zeit in der Trübsal ist der Herr; und es hoffen auf Dich, die deinen Namen kennen; denn Du verlässest nicht, die Dich suchen, o Herr!

Denn nicht bis ans Ende wird vergessen sein der Arme, nicht verloren bis ans Ende die Geduld des Armen. Steh’ auf, o Herr, es erstarke nicht der Mensch.

Der Traktus sendet aus der Tiefe des Abgrundes einen Schrei zu Gott empor. Tief erniedrigt ist der Mensch durch seinen Sturz; aber er weiß, daß Gott voll Barmherzigkeit ist, daß seine unendliche Güte es zuläßt, unsere Missethaten so zu behandeln, wie sie es verdienen; denn wer von uns könnte sonst auf Gnade hoffen?

Traktus.

Aus den Tiefen rufe ich zu Dir, o Herr: Herr, erhöre meine Stimme

Laß Acht haben dein Ohr auf die Stimme meines Flehens.

Wenn Du Acht haben wolltest auf die Missethaten, Herr, o Herr, wer könnte dann bestehen?

Aber bei Dir ist Versöhnung und um des Gesetzes willen harre ich auf Dich, o Herr!

Evangelium.

Fortsetzung des heiligen Evangeliums nach Matth. Cap. 20.

In derselben Zeit trug Jesus seinen Jüngern dieses Gleichniß vor: Das Himmelreich ist gleich einem Hausvater, der am frühesten Morgen ausging, um Arbeiter in seinen Weinberg zu dingen. Als er mit den Arbeitern auf einen Zehner Taglohn überein gekommen war, sandte er sie in seinen Weinberg. Und um die dritte Stunde ging er (wieder aus), und sah Andere müßig auf dem Markte stehen und sprach zu ihnen: Gehet auch ihr in meinen Weinberg, so werde ich euch gegeben, was recht ist. Und sie gingen hin. Abermal ging er aus um die sechste und neunte Stunde, und machte es ebenso. Und als er um die eilfte Stunde ausging, fand er (wieder) Andere dastehen, und sprach zu ihnen: Warum stehet ihr hier den ganzen Tag müßig? Sie antworteten ihm: Es hat uns Niemand gedungen: Da sprach er zu ihnen: So gehet auch ihr in meinen Weinberg. Als es nun Abend geworden war, sprach der Herr des Weinberges zu seinem Verwalter: Laß die Arbeiter kommen, und gib ihnen den Lohn, von den Letzten angefangen, bis zu den Ersten. Da nun die kamen, welche um die eilfte Stunde eingetreten waren, erhielt Jeder einen Zehner. Als aber auch die Ersten kamen, meinten sie, mehr zu erhalten; aber auch von ihnen erhielt Jeder einen Zehner. Sie nahmen ihn an, murrten aber zugleich wider den Hausvater, und sprachen: Diese, die Letzten, haben nur eine Stunde gearbeitet, und Du hast sie uns gleich gehalten, die wir die Last und Hitze des Tages getragen haben. Er aber antwortete Einem aus ihnen und sprach: Freund, ich thue dir nicht Unrecht; bist du nicht auf einen Zehner mit mir einig geworden? Nimmm, was dein ist, und gehe hin; ich will aber diesem Letzten auch geben, wie dir. Oder darf ich nicht thun, was ich will? Ist dein Auge schalkhaft, weil ich gut bin? Also werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein; denn Viele sind berufen, aber Wenige auserwählt.

Es ist von großer Wichtigkeit, daß man diese berühmte Evangelienstelle wohl erfaßt, und die Gründe würdigt, welche die Kirche bewogen haben, sie gerade für diesen Tag auszuwählen. Erwägen wir zuerst die Umstände, unter welchen der Heiland dies Gleichniß erzählte, sowie den Zweck, den er bei dieser Lehre im Auge hatte. Den Juden sollte darüber ein Wink gegeben werden, daß der Tag nahe sei, an welchem ihr Gesetz fallen werde, um dem christlichen Gesetze den Platz zu räumen. Zugleich wollte er sie auf den Gedanken vorbereiten, daß auch die Heiden zum Bunde mit Gott berufen würden. Der Weinberg, von welchen hier die Rede ist, bedeutet die Kirche, die Großen und Ganzen; die verschiedenen Stunden der großen Zeitabschnitte bis zu dem Augenblicke, da Gott selbst kam, um unter den Menschen zu wohnen und in sichtbarer bleibender Form die Genossenschaft derer zu gründen, die an ihn glauben. Der frühe Morgen geht von Adam bis Noe, die dritte Stunde von da bis Abraham, die sechste beginnt mit Abraham und reicht bis Moses, die neunte umfaßt die Zeit der Propheten bis zur Ankunft des Herrn. In der eilften Stunde endlich kam der Messias, als die Welt unaufhaltsam ihrem Untergange entgegen zu eilen schien. Dieser letzten Periode, während welcher sich durch die Predigt der Apostel das Heil auch über die Heiden ausdehnen sollte, waren die höchsten Gnaden vorbehalten. Gerade mit diesem letzten Geheimniß will Jesus Christus den jüdischen Hochmuth vernichten. Er deutet darum das Widerstreben der Pharisäer und Schriftgelehrten an, womit sie die Annahme aller Völker als Kinder Gottes betrachten würden. Sie sind es, denen der Heiland jene selbstsüchigen Vorstellungen in den Mund legt, welche die Arbeiter der ersten Stunden vor dem Hausvater zu erheben gewagt. Diese Anmaßung wird nach Gebühr bestraft werden. Israel, welches vor uns arbeitete, wird wegen der Verstocktheit seines Herzens verworfen, und wir Heiden, die wir die Letzten waren, werden die Ersten, Glieder jener allgemeinen Kirche, welche die Braut des Sohnes Gottes ist.

Das ist die Deutung, welche die heiligen Väter, namentlich der heilige Augustinus und der heilige Gregor der Große, diesem Gleichnisse geben; aber dasselbe hat neben diesem auf die Kirche im Allgemeinen gerichteten Sinn noch eine auf jeden Einzelnen gehende Bedeutung. Dies sagen ebenmäßig die beiden genannten großen Kirchenlehrer. Es liegt nämlich in diesem Gleichnisse der göttliche, an jeden Einzelnen gerichtete Ruf, durch seine frommen Werke in diesem Leben den Lohn des ewigen Lebens sich zu erwerben. Es soll Jeder in dem Weinberge des Herrn arbeiten. Dann bedeutet der frühe Morgen die Kindheit; um die dritte Stunde – selbstverständlich nach der Art wie die Alten die Stunden des Tages zählten – stand bereits die Sonne ziemlich hoch am Himmel und stieg noch höher. Das ist die Zeit der Jugend. Die sechste Stunde ist die gegenwärtige Mittagsstunde; hier ist der Tag am hellsten, die Sonne am höchsten, ein Bild des kräftigsten männlichen Alters; in der eilften Stunde endlich hat sich die Sonne länst zum Untergange geneigt, und eine kurze Weile noch, so wird sie vom Himmel verschwinden. Es ist das Greisenalter. Der Familienvater beruft nun seine Arbeiter zu verschiedenen Zeiten, die Einen schon von früher Kindheit an, die Anderen erst später. An ihnen ist es nun, sich in den Weinberg zu begeben, und dort zu arbeiten, wenn sie den Ruf vernommen. Die schon am frühen Morgen die Stimme des Herrn vernommen, dürfen nicht warten wollen, bis er vielleicht wieder kommt, und nochmals ruft. Wer weiß, ob der Herr sie zum zweiten Male ruft, wenn er kommt? Wer weiß, ob sie noch die Stunde erleben werden, da der Herr auf’s Neue ausgeht? Wer die dritte Stunde hat schlagen hören, ist er etwa versichert, daß er auch die sechste hören wird? Der Herr wird zu den späteren Stunden vielleicht nur die in seinen Weinberg senden, welche er neu auf dem Markte der Welt antrifft; aber wie groß auch seine Barmherzigkeit ist, keiner darf insoweit auf sie zählen, daß der Herr zum zweiten Male kommen wird, ihn zur Arbeit anzunehmen, wenn er das erste Mal seinen Ruf gehört und denselben mißachtet hat.

Im Offertorium lädt die Kirche uns ein, Gottes Lob zu singen. Der Herr hat gewollt, daß die seiner Herrlichkeit geltenden Gesänge in diesem Thal der Thränen unser Trost seien.

Offertorium.

Gut ist’s, den Herrn bekennen, und Lob singen deinem Namen, Allerhöchster!

Stillgebet.

Wir bitten Dich, o Herr, Du wollest, nachdem Du unsere Gaben und unser Flehen angenommen, uns durch himmlische Geheimnisse reinigen und uns gnädig erhören. Durch unseren Herrn Jesum Christum. Amen.

Zweites Stillgebet.

Erhöre uns, o Gott, unser Heil, schütze uns durch die Kraft dieses Sacramentes vor allen Gefahren des Leibes und der Seele, gewähre uns in diesem Leben deine Gnade und im künftigen deine Herrlichkeit.

Der Priester fügt dann noch ein drittes Stillgebet nach eigener Wahl bei.

In der Communion-Antiphon bittet die Kirche, daß der Mensch, durch die himmlische Nahrung gestärkt, seine Aehnlichkeit mit Gott – nach dessen Bild und Gleichniß er im Anfange geschaffen – wiederfinde. Je größer unser Elend ist, um so zuversichtlicher müssen wir auf Den hoffen, der bis zu unserer Tiefe herabgestiegen, um uns bis zu seiner Höhe emporzuheben.

Communion.

Laß dein Angesicht leuchten über deinen Knecht; errette mich nach deiner Barmherzigkeit. Herr, laß mich nicht zu Schanden werden; denn ich habe Dich angerufen.

Postcommunio.

Laß deine Gläubigen, o Gott, durch deine Gaben gestärkt werden, so daß sie zugleich nach deren Empfang streben, und nach ihrem Streben sie für die Ewigkeit empfangen werden, durch unseren Herrn Jesum Christum. Amen.

Zweite Postcommunio.

Die Darbringung dieses göttlichen Sacramentes reinige und schütze uns, wir bitten Dich, o Herr; und auf die Fürbitte der allezeit jungfräulichen Gottesgebärerin Maria, des heiligen Joseph, deiner heiligen Apostel Petrus und Paulus, des heiligen N. und aller Heiligen, gereiche sie uns zur Erlösung von aller Widerwärtigkeit.

Eine dritte Postcommunio fügt dann noch der Priester nach eigener Wahl bei.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Vierter Band: Die heilige Vorfastenzeit (Septuagesima); Mainz 1876; S. 129-139]

Dom Guéranger zum Sonntag Septuagesima (1/3)

Der Sonntag Septuagesima.

Die Kirche versammelt heute ihre Kinder um sich, um denselben die Erzählung des ersten Sündenfalles zu Gemüthe zu führen. Ein so unheilvolles Ereigniß erweckt in uns bereits das Vorgefühl, daß das sterbliche Leben des menschgewordenen Sohnes Gottes ein höchst opfervolles sein müsse; denn er hat ja diese schmachvolle Abirrung und all’ das Entsetzliche, was ihr entsprang, zu sühnen auf sich genommen. Wollen wir nun irgend einen Maßstab des Heilmittels haben, so ist das Erste und Unumgänglichste, daß wir die Wunde untersuchen, und die Schwere der ersten Sünde, das ganze Gefolge der Uebel, das sie nach sich gezogen, ist daher für diese Woche der Gegenstand der Erwägungen der Kirche.

Ehedem las dieselbe zur Matutin des Sonntags die einfache und erhabene Schilderung, durch welche Moses allen künftigen Geschlechtern dies traurige Ereigniß verkündet. Jetzt sind die Dispositionen der Liturgie so getroffen, daß die Erzählung des Sündenfalles erst am Mittwoch an die Reihe kommt, während an den vorhergehenden Tagen die Schöpfungsgeschichte gelesen wird. Nichtsdestoweniger stellen wir heute schon diese wichtige Lesung hierher; denn sie bildet immerhin den Mittelpunkt und die Grundlage aller Betrachtungen während der Woche.

Aus dem ersten Buche Moses Cap. 3.

Aber die Schlange war listiger, als alle Thiere der Erde, die Gott, der Herr, gemacht hatte. Diese sagte zum Weibe: Warum hat Gott geboten, nicht zu essen von allen Bäumen des Gartens? Das Weib antwortete ihr: Wir essen von den Früchten der Bäume, die im Garten sind; aber von der Frucht des Baumes, der in der Mitte des Gartens ist, hat uns Gott geboten, daß wir nicht davon essen, ihn auch nicht berühren, damit wir nicht etwa sterben. Die Schlange aber sprach zum Weibe: Keineswegs werdet ihr sterben; denn Gott weiß, daß, an welchem Tage ihr davon esset, eure Augen sich aufthun und ihr wie Gott werdet, erkennend Gutes und Böses. Und das Weib sah, daß der Baum gut zu essen und schön für die Augen, und daß es eine Lust sei, ihn anzuschauen; und nahm von seiner Frucht und aß, und gab ihrem Manne, der auch aß. Da wurden beiden die Augen aufgethan.

Und als sie merkten, daß sie nackt wären, flochten sie Feigenblätter und machten sich Schürzen; und da sie die Stimme Gottes des Herrn hörten, der bei der Kühle nach Mittag im Garten wandelte, verbarg sich Adam und sein Weib vor dem Angesichte Gottes, des Herrn, unter den Bäumen des Gartens. Und Gott, der Herr, rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? Der sprach: Ich habe deine Stimme im Garten gehört und mich gefürchtet, weil ich nackend bin, und habe mich verborgen. Und Gott sprach zu ihm: Wer hat dir gesagt, daß du nackend bist, als weil du von dem Baume gegessen, wovon ich dir geboten, nicht zu essen. Und Adam sprach: Das Weib, das Du mir zugesellet, hat mir vom Baume gegeben und ich aß. Und Gott der Herr sprach zum Weibe: Warum hast du das gethan? Sie antwortete: Die Schlange hat mich betrogen und ich aß.

Und Gott, der Herr, sprach zu der Schlange: Weil du dies gethan, bist du verflucht unter allem Vieh und unter allen Thieren der Erde; auf deiner Brust sollst du gehen und Erde fressen alle Tage deines Lebens. Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe; zwischen deinem Samen und ihrem Samen; sie wird deinen Kopf zertreten, und du wirst ihrer Ferse nachstellen; und zum Weibe sprach er: Ich will die Beschwerden deiner Schwangerschaft mehren; in Schmerzen sollst du Kinder gebären und sollst unter der Gewalt des Mannes sein, und er wird über dich herrschen. Zum Adam aber sprach er: Dieweil du Gehör gegeben der Stimme deines Weibes und vom Baume gegessen, von dem ich dir geboten: Esse nicht davon; so sei die Erde verflucht in deinem Werke; mit vieler Arbeit sollst du essen von ihr alle Tage deines Lebens. Dörner und Distel soll sie dir tragen, und du sollst das Kraut der Erde essen. Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brod essen, bis zu zur Erde wiederkehrest, von der du genommen bist. Denn du bist Staub und sollst zum Staube wiederkehren.

Dies also ist jene schreckliche Seite in der Geschichte der Menschheit. Sie allein erklärt uns die gegenwärtige Lage des Menschen auf Erden. Sie sagt uns, wie wir uns Gott gegenüber zu verhalten haben. Auf diesen unheilvollen Vorfall werden wir in den nächsten Tagen noch öfter Gelegenheit haben, zurückzukommen. Für jetzt muß er den Hauptgegenstand unserer Betrachtungen bilden. Gehen wir nun in der liturgischen Erklärung des heutigen Tages weiter.

In der griechischen Kirche heißt der Sonntag, den wir mit dem Namen Septuagesima bezeichnen, Prosphonesime, d. h. Verkündigung, weil an diesem Tage das nun alsbald beginnende österliche Fasten dem Volke verkündet wurde. Auch nannte man ihn den Sonntag vom verlorenen Sohn. Denn dies in den Evangelien enthaltene Gleichniß wurde heute als Aufforderung an die Sünder, zur göttlichen Barmherzigkeit ihre Zuflucht zu nehmen, gelesen. Auffallend ist dabei, daß der Sonntag Prosphonesime als der letzte Tag der mit dem gleichen Namen bezeichneten Woche gilt. Dieselbe beginnt nämlich mit dem Montage, und ganz das Gleiche ist auch – immer in der griechischen Liturgie – bei den beiden darauf folgenden Wochen der Fall.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Vierter Band: Die heilige Vorfastenzeit (Septuagesima); Mainz 1876; S. 125-128]