Dom Guéranger zum zweiten Fastensonntag (1/3)

Der zweite Fastensonntag.

Heute unterbreitet die heilige Kirche unserer Betrachtung einen für die gegenwärtige Zeit höchst wichtigen Gegenstand. Die Lehre, welche der Heiland eines Tages dreien seiner Apostel gegeben, gibt sie heute an diesem zweiten Fastensonntage uns selbst. Bestreben wir uns, dieselbe besser zu beherzigen, als dies im Anfange die drei Jünger unseres Evangeliums thaten.

Jesus schickte sich an, aus Galiläa nach Judäa zu gehen. Er wollte zur bevorstehenden Osterfeier in Jerusalem sein; er mußte sich dort befinden; denn es war die letzte Ostern, welche mit der Opferung des vorbildlichen Lammes beginnen und mit dem Opfer des Gotteslammes, das die Sünden der Welt hinwegnimmt, enden sollte. Jesus durfte daher nicht länger seinen Jüngern unbekannt bleiben; allerdings waren schon manche Dinge vorhergegangen, welche sie ahnen lassen konnten, daß Christus mehr als ein Mensch, mehr selbst als der größte Prophet sei. Seine Werke hatten selbst in den Augen der Fremden Zeugniß von ihm abgelegt, seine Worte trugen das Gepräge einer höheren Autorität und dabei war seine Güte so hinreißend, seine Geduld mit der menschlichen Unbeholfenheit so ausdauernd, daß die Männer, welche er sich auserwählt, sich mit unzertrennlichen Banden an ihn gefesselt fühlten. Ihre Treue, ihre Hingebung mußte wohl dauern bis an den Tod. Endlich hatten sie gehört, wie Petrus, einer der Ihrigen, auf göttlichen Antrieb zu seinem Herrn und Meister gesagt hatte: Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes [Matth. 16, 16]. Für den gewöhnlichen Verlauf des Lebens wäre dies genug und selbst übergenug gewesen; allein es sollte hier kein gewöhnlicher Verlauf eintreten, Christus sollte nicht ruhig weiter lehren und nach dem natürlichen Ablaufe der Zeit sterben; was eintrat, war für die doch immer mit menschlicher Schwachheit behafteten Männer eine so furchtbare Prüfung, daß Jesus es für gut fand, ehe er sie derselben unterzog, sie durch eine besondere göttliche Hilfe gegen die Versuchung zu stählen.

Leider war es nicht blos die Synagoge, welcher das Kreuz zum Gegenstand des Aergernisses werden konnte [1. Cor. 1, 23]; beim letzten Abendmahle sagte Jesus seinen sämmtlichen um ihn versammelten Aposteln: „In dieser Nacht werdet ihr Alle euch an mir ärgern [Matth. 26, 31].“ Und in der That, welch’ harte Prüfung war es für Menschen von Fleisch und Blut, daß sie sehen mußten, wie er von Soldatenfäusten, mit Ketten beladen, von einem Tribunal zum anderen geschleppt wurde, ohne daß er auch nur Miene machte, sich zu vertheidigen; sie mußten sehen, wie die Verschwörung der Hohenpriester und Pharisäer, welche Jesus so oft durch die Weisheit seiner Worte und den Glanz seiner Wunder beschämt hatte, von Erfolg begleitet war; sie mußten sehen, daß das Volk, welches eben noch Hosannah rief, in leidenschaftlicher Wuth seinen Tod verlangte. Und nachdem sie dies Alles mit ihren eigenen Augen geschaut, sollten sie ihn am Kreuze sterben sehen, festgenagelt am Holze der Schmach zwischen zwei Räubern, ein Siegeszeichen für den Haß seiner Feinde!

Und doch sollten diese Männer, die jetzt seit drei Jahren seinen Schritten folgten, nicht muthlos werden bei dem Anblicke all’ dieser Demüthigungen und Leiden? Sie sollten sich alles dessen erinnern, was sie gesehen und gehört? Ihre Seelen sollten nicht in Schrecken und Zagen erstarren, wenn sie dies Alles in Erfüllung gehen sahen, obwohl Jesus es ihnen vorhergesagt? Das wäre ihnen zu viel zugemuthet und darum thut Jesus an dreien von ihnen, die ihm am theuersten sind, noch ein Weiteres: Petrus, auf welchen er seine künftige Kirche bauen will und welchem er die Schlüssel des Himmelreiches verheißen hat; Jakobus, der Sohn des Donners, welcher unter den Aposteln zuerst sein Blut hingeben wird, und Johannes, sein Bruder, der Liebesjünger; diese drei werden von ihm auserwählt; er führt sie abseits, um ihnen auf einige Augenblicke nur den Glanz der Herrlichkeit zu zeigen, den er den Augen der Sterblichen bis zum Tage der Offenbarung verschleiert.

Er läßt demzufolge die übrigen Jünger in der Ebene bei Nazareth; er selbst mit seinen drei bevorzugten Jüngern steigt auf einen hohen Berg, den Tabor, eine Höhe der Libanonkette, von welcher der Psalmist singt: daß sie im Namen des Herrn jubeln sollte [Psalm 88, 13]. Kaum ist Jesus auf dem Gipfel dieses Berges, als plötzlich vor den Augen der drei erstaunten Apostel sein gewöhnliches Aussehen sich vollständig umwandelte. Sein Gesicht strahlte wie die Sonne, seine so bescheidenen Kleidungsstücke glänzen wie blendender Schnee. Die Apostel sehen zwei Personen, deren Anwesenheit ihnen vollständig unerwartet kam, die sich mit ihrem Herrn und Meister über die bevorstehenden Leiden Jerusalems besprechen. Es ist Moses, der Gesetzgeber, mit dem strahlenumglänzten Haupte, und Elias, der auf einem feurigen Wagen zum Himmel fuhr, ohne den Tod gesehen zu haben. Und diese beiden großen Träger der mosaischen Religion, das Gesetz und die Propheten, huldigen, demüthig sich neigend, Jesus dem Nazarener. Aber nicht nur die Augen der drei Apostel sind von dem Glanze getroffen, der von ihrem Herrn ausstrahlt und ihn einhüllt, auch ihr Herz ist von einem Gefühle des Glückes ergriffen, das sie vollständig der Erde entrückt. Petrus will von dem Berge nicht mehr hinab. Mit Jesus, Moses und Elias will er hier oben wohnen bleiben. Und damit nichts diesem Schauspiele unendlicher Erhabenheit fehle, in welchem die Größe der Menschheit Jesu den Aposteln offenbar wurde, so erschallt die Stimme des himmlischen Vaters aus einer leuchtenden Wolke, die Tabors Gipfel bedeckt und sie hören Jehova verkünden, daß Jesus sein ewiger Sohn ist.

Der Augenblick der Herrlichkeit des Menschensohnes dauerte nur kurz. Sein Beruf, zu leiden und erniedrigt zu werden, rief ihn nach Jerusalem; er zog also den Glanz, der ihn umgab, wiederum in sich zurück, und als er seine Apostel, welche bei der Donnerstimme Gottes wie versteinert wurden, wieder zu sich selbst brachte, bemerkten sie weiter nichts mehr, als ihren Meister, wie er täglich mit ihnen verkehrte. Die leuchtende Wolke, aus welcher die Stimme Gottes drang, war verschwunden, mit ihr auch Moses und Elias; aber werden sich diese durch eine so hohe Gunst geehrten Männer wenigstens dessen erinnern, was sie gesehen und gehört? Wird die Gottheit Jesu ihrem Geiste nunmehr unauslöschlich eingeprägt sein? Werden sie nicht an seiner göttlichen Sendung verzweifeln, wenn die Stunde der Prüfung kommt? Werden sie sich nicht an seiner von ihm selbst gewollten Erniedrigung ärgern? Ueber all’ diese Dinge werden uns die Evangelien Auskunft geben.

Kurz darauf, nachdem er mit ihnen das letzte Abendmahl gehalten, führte Jesus seine Jünger abermals an einen Berg, an den östlich von Jerusalem gelegenen Oelberg. Wiederum läßt er die größere Zahl derselben zurück und mit sich nimmt er die Zeugen seiner Verherrlichung auf dem Tabor: Petrus, Jakobus und Johannes. Er ging mit ihnen tiefer in die Einsamkeit. „Meine Seele ist betrübt bis in den Tod,“ sagte er ihnen, „bleibet hier und wachet mit mir [Matth. 26, 38];“ und er ging dann noch etwas weiter weg, um zu seinem Vater zu beten. Wir wissen, welch’ entsetzlicher Schmerz das Herz des Erlösers in diesem Augenblicke zusammenschnürte; als er wiederum zu seinen Jüngern zurückkehrte, hatte er eine furchtbare Todesangst ausgestanden, so zwar, daß ihm das Blut aus allen Poren gedrungen, seine Kleider durchnäßt und den Boden getränkt hatte. Und in diesem so furchtbaren Augenblick wachten denn da wenigstens seine Apostel mit ihm in glühendem Gebete? Nein, sie waren eingeschlafen; denn ihre Augen waren beschwert [Matth. 26, 43]. Wenige Minuten später und sie Alle suchten ihr Heil in feiger Flucht; und als noch etwas später Petrus beschämt zurückkehrte, um wenigstens zu sehen, was mit dem Heilande vorging, als man ihn da als Galiläer erkannte, da verschwor er, der Festeste von Allen, sich hoch und theuer, daß er von diesem Menschen nichts wisse.

Später allerdings bereuten die drei Apostel, die auch Zeugen der Auferstehung des Herrn waren, aufrichtig ihre damalige schmähliche Handlungsweise und sie erkannten die voraussehende Güte, mit welcher der Heiland sie gegen die Versuchung rüsten wollte, da er sie wenige Tage vor seinem Leiden einen Blick in seine Herrlichkeit thun ließ. Wir Christen sind in einer ungleich günstigeren Lage, als die Apostel; wir haben allerdings nicht die Verherrlichung auf Tabor mit unseren Augen gesehen; aber die Apostel haben sie uns berichtet; wir gehen dem Jahresgedächtnisse seines Todes entgegen, wir werden ihn von seinen Feinden erniedrigt und unter der Hand Gottes wie ausgetilgt sehen; aber dies Schauspiel kann uns nicht gleich den Aposteln wankend machen; denn was sie damals noch nicht wußten oder noch nicht begriffen, das wissen und begreifen wir, und für uns knüpft sich an den Gedanken des Todes am Kreuze unzertrennbar der Gedanke an die Auferstehung. Für jetzt aber sehen wir an Jesus, wie sich buchstäblich die Prophezeiungen erfüllten. Er ist nach David der Wurm, den man mit Füßen tritt; der Leute Spott und die Verachtung des Volkes [Psalm 21, 7]. Er ist nach Isaias der Aussätzige, der Mindeste der Menschen, der Mann der Schmerzen [Isaias 53, 4]. Da gedenken wir denn des Glanzes auf Tabor, der Huldigungen des Moses und Elias, der leuchtenden Wolke, der Stimme seines unsterblichen Vaters. Jemehr Jesus sich vor unseren Augen erniedrigt, um so mehr müssen wir ihn preisen; wir müssen einstimmen in die Chöre der Engel und den Ruf der vier Aeltesten, welche der heilige Johannes, einer der Zeugen auf Tabor, im Himmel gehört hat: „Würdig ist das Lamm, das getödtet worden ist, zu empfangen Macht und Gottheit und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob [Offenb. 5, 12]!“

Der zweite Fastensonntag heißt „Reminiscere,“ vom ersten Worte des Introitus der Messe; manchmal nennt man ihn auch den Sonntag der Verklärung, von dem Evangelium.

Die Station ist in Rom in der Kirche Sancta Maria in Domnica, auch Sancta Maria in Navicella genannt, auf dem Mons Cölius. Eine Ueberlieferung sagt uns, daß diese Kirche eine alte Diakonei sei, welcher ehedem der heilige Laurentius vorstand und worin dieser todesmuthige Martyrer die kirchlichen Almosen an die Armen vertheilt habe.

[Quelle: Das Kirchenjahr von Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes; Fünfter Band: Die heilige Fastenzeit (Septuagesima); Mainz 1877; S. 204-210]

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